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Paul ­Schilder arbeiteten in einer psychiatrischen Klinik der Stadt. Wieder andere – Wilhelm Reich, Grete und Eduard ­Bibring, Otto Fenichel – bewegten sich an der Grenze zwischen Medizin und Psychoanalyse  : Das Wiener Psychoanalytische Ambulatorium, ihre unentgeltliche Klinik in der Pelikangasse, hatte unerwarteten Erfolg. Sie forderten die Einführung der Sexualerziehung. Alfred Adlers Verein für Individual­ psychologie versorgte die Erziehungsberatungsstellen mit Personal. PsychoanalytikerInnen arbeiteten bei Gericht, in Spitälern, in der Erziehung und als JournalistInnen.10 »  Ideologisch waren die meisten Analytiker liberal  «, sagt Sterba. »  Ihre Sympathien, wie die der meisten Wiener Intellektuellen, lagen bei den Sozialdemokraten.  «  11 Ebenso wie Julius Tandler versuchte, »  den durch Krieg und Revolution tief herabgedrückten Gesundheitszustand der Bevölkerung unserer Republik nach Möglichkeit zu heben  «,12 sah auch Sigmund Freud den Zugang sowohl zu körperlicher als auch geistiger Gesundheitsfürsorge als ein allgemeines Recht an. In dem Rechtsfall von 1920 der Staat gegen Julius Wagner-Jauregg ließ Freud die Untersuchungskommission, in der auch Tandler saß, wissen, dass Soldaten auch andere Formen der Zuwendung benötigten als Bestrafung. »  ­Einige Ärzte haben ihrem Machtwillen erlaubt, auf brutale Weise zum Vorschein zu kommen und darüber ihre menschlichen Pflichten vergessen.  «  13 Tandler vergaß diese mahnenden Worte nicht  : Im Mai  1924 ernannte er Freud zum Bürger der Stadt Wien. »  Diese Ehre erweist mir die sozialdemokratische Partei  «, schrieb Freud,14 und die Arbeiter-­ Zeitung fügte hinzu  : »  Was uns Sozialisten besonders zu Dank verpflichtet, sind die neuen Wege, die er der Erziehung der Kinder und der Massen weist.  « 15 Von diesen Sozialdemokraten waren Paul Federn und Josef Friedjung sowohl Mitglieder von Freuds Kreis als auch der Stadtregierung. Friedjungs Schriften, etwa Soziale Aspekte der Kindererziehung, verteidigten diejenigen, die die Bürgerlichen als moralisch unwürdig oder ökonomisch verantwortungslos brandmarkten  : verarmte Familien, einsame und suizi­dale Menschen, Arbeitslose – all jene, die den Zugang zu psychoanalytischer Behandlung verlieren würden, wäre sie kein allgemeines Recht.16 Die sozialdemokratisch-­ psychoanalytische Wechselwirkung spiegelt sich auch in seinem Aufsatz von 1930 Zur Frage des Kinderselbstmordes wider, der zeigt, wie Kinder ihre »  eigenen Feinde werden können  «.17 Friedjung war ein Unterstützer von Anna Freuds Forderung, das »  freie und eigenverantwortliche menschliche Wesen  « in jedem Kind zu fördern.18 Hochwertige Erziehung und Gesundheitsversorgung würden »  die Seele des Kindes gegen die Härten des Lebens wappnen  «,19 während eine von Stigmata befreite soziale Wohlfahrt »  zum Zwecke des Humanitarismus  «  20 die Nation erneuern würde. Die PsychoanalytikerInnen waren dafür bereit.

links : Anna und Sigmund Freud, ca. 1931 ; Fotos: Bob Burlingham ; Collection of Michael J. Burlingham, New York rechts : Mädchen im Garten des » I sraelitischen Blindeninstituts Wien « , ca. 1930 ; Leo Baeck Institute, New York, Siegfried Altmann Papers

Für Anna Freud, August Aichhorn, Alfred Adler, S ­ iegfried Bernfeld und Willi Hoffer begann Kinderfürsorge im frühesten Alter mit psychoanalytisch versierten Kindergärten. 1919 änderte Alfred Adler seine berufliche Ausrichtung mit der Frage  : »  Warum sollte man keine Kinderberatungsstelle gründen zum Wohle der Kinder als auch der Eltern  ?  « 21 Im selben Jahr gründete Bernfeld das Kinderheim Baumgarten, ein Erziehungsheim für jüdische Kriegswaisen und Flüchtlingskinder, viele von ihnen jünger als fünf Jahre.22 Die Psychoanalyse sei eine Theorie der Emanzipation, glaubte Bernfeld, und Triebunterdrückung eine frühzeitige Hemmung der kindlichen Entwicklung. In seinen Schriften verband er Sozialismus und Psychoanalyse, etwa in Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung mit einem Vorwort von Anna Freud. Er stellte Anna Freud und Eva Rosenfeld einander vor, die beiden Frauen taten sich 1927 mit Dorothy Tiffany B­­urlingham zusammen, um die Hietzinger Schule im 13. ­Wiener Gemeindebezirk zu gründen. Währenddessen schafften es Anna Freud, ­August Aichhorn, Wilhelm Hoffer und Hedwig S ­ chaxel, zahlreiche Grundschul- und GymnasiallehrerInnen mit ihrem psychoanalytischen Seminar Lehrkurs für Pädagogen an der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung zu erreichen.23 Nachdem das Format der Erziehungshilfe in Schulen, Erziehungsund anderen Einrichtungen etabliert worden war, konnten LehrerInnen und ÄrztInnen unterstützungsbedürftige Kinder »  aus jeder sozialen Gruppe, die an psychischer Not litten  «, direkt in

Das »  W iener Psychoanalytische Ambulatorium  «

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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