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sorgerin führte oftmals zu konfliktreichen Beziehungen zwischen der geschulten, meist bürgerlichen Fürsorgerin und der zu »  befürsorgenden Proletariermutter  «. Julius Tandler sah den Umstand, dass die Fürsorgerinnen aus bürgerlichen Kleinfamilien stammten, als vorteilhaft an, da diese geeigneter erschienen, das Modell der Kleinfamilie zu vermitteln als die Vertreterinnen aus dem kinderreichen Industriearbeitermilieu.32 Erst in den späten 1920er Jahren wurden zunehmend »  proletarische Fürsorgerinnen  « und sogenannte Hilfsfürsorgerinnen eingestellt. Die Historikerin Gudrun Wolfgruber sieht dies unter anderem im Personalmangel und weniger im strukturellen Sinneswandel in Hinblick auf Kontrolle und Bewertung potenziell verwahrloster Kinder begründet.33 Die Fürsorgerin war beauftragt, die Bewertung von »  körperlicher, geistiger und sittlicher  « Vernachlässigung, also »  Verwahrlosung  «, im Elternhaus vorzunehmen und festzustellen, ob Kinder ihren Müttern abgenommen und in die Kinderübernahmsstelle überstellt werden sollten.34 Fürsorgerinnen durften heiraten, konnte ihre Tätigkeit aber lange Zeit lediglich ausführen, wenn sie kinderlos waren. Dies zeigt die Ambivalenz des Roten Wien in frauenpolitischen Belangen  : 35 Die neue, ideale Frau wurde als selbstbestimmte und erwerbstätige Frau inszeniert,36 das städtische Programm der Fürsorgeverwaltung plädierte aber für ein Ideal der Frau als Hausfrau und Mutter, das eher einem bürgerlich inspirierten als emanzipatorischen Familienbild entsprach.37 Erziehungsberatungsstellen sollten die Mütter bei Fürsorge- und Erziehungsfragen unterstützen. Psychologi-

Karolinen-Kinderspital, 1920er Jahre ; Kat. Nr. 4.5.

sche und psychoanalytische Beratung wurde nicht nur in den 14 Jugendämtern der Stadt angeboten, auch in der KÜST hielten Psychologinnen Sprechstunden ab, um Rat suchenden Müttern zu Hilfe zu kommen  : »  An ihnen liegt es, daß ihrige [sic  !] zum Ausbau einer so wertvollen Einrichtung [der KÜST, Anm.] zu tun. Jede Mutter, der ihr Kind ›  über den Kopf zu wachsen  ‹ droht, soll deshalb den Kopf nicht hängen lassen. Die Erziehungsberatungsstelle in der Lustkandlgasse weiß auch für sie einen Rat. Sie muß nur kommen, um ihn zu holen  !  «  38 Während in den Erziehungsberatungsstellen der Jugendämter der Pädagoge und Psychoanalytiker ­August Aichhorn ( 1878 – 1949 )  39 Mütter und Väter in Fragen der Fürsorgeerziehung beriet, zielte die im Kontext der KÜST angebotene Hygiene-, Mutter- und Schwangerenberatung auf die Mütter ab.40 Das sozialdemokratische Fürsorgeprogramm sah sich immer wieder mit Kritik aus der politischen Opposition konfrontiert, die auf die nicht eingelösten Versprechungen und Probleme der Wohlfahrt im Roten Wien abzielte. Die Frage der Befürsorgung und wem diese in welcher Form zukommen sollte, tauchte regelmäßig in öffentlichen Debatten auf. 41 Die christlichsoziale Opposition trat weiterhin für ehrenamtliche und private Individualfürsorge ein, die von kirchlichen Organisationen getragen werden sollte. Sie kritisierte die städtische Politik als maßlos bürokratisch, als »  ­Fürsorgewahn  «

Kritik an der Wiener Fürsorge

» H ausbesuch der Fürsorgerin in der Proletarierfamilie « , 1920er Jahre ; Kat. Nr. 4.8.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

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