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Der Grund für die systematische Etablierung der kommunalen Kinder- und Jugendfürsorge waren der soziale Notstand, die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie die Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Syphilis, die bereits während des Kriegs 1917 die Errichtung von öffentlichen Volksgesundheits- und Fürsorgeämtern und somit eine grundlegende soziale Versorgung als staatliche Pflicht notwendig erscheinen ließen.10 Bis dahin hatte ein System aus karitativer, kirchlicher und privater Wohlfahrt die Fürsorgepolitik Wiens bestimmt. Die von ­Julius Tandler entworfenen Pläne zur Novellierung der Gesundheits- und Fürsorgeverwaltung sollten als sozialpolitisches Experiment die traditionelle Fürsorge ablösen. Ziel war es, mit dem Ausbau von Fürsorgebehörden und -einrichtungen eine Hebung der sozialen Lebensverhältnisse insbesondere kinderreicher Arbeiterfamilien zu erwirken. Die städtische Verwaltung der sozialen Fürsorge, Volkswohlfahrt und öffentlichen Gesundheitspflege sah vor, Hilfsbedürftige zu versorgen, bestehende Volkskrankheiten einzudämmen und mit präventiven Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit künftiger Generationen, ganz im Sinne eugenischer und bevölkerungspolitischer Ziele, beizutragen.11 Das sozialpolitische Fürsorgeexperiment schuf nach dem Prinzip »  aufbauende Wohlfahrtspflege ist vorbeugende Fürsorge  «  12 eine Reihe von vernetzten Einrichtungen, die die neue Wohlfahrtsstruktur bestimmten  : städtische Mutter-, Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Berufsberatungsstellen,

Sozialdemokratische Wohlfahrt statt christlicher Wohltätigkeit

die Kinderübernahmsstelle, Jugendämter und -heime, Kinderheime ( Kinderherbergen ), Kindergärten, Krankenhäuser, Schulzahnkliniken, Heilanstalten für Tuberkulose- und Geschlechtskranke, Sport- und Freizeiteinrichtungen wie Freibäder, Erholungs- und Ferienheime. Darüber hinaus boten zahlreiche Parteiorganisationen wie der Verein Kinderfreunde und die Roten Falken ein umfangreiches Programm an Freizeitund Sportaktivitäten, die zur »  Ertüchtigung  « und »  Gesundung  « des Körpers, aber auch des »  Geistes  « beitragen sollten. Die städtische Sozialpolitik nahm im Roten Wien eine zentrale Rolle ein, sie prägte neben der Bildungs- und Wohnbaupolitik das Selbstverständnis der sozialdemokratischen

Die » M agna Mater « von Anton Hanak wurde 1927 zum Coversujet der » B lätter für das Wohlfahrtswesen «  ; privat

Aus: » D ie Kunst im neuen Wien. › M utter Fürsorge ‹ von Anton Hannak « , in: Das Kleine Blatt, 16. April 1927, S. 5

links: Kinderübernahmsstelle im 9. Bezirk, aus : » S onntagsfahrten durchs Neue Wien « , in : Das kleine Blatt, 14. Mai 1927, S. 2

Innenhof der Kinderübernahmsstelle mit der Brunnenskulptur » M agna Mater « von Anton Hanak, ca. 1926 ; Foto: Carl Zapletal ; Wien Museum, Inv. Nr. 57.962/82

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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