Page 73

sie wegen ihres Judentums immer wieder Angriffen aller anderen Parteien ausgesetzt. Die Anti­semiten sahen darin eine Möglichkeit, die Sozialdemokratie als »  verjudet  « zu denunzieren und ihre Wahnfantasien einer ­jüdischen Weltverschwörung zu propagieren. In den Anfangsjahren der Ersten Republik wurden die vielen osteuropäischen Juden, die zu einem nicht unbedeutenden Teil während des Ersten Weltkriegs als Flüchtlinge nach Wien gekommen waren, zur Zielscheibe der antisemitischen Angriffe. Sie dienten allen Parteien als Projektionsfläche für ihre jeweiligen Vorurteile. Treffend charakterisierte Joseph Roth deren Situation  : »  Niemand nimmt sich ihrer an. Ihre Vettern und Glaubens­ genossen, die im ersten Bezirk in den Redaktionen sitzen, sind ›  schon  ‹ Wiener, und wollen nicht mit Ostjuden verwandt sein oder gar verwechselt werden. Die Christlich­sozialen und Deutschnationalen haben den Antisemitismus als wichtigen Programmpunkt. Die Sozialdemokraten fürchten den Ruf einer ›  jüdischen Partei  ‹.  «  8 Zerrissen zwischen den eigenen universalistischen, humanistischen und anti­rassistischen Ansprüchen und den Forderungen der antisemitischen Parteien, bot die sozialdemokratische Wiener Stadtverwaltung einerseits den ostjüdischen Flüchtlingen konkrete Hilfestellungen an, versuchte, sie zu integrieren, und warnte vor Pogromen, beteiligte sich andererseits aber auch an Gedankenspielen über eine mögliche Abschiebung.9 So versuchte zum Beispiel der sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever, 1919 die Ausweisung von jüdischen Kriegsflüchtlingen amtlich zu verordnen. Damit reihte sich auch die Sozialdemokratie in den allgemeinen antisemitischen Konsens gegen die »  Ostjuden  « in der Zeit der Entstehung der österreichischen Demokratie ein.10 Ein anderes ›  Hindernis  ‹ dabei, sich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen, war der Kampf gegen den Kapitalismus und dessen Protagonisten, den ausbeuterischen Kapitalisten. Victor Adler hielt zwar den Tatsachen entsprechend fest, dass die große Mehrheit der Juden weder Industrielle noch Bankiers seien, kam aber überraschenderweise zu dem Schluss, die Sozialdemokratie dürfe sich nicht von »  den Juden  « ausnützen lassen.11 In der antisemitisch aufgeheizten Stimmung übernahm man fatalerweise die christlichsoziale Vorstellung, die nach dem Ideologen der Bewegung, Karl Freiherr von Vogelsang, Kapitalismus und Judentum gleichsetzte, dem zu-

Nach 1918

» S ollen die Banken Euch regieren ?  « , sozialdemokratisches Wahlplakat, 1923 ; Entwurf : Josef Pollak ; Wienbibliothek im Rathaus, P  —   3 42

folge der »  Juden­geist  « mit dem »  Geist des Kapitalismus  « identisch sei.12 Daraus schlussfolgerte man, dass ein konsequenter Antisemit jene Partei wählen müsse, die entschlossen war, den Kapitalismus als Ganzes und somit die gesonderte wirtschaftliche Existenz des Judentums zu vernichten. So sollte eine antisemitische Massenwählerschaft angesprochen werden, indem man sich als entschlossener Gegner sowohl »  jüdischen  « als auch »  nichtjüdischen  « Kapitals darstellte.13 Um die kapitalistische Ausbeutung zu bekämpfen, stattete auch die Sozialdemokratie den »  Kapitalisten  «, den »  Schieber  « oder »  Spekulanten  « mit jüdischen  « Attributen aus und benutzte Juden als Feindbild. Auf diese Weise wurde eine gesellschaftliche Gruppe als Feind der Arbeiterklasse heraus­gehoben.14 Mit der aus dem Parteiverlag Wiener Volksbuchhandlung stammenden Schrift Der Judenschwindel von Christoph H ­ interegger aus dem Jahr 1923 erreichte diese Form der antisemitischen Agitation der Sozialdemokratie ihren unrühmlichen Höhepunkt.15 Im Bemühen, den Klassengeist des Antisemitismus herauszustreichen, verwendete Hinteregger antijüdische Klischees und griff dabei nicht nur jüdische Kapitalisten, sondern Juden allgemein an und bezeichnete gleichzeitig Christlichsoziale und Großdeutsche als »  Schutzgarde des jüdischen Kapitals  «.16 Spätestens als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht ergriffen, verschärfte sich das sozialdemokratische Dilemma den Anti­semitismus betreffend. Zahlreiche Broschüren sollten über die wahren Verhältnisse in Deutschland aufklären, verwendeten dabei aber selbst antisemitische Stereo­type und

»  S anierung  « , sozialdemokratisches Wahlplakat, 1923  ; Entwurf : Mihály Biró ; ÖNB Wien, PLA16333101

71

Profile for Wien Museum

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...