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S OZ I A L D E M O K R AT I E UND ANTISEMITISMUS Gerhard Milchram

In der Prinzipienerklärung des Hainfelder Programms der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs von 1888/89 wurde unmissverständlich festgehalten, dass die Partei »  für das gesamte Volk ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes die Befreiung aus den Fesseln der ökonomischen Abhängigkeit, die Beseitigung der politischen Rechtlosigkeit und die Erhebung aus der geistigen Verkümmerung  « anstrebt.1 Friedrich Engels, Mitbegründer der marxistischen Theorien, und August Bebel, einer der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, verurteilten in den 1890er Jahren jegliche Feindschaft gegenüber Juden und setzten sie erstmals nicht mit dem Kapitalismus gleich, sondern sahen sie als mögliche Verbündete im Kampf für den Sozialismus.2 Auch trat man durchaus der Hetze gegen Juden entgegen. So sagte Jakob Reumann auf einer Versammlung in den 1890er Jahren  : »  Die Sozialdemokraten sind den Antisemiten gegenüber auf einem vorgeschritteneren Standpunkt, weil sie das internationale, interconfessionelle Capital bekämpfen. Die Sozialdemokraten bekämpfen jüdisches und christliches Kapital, die Antisemiten nur das jüdische, um es einstecken zu können.  «  3 Diese theoretische, im sozialistischen Denken und dem sozialdemokratischen Programm begründete Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus war eine Sache, sie in der täglichen politischen Praxis umzusetzen eine andere. Bereits 1884 musste Karl Kautsky, der führende marxistische Theoretiker seiner Zeit, feststellen  : »[…] wir haben Mühe, unsere eigenen Leute zu hindern, daß sie nicht mit den Anti­ semiten fraternisiren.  «  4 Besonders im deutschsprachigen Teil der Monarchie und in Wien fasste der Antisemitismus als politisches Programm immer stärker Fuß. Mit den Wahlerfolgen der Christlichsozialen unter Karl Lueger erreichte er einen ersten Höhepunkt und gewann gesellschaftliche und politische Legitimation. Immer größere Teile der Bevölkerung wurden davon erfasst.5 Davon blieb die Sozialdemokratie nicht unberührt, und sie war vor allem auch nicht immun dagegen.

Zu den populärsten Führern der österreichischen ArbeiterIn­ nenbewegung zählten Intellektuelle aus einem jüdisch-­ bürgerlichen und deutsch assimilierten Milieu. Führende Funktionen in der Sozialdemokratie setzten ein hohes Maß an Assimilation voraus und führten in der Auseinander­setzung mit den antisemitischen Parteien zu starken inneren und äußeren Widersprüchen.6 In ihrer theoretischen Haltung zur »  Judenfrage  « und zum Antisemitismus war man in Übereinstimmung mit anderen SozialistInnen der Zeit der Meinung, der Antisemitismus sei ein reaktionäres, zum Untergang verurteiltes gesellschaftliches Phänomen. Die Assimilation der Juden in der propagierten sozialistischen Revolution würde das Problem lösen.7 Für die meisten der führenden jüdischen Persönlichkeiten der Partei hatte das eigene Judentum deshalb auch keine besondere Bedeutung mehr. Dennoch w ­ aren

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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