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nach rechts  « kommen soll. Zu diesem Zwecke haben sich die Christlichsozialen nicht nur mit den Großdeutschen, sondern auch mit den Hakenkreuzlern verbunden. Schon der Antisemitismus der Christlichsozialen schlägt der Ehre der jüdischen Bevölkerung ins Gesicht und drangsaliert sie, wo er nur kann. Freilich nicht die großen Finanzjuden, mit denen sie gemeinsame Sache machen, sondern die kleinen, die armen Juden treffen sie. Aber dieser Antisemitismus ist noch eine Spielerei dem wilden, bestialischen Antisemitismus der Hakenkreuzler gegenüber. Mit Ihnen aber hat sich Seipel verbunden. Denn jedes Mittel erscheint gut im Kampfe gegen die Sozialdemokratie, für die Reaktion. Aber wir, die breiten jüdischen Massen, wissen, daß die mit den Hakenkreuzlern gewürzte Reaktion eine große Gefahr für uns bedeutet. Die Reaktion ist der größte Feind der jüdischen Masse. Deshalb alle Kräfte gegen die Reaktion, gegen die Einheitsliste, alle Stimmen für die Sozialdemokratie. Deshalb treten wir auch gegen die »  Jüdische Liste  « auf, die nur die Sozialdemokratie schwächen, die Reaktion stärken kann. Diesmal zeigen die Herren der »  Jüdischen Liste  « besonders deutlich, daß ihre Arbeit gegen das Inte­ resse der breiten jüdischen Massen ist. Erstens weil sie es für gut finden, zusammen mit den erklärten Reaktionären und Antisemiten, zusammen mit den großen Finanzjuden, den schon-getauften und noch-nicht-getauften Beherrschern der Banken den Kampf gegen die Breitner-Steuer, gegen die Verwaltung der Wiener Gemeinde zu führen. Zweitens aber treiben die Herren der »  Jüdischen Liste  « die bürgerlichen Zionisten eine falsche Politik überhaupt, indem sie einen geistigen Abgrund zwischen den jüdischen Massen einerseits und der Sozialdemokratie andererseits schaffen wollen. Hiebei darf nicht übersehen werden, daß von nationalen Forderungen keine Rede ist. Die Vertreter der »  Jüdischen Liste  « versuchen wohl die Frage zu verdunkeln, indem sie nationale Phrasen gebrauchen, doch sie meinen es selbst nicht ernst. Es genügt darauf hinzuweisen, daß sie bei den Wahlen im Jahr 1923 sich mit den Leuten von der »  Israelitischen Union  « verbunden und sich damals ausdrücklich verpflichtet haben, keine nationalen Forderungen zu erheben. Nun, von 1923 bis 1927 ist doch in dieser Hinsicht nichts anders geworden  : Der Ehekontrakt zwischen den bürgerlichen Zionisten und der Israelitischen Union ist zwar gelöst worden, aber nicht etwa deshalb, weil die bürgerlichen Zionisten sich eines anderen besonnen und plötzlich nationale Forderungen an den österreichischen Staat haben stellen wollen, sondern deshalb die »  Israelitische Union  « einfach keine Lust mehr hatte, ihnen mit Geld für die Agitation und mit Stimmen für Dr. Plaschkes zu helfen. Mögen also die Herren von der jüdischen Liste mit den bloßen Phrasen wegen der »  nationalen Interessen  « ihrer Zuhörer nicht betäuben.

Eine solche Arbeit wäre nur geeignet, die jüdischen Volksmassen dort, wo es wirklich lebendige jüdische Volksinte­ ressen gibt, von der natürlichen Hilfe, von dem internationalen Sozialismus zu isolieren. Doch daß dies nicht geschehe, dafür sorgen wir jüdischen Sozialisten ständig, dafür mögen die jüdischen Wähler bei den Wahlen sorgen. Brandmarkt als Verräter jene Finanzjuden und Presse­ juden, die dem jüdischen Volke ins Gesicht speien und für die Antisemiten der christlichsozial-hakenkreuzlerischen Einheitsliste agitieren  ! Kämpft auch gegen die Kandidaten der sogenannten Demoratischen und der »  Jüdischen Liste  «, denn bewußt oder unbewußt stärken sie die Kraft der antisemitischen Reaktion, des ärgsten Feindes der jüdischen Volksmassen. Stimmt für die Kämpfer für ein besseres und freieres L ­ eben, für eine Gesellschaft ohne soziale und natzionale Unter­drückung, für die völkerbefreiende Sozialdemokratie  ! Die arbeitende jüdische Bevölkerung kann und darf wohl von der österreichischen Sozialdemokratie verlangen, daß sie ihren lebenswichtigen Wünschen und Forderungen Rechnung trage. Wir verlangen von der Sozialdemokratie, daß sie der antisemitischen Verseuchung der Massen energisch an den Leib rücke, daß sie uns ermögliche, der Entfremdung unserer jungen Generation vom jüdischen Volke entgegenzuwirken, daß sie das große Werk des Aufbaues eines arbeitenden Palästina fördere. Diese Forderungen befinden sich im Einklange mit den Grundsätzen der wahrhaften Demokratie, des völker­ befreienden Sozialismus, sie sind Gemeingut des internationalen Sozialismus. In Kampfbereitschaft mit der österreichischen Arbeiterschaft wollen wir für diese Forderungen eintreten und die ihr zur Kenntnis bringen. Unterfertigt die von unserer Organisation ausge­ gebenen Erklärungen  ! Die Regeneration unseres Volkes ist eine Tat des Fortschrittes, der nationalen und sozialen Befreiung, sie gebietet uns deshalb Schulter an Schulter mit den verläßlichsten Kämpfern der Freiheit zu marschieren. Arbeitende Juden  ! Bekennet euch zu unseren Forderungen  ! Stimmet geschlossen und werbet für die Sozialdemokratie  !

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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