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jüdischen Stimmen sicher sein. Zwar verwendeten auch die Sozialdemokraten in ihrer Rhetorik immer wieder antisemitische Stereotype, hatten aber im Gegensatz zu ihren politischen Mitbewerbern zu keinem einzigen Zeitpunkt den Antisemitismus in ihrem Programm. Zentrale Persönlichkeiten der österreichischen Sozialdemokratie waren jüdischer Abstammung – dies hatte zwar kaum Bedeutung für sie, dennoch waren viele Nichtjuden und Antisemiten besessen von deren Hintergrund. Zumeist waren die sozialdemokratischen Führer aber konfessionslos, Atheisten oder Freidenker und orientierten sich an der deutsch-österreichischen Kultur.33 Für viele jüdische WählerInnen traf sicherlich dasselbe zu, und die Sozialdemokratie war für sie eine charismatische Bewegung, die den Glauben der Väter ersetzte und ihnen eine politische Heimat gab. Sie bot die Möglichkeit, dem Ghetto, dem Judentum und der sozialen Marginalisierung zu entkommen.34 Für traditionelle Juden musste es allerdings schwierig gewesen sein, einer antireligiösen sozialistischen Partei ihre Stimme zu geben, die zudem die Hoffnung auf

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Schulchan Aruch, wörtlich »  gedeckter Tisch  «, eine seit dem 16. Jahrhundert immer wieder überarbeitete autoritative Zusammenfassung religiöser Vorschriften. Jüdische Presse. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums 14 ( 1928 ) 31, S. 1. Vgl. Harriet Pass Freidenreich  : Jewish Politics in Vienna, 1918 – 1938, Bloomington 1991, S. 219. Niederösterreichisches Landesarchiv ( NÖLA ), Stiftbriefe, Samuel Klinger Stiftung für jüdische Wöchnerinnen, zit. n. Gerhard Milchram  : Bilder des Elends. Die Fotografien zu Bruno Freis Buch »  Jüdisches Elend in Wien  «, in  : Juden in Mitteleuropa ( 2007 ), S. 26 – 32, hier S. 30. Almut Meyer  : »… der Osten Europas schüttet sie aus …«. Zur Migration osteuropäischer Juden bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, in  : Gabriele KohlbauerFritz ( Hg.): Zwischen Ost und West. Galizische Juden und Wien, Wien 2000, S. 29. Vgl. Klaus Hödl  : Als Bettler in der Leopoldstadt. Galizische Juden auf dem Weg nach Wien, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 172f. Vgl. Thomas Soxberger  : Revolution am Donaukanal. Jiddische Kultur und Politik in Wien 1904 bis 1938, Wien 2013, S. 115. Vgl. Gabriele Kohlbauer-Fritz  : Die jiddische Subkultur in Wien und die jüdische Arbeiterbewegung, in  : Markus Börner, Anja Jungfer, Jakob Stürmann ( Hg.): Judentum und Arbeiterbewegung. Das Ringen um Emanzipation in der Ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin/Boston 2018, S. 53. Soxberger, Revolution, S. 114. Einen genauen Überblick über die komplizierten inneren Dynamiken und Widersprüche innerhalb der österreichischen Poale Zion bei  : Soxberger, Revolution, S. 112 – 139.

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die Verteidigung gegen antisemitische Angriffe immer wieder aus taktischen Erwägungen nicht erfüllte. Und so blieb der liberalen Wahrheit nach den Wahlen von 1932 nur enttäuscht zu konstatieren, dass die Sozialdemokratie im Kampf der Nationalsozialisten allein »  den Haß des bürgerlichen Spießertums gegen die Arbeiter  « sehe und keine Worte fände, »  um der verdammenden Abscheu vor dem demagogischen Antisemitismus der Nationalsozialisten Ausdruck zu geben  «. Abschließend stellte man noch resignierend fest  : »  Wir sind überzeugt, Herr Abgeordneter Leuthner35 wird durch seine Äußerungen über ›  jüdisch-kapitalistische Verbrechen  ‹ und über ›  die schmutzigen Hände jüdischer Bankiers  ‹ sich sicherlich Wohlgefallen gar vieler seiner Parteigenossen erworben haben, in deren Reihen es auch nicht an gelehrigen Antisemiten fehlt.  «  36

Vgl. Albert Lichtblau  : Jüdische Politik im »  Roten Wien  «: Das Wirken zionistischer Mandatare im Wiener Gemeinderat, in  : Jahrbuch des Simon-DubnowInstituts. Simon Dubnow Institute Yearbook 10 ( 2011 ), S. 283 – 306, hier S. 290. J. Grobtuch  : Nach den Wahlen, in  : Dr. Blochs österreichische Wochenschrift. Centralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, 9. Mai 1919, S. 282. Ebd., S. 283. Margit Reiter  : Die österreichische Sozialdemokratie und Antisemitismus. Politische Kampfansage mit Ambivalenzen, in  : Thomas Albrich, Gertrude EnderleBurcel, Ilse Reiter-Zatloukal ( Hg.): Antisemitismus in Österreich 1933 – 1938, Wien/Köln/Weimar 2018, S. 361 – 380, hier S. 365. Arbeiter-Zeitung, 2. Mai 1919, S. 4. Der Maiengruß der Arbeiterzeitung, in  : Freie Tribüne. Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei »  Poale Zion  « 1 ( 1919 ) 17, S. 1. Die Macht in Stadt und Land erobert, in  : Freie Tribüne 1 ( 1919 ) 17, S. 2. Vgl. Lichtblau, Jüdische Politik im »  Roten Wien  «, S. 289. Vgl. Albert Lichtblau  : Partizipation und Isolation. Juden in Österreich in den »  langen  « 1920er Jahren, in  : Archiv für Sozialgeschichte 37 ( 1997 ), S. 232 – 253, hier S. 246. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 1910, danach gab es keine Auswertungen der Berufsstatistik nach Konfession, Annahmen von Änderungen in dieser Zusammensetzung können nur spekulativ sein. Vgl. ders., Jüdische Politik im »  Roten Wien  «, S. 289. Die Wahrheit. Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen 39 ( 1923 ) 22, S. 4. Arbeiter-Zeitung, 3. Oktober 1923, S. 9.

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Vgl. Walter B. Simon  : The Jewish Vote in Austria, in  : Leo Baeck Institute, Year Book 16 ( 1971 ), S. 97 – 121, hier S. 117. Vgl. Lichtblau, Partizipation und Isolation, S. 241. Vgl. ders., Jüdische Politik im »  Roten Wien  «, S. 296f. Wiener Morgenzeitung, 19. Oktober 1923, S. 3. Wiener Morgenzeitung, 26. April 1927, S. 2. Vgl. Siegfried Mattl, Werner Michael Schwarz  : Felix Salten. Annäherung an eine Biografie, in  : dies. ( Hg.): Felix Salten. Schriftsteller – Journalist – Exilant, Wien 2006, S. 14 – 73, hier S. 56. Visitenkarte von Fritz Grünbaum, Jüdisches Museum Wien, Inv. Nr. 13.545. Der Jüdische Arbeiter. Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien 4 ( 1927 ) 4, S. 1. Ebd. Der Jüdische Arbeiter. Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale ZionHitachduth in Österreich 9 ( 1932 ) 8, S. 1. Vgl. Robert S. Wistrich  : Socialism and the Jews. The Dilemmas of Assimilation in Germany and Austria-Hungary, Rutherford, N.J. 1982, S. 333. Vgl. ebd. Karl Leuthner ( 1869 – 1944 ), Nationalratsabgeordneter der SDAP und Redakteur der Arbeiter-Zeitung. Die Wahrheit. Jüdische Wochenschrift mit den Veröffentlichungen der »  Union österreichischer Juden  « und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien 18 ( 1932 ) 19, S. 1.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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