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die Liberalen 56 Prozent, die Zionisten 35,2 Prozent und die Orthodoxen 8,4 Prozent der Stimmen. Die Sozialdemokraten kamen nur auf 0,5 Prozent.18 Obwohl es in der IKG kein allgemeines Wahlrecht gab  – Frauen waren von den Wahlen ausgeschlossen und bis 1924 ebenso nichtösterreichische Staatsbürger und Kultusgemeindebeamte –, erscheint das Ergebnis nicht unrepräsentativ für die jüdische Bevölkerung Wiens. Schon allein deren berufliche Zusammensetzung legt dies nahe. So waren rund 46,8 Prozent aller erwerbstätigen Juden in Wien Selbstständige, 26,2 Prozent Angestellte und 21,2 Prozent Arbeiter und Tagelöhner.19 Man kann also davon ausgehen, dass innerhalb des Wiener Judentums die politische Einstellung mehrheitlich den Liberalen zuneigte, da

man von den Sozialdemokraten nicht erwarten konnte, dass sie die Interessen von Selbstständigen und Angestellten vertreten würden. Gleiches gilt für die AnhängerInnen der ­Poale Zion, in der zu diesem Zeitpunkt noch der linke Flügel, der sich an Marxismus und Kommunismus orientierte und von der Weltrevolution träumte, die Oberhand hatte und der Sozialdemokratie vorwarf, die Ziele des Sozialismus zu verraten. In den folgenden Jahren sollten sich die Kräfteverhältnisse verschieben, wie die Ergebnisse der Kultusgemeindewahlen von 1924, 1928 und 1932 zeigen. 1924 stellten sich die Liberalen gemeinsam mit den Zionisten zur Wahl und erreichten 75,4 Prozent der Stimmen, die Sozialdemokraten konnten ihren Anteil auf 15,2 Prozent steigern. Bei den folgenden Wahlen sank der Anteil der Liberalen, und die Zionisten konnten Gewinne einfahren, während die Sozialdemokraten mit 15 Prozent ( 1928 ) und 12,4 Prozent ( 1932 ) nur relativ leichte Verluste hinnehmen mussten.20 Dass die Wahlen in der Kultusgemeinde aber nicht einmal die komplexe gesellschaftliche Realität innerhalb der jüdischen Gemeinde widerspiegelten, mussten insbesondere die Österreichisch-Israelitische Union sowie die bürgerlichen zionistischen Organisationen, die immer wieder den Anspruch stellten, alle österreichischen Jüdinnen und Juden zu vertreten, schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Es herrschte Uneinigkeit in politischen Fragen, und man war geradezu empört, dass die Angestellten der Wiener Kultusgemeinde »  beinahe geschlossen für die sozialdemokratische Liste  « agitierten.21 Dies wiederum nahm die Arbeiter-Zeitung mit großer Zufriedenheit zur Kenntnis  : »  Den größten Verdruß haben den Jüdischnationalen die Angestellten der Kultusgemeinde bereitet, deren überwiegende Mehrheit offen und mutig für die Sozialdemokraten wirbt. Viel zu viel haben die Angestellten unter der Herrschaft der organisierten Großkapitalisten in der Kultusstube gelitten, die den Angestellten die primitivsten sozialen Menschenrechte vorenthalten.  «  22 Es wird angenommen, dass die Hälfte der Wiener Juden und Jüdinnen bei den Nachkriegswahlen bis  1923 sozialdemokratisch wählte und ­danach bis zu 70 und 90 Prozent.23 Dies war aber nicht den tatsächlichen politischen Präferenzen geschuldet. Gemessen am hohen Anteil der Selbstständigen wäre es viel wahrscheinlicher gewesen, hätten Juden konservativ oder liberal gewählt. Die Liberalen, die in der Ersten Republik jedwede Relevanz verloren hatten, standen als politische A ­ lternative nicht mehr zur Verfügung, und die ­Christlichsozialen waren mit ihren wirtschafts­ politischen Programmen ständisch, r­ eaktionär und

Wahlaufruf der Poale Zion für die sozialdemokratische Partei : » J üdische Wähler und Wählerinnen ! / schwester un brider !  « , 1930; ÖNB Wien PLA16316177

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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