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e­ igene Assimilation und dass die Anwesenheit der »  Galizianer  « den Antisemitismus durch scheinbar rationale Gründe noch weiter befeuern würde.5 Trotz der prekären wirtschaftlichen Situation der galizianischen Zuwanderinnen und Zuwanderer entstand unter ihnen keine wesentliche jüdische Arbeiterbewegung. Dies war einerseits der Berufsstruktur geschuldet, waren von ihnen doch nur 3,3 Prozent ArbeiterInnen. Andererseits wurden jüdische Lehrlinge, die später vielleicht Träger sozialistischer Ideen werden hätten können, von solchem Gedankengut abgeschirmt. So wurde es ihnen zum Beispiel vom Verein zur Hebung des Handwerkes unter den inländischen Israe­liten, einem liberalen jüdischen Hilfsverein, unter Androhung des Ausschlusses verboten, die Versammlungen und Veranstaltungen des Vereins jüdischer jugendlicher Arbeiter zu besuchen.6 Aber auch die österreichischen Sozialdemokraten sprachen sich gegen eine eigenständige jüdische Arbeiterbewegung aus und lehnten eine solche aus ideologischen Gründen ab. Unter diesen Bedingungen konnten sich nur kleine Zirkel einer jüdischen Arbeiterbewegung in der Leopoldstadt und in der Brigittenau entwickeln, die ideologisch am linken Rand der Sozialdemokratie angesiedelt waren.7 Größere Bedeutung erlangte in Wien nur der Poale-Zionismus ( Arbeiter Zions ), dessen Gründer Ber Borochow aus politischen Gründen aus Russland flüchten musste und der von  1907 bis 1914 im Exil in Wien lebte. Hier gab er das Parteiblatt Dos fraye vort heraus und traf sich mit einer kleinen Gruppe von russisch-jüdischen EmigrantInnen im Café ­Arkaden in der Reichsratsstraße.8 Kern der Poale-Zion-Ideologie war die Annahme, dass die kapitalistische Entwicklung Osteuropas eine jüdische Massenauswanderung der proletarisierten Juden auslösen werde, deren Ziel Palästina sein werde. Der ­Poale komme dabei die Aufgabe zu, das palästinensische Proletariat politisch zu organisieren, »  den Klassenkampf gegen die Ausbeuter zu führen und die Bildung eines sozialistischen Gemeinwesens in Palästina zu erreichen  «.9 Nach dem Krieg verstrickte sich die Poale Zion in heftige Flügelkämpfe zwischen einem rechten, sozialdemokratisch orientierten und einem linken, revolutionär marxistischen Lager. Beim Weltkongress der Poale 1920 in Wien spaltete sich die Partei dann in einen linken und einen rechten Flügel.10 Ein Problem, an dem alle Juden und Jüdinnen, egal ob orthodox, liberal, assimiliert, sozial deklassiert oder der Oberschicht angehörig, litten, war die antisemitische Politik der christlichsozialen Partei, die, gestützt auf das Kurien­ wahlrecht, seit 1895 im Wiener Gemeinderat die Mehrheit hatte. Entsprechend groß war daher die Erleichterung, als bei den ersten freien und gleichen demokratischen Wahlen zum ­Wiener Gemeinderat am 4. Mai 1919 die Macht der Christlichsozialen gebrochen war. Jetzt, so konnte man glauben, zeigten sich die wahren politischen Präferenzen der Bevöl-

Titelblatt der Zeitung » D er Jüdische Arbeiter « , 20. April 1927; Goethe-Universität Frankfurt a. M.

kerung. Die SDAP erreichte 54,2 Prozent, die Christlichsozialen stürzten auf 27,1 Prozent ab, drittstärkste Kraft wurden die »  Sozialistischen und demokratischen Tschechoslowaken  « mit 8,4 Prozent, die Deutschnationalen erreichten 5,2 Prozent und die Vereinigte demokratische Partei 2,6 Prozent. Die Jüdischnationale Partei, die allerdings nur in den Bezirken II, VI, VII, IX und XX kandidiert hatte, erreichte einen Achtungserfolg mit 1,9 Prozent der Stimmen.11 Das Wichtigste für die jüdische Bevölkerung Wiens war die Entmachtung der antisemitischen Christlichsozialen. Das offizielle Organ der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Blochs österreichische Wochenschrift. Centralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, sprach in diesem Fall wohl tatsächlich für alle jüdischen WienerInnen  : »  Keine andere politische Partei […] hat mit soviel Brutalität geherrscht, wie die Christlichsozialen in der Wiener Gemeindestube […]. [D]ie Sozialdemokraten und die bürgerlichen Demokraten  […] verfolgte er [Lueger] politisch und wirtschaftlich mit leidenschaftlichem Hasse. Nach dem Schlagworte  : Nieder mit den Juden  ! […] Wir Juden in der Diaspora sind nirgends in der Welt verwöhnt worden, […] aber die Art und Weise, wie die Christlichsozialen Wiens uns gegenüber ihr Programm ein Vierteljahrhundert hindurch ausführten, steht einzigartig in

Postkarte : Ber Borochow, um 1910; Jüdisches Museum Wien, Inv. Nr. 4.880

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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