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das Rote Wien und um dessen Selbstbehauptung, wohl auch nicht mehr um Europa, das möglicherweise bereits ebenfalls als an den Faschismus verloren betrachtet wurde, es ging um die Welt und um eine ganz neue, quantitative und qualitative Dimension der Geschichte von Unterdrückung und Befreiung. »  Die Klage der Schwarzen war zugleich Spiegel ihres eigenen Inneren  : Bestürzung über die Gegenwart, Schrei nach Veränderung  «, so Josef Luitpold Stern über Nußbaums Anliegen.30 Das männlich und weiß konnotierte Klassenbewusstsein, könnte man Anna Nußbaums politische Vision paraphrasieren, musste durch ein weibliches, schwarzes und jüdisches »  Rassenbewusstsein  « erweitert werden. So erklärt sich auch die Zusammenführung von globalen Frauenanliegen und afroamerikanischer Lyrik. Die Dringlichkeit dieser politischen Vision konnte aus konkreten Erfahrungen im ­Roten Wien abgeleitet werden, wie das die Landtags- und Gemeinderatswahlen 1932 deutlich zum Vorschein brachten, als die Sozialdemokratie ihre führende Position der großen Zustimmung der Frauen zu verdanken hatte, während bei

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Festbroschüre der Internationalen Frauenkonferenz, Wien 1931, Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ( VGA ), Frauentagsbroschüren. Vgl. Anna Nußbaum  : Vorwort, in  : dies. ( Hg.): Afrika singt, Wien/Leipzig, S. 8. Vgl. George Hutchinson ( Hg ): The Cambridge Companion to the Harlem Renaissance, Cambridge 2007. Vgl. Christopher Meid  : Afrika singt. Zur Rezeption afroamerikanischer Lyrik in den 1920er Jahren, in  : Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik 18 ( 2017 ), S. 167 – 185. Nachruf von Josef Luitpold Stern auf Anna Nußbaum, in  : Arbeiter-Zeitung, 28. Juni 1931, S. 11. Vgl. Anna Nußbaum, Else Feldmann ( Hg.): Reisetagebuch des Wiener Kindes, Wien 1921. Zu Anna Nußbaums pazifistischem Engagement vgl. auch den Nachruf von Helene Scheu-Riesz, in  : Österreicherin 4 ( 1931 ) 7, S. 2. Vgl. Susanne Blumesberger  : Handbuch der österreichischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen, Bd. 2  : LZ, Wien u. a. 2014, S. 829f., hier S. 830  ; Elisabeth H. Debazi  : Nußbaum Anna, in  : https  ://litkult1920er.aau. at/litkult-lexikon/ nussbaum-anna/ ( 13. 3. 2019 ). Vgl. Charlotte Szilagyi, Sabrina K. Rahman, Michael Saman ( Hg.): Imagining Blackness in Germany and Austria, Cambridge 2013  ; Manuel Menrath ( Hg.): Afrika im Blick. Afrikabilder im deutschsprachigen Raum, 1870 – 1970, Zürich 2012  ; Earl R. Beck  : German Views of Negro Life in the United States, 1919 – 1933, in  : The Journal of Negro History 48 ( 1963 ) 1, S. 22 – 32  ; Werner Michael Schwarz  : Das Konsumieren der Anderen. Schaustellungen »  exotischer  « Menschen in Wien, in  : Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft ( 2001 ) 3, S. 15 – 29. Nußbaum, Afrika singt, S. 9. Zit. n. Christa Schwarz  : New Negro

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den Männern die Nationalsozialisten bereits große Erfolge erzielten. Das deutet darauf hin, dass das Klassenbewusstsein in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nicht stabil genug war. Diese Ausweitung der Perspektive zu einer globalen lässt sich vielfach in den sozialdemokratischen Medien dieser Zeit beobachten. In den Theorieschriften wie Der Kampf wurden Befreiungsbewegungen wie jene von Mahatma Gandhi in Indien noch mit Ambivalenz hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit dem Sozialismus betrachtet, in den populären Medien wie dem Kuckuck hingegen war die Faszination und Sympathie bereits uneingeschränkt. Anna Nußbaum hatte in ihrem Bericht über die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit bereits 1921 eindrücklich darauf hingewiesen, dass der Weltkrieg hätte verhindert werden können, wenn die Frauen sich ihrer Stärke bewusst gewesen wären  : »  An der Natur selbst [Anm.  : damit meinte sie den organisierten Widerstand von Frauen] hätten die geschicktesten diplomatischen und strategischen Pläne scheitern müssen.  «  31

Renaissance – ›  Neger-Renaissance  ‹: Crossovers between African America and Germany during the Era of the Harlem Renaissance, in  : Maria Diedrich, Jürgen Heinrichs ( Hg.): From Black to Schwarz. Cultural Crossovers between African America and Germany, Berlin 2010, S. 49 – 75, hier S. 63. Nußbaum, Afrika singt, S. 11. Christa Schwarz, New Negro Renaissance, S. 63. Kurt Tucholsky  : »  Afrika singt  «, in  : ders.  : Gesammelte Schriften ( 1907 – 1935 ), online  : http  ://www.textlog.de/tucholskyafrika-singt.html ( 13. 3. 2019 ). Zur Frage der Übersetzung bzw. Übersetzbarkeit vgl. detailliert  : Meid, Afrika singt, sowie Helga Eßmann  : Weltliteratur in deutschen Versanthologien des 19. und 20. Jahrhunderts, in  : Armin P. Frank, Horst Turk ( Hg.): Die literarische Übersetzung in Deutschland. Studien zu ihrer Kulturgeschichte in der Neuzeit, Berlin 2004, S. 273 – 307, hier S. 297. Vgl. Nußbaum, Afrika singt, S. 126f. ( Jessie Fausets Erleuchtung, übersetzt von Josef Luitpold Stern ). Vgl. die Rezension von W. E. B. Du Bois, in  : The Crisis ( März 1929 ), S. 87, S. 98. Vgl. W. E. B. Du Bois Papers, in  : Univ. of Massachusetts Amherst Libraries, Special Collections and University Archives, MS 312, online  : http  ://credo.library.umass.edu/ search  ?q=Nussbaum ( 15. 3. 2019 ). Vgl. Percy L. Julian  : Negro Prose and Poetry, in  : The Crisis ( November 1933 ), S. 53, zit. n. Meid, Afrika singt, S. 180. Arbeiter-Zeitung, 29. Dezember 1929, S. 13. Vgl. Österreichischer ArbeiterKalender ( 1930 ), S. 51. Zu Luitpold Sterns früheren Übersetzungen vgl. Christa Schwarz, New Negro Renaissance, S. 62. »  Schatten über Harlem  «, in  : ArbeiterZeitung, 30. Oktober 1930, S. 8. Vgl. Arbeiter-Zeitung, 1. Februar 1931, S. 15.

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Annoncen in Tageszeitungen belegen die große Verbreitung unterschiedlicher Interpretationen ( Chorwerke, Orchesterlieder, Klavierlieder etc.) von Erich Zeisl, Wilhelm Grosz, Fritz Kramer, Edmund Nick, Kurt Pahlen und Alexander von Zemlinsky in Radiosendungen und Konzerten in Österreich und Deutschland. Zu musikwissenschaftlichen Aspekten vgl. Malcolm S. Cole  : Afrika singt. AustroGerman Echoes of the Harlem Renaissance, in  : Journal of the American Musicological Society 30 ( 1977 ), S. 72 – 95. Vgl. Nußbaum, Afrika singt, S. 8. Dies.  : Besprechung von Claire Golls »  Die Neue Welt  «, in  : Neue Freie Presse, 2. April 1922, S. 32. Nußbaum war offenbar zum Protestantismus konvertiert ( vgl. die Todesanzeige in der Arbeiter-Zeitung, 23. Juni 1931, in der ihre Beisetzung in der evangelischen Abteilung des Zentralfriedhofs vermerkt ist ). Nußbaum, Afrika singt, S. 10. Zu jüdischen Wissenschaftlern über »  Rasse  « im frühen 20. Jahrhundert vgl. Veronika Lipphardt  : Die Biologie der Juden, Göttingen 2008. Weniger in Afrika singt als in Nußbaums Zeitungspublikationen wird deutlich, welch hohen Stellenwert Geschichtlichkeit in ihrem Kampf gegen Formen der Unterdrückung ( rassische, geschlechterspezifische, politische ) einnimmt. Vgl. beispielsweise Harlem, in  : Arbeiter-Zeitung, Tag 1930. Nachruf von Josef Luitpold Stern auf Anna Nußbaum, in  : Arbeiter-Zeitung, 28. Juni 1931, S. 11. Anna Nußbaum  : Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, in  : Neues Wiener Tagblatt, 20. Juni 1921, S. 3.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...