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Der auf hochwertigem Papier gedruckte und in schwarzem Leinen mit goldfarbenen grafischen Applikationen gebundene Band erschien bei der F.G. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung ( Wien/­Leipzig ) und versammelte 100 Gedichte afroamerikanischer AutorInnen der sogenannten Harlem Renaissance.3 Genau genommen waren es Nachdichtungen bzw. Übertragungen ins Deutsche durch vier anerkannte, der Sozialdemokratie nahestehende AutorInnen  : die Expertin für amerikanische Lite­ ratur und Übersetzerin Anna Nußbaum, den Schriftsteller, Volksbildner und ehemaligen Leiter der sozialistischen Bildungszentrale in Wien Josef Luitpold Stern, den deutschen Schriftsteller und Dichter Hermann Kesser und die sozialdemokratische Pädagogin, Politikerin und Journalistin Anna Siemsen. Die Auswahl, Zusammenstellung und Kontextualisierung der Gedichte in elf Kapiteln stammte vermutlich von Nußbaum selbst, sie war auf Beispiele politischer Lyrik fokussiert, nahm aber auch Liebesgedichte auf. Zu den Motiven zählten Selbst- und Fremdbild, Ausgrenzung und Verfolgung, Geschlecht, Religion sowie Orte der kulturellen und politischen Identifikation wie der New Yorker Stadtteil H ­ arlem oder der Blues. Der Anhang erhielt kleine Porträts der 19 im Band vertretenen LyrikerInnen – unter anderen ­Joseph S. Cotter Jr., Georgia Douglas Johnson und Thekla Merwin sowie Countee Cullen, Langston Hughes, Fenton Johnson und Jean Toomer. Über das Zustandekommen von Afrika singt, wohl einer der ersten Kulturtransfers von afroamerikanischer Literatur in den deutschsprachigen Raum,4 wie über die Initiatorin und Herausgeberin Anna Nußbaum ist bislang wenig bekannt, wenngleich zahlreiche Spuren darauf hinweisen, dass sie im intellektuellen und literarischen Wien dieser Zeit fest verankert war. Afrika singt war das zweite große Buchprojekt der 1887 in Galizien geborenen und 1907 an der Universität Wien promovierten Romanistin und eng mit ihrem pazifistischen Engagement verbunden. »  Übersetzung als Welthilfe proletarischer Welterhebung, das war Wille und Tagwerk dieser körperlich zierlichen, dieser geistig starken Frau  «, schrieb Josef Luitpold Stern in einem Nachruf über sie.5 In diesem Zusammenhang ist das 1921 beim Wiener Gloriette-Verlag gemeinsam mit Else Feldmann herausgegebene Reisetagebuch des Wiener Kindes zu nennen, in dem Aufsätze, Briefe und Zeichnungen von Schulkindern, die während der dramatischen Notlage nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen europäischen Ländern Aufnahme fanden, zu einer Anthologie zusammengestellt sind. Diese vermittelte die Auslandserfahrungen der Wiener Kinder als wichtigen Beitrag internationaler »  Völkerverständigung  «.6 Zu dieser Zeit war Anna Nußbaum auch bei der Reformpädagogin, Schulgründerin und Frauenrechtsaktivistin Eugenie Schwarzwald, ihrer Tante, beschäftigt und übersetzte französische Literatur für deutsche

»  A frika singt  «

Cover von » A frika singt « , 1929 ; Kat. Nr. 11.6.

Schulausgaben im Sesam-Verlag von Helene S ­ cheu-Riesz. Zudem verfasste sie zahlreiche Rezensionen und Übersetzungen für Wiener Tageszeitungen, beispielsweise Arbeiten des pazifistischen Schriftstellers und Politikers Henri ­Barbusse,7 und war Mitbegründerin der Wiener Gruppe der pazifistischen ( von Barbusse initiierten ) Clarté-Vereinigung, der auch ­Josef Luitpold Stern, Else Feldmann, der Individualpsychologe Alfred Adler, der Schriftsteller Leonhard Frank, der Filmkritiker und Regisseur Béla Balázs, der Soziologe ­Rudolf ­Goldscheid, die Politikerin Rosa Mayreder oder der Ökonom und Philosoph Otto Neurath angehörten. Afrika singt erschien ein Jahr nach der Premiere von Ernst Kreneks Welterfolg Jonny spielt auf am 31. Dezember 1927 in der Wiener Staatsoper und reiht sich auf den ersten Blick in die ambivalente Faszination für Amerika und insbesondere die afroamerikanische ( Musik- ) Kultur in diesen Jahren ein.8 Von diesem »  Modewohlwollen  «  9 sollte sich Anna Nußbaum allerdings explizit distanzieren und ihren Zugang mit einem »  sozialen Interesse  « erklären.10 »  Diese Stimmen – so verschieden sie seien – wären alle wert gehört zu werden  «, erklärte sie, denn sie seien »  erschütternde Hilferufe nach Befreiung und verheißungsvolles Zeugnis zum Licht aufstrebender Menschheit.  «  11 Der Gedichtband wurde zu seiner Entstehungszeit stark beachtet. Hilde Spiel erinnerte sich an »  Schock­wellen  «, die das Buch in ihren literarischen Zirkeln in Österreich ausgelöst habe.12 In der rechten Presse gab es heftige Kritik, in der linken durchwegs Zustimmung. Kurt Tucholsky lobte das »  schöne Buch  «, fügte allerdings ironisch hinzu, dass einige durch die Übersetzung entstandene »  Gedanken­verbindungen […] sicherlich nicht schwarzfarbig  « seien, womit er das generelle Problem der Übersetzbarkeit von Lyrik und den ( mitunter starken ) Eingriff durch die ÜbersetzerInnen ansprach.13 Der Philosoph, Pazifist und Bürgerrechtsaktivist W. E. B. Du Bois, der in einem der Gedichte neben [­Victor] Adler genannt wird,14 lobte das Buch und hob den geschmackvollen Einband hervor.15 Mit ihm stand Nußbaum in engem Briefwechsel.16 Der in Wien promovierte afroamerikanische Chemiker und Bürgerrechtler Percy L. Julian meinte, das Buch habe sich in fast jedem Buchregal eines gebildeten deutschen Haushalts befunden.17 Auch in den Medien der Sozialdemokratie finden sich zahlreiche Belege für die große Resonanz des Buches. Wenn es etwa in der Arbeiter-Zeitung in den Jahren nach dessen Veröffentlichung um den »  Blick auf Afrika  « ging, wurde regelmäßig aus den Gedichten zitiert, wie aus Countee ­Cullens Der schwarze Kellner oder aus Langston Hughes’ Ich bin ein Neger. 18 Nußbaum wurde zu Beiträgen in den Arbeiter-­ Kalendern 1929 und 1930 eingeladen und entschied sich unter anderem für eine Übersetzung von Michael Golds Bühnenstück Life of John Brown, die bekannte Geschichte des 1859

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

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