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­ ohnverhältnisse vieler ­Arbeiterinnen und das zu geringe W Angebot an a­ ußerhäuslicher Kinderbetreuung verwiesen wird. Die in diesen Arbeiten geleistete Verknüpfung von feministischer und sozialistischer Wissensproduktion war für das damalige Europa einzigartig. Als feministisch charakterisierte diesen Zugang ein integrales Verständnis von Produktion und Reproduktion, von Ökonomie, Staat und Politik, demzufolge die Ökonomie immer bezahlte und unbezahlte

Plakat für die Abschaffung der Paragrafen 144 —  148, 1927; Kat. Nr. 7.7.

( Re- )Produktionsarbeiten umfasste  : von Hausarbeit über Erziehung und Bildung bis zu Pflege und Versorgung. Die Anliegen der Frauen- und Arbeiterinnenbewegung fanden also Eingang in die wissenschaftlichen Arbeiten, während diese wiederum die politischen Debatten vorantrieben.24 Seit Ende der 1920er Jahre befassten sich die sozialdemokratischen Akteurinnen auch mit den unterschiedlichen Auswirkungen der konservativ-autoritären Krisenpolitik der christlichsozialen Regierung auf Frauen und Männer.25 Sie wiesen darauf hin, dass Frauen von der staatlichen Kürzungspolitik besonders betroffen waren  : Diese waren ohnehin häufiger als ungelernte Arbeiterinnen in ungesicherten und schlechter bezahlten Berufen tätig und wurden oft als Erste entlassen. Vielfach geschah dies mit der Begründung, sie seien nur »  Zuverdienerinnen  « und der Wegfall ihres Lohns sei nicht existenzbedrohend. Dem widerspricht jedoch Leichter in So ­leben wir  : 82,3 Prozent der befragten Frauen waren als Selbst- bzw. Familienerhalterinnen dringend auf den Lohn angewiesen.26 Mit dem Abbau des Sozialstaats und der sozialen Infrastruktur stieg zudem die Mehrfachbelastung, da die Frauen aufgrund des geringeren Haushaltsbudgets mehr Eigenleistungen im Haushalt übernehmen mussten. Zentraler Kritikpunkt der Sozialdemokratinnen war die politische Förderung traditionell-konservativer Geschlechterbilder, die sich exemplarisch an der umstrittenen Doppelverdiener­verordnung, die 1933 in Kraft trat, zeigte. Mit einer Regierungsverordnung durchgesetzt, zielte sie auf den Abbau der weiblichen Erwerbstätigkeit   : Verheiratete Frauen wurden aus dem Staatsdienst entlassen, pensioniert oder gar nicht eingestellt und damit wieder verstärkt in die Sphäre der unbezahlten Haus- bzw. Reproduktionsarbeit verwiesen.27 Kritik an den geschlechterspezifischen Auswirkungen dieser Maßnahmen übte auch der von den Gewerkschafterinnen Anna Boschek und ­Wilhelmine Moik mit Unterstützung von Käthe Leichter realisierte semidokumentarische Film Frauenleben – Frauenlos. Über das Leben arbeitender Frauen ( A 1931/32 ), der Leichters So leben wir in filmische Bilder übersetzt. Er wurde bis Mitte 1933 österreichweit mehr als hundert Mal aufgeführt und gilt als eines der wichtigsten Filmdokumente zur Frauenarbeit im Europa der 1930er Jahre.28 Die Austeritätspolitik der christlichsozialen Regierung und die zunehmende Entdemokratisierung verdrängten Frauen sukzessive aus der öffentlichen Sphäre. Parteien und Gewerkschaften w ­ urden

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...