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jedoch nicht die von der SDAP -Bezirksrätin, Ärztin und Individualpsychologin Margarete Hilferding befürwortete bedingungslose Legalisierung der Abtreibung aufgenommen,11 sondern die »  Indikationslösung  «, die Möglichkeit zum Abbruch der Schwangerschaft unter Einbeziehung der gesundheitlichen und sozialen Situation der Schwangeren, für die sich beispielsweise Julius Tandler, Stadtrat für das Wohlfahrtsund Gesundheitswesen, aussprach. Umstrukturierungen in allen Lebensbereichen sollten die gesellschaftliche Erneuerung ermöglichen und egalitäre ( re ) Formen des ( Zusammen- ) Lebens schaffen  : So forderte Marianne Pollak anlässlich des Frauentags 1932 die »  Vermenschlichung der Politik  « und die gesellschaftliche Gleichstellung von ledigen und verheirateten Müttern sowie die gemeinschaftliche Erziehung von Kindern außerhalb der Kleinfamilie.12 Dementsprechend war die Gestaltung der Trias »  Arbeiten – Wohnen – Leben  « Kernthema der sozialdemokratischen Reformerinnen. Dabei knüpften sie an frühere Debatten der bürgerlichen und sozialistischen Frauenbewegung über alternative Formen des Lebens und Wohnens an. Sie traten dafür ein, dass Hausfrauen als die einzigen gänzlich rechtlosen Arbeiterinnen sich ähnlich den Fabrikarbeiterinnen organisieren sollten, und setzten sich dafür ein, dass

Arbeiten — Wohnen — Leben

Weibliche Mitglieder des bis Mai 1919 tätigen provisorischen Wiener Gemeinderats, in den 12 Frauen entsandt wurden, davon 5 Sozialdemokratinnen; 1918; Kat. Nr. 7.4.

Hausarbeit als Arbeit anerkannt und entlohnt werden müsse. Der Haushalt sollte rationalisiert, zentral verwaltet oder gemeinschaftlich besorgt und so die Mehrfachbelastung arbeitender Frauen – Lohn-, Haus- und Repro­duktionsarbeit – verringert werden.13 Emmy Freundlich beispielsweise, eine der wenigen leitenden Funktionärinnen bei den Konsumgenossenschaften, schlug eine »  Arbeitsgemeinschaft der Hausfrauen  « vor.14 Die Frauen traten für die Auslagerung von als weiblich geltenden Arbeiten an öffentliche Einrichtungen und für den Ausbau von Kindergärten und -horten sowie von Fürsorge- und Freizeiteinrichtungen ein. Diese Forderungen schrieben sich in Form von genossenschaftlichen Wäschereien, Zentralküchen und Kindergärten in die Architektur des Roten Wien ein. Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung, die Frauen Haus- und Care-Arbeit zuschrieb, wurde zwar kritisiert,15 stand jedoch nicht grundsätzlich infrage. Ein alternatives Konzept, das Frauen vom Haushalt freispielen sollte, war das um  1900 entwickelte Kollektiv­ modell Einküchenhaus. Die zugrunde liegende Idee war dabei, durch die Einrichtung zentral organisierter Services ( Kochen, Aufräumen, Wäschewaschen ) berufstätige Frauen von der hauswirtschaftlichen Reproduktionsarbeit zu entlasten. In Wien wurde das Modell zunächst von bürgerlich-­liberalen Frauen­rechtlerinnen wie Auguste F ­ ickert als Genossenschaft verwirklicht  : 1911 eröffnete der erste Heimhof für ledige und erwerbstätige Frauen in der P ­ eter-Jordan-Straße im 19.  Bezirk  ; 1922 folgte ein weiterer in der Pilgerim­gasse im 15. Bezirk für berufstätige Paare und Familien. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, wurde dieser fünf Jahre später von der Gemeinde übernommen und um Wohnungen sowie einen Kindergarten erweitert, jedoch weiterhin demokratisch selbstverwaltet. Die Wohnungen waren mit Kochgelegenheiten, Wasser­anschluss etc. modern ausgestattet  ; eine Zentralküche, die mit Speisenaufzug und Telefon mit den Wohnungen verbunden war, ersetzte die einzelnen Küchen.16 Therese Schlesinger befürwortete das Einküchenhaus, in dem Frauen sich ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter und ihren Aufgaben in Politik und Gewerkschaft widmen könnten, als Alternative zum »  jämmerlichen Zwerghaushalt  «.17 Das Modell war hinsichtlich seiner möglichen Auswirkungen umstritten: So äußerte beispielsweise eine christlichsoziale Gemeinderätin, das Einküchenhaus sei »  aus sittlichen Gründen

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...