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» ES LEBE DRUM : D I E FR AU VO N H E U T ! « Frauenpolitik im Roten Wien Marie-Noëlle Yazdanpanah

»  Sie kennt den Weg und auch das Ziel / Und ist kein Püppchen mehr zum Spiel  ! / Sagt frei heraus, was ihr nicht paßt, / Macht sie darob sich auch verhaßt. // Ist lebensfroh und ungeniert, / Verlangt ganz keck, was ihr gebührt  ! / Und kennt das Leben und die Leut. / Es lebe drum  : Die Frau von heut  !  «1 In seinem 1930 in der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die ­Unzufriedene erschienenen Gedicht entwirft Hans H ­ aidenbauer die neue Frau als unabhängig, mutig und modern. Die Illustrationen, die dem Text beigefügt sind, visualisieren das Idealbild  : Ob als Mutter, Sportlerin, Abenteurerin oder am Schreibtisch Arbeitende – ihre Erscheinung ist charakterisiert durch jugendliches Auftreten, Bubikopf und praktische, bewegungsfreundliche Kleidung. Diese moderne ( meist junge ) Frau nahm innerhalb der Vermarktungsstrategien und des Selbstverständnisses des Roten Wien eine wichtige Rolle ein  : Sie diente als Symbol für die zu schaffende sozialistische Gesellschaft. Dies verdeutlicht auch ein Wahlplakat der SDAP , das ein egalitäres Geschlechterverhältnis propagiert. Es zeigt ein junges Paar, beide etwa gleich groß, das Seite an Seite und, so suggeriert die Bildsprache, gleichberechtigt für die Realisierung der gerechten zukünftigen Gesellschaft kämpft. Die ideale Sozialdemokratin lebte ein selbstbestimmtes Leben, sie war berufstätig und autonom. Zugleich wurde sie als verheiratete Mutter einer Kleinfamilie imaginiert, die ihrem Ehemann eine Kameradin und ihren Kindern eine Freundin sein sollte.2 Die Propagierung eines egalitäre( re )n Geschlechterverhältnisses und die Stilisierung von (  jungen, »  neuen  «  ) Frauen zum Inbegriff der »  neuen Zeit  « waren nicht auf die

politischen Kampagnen des Roten Wien beschränkt. Frauen gestalteten das Rote Wien maßgeblich mit  : Sie wurden nicht nur als Wählerinnen umworben und agierten als Unterstützende, sondern waren auch als Aktivistinnen, Funktionärinnen und Theoretikerinnen aktiv in die Reformen involviert. Die Stadtpolitik funktionierte dabei als Experimentierfeld, in dem sich neue politische Räume eröffneten. Doch bereits Zeitgenossinnen kritisierten die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die Hindernisse, mit denen Frauen, vor allem politisch aktive, dennoch konfrontiert waren.3 Mit der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 wurde

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...