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etwa den Straßenbahnen ) jene Arbeiter, die in c­ hristlichen ­Gewerkschaften organisiert waren, schlechter behandelt und deren Versammlungen gestört würden.20 In welcher Form die Partei- oder Gewerkschaftszugehörigkeit von städtischen Bediensteten Konsequenzen hatte, lässt sich mit dem Quellenmaterial nicht feststellen. Ein Beispiel für einen Personalwechsel, der mit dem politischen Machtwechsel korrelierte, ist aber der Posten des Magistratsdirektors. Karl Pawelka hatte diesen seit 1. November 1918 nur in der kurzen Übergangs­ periode inne. Er zog sich mit 30.  Juni 1919 in den Ruhestand zurück, und Dr. Karl Hartl übernahm seine Funktion bis 1934.21 Eine deutliche Zäsur bedeutete die Allgemeine Dienstordnung für die Angestellten der Gemeinde Wien, die am 24. April 1919 – also bereits vor den Wahlen – vom Gemeinderat beschlossen wurde und die Dienstpragmatik aus dem Jahr 1911 ablöste. Bemerkenswert ist die enge Zusammenarbeit zwischen sozialdemokratischen und christlich­ sozialen Gemeinderäten, aber auch die Einbindung von VertreterInnen von Organisationen der städtischen Angestellten in das Komitee zur Beratung von Maßnahmen zugunsten

Die Dienstordnung von 1919

der Angestellten. Dieses bestand aus sieben Gemeinde­räten und sieben VertreterInnen des Verbands der Angestellten der Stadt Wien. Präsident des Verbands war der Beamte des Rechnungsamts Hermann Schulz, der von 1920 bis 1926 auch sozialdemokratischer Nationalratsabgeordneter war. Der Gemeinderat, der die Dienstordnung beschlossen hatte, war in seiner Zusammensetzung allerdings bereits erheblich verändert, und die christlichsoziale Partei war bei einer Mehrheit von nur zwei Stimmen auf Kooperationen angewiesen. Die Angestellten der Stadt wurden nunmehr in neun Gruppen unterteilt, in Verbindung damit gab es neun Bezugsklassen. Den Angestellten wurden Teuerungszulagen gewährt, und die Ruhegenüsse wurden um 50 bis 100 Prozent erhöht. Das in weiterer Folge als »  Wiener Schema  « bezeichnete Gehaltssystem war im Vergleich mit der Besoldung der Bundesbediensteten großzügiger bemessen, auch in Bezug auf die Ruhegenüsse.22 Eine wichtige Neuerung war das ausdrückliche Recht der Angestellten auf Vertretung durch frei gewählte Personalvertretungen und die Standesorganisation, auf Koalitionsfreiheit und auf politische Betätigung außerhalb des Dienstes. Der Einfluss der Personalvertretung wurde durch die neue Dienstordnung – ein »  neuzeitliches, dem gewerkschaftlichen Gedanken Rechnung tragendes Dienstrecht  « 23 – gestärkt  : Abänderungen der Dienstordnung konnten nur einvernehmlich mit der gemeinderätlichen Personalkommission beschlossen werden. Verhandlungen in Personalangelegenheiten wurden mit Gewerkschaftern geführt, namentlich mit jenen, »  die die Mehrheit der in Betracht kommenden Angestellten  « vertraten.24 In den ersten Jahren der Ersten Republik erlebte die Stadt Wien – auch infolge der geänderten politischen Machtverhältnisse  – eine Verwaltungs- und Verfassungs­ reform. Bereits in der Gemeinderatssitzung vom 26.  Juni 1919 kündigte der sozialdemokratische Vizebürgermeister ­Emmerling im Zuge der Budgetdebatte eine umfassende Verwaltungsreform an. Die wesentlichen Änderungen, die mit dem Gemeindestatut vom April 1920 festgelegt wurden, betrafen die Organisation der Gemeindeverwaltung. Die einzelnen Magistratsabteilungen wurden jeweils in Verwaltungs­ gruppen zusammengefasst und einem vom Gemeinderat gewählten amtsführenden Stadtrat unterstellt.25 Die Zahl der Magistrats­abteilungen wurde ( vor allem durch die Umwandlung von Bauämtern in solche ) von 22 auf 54 erhöht. Der bisherige Stadtrat wurde aufgelöst und durch einen Stadtsenat, zusammengesetzt aus acht amtsführenden Stadträten, ersetzt.26 Zwei von ihnen wurden zu Vizebürgermeistern bestimmt ( einer von der stärksten, der andere von

Verwaltungs- und Verfassungsreform

Plakat mit der Antrittsrede von Bürgermeister Jakob Reumann, 1919 ; Kat. Nr. 2.10.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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