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VO N D E R R E S I D E N Z S TA DT Z U M R OT E N W I E N Die Veränderungen in der Gemeindeverwaltung, 1918 – 1920 Therese Garstenauer Veronika Helfert

»  Wien hat aufgehört ein Herrschaftszentrum zu sein. […] Das Gedränge der Exzellenzen in Wien löst sich, die feinsten Hofräte sind über Nacht schäbig, faillit und grau geworden, die große Karrière der Reichsbeherrschung gehört einer romantischen Vergangenheit an.  « 1 Am 12. November 1918 wurde im Amtsblatt der bisherigen Reichshaupt- und Residenzstadt Wien die Kundgebung Kaiser Karls  I. veröffentlicht, mit der er tags zuvor seine Regierungsgeschäfte zurückgelegt hatte. Wien verlor mit der Gründung der Repu­ blik seinen Status als Hauptstadt eines mächtigen Imperiums  : Nunmehr erschien auch das Amtsblatt nur mehr als Amtsblatt der Stadt Wien. Damit ist eine Entwicklung angedeutet, die unter den Schlagworten der Demokratisierung und Modernisierung die Gemeindeverwaltung Wiens in der Nachkriegszeit nachhaltig verändern sollte. In diesem Sinne hielt der christlichsoziale Bürgermeister Richard Weiskirchner am Tag nach der Ausrufung der Republik eine Ansprache, in der er »  im Geiste der Eintracht  « ankündigte, »  ohne Verzug die Verwaltung der Stadt auf eine breite demokratische Grundlage [zu] stellen  «.2 Eine dieser Maßnahmen war eine Neuzusammensetzung des provisorischen Gemeinderats, da der bestehende nach dem Kurienwahlsystem gebildet worden war und die Stimmen der ( männlichen ) Wähler ungleich gewichtet hatte. In diesem Gemeinderat verschoben sich die Machtverhältnisse deutlich. Die Partei des Bürgermeisters war auf Kooperation angewiesen, da sie nur mehr eine knappe Mehrheit hatte. Unter den neuen Gemeinderäten waren auch erstmals zwölf Frauen, die – nicht immer entlang parteipolitischer Zugehörigkeiten3 – in der Folge frauenspezifische Belange von Gemeindebediensteten einbrachten.4 Der politische Umbruch führte zu einigen wichtigen Veränderungen, die von den verantwortlichen BeamtInnen

Von der Residenz­s tadt zur Bundes­h auptstadt

und GemeinderätInnen in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Richtung Demokratisierung und Modernisierung angestoßen wurden. Dazu zählten  : die Abänderung der Gelöbnis­ formel, Personalveränderungen, die Einführung einer Dienst­ ordnung und die umfangreiche Wiener Verfassungs- und Verwaltungsreform. Eines der ersten Dinge, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit geändert wurden, war die Gelöbnisformel für neu eingestellte Gemeindebedienstete. Der Dienst­eid wurde durch ein »  eidesstättiges Gelöbnis  « ersetzt,5 das der »  gegenwärtigen Verfassung des deutsch-­ österreichischen Staates  « entsprang, wie es in einem Erlass an alle Leiter und Direktoren der städtischen Ämter und Unternehmungen im Jänner 1919 hieß.6 Diese Formel musste in den ersten Monaten immer wieder angepasst werden. In der Gelöbnis­formel, die im April 1919 im Rahmen der neuen

Gelöbnis

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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