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das auch nach dem linkssozialistischen Kurswechsel 1917 vom Austromarxismus nicht infrage gestellt wurde. Gegenstand der Auseinandersetzung war aber ohnehin nicht der Einheitsgedanke als solcher, sondern Bauers politische Strategie, die Einheit der Partei durch eine Synthese von nüchterner Realpolitik und revolutionärem Enthusiasmus zu erhalten. Die daraus resultierende Entscheidung, den bürgerlichen Staat zu retten, um ihn als Grundlage für den Aufbau eines sozialistischen Staats verwenden zu können, wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Kritik – sowohl von rechts als auch von links. Während der reaktionären Rechten bereits die reformistische Politik der Sozialdemokratie zu weit ging, die sie aus diesem Grund als Vorgeschmack auf die drohende Diktatur des Proletariats denunzierte, stellte die kommunistische Linke stets die Glaubwürdigkeit des revolutionären Enthusiasmus der Sozialdemokratie infrage. Insbesondere drei Gesichtspunkte waren dabei ausschlaggebend  : Erstens habe die Sozialdemokratie mit ihrer politischen Strategie eine proletarische Revolution in Österreich verhindert, und zwar zu einem Zeitpunkt ( nämlich 1918/19 ), als die Chancen für einen Erfolg überaus günstig gewesen wären. Aus diesem Umstand folge zweitens, dass es sich beim revolutionären Enthusiasmus der Sozialdemokratie um nichts weiter gehandelt habe als um eine Art Verbalradikalismus, dass die politische Strategie also gar keine Synthese von nüchterner Realpolitik und revolutionärem Enthusiasmus war, sondern bloß die Verschleierung reformistischer Politik durch radikale Phrasen. Für diesen Befund spräche drittens die abwartende Haltung der Sozialdemokratie – ihr oft getadelter Attentismus – gegenüber einem politischen Gegner, der spätestens nach den Ereignissen des 15. Juli 1927 den faschistischen Umbau des Staates konsequent vorantrieb. Vieles von dieser Kritik gehört heute bereits einem vergangenen Zeitalter an, nämlich jenem der bolschewistischen Reformismuskritik. Unter dem Gesichtspunkt der versäumten oder gar verhinderten Revolution erscheint der revolutionäre Enthusiasmus des Austromarxismus tatsächlich als leere Phrase. Was die linke Kritik dabei allerdings geflissentlich übersah, ist der Umstand, dass es die erklärte Absicht des Austromarxismus war, die Staatsmacht auf demokratischem Weg zu erobern. Wie Otto Bauer und andere führende Persönlichkeiten der Partei nicht müde wurden zu betonen, wäre es für die Sozialdemokratie 1918/19 »  jeden Tag  « möglich gewesen, die Diktatur des Proletariats aufzurichten. Was sie davon abhielt, war die nur schwer von der Hand zu weisende Überzeugung, dass die

auf demokratischem Weg errungene Macht sehr viel leichter auf Dauer zu stellen ist als die im gewaltsamen Umsturz eroberte. Nicht umsonst hob Bauer in seiner Rechtfertigung der österreichischen Revolution die »  Selbstbeschränkung des Proletariats  «, das heißt den Verzicht auf die Revolution und die Verteidigung der Republik, als das »  eigentliche, schwierigste Problem der Revolution  « hervor  : »  hungernde, verzweifelnde, von allen Leidenschaften, die der Krieg und die Revolution aufgewühlt hatten, bewegte Massen nicht mit Gewaltmitteln niederzuhalten, sondern mit geistigen Mitteln dazu zu bestimmen, daß sie aus freiem, aus eigener Erkenntnis stammenden Entschlusse die Grenzen nicht überschreiten, die das wirtschaftliche Elend und die wirtschaftliche und militärische Ohnmacht des Landes der Revolution setzten.  « 6 Klingt in Bauers Rechtfertigung bereits der Stellenwert an, den Bildung und Erziehung im Kampf um die Staatsmacht und beim Fortschreiten zum Sozialismus für die

Max Adler, ca. 1930; Foto; Kat. Nr. 1.16.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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