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AU S T R O M A R X I S M U S Die Ideologie der Einheit der österreichischen Arbeiterbewegung Vrääth Öhner

Was ist Austromarxismus  ? Am 3. November 1927 nimmt kein Geringerer als Otto Bauer, stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ( S DAP  ) und zugleich deren führender Theoretiker, zu dieser Frage Stellung. In einem namentlich nicht gekennzeichneten Leitartikel in der Arbeiter-Zeitung unterscheidet Bauer drei miteinander konkurrierende Bedeutungen des Begriffs  : Austromarxismus sei zum einen »  seit einiger Zeit ein Lieblingsschlagwort im bürgerlichen Sprachgebrauch  « geworden und bezeichne dort »  eine ganz besonders bösartige Spielart des Sozialismus  «. Diesem bürgerlichen Missverständnis widerspreche zum anderen die wahre Geschichte des Begriffs, der von Louis B.  ­Boudin, einem amerikanischen Sozialisten, noch vor dem Ersten Weltkrieg geprägt wurde, um eine Gruppe junger österreichischer Sozialdemokraten zu beschreiben ( unter ihnen Max Adler, Friedrich Adler, Karl R ­ enner, ­Rudolf ­Hilferding und Otto Bauer ), die versuchten, »  die marxistische Geschichtsauffassung auf komplizierte, aller oberflächlichen, schematischen Anwendung der Marx’schen Methode spottende Erscheinungen anzuwenden  «. Weil sich die »  austromarxistische Schule  « nach dem Ersten Weltkrieg allerdings aufgelöst hatte, bezeichne der Begriff drittens »  heute nichts anderes als die Ideologie der Einheit der Arbeiterbewegung  «: Im Gegensatz zu den »  Arbeiterparteien der meisten anderen Länder  « sei es der österreichischen Sozialdemokratie nämlich gelungen, »  in all den Stürmen der Nachkriegszeit ihre Einheit zu bewahren  « – das heißt, sie konnte den Einfluss kommunistischer Agitation weitgehend unterbinden. Und zwar nicht zuletzt aufgrund einer politischen Strategie, die »  nüchterne Realpolitik und revolutionären Enthusiasmus in einem Geist vereinigt  «. Gegenwärtig sei der Austromarxismus daher ­beides, sowohl das Produkt der Einheit der österreichischen Arbeiterbewegung als auch »  die geistige Kraft, die die Einheit erhält  «.1

Viel prägnanter als Otto Bauer das getan hat, kann man den schillernden Begriff des Austromarxismus kaum auf den Punkt bringen, zumal seine Darstellung im Kern die wesentlichen Konfliktlinien umreißt, die das zeitgenössische Verständnis bestimmten. Da ist zum einen das Verhältnis zum politischen Gegner, der Christlichsozialen Partei, und namentlich zu Ignaz Seipel, deren Vorsitzendem und zu diesem Zeitpunkt auch Bundeskanzler, der während des Wahlkampfs zur Nationalratswahl am 24. April 1927 den Begriff Austromarxismus als negativ besetzten Kampfbegriff ins Spiel gebracht hatte. Während seiner zweiten Amtszeit von 1926 bis  1929 stärkte Seipel die Rolle der austrofaschistischen Heimwehr ( insbesondere nach dem Justizpalastbrand 1927 ),

Schlagwort der Rechten

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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