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probates Mittel für den Aufbau einer Massenpartei erweisen sollte. Eine Konzeption, die vor allem in der Richard-Wagner-­ Verehrung und in einer bestimmten Nietzsche- und Schopenhauer-Rezeption einer in der Tradition der 1848er-Revolution stehenden, radikaldemokratischen, deutschnationalen und jüdisch assimilierten Führungsschicht begründet ist und die sich am deutlichsten in der Person Victor Adlers – einer paradigmatischen Figur sowohl der Arbeiter- als auch der W ­ iener Stadtgeschichte – manifestiert. Es war Victor Adler, der eine im Rahmen der jungen politischen Bewegung entstehende egalitäre Utopie als eine Konzeption der Modernisierung und Zivilisierung der Massen entwarf. Diese Massen wurden als eine politisch bewusste und disziplinierte Arbeiterklasse verstanden, die unter Anleitung und Erziehung der Avantgarde der Arbeiterbewegung sich selbst schafft und dieserart überhaupt erst Geschichte machen kann. So verstand sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich von Anbeginn – und in teilweise konfliktgeladener Spannung zu den übrigen Parteien der Zweiten Internationale – vor allem auch als eine ( gegen- )kulturelle Bewegung. Man formulierte eine egalitäre Utopie  : Es war ein komplex amalgamierter Machtentwurf aus nietzscheanischer Zivilisationskritik, Fabianismus und undogmatisch interpretiertem Marxismus, dessen Ziel über die Herausbildung einer modernen Arbeiterklasse europä­ ischen Zuschnitts hinaus auf die Modernisierung der gesamten Gesellschaft gerichtet war.

Victor Adler  : Massen und Moderne

Porträt von Victor Adler (  1852  —   1918  ) , Mitgründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, um 1900 ; Kat. Nr. 1.1.

Aber die Sozialdemokratie verstand sich nicht bloß als Anwältin und Motor anstehender oder überfälliger Modernisierungsprozesse, sie machte vielmehr die ästhetische, wissenschaftliche und politische Moderne zu ihrem Programm und definierte sich so als legitime Nachfolgerin eines gescheiterten bürgerlichen Liberalismus. Über das breit gefächerte Netz von Kulturorganisationen und lebensreformerischen Vereinen, das einerseits der Bildung der proletarischen Massen dienen sollte, traten andererseits Wissenschaftler wie der Philo­soph Wilhelm Jerusalem, die Ökonomen Anton Menger und Eugen Böhm-Bawerk, der Historiker und Volksbildner Ludo Moritz Hartmann, der Musiker Arnold Schönberg oder Schauspieler und Schauspielerinnen wie Max Devrient und Hansi Niese in Kontakt mit der organisierten Arbeiterschaft. Dieses gegenkulturelle Netzwerk wurde von der nachfolgenden Generation austromarxistischer Theoretiker zum zen­tralen Angelpunkt ihrer politischen Konzeption eines anti­zi­patorischen Sozialismus ausgebaut. Während es aber der Gründergeneration des Austrosozialismus weniger um wissenschaftliche Ansprüche, sondern vielmehr – und hier standen sie ganz in einer Wagnerianischen und Nietzschea­ nischen Tradition – um die Schaffung politischer Symbole zur emotionalen Bindung breiter Volksmassen gegangen war, zielten die Austromarxisten eine Generation später auf Verwissenschaftlichung, Rationalisierung und Entemotionalisierung – Konzepte, die das aufklärerische Projekt der Moderne paradigmatisch definieren.7 Ende der 1890er Jahre war aus

Austromarxismus

Victor Adler ( M itte ) bei einem Wiesenfest in Favoriten, dem Heimatbezirk vieler Wiener ZiegelarbeiterInnen, ca. 1898 ; Kat. Nr. 1.2.

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

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