Page 24

22

­ arüber reden würden.    Lichtenberger Zu den d Erfolgen des Roten Wien zählen für mich die vielen Ideen, die heute noch gültig sind. Diese nur kurze Zeitspanne war unglaublich inspiriert. Überlegen wir uns, was von den letzten zehn Jahren Regierungs- oder Stadtpolitik geblieben ist. Das ist einfach nicht zu vergleichen. Ich habe mit meinen Studierenden debattiert, was von der rot-grünen Wiener Stadtregierung übrig bleiben wird. Es war erschütternd. Die häufigste Antwort war  : die Mariahilfer Straße. Ein paar haben dann noch gemeint, vielleicht die Seestadt.    Rásky Mich erstaunt, wie wenig das Rote Wien in Erinnerung geblieben ist. Das gilt auch für den Tourismus. Ich habe einmal versucht, eine Ansichtskarte vom KarlMarx-Hof zu finden. Aber die gab es nicht.    Bauer Die gibt es bei Schwarz Von Käthe Leichter gibt uns im Museum  !    Rásky Warum aber knüpft man es die faszinierende Industriearbeiheute so wenig an das Rote Wien an  ? Das betrifft auch die gegenwärtige Stadtregierung.    Bauer Vieles existiert terInnenstudie So leben wir, die auf ja noch  : Die Kindergärten, das Fürsorgewesen, da braucht der Grundlage einer umfangreichen es gar keine Erinnerung.    Maderthaner TatsächBefragung gezeigt hat, dass arbeitende Frauen 1931 erst wenig oder noch gar nicht von den lich war der Diskurs über das Rote Wien einmal wesentReformprojekten des Roten Wien profitiert hatten.7 Das lich lebendiger. Ich hatte das Glück, in den 1980er Jahren betraf das Wohnen, die Kindererziehung oder die Freizeit. an Ausstellungen über das Rote Wien mitzuarbeiten, und Man kann es aber auch dem Roten Wien anrechnen, dass da waren die Reaktionen gewaltig. Mehrere Hunderttaues die junge Sozialforschung dabei unterstützt hat, genau send BesucherInnen, das ist heute unvorstellbar. Aber ich hinzuschauen und zu überprüfen, was tatsächlich erreicht möchte auch unterstützen, was Lilli gesagt hat. Wir sind wurde. Dazu möchte ich die These diskutieren, wonach jedes Jahr stolz darauf, dass Wien als die lebenswerteste das Rote Wien auch daran gescheitert ist, dass die eigenen Stadt der Welt gilt. Da wirkt vieles vom Roten Wien nach. Medien, die politische Werbung die Welt schon so ideal Andererseits leben wir in einer nicht für möglich gehalfantasiert haben, dass der Abstand zur Wirklichkeit zu groß tenen Hegemonie des Neoliberalismus. Man kann heute geworden ist. Siegfried Mattl hat vom nur spekulieren, was gewesen wäre, wenn Roten Wien als einer »  Marke  « und einer das Rote Wien starke Partner gehabt hätte. »  Politik aus dem Geist der Reklame  « Aber es war im Wesentlichen auf sich allein gesprochen.8    Konrad Bitte vergestellt. Wann und wo hat das sonst funktiEs ist schwierig, andere Orte zu finden, wo sich gessen wir nicht, wir sprechen hier von oniert, eine soziale Utopie Wirklichkeit werein soziales Experiment einem Zeitraum von gut einem Jahrden zu lassen  ? Vielleicht in der amerikaniso in die Stadt und zehnt. Wenn man das mit anderen utoschen Studentenbewegung der 1960er und die Alltagserinnerung 1970er Jahre.    Lichtenberger Wenn pischen Projekten vergleicht, dann ist eingeschrieben hat. wir danach fragen, was alles erreicht wurde, meines Erachtens im Roten Wien viel könnten wir auch fragen, was hätte noch mehr gelungen, als man 1919 erwarten Helmut Konrad alles erreicht werden können  ? Wenn es um konnte. Es gibt natürlich diesen Abstand die Kinderbetreuung geht, um das Wohzwischen Utopie und gelebter Wirklichkeit. Und man kann kritisch fragen, wie nen. Es stimmt, dass der kommunale Wohnes tatsächlich in den Waschküchen zugegangen ist, aber sektor in Wien die Mietpreise drückt, dennoch gibt es es gibt das Bemühen, diesen Abstand zu verringern. Deneinen starken Anstieg der Miet- und Wohnungspreise. Desken wir uns die Weltwirtschaftskrise weg und damit den halb muss man immer die Frage stellen  : Worauf kann Faschismus, und stellen wir uns vor, das Rote Wien hätte man sich zu Recht berufen  ? Worauf kann man stolz sein  ? noch ein Jahrzehnt gehabt. Es wäre interessant, wie wir Was muss man verteidigen  ? Wenn man bedenkt, was

weil sie linksradikal waren und die AktivistInnen mit den Kommunisten Kontakt hatten.    Bauer Den Begriff der »  Kopie  « finde ich etwas unfair. Das Bürgertum hatte spätestens seit dem Biedermeier Gelegenheit, Landpartien zu machen. Bis auch die ArbeiterInnen am Wochenende in diesen Genuss kamen, ist doch sehr viel Zeit vergangen.    Konrad In den Strukturen wird tatsächlich kopiert. Es ist richtig, die Naturfreunde bauen Hütten wie der Alpenverein. Aber sollen sie einen Gemeindebau auf die Rax stellen  ?    Maderthaner Ist das nicht immer Ausdruck von Zeitgeistigkeit  ? Das Rote Wien errichtet 1923 ein Krematorium. Das ist ein Kulturbruch sondergleichen. Was aber wirklich radikal neu war, ist die öffentliche Repräsentation von Frauen. Die Turnerinnen am ersten Mai, mit kurzen Hosen und Leiberln, mit Bubikopf, da ist für mich ein qualitativer Sprung.   

Wolfgang Maderthaner

Lilli Bauer

Profile for Wien Museum

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...