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Debatte 18

WA S I S T DA S R OT E W I E N  ? Lilli Bauer Helmut Konrad Hanna Lichtenberger Wolfgang Maderthaner Béla Rásky Werner Michael Schwarz

Die Kuratorin des Museums Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof Lilli Bauer, der emeritierte Professor für Zeitgeschichte an der Universität Graz Helmut Konrad, die Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien Hanna Lichtenberger, der Historiker und Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Wolfgang Maderthaner und der Historiker und Geschäftsführer des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocauststudien Béla Rásky im Gespräch über Geschichte und Theorie des Roten Wien am Esstisch des einstigen Wiener Bürgermeisters Karl Seitz im Vorwärts-Haus, dem ehemaligen Sitz der Partei und der Arbeiter-Zeitung an der Wienzeile im fünften Wiener Gemeindebezirk. Moderation  : Werner Michael Schwarz.

Schwarz Was ist für Sie das Rote Wien  ? Experimentierfeld, Labor, Utopie, Projekt der Spätaufklärung oder Linkspopulismus, um nur einige Begriffe zu nennen, die mit dem Roten Wien assoziiert werden.    Rásky Mir fehlt dabei ein Begriff, den Siegfried Mattl geprägt hat  : »  öffentliche Moralanstalt  «. Ich würde für »  Projekt der Spätaufklärung  « plädieren, wenn es nicht auch diesen fast religiösen Aspekt und hohen Anspruch auf Moral gegeben hätte, der sich in vielen Texten wiederfindet.    Bauer War das nicht Teil des Bildungsanspruchs, der darauf abzielte, der Arbeiterschaft zu zeigen, wie man leben soll  ? Das hebt für mich

diesen Widerspruch auf, denn man wollte die Arbeiter bilden, und bis das gelungen war, mussten sie glauben.    Konrad Ich denke nicht, dass sich dieser Widerspruch so leicht aufhebt. Das Rote Wien hatte zunächst eine sozialpolitische Aufgabe, an die man nur rational herangehen konnte. Ich muss die Mutter-Kind-Betreuung ändern, die Wohnbauten errichten, die Tuberkulose bekämpfen, Schulen, Kindergärten bauen. Das hat alles zunächst keinen religiösen Aspekt. Wolfgang Maderthaner und ich haben deshalb vom Roten Wien als einem »  Modell für eine moderne Großstadt  « gesprochen. Das ist Spätaufklärung in Reinkultur, das ist Modernisierung  : Wir müssen dieses Wien sauberer, sicherer, gesünder, für die Kinder lebenswerter machen. Das ist die eine Seite. Die andere ist der Versuch, dem Roten Wien eine überhöhte Außenwirkung zu verleihen. Wenn man als »  Bauvolk der kommenden Welt  «  1 auftritt, dann genügt es nicht, zu sagen, in Wien gibt es keine Tuberkulose mehr, da braucht es noch etwas anderes. Aber worauf greift man zurück  ? Wenn die Aufklärung die Welt entzaubert, dann hat beispielsweise der Bildungspolitiker des Roten Wien, Luitpold Stern, versucht, sie wieder zu verzaubern und dafür religiöses Vokabular wie »  Psalm  « verwendet.2 Das hieß, wir sind mehr als eine moderne Großstadt, wir sind die kommende Welt. Dazu brauchen wir nicht nur die religiöse Überhöhung, sondern auch den »  Neuen Menschen  «. Da wird es dann tatsächlich zum Teil problematisch. Aus Karl Stadlers3 Tagebüchern der Zeit wissen wir, dass er ernsthaft daran gedacht hat,

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...