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EINLEITUNG Werner Michael Schwarz Georg Spitaler Elke Wikidal

Das Rote Wien ist als Thema einer Ausstellung wie großes Theater, das wieder aufgeführt und neu inszeniert wird. Der Text, die Partitur, steht insbesondere nach 40 Jahren intensiver Forschung und Auseinandersetzung in vielen Teilen fest  : die große Architektur, ihre eindrucksvollen fotografischen Repräsentationen, die intensiven Debatten aus der Lese- und Bildungswelt des Roten Wien. Es geht um Wohnen, Schule, Fürsorge, Frauenpolitik, Volksbildung, Arbeiterkultur, Kunst, um die Wahlkämpfe und die harten, mit allen ( visuellen ) Medien geführten unmittelbaren Auseinandersetzungen mit den politischen Gegnern. Jede Aufführung des Roten Wien operiert mit Hervorhebungen, Auslassungen, Wiederentdeckungen und positioniert sich gegenüber ihren Vorgängerinnen. Die Interpretation dieser nur wenig mehr als zehn Jahre dauernden »  Veralltäglichung der Utopie  « ( Wolfgang Maderthaner ) von 1919 bis 1934, die sich so nachhaltig in die Stadt eingeschrieben hat, reflektiert den gegenwärtigen Kontext und die Interessen der GestalterInnen. Die Großausstellung Traum und Wirklichkeit. Wien 1870 – 1930, die 1985 im Wiener Künstlerhaus gezeigt wurde, war vom Weiterwirken der intellektuellen und künstlerischen Ideen der Zeit um 1900 fasziniert.1 Die Geschichte endete hier programmatisch im Jahr 1930, im Jahr der Eröffnung des Karl-Marx-Hofs, also noch vor dem eigentlichen Ende des Roten Wien, im Sinn des Abschlusses einer Blütezeit Wiener Kultur. In dieser Interpretation war der Architekt Otto Wagner eine der Schlüsselfiguren der auf diese Weise definierten Epoche. Das Interesse lag auf der Fortführung seiner Ideen durch seine Schüler im Roten Wien, nicht zuletzt aufgrund des scheinbaren Paradoxons, dass die sozialistischen Ideale mehrheitlich von bürgerlichen Architekten umgesetzt wurden. Schon in den Jahren vor 1985 hatten mehrere Ausstellungen das Rote Wien auf teilweise große Bühnen gehoben. Den Auftakt machte 1980 eine Ausstellung mit dem fast schüchternen Titel Zwischenkriegszeit – Wiener Kommunalpolitik 1918 – 1938, die im Rahmen der Wiener Festwochen eröff-

net und im Museum des 20. Jahrhunderts im Schweizergarten und anschließend im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum gezeigt wurde.2 Die sepiafarbigen Schwarz-Weiß-Fotos im knapp über 100 Seiten starken Katalog sind mit einem dünnen rosa Schleier überzogen, der auf einen Zugang zwischen Melancholie und vorsichtiger Repolitisierung hindeutet. Ganz anders dann die im Jahr darauf gezeigte Exposition Mit uns zieht die neue Zeit. Arbeiterkultur in Österreich 1918 – 1934, die am Roten Wien vor allem das Kollektiv als handelndes Subjekt interessierte.3 Als Bühne wählten die AusstellungsmacherInnen die Koppreiter-Remise in Meidling, einen theatralen, aber gerade nicht musealen Raum. In der Schau Die Kälte des Februar. Österreich 1933 – 1938, die auf die Niederschlagung des sozialdemokratischen Aufstands fokussierte, fand dieser Zugang 1984 eine Fortsetzung.4 Im Geist der neuen Linken der 1970er Jahre wurden die 1934 zum Kampf Bereiten der Unentschlossenheit ihrer Parteiführung gegenübergestellt. Beide Ausstellungen arbeiteten mit ›  Texten  ‹, die heute nicht mehr unmittelbar zugänglich sind, mit Erinnerungen von Beteiligten. Das Rote Wien war in den 1980er Jahren noch ein glühender Gegenstand, und die Kultur, die es mitgetragen hatte, weitgehend intakt. In dieser Zeit war die Stärke der Sozialdemokratie in Wien scheinbar fest abgesichert, aber die Ausstellungen und die jungen MacherInnen versuchten, sie daran zu erinnern, dass das nicht immer so bleiben müsse. In dieser Zeit kam die Partei vor allem vonseiten der Jungen im Kontext der neuen Umwelt-, Frauen- und Kulturinitiativen unter Druck, die ihr das kämpferische Engagement der »  Arbeitermassen  « der Vergangenheit vor Augen führten und am Roten Wien kritisierten, was man gerade an der Partei der Gegenwart diagnostizierte  : Paternalismus, Selbstgefälligkeit und Unentschlossenheit. In diese Richtung ging auch die Ausstellung einfach bauen, die 1985 im Wiener Künstlerhaus gezeigt wurde und erstmals im großen Rahmen die Siedlerbewegung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als eine »  Bewegung von

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...