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Experiment metropole

1873: Wien und die weltausstellung


Bau des Industriepalasts der Weltausstellung, 1872


wien museum

  Experiment     metropole    1873: Wien und   die weltausstellung  Herausgegeben von Wolfgang Kos und Ralph Gleis

Czernin Verlag


Experiment Metropole – 1873: Wien und die Weltausstellung 397. Sonderausstellung des Wien Museums Wien Museum Karlsplatz 15. Mai bis 28. September 2014

Katalog

Ausstellung

Kuratoren Wolfgang Kos Ralph Gleis Kuratorisches Team / wissenschaftliche Mitarbeit Sándor Békési Walter Öhlinger Michaela Lindinger Andreas Nierhaus Eva-Maria Orosz Susanne Wernsing Alexandra HönigmannTempelmayr Regina Karner Ursula Storch Michael Wladika Ergänzende Recherchen Noëmi Leemann Isabelle Liebe Ulrike Scholda Jan Werquet Assistenz Elke Sodin Architektur BWM Architekten und Partner: Johann Moser Sanja Utech Ausstellungsgrafik Perndl+Co: Gerhard Bauer Nadine Melchior Vera Kühn

Lektorat Julia Teresa Friehs Übersetzung Andrew Horsfield Nick Somers Ausstellungproduktion Bärbl Schrems Isabelle Exinger Registrar Laura Tomicek Andrea Glatz Nadine Vorwahlner Objektverwaltung Sabine Imp Restaurierung Anne Biber Sabine Formanek Nora Gasser Elisabeth Graff Andreas Gruber Andrea Hanzal Marguerite Ifsits Pina Klonner Maria Kratochwill Elisabeth Macho-Biegler Karin Maierhofer Alexandra Moser Gunn Pöllnitz Sabine Reinisch Klaus Rubitzko Hilde Seidl Beatriz Torres Viktoria Wagesreiter

Herausgeber Wolfgang Kos Ralph Gleis Redaktion Walter Öhlinger Bildredaktion Ursula Gass Lektorat Julia Teresa Friehs Grafische Gestaltung Perndl+Co: Josef Perndl Hanna Bischof Elsa Bachmeyer Fotos Wien Museum Birgit und Peter Kainz Schrift DIN, Quadraat Papier GardaPat 11 Produktion Verlag Burghard List Druck Grasl FairPrint

Aufbau museom Möbelbau Sulzer Werkstätten Wien Museum Winter artservice

Medien ZONE Media Pavel Cuzucioc/ Michael Schindegger Werner Hanak-Lettner/ Natalie Lettner

Medientechnik cat-x

Modelle Modellbau Ernst Brüll Winter artservice/ Clemens Neugebauer

Begleitprogramm Christine Koblitz Wolfgang Kos Ralph Gleis

HAUPTSPONSOR DES WIEN MUSEUMS

Ausstellungssponsoren

MEDIENPARTNER

Objekttexte AN Andreas Nierhaus BZ Bettina Zorn ED Elke Doppler EMO Eva-Maria Orosz ES Elke Sodin IL Isabelle Liebe ML Michaela Lindinger NL Noëmi Leemann RG Ralph Gleis RK Regina Karner SBe Sándor Békési SBr Susanne Breuss SGl Silvia Glaser Schnabel SGr Susanne Gruber USch Ulrike Scholda USt Ursula Storch SWe Susanne Wernsig SWi Susanne Winkler WK Wolfgang Kos WÖ Walter Öhlinger

Copyright © 2014 by Wien Museum und Czernin Verlag ISBN Buchhandelsausgabe 978-3-7076-0474-0 ISBN Wien Museum 978-3-7076-0475-7 Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Abdrucks oder der Reproduktion einer Abbildung, sind vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Verlags ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

In Kooperation mit


Inhalt

8 12 24

Wolfgang Kos Vorwort Wolfgang Kos, Ralph Gleis Zur Ausstellung Kriterien einer Metropole Ein Werkstattgespräch 

Aufsätze Wien um 1870  Teil 1

36

Volker Barth Weltausstellung und  Nachrichtenwelt  Presse, Telegrafie und internationale Agenturen um 1873 44 Peter Payer Um 1870: Wien wird   groß und laut Stadteindrücke und Beobachtungen 52 Andreas Weigl Auf dem Weg zur Millionenmetropole Eine Stadt platzt aus allen Nähten 64 Karl Fischer Mapping the city Großstadtentwicklung und neue Stadtpläne 74 Walter Öhlinger Kommunale Oligarchie Der Wiener Gemeinderat in der liberalen Ära 84 Peter Eigner Boom und Krach Österreichs wirtschaftliche Entwicklung um 1873 94 Sándor Békési Auf dem Weg zur Stadtmaschine? Zur Infrastrukturentwicklung Wiens in der frühen Gründerzeit 106 Christian Maryška Mit dem Handy-Guide zur Weltausstellung Der Beginn des Wiener Städtetourismus

WELTAUSSTELLUNG 118 Noëmi Leemann Die Weltausstellung kommt nach Wien Ein Unternehmen der Superlative 126 Peter Plener Sehsüchte einer Weltausstellung Wien 1873 134 Richard Kurdiovsky Die Idee der Rotunde Architektur zwischen Konstruktion und Monumentalbau 142 Andreas Nierhaus Zeichnungen, Modelle, Musterbauten Architektur als Medium auf der Weltausstellung

150 Ursula Storch Vom Wurstelprater zum Volksprater Die Praterregulierung anlässlich der Weltausstellung 158 Susanne Breuss „Kost und Quartier“ Wiener Gastronomie und Hotellerie zur Zeit der Weltausstellung 166 Susanne Wernsing Technik ausstellen Von der Industrie- zur Universalausstellung 174 Eva-Maria Orosz Kunstindustrie für den Luxusmarkt Wiener Kunstgewerbe um 1873 182 Susanne Gruber Sammlungsgeschichte(n) Das Nachleben von Exponaten der Weltausstellung 188 Kathrin Pokorny-Nagel „Vieles ist erreicht, aber noch mehr ist zu thun übrig“ Das österreichische Kunstgewerbemuseum und die Weltausstellung 194 Wilfried Posch Weltausstellung und Stadtentwicklung Die Folgen für Wien

  Wien um 1870  Teil 2

206 Michaela Lindinger Die Aufsteiger von Wien „Sag einmal, was ist das eigentlich, ein Baron?“ 214 Gerhard Milchram Erfolg und Wohltätigkeit Netzwerke des jüdischen Großbürgertums 222 Margret Friedrich Die „Frauenfrage“ Weibliche Bildung und Erwerbsarbeit 230 Ralph Gleis Impulse zum Aufbruch Die Internationalisierung der Wiener Kunstszene um 1870 240 Manfred Wagner Kampf um die Hegemonie in der Musik Wagner, Brahms, Bruckner, Hanslick 248 Thomas Aigner „Rotunde-Quadrille“ Wiener Unterhaltungsmusik in den Jahrzehnten um die Weltausstellung 256 Roman Horak Vor der Massenkultur Formationen der Wiener Unterhaltungslandschaft um 1870 262 Walter Öhlinger Vom Bildungsverein zur Arbeiterpartei Urszenen der österreichischen Sozialdemokratie 272 Michael Wladika Ende der liberalen Ära und Anfänge der Massenparteien Deutschnationale und Christlichsoziale


Ausstellung 284

1. AUF DER ÜBERHOLSPUR Die Euphorie der Gründerzeit

285 1.1 Die „fetten Jahre“ Wirtschaftsaufschwung und Finanzboom 1867–1873 290 1.2 Neuer Spielraum für Wien Aufbruch zur modernen Kommunalpolitik 293 1.3 Das neue Rathaus Außen gotisch, innen rational

296

2. BAUSTELLE RINGSTRASSE Ein Boulevard deR groSSen Ambitionen

297 2.1 Ein staatliches Prestigeprojekt Die erste Phase des Ringstraßenbaus 308 2.2 Lehm wird Gold Zwischen Wienerberg und Opernring 312 2.3 Logenplätze für die Superreichen Die Ringstraßengesellschaft

320

3. Kontrolle über die Natur Sicheres Wasser, gesundes Wasser

321 3.1 Donauregulierung Ein Jahrhundert-Projekt 330 3.2 Hochquellenleitung Alpenwasser für die Großstadt

336

4. Beschleunigung Verkehr und Kommunikation

337 4.1 Zeitgewinn Telegrafie und Rohrpost 340 4.2 N, NW, W, S, O Die Zeit der großen Bahnhöfe 346 4.3 Vorne Pferde, unten Schienen Alte und neue Verkehrsmittel 348 4.4 Die Kunst der Ingenieure Neue Brücken 352 4.5 Nach Wien Anfänge des Städtetourismus

356

5. Stadt in der Stadt Die Weltausstellung entsteht

358 5.1 Feste des Fortschritts Idee Weltausstellung 360 5.2 Die Macher der Weltausstellung Wirtschaftliche und politische Motive 363 5.3 Ein visionärer Plan Die Großbaustelle im Prater 372 5.4 Eine architektonische Weltreise Exotische und repräsentative Pavillons 378 5.5 Die Rotunde Ein neues Wahrzeichen für Wien 382 5.6 1. Mai 1873 Die feierliche Eröffnung 384 Exkurs Medien Neue Bilder für ein neues Publikum Fotografie und illustrierte Presse

394

6. Guter Geschmack Bürgerliches Wohnen, Mode, Familie

395 6.1 Pluralismus im Design Bürgerliches Wohnen 399 6.2 Die Kunst der Verhüllung Mode im Takt der Zeit 407 6.3 Inszenierungen Bürgerliche Familie und Doppelmoral

414

Boomjahre der SpaSSkultur 7.

Walzer tanzte man überall

415 7.1 Musikalische Titanenkämpfe Das Musikleben als neue Bühne des Bürgertums 419 7.2 Orte des Vergnügens Vornehm bis ordinär 424 7.3 „Amüs’ment, Amüs’ment!“ Die Operette als neues Erfolgsgenre 429 7.4 Ruhm, Exzess, Rivalität Die Geistinger und die Gallmeyer

434

8. Globales Schaufenster Ein Gang durch die Weltausstellung

435 8.1 Eine Welt- und Zeitreise im Prater Ausstellungsalltag und Events 445 8.2 Die Ordnung der Dinge Die Welt an einem Ort 448 8.3 Fortschritt durch Technik Schlüsselbranchen der Industrialisierung 454 8.4 Mustergültig und beispielhaft Schaustücke und Exportschlager 462 8.5 Vorzeigeprojekt Kaiserpavillon Interieurs vom Feinsten


464 Exkurs Display Die Kunst der Inszenierung Strategien des Ausstellens zwischen Warenhaus und Museum

468

Kunst, Exotik und Belehrung 9.

Impulse der Weltausstellung

469 9.1 Die größte Kunstausstellung der Welt Zwischen Repräsentation und Kunstmarkt 474 9.2 Globaler Handel und kultureller Austausch Exotisches aus dem Nahen und Fernen Osten 482 9.3 Bildung und der kleine Unterschied Kindererziehung, Unterrichtswesen, Frauenarbeit 488 Exkurs Museen Wurzeln der Wiener Sammlungen Von der Weltausstellung ins Museum

492

10. Faszination Ferne Ausweitung des Horizonts

493 10.1 Modethema Orient Exotik in Griffweite 498 10.2 Ans Ende der Welt Die Nordpol-Expedition ‚entdeckt‘ das Franz-Josefs-Land

506

11. Ins Grüne Neues Verhältnis zur Natur

507 11.1 Kolonisierung der Alpen Gründung von Gebirgsvereinen 512 11.2 Rettung des Wienerwalds Joseph Schöffel und seine Kampagne 516 11.3 Mit Dampf in die Natur Die Wiener „Bergbahnen“ 519 11.4 Urbanes Grün Villen mit exklusivem Landschaftsblick 521 11.5 Zwischentöne Stadtrand in der Malerei

524

12. Das andere Wien Migration, Wohnungsnot, Armut

525 12.1 Bauarbeiter, Taglöhner, Hauspersonal Die Migration verändert Wien 528 12.2 Soziale Segregation Neue Rasterviertel an der Peripherie 531 12.3 Wohlfahrt war Privatsache Armut und ihre Bekämpfung

534

13. Sterben und Leben Medizin und Hygiene

535 13.1 Forschen, um zu heilen Medizin von Weltruhm 544 13.2 Wiens letzte Choleraepidemie Hygiene und Sanitärpolitik 548 13.3 Großstadt der Toten Errichtung des Zentralfriedhofs

552

14. Börsenkrach 1873 Wirtschaftskrise und politische Konsequenzen

553 14.1 Der Schwarze Freitag Zusammenbruch der Spekulationswelle 558 14.2 Antiliberalismus und Antisemitismus Der Aufstieg der deutschnationalen Bewegung 564 14.3 Es begann mit Bildungsvereinen Urgeschichte der Sozialdemokratie 567 14.4 Lueger geht in die Politik Frühphase der christlichsozialen Bewegung

570

Finanzdesaster und Imagegewinn 15.

Bilanz der Weltausstellung

572 15.1 Nach dem rauschenden Fest Zeitgenössische Rezeption der Weltausstellung 573 15.2 Ausgezeichnet! Erfolgsgeschichte Weltausstellung 575 15.3 Was von der Weltausstellung blieb Das Ende der Ausstellungsstadt

ANHANG 580 582 583 584

Biografien der Autorinnen und Autoren Leihgeber Abbildungsnachweis Dank


VORWORT

Blick von der Rotunde auf Wien, 1873

Vier Jahre nach der Großausstellung Kampf um die Stadt zu Politik, Kunst und Alltag zeigt das Wien Museum wieder ein Epochenpanorama: Diesmal geht es um die Zeit um 1870, eine entscheidende Transformationsphase Wiens auf dem Weg von der kaiserlichen Residenzstadt zur modernen Großstadt mit Metropolenanspruch. Ein Katalysator dafür war die gigantisch dimensionierte Weltausstellung von 1873. Sie war wie der Bau der Ringstraße ein Ausdruck des Ehrgeizes Wiens, seine internationale Bedeutung zu steigern. Die in einer im Prater temporär aufgebauten „Stadt in der Stadt“ abgehaltene Machtdemonstration der Superlative war die erste globale Leistungsschau, die nicht in London oder Paris stattfand – und die bisher größte: 53.000 Aussteller, 194 Pavillons, eine 800 Meter lange Maschinenhalle und die Rotunde als neues Wahrzeichen Wiens. Dafür und für viele andere Megaprojekte und Modernisierungsmaßnahmen steht der Ausstellungstitel Experiment Metropole. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in Europa zum schnellsten Verstädterungsprozess seiner Geschichte. Um 1850 hatte Wien 550.000 Einwohner und Einwohnerinnen, 20 Jahre später bereits rund eine Million und nach 1900 über zwei Millionen. Die Leitmetropolen und einzigen europäischen Weltstädte waren damals London und Paris. „1873“ steht sowohl für die Grundidee des Zeitschnitts, dazu ist es eine der wenigen Jahreszahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich im Langzeitgedächtnis eingebrannt haben. Und das gleich doppelt: als Jahr des größten internationalen Events, das je in Wien stattfand, und als Jahr des ersten weltweiten Börsenkrachs, der damals ähnlich dramatische Folgen hatte wie jene von 1929 und 2008. Solche plötzlich aktuellen Bezüge sind das Salz in der Suppe historischer Ausstellungen. Ein ganz anderes Beispiel dafür, auf welch für uns nahe Themen man in einem Wien-Rundblick „um 1870“ stoßen kann, ist die erste Umweltkampagne Österreichs: 1871/72 kämpfte der „Retter des Wienerwalds“ Joseph Schöffel mit Erfolg gegen die Abholzung des Wienerwalds. Einige weitere

9

damalige ,Schlagzeilen‘: 1873 wurde die Hoch­ quellenwasserleitung eröffnet, eine hygienische Jahrhundertleistung von europäischer Bedeutung. Angeblich geht die Wiener Sitte, zum Kaffee ein Glas Wasser anzubieten, darauf zurück: Cafetiers signalisierten damit, dass sie gesundes Alpen­ wasser servierten. Oder: 1873 wurde der letzte der großen Bahnhöfe fertiggestellt, rechtzeitig zur Weltausstel­ lung. 1874 wurde mit dem Zentralfriedhof die damals größte Totenstadt Europas eröffnet. Im selben Jahr wurde in Wien die Fledermaus uraufgeführt und in der neuen Hofoper am Ring Aida gespielt, nur zwei Jahre nach der Uraufführung in Kairo. Ebenfalls 1874 kehrte die Nordpolexpedition unter Julius Peyer und Carl Weyprecht triumphal nach Wien zurück, und die beiden wurden als Entdecker des „Franz-Josefs-Landes“ gefeiert. Seit 1872, zwei Winter lang, waren die Expeditionsteilnehmer im Eis gefangen, die Weltausstellung haben sie leider versäumt. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung gilt der politischen, ökonomischen und urbanistischen Strukturgeschichte und den wegweisenden Innovationen in Technik, Medizin, Architektur, Kultur und Lifestyle. Doch zur Geschichte gehören auch Geschichten – wie jene vom Ringstraßenbaron und Multimillionär Todesco, der Wien angeblich mit falsch verwendeten Fremdwörtern erheiterte und so ein Musterexemplar eines neureichen Aufsteigers abgab. Wahrscheinlich nur eine neidvolle Boshaftigkeit gegenüber einem Zuwanderer, der einen der teuersten Logenplätze der Stadt bezogen hatte und Teil jener mächtigen Finanzoberschicht war, die in den Jahren vor dem Börsenkrach 1873 (zu) kräftig aufs Gas drückte. Der Fortschrittsoptimismus war grenzenlos, alles schien machbar. Auch der Total­ umbau der Donau, die damals in ein schnurgerades Bett gezwungen wurde, was zu einer völligen Veränderung der Stadtgestalt Wiens führte. Die Ringstraße, ein ab 1859 mit atemberaubendem Tempo aus dem Boden gestampftes beispielloses Megaprojekt, war Monumentalbühne einer Gesellschaft im Auf- und Umbruch: radikale Gegenwart mit Zukunftsanspruch. All jene historistischen


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A) Was passiert hier?

Meisterwerke, die uns heute als Ruhmesbauten einer gloriosen Vergangenheit erscheinen, waren damals nagelneue, zeitgeistige Gegenwartsarchitektur. Der Ring war gewissermaßen das größte Ausstellungsstück der Weltausstellung, in den Wien-Führern wurden neben dem Stephansdom und der Rotunde mit Selbstverständlichkeit auch der neue Nordbahnhof oder private Ringpalais als Top-Sehenswürdigkeiten angeboten. Der Ring machte Wien definitiv metropolitaner, schon nach wenigen Jahren war klar, dass hier eine Hauptstraße des 19. Jahrhunderts im Entstehen war. „Die Straße ist so ambitiös, dass einem die Luft wegbleibt“, heißt es in Edmund de Waals Buch über seine Vorfahren, die aus Odessa in die Wirtschaftsmetropole Wien gekommenen Ephrussis. Der Ring war, in Übereinstimmung mit der neuen Finanz- und Gestaltungsmacht des Großbürgertums, Wiens erste planmäßige Stadterweiterung, ein systematischer Stadtumbau mit nicht zu überschätzenden Auswirkungen. Doch die Großbauten mit ihren überladenen Fassaden blenden und überlagern eine ebenso bedeutende und das Leben von Hunderttausenden bestimmende korres­pondierende Stadterweiterung: Um 1870 begann auch die Anlage der proletarischen Außen­ bezirke mit ,amerikanischer‘ Rasterbebauung. Das war eine Konsequenz der enormen demografischen Dynamik: Nie zuvor und nie danach kamen so viele Migrantinnen und Migranten nach Wien, um in der Boom City Arbeit und bessere Lebensverhältnisse zu finden. Soziale Not war die Kehrseite der demonstrativen Prachtentfaltung und der forcierten Lebensgier der Oberschicht. Um auf den Ausstellungstitel zurückzukommen: Ganz wichtig für Idee, Konzept, Dramaturgie und Raumplanung ist das „und“: Wien und die

Weltausstellung. Man findet – in der Ausstellung und im Katalog – zwei Erzählstränge, genau genommen sogar eine Schau (die zur Weltausstellung), die in eine andere, die man Wien um 1870 nennen könnte und die mit breiterem Suchfeld arbeitet, eingelagert ist. Dass die beiden Teilausstellungen klar voneinander unterscheidbar sind, war eine Herausforderung für die Ausstellungsarchitektur. Zugleich korrespondieren Weltausstellung und Stadtgeschichte miteinander. Die Ausstellung hat drei Akte in drei Ausstellungsbereichen – zwei im Erdgeschoß des Museums, einer im ersten Stock. Das Thema Weltausstellung wird in drei Zeitschnitten präsentiert: „Vorher“, „Während“ und „Nachher“. An dieser Stelle gleich mein Dank für die Architektur von BWM (Johann Moser mit Sanja Utech) und die Ausstellungsgrafik von Perndl+Co (Gerhard Bauer mit Nadine Melchior): Moser und Bauer fanden spezifische Methoden, um die Ausstellungsstruktur zu pointieren. Einige Sequenzen haben eine gewisse Rohheit mit Anklängen an Baugerüste: Vieles war damals provisorisch, Wien war jahrzehntelang Baustelle. Für besonders spektakuläre und wertvolle Ausstellungsstücke danke ich dem MAK als Kooperationspartner und dem Technischen Museum Wien als „Special Partner“. Aus dem MAK etwa kommen historistisches Design und Asiatika von der Weltausstellung, aus dem TMW Glanzstücke der Technikgeschichte wie Maschinen oder das riesige Modell des damals neuen und nach 1945 verschwundenen Südbahnhofs. Darüber hinaus haben uns bedeutende Museen und Sammlungen mit Leihgaben unterstützt, besonders viele stammen aus der Wienbibliothek im Rathaus und aus der ÖNB. Ihnen und vielen anderen Museen (darunter so spezielle wie


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B) War diese Frau gefährlich?

C) Wo wohnen diese Leute?

das Ziegel- oder das Alpenverein-Museum), diversen Archiven, Universitätssammlungen sowie Vereinen und Privaten danke ich für ihr Vertrauen. Hauptsächlich konnten wir die Schau aus der eigenen Sammlung bestücken. Darin befinden sich 1.600 Fotografien von der Weltausstellung. Es können auch zahlreiche Objekte gezeigt werden, die bereits 1873 zu sehen waren: Gemälde, die sich heute im Louvre und im Germanischen Nationalmuseum befinden, Glas von Lobmeyr, Teile des Kaiserpavillons aus dem MAK oder der Prototyp des Panzerschranks des Wiener Fabrikanten Wertheim, der 1873 eine Weltsensation war. In besonderer Weise habe ich Ralph Gleis zu danken. Gemeinsam haben wir das Gesamtkonzept und die Storyline entwickelt, die Exponate ausgewählt und die Kapiteltexte verfasst. Parallel dazu wurden die Zuständigkeitsfelder aufgeteilt: Ralph Gleis widmete sich vor allem den Weltausstellungs-, Wolfgang Kos den Wien-Themen. Gewissenhaft unterstützt wurden wir von Elke Sodin, der Assistentin der Ausstellung. Reflektiert und weiterentwickelt wurden unsere Überlegungen im Austausch mit dem kuratorischen Team und den Bearbeitern der Themenbereiche: Sándor Békési (Infrastruktur, Verkehr und Kommunikation, Bergbahnen, Schöffel), Walter Öhlinger (Wirtschaft, Kommunalpolitik, Liberalismus, Arbeiterbewegung), Andreas Nierhaus (Ringstraße, Rotunde), Susanne Wernsing (Technik, Medizin, Hygiene), Alexandra Hönigmann-Tempelmayr (U- und E-Kultur), Michaela Lindinger (Gesellschaft), Eva-Maria Orosz (angewandte Kunst), Regina Karner (Mode), Ursula Storch (Prater). Eine derart komplizierte Ausstellung hätte nicht entstehen können, wenn nicht das groß­ artige organisatorische Team des Wien Museums

zu jedem Zeitpunkt alle Fäden zusammen­ge­halten hätte. Stellvertretend für viele gilt mein Dank Bärbl Schrems (Produktion), Laura Tomicek (Registrar) und pauschal unseren Restauratorinnen und Restauratoren. Der erste Teil des Katalogs bietet Aufsätze, der zweite Teil folgt objektgetreu den Kapiteln der Ausstellung. Niemand hat solchen Anteil am Zusammenführen vieler Fäden zu einem Ganzen wie Walter Öhlinger, der den Katalog redigierte – in Zusammenarbeit mit Julia Teresa Friehs (Lektorat) und Ursula Gass (Bildredaktion). Ich hoffe, es ist nicht nur ein nützliches, sondern auch ein schönes Buch geworden. Dank und Bewunderung abermals für das Grafikbüro Perndl+Co: Den Katalog gestalteten Josef Perndl, Hanna Bischof und Elsa Bachmeyer. Natürlich fühlt sich auch dieser Katalog im Programm des Czernin-Verlags sehr wohl.

Wolfgang Kos Direktor Wien Museum

Kat.Nr. 12.3.7

C Nirgends, denn sie waren obdachlos: ein Asyl im dritten Bezirk. Kat.Nr. 7.4.19

B Ja. Es handelt sich um die berühmte und skandalumwitterte Volksschauspielerin Josefine Gallmeyer. Kat.Nr. 4.1.5

A Es werden Rohrpostbriefe aufgegeben und abgeholt.


Adolph Menzel: „Pariser Wochentag“, 1869 (Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf)


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Bevรถlkerungswachstum London

Paris

Wien

Berlin

1825

1.335.000

855.000

288.000

222.000

1850

2.320.000

1.314.000

426.000

446.000

1875

4.241.000

2.250.000

1.001.000

1.045.000

1900

6.480.000

3.330.000

1.662.000

2.424.000


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Wolfgang Kos, Ralph Gleis

ZUR AUSSTELLUNG Dem urbanen Leitbild der Metropole folgend, erhielt Wien in den 1860er- und 1870erJahren durch groß angelegte städtebauliche und infrastrukturelle Veränderungen ein neues Erscheinungsbild, das die Stadt bis heute nachhaltig verändert hat. In einem enormen Modernitätsschub wurden die Zentralitätsfunktionen der rasant wachsenden Stadt weiter ausgebaut. Durch den Ringstraßenbau und den allgemeinen Bauboom entstand „Neu-Wien“. Tempo, Tempo – Wien um 1870 Die Verkehrs- und Transportrevolution des 19. Jahrhunderts schlug sich in ehrgeizigen Infrastrukturprojekten wie der Donauregulierung und der Fertigstellung von sechs großen Bahnhöfen sowie in der allgemeinen Verdichtung der Verkehrsnetze etwa durch neue Tramwaylinien nieder. Wie im Verkehr ist in allen Lebensbereichen das Tempo des technischen wie gesellschaftlichen Fortschritts die Grunderfahrung des Zeitalters. 1873 kann für Wien als erster Höhepunkt einer Innovationskonjunktur im Prozess einer beschleunigten Modernisierung gelten. Visionäre, aber nicht realisierte Projekte wie das einer U-Bahn nach Londoner Vorbild belegen die Aufbruchsstimmung und den Fortschrittsoptimismus als Basso continuo der zweiten Jahrhunderthälfte. Zur modernen Großstadt gehörten aber auch Aspekte wie die Verbesserung der Organisa­ tionsstruktur in der Verwaltung und städtischen Administration oder der Gesundheitssektor, dessen Modernisierung am Bau von Spitälern, der Hochquellenwasserleitung und dem Zentralfriedhof ablesbar ist. Getragen von Machbarkeitsglauben und Technikbegeisterung scheinen alle Probleme lösbar, sogar die großen sozialen und politischen Fragen. Die Grundlagen für den allgemeinen Modernitätsschub bildeten ein seit den 1860er-Jahren anhaltender Wirtschaftsboom mit Rekordernten sowie der damit einhergehende beschleunigte demografische Wandel. Aus unterschiedlichen Gründen strömte eine Vielzahl von Menschen nach Wien, die insbesondere als Arbeitsmigrantinnen und -migranten für die städtebaulichen Großprojekte tätig waren.

Dem Lockruf der Prosperität folgten Abertausende, die Hoffnung auf ein besseres Leben und die Individualisierungschancen setzten Menschenmassen in Bewegung. Die sich gegenseitig befördernde Dynamik von Verheißung und Arbeitsfleiß, von individueller und kollektiver Wertschöpfung sorgte für einen Auftrieb, der im Sog der ökonomischen und gesellschaftlichen Beschleunigungsprozesse der zweiten Jahrhunderthälfte mündete. Als Umschlagplatz von Menschen, Waren und Ideen waren Metropolen Orte der Innovation und in einer Vorreiterrolle. Großstädte standen seit jeher für die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Fremden und eine extreme soziale, ethnische und kulturelle Diversität. Aufgeschlossen für das Neue wurden sie gleichsam Zeitpioniere. Modernität und Großstadt wurden so zu untrennbaren Zwillingen, unterlagen im janusköpfigen 19. Jahrhundert aber einer ambivalenten Einschätzung. Als Schatten­seiten des Lebenstraums Großstadt entwickelte sich zeitgleich die zivilisationskritische Beschreibung als Moloch. Der Attraktion der Urbanität stand die Angst der Alteingesessenen vor dem Neuen und den Neuen – nämlich den Zuwandernden – entgegen. Wien wuchs rasant und ohne absehbares Ende, um 1870 wurde die Millionengrenze erreicht. Die Größe der Einwohnerzahl definiert allein aber noch keine Metropole. Als „faszinierender und sinnfälligster Sonderfall des Städtischen“,1 wie Heinz Reif es begrifflich fasste, bedurfte es der Erfüllung weiterer Kriterien ( Metropolendiskussion, S. 24): Grundsätzlich macht die Metropole vor allem auch die Konzentration von Macht durch Übernahme zentraler Funktionen in Politik und Wissenschaft aus. Sie ist Knotenpunkte des Geld- und Warenhandels, des Verkehrs und des Informationsaustauschs, worin sich eine überregionale Bedeutung mit einem weiten Versorgungs-, Einzugs-, Zuständigkeits- sowie Kontrollbereich ausdrückt. Als Ort dynamischer Verflechtung ist die Entwicklung moderner Metropolen nur im Zusammenhang mit der Globalisierung zu verstehen. All dies ist aber noch nicht ausreichend ohne die Stabilität und Dauerhaftigkeit ihrer


Bedeutung. Diese können nur wenige Städte für sich beanspruchen und dann zumeist nur in einer spezifischen Funktion (Finanz, Kunst, Handel, Musik), in der sie eine Weltgeltung einnehmen. Bereits 1872 wurde Wien in einem überschwänglich lobenden Zeitungsartikel als Metro­ pole tituliert, nicht ohne die österreichische Sonderform zu charakterisieren: „In jedem großen Staate ist die Metropole tonangebend für das politische, wirtschaftliche und sociale Leben desselben; in Oes­ terreich aber fällt das Gewicht der Hauptstadt noch schwerer in die Waagschale als irgend anderswo. […] Eine rasch emporblühende Stadt von nahezu einer Million Einwohner übt auf die fernsten Kreise eine Anziehungskraft der Niemand zu widerstehen vermag […]. Von dort aus wird Handel und Verkehr beherrscht, dort concentriren sich die materiellen und geistigen Kräfte […]. Die riesige Metropole ist das pulsierende Herz des weiten Reiches.“2 Experiment Metropole Der Metropolenstatus war für Wien zu diesem Zeitpunkt allerdings keine Realität, sondern ein selbst gestecktes Ziel. Mit diesem urbanen Leitbild verband sich im progressorientierten Denken des 19. Jahrhunderts der Wunsch, einen Bedeutungsüberschuss jenseits des Stadtbegriffs zu generieren. Reinhard Münz drückte das in Analogie zum Boxen folgendermaßen aus: „Vienna was punching over its weight.“3 Wiens Aufholjagd in einer verspätet gestarteten Modernisierung war im Wortsinn des lateinischen experimentum („Versuch, Probe, Beweis, Prüfung“) der ambitionierte Probelauf, einen Rang unter den Weltstädten einzunehmen. Wie jedem Versuch war dem „Experiment Metropole“ gleichermaßen die Möglichkeit des Erfolgs wie des Scheiterns inhärent. Wobei die Prozesshaftigkeit der Metropolisierung im Sinne von Fernand Braudel als Vorgang der Longue durée zu beachten ist. Nachweis und Selbstbekräftigung dieses hochgesteckten Ziels war die Ausrichtung der Weltausstellung, mit der das Interesse der Weltöffentlichkeit erstmals seit dem Wiener Kongress wieder auf die Stadt gerichtet war. Zur Versuchsanordnung gehörte es auch, dass sich Wien dem internationalen Publikum eher als Baustelle, denn als repräsentative Weltstadt zeigte. „Weltausstellungen als Laboratorium technischer, sozialer und kultureller Utopien“4 schienen das geeignete Format, um diesen Anspruch vorzutragen. Die internationale Leistungsschau der Weltausstellung spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wie die Industrialisierung, gesellschaftliche und technische Dynamisierung sowie das Aufkommen

von Massenphänomenen in vielerlei Hinsicht wider, sie kann als materieller Knoten- und Kristallisationspunkt des Modernisierungsprozesses sowie eine brennglasartige Fokussierung des Zeitgeistes beschrieben werden. Wolfgang Maderthaner spricht von der Entwicklung Wiens zu einer großstädtischen Metropole im Verlauf eines „dynamischen Prozesses der Modernisierung, der industriellen Überformung traditioneller Ökonomien und Lebenswelten“.5 Mit der Weltausstellung demonstrierte die Stadt Wien ihren Willen zur Größe und trat in den Bedeutungswettkampf um den Rang der Metropole ein. Im Guide und Souvenir-Album wurde die Weltausstellung dementsprechend als „Beginn einer neuen Epoche“ ge­ feiert: „[V]or den Augen aller Welt legt es [Wien] zum erstenmale die Probe seiner kraftvollen Entwicklung ab und entfaltete zum erstenmale den bestrickenden Zauber der Weltstadt.“6 Und die Presse war sich am Eröffnungstag der Weltausstellung sicher: „Heute brauchen wir nicht mehr zu sagen, Wien wird Weltstadt, Wien i s t Weltstadt.“7 Feste des Fortschritts Seit der ersten Weltausstellung 1851 in London verfolgten die internationalen Großevents die Programmatik, den aktuellen Stand der Entwicklung und des Fortschritts der Menschheit in einer Gesamtschau zu dokumentieren.8 Somit war nichts Geringeres als eine zeiträumliche Komprimierung der Welt an einem Platz der Anspruch. Die in enzy­ klopädischer Tradition entstandenen Weltausstellungen wurden zu Orten des technologischen Wissens­austauschs sowie der interkulturellen Begegnung, aber auch zu Bühnen der nationalen Darstellung. Die internationale Leistungsschau kann als „Spielort der einsetzenden Globalisierung“9 bezeichnet werden. Dass Wien als erste Stadt überhaupt neben London und Paris Ausrichter der Weltausstellung wurde, verdankte sich verschiedenen Umständen. London hatte sich nach der zweiten Great Exhibition 1862 aus finanziellen Erwägungen von der Idee der Weltausstellung abgewandt, nachdem der erwartete Gewinn ausblieb. Paris hingegen, das 1855 eine Exposition Universelle ausgerichtet hatte, avancierte zur Weltausstellungsstadt schlechthin. Nach 1867, 1878 und 1889 wurde im Jahr 1900 mit 50 Millionen Besucherinnen und Besuchern der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht. Anfang der 1870er-Jahre war dies jedoch nicht vorhersehbar, und während Frankreichs Kräfte durch den deutsch-französischen Krieg und die Pariser Commune gebunden waren, nutzte Wien die Gunst der Stunde.

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Die Initiatoren und Förderer der Wiener Welt­ausstellung waren zugleich führende Vertreter des Liberalismus wie die Handelsminister Graf Wicken­burg, Ignaz Plener und Anton Banhans, Franz Wertheim, Wilhelm Exner, Rudolf Eitelberger sowie Mitglieder aus dem Niederösterreichischen Gewerbeverein und dem Österreichischen Ingenieurund Architektenverein. Sie konnten Hof und Kaiser schließlich von dem Vorhaben überzeugen, und nach dessen Beschluss entstand in kürzester Zeit eine eigene Planstadt gewaltigen Ausmaßes im Wiener Prater ( Aufsatz Leemann, S. 118). Nachdem bereits 1867 in Paris der Versuch einer globalen Zusammenschau aller menschlichen Erzeugnisse und Hervorbringungen in einem einzigen Gebäude nur bedingt geglückt war, beschritt Wien neue Wege: Es entstand ein Pavillonsystem als Stadt in der Stadt mit einer entsprechenden modernen Infrastruktur, die sogar eine eigene Kanalisation und Schienen­trassen sowie einen Ausstellungsbahnhof umfasste.10 Der gewählte Ort im Prater verweist auf eine weitere Dimension in der Verknüpfung von Schauwert und Schaustellertum, denn die Weltausstellungen wurden zunehmend zu Messen der Neuheiten auch auf dem Unterhaltungssektor und in der Vergnügungsindustrie. (Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 wurde als Vorläufer zu Wien erstmals ein Riesenrad vorgestellt.) Diese Welt in einem Ausstellungspark11 wurde auch ein wichtiger Prototyp für ethnografische Dörfer und in weiterer Folge für Freizeitparks. Die bauliche Anordnung der Wiener Weltausstellung zeugt von der Fragmentierung des Wissens und der zunehmenden Spezialisierung genauso wie vom Geist des Nationalismus. Dieser überragte nun jeden Anspruch auf Vergleichbarkeit, der früheren Fachmessen zugrunde lag. Nun sollten das Typische und die Leistungsfähigkeit jedes Volkes im Vordergrund stehen und in jeweiligen Länder­pavillons präsentiert werden. Der fast einen Kilometer lange Industriepalast mit dem zentralen Symbolbau der Rotunde – mit einer Spannweite von 108 Metern der größte Kuppelbau der Welt – übertraf im Durchmesser sogar den Petersdom in Rom. Die Höhe maß mit 84 Metern nur 15 Meter weniger als die Türme der Votivkirche, und 27.000 Menschen konnten darin bequem Platz finden ( Aufsatz Kurdiovsky, S. 134). Dieser Ort der Warenpräsentation muss sowohl unter konsumgeschichtlichen wie unter kunstgewerblichen Aspekten betrachtet werden. Auf den Weltausstellungen wurden die Gemeinsamkeiten von Warenpräsentationen und musealer Darstellung offensichtlich: In der Inszenierung von indus-

triellen, handwerklichen und kunstgewerblichen Objekten verschwammen kommerzielles Interesse und museale Bedeutungsaufladung des Exponats. Durch die Ausstellungstechniken wurde die Unterscheidung zwischen Gebrauchs- und Symbolwert des Gegentands aufgehoben, die Vitrine zum „Pseudosakralraum der Ware“.12 Die internationalen Universalausstellungen waren in diesem Sinne auch Labore des Zeigens. Fachleute wie Wilhelm Exner gaben im Vorfeld der Wiener Schau praktische Anleitungen zur bestmöglichen Inszenierung der Exponate, um das Niveau der Firmenpräsentationen zu heben. Im Zentrum standen die ausgestellten Waren und Produktionsmaschinen, doch auch die Verknüpfung von Massenproduktion, Konsum und ästhetischem Anspruch. Leistbare ästhetisch geformte Alltagsgegenstände sollten den allgemeinen kulturellen Status einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen ( Aufsatz Orosz, S. 174). Daher wurde dem Kunst­gewerbe und auch der Kunstwissenschaft, die die historischen Vorbilder zu klassifizieren und einzuordnen half, ein großer Stellenwert beigemessen. Die Maschinenhalle fungierte als Zweckbau von fast 800 Metern Länge und 48 Metern Breite, in dem sogar ganze funktionsfähige Antriebsmotoren, Lokomotiven, Näh- und Webmaschinen ausgestellt waren. Dieser Bereich fokussierte auf technische Innovationen und Produktionstechniken. Wenn auch in Wien keine Weltneuheit präsentiert wurde, so diente die Schau doch als Fachmesse zur Popularisierung von technischem Know-how ( Aufsatz Wernsing, S. 166). Die Weltausstellung zeigte sich ebenso als ein diskursiver und institutionell organisierter Begegnungsort von Kultur, Kunst und Kommerz, wo als ,funktionales‘ Resultat die Konsumenten als Kollektiv erfunden wurden. Ein weiteres Hauptgebäude war die Kunsthalle, die im Osten durch gedeckte Gänge mit dem Industriepalast verbunden war. Seit der ersten Weltausstellung in Paris 1855 und besonders jener 1867 ebendort wurde neben Handel und Industrie der Aspekt der Kultur, der künstlerischen Leistung und des geistigen Schaffens zum zentralen Thema erhoben. In Wien mutierte die Weltausstellung endgültig zum Ausweis des bürgerlichen Kultur- und Bildungsbewusstseins. Mehr noch als in der Warenpräsentation, bei der es vornehmlich um die einzelnen Aussteller und ihre Produkte ging, bot der Kunstpalast Gelegenheit zur nationalen Repräsentation. Neben der offiziellen Kunst in den Nationensälen der Weltausstellung gab es in der gesamten Stadt moderne, privat organisierte Kunstschauen, die ebenfalls große Besucherströme anzogen.


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Karl Karger: Der Nordwestbahnhof in Wien, 1875 (Belvedere)

BEBAUUNG MARIA-THERESIEN-STRASSE 1871–1880 BEBAUUNG UNTERER SCHOTTENRING 1874 –1881 BöRSE 1871–1877 UNIvERSITäT 1873 –1884 RATHAUS 1872–1883 pARlAMENT 1874 –1883 NATURHISTORISCHES MUSEUM 1872–1881 kUNSTHISTORISCHES MUSEUM 1872–1881 AkAdEMIE dER BIldENdEN küNSTE 1872–1877

Gustav Veith: Wien 1873, mit grafischer Hervorhebung der damals noch nicht fertiggestellten Bauten (Wien Museum)


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Allerdings nie so viele wie die 7,25 Millionen Besucherinnen und Besucher der Weltausstellung, die somit auch zur größten Kunstausstellung wurde ( Aufsatz Gleis, S. 230). Die Kunst bildete nicht nur eine Scharnierfunktion zwischen Industrie­ produktion und Konsum im Kunstgewerbe, sondern bedeutete auch ein kulturelles Massenevent. Kulturell wie ökonomisch und politisch von größter Nachhaltigkeit war der Auftritt des modernen Japan und anderer asiatischer sowie afrikanischer Staaten auf der Weltausstellung. Mit Wien, das seit den Türkenkriegen Inbegriff des Aufeinan­ dertreffens von Okzident und Orient war, rückte die Weltausstellung geografisch nach Osten vor, die Stadt nahm eine Vermittlerrolle ein. In der Zeit der „Ersten Globalisierung“, wie Oliver Rathkolb es auf den Punkt brachte,13 konnte Wien mit der Weltausstellung seinen Anspruch unterstreichen, einer der zentralen Umschlagplätze von Handelsgut, aber vor allem auch von Wissen und Informationen zu sein. Durch die Möglichkeiten des modernen Verkehrswesens und der Kommunikation im Industriezeitalter ließen sich in kurzer Zeit weltweite Beteiligungen von 53.000 Ausstellern organisieren, logistische Probleme bei der Herbeiführung Zigtausender Ausstellungsstücke bewältigen und enorme Besucherströme mobilisieren. Der Massenevent der Weltausstellung als Stadt in der Stadt sowie als Prozessbeschleuniger der Urbanisierung stellte den Laborversuch einer sozialen, politischen und nicht zuletzt verkehrsund verwaltungstechnischen Beherrschbarkeit, Organisation und Systematisierung von Massenphänomenen der Moderne dar. Die Weltausstellung von 1873 fungierte sowohl als nach außen gerichtetes Symbol des Metropolenanspruchs als auch als Katalysator der Entwicklung Wiens zur modernen Großstadt ( Aufsatz Posch, S. 194). Politische Epochenschwelle Von Mitte der 1860er- bis Ende der 1880erJahre, so Kurt Bauer, „erlebte die österreichische Gesellschaft einen so tiefgreifenden sozioökonomischen und politischen Strukturwandel, dass von einer Schwellen- und Sattelzeit, vom Überschreiten einer Epochenschwelle gesprochen werden kann“.14 Selbst wenn die von besonders hoher Diversität (ein wichtiges Metropolen-Merkmal) geprägte Stadtgesellschaft Aggregat des epochalen Wandels war und Wien mit der Ringstraße die spektakulärste und sichtbarste Bühne für Auf- und Umbrüche bot, ist die Transformation der Stadt nur dann verstehbar, wenn der Blick auch auf den staatlichen Kontext ge-

richtet ist. Das geht über wichtige Weichenstellungen durch Verfassungsänderungen (wie Gewerbe­ freiheit, volle Rechte auch für Juden) weit hinaus. Zwei bedeutsame Interaktionen zwischen der weiträumigen Monarchie und der diese dominierenden Haupt- und Zentralstadt betreffen Industrialisierung und Kapitalkonzentration sowie die Migration. Während die wichtigsten Besitzer von Bergwerken, Eisenindustrie oder großen Handelshäusern ab ungefähr 1860 nach Wien zogen, um die Schubkraft der nun europäisch vernetzten Finanzmetropole für ihre weitere Expansion zu nutzen, konzentrierten sich die industriellen Produktionsstätten weiterhin auf Gebiete außerhalb von Wien, vor allem auf Böhmen und Mähren, was den Ausbau des Eisenbahnnetzes als wichtigster Konjunkturlokomotive beschleunigte. Die in jenen Jahrzehnten einsetzende Massenmigration wiederum spiegelt die Armut vor allem in strukturschwachen agrarischen Gebieten wider, die der wichtigste Push-Faktor war und Menschen in der Großstadt ihr Glück suchen ließ. Noch stärker aber wirkten Pull-Faktoren wie der steigende Bedarf an Arbeitskräften, speziell im Bausektor. Trotz schwerster Lebensbedingungen in der rasend schnell wachsenden Metropole fanden Zuwanderer und Zuwanderinnen höhere Chancen für ihren Aufstieg ( Aufsatz Weigl, S. 52). Die meisten lebten in den ab den späten 1860er-Jahren planmäßig angelegten proletarischen Rasterbezirken an der Peripherie wie Favoriten. Diese zweite Stadt­erweiterung war eine stadträumliche Weichenstellung, die Wien ebenso grundlegend veränderte wie die in der Erinnerung wesentlich dominantere erste Erweiterung der Ringstraße. In der fiebrigen Phase bis in die 1870er-Jahre erlebte der österreichische Liberalismus seine Hochblüte mit einer Stärkung der Wiener Kommunalverwaltung, die an Gestaltungsmöglichkeiten gewann, wodurch die Modernisierung Wiens beschleunigt wurde. Doch die politische Öffnung nach dem Neoabsolutismus ist keineswegs mit Demokratisierung zu verwechseln. Politische Partizipation war nur für eine kleinen Oberschicht möglich, nicht einmal vier Prozent der Bevölkerung waren wahlberechtigt ( Aufsatz Öhlinger, S. 74). Die Krise von 1873 diskreditierte die liberale Wirtschaftsdoktrin und führte zu einer Zäsur der politischen Landschaft. Nun formierten sich neue populistische, antikapitalistische und antisemitische Massenbewegungen, die sich wie die Christlichsozialen zu Massenparteien neuen Typs entwickeln sollten, die mit der sukzessiven Ausweitung des Wahlrechts auch Kleinbürger und


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Kat.Nr. 8.3.16 Dynamomaschine, 1872

Kat.Nr. 4.4.11

Bau der Stadlauer Brücke (Ostbahnbrücke), 1870

Kronprinz-Rudolf-Brücke (Reichsbrücke) in Bau, 1873

Kat.Nr. 4.4.9

Kat.Nr. 4.1.4

Plan eines „Pneumatischen Telegrafen für den Städtebetrieb“, 1872


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Handwerker zu Zielgruppen machten ( Aufsatz Wladika, S. 272). Der Strukturwandel, den die österreichische Gesellschaft erlebte, veränderte die Politik grundlegend: Honoratiorenpolitiker wurden von Berufspolitikern wie Karl Lueger abgelöst, mit neuen Propaganda- und Agitationsmethoden wurden antiurbane Reflexe ebenso instrumentalisiert wie Fremden- und Judenhass. Unsichtbare Prozesse Der beispiellose Wirtschaftsboom, der zwischen 1867 bis 1873 die Betriebstemperatur von Politik, Gesellschaft und Kultur auf Touren und das liberale Besitzbürgertum zu Reichtum und Einfluss brachte, war die Voraussetzung für viele Geschichten, die diese Ausstellung erzählt. Eric J. Hobsbawm nennt diese Jahre „das goldene Zeitalter des kapitalistischen Wachstums“, in dem eine umfassende Liberalisierung das private Unternehmertum belebte, einer schmalen Oberschicht sagenhaften Reichtum brachte und nicht nur zu wirtschaftlicher Expansion führte.15 Die Paläste des neuen „Geldadels“ entlang der Ringstraße waren ein demonstrativer Ausdruck dafür. Unser Einstiegskapitel zum Thema Liberalismus, der in den 1860er-Jahren an die Schalthebel des Fortschritts gekommen war, heißt „Auf der Überholspur“ und gibt damit ein Leitmotiv vor. Die Notwendigkeit, die Bedeutung ökonomischer Prozesse, die abstrakt und schwer greifbar erscheinen, vermitteln zu müssen, stellt Ausstellungsmacher vor eine fast unlösbare Aufgabe. Wie lassen sich die Zukunftsblindheit in jenen von Hochkonjunktur und Goldgräberstimmung geprägten Jahren und der über Nacht für neue Verhältnisse sorgende Börsencrash von 1873 visuell adäquat vermitteln? Natürlich zeugen Karikaturen von der Hektik, welche die Aktienstürze auslösten. Aber die meisten wirken kryptisch, wenn man Tagesbezüge nicht kennt. Selbst antisemitische Attacken gegen jüdische Bankiers brauchen Erklärungen, um für uns lesbar zu sein. Eine unmittelbare Folge des Konjunktureinbruchs waren der plötzliche Baustopp der Ringstraße und der Einbruch des Immobiliengeschäfts. Zumindest ein aus den 1870er-Jahren stammendes und zunächst rätselhaftes dreidimensionales Objekt zum Thema „Run auf schnelle Gewinne“ fand sich im Museumsdepot: eine Trommel zur Verlosung von Obligationsscheinen einer Eisenbahngesellschaft (Kat.Nr. 1.1.6). In der Vitrine darunter liegen Aktiencoupons, darüber hängt ein Ensemble von grafisch aufwendig gestalteten Wertpapieren von Leitbranchen wie Bauwirtschaft oder Eisenbahnbau. Verziert sind die Aktien mit hübschen

Vignetten, die Dampfzüge oder Fabriken darstellen. Auch die ornamentale Typografie vermittelt einen Eindruck von Gediegenheit. Gleich daneben eine Annonce einer Schwindelfirma, die noch wenige Tage vor dem Börsensturz für garantiert risikolose „höchste Fructurierung von Bargeld“ wirbt. Prinzip Rationalisierung Die Ambivalenz zwischen dem, was man sieht, und dem, um das es eigentlich geht, ergibt ein Spannungsfeld dieser Ausstellung und erfordert Feinlektüre mit Assoziationsbereitschaft. Ein durchgehender Trend ist die Rationalisierung der meisten Lebensbereiche, beruhend auf einer nüchternen, berechnenden Weltsicht und einer Fortschrittsmentalität, „die auf der Überzeugung von der vollständigen verstandesmäßigen Durchdringbarkeit und technischen Beherrschbarkeit der Natur beruht“.16 Auf den ersten Blick ein Widerspruch zu den bizarr überladenen und an Schnörkeln überreichen Fassaden, Interieurs und prachtvollen Luxusgegenständen der Gründerzeit, die vom Glanz der Epoche zeugen. Die Bedeutung von Funktionalität und systematischer Planung auf wissenschaftlicher Grundlage ist Leitthema zahlreicher Kapitel der Ausstellung. So waren neue naturwissenschaftlich-analytische Methoden in der Medizin Voraussetzung für eine strukturelle Verbesserung von Hygienisierung und Sanitärpolitik. In jenen Jahren konnten aufgrund neuer technischer Möglichkeiten, zum Beispiel in der Ingenieurstechnik und Eisenkonstruktion, bis dahin undenkbar große Bauten, aber auch gigantische Infrastrukturprojekte wie die Donauregulierung in Angriff genommen werden ( Aufsatz Békési, S. 94). Regulierung und Assanierung sind typische Begriffe des Ordnungsdenkens jener Zeit, in der die strikte Blockbebauung eingeführt wurde und alle neuen Straßenzüge möglichst gerade sein sollten. Ein konkretes Beispiel einer Innovation im Bereich Kommunikation misst nur wenige Zentimeter: 1869 führte die österreichische Postverwaltung (knapp vor der preußischen) auf Anregung eines Nationalökonomen die „CorrespondenzKarte“ ein. Ziel war es (und da gibt es Analogien zur Einführung von SMS), den Nachrichtenverkehr durch Prägnanz effizienter zu machen. Mitteilungen auf den von der Post vorgedruckten Postkarten waren auf maximal 20 Wörter beschränkt. Zugleich war das Porto niedriger als das für Briefe, was dazu beitrug, dass sich die Erfindung innerhalb weniger Jahre im Gegensatz zur auf lokale Netze beschränkten Rohrpost weltweit durchsetzte, also zu einem


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Kat.Nr. 6.3.3

Kat.Nr. 11.2.4 „Die

Familie in großbürgerlichem Interieur, 1867

Zeitungsgasse in Wien“, 1870

Präsentation von Sanitärerzeugnissen auf der Wiener Weltausstellung, 1873 (Wien Museum)

Kat.Nr. 6.1.1

Rudolf Alt: Die Bibliothek im Palais Dumba, 1877


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Die Wiener Weltausstellung war die erste, die berechenbaren System wurde. Anett Holzheid sieht gerade in der Postkarte ein zeitadäquates Pro- durchgehend fotografisch dokumentiert wurde. Dem dukt des Zweckrationalismus, etwas, das „einfach Exklusivvertrag der Wiener Photographen-Association verdanken wir umfangreiche „Bildprotokolle“ modern“ ist.17 der Weltausstellung, in der Sammlung des Wien Museums befindet sich ein Konvolut von über 1.600 Neue Bildmedien Einerseits: In kurzer Zeit wandelte sich Stück. Bei der Bearbeitung dieses Bestands – einer Wien zu einer modernen Großstadt. Andererseits: der Beweggründe für diese Ausstellung – konnten Sind die überlieferten Bildmedien in der Lage, die- wir auf der Arbeit, die am Technischen Museum geleisse Dynamisierung und die Bedeutung des Neuen in tet wurde, aufbauen. Ulrike Felber, Manuela FellnerStadtbild und Lebenswelt ausreichend zu vermit- Feldhaus und Elke Krasny haben mit Welt ausstellen. teln? Die um 1870 dominanten Bildmedien wirken Schauplatz Wien 1873 ein wegweisendes Katalogbuch auf heutige Betrachtende ,altmodisch‘ und lassen zum Thema und zu der ihm inhärenten fotografiauf den ersten Blick wenig von Aufbruchsstim- schen Dimension erarbeitet – eine der vielen Schulmung und Dynamik spüren. Das gilt speziell für tern, auf denen dieses Ausstellungsprojekt ruht.18 das Aquarell, das in dieser Ausstellung reich und mit höchster Qualität vertreten ist, etwa durch BlätEin Zufallsfund ter von Rudolf und Franz Alt. Die Stadtvedute, die Bei der Sichtung des Materials zur Weltausim Biedermeier ihre Hochblüte hatte, wurde in der stellung aus dem großen Bestand des HeimatforRingstraßenzeit weiterhin dafür eingesetzt, reprä- schers Hans Pemmer kam ein auf den ersten Blick sentative Neubauten, Zukunftsprojekte und tech- unspektakuläres Druckwerk zum Vorschein. Vielnische Großleistungen zu dokumentieren – eine fach geknickt und gefaltet entpuppte sich das dünne paradoxe Ungleichzeitigkeit, zumindest in der heu- Papier als Dokument zur Gründungsgeschichte des tigen Wahrnehmung. Wien Museums: ein Sammlungsaufruf zur ersten HisEin Beispiel für diese Diskrepanz: 1870 torischen Ausstellung der Stadt Wien 1873, der zur Einaquarellierte Rudolf Alt die Opernkreuzung mit bringung interessanter stadtgeschichtlicher Objekte gewohnter Feinmalerei und Personenstaffage. Wer für eine Präsentation während der Weltausstellunes nicht weiß, erkennt nicht, dass die dargestellten gen aufforderte. Die Universalausstellungen waren Prachtbauten erst wenige Jahre vorher fertiggestellt Apotheosen des Fortschritts wie auch Demonstratiowurden. Mit der Opernkreuzung als Hotspot des nen historischen Bewusstseins. Ein Ausweis dessen „neuen Wien“ erhielt die Stadt einen neuen topogra- war in Wien die von der Gemeinde zeitgleich veranfischen Brennpunkt als zeitgemäße Ergänzung des staltete historische Ausstellung im städtischen PädaStephansplatzes. gogium. Diese hatte zum Ziel, ein umfassendes Bild Auch der Neuigkeitseffekt, den Holzstiche der historischen, kulturellen und baulichen Entwickauf den Titelseiten von illustrierten Journalen und lung der Stadt als Vergleichsmoment zur aktuellen Massenblättern darstellten, ist in der Zeitschleife urbanen Umgestaltung zu geben. Um dieses Projekt verloren gegangen. Die illustrierte Presse mit dem realisieren zu können, wurde die Kundmachung mit massenhaften Einsatz der Druckgrafik ist das po- einem Sammlungsaufruf veröffentlicht. An die 1.700 pulärste Medium vor dem Siegeszug der Fotografie. historische Objekte – von Karten und Gemälden über Sie wurde seit der Jahrhundertmitte einge- Medaillen und Urkunden bis hin zu Stadtmodellen – setzt und erlangte in ihrer Frühzeit vor allem im pri- konnten aus verschiedenen kommunalen, aber auch vaten Porträtbereich Bedeutung. Zu einem urbanen kaiserlichen und privaten Sammlungen zusamMedium mit Massengebrauch wurde sie aber sehr mengetragen und erstmals in einer systematischen langsam. Die faszinierende Stadtfotografie der Zeit Anordnung gezeigt werden. Die erfolgreiche Veranum 1870 zeigt eine statische, fast zeitlos wirkende staltung, die zwischen 11. Juni und 5. Oktober 1873 Stadt in Stein. Aufgrund der langen Belichtungszei- von rund 34.200 Personen besichtigt wurde, kann ten war es noch nicht möglich, Menschen in Bewe- als Initialzündung für das 1888 im neuen Rathaus gung darzustellen – auf den Fotos wirken diese wie eröffnete Historische Museum der Stadt gelten. Dort Statisten. Die Darstellung von Menschen blieb der wurde die auf eine längere Tradition zurückreichenIllustrationsgrafik vorbehalten. Massen von Men- de Waffensammlung des Bürgerlichen Zeughauses, schen waren aber auch hier fast nie Thema, mit Aus- die praktisch die erste museale Dauerausstellung der nahme von Vergnügungsmassen und dem flanieren- Gemeinde darstellte, mit den Beständen dieser ersden Publikum auf der Weltausstellung. ten kulturhistorischen Sonderausstellung der Stadt


vereinigt. Somit könnte behauptet werden, dass sogar die Wurzeln des Historischen Museums der Stadt Wien bis in das Jahr 1873 zurückreichen.19 Die Reflexion über die eigene Geschichte und Herkunft im Moment der größten gesellschaftlichen Transformation enthielt auch nostalgische Momente. So entstand parallel der Sehnsuchtsort Alt-Wien, der zugleich Symptom der Modernisierung und Ausdruck der Modernisierungsangst war. Auch hierin gab es eine Parallele zu anderen Metropolen: Im Zusammenhang mit den Berichten über die Erste Historische Ausstellung der Stadt Wien wurde erwähnt, dass die Stadt Paris auf der Weltausstellung eine eigene große Präsentation aufgeboten hatte, „welche die ganze geistige und materielle Entwicklung einer Großstadt umfasst“.20 Die Beschäftigung mit dem Thema Wiener Weltausstellung weist nicht nur im Blick auf die Geschichte des eigenen Hauses zahlreiche Museumsund Sammlungsbezüge auf, verdanken doch auch das Museum für angewandte Kunst, das Naturhistorische Museum Wien und das Weltmuseum Wien diesem Event viele Exponate aus aller Herren Länder. Die damals gesetzten Impulse reichen also direkt bis in unsere Gegenwart hinein. Nachtrag: „Im Zentrum der Macht“ Knapp bevor diese Einleitung in Druck geht, findet sich noch ein weiterer Beitrag zur MetropolenDiskussion: Nachdem im Halbfinale der Champions League Bayern München von Real Madrid geschlagen worden war und Chelsea von Atlético Madrid, titelte der Kurier (wie vielleicht auch andere europäi­ sche Zeitungen): „Madrid ist Europas Metropole“.21 Da die Schlagzeile auf der Sportseite steht, muss nicht einschränkend hinzugefügt werden, dass die spanische Hauptstadt sich im Finale als „FußballMetropole“ präsentieren wird. Auf der nächsten Seite beginnt eine Expertendiskussion zum Begriff Metropole. Zwei genannte Bedingungen erfüllt die Sport-Metropole Madrid, nämlich erstens die der Kontinuität: Kein anderer Verein feierte in den vergangenen 50 Jahren mehr Siege in Europacup und Champions League, und immer schon war auch die lokal zweitstärkste Mannschaft Atlético ein Spitzenteam. Das Finale 2014 demonstriert das erstmals international. Zweitens wird die Tatsache genannt, dass nur ganz wenige Metropolen wie London, also die heute einzige Weltstadt unter Europas Metropolen, alle Funktionen vereinbaren können. Doch auf den Fußball bezogen stimmt, was im Artikel steht: Madrid befindet sich „im Zentrum der Macht“. Wenn Sie umblättern, steht der Begriff „Macht“ ganz oben.

1 Heinz Reif: Metropolen. Geschichte, Begriffe, Methoden, CMS Working Paper Series, No. 001-2006, http://www. metropolitanstudies.de, http://www.geschundkunstgesch. tu-berlin.de/uploads/media/001-2006_03.pdf (2.5.2014). 2 Die Presse, 19. April 1872, S. 1. 3 Anlässlich der ersten Vorstellung des Konzepts in einer Beiratssitzung des Wien Museums 2012. 4 Beat Wyss: Bilder von der Globalisierung. Die Weltausstellung von Paris 1889, Berlin 2010, S. 11. 5 Wolfgang Maderthaner: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945: Metropole, in: Ferdinand Oppl, Peter Csendes (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt, Bd. 3: Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien u. a. 2006, S. 175-543, hier S. 177. 6 Adolf Dillinger, Augst von Conraths (Hg.): Guide und Souvenir-Album der Wiener Weltausstellung, Wien 1873, S. 1. 7 Morgen-Post, 1. Mai 1873, S. 2. 8 Zum Thema Weltausstellungen allgemein vgl. Ulrike Felber, Elke Krasny, Christian Rapp: Smart Exports. Österreich auf den Weltausstellungen 1851–2000, Wien 2000; Wolfgang Friebe: Architektur der Weltausstellungen 1851–1970, Stuttgart u. a. 1983; Winfried Kretschmer: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt a. M./New York 1999; Petra Krutisch: Aus aller Herren Länder. Weltausstellungen seit 1851 (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd. 4), Nürnberg 2001. 9 Wyss, Bilder von der Globalisierung. 10 Vgl. Jutta Pemsel: Die Wiener Weltausstellung von 1873. Das gründerzeitliche Wien am Wendepunkt, Wien/Köln 1989. 11 Vgl. Christian Rapp: Die Welt im Modell. Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, in: Hermann Fillitz (Hg.): Der Traum vom Glück. Die Kunst des Historismus in Europa, Wien/München 1996, S. 49. 12 Werner Hofmann: Die Welt als Schaustellung, in: ders: Das irdische Paradies. Motive und Ideen des 19. Jahrhunderts, München 1991, S. 86f. 13 Anlässlich der ersten Vorstellung des Konzepts in einer Beiratssitzung des Wien Museums 2012. 14 Kurt Bauer: Epochenschwelle Makart-Zeit, in: Ralph Gleis (Hg.): Makart. Ein Künstler regiert die Stadt (Ausstellungskatalog Wien Museum), München/London/New York 2011, S. 32. 15 Eric J. Hobsbawn: Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875, München 1977. 16 Franz J. Bauer: Das „lange“ 19. Jahrhundert: 1789–1917. Profil einer Epoche, Stuttgart 2004, S. 37. 17 Vgl. Anett Holzheid: Das Medium Postkarte: eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie, Berlin 2011. 18 Vgl. Welt ausstellen. Schauplatz Wien 1873 (Ausstellungskatalog Technischen Museum Wien). 19 Vgl. Wiener Communal-Kalender und Städtisches Jahrbuch, Wien 1875; Wilhelm Deutschmann: Ein Überblick zur Geschichte des Historischen Museums der Stadt Wien, in: Hundert Jahre Historisches Museum der Stadt Wien (Ausstellungskatalog), Wien 1987, S. 15-31; L. S.: Die historische Ausstellung der Stadt Wien, in: Kunst-Chronik, 17. Oktober 1873, S. 1f. 20 Paris auf der Weltausstellung in Wien, in: Beilage zur Vorstadt Zeitung, 19. Juli 1873. 21 Kurier, 1. Mai 2014, S. 15.

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Renate Banik-Schweitzer, Siegfried Mattl, Lutz Musner, Clemens Zimmermann

  KRITERIEN EINER     METROPOLE    EIN WERKSTATTGESPRÄCH 

Kritische Größe / / / / / / / / / / Wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentralität / / / / / / Eine Metropole hat alles / / / / / / / / / / / / / / Soziokulturelle Heterogenität / / / / / / / Arrival City / / / / / / / / / / Multifunktionalität / / / / / / / / Ausdehnung über den konkreten Ort hinaus / / / / / / / / / Eine Metropole hat Macht / / / / / / Ehrgeiz / / / / / Anziehungspunkt für Zuwanderer / / / / / Krisenresistenz / / / / / / / / / / / / Diversität / / / / / / / / Ein Zentrum der Modernisierung / / London war die erste wirkliche Weltmetropole / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Laboratorium / / / / / / / / / / / / / / / Eine Metropole braucht ein Netzwerk mit anderen Städte / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Börsenplatz von Ideen / / / / / / / / Identitätsstiftung jenseits nationaler Konzepte / / / / / / / / Musikmetropole / / / / / / / / Kulturmetropole / / / / Industriemetropole / / / / Donaumetropole / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Drehscheiben internationaler Finanzkapital- und Informationsströme / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Ist eine Hauptstadt automatisch Metropole? / / / / / / / / Player im Weltstädtespiel / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Großstädte können zu Metropolen werden, müssen es aber nicht / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Urbanisierung ist ein globales Phänomen / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / Der Metropolenbegriff hat Konjunktur / / / / /


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Werkstattgespräch „War Wien eine Metropole?“ 9. Oktober 2014, Wien Museum v.l.n.r.: Lutz Musner, Renate Banik-Schweitzer, Wolfgang Kos, Clemens Zimmermann und Siegfried Mattl

1 – GRUNDSÄTZLICHES Clemens Zimmermann Universitätsprofessor für Kultur- und Mediengeschichte an der Universität des Saarlandes. Forschungsschwerpunkte: Stadtforschung, StadtLand-Beziehungen, Mediengeschichte, insbesondere Kinogeschichte in vergleichender europäischer Perspektive. Publikationen (Auswahl): Die Zeit der Metropolen. Urbanisierung und Großstadtentwicklung, Frankfurt a. M. 1996, 2. Aufl. 2000; Hg.: Stadt und Medien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln u. a. 2012; Hg.: Industrial Cities. History and Future, Frankfurt a. M. u. a. 2013.

Zimmermann: Vielfach wird Großstadt mit Metropole gleichgesetzt. Doch es macht schon Sinn, den Metropolenbegriff zu klären. Eine Me­ tropole muss eine besondere Bedeutung, eine be­ stimmte Größe haben. Dafür gibt es objektive Kri­ terien. So muss eine Metropole eine kritische Größe haben, und aus dieser ergibt sich eben ein Gewicht, eine besondere Position, was nicht heißt, dass jede ganz große Stadt alle Metropolenfunktionen hat.

Ein essenzielles Kriterium ist sicher die wirt­ schaftliche, politische und kulturelle Zentralität. Nun kommen wir aber schon in gewisse Definitionsschwierigkeiten. Wenn die politische Zentralität ein Kriterium ist, fragt man sich natürlich: Wie steht es mit der Kapitale? Ist dann eine Hauptstadt automatisch Metropole? Doch nicht jede Metropo­ le ist Hauptstadt. Bei manchen Städten wie London fiel das zusammen, und eines stärkte das andere. Qualitativ ist die Metropole sicher ein ein­ zigartiger Ort, in dem sich besondere Lebens- und Kulturformen entwickelt haben. Ein Beispiel ist Bar­ celona, wo sich um 1900 avantgardistische Kunst – mit Nachwirkungen bis in unsere Zeit hinein – ent­ wickelt hat. Das wäre diese berühmte Funktion des Laboratoriums, und das trifft natürlich auch auf Wien um 1900 oder die Kinokultur in Berlin zu. Gleichzeitig muss man das aber auch schon wieder infrage stellen. Es gibt in unserem Blick auf wichtige Städte diese Erwartung an die Metropole, das Suggestive, dass in ihr etwas Besonderes ent­ steht. Doch das Besondere entwickelt sich an ver­ schiedenen Orten gleichzeitig. Man muss also ab­ wägen zwischen dem Einzigartigen und dem, was sich in einer besonderen Epoche an verschiedenen Orten simultan herausgebildet hat. Das geschah in


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bestimmten Städten in ganz besonderer Form – das gehört für mich zur Rolle der Metropole dazu. Die Metropole ist einerseits Maßstab, doch sie wird auch in sehr heftiger Weise kritisiert. Vor meinem deutschen Hintergrund ist insbeson­ dere der negative Metropolendiskurs am Beispiel Berlins zu nennen. Für viele Menschen war Berlin um  1900 ein Albtraum, eine Bedrohung, ein Zei­ chen des Riesigen und der Moderne. Diese schwar­ zen Seiten, das negative Bild, gehören für mich ebenfalls zur Metropole.

Lutz Musner Kulturwissenschaftler, 1993–2013 Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), 2013–2014 Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung. Publikationen (Auswahl): Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1990 (mit W. Mader­ thaner), Frankfurt a. M. 1999, Ko-Hg.: Metropole Wien. Texturen der Moderne, Wien 2000; Ko-Hg.: Stadt. Masse. Raum. Studien zur Wiener Massenund Popularkultur, Wien 2001; Der Geschmack von Wien. Kultur und Habitus einer Stadt, Frankfurt a. M. 2009; Kulturhauptstädte Graz und Linz – Versuch einer kritischen Bilanz, in: Ferdinand Opll, Walter Schuster (Hg.): Stadtkultur – Kultur(haupt) stadt, Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas, Bd. XXIII, Wien 2012.

Musner: Ein Ausgangspunkt für den Metro­ polendiskurs ist für mich Georg Simmels berühm­ ter Essay Die Großstädte und das Geistesleben, der für die Chicago School for Urban Sociology eine große Rol­ le gespielt und die frühe Metropolenforschung im deutschsprachigen Raum zu einer amerikanischen Erfolgsgeschichte gemacht hat. Simmels entschei­ dender Gedanke ist, dass die Großstadt oder die Metropole – die Metropole nimmt er ja als Begriff nicht auf – durch bestimmte Kennzeichen definiert ist: Da ist einmal die weite Ausdehnung über den konkreten Ort hinaus, seine ökonomische, kultu­ relle und technologische Bedeutsamkeit für die Um­ gebung, und da ist zum anderen die Wirkung von Geldwirtschaft und Rationalisierung der urbanen Lebenswelt, die die Menschen zueinander in eine anonyme Beziehung treten lässt. Simmel spricht in diesem Kontext von der typischen Blasiertheit und der Nervenanspannung der Großstädter. Die Großstadt ist Anziehungspunkt, sie ist ein Imaginäres für Zuwanderer, ein Hoffnungsort, ein Versprechen für ein besseres Leben. Das gilt

für Wien im späten 19. Jahrhundert genauso wie für Berlin oder London und insbesondere für New York. In dieser Zeit gab es ja die großen Migra­ tionswellen aus Süd-, Ost- und Mitteleuropa. Nicht zuletzt hat die Habsburgermonarchie Millionen von Arbeitskräften via Ellis Island an Amerika abgege­ ben, auch aufgrund der ökonomischen Krise im Zuge des Börsenkrachs 1873. Was macht eine Metropole aus? Ich bin immer noch ein Anhänger von Louis Wirths Essay Urbanism as a Way of Life, der ganz klare Kriterien festgelegt hat: Eine Großstadt, eine Metropole muss eine hinreichende Beständigkeit haben, das heißt, es kann nicht eine Stadt sein, die 20  Jahre blüht und danach krachen geht. Sie braucht wei­ ters eine hinreichende und ausbaufähige, aber auch krisenresistente wirtschaftliche Grundlage. Und natürlich eine hohe Bevölkerungsanzahl. Zudem ist sie durch Heterogenität und Pluralität ihrer Be­ wohnerinnen und Bewohner gekennzeichnet. Mit dem Blick auf heute würde man hinzufügen, dass sie aber nicht dem Phänomen des Urban Sprawl un­ terliegen darf, also mehr sein muss als eine riesige Stadtagglomeration, die eigentlich kein Stadtzen­ trum mehr hat. Solche Großstädte sind in den USA und in anderen Ländern heute weitverbreitet. Und ich würde neben dem Kriterium der soziokulturellen Heterogenität etwas Weiteres hin­ zunehmen, das man in meiner Terminologie oder in der von Rolf Lindner, Martina Löw und Helmuth Berking als Habitus, als Eigenlogik einer Stadt, be­ zeichnen kann. Damit ist eine gleichsam hinter dem Rücken der Agierenden wirksame Prozesshaftigkeit gemeint, die einer Stadt eine symbolische Signatur verleiht. Da spielen sowohl Fremd- wie auch Eigen­ zuschreibungen wichtige Rollen. Was eine Metropole ebenfalls ausmacht und sie prägt, ist die Synchronisierung und Taktung der Zeitrhythmen. Das ist mehr als die Standardisie­ rung der Uhrzeit und das Aufstellen von Uhren auf öffentlichen Plätzen. Es handelt sich auch um die Prozess- und Zeitrhythmik, die sich aus der indus­ triellen Produktion und dem Dienstleistungssektor ableitet, und um all die Koordinationsvorgänge, die ein komplexer urbaner Organismus braucht, um überhaupt zu funktionieren. Dazu gehören die Rhythmen des städtischen Verkehrs ebenso wie die Öffnungszeiten von Kaufhäusern, die Uhrzeiten, zu denen die Menschen in die Stadt hineinfahren, um zu arbeiten und um dann wieder hinauszufahren. Das war in Wien in den späten 1870er- bis 1890erJahren ein trauriger Zug verelendeter, zu Fuß ge­ hender Proletarierinnen und Proletarier aus den


gewerblichen Vorstädten in die inneren Bezirke, wo sie sich in der Seidenmanufaktur oder anderen Branchen mit eher anspruchsvollen gewerblichen Strukturen verdingt haben. Zu Wien und zur soziokulturellen Hetero­ genität kann man ergänzen: Wien wuchs ja durch die Migrationswellen, zu denen es durch die Agrar­ krisen vor allem in Südmähren und Südböhmen gekommen ist. Es hat die dortige Verarmungen als Attraktionsmöglichkeit für sich benützt. Damals kamen sehr viele Menschen in die Stadt, nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die häufig als Dienst­ boten im inneren Teil der Stadt beschäftigt waren. Zum Schluss noch eine Differenzierung der Zahlen: Man sagt, eine Metropole hat zwischen einer und zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Darüber hinaus spricht man heute von Megacities, vor allem im asiatischen Raum. Und es gibt Global Cities. Doch die sind nicht primär auf Einwohnerzahlen bezogen, sie haben globale Bedeutung, weil sie funktionelle Drehscheiben der globalen Finanzkapital- und Informationsströme sind. London hat jetzt etwa acht Millionen Einwoh­ nerinnen und Einwohner, es ist somit eine Metro­ pole, jedoch keine große Metropole, es ist keine Mega­city, aber es ist eine Global City. London ist eine der wesentlichen Drehscheiben der Finanzie­ rung des gesamten Spätkapitalismus. Kos: Sie haben am Beginn Ihres Beitrags die Begriffe Großstadt und Metropole fast austausch­ bar verwendet. War das Absicht? Musner: Großstädte können zu Metro­ polen werden, müssen es aber nicht. Metropolen können sich auch zu Großstädten zurückentwi­ ckeln, wenn sie Zeiten der wirtschaftlichen Depres­ sion durchlaufen. Die Metropole ist ja nicht etwas, was man als Stadtverwaltung oder Stadtwirtschaft als beständigen Marker mit sich trägt, sie erlebt Auf- und Abschwünge. Wien hat eine Metropolen­ werdung und dann einen Niedergang erlebt und ist nach 1918 von einer Metropole zu einer in schwerer Depression und Wirtschaftskrise befindlichen zer­ rütteten Großstadt geworden.

Renate Banik-Schweitzer Stadthistorikerin mit Schwerpunkt auf der sozialräumlichen Entwicklung der Stadt Wien und ihrer Rolle als Großstadt in der Habsburgermonarchie in Bezug zu anderen europäischen Großstädten. Mitarbeit an der Gesamtleitung des Historischen

Atlas von Wien. Publikationen (Auswahl): Industriestadt Wien. Die Durchsetzung der industriellen Marktproduktion in der Habsburgerresidenz, Wien 1983; Ko-Hg.: Urban Form. Städtebau in der postfordistischen Gesellschaft, Wien 2003.

Banik-Schweitzer: Vieles von dem, was gesagt worden ist, unterschreibe ich voll. Ich möch­ te mich auf die Metropole des 19. Jahrhunderts konzentrieren, und das heißt schon, dass die Me­ tropole keine fixe Definition hat, sondern im Lauf der Zeit durchaus unterschiedlich definiert werden kann. Eine Metropole im 19.  Jahrhundert ist eine ganz bestimmt definierte Einheit und daher durch­ aus von einer Großstadt zu unterscheiden. Eine Metropole zeichnet sich in dieser historischen Pha­ se hauptsächlich durch Diversität aus. Es gab sehr einseitige Großstädte, etwa Industrie- oder Dienst­ leistungsstädte. Eine Metropole jedoch hat alles: Es ist jede wirtschaftliche Tätigkeit vertreten, jede kul­ turelle, jede politische, jede wissenschaftliche. Auch eine Großstadt kann in einer bestimm­ ten Epoche auf einem Gebiet führend sein, aber die Metropole ist es auf jeden Fall. Wenn man all die­ se Attribute zusammenzählt, ergibt sich für das 19.  Jahrhundert London als erste wirkliche Welt­ metropole. Neben der Diversifizierung gehört dazu, wie schon gesagt wurde, dass eine Metropole ihren Rang über lange Zeit behält und eine gewisse Grö­ ße haben muss. Ein Faktor, der bisher noch nicht wirklich erwähnt worden ist: Macht, ganz schlicht und einfach Macht  – aufgrund einer dominanten und meist neuen Organisationsform von Wirtschaft und Gesellschaft. Da wird es interessant, wenn wir auf Wien zu sprechen kommen. Ich vertrete nämlich die Hy­ pothese, dass Wien zwar im 18.  Jahrhundert eine Metropole war, doch im 19. Jahrhundert diese Stel­ lung sukzessive verloren hat. Die Liberalen haben allerdings in der Zeit von 1850 bis 1870 versucht, die Stellung Wiens aufzuwerten. Da spielt dann etwas hinein, was noch nicht erwähnt worden ist: dass eine Metropole zwar viele verschiedene Sprach-, Volks- und soziale Gruppen beherbergen kann, aber im 19. Jahrhundert dennoch den Nationalstaat braucht, um sich weiterentwickeln zu können. Und das Fehlen eines starken österreichischen National­ staats ist genau der Punkt, der sich auf Wien negativ ausgewirkt hat. Der Aufstieg von Berlin und Buda­ pest ist zum Teil auf Kosten Wiens gegangen. Ich möchte jetzt keine Definition für eine Metropole des 20. und 21. Jahrhunderts geben, wo

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die Global Cities eine bedeutende Rolle spielen. Aber London war eben bereits im 19. Jahrhundert eine Global City, mit gewissen Abschwächungen auch Paris. Wenn man ein Städteranking vorneh­ men will, dann war um  1700 Konstantinopel die größte Stadt Europas, 50  Jahre später ist es im Spitzenranking nicht mehr sichtbar  – so schnell entwickelte sich damals der Norden Europas. Von da an stehen London und Paris an der Spitze. Dazu kommt noch ein Phänomen, das ebenfalls ins 18.  Jahrhundert fällt: Die Städte Italiens und des Südens, die schon sehr groß waren, fallen aus dem Ranking in der Folge heraus. Neapel, Venedig, Rom und Palermo waren unter den zehn größten Städten Europas und hatten 50  Jahre später ihren Rang völlig eingebüßt. Ein Punkt noch zum 19.  Jahrhundert: Ab  1850 konnte man keine Metropole werden, wenn man nicht auch eine Industriemetropole war. Man mag sich fragen, wieso London, Paris oder Wien Industriestädte waren, obwohl die Industrie nur begrenzt sichtbar war. Doch es war vor allem die im Verlagssystem betriebene Hausindustrie, die äußerlich in der Stadt nicht sichtbar war, etwa die Herstellung von Bekleidung, Schuhen oder Haus­ haltsgegenständen. Das ist weder Fabriksindustrie noch Handwerk, die verlegte Hausindustrie wird von Kaufleuten organisiert und stellt eine ganz eigene Form der Industrie dar, die immer unter­ schätzt wird, wenn man von Metropolen spricht. Allein in Wien hat es 1890 100.000 Leute in der Schuhproduktion gegeben, und kein Mensch hat sie oder ihre Arbeitsstätten im Stadtbild gesehen. Genau das Gleiche traf zur selben Zeit auf London, Paris, New York und Berlin zu, jedoch nicht nur auf große Städte. Während die südlichen Großstädte ohne Industrie zurückgefallen sind, gab es in der Früh­ zeit einen Aufstieg von Residenzstädten wie Wien. Wien befand sich zuvor nicht unter den zehn größten Städten, lag aber um  1750 bereits an sechster Stelle. Doch dann ging der Aufstieg sehr langsam weiter, denn es wirkte sich als Nach­ teil aus, dass die Industrialisierung in der Habs­ burgermonarchie nicht so rasch voranging wie in Westeuropa. Gegen Ende des 19.  Jahrhunderts übernahm Berlin die Führungsrolle, und Wien wurde als Industriestadt fast Peripherie. Bekannt­ lich hatte die moderne Finalindustrie, das heißt die großen Elektrokonzerne wie Siemens oder AEG, ihren Sitz in Berlin und in Wien nur Ferti­ gungsstätten. Der Vorteil für den Fabrikstandort Wien war, dass hier Deutsch gesprochen wurde

und man keine Fremdsprache erlernen musste. Wien war aber in der modernen Großindustrie eine Filiale von Berlin. Es stiegen jedoch noch andere Residenz­ städte wie etwa St. Petersburg auf. Hier konzentrier­ te sich im späten 19. Jahrhundert ein Großteil der russischen Industrie, vor allem die gesamte Waffen­ industrie – allerdings mit ökonomischer Unterstüt­ zung aus Frankreich. Generell kann man sagen, dass sich der Begriff der Metropole im Lauf der Zeit wandelte, nämlich von der Residenzstadt zur Industriestadt – aber eben nicht zur reinen Industriestadt, sondern zur multifunktionalen Metropole. Diversität und Industrie, die modernsten Organisationsformen von Wirtschaft und Gesellschaft, zeichnen also im 19. Jahrhundert eine Metropole aus.

Siegfried Mattl Historiker, Dozent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Leiter des LudwigBoltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft in Wien. Forschungsschwerpunkte: Wiener Moderne, Medien und Medientechnologie, Urbanismus, Verbindung von Diskursgeschichte, Geschichtstheorie und realhistorischen Beobachtungen. Publikationen (Auswahl): Wien im 20. Jahrhundert, Wien 2000; Ko-Hg.: Metropole Wien. Texturen der Moderne, Wien 2000; Ko-Hg.: Felix Salten. Schriftsteller, Journalist, Exilant, Wien 2006.

Mattl: Ich habe gemeinsam mit anderen in einem schon länger zurückliegenden Forschungs­ projekt den Zugang zur Wien-Forschung, die ja geradezu zum Hype geworden ist, sehr stark über angloamerikanische Debatten gesucht und dabei eine Rückübersetzung von Metropolis zu Metropole – vielleicht zu unvorsichtig – mitvollzogen. Der Begriff Metropolis ist in der englischen Debatte wesentlich unproblematischer als Metro­ pole im Deutschen. Ich denke an all die Legen­ den und Mythen sowie die Vorurteile gegenüber der großen Stadt, wie sie etwa in Fritz Langs Fil­ men anzutreffen sind.  Diese Ängste sind ja ein spezifisches Phänomen der deutschen Tradition. Jedenfalls macht sich auch heute eine gewisse Verunsicherung breit. Geht man in die National­ bibliothek und sucht Publi­kationen der letzten fünf Jahre zum Thema Metropole, dann tauchen 485  Einträge auf. Der Begriff hat also Konjunktur.


Beim Durchforsten dieser Titelflut erkennt man, dass es eine ausgesprochen heterogene Verwen­ dung des Begriffs Metropole gibt. Der kann sich sogar auf winzige Orte beziehen, die zum Beispiel für eine gewisse Zeit als Metropolen religiösen Denkens bezeichnet werden. Man findet jede Men­ ge sogenannter Metropolen des Geistes oder das Ruhrgebiet als Metropole der modernen Musik im Zusammenhang mit einem Henze-Festival. Es gibt also unglaublich viele Möglichkeiten, den Metropolenbegriff einzusetzen, und deshalb habe ich mit ihm gewisse Probleme. Sicher, alle schon aufgelisteten Kriterien wie Größe, Wissen und Macht sind ganz wichtige Annäherungen. Das heißt aber auch, und dessen sollte man sich bewusst sein, eine bestimmte Vorstellung, einen bestimm­ ten Diskurs zu Städten und Metropolen zu favorisie­ ren. Doch das muss man wohl tun, um sinnvoll über einen Gegenstand diskutieren zu können. Von Metropolen kann man immer nur innerhalb eines Bezugssystems sprechen, und dieses kann sehr vielfältig sein. Der Kontext für die Metropolenentwicklung im 19. Jahrhundert heißt Kolonialismus beziehungsweise Übergang vom Kolonialismus zum Imperialismus. Auch in den zeitgenössischen Debatten war London „The Metropolis“. London war Weltzentrum, gleich­ zeitig, und das ist wichtig, war es Zentrum des British Empire. Es gibt aber im 19.  Jahrhundert nicht nur die Weltökonomie insgesamt, sondern auch regionale Weltwirtschaften. Das gilt etwa für den zentral- und mitteleuropäischen Raum der Habsburgermonarchie. Deshalb erscheint es mir durchaus legitim, von einer Metropole Wien als Donaumetropole oder als Metropole des Habsbur­ ger-Empires zu sprechen, jedoch mit dieser schon vorweg relativierenden oder redimensionieren­den Einschränkung.

Zimmermann: Ich denke, wir sind bisher relativ nah beisammen, was das 19. Jahrhundert angeht. Da haben wir einander jedenfalls nicht di­ rekt widersprochen. Beim Kriterium der Industrie gibt es Konsens, auch darin, dass wir einen weiten Industriebegriff haben müssen. Wenn wir heute ins Londoner East End gehen, dann ist da wieder diese Hausindustrie mit den Sweatshops, doch jetzt im Zuge einer globalen Arbeitsteilung. Offensichtlich haben sich im 20.  Jahrhundert die Güterströme noch einmal erweitert. In New York sieht man das ebenso  – ob wir den Kunsthandel betrachten oder die Textilproduktion, in der die New Yorker Desig­ ner nach ihren Vorgaben in Indien und Bangladesch produzieren lassen. Da ist dann das 19.  Jahrhundert paradigma­ tisch für vieles, was heute unter einem anderen Na­ men diskutiert wird. Global City ist eine Engführung auf ganz bestimmte ökonomische Funktionen. Da finde ich den Metropolenbegriff in seiner Breite gar nicht schlecht: also Zentralität, wie es auch auf Wien anzuwenden ist, in Verbindung mit Macht. Genauso im Ökonomischen, man sollte nicht nur an die po­ litische Macht denken. Das bezieht die Stadt-LandBeziehung ebenso mit ein wie räumlich sehr weit reichende Beziehungen, also Relationen zwischen London und Mumbai oder London und New York. In London ist das alles zusammengekom­ men, wenn wir etwa die Medienindustrie betrach­ ten. Das geht vom 17. Jahrhundert bis heute durch, es ist eine große Kontinuität vorhanden. Für den Machtzuwachs spielte nicht nur das Hinterland Großbritannien eine wichtige Rolle, sondern schon sehr früh der Export in die Kolonien. So wurden von London aus Verlage in Indien gegründet. Es baute sich die Zentrum-Peripherie-Problematik auf, das war in London schon sehr früh angelegt. Vielleicht müsste man das Ökonomische und das Kulturelle gleich gewichten mit dem Politischen  – und dann sind wir wahrscheinlich in Wien.

Kos: Bedeutet das, dass eine Metropole nicht nur ein isoliertes Universum für sich dar­ Kos: Auf alle Fälle müssen Metropolen et­ stellt, sondern immer ein Hinterland braucht, um eine Metropole zu sein? In dieses Hinterland fie­ was produzieren, das andere brauchen … len dann auch Submetropolen wie Lyon, Lemberg Banik-Schweitzer: …  und in der zweiten oder Prag. industriellen Revolution ab etwa 1890 wurden neue Mattl: Sie braucht nicht nur ein Hinterland, Produkte primär in den Metropolen generiert, denn sie braucht ein Netzwerk von anderen Städten, mit die neue Finalindustrie war vor allem wissensba­ denen sie kommuniziert. Ich möchte gerne auch siert, und Wissen war in den Metropolen mit ihren darüber diskutieren, wie weit uns der schmückende Universitäten und sonstigen Forschungsstätten Begriff nützt, wenn wir auf ein konkretes Datum wie konzentriert. Hier lebten die bestausgebildeten Ar­ Wien um 1870 schauen? Was wird geschärft, wenn beitskräfte, die ihrerseits wieder die Hauptkonsu­ menten der neuen Produkte waren. wir mit einem Begriff wie Metropole operieren?

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2 – WAR WIEN EINE METROPOLE? Banik-Schweitzer: Innerhalb der Habs­ burgermonarchie hat es neben Wien noch zwei große Städte gegeben, die wirklich wichtig waren: Prag und Budapest. Wien hat ja eine ganz spezifi­ sche Entwicklung durchgemacht, womit wir wie­ der beim Thema Nationalstaat sind. Sobald sich Ungarn 1867 de facto von Österreich getrennt hat­ te, nahm Budapest eine unglaubliche Entwicklung. Es hatte kein altes Gewerbe wie zum Beispiel die Luxusgüterproduktion, die in Wien sehr stark war, aber nicht in Berlin und nicht in Budapest. Dort war man ganz modern. Budapest hatte die größte Müh­ lenindustrie der Welt und konkurrierte mit Minnea­ polis. Außerdem hatte es eine eigenständige Ma­ schinen- und Elektroindustrie. Prag hatte eine Struktur, die Wien ähnlicher war, wurde aber von den deutschen Konzernen links liegen gelassen, da man lieber dort investier­ te, wo man keine Sprachprobleme hatte. Das führ­ te dazu, dass kurz vor dem Ersten Weltkrieg Berlin drei bis vier Millionen Einwohner hatte, Wien zwei, Budapest eine und Prag eine halbe Million. Solche Entwicklungen hingen im 19. Jahrhundert sehr wohl mit dem Nationalstaat zusammen. Musner: Ich möchte den Punkt National­ staat und Macht aufgreifen. Bei Österreich muss man die völlig gescheiterte bürgerliche Revolu­tion von 1848 bedenken und die immensen Folgen, die das hatte. Nach  1848 rutschte die Monarchie in eine ,bleierne Zeit‘ eines Neoabsolutismus. Die übrig gebliebenen Liberalen, die den Hinrichtungs­ kommandos und dem Gefängnis entgangen waren, tauchten später als Wirtschaftsliberale und  – vor­ sichtig gesprochen – politisch Liberale wieder auf. Es gab seit den frühen 1860er-Jahren bis zum Ende der Amtszeit von Wiens Bürgermeister Cajetan Felder in den späten 1870er-Jahren eine Form von Austroliberalismus. Das war der Versuch, eine Art Parallelmodernisierung innerhalb der Mo­ narchie in einer einzigen Stadt vorzunehmen, die zugleich einen Teil an politischer Macht abgegeben hat. Mit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von  1867 verliert Wien ja die Hälfte seiner politi­ schen Potenz. Es gibt zwar einen gemeinsamen Mi­ nisterrat, jedoch zwei getrennte Verwaltungen mit hoheitlichen Kompetenzen bis in kleinste Details. Wir haben es hier mit einer paradoxen Modernisie­ rung zu tun. Nicht auf staatlicher, sondern auf kom­ munaler Ebene treibt man das Moderne voran und

nimmt die westlichen Metropolen als Vorbilder. Da diente Paris als ästhetisches Vorbild, London war wichtig für die technische Innovation. Was die Bedeutung der kulturellen Entwick­ lung für den Metropolenstatus angeht, habe ich eine sehr kritische Einstellung. Die Signatur „Kul­ turstadt Wien“ ist eine spätere Zuschreibung. Es gibt eine Barockstadt Wien, eine Rokokostadt Wien, eine Biedermeierstadt. Im 18. Jahrhundert sind in der Kultur der Galanterie Wien und Paris ebenbür­ tig. Im 19. Jahrhundert ist in Wien bei der höfischen und adeligen Kultur ein gewisser Abstieg bemerk­ bar, dazu kommen die Herausbildung eines durch Zensur und Metternich, also durch Unterdrückung geprägten Kleinbürgertums, das sich hinter den Mauern verschanzt, und eine Lokalkultur, die spä­ ter das Wiener Phäakentum genannt werden sollte, mit Volkssängern und Schrammelmusik. Aus die­ ser frühen Populärkultur, die eigentlich eine Kultur unter politischer Kuratel war, eine Kultur der vier Wände oder der Heurigen, schuf man dann einen populären Sound der Stadt. Die Strauß-Familie war ein Marketingkonzern, eine frühe Art von EMI des 19. Jahrhunderts: Electric Strauß in New York! Das trug schließlich dazu bei, gemeinsam mit den klassischen, aus der katholischen Gegen­ reformation stammenden Traditionen  – bildende Kunst, Theater, Musik  – und natürlich der Wiener Klassik der Stadt die Signatur einer Kulturstadt zu geben. Es gibt 1907/08 eine Debatte zwischen Wilhelm Sombart und Felix Salten über Wien und Berlin, in der Sombart sagt, im Vergleich zu Ber­ lin sei Wien natürlich die Kulturstadt. Da hatte sich dieses Stereotyp bereits verfestigt. Das hatte bereits früh mit Marketing und Nostalgie zu tun: Wien als Gegenstadt zum preußisch-nüchternen Berlin, das aus einer Garnisonstadt entstanden ist, aber keine Reichs- und Residenzstadt war. Dafür wurde das wilhelminische Berlin weltführend in der Forschung. Wien war als Universitätsstadt eher unbedeutend, doch Berlin wurde neben Städten wie Heidelberg zu einem Zentrum von hochwertigen Wissenschaftsnetzen. Zimmermann: Da reden wir aber über eine relativ späte Zeit, die um 1900 und danach und vielleicht noch über die 1920er-Jahre. Sie haben Heidelberg genannt, ich dachte ja immer, dass an der Wiener Universität zumindest die Medizin mit­ halten konnte. Von außen – ich kenne natürlich Ihr Buch, Herr Musner  – wird Wien jedoch nicht nur durch die Populärkultur wahrgenommen. Es gibt eben auch eine deutsche Wahrnehmung von Wien


als einer ernst zu nehmenden Universitätsstadt mit internationaler Bedeutung. Musner: Soweit ich weiß, erfolgten die meisten Innovationen in der Zweiten Wiener Me­ di­zinischen Schule im späten 19. Jahrhundert. Die Vernaturwissenschaftlichung der Geisteswissen­ schaften, also etwa der Psychologie, beruhte auf Berufungen aus Deutschland. Wien hat viel aus dem deutschen Sprachraum abgesogen. Wir soll­ ten jedenfalls die Wiener Glanzuniversität im spä­ ten 19. Jahrhundert nicht überschätzen, die war in vielen Bereichen provinziell. Kos: Ich habe die Vorstellung, dass eine Metropole vor allem eine Art Börsenplatz sein muss, ein Ort des Austauschs auf der jeweiligen Höhe der Zeit, im Sinn von: „Hier werden Ideen nicht nur pro­ duziert, sondern auch diskutiert.“ Wenn man auf einem Gebiet besonders talentiert ist und Karriere machen will, wartet man nicht auf einen Ruf nach Osnabrück, sondern geht dorthin, wo die Besten der Welt beisammen sind. In der Medizin ging man damals offenbar nach Wien, in der bildenden Kunst musste man nach Paris, nach 1960 nach New York. Denn erst durch die Verstärkung durch eine Sze­ ne, also Kritik und Handel, entsteht internationale Wahrnehmung. Es wäre also das Vorhandensein einer starken und dichten Expertenszene, die bei Wissen und Kultur metropolitane Macht ausmacht. Um 1870 war Wien sicher, zumindest auf einigen Ge­ bieten wie der Musik oder beim Einbeziehen naturwissenschaftlicher Methoden in die Forschung, ein solcher Umschlagplatz. Musner: Eine spezielle Wiener Innova­ tion war auch die frühe Wirtschaftswissenschaft, also Carl Menger, Eugen Böhm Ritter von Bawerk, die Grenzwertnutzenschule  mit Ludwig von Mises und anderen. Mattl: Wir kommen jetzt in die Debatte „The Best of“, und das bringt uns nicht weiter. Au­ ßerdem wäre zu beachten, dass in dieser Zeit Mün­ chen nicht zu Unrecht beanspruchen konnte, eine Stadt der Kultur von nicht geringerer Bedeutung als Wien zu sein. Brauchen wir nicht härtere Kriterien, um Selbstwahrnehmungen und Zuschreibungen aus der jeweiligen Zeit heraus zu spezifizieren? Wie qualifizieren wir die transnationale Bedeutung auf der Ebene hinterlassener Werke im Vergleich mit – um den genannten Begriff nun auch wörtlich zu nehmen – der Rolle der Börse? Welche Bedeutung

kam der Wiener Börse im Vergleich zur Frankfurter, Amsterdamer, Londoner oder Pariser Börse zu? Ich meine damit: Mit welchen Räumen und in welcher Intensität steht so eine Institution in Verbindung? Es gibt in der Forschung solche Überblicke nicht, vor allem nicht unter dem Aspekt, wie das mit der Bedeutung der jeweiligen Städte zusammenhängt. Wir haben auch so gut wie keine Geschich­ te des Verlagswesens des 19. Jahrhunderts, die uns Indikatoren zur Stellung Wiens innerhalb des euro­ päischen kulturellen Städtenetzwerks liefern wür­ de. Obwohl Wien als Weltstadt der Musik gilt, sind die entscheidenden Verlagshäuser in London. Wir brauchen also Konzepte, mit denen man beschrei­ ben kann, wie durch Vertragssysteme und Allianz­ bildungen Energien und Innovationen weitergetra­ gen werden. Für unser Gespräch über die Kriterien von Metropolen möchte ich deshalb den Begriff Verdichtung nachtragen, Dichte im Sinne von Inter­ aktion. Bei Universitäten entsteht Bedeutung ja nicht nur durch geniale Professoren, sondern auch durch das Vorhandensein jener Apparaturen, Labo­ ratorien und Kommunikationsmittel, die notwen­ dig sind, um eine Weltfunktion innezuhaben. Zimmermann: Ich möchte als Nicht­wie­ner eine Frage stellen: Wir haben vorhin gehört, dass es eine ,bleierne Zeit‘ in der Wiener Geschichte nach 1848 gibt. Wann ging diese zu Ende? Kann man als ein Kriterium einer Metropole auch die Möglich­ keit für Gegenläufigkeiten, für Alterität nennen? Vorher ist bereits von Diversität geredet wor­ den, doch ich meine mit Alterität ein noch härteres Kriterium. Wann war es in Wien möglich, anders zu sein? Schon 1880? Oder erst in dieser ,goldenen Zeit der Moderne‘ um 1900? Es gibt in Berlin ein Forschungsprojekt, das Kulturen des Wahnsinns heißt. Die Grundthese lautet, dass Berlin auch deswegen Metropole wurde, weil dort so viele Leute wahnsinnig sind und anders sein können, ohne gleich weggesperrt zu werden. In Berlin haben sich modernere und liberalere Formen der Therapie wie die offene Psychiatrie entwickelt. Banik-Schweitzer: Ich sage es ganz deut­ lich: Ein Ende der ,bleiernen Zeit‘ kam in Österreich nie, bis heute nicht. Die Moderne hängt eindeutig mit Individualisierung zusammen, und das ist et­ was, was Österreich aus seiner konservativen Ein­ stellung heraus nicht liegt. Wenn da jemand als Person wirklich auftritt  – Ihr Berliner Wahnsinni­ ger zum Beispiel  –, wäre er in Wien wahrschein­ lich eingesperrt worden oder man hätte ihn aufs

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Land geschickt. Wenn es um neue Ideen geht und neue Vorstellungen davon, wie man anders leben könnte, braucht das Individuum mehr Raum. Ich frage nur: Was ist denn in Österreich aus dem Libe­ ralismus geworden? Mattl: Lutz Musner hat zu Beginn über Simmel gesprochen, bei der Frage des urbanen Habitus, des metropolitanen Stimulus, der einen neuen Typus von Mensch erzeugt. Wir müssen zu diesem Befund Momente wie Mobilität und Immo­ bilität hinzunehmen, weil die Frage nach abwei­ chendem Verhalten natürlich sofort die Frage nach Kontrolle aufwirft. Und wir wissen, wie segregiert in Expan­sionsphasen in Großstädten gewohnt wird. Wir wissen aus der Migrationsgeschichte, dass es innerhalb der Metropolen ethno-sozial stark codierte Zuzugsbezirke, ja ganze Viertel gibt, die lokal unterschiedliche Kulturen und Identi­täten hervorbringen. Hier wäre zu fragen, wie es sich mit Wien und der extrem hohen sozialen Kontrolle und kulturellen Homogenisierung durch die starke Durchmischung der Viertel verhält. Kos: In Wien gab es in den 1860er- und 1870er-Jahren durch das kurze Aufblühen des Libe­ ralismus ein Window of Opportunity. Es schien mög­ lich, über die traditionelle Bedeutung als Residenz­ stadt hinaus die Stadt zu modernisieren. Die großen Infrastrukturprojekte gingen in diese Richtung, auch das Veranstalten einer Weltausstellung, die es vorher nur in London und Paris gegeben hatte, war ein Versuch, sich ins Weltstädtespiel einzuklinken. Banik-Schweitzer: Ja, den Versuch gab es. Wenn man sich genauer anschaut, wer damals die Börse ins Laufen gebracht hat, wer gewusst hat, was eine Aktiengesellschaft ist, waren das häufig Importe aus Deutschland. Aus Frankfurt etwa ist über die Rothschilds das nötige Kapital nach Wien geflossen. Die Wiener Finanz- und Großhandels­ schicht war in den 1860er-Jahren stark von Deut­ schen und Juden geprägt. Die alte Macht konnte diese Entwicklung nicht mehr aufhalten, Neoab­ solutismus war auf die Dauer nicht möglich. Also versuchte man so etwas Halbkonstitutionelles, um die Gegensätze zu versöhnen. Aber der Entwick­ lungsstand war in den einzelnen Kronländern zu unterschiedlich, und so war der kurze Aufschwung bald wieder vorbei. Kos: Ist Ehrgeiz wichtig, um als Großstadt aufzusteigen?

Mattl: Ich glaube, dass das Sprechen über die Stadt als Akteur, als Individuum eine Falle ist. Ich würde es viel lieber als ein Feld sehen, in dem verschiedene Akteure und Dinge aktiv sind. Es stellt sich etwa die Frage, wer sich mit dem Projekt einer Wiener Weltausstellung gegen wen durchgesetzt hat. Auch innerhalb des Weltausstellungsprojekts würden wir verschiedene Intentionen und Motivlagen erkennen. Es gab um 1870 sicher einen großen, brei­ ten Wunsch, Metropole zu sein. Daran knüpften sich natürlich Vorstellungen von den Segnungen der Zivilisation, die zunächst den großen Städten als Weltzentren zugeflossen sind. Aber vielleicht ist das gar nicht so anstrebenswert, es gibt ja an­ dere Formen von Städten, die um nichts weniger attraktiv sind. Es gibt gute Gründe, warum nicht die ganze Welt nach London, New York und Tokio geht, obwohl das unsere Global Cities sind und sie alles bieten müssten, was man sich vorstellt. Mich interessiert die Frage nach Historizität und Kontext und die nach den beteiligten Kräfte mehr, als von der These eines Window of Opportunity auszugehen. Zimmermann: Es ist klar, dass uns Akteu­ re und Ereignisse interessieren müssen, aber eben auch Prozesse. Wenn ich das Ausstellungsprojekt Experiment Metropole richtig verstanden habe, wird nach dem Prozess gefragt und danach, wann die­ ser einsetzte. Ich denke, dass die Gefahr, mit dem Begriff Metropole dem Stadtmarketing Vorschub zu leisten, nicht besteht, wenn man diesen Begriff kritisch reflektiert. Gut daran ist nämlich, dass er eine Art von Reflexion freisetzen kann, die mit dem Terminus Stadt alleine nicht möglich wäre. Musner: Dass wir um 1873 ein „Experi­ ment Metropole“ haben, ist unbestreitbar, weil die Liberalen in der Modernisierung der Infrastruktur bis  1890 extreme Fortschritte gemacht haben: Ver­ kehrswesen, Donauregulierung und Versorgung mit frischem Wasser. Glücklicherweise hat man 1873 rechtzeitig das Choleraspital in der Triester Straße eröffnet, das man wenige Wochen später gleich gebraucht hat, als es während der Weltaus­ stellung eine Choleraepidemie mit 3.000 Toten gab. Wo das politische Experiment in Wien aber in schrecklichster Weise gescheitert ist, ist die Um­ wandlung der Stadt in die Metropole einer konstitu­ tionellen Monarchie im Sinn des britischen Systems oder einer föderativen Vereinigung aller sozialen und nationalen Gruppierungen auf dem Gebiet der damaligen Habsburgermonarchie  – das wäre


ein riesiger politischer Schritt gewesen, zu dem die Doppelmonarchie aber aus bekannten Gründen nicht imstande war.

City zu sein, in unserer Debatte relativ wenig vorge­ kommen ist. Wien ist ja Metropole auch im Sinne einer Arrival City gewesen.

Kos: Insofern war die Abhängigkeit Wiens von einem für Modernisierungen nicht offenen, strukturkonservativen und auf die Schlüsselfragen der Zeit inadäquat reagierenden Staat ein Rucksack, der Wien als Großstadt mit eigener Identität un­ möglich machte. Denn Wien konnte sich nicht vom Habsburgerreich emanzipieren. Banik-Schweitzer: Das ist auch meine Mei­ nung. Ein Problem war sicher, dass Wien nicht die Hauptstadt eines sprachlich einheitlichen Staates war. Schauen wir uns Österreich-Ungarn einmal genauer an: Wie viele Deutschsprachige, die ja be­ haupteten, die dominante Gruppe zu sein, hat es da eigentlich gegeben? Insofern spielt die Unmög­ lichkeit eines Nationalstaats schon eine riesige Rol­ le, und dieses Manko war nicht zu überwinden. Es war nicht mehr möglich, dass alle Sprachgruppen gleichwertig wurden und die Monarchie zu einer größeren organischen und staatspolitischen Ein­ heit zusammengefasst wurde. Das hatte entschei­ denden Einfluss auf Wiens Entwicklungschancen.

Banik-Schweitzer: Das bestreitet niemand, aber wenn Sie sich anschauen, wie sich die Zuwan­ derer verteilten und woher sie kamen, dann kamen sie nicht wie vielfach üblich aus dem Ausland. 1910 kamen nur neun Prozent der Wiener Bevölkerung aus dem Ausland, inklusive Ungarn, das ja de fac­ to Ausland war. Die größten Bevölkerungsgruppen haben die Tschechen an Wien abgegeben, das wa­ ren die berühmten böhmischen Köchinnen, Dienst­ mädchen, Schuster, Schneider und Ziegelarbeiter, die in der nächsten und übernächsten Generation assimiliert wurden. Aus den deutschsprachigen Alpenländern, das heißt dem heutigen Österreich, kamen erheblich weniger Menschen nach Wien. Wenn man sich genau anschaut, wie groß die Einzugsbereiche für die Zuwanderung in die Großstädte in Europa waren, so war es in Paris ga­ rantiert ganz Frankreich, in Berlin, Budapest und Wien waren es aber nur Umkreise von maximal 500 Kilometern. Arrival City? Wien hatte keinen großen Einzugsbereich.

Zimmermann: Ich würde es zur Kenntnis nehmen, dass das politische System und eine be­ stimmte politische Kultur etliches von dem abblo­ cken können, was wir als metropolitane Moderni­ sierung betrachten. Aber denken Sie doch einmal an St. Peters­ burg. Da gab es sicher einen noch repressiveren Po­ lizeistaat als in Österreich-Ungarn, und dennoch ist es unbestritten, dass St. Petersburg im 19. Jahrhun­ dert im Sinne einer nachholenden Modernisierung zur zweiten russischen Metropole wurde. Es hängt eben immer von den Kriterien ab, und wir haben bei Wien etliche Kriterien, die in die­ se Richtung weisen. Und dann gibt es stets einen po­ litischen Rahmen, aus dem sich Potenziale ergeben.

Kos: Dennoch war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Phase eines sehr beschleunig­ ten Wachstums der Stadt. Banik-Schweitzer: Zwischen 1850 und 1870 waren die Wachstumsraten am höchsten, vor­ her waren sie viel geringer und danach haben sie abgenommen. Mattl: Das Wachstum der Städte war ein transnationales Phänomen. Urbanisierung ist ein globales Phänomen, nicht so sehr ein lokales.

Kos: Man sagt gerne, New York ist nicht Amerika. Eine für sich stehende Großstadt ist Wien zu keinem Zeitpunkt gewesen. Wien war stets ver­ Banik-Schweitzer: Aber in Russland gab zahnt mit retardierenden Faktoren und spiegelte und gibt es eine russischsprachige Mehrheitsbe­ so den Staat. völkerung, in der Habsburgermonarchie insgesamt Mattl: Ich habe immer geglaubt, die we­ gab es keine deutschsprachige so wie in Wien. Hät­ te es genug Arbeitsplätze in Prag gegeben, wäre die sentliche Qualität von großen Städten bestehe tschechische Landbevölkerung sicher lieber nach darin, dass sie eine Identität bieten, die sich völlig loslöst von nationalen Konzepten. Man hat ein kla­ Prag gegangen. res Bild, was Schanghai ist, was New York ist, was Zimmermann: Da wir zum Ende unseres Madrid ist. Das ist etwas anderes als China, die USA Gesprächs kommen, bin ich ein bisschen über­ oder Spanien, eine andere Form von konstruierter rascht, dass das Metropolenmerkmal, eine Arrival Identität. Das ist das Faszinierende.

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Wien UM 1870 TEIL 1


WIEN UM 1870

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Volker Barth

  Weltausstellung UND     NACHRICHTENWELT  

 Presse, Telegrafie und internationale   Agenturen um 1873  Knotenpunkte im Weltnetz Die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts verstanden sich als universelle Fortschrittsschauen mit globaler Beteiligung, glänzender Ausdruck nationaler Größe und internationaler Wettbewerbsfähigkeit sowie lokale Versinnbildlichung einer zur Metropole avancierenden Großstadt. Daher gehörte es sowohl zu ihren wichtigsten Eigenschaften als auch zu ihren dringlichsten Aufgaben, intensive Austauschprozesse zwischen der lokalen, nationalen und internationalen Ebene zu ermöglichen, um die Welt für einige Monate im Modell neu zu erschaffen. Die Vielfalt der Kulturen und Zivilisationen sollte sich an einem Ort materialisieren und die ihn umgebende Großstadt zum temporären Zentrum des Planeten transformieren. Die Weltausstellungen fungierten als „Knotenpunkte verschiedenster transnationaler Vernetzungen“.1 Dies galt auch für die Weltausstellung in Wien. Zwischen dem 1.  Mai und dem 31.  Oktober 1873 versammelte sie die Produkte von mehr als 53.000  Ausstellern aus 36  Nationen, die über sieben Millionen Besucher aus aller Welt bestaunten.2 Vor allem aber wurde die Ausstellung von in- und ausländischen Zeitungen beschrieben, kommentiert und damit weit über die Grenzen des Wiener Praters verbreitet. Anders als bei den Besuchern vor Ort kühlten weder der Börsenkrach noch die Choleraepidemie das Ausstellungsfieber der Presse, sondern beflügelten vielmehr die journalistische Beschäftigung mit der österreichischen Hauptstadt. Als die Weltausstellung von 1873 ihre Tore öffnete, befand sich das internationale Zeitungs-

Kat.Nr. 5.7.27 Allgemeine Illustrirte WeltausstellungsZeitung, 1873

wesen am Anfang eines Booms, der bis zum Ersten Weltkrieg zu zahlreichen Zeitungsgründungen und kontinuierlich ansteigenden Auflagenstärken führte. In Wien existierten 1873 nicht weniger als 355 Zeitungen, und selbst der Generaldirektor der Weltausstellung, Wilhelm Freiherr von SchwarzSenborn, hatte vor seiner diplomatischen Karriere als Zeitungsredakteur sein Geld verdient.3


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Kat.Nr. 5.7.43

Der Pavillon der Neuen Freien Presse, 1873

Die Weltausstellung und die Presse Die internationale Presse war selbst ein Exponat der ersten österreichischen Ausstellung. Im Rahmen der 13. Ausstellungsgruppe zeigte das kaiserlich-königliche Handelsministerium eine „Collection der in der österreichisch-ungarischen Monarchie erscheinenden Zeitungen“,4 und in der 26. Gruppe, die dem Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswesen gewidmet war, präsentierten unter anderem die Vereinigten Staaten Sammlungen von Zeitungen und Erziehungsjournalen.5 Das bei Weitem spektakulärste Presseexponat war jedoch der Pavillon der Neuen Freien Presse im Park des Ausstellungsgeländes. „[G]egenüber der Liesinger Bierhalle“6 und inmitten eines kunterbunten Durcheinanders der verschiedensten Gebäude präsentierte die Wiener Tageszeitung ihre vom Maschinenfabrikanten Georg Sigl gebaute Rotationspresse. Dessen Firma befand sich 1873 nicht zuletzt dank der Weltausstellung auf ihrem „wirtschaftlichen Höhepunkt“. Die eindrucksvolle Maschine, die bis zu 10.000 Bogen Papier pro Stun-

de bedrucken konnte, avancierte schnell zu einem der „Hauptanziehungspunkte“ der Ausstellung.7 Die Neue Freie Presse hatte 1872 als erste europäische Zeitung Rotationspressen mit Endlospapier eingeführt, die allerdings einen solchen Energieverbrauch erforderten, dass das ursprünglich geplante Hochdruckwasserwerk der Ausstellung erheblich erweitert werden musste, um die nötigen „3- bis 4000 Cubikfuss stündlich“ bereitzustellen.8 Weder bei der Schnellpresse noch beim Zeitungspavillon handelte es sich um reine Anschauungsobjekte. Vielmehr wurde vor den Augen der Besucher die Internationale Ausstellungszeitung, eine Sonderbeilage der Neuen Freien Presse, redigiert, gesetzt und gedruckt. Unter der Leitung des Nationalökonomen Franz Xaver Neumann produzierten namhafte Experten wie Wilhelm Exner oder der Kunsthistoriker Jacob Falke ein eigens der Weltausstellung gewidmetes Nachrichtenblatt unmittelbar vor Ort. Dies war insofern nichts Außergewöhnliches, als mehrere Wiener Zeitungen gesonderte Ausstellungsbeilagen veröffentlichten. Die mediale


WIEN UM 1870

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Verbreitung der Weltausstellung und die Verkaufszahlen der Presse standen in einem sich gegenseitig intensivierenden Abhängigkeitsverhältnis. Hinzu kam mit der Weltausstellungscorrespondenz ein eigenes offizielles Publikationsorgan der Ausstellungsdirektion unter Leitung von Generaldirektor Schwarz-Senborn, das seinen Lesern „tagebuchartige Tätigkeitsbericht[e]“ aus dem Pratergelände bot. Zudem vertieften ausführliche Artikel, die Fachreferenten der einzelnen Sachgruppen verfassten, die Ausstellungsinhalte.9 Neben diesen Blättern beschäftigten sich zwei weitere eigens für diesen Anlass gegründete Zeitungen ausschließlich mit der Weltausstellung. Zum einen die Wiener Weltausstellungs-Zeitung. Centralorgan für die Weltausstellung im Jahr 1873 sowie für alle Interessen des Handels und der Industrie, die erst mit dem Ende der Weltausstellung in Philadelphia 1876 ihr Erscheinen einstellte. Zum anderen die Allgemeine Illustrierte Weltausstellungs-Zeitung, die von Eduard Mack herausgegeben wurde, der zudem als Autor eines biografischen Lexikons der Weltausstellung von der Veranstaltung publizistisch zu profitieren hoffte. Er beschäftigte sogar eigene Auslandskorrespondenten, etwa im Osmanischen Reich, in Japan, den USA, Russland und Ägypten, und veranschaulichte die Wiener Weltausstellung als grenzübergreifend vernetzte Kommunikationsplattform.10 Selbst in Ungarn und Frankreich wurden eigene Weltausstellungszeitungen verlegt, welche die internationale Resonanz der Ausstellung verdeutlichen.11 Zumindest im Vorfeld war die Presseberichterstattung auffallend wohlwollend, selbst die Wiener Oppositionspresse begrüßte die Veranstaltung. Die Weltausstellung blieb während des gesamten Jahres  1873 das beherrschende Thema der österreichischen Presse, wobei nicht nur die Exponate und Attraktionen im Prater, sondern auch das Geschehen im Wiener Umfeld des Großereignisses die Gemüter bewegten. Insbesondere spektakuläre Besuche selten gesehener Staatsgäste wie etwa des Schahs von Persien wurden ausführlich kommentiert. Für kritische Stimmen blieb dabei kaum Platz, eine Zeitung wurde sogar wegen allzu negativer Berichte zum Einstellen gezwungen.12 Erst nach dem Ausbruch der Choleraepidemie änderte sich der Tenor. Vor allem die ausländische Presse malte die Verhältnisse in der österreichischen Hauptstadt in dunklen Farben, sodass einige Wiener Blätter ihre internationale Konkurrenz schließlich für die weit hinter den Erwartungen zurückbleibenden Besucherzahlen verantwortlich machten.13 Allerdings fielen die Kommentare

Naser ad-Din, Schah von Persien, und Kaiser Franz Joseph besuchen die Weltausstellung, 1873

Kat.Nr. 5.7.6

je nach Herkunftsland durchaus unterschiedlich aus. So berichteten die im Zuge der Entstehung des Meiji-Kaiserreichs neu gegründeten japanischen Blätter ebenso intensiv wie positiv über die Vorstellung ihres neuen Staates auf einer internationalen Ausstellung.14 Trotzdem nahmen viele Berichterstatter nach dem Börsenkrach und der Choleraepidemie in ihrer abschließenden Bewertung des medialen Großereignisses kein Blatt vor den Mund. Ein Artikel des Neuen Wiener Tagblatts, der zum Ausstellungsende am 1. November 1873 und damit zu Allerheiligen erschien, trug den düsteren Titel An den Gräbern der Ausstellung.15 Die Berichterstattung der nationalen und internationalen Presse beruhte auf der intensiven Nutzung der elektrischen Telegrafie. Ebenso wie bei der Inbetriebnahme der Rotationspresse im Pavillon der Neuen Freien Presse verband die Ausstellung auch hier ihre mediale Darstellung mit den ihr zugrunde liegenden technischen Produktionsmöglichkeiten und den inhaltlichen Aussagen, die sich daraus ableiten sollten. Karl Thomas Richter betitelte seine Einleitung in das Studium der Berichte über die Weltausstellung 1873 mit Die Fortschritte der Cultur und verklärte die

Coupon-Abschnitt „Erlegte Taxe für die telegrafische Herbeirufung des Wagens“, 1873 (Wien Museum)


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Kat.Nr. 4.1.2.

Franz-Josefs-Kai mit Pferdetramway, Dampf-Lokalboot und Telegrafenmasten, 1874

Telegrafie wie so viele seiner Zeitgenossen zur Wunderwaffe universeller Zivilisation und zum Wegbereiter des Weltfriedens. Für Richter nahm der Tele­ graf „für das Denken der Staaten und Völker, der Gesellschaft und Familie eine noch bedeutungsvollere Stellung ein [als die Eisenbahn, VB], denn in der Einheit der Interessen der Menschheit, welche er am kräftigsten zum Ausdruck bringt, liegt allein Festigkeit und Sicherheit aller Lebensumstände, und Friede und Glück der Gesellschaft in der Familie“.16 Folgerichtig besaß die Weltausstellung ihr eigenes Telegrafennetzwerk. Es sollte „einestheils

[dazu dienen, VB] dringende und wichtige Dienstangelegenheiten […] möglichst schnell und zuverlässig zu vermitteln, anderentheils aber dem Publikum ein bequemes Mittel  […] bieten, um die auf dem Weltausstellungsplatze wartenden Lohnfuhrwerke und Equipagen rasch herbeizurufen“.17 Dementsprechend verbanden die Telegrafenkabel die sieben Parkplätze vor den Toren der Ausstellung mit dem Zentralbüro der Direktion, den technischen Büros, der Feuerwehr und der Post und waren zudem an das Netz des Staatstelegrafenamtes angeschlossen. Bestimmte Rufzeichen reservierten Polizei und Militär


WIEN UM 1870

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Wilhelm Bernatzik: Der Franz-Josefs-Kai, um 1880 (Wien Museum)

für sich, da der Telegrafendienst der Weltausstellung nicht zuletzt ein wichtiges Kontroll- und Sicherheitsinstrument darstellte. Das Telegrafenamt befand sich ebenso sinnbildlich wie symbolisch unmittelbar neben dem Haupteingang zum Ausstellungsgelände.18 Die Tentakel der Weltausstellung In einem intensiven Wechselverhältnis miteinander verbunden, verbreiteten Telegrafie und Presse die Themen der Ausstellung weit über den Wiener Prater hinaus. In den Foyers der neu gebauten Luxushotels an der Wiener Ringstraße lagen die aktuellsten Ausgaben der wichtigsten Zeitungen auf, und das Hotel Metropol, ein 1871 begonnener Palastbau im italienischen Renaissancestil am Morzinplatz nahe dem Franz-Josefs-Kai, lockte die Weltausstellungsgäste sogar mit einem eigenen Telegrafenbüro.19 In diesen Hotels logierte nicht nur so mancher illustre Gast, sondern auch einige Mitglieder der Ausstellungsdelegationen der eingeladenen Nationen. Diese standen dank des Telegrafen im regen Austausch mit ihren Heimatländern. Dort wiederum bildeten die Mitglieder der österreichischen diplomatischen Vertreter im Ausland die Bindeglieder zwischen den einheimischen Ausstellungskommissionen und der Generaldirektion der Weltausstellung in Wien. Einige von ihnen arbeiteten zudem als „Weltausstellungskorrespondenten“ für die internationale Presse.20

Große ausländische Tageszeitungen entsandten eigene Korrespondenten in die österreichische Hauptstadt, die ausführlich von der Weltausstellung und den damit verbundenen Wiener Ereignissen berichteten. Dies galt beispielsweise für den Pester Lloyd, das führende deutschsprachige Journal in Ungarn. 1854 von einigen Journalisten gegründet, zu denen Max Friedländer gehörte, der 1863 die Neue Freie Presse aus der Taufe hob, nutzte das Blatt die im Zuge der sich rapide verbreitenden Telegrafie entstehenden journalistischen Möglichkeiten. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Pester Lloyd seine Nachrichten veröffentlichte, beunruhigte sogar die Polizei, deren Direktor Prottmann sich diesbezüglich bereits in den 1850er-Jahren besorgt zeigte. Dessen ungeachtet blieb die Rubrik Telegraphische Depeschen eines der Aushängeschilder des Blatts auch und gerade während der Weltausstellung.21 Ausländische Blätter wie der Pester Lloyd verließen sich jedoch nicht allein auf ihre Sonderkorrespondenten bei der Weltausstellung oder die österreichischen Diplomaten im Ausland. Als wesentlich wichtiger für ihre tägliche Arbeit erwiesen sich international operierende Nachrichtenagenturen, die mittels des Telegrafen die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt Tag für Tag direkt in die Redaktionsräume lieferten. In Österreich hatte der Schriftsteller Josef Tuwora 1850 mit der Österreichischen Korrespondenz eine erste bescheidene Agentur


gegründet, die 1859 mit staatlicher Erlaubnis und Förderung zu einem nationalen Korrespondenz-Bureau erweitert wurde. Dieses nahm fortan als halboffizielle Nachrichtenagentur entscheidenden Einfluss auf die Presse und ihre Berichterstattung. Die Arbeit und der Aufbau des KorrespondenzBureaus orientierten sich an großen internationalen Unternehmen wie der britischen Agentur Reuters, dem preußischen Wolff ’s Telegraphischen Bureau (WTB) und nicht zuletzt der französischen Agence Havas, deren Besuch Tuwora 1858 bewogen hatte, seine Agentur nach französischem Vorbild umzugestalten.22 Da die österreichische Regierung ohnehin auf die Herausgabe zahlreicher Zeitungen entscheidenden Einfluss nahm, war es nur folgerichtig, dass die Agentur 1860 als Teil des Finanzministeriums neu gegründet und 1862 dem Handelsministerium angegliedert wurde. Erst 1876 erreichte das Korrespondenz-Bureau die formelle Selbstständigkeit, unterstand jedoch weiterhin der Aufsicht des Handelsministeriums. 1881 ging diese Kontrollfunktion sogar unmittelbar auf das Präsidium des Ministerrats über.23 Die enge Beziehung zur österreichischen Regierung war für das Korrespondenz-Bureau jedoch keineswegs nur unliebsamer Zwang. Denn die Agentur erhielt exklusiv alle Meldungen, die von staatlichen Behörden oder den diplomatischen Vertretungen im Ausland stammten. Durch dieses Nachrichtenprivileg war sie auch in Bezug auf die Wiener Weltausstellung von 1873 eine entscheidende Informationsquelle.24 Bereits im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 hatte sich die Neue Freie Presse bitter darüber beklagt, dass ihre Reporter im Gegensatz zu den Mitarbeitern des Korrespondenz-Bureaus keine Akkreditierung für die Schlachtfelder erhielten. Der Krieg verdeutlichte einerseits, wie abhängig die Zeitungen von der staatlich geförderten Agentur bereits waren. Andererseits führte er auch dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Agenturen in eine neue Phase trat. Denn das KorrespondenzBureau war in erheblichem Maße von der preußischen Agentur Wolff abhängig gewesen. Von ihm bezog es nicht nur alle Nachrichten aus Deutschland, Skandinavien und Russland, die im Rahmen der internationalen Nachrichtenkooperation als WTB-Territorien ausgewiesen waren. Zudem durften, wie vertraglich genau geregelt war, sämtliche Meldungen von Havas und Reuters nur über Berlin in die österreichische Hauptstadt gelangen. Daher trat das Korrespondenz-Bureau nach der verheerenden Niederlage von 1866 in Verhandlung mit der französischen und der englischen Agentur,

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Kat.Nr. 5.7.35 Die akkreditierten englischen Reporter der Weltausstellung, 1873

um seinen österreichischen Zeitungskunden weiterhin Nachrichten aus aller Welt liefern zu können. Letzten Endes einigte man sich mit dem WTB jedoch auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unter günstigeren finanziellen Konditionen sowie dem Versprechen, fortan mit Havas und Reuters auch in direkten Kontakt treten zu dürfen. Auf diese Weise entstand in den 1860er-Jahren in Österreich eine halbstaatliche Nachrichtenbehörde, die im ständigen ökonomisch motivierten Austausch mit den großen international operierenden Nachrichtenagenturen ihrer Zeit stand. Daran änderte sich auch nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 wenig. Im Gegenteil: Das Korrespondenz-Bureau eröffnete eine eigene Filiale in Pest und avancierte zur einzigen bedeutenden Nachrichtenagentur der Doppelmonarchie. Mittels zusätzlicher Filialen in Prag und Triest versuchte die geschwächte Zentralmacht in Wien, „die Kontrolle der Kronländer auf nachrichtenpolitischem Wege zu erhalten“.25 Das Korrespondenz-Bureau trug erheblich dazu bei, dass sich die österreichische Presse auch nach der Verfassung vom 21.  Dezember 1867 nur bedingt vom Zugriff der Regierung lösen konnte. Die staatliche Presselenkung blieb trotz des nun gesetzlich verankerten Rechts auf freie Meinungsäußerung, der Pressefreiheit und des Zensurverbots ebenso einflussreich wie konstant.26 Dem neuen


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Die Allgemeine Telegraphenbau-Gesellschaft auf der Weltausstellung, 1873 (Wien Museum)

österreichischen Ministerpräsidenten Friedrich Graf von Beust gelang es sowohl mittels des Korrespondenz-Bureaus, das auf exklusive Nachrichten aus den staatlichen Behörden angewiesen war, als auch durch gezielte Subventionen bestimmter Zeitungen, zu denen Friedländers Neue Freie Presse zählte, die tägliche Berichterstattung weiterhin nachhaltig zu beeinflussen.27 Gleichzeitig geriet das Korrespondenz-Bureau unter immer größeren Druck durch das Ausland, wo der lukrative Medienstandort Wien so manche Begehrlichkeiten weckte. 1869 wurden Vertreter von Reuters und Havas sogar direkt bei Beust vorstellig, in der Hoffnung, das WTB als privilegierten Partner Wiens abzulösen. Dies gelang jedoch nicht, da die preußische Agentur dank tatkräftiger finanzieller Unterstützung Bismarcks und des massiven Ausbaus von Telegrafenleitungen ihre Nachrichten schneller nach Wien liefern konnte als die französische und englische Konkurrenz. Im Zuge der Vertragsverhandlungen zwischen Havas, Reuters und dem WTB, die im sogenannten Kartellvertrag vom Jänner 1870 gipfelten, verwandelte sich das Korrespondenz-Bureau sukzessive von einem Vertragspartner in ein Verhandlungsobjekt.28

Insbesondere nach dem preußisch-deutschen Sieg über Frankreich 1870/71 war an eine völlige Unabhängigkeit vom WTB seitens der Wiener Regierung nicht mehr zu denken. Wien blieb zwar einer der wichtigsten Nachrichtenstandorte Europas, konnte zu Beginn der 1870er-Jahre jedoch ebenso wenig aus dem Schatten von Paris, London und Berlin treten wie das Korrespondenz-Bureau aus der Abhängigkeit von Havas, Reuters und Wolff ’s Telegraphischem Bureau. Dies zu ändern, war eines der Ziele der Weltausstellung von 1873, die Wien in den Status einer internationalen Metropole erheben sollte, indem sie den Glanz, den Einfluss und die Konkurrenzfähigkeit der österreichischungarischen Doppelmonarchie unter Beweis stellte. Die Presse und die Telegrafie, deren Beherrschung Österreich auf dem Pratergelände mit großem Aufwand inszenierte, zählten dabei zu den bevorzugten Mitteln. Denn nur dank kontinuierlicher Kontakte in alle Welt konnte Wien den Status einer Weltstadt reklamieren. Die Entwicklung des KorrespondenzBureaus, dem Wiener Verbindungsglied zwischen nationalen Zeitungen und internationalen Nachrichtenagenturen, illustriert die Ansprüche und die Grenzen dieses Unterfangens.


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Weltkarte zur Übersicht der Meeresströmungen und des Schnellverkehrs, Gotha 1876 (Wien Museum) 1 Friedrich Lenger: Metropolenkonkurrenz. Die Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Journal of Modern European History 11 (2013) 3, S. 330. 2 Vgl. Brigitte Schroeder-Gudehus, Anne Rasmussen: Les fastes du progrès. Le guide des Expositions universelles 1851–1992, Paris 1992, S. 84ff. 3 Vgl. Jutta Pemsel: Die Wiener Weltausstellung von 1873. Das gründerzeitliche Wien am Wendepunkt, Köln u. a. 1989, S. 95; Karlheinz Roschitz: Wiener Weltausstellung 1873, Wien 1989, S. 65. Siehe auch Winfried Kretschmer: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt a. M. 1999, S. 95. 4 Welt-Ausstellung 1873 in Wien. Officieller General-Catalog, Wien 1873, S. 535. 5 Vgl. ebd., S. 13f. 6 Eduard Seis: Führer durch die Weltausstellung 1873. Praktisches Handbuch für Reisende und Einheimische, Wien 1873, S. 34. 7 Pemsel, Die Wiener Weltausstellung, S. 57. 8 Zit. n. Ulrike Felber: Wien wird Weltstadt, in: Welt ausstellen. Schauplatz Wien 1873 (Ausstellungskatalog Technisches Museum Wien), Wien 2004, S. 97. Siehe auch Edith Dörfler, Wolfgang Pensold: Die Macht der Nachricht. Die Geschichte der Nachrichtenagenturen in Österreich, Wien 2001, S. 201. 9 Pemsel, Die Wiener Weltausstellung, S. 92. 10 Vgl. ebd., S. 93; Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, S. 93. 11 Vgl. Schroeder-Gudehus, Rasmussen, Les fastes du progrès, S. 89. 12 Vgl. Pemsel, Die Wiener Weltausstellung, S. 94. 13 Vgl. Felber, Wien wird Weltstadt, S. 100.

14 Vgl. Daniel Hedinger: Im Wettstreit mit dem Westen. Japans Zeitalter der Ausstellungen 1854–1941, Frankfurt a. M. 2011, S. 88. 15 Zit. n. Pemsel, Die Wiener Weltausstellung, S. 77. 16 Thomas Richter: Die Fortschritte der Cultur. Einleitung in das Studium der Berichte über die Weltausstellung 1873, Prag 1875, S. 189. 17 Felber, Wien wird Weltstadt, S. 98. 18 Vgl. Seis, Führer durch die Weltausstellung, S. 33. 19 Vgl. Wolfgang Maderthaner: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945, in: Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Von 1700 bis zur Gegenwart, Köln u. a. 2006, S. 202. Siehe auch Roschitz, Wiener Weltausstellung 1873, S. 108; Felber, Wien wird Weltstadt, S. 89. 20 Pemsel, Die Wiener Weltausstellung, S. 45. 21 Vgl. Hedvig Ujvári: Zwischen Basar und Weltpolitik. Die Wiener Weltausstellung 1873 in Feuilletons von Max Nordau im Pester Lloyd, Berlin 2011, S. 29-34, S. 44. 22 Vgl. Heinrich Scheuer: 75 Jahre amtliche Nachrichtenstelle vormals K. k. Telegraphen-Korrespondenz-Bureau, Wien 1934, S. 19. 23 Vgl. Friedrich Fuchs: Telegraphische Nachrichtenbüros. Eine Untersuchung über die Probleme des internationalen Nachrichtenwesens, Berlin 1919, S. 123. Siehe auch Scheuer, 75 Jahre amtliche Nachrichtenstelle, S. 31. 24 Vgl. Dörfler, Pensold, Die Macht der Nachricht, S. 171. 25 Ebd., S. 174. 26 Vgl. ausführlich Maderthaner, Von der Zeit um 1860, S. 193. 27 Vgl. Dörfler, Pensold, Die Macht der Nachricht, S. 173. 28 Vgl. ebd., S. 191.


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Peter Payer

  UM 1870: WIEN WIRD     GROSS UND LAUT  

 Stadteindrücke und BeobachtungeN 

Wer im Weltausstellungsjahr von einem erhöhten Punkt auf die Stadt Wien blickte – sie zählte inklusive der Vororte knapp eine Million Einwohner  –, dem kam wohl ziemlich bald ein treffender Begriff in den Sinn: „Häusermeer“. Schon Adalbert Stifter hatte davon in seinen berühmten Schilderungen gesprochen,1 nun, nach dem Abbruch der Befestigungsanlagen und dem sukzessiven Zusammenwachsen der inneren und äußeren Stadtteile, begann es unumstößliche Realität zu werden: Immer mehr breitete sich die Verbauung aus, ehemals klar erkennbare Bereiche verschmolzen zu einer kontinuierlichen Stadtlandschaft. Mit dem Bild vom „Häusermeer“ war eine zentrale Metapher für die neue panoramatische Wahrnehmung der Großstadt gefunden, für die Erfahrung von der Entgrenzung des Raums und das irritierende, scheinbar uferlose Durcheinander von Häusern und Dächern. Ein überwältigender Eindruck, auch im akustischen Sinn, denn so statisch das Gesehene auch war, die in unsichtbarer Tiefe sich abspielenden Bewegungen von Menschen und Gütern drangen nur allzu deutlich an die Oberfläche, erzeugten eine dem Maritimen verwandte und dennoch zutiefst urbane Klangkulisse. So bemerkte Julius Rodenberg (1831– 1914), Dichter und Journalist und aus Berlin zur Weltausstellung angereist: „Dumpf, aus weiter Ferne, vernimmt man das Rauschen und Brausen des Wiener Lebens wie einen Ocean.“2 Und sein Kollege Friedrich Tietz erkannte vom Stephansturm herab eine „Riesenscheibe“ und „wirre Krystallisation, in deren starren Ecken und Furchen ein wimmelndes Leben sich bewegt“.3 Wie sah es nun in den ,Furchen‘, in den Straßen und Plätzen der Stadt aus? Welche Eindrücke

August Silberstein: Die Kaiserstadt am Donaustrand, 1880

Kat.Nr. 4.5.13

boten sich, visuell, akustisch und olfaktorisch, im zunehmend urban-metropolitan geprägten öffentlichen Raum von damals? Getrappel und Geklingel Der akustische Raum der Stadt hatte sich durch die voranschreitende Versiegelung des Untergrunds und das Anwachsen der geschlossenen Verbauung grundlegend gewandelt. Knapp 43 Prozent der Wiener Verkehrsflächen waren im Jahr 1870 bereits gepflastert (bei deutlich zentrifugalem Gefälle),4 die Zahl der Gebäude war gestiegen und diese waren zunehmend in die Höhe gewachsen.5 Eine steinerne Stadtlandschaft war die Folge, mit zum Zentrum hin immer tiefer werdenden Straßenschluchten, in denen sich die Schallwellen vielfach reflektierten – ein


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Gustav Veith: Panorama der Stadt Wien mit zahlreichen 1873 noch nicht fertiggestellten Bauten, um 1873 (Wien Museum)

Umstand, der bereits von manchen Stadtbewohnern aufmerksam registriert worden war. Etwa vom Schriftsteller und Publizisten August Silberstein (1827–1900), der sich in seinem zur Weltausstellung erschienenen Huldigungswerk Die Kaiserstadt am Donaustrand unter anderem intensiv mit Wiens neuer Klangkulisse beschäftigte. Schon von der Ferne nahm er ein „Getöse“ wahr, das ihm wie das „Zusammenbrausen von unzähligen rollenden donnernden Eisenbahn-Courierzügen“ schien, absolut positiv konnotiert als „das hörbare Schaffen und Treiben der Weltstadt“. Von der Nähe erkannte er: „[…] die hohen Häuser halten den Schall zusammen und verstärken ihn.“6 Die Stadt war im Begriff, groß und laut zu werden, das empfanden immer mehr Zeitgenossen. Wesentlichen Anteil daran hatte die schier unüberblickbare Anzahl an Baustellen. Nicht nur bei den Großprojekten Ringstraße und Donau- sowie Donaukanalregulierung, auch an unzähligen anderen Orten wurde aufgegraben, abgerissen, um- und neu gebaut. Im Rekordjahr 1872 verbrauchte die

Wiener Bauwirtschaft rund 330 Millionen Stück Ziegel.7 Zugleich hatten die Verkehrsdichte und die damit verbundenen Straßengeräusche deutlich zugenommen. Während im innerstädtischen Nahverkehr noch lange Zeit die Fußgängerinnen und -gänger dominierten, stand für die Zurücklegung größerer Distanzen mittlerweile eine Vielzahl an pferdegezogenen Wagen zur Verfügung. Insgesamt 1.149 Fiaker, 1.352 Einspänner, 890 Stellwagen und 174 Lohnkutscher waren im Jahr 1875 in Wien statistisch erfasst.8 Das Klappern der eisenbeschlagenen Hufe, das Knarren der Wagen und Rumpeln der Räder auf dem granitenen Kopfsteinpflaster und dazu das Geschrei der Kutscher waren ständige Begleiter. Hinzu kam die Pferdetramway, die, 1865 eingeführt, auf der Ringstraße und in die Vororte Döbling, Dornbach, Penzing, St.  Marx, Favoriten und zum Weltausstellungsgelände im Prater verkehrte. Schon von Weitem waren ihre charakteristischen Laute zu vernehmen: das Pferdetrappeln und Wagenrattern, das metallische Quietschen der Räder, das Glockenläuten des „Conducteurs“, das Beginn und


WIEN UM 1870

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Die erste Pferdetramway-Linie Wiens zwischen Schottenring und Dornbach, 1865 (Wien Museum)

Ende des Aufenthalts an einer Haltestelle markierte. Am eindringlichsten war wohl das ständige Klingeln der am Zaumzeug der Pferde angebrachten Glöckchen, das als Dauerwarnton für die übrigen Verkehrsteilnehmer gedacht war und der Pferdetramway den Spitznamen „Glöckerlbahn“ einbrachte. Diese Geräu­sche verbreiteten sich mit zunehmend vertrauter Re­gelmäßigkeit im Stadtgebiet, dehnten sich zeitlich – die Betriebszeit war von sechs bis 22:30 Uhr – und räumlich von der Innenstadt bis in die Außenbezir­ ke aus. Dabei waren es vor allem die zentralen Ver­bindungs- und Ausfallsstraßen, die sich zu klingenden Hauptadern des Tramwaynetzes entwickelten.9 Neben den diversen Fahrzeuggeräuschen war die menschliche Stimme ein vertrauter Klang der Straße. So gab es eine Unzahl an Wanderhändlern, die ihre Waren und Dienstleistungen lautstark anpriesen, vom Scherenschleifer über die Lavendelfrau bis hin zum Aschenmann und Maronibrater. Ihre Kaufrufe, die als Cris de Vienne in die Literatur eingingen, gehörten unabdingbar zur auralen Charakteristik des öffentlichen Raums.10 Ebenso wie die Darbietungen der zahllosen Straßenmusiker, vom Harfenisten, Gitarristen und Sänger bis hin zum legendären Werkelmann. Wenngleich sich ihre Zahl aufgrund strenger polizeilicher Restriktionen sukzessive verringerte, musizierten sie doch nach wie vor regelmäßig an ausgewählten Plätzen der Innenstadt, vor allem aber in den Straßen und

Höfen der Vorstädte – nicht nur zur Freude der Anrainer: Vor allem gegen die als nervtötend erlebte Musik der Werkelmänner regte sich zunehmend Widerstand, und man fragte aufgebracht, woher solch „patentirte Banditen und ehemalige Vaterlandsvertheidiger […] das Recht haben, jedermann durch unausgesetztes Ableiern des ‚RadetzkyMarsch‘ […] zu Tode zu quälen“.11 Und schließlich gab es das Geläute der Kirchenglocken, welches das geschäftige Treiben der Stadt übertönte, den ganzen Tag, das ganze Jahr über. Die Glocken mit ihren überaus differenzierten Klangbotschaften hatten sich, wie Alain Corbin gezeigt hat,12 zum Symbol für die Größe und Bedeutung einer Ansiedlung entwickelt, insbesondere im katholisch geprägten Wien. Dabei war es vor allem die „Pummerin“, seit 1711 vom Nordturm des Stephansdoms erklingend, die gleichsam zum akustischen Erkennungszeichen der Stadt geworden war. Diese und die unzähligen kleineren Glocken des Doms beeindruckten nicht nur Julius Rodenberg zutiefst: „Diese Glocken zu hören ist für mich eins der stärksten Anziehungsmittel in Wien. Wenn ich sie vernehme, so geht mir das Herz über, und es ist gar nicht zu sagen, wie oft ich hierher komme oder wie viele Umwege ich mache, um wieder einmal zu lungern und zu träumen im Schatten von Sanct-Stephan.“13 Versucht man, die Klang- und Lärmzentren im damaligen Wien zu identifizieren, so sind es


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Die Zentralmarkthalle an der Vorderen Zollamtsstraße, um 1870 (Wien Museum)

neben den Kirchen wohl vor allem das Vergnügungsareal des Praters, das früh als lautester Ort der Stadt beschrieben wurde, die Märkte, wo sich etwa die berühmten „Fratschlerinnen“ akustisch hervortaten, oder so manch enge und viel befahrene Gasse der Innenstadt, wie die Herrengasse, in der sich, so Rodenberg, der „betäubendste Lärm“ der Stadt ausbreitete.14 Hier hatte man so recht einen Eindruck vom „modernen, lärmenden, tobenden Wien“.15 Maßnahmen zur Lärmberuhigung wurden wenn, dann nur punktuell getroffen und betrafen vor allem die Straßenpflasterung. Vor Schulen und Krankenhäusern streute man, wie seit Langem üblich, Stroh zur Dämpfung auf die Straßen, und an ausgewählten Stellen (Kärntner Straße vor der Oper, Stadtpark nahe der Tegetthoffbrücke) gab es Versuchsstrecken mit geräuschminderndem Asphalt und bituminösem Kalkstein.16 Umfassendere Strategien und eine auch mediale Intensivierung des Lärmdiskurses sollten erst später, zur Jahrhundertwende, Platz greifen.17 Gestank, Staub, Rauch Auch das urbane Geruchspanorama wurde durch die Anwesenheit der zahllosen Pferde und anderen Zugtiere maßgeblich geprägt. Ihre Ausdünstungen und Exkremente verteilten sich auf den Standplätzen und Fahrbahnen, hinterließen dort unüberriechbare Duftspuren.

Gleiches gilt für das durch die Straßen der Stadt getriebene Schlachtvieh. Riesige Tierherden bewegten sich von den Bahnhöfen zu den Schlachthäusern von Gumpendorf und St. Marx. Ein Zeitgenosse erinnerte sich, dass die auf dem Rennweg „von slovakischen Treibern in Zwillichkitteln geleiteten Schweineherden und schwerfälligen Büffelgespanne“ eine – wohl auch geruchlich eindringliche – „asiatische Stimmung“ verbreiteten.18 Wie viele Tiere sich jährlich durch die Straßen wälzten, verdeutlicht die Importquote des Jahres  1871. Allein in diesem Jahr gelangten 149.360 Ochsen, 376.800 Schweine, 208.469 Schafe und 169.336 Kälber auf den Wiener Markt, wobei der überwiegende Teil der Tiere aus der ungarischen Reichshälfte stammte.19 Im Jahr der Weltausstellung wurde dem Viehtrieb durch die Stadt ein Ende gesetzt. Der Anblick der geruchs- und lärmintensiven Herden entsprach in keiner Weise mehr dem Selbstverständnis einer modernen Metropole. Eigene Gleisverbindungen wurden geschaffen, auf denen das Vieh künftig in speziellen Waggons von den Bahnhöfen direkt zu den Schlachthöfen gebracht werden konnte. Wollte man die Luftqualität der Stadt verbessern, was sich auch aus hygienischen Gründen dringend empfahl – die Angst vor gesundheitsschädlichen Dünsten („Miasmen“) war seit den Choleraepidemien allgegenwärtig –,20 galt es vor allem die Kanalisierung und Straßenreinigung zu intensivieren,


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„Wie Wien gereinigt wird“, aus: Über Land und Meer, Nr. 36, 1873 (Wien Museum)


wie der Arzt Richard Müller im Vorfeld zur Weltausstellung mahnte. In einer 1872 erschienenen Streitschrift schrieb er: „Eine Schar weitgereister Leute wird unsere Residenz besuchen und wir dürfen ihnen nicht das Schauspiel einer schlecht gesäuberten Stadt bieten, wie es gegenwärtig doch in Wirklichkeit ist.“ Wie gestankdurchsetzt die Straßen und Plätze der Stadt seien, könnten die Leser nachvollziehen, wenn sie sich „die Mühe geben und vor ihrer Phantasie die tausende und tausende Gegenstände aufsteigen lassen, deren Trümmer den Strassenschmutz darstellen. Die Abfälle von hunderten von Gewerben, von ebenso vielen Küchenvorräthen, menschlichen und thierischen Auswurfstoffen […].“21 Maßnahmen zur Intensivierung von Straßenreinigung und Müllabfuhr wurden ergriffen. Doch erst die forcierte Pflasterung der Straßen, vor allem aber die Inbetriebnahme der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung im Oktober 1873 brachten eine spürbare Erleichterung. Nun war erstmals ausreichend Wasser vorhanden, um die Straßen regelmäßig bespritzen zu können und den Unrat in das Kanalnetz wegzuspülen. Damit hoffte man auch einem anderen dringenden Problem Herr zu werden: dem altbekannten Staub. Seit Jahrzehnten waren die Klagen darüber zu vernehmen, und wenngleich sich vieles gebessert hatte, war es doch nach wie vor so, dass der Staub „an allen Ecken und Enden im leisesten Luftzug wirbelt“.22 Straßenkehrer gelangten in den unrühmlichen Ruf, ihn noch weiter zu verteilen, ebenso die „Mistbauern“, die durch das Entleeren des Unrats in ihre Wagen dazu beitrügen, dass „bei günstigem Wind der Staub fünf Häuser weit fliegt“.23 Dass sich über der Stadt nicht selten eine „Decke von Dünsten“ ausbreite, das liege, so der Ingenieur und Experte für Stadthygiene Elim Henry D’Avigdor, vor allem am Staub und am Rauch, der in großen Mengen den Schornsteinen der Wohnungen und Fabriken entströme. Ebenso an den üblen Ausdünstungen der Flüsse, welche die Abwässer der Kanäle ungeklärt aufnahmen. Besonders deutlich wahrnehmbar an den Ufern des Donaukanals, wo der Geruch „keineswegs unmerklich“ sei, sowie am Wienfluss.24 Bei Letzterem komme es vor allem im noblen Stadtpark zu regelrechten Geruchskollisionen: „[…] todte Thiere, Schlamm und Kehricht aller Art erscheinen am Ufer und mengen ihre Dünste mit den Wohlgerüchen der Rosen vor dem Cursalon. Der von der Hitze ermattete Wiener, welcher dort etwas Erholung und frische Luft zu finden hofft, athmet mit jedem Zuge giftige Miasmen ein.“25 Über die Besucherinnen des Stadtparks hieß es spöttisch,

sie seien „durchgehends stark parfümirt, um die Mißgerüche des nahen Wienflusses zu betäuben“.26 Vor allem im Sommer präsentierte sich dieser als „Plage der Einwohner“27 und eine „furchtbare Dünste aushauchende Kloake“28. Den städtischen Gesundheitsbehörden war dies nur allzu bekannt.29 Die Regulierung der Wien und ihre Einwölbung, wie am Alserbach erfolgreich praktiziert, wurde daher dringendst gefordert.30 Eine hygienische Verbesserung versprach sich der Magistrat auch durch die forcierte Aufstellung von Pissoirs. Schon seit Längerem gab es an stark frequentierten Kreuzungspunkten und in Parks derartige Anstalten, die dem wilden Verrichten der Notdurft entgegenwirken sollten sowie den damit verbundenen geruchlichen und moralischen Belästigungen. Mehrere Konstruktionstypen waren ausprobiert worden, ehe man mit dem achteckigen Pavillonpissoir das scheinbar ideale Modell gefunden hatte. Eine Kommission wurde geschaffen, die geeignete Standorte im Stadtgebiet vorschlug, doch zeigte sich, dass es bei den Anrainerinnen und Anrainer häufig heftigste Widerstände gab. Der doch deutlich wahrnehmbare Gestank der Pissoirs und ihr oft problematischer sanitärer Zustand schreckten viele ab. An der neuen Ringstraße und am Franz-Josefs-Kai errichtete man in den Jahren 1868 bis  1870 ebenfalls mehrere Anlagen, doch auch sie wurden von der Bevölkerung nur zögernd angenommen.31 Indiz dafür waren nicht zuletzt die frisch gepflanzten Platanen und Götterbäume, deren mangelhaftes Wachstum man unter anderem darauf zurückführte, dass sich die Mehrzahl der Passanten weiterhin an den Bäumen erleichterte.32 Insgesamt 125 Pissoirs gab es im Jahr 1873 in Wien, die meisten davon in der Innenstadt und im Prater.33 Eine, so mahnten die Kritiker, letztlich viel zu geringe Anzahl, zudem seien die Anstalten für Ortsunkundige oft nur schwer auffindbar.34 Für die Dauer der Weltausstellung wurden daher mehrere mobile „Anstandswagen“ aufgestellt, die mit Pissoirs und Aborten für Männer und Frauen ausgestattet waren.35 Eine entscheidende sanitäre Verbesserung erfolgte auch in diesem Fall erst mit der Eröffnung der Hochquellenwasserleitung und der damit verbundenen Möglichkeit, die Toilettenanlagen regelmäßig mit Wasser zu bespülen.36 Lichterglanz Durchaus eindrucksvoll, und von Besuchern immer wieder lobend erwähnt, stellte sich die Beleuchtung der Straßen und Plätze dar. Seit  1818

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Kat.Nr. 8.1.25

Die Rotunde und die große Fontäne mit elektrischer Beleuchtung, 1873

in Wien die erste öffentliche Gasbeleuchtung des Kontinents eingeführt worden war, ersetzten Gaskandelaber immer häufiger die gängigen Öl- und Petroleumlampen. Das Versorgungsnetz war sukzessive ausgebaut worden, mehr als 40.000 Gasflammen züngelten nunmehr in der Nacht,37 die meisten von ihnen allerdings halbnächtig bis 22 oder 24 Uhr, nur einige wenige durchgehend (ganznächtig). Absolutes Lichtzentrum war die Innere Stadt mit der seit  1865 gasbeleuchteten Ringstraße. Die Vorstädte wiesen bereits ein relativ dichtes Netz an beleuchteten Straßen auf, aus denen einige zentrale Lichtachsen hervorstachen, wie die Landstraßer Hauptstraße, die Favoritenstraße oder die Praterstraße als Hauptverbindung zum Weltausstellungsgelände. Über den Anblick Letzterer geriet Julius Rodenberg geradezu ins Schwärmen: „Welcher Lichterglanz am Abend, diese schimmernden Alleen […], diese blitzenden Flammenschnüre, welche die Straßenlinien und architektonischen Profile phantastisch in die Nacht zeichnen, dieses Gefunkel, wie von tausend Diamanten, die mit den Sternen des Himmels wetteifern! Das ist alles so majestätisch und groß […].“38 Eine Sonderstellung nahm die Mariahilfer Straße ein. Vom Kaiserhaus regelmäßig für Fahrten zwischen der Hofburg und Schloss Schönbrunn

benutzt, war sie als erste Wiener Vorstadtstraße durchgehend illuminiert. Hervorragende öffentliche Gebäude erstrahlten ebenfalls im Gaslicht, seit April 1868 etwa das in Fertigstellung begriffene Hofoperntheater oder seit Dezember  1871 der Stephansdom.39 Deutlich weniger beleuchtet waren die Vororte außerhalb des Linienwalls. Zwar wurde auf der Weltausstellung erstmals eine elektrische Beleuchtung in Form einer Bogenlampe präsentiert, der Schein des rötlich schimmernden – und im Übrigen auch geruchlich durchaus markanten – Gasfeuers war es jedoch, der das nächtliche Stadtbild dominierte. An der Ringstraße mit ihren vierfachen Laternenreihen und auf manch großen Plätzen eine beinahe magische Erscheinung, wie August Silberstein bestätigte: „Endlose Zeilen von Gasflammen dehnen sich vor uns, hinter uns, rechts und links in’s Unabsehbare aus, wie ein stetiges Feuerwerk.  […] Zuweilen ist man an Plätzen von einem leuchtenden Riesenringe, von einem Feuerkreise weitaus und rings umgeben, wie im Märchen, es ist märchenhaft schön. Und doch ist es nur die Straßenbeleuchtung der Großstadt Wien. Die Luft darüber ist roth; von der Ferne gesehen und in den Vororten vor der Linie sieht sich die Luft über Wien an, als brenne dort ein Häusermeer und lichte den Himmel mit grellem Scheine.“40


Nach Mitternacht fiel die Stadt – von Orten wie den Bahnhöfen abgesehen, wo weiterhin Züge verkehrten  – in tiefe Dunkelheit. Die Schaufenster in den Geschäftsstraßen blieben, bis auf wenige Ausnahmen,41 ebenfalls dunkel und verschlossen. Hier sollte sich erst ab den 1880er-Jahren eine neue, auf Helligkeit und Transparenz setzende Kultur der Warenpräsentation durchsetzen.42 Das Nachtleben war bescheiden. Nach zehn Uhr abends, wenn die Hausmeister die Tore sperrten, waren die Straßen beinahe menschenleer. Wiens Ruf, eine verschlafene Stadt zu sein, passte so gar nicht zum erstrebten Image einer Weltausstellungsmetropole. Ein heftiger Diskurs über die Rückständigkeit in dieser Frage entbrannte, doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich die Betriebsamkeit der großen Stadt,43 ermöglicht durch den forcierten Ausbau der öffentlichen Beleuchtung, auch in Wien bis weit in die Nacht hinein erstreckte. Noch waren die gewohnten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen ausgeprägt. Die Transformationszeit der Jahre um 1870 ließ allerdings deutlich spüren, dass es nun immer darum ging, sich an die Erfordernisse einer modernen Metropole anzupassen. 1 Adalbert Stifter: Aussicht und Betrachtungen von der Spitze des St. Stephansturmes, in: ders.: Aus dem alten Wien. Zwölf Erzählungen, Frankfurt a. M. 1986, S. 11. 2 Julius Rodenberg: Wiener Sommertage, Leipzig 1875, S. 112. Zur Biografie des Autors und dessen Werk vgl. Julius Rodenberg: Wiener Sommertage. Hg. und mit einem Nachwort von Peter Payer, Wien 2009. 3 Friedrich Tietz: Wien bei Tag und Nacht. Culturbilder, Berlin 1873, S. 10. 4 Vgl. Günther Chaloupek, Peter Eigner, Michael Wagner: Wien. Wirtschaftsgeschichte 1740–1938. Teil 2: Dienstleistungen, Wien 1991, S. 800. 5 Vgl. dazu Hans Bobek, Elisabeth Lichtenberger: Wien. Bauliche Gestalt und Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Graz/Köln 1966. 6 August Silberstein: Die Kaiserstadt am Donaustrand. Wien und die Wiener in Tag- und Nachtbildern. Mit Berücksichtigung der Weltausstellung und weiterer Ausflüge nach Semmering, Graz, Salzburg, Ischl, Prag, Pest-Ofen, Wien 1873, S. 55, S. 59. Silberstein gibt auch eine ausführliche Schilderung des akustischen Tagesgangs von Wien (S. 52-64). 7 Vgl. Chaloupek, Eigner, Wagner, Wirtschaftsgeschichte, Teil 1: Industrie, S. 333. 8 Vgl. ebd., Teil 2: Dienstleistungen, S. 865. 9 Einen Anhaltspunkt zur Häufigkeit der Fahrzeuge gibt Wiens erste systematische Verkehrszählung aus dem Jahr 1871. Daraus geht hervor, dass beispielsweise auf der inneren Währinger Straße im Durchschnitt rund 2.400 Fahrzeuge pro Werktag unterwegs waren. Vgl. Sándor Békési: Die befahrbare Stadt. Über Mobilität, Verkehr und Stadtentwicklung in Wien 1850–2000, in: Pro Civitate Austriae. Informationen zur Stadtgeschichtsforschung in Österreich NF (2004) 9, S. 31. 10 Vgl. Elisabeth Golzar: Bilder führen durch den Klang der Stadt, in: Wolfgang Kos (Hg.): Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit (Ausstellungskatalog Wien Museum), Wien 2013, S. 32-39. 11 Franz F. Masaidek: Wien und die Wiener aus der Spottvogelperspektive. Wien’s Sehens-, Merk- und Nichtswürdigkeiten, Wien 1873, S. 73. 12 Vgl. Alain Corbin: Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1995.

13 Rodenberg, Sommertage, S. 118. 14 Ebd., S. 127. 15 Ebd., S. 189. 16 Vgl. Emil Winkler (Hg.): Technischer Führer durch Wien, Wien 1874, S. 8. Die Diskussion über die Asphaltpflasterung sollte sich in den 1870er-Jahren noch deutlich intensivieren. Vgl. Alfred Hölder: Die Pflasterungsfrage in Wien, Wien 1877. 17 Vgl. Peter Payer: „Großstadtwirbel“. Über den Beginn des Lärmzeitalters, Wien 1850–1914, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2004) 2, S. 85-103; ders.: Der Klang von Wien. Zur akustischen Neuordnung des öffentlichen Raumes, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften  (2004) 4, S. 105-131. 18 Alfred Freiherr von Berger: Buch der Heimat, Bd. 2, Berlin 1910, S. 64. 19 Vgl. Hans-Christian Heintschel: Naturgerüche, in: ders., Peter Payer, Werner Michael Schwarz: Der Duft der Stadt. Beiträge zu einer Geruchsgeschichte von Wien, in: Wiener Geschichtsblätter (1996) 1, S. 8. 20 Vgl. Peter Payer: Der Gestank von Wien. Über Kanalgase, Totendünste und andere üble Geruchskulissen, Wien 1997. 21 Richard Müller: Zur Strassenreinigung. Ein Wort an die Bewohner Wiens, Wien 1872, S. 6f. 22 Elim Henri D’Avigdor: Das Wohlsein der Menschen in Grossstädten. Mit besonderer Rücksicht auf Wien, Wien 1874, S. 9. 23 Masaidek, Wien und die Wiener, S. 42. 24 D’Avigdor, Wohlsein der Menschen, S. 38, S. 142. 25 Ders.: Der Wienfluß und die Wohnungsnot. Ein Vorschlag, Wien 1873, S. 14. 26 Masaidek, Wien und die Wiener, S. 34. 27 Winkler, Technischer Führer, S. 2. 28 Das medicinische Wien. Braumüller’s Wegweiser für Aerzte und Naturforscher, Wien 1863, S. 6. Welch konsequent schlechtes Geruchsimage der Wienfluss hatte, zeigte sich auch bei der 1872 erneuerten Tegetthoffbrücke, die von Kritikern als „zu nobel […] für den stinkendsten aller Flüsse“ bezeichnet wurde. Vgl. August Köstlin: Die Brigittenbrücke, Sophienbrücke und Tegetthoffbrücke in Wien, in: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins (1874) 26, S. 33. 29 Vgl. Jahresbericht des Wiener Stadtphysikates über seine Amtsthätigkeit im Jahre 1874, Wien 1875, S. 13. 30 Zur weiteren Entwicklung vgl. Sándor Békési: Die Metamorphosen des Wienflusses. Zur Geschichte der Vergesellschaftung von Natur am Beispiel eines städtischen Gewässers, in: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 66 (2010), S. 37-61. 31 Vgl. Peter Payer: Unentbehrliche Requisiten der Großstadt. Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien, Wien 2000, S. 46-57. 32 Vgl. Ergebnisse der Enquete für die Ringstraßen-Alleen in Wien, Wien 1872, S. 12. 33 Vgl. Die Gemeinde-Verwaltung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in den Jahren 1871–1873. Bericht des Bürgermeisters Dr. Cajetan Felder, Wien 1874, S. 572. 34 Vgl. Meyers Reisebücher. Wien. Führer durch die Kaiserstadt und auf den besuchtesten Routen durch Österreich-Ungarn unter besonderer Berücksichtigung der Welt-Ausstellung, Hildburghausen 1873, S. 134. Vgl. auch Karl Weiss, Bruno Bucher: Wiener Baedeker. Wanderungen durch Wien und Umgebungen, Wien 1870, S. 20. 35 Vgl. Gemeinderatssitzungsprotokolle vom 1. April 1873, 31. Oktober 1873, 30. Jänner 1874. 36 Vgl. Wien’s sanitäre Verhältnisse und Einrichtungen, Wien 1881, S. 58. 37 Vgl. Raffael Hellbach: Bädeker in Wien. Ein schneller Führer für Fremde und Einheimische in Stadt und Umgebung, Wien 1873, S. 28. 38 Rodenberg, Sommertage, S. 159. 39 Helmut Ruck, Christian Fell: Gas. Energie für Wien im Wandel der Zeit, Bd. II, Wien 2009, S. 630. Vgl. auch Rudolf Schlauer: Im milden Schein des Gaslichts, Wien 1989. 40 Silberstein, Kaiserstadt, S. 60f. 41 Als Pionier der Schaufensterbeleuchtung gilt der Josefstädter Apotheker und Chemiker Josef Moser. Mit selbst erzeugtem Gas installierte er 1816 erstmals in Wien eine viel bestaunte Auslagenbeleuchtung in seiner Apotheke Zum Goldenen Löwen. 42 Vgl. Beleuchtung der Schaufenster, in: Neue Freie Presse, 17. September 1880, S. 5. Vgl. dazu auch Susanne Breuss: Window Shopping. Eine Fotogeschichte des Schaufensters, Wien 2010. 43 Vgl. Joachim Schlör: Nachts in der großen Stadt. Paris, Berlin, London 1840–1930, München 1991.

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