Page 9

OPER

gerufen wird und nicht zuletzt die beiden Ohrwürmer „Glück, das mir verblieb“ sowie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ sorgten für nicht enden wollende Ovationen. Kein Wunder, dass die Tote Stadt nach dieser Doppelpremiere in kürzester Zeit eine Bühne nach der anderen eroberte und der Name Korngold in aller Munde geführt wurde. Doch der Wandel des Geschmackes, die Attraktion neuer musikalischer Sprachen bereitete dem Siegeszug nach einigen Jahren ebenso schnell wieder ein Ende, wie er begonnen hatte. Sowohl die Tote Stadt als auch die letzten Korngold-Opern mussten der damaligen zeitgenössischen Form des Musiktheaters, etwa Kreneks Jonny spielt auf, weichen – erst nach dem Tod des Komponisten setzte die dauerhafte Auferweckung der Toten Stadt ein. Und so passt ein Werbetext, den ein deutscher Taschenbuchverlag in den 1980er-Jahren für eine mehrbändige Ausgabe der Werke des zu Lebzeiten ungemein populären Romanciers Jules Verne verwendete deckungsgleich auch für Korngold und seine Tote Stadt: „Er ist wieder da! Er hat das kritische Jahrzehnt, das nach dem Tod das Werk jedes Autors bedroht, umschifft!“ Zwar handelt es sich nicht bloß um ein Jahrzehnt, sondern um rund ein halbes Jahrhundert, das Wiedererwachen des Publikumsinteresses ist auch vielleicht nicht mehr so stürmisch wie die ursprüngliche Begeisterung, dafür jedoch andauernder.

UND WIEN? Nur fünf Wochen nach der überaus erfolgreichen Doppeluraufführung der Toten Stadt kam es am 10. Jänner 1921 zur langvorbereiteten und erwarteten Wiener Erstaufführung an der Wiener Staatsoper. Für die Besetzung war das Beste gerade gut genug: Musikdirektor Franz Schalk übernahm die musikalische Leitung, als Marietta/Marie konnte Maria Jeritza und für die schwierige Partie des Paul Karl Aagard Østvig gewonnen werden. Der überraschend mäßigen Generalprobe folgte dann eine umso hervorragendere Premiere. Und am Ende der Vorstellung durfte der damals erst 23-jährige Komponist auch mehrfach alleine vor den Vorhang treten und den Jubel des Publikums entgegen nehmen. Mit dem Beginn der Korngold-Renais­sance in den siebziger Jahren nahm weltweit auch die Anzahl der Tote-Stadt-Produktionen zu. Eine, die größere

VATER-SOHN KONFLIKT 1913 schrieb Karl Kraus im Zusammenhang mit Erich Wolfgang Korngold in seiner pointiert-sarkastischen Weise: „Sämtliche ausübende Musiker wissen von der Güte des Alten ein Lied zu singen, wenn sie die Güte haben, ein Lied vom Jungen zu singen“, und von Richard Strauss sind diesbezüglich gleich zwei, wenn auch vollkommen konträre Bemerkungen überliefert. Nummer 1: „Bringen wir Korngolds Violanta. Ich verlange dafür, dass der alte Julius unverzagt weiter auf mich schimpft, damit ich nicht in den Ruf komme, ich hätte der Aufführung nur zugestimmt, um den Alten mir geneigt zu machen.“ Nummer 2: „Im Dezember, lieber Erich, gäb’s vielleicht noch eine Violanta, wenn Ihr Herr Papa gnädigst …“ All diese Feststellungen deuten auf den komplexen innerfamiliären Hintergrund der Korngolds. Hie der einflussreiche Musikkritiker der Neuen Freien Presse, der das Genie des Sohnes erkennend sein ganzes Leben in den Dienst der Förderung ebendieses Genies stellte und seinen Einfluss in der Musikwelt mit sanftem und weniger sanftem Druck geltend machte, da der gefeierte von Fachkollegen und Publikum gleichermaßen gefeierte Komponist, der das Leben mit dem Vater später als Hölle apostrophierte. Von außen und im Nachhinein ist es natürlich schicker, über Väter wie Leopold Mozart oder Julius Korngold den Stab zu brechen. Ob aber Erich Wolfgang Korngold wirklich durch seinen zweifelsohne dominanten Vater „kaum Gelegenheit hatte, sein großes Talent in ruhiger Entwicklung wachsen zu lassen“, wie es der Schauspieler Walter Slezak bedauerte, oder ob der Junge ohne den Alten verkommen wäre, lässt sich in Wahrheit weder verifizieren noch falsifizieren. Tatsache ist: Vater und Sohn haben im Laufe ihres langen gemeinsamen Lebens viel aneinander gelitten.

Aufmerksamkeit erregte, hatte 1983 an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Für die Inszenierung zeichnete Götz Friedrich verantwortlich. Wenig später übersiedelte die Produktion nach Los Angeles, um am 22. Dezember 1985 an der Wiener www.wiener-staatsoper.at

N° 205

7

Prolog Jänner 2017 | Wiener Staatsoper  

Monatsmagazin der Wiener Staatsoper

Prolog Jänner 2017 | Wiener Staatsoper  

Monatsmagazin der Wiener Staatsoper