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Das

WHO-Regionalb端ro f端r Europa


Vorwort Sammelbecken für innovative Gesundheitskonzepte und zu einem breiten Spektrum an Sachverstand. Ich halte es für die Aufgabe des Regionalbüros, diese Vielfalt nutzbringend für die Europäische Region zu verwenden, also dieses noch nie da gewesene Potenzial an Innovation, gesundheitspolitischem Sachverstand und Dynamik voll auszuschöpfen.

© WHO

Es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen die Arbeit des WHORegionalbüros für Europa vorzustellen. Als Regionaldirektorin sehe ich es als eine besondere Ehre an, an der Spitze dieser bedeutenden Institution zo stehen und den 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO dienen zu dürfen. Bei meinem Amtsantritt im Februar 2010 versprach ich, das Regionalbüro weiter zu stärken und zu einem führenden Kooperationszentrum für öffentliche Gesundheit auszubauen. Seitdem habe ich intensiv darauf hingearbeitet, dieses Versprechen in die Tat umzusetzen. Ich fühle mich beflügelt von dem weitreichenden Auftrag und der moralischen Autorität, die das Regionalbüro durch die Satzung der WHO erhält, und ich bin fest entschlossen, die teilweise abstrakten Begriffe Menschenrechte, Universalität und Solidarität konkret in wirksame Maßnahmen und spürbare Resultate für Bürger, Familien und Gesellschaft umzusetzen.

Heute ist die Gesundheitssituation der Menschen in der Europäischen Region der WHO besser als je zuvor. Durch Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind ungeahnte Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung und Krankheitsbekämpfung entstanden. Der Schwerpunkt der Gesundheitspolitik verlagert sich allmählich von der sekundären und tertiären hin zur präventiven und primären Gesundheitsversorgung. Doch hinter diesen positiven Entwicklungen verbergen sich Ungleichheiten zwischen wie auch innerhalb von Ländern. Aufgrund der weltweiten Finanzkrise ist es für die Gesundheitssysteme noch schwieriger geworden, den Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden. Daher ist es die Aufgabe der WHO, die effizientesten und kostenwirksamsten Gesundheitslösungen zu finden und jedem unserer Mitgliedstaaten eine individuell auf ihn zugeschnittene Beratung anzubieten. Dafür brauchen wir einen echten Paradigmenwechsel in Bezug auf Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Wir benötigen ein umfassendes Konzept, bei dem Aspekte des Gesundheitsschutzes und der gesundheitlichen Chancengleichheit in allen Politikbereichen gebührend berücksichtigt werden. Es ist Zeit für eine neue strategische Zukunftsvision, die Gesundheit zur staatlichen Gesamtverantwortung macht. Ich bin entschlossen, diese Vision in Form einer neuen, auf Werte gestützten Europäischen Gesundheitspolitik voranzutreiben, die den Regierungen und einer wachsenden Zahl von Interessengruppen als Inspiration und Orientierungshilfe dienen kann. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an der Arbeit des Regionalbüros und hoffe, dass mit dieser Broschüre möglichst viele ihrer Fragen beantwortet werden.

In den 53 Ländern unserer Region herrschen sehr unterschiedliche ökonomische, politische und soziale Rahmenbedingungen, was dazu geführt hat, dass dort ebenso unterschiedliche Gesundheitssysteme und gesundheitspolitische Instrumente entstanden sind. Viele sehen dies als eine Herausforderung an, ich betrachte es als eine Chance. Diese kulturelle Vielfalt verschafft uns Zugang zu einem einmaligen

Zsuzsanna Jakab Regionaldirektorin
WHO-Regionalbüro für Europa

Der bisherige Weg Zsuzsanna Jakab trat ihr Amt als WHO-Regionaldirektorin für Europa im Februar 2010 an. Die gebürtige Ungarin hatte in den vergangenen drei Jahrzehnten auf nationaler und internationaler Ebene eine Reihe hochrangiger Führungspositionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit inne. Vor ihrer Wahl zur Regionaldirektorin war Frau Jakab die Gründungsdirektorin des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Stockholm. Innerhalb von fünf Jahren baute sie das ECDC zu einem international anerkannten Kompetenzzentrum für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten aus. Zwischen 2002 und 2005 war Frau Jakab Staatssekretärin beim ungarischen Ministerium für Gesundheit, Soziales und Familie, wo sie die Vorbereitungen ihres Landes auf den EU-Beitritt im Bereich des Gesundheitswesens koordinierte. Eine zentrale Rolle spielte sie auch bei der Vorbereitung der Vierten Ministerkonferenz Umwelt und Gesundheit, die 2004 in Budapest stattfand. Zwischen 1991 und 2002 war Frau Jakab beim WHO-Regionalbüro für Europa in unterschiedlichen höheren Führungspositionen tätig, u. a. als Direktorin der Abteilungen Gesundheitsentwicklung der Länder, Information, Evidenz und Kommunikation sowie Verwaltung und Managementunterstützung. Ihre berufliche Laufbahn begann sie 1975 im ungarischen Ministerium für Gesundheit und Soziales, wo sie für auswärtige Angelegenheiten (und damit auch die Beziehungen zur WHO) zuständig war.

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Wir stellen uns vor Die WHO wurde 1948 mit dem Ziel gegründet, für alle Völker das höchstmögliche Gesundheitsniveau zu erreichen. Die Satzung gibt uns bei der WHO das moralische, konzeptionelle und fachliche Rüstzeug an die Hand, das wir für die Wahrnehmung einer Führungsrolle im Bereich der Gesundheitspolitik und der öffentlichen Gesundheit benötigen. Als Organisation im Rahmen der Vereinten Nationen mit Zuständigkeit für die öffentliche Gesundheit ist die WHO mit ihren 193 Mitgliedstaaten federführend in globalen Gesundheitsfragen und in der Gestaltung der Forschungsagenda für Gesundheit, im Aufstellen von Normen und Standards und in der Formulierung evidenzbasierter Grundsatzoptionen. Auf der globalen Ebene bietet die WHO ihren Mitgliedstaaten fachliche Unterstützung, überwacht und bewertet gesundheitliche Entwicklungen, gewinnt und verbreitet Gesundheitsinformationen und leistet Soforthilfe bei Katastrophen. Als eines von weltweit sechs Regionalbüros der WHO unterstützt das Regionalbüro für Europa 53 Mitgliedstaaten, die sich geografisch vom Atlantik bis zum Pazifik erstrecken. Das höchste beschlussfassende Gremium der WHO ist die Weltgesundheitsversammlung, die einmal jährlich in Genf tagt. Das WHO-Regionalkomitee für Europa erfüllt eine ähnliche Funktion, nämlich sich mit den für die Europäische Region relevanten Gesundheitsfragen zu befassen. Auf den jährlich im September stattfindenden Tagungen des Regionalkomitees treffen sich die Vertreter der Mitgliedstaaten, d. h. die Gesundheitsminister und andere hochrangige Entscheidungsträger. Auf diesen Tagungen beraten die Mitgliedstaaten über die wichtigsten Herausforderungen und verabschieden Konzepte, Strategien und Aktionspläne für die Europäische Region und überwachen die Arbeit des Regionalbüros und nehmen dessen Haushalt an. Das Regionalkomitee ist ein einzigartiges Forum für einen Grundsatzdialog und für Entscheidungsprozesse, die die öffentliche Gesundheitspolitik prägen und die Arbeit der WHO in der Europäischen Region verankern. Beim Regionalbüro für Europa streben wir in unserem Handeln stets danach, die Region zu vereinen und zu integrieren und als eine Brücke zwischen den verschiedenen Teilen der Region, die Werte Chancengleichheit, Solidarität, Universalität und Menschenrechte fördert. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und den Mitgliedstaaten den Weg weisen, aber auch die Beschlüsse der Weltgesundheitsversammlung und des Regionalkomitees umsetzen. Es ist unser Ziel, den Mitgliedstaaten bei der Verbesserung der Gesundheit ihrer Bevölkerung behilflich zu sein, indem wir durch unsere Fachprogramme maßgeschneiderte Unterstützung bieten, und wir reagieren ohne Verzögerung auf katastrophale Notlagen, Krankheitsausbrüche und andere Arten von Gesundheitskrisen.

© WHO

Auf der 63. Weltgesundheitsversammlung vom 17. bis 21. Mai 2010 wurden eine Reihe dringender gesundheitspolitischer Themen erörtert, darunter die Internationalen Gesundheitsvorschriften, die Überwachung von Fortschritten bei der Verwirklichung der gesundheitsbezogenen Millenniums-Entwicklungsziele, die Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs sowie der Fälschung von Arzneimitteln.

Unser Auftrag versetzt uns in die Lage, von führenden Partnern aus nationalen und internationalen Einrichtungen ein Optimum an Sachkompetenz abzurufen und nach eingehender Analyse von Daten und Forschungsergebnissen evidenzbasierte gesundheitspolitische Maßnahmen vorzuschlagen. Das Regionalbüro unterhält selbst Datenbanken mit Gesundheitsinformationen aus allen 53 Ländern der Region oder kann direkt auf solche zugreifen. Im Regionalbüro arbeiten Fachkräfte für öffentliche Gesundheit sowie wissenschaftliche und fachliche Experten. Sie werden sowohl in der Zentrale in Kopenhagen als auch in sechs Außenstellen in verschiedenen Teilen der Region und in den Länderbüros von insgesamt 29 Mitgliedstaaten eingesetzt. Das Regionalbüro schafft evidenzbasierte Forschungsinstrumente und innovative Grundsatzinstrumente, mit denen es die eigene Arbeit in allen 53 Mitgliedstaaten unterstützt. Die Zentrale in Kopenhagen kontrolliert die Kernfunktionen wie die Entwicklung von Grundsatzkonzepten, Strategien und Programmen und arbeitet eng mit den Außenstellen und den Länderbüros zusammen. Die Länderbüros führen maßgeschneiderte fachliche Kooperationsprogramme durch und arbeiten dabei eng mit den nationalen Behörden zusammen, überwiegend in Form von zweijährigen Kooperationsvereinbarungen (BCA).

Als eines von weltweit sechs Regionalbüros der WHO ist das Regionalbüro für Europa in Kopenhagen (siehe Foto) angesiedelt und verfügt außerdem über sechs Außenstellen: das Europäische Zentrum für Umwelt und Gesundheit (Rom und Bonn); das Europäische Zentrum für Gesundheitspolitik (Brüssel); das Europäische Zentrum für nichtübertragbare Krankheiten (Athen); das Europäische Büro für Investitionen in Gesundheit und Entwicklung (Venedig); das WHO-Büro in Barcelona; und die Vertretung bei der Europäischen Union (Brüssel). © WHO

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Ein sich wandelndes Europa

Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“ Satzung der WHO (1948)

© Z. Balogh

Auch wenn der Auftrag der WHO unverändert bleibt, so verändert sich doch die Europäische Region. Soziale, politische und ökonomische Faktoren verändern das Profil von Gesundheitsgefahren und führen zu neuen Belastungen für die Gesundheitssysteme. Die Menschen sind zunehmend mobil; die Bevölkerung der Region altert; die sozioökonomischen Ungleichheiten wachsen sowohl innerhalb von als auch zwischen Ländern; und die globale Finanzkrise stellt eine enorme Belastung für die öffentlichen Haushalte dar. Die Europäische Region der WHO erlebt eine epidemieartige Zunahme nichtübertragbarer Krankheiten. Diese Krankheiten (u. a. Herz-KreislaufErkrankungen, Krebs, psychische Störungen und neurodegenerative Erkrankungen) und die zugrunde liegenden Risikofaktoren sind für ca. 90% der Krankheitslast in der Region verantwortlich. Daneben stellen auch übertragbare Krankheiten wie Influenza, Tuberkulose, Polio und HIV-Aids das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. Auch Umweltfaktoren wie Klimawandel, Luft- und Wasserqualität und die Verwendung von Chemikalien schaffen neue Gefahren und Belastungen für die Gesundheit. Sie können zu Lebensmittelknappheit und zu Schäden an der Infrastruktur sowie zur Ausbreitung von Atemwegserkrankungen und wasserbedingten Erkrankungen führen. Die Zusammenhänge zwischen unzureichender Gesundheit und sozioökonomischer Benachteiligung ist eindeutig nachgewiesen. So liegt etwa die Kindersterblichkeitsrate in den ärmsten Ländern der Region um ein 25-faches höher als in den wohlhabendsten. Die Unterschiede in Bezug auf den Gesundheitsstatus folgen einem starken sozialen Gefälle, in dem sich die Position einer Person oder einer Bevölkerungsgruppe in

Kurzinfo Über 85% aller Todesfälle in der Europäischen Region der WHO entfallen auf nichtübertragbare Krankheiten, wobei Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen die führenden Todesursachen sind. Die Europäische Region hat eine der höchsten Abtreibungsraten in der Welt. Weltweit sind ca. 13% aller Müttersterbefälle auf Komplikationen infolge unsicherer Schwangerschaftsabbrüche zurückzuführen. Knapp 30% der 480 Mio. Menschen in den Ländern Osteuropas und Zentralasiens gelten immer noch als einkommensschwach und besonders gefährdet, und diese Gruppe dürfte für jedes Prozent Abnahme des Bruttosozialproduktes um weitere 5 Mio. Menschen wachsen. Nach Schätzungen aus einer Reihe von Ländern der Europäischen Union sind Ungleichheiten in Bezug auf den sozioökonomischen Status bei Männern für über 20% und bei Frauen für über 40% der Erkrankungen an Adipositas verantwortlich.

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der Gesellschaft widerspiegelt. Um nachhaltige Fortschritte zu erreichen, müssen Ungleichheiten in Bezug auf Gesundheit, Risikobelastung und den Zugang zur Gesundheitsversorgung an der Wurzel angepackt werden. Gleichzeitig müssen auch übergeordnete soziale Einflüsse auf die Gesundheit, wie Bildung, Beschäftigung, Wohnbedingungen, Beteiligung am öffentlichen Leben und Kontrolle über die eigenen Lebensumstände, gebührend berücksichtigt werden. Wir bei der WHO sind davon überzeugt, dass die Durchführung entsprechender Maßnahmen grundlegende Veränderungen an der Art der Gesundheitsversorgung voraussetzt. Diese wären nicht nur erforderlich, um den steigenden Kosten für die Gesundheitsversorgung und dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen zu begegnen, sondern auch um den wachsenden Erwartungen der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Die Bürger sind immer besser über Gesundheitsfragen informiert und fordern mehr Transparenz in Bezug auf ihre eigene Versorgung. Zahlreiche Risikofaktoren liegen außerhalb der Kontrolle der Gesundheitsversorgung; deshalb ist eine sektorübergreifende Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung für den Erfolg von Krankheitspräventions- und Gesundheitsförderungskonzepten. Gesundheit ist schon für sich gesehen ein wichtiges Gut, aber darüber hinaus auch ein Einflussfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung. Dies bedeutet, dass trotz der bestehenden Probleme der Stellenwert von Gesundheit auf der politischen Tagesordnung in der Europäischen Region der WHO steigt. Immer mehr Organisationen aus öffentlichem Sektor, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft betreten die gesundheitspolitische Bühne. Durch die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, insbesondere die gesundheitsbezogenen Ziele, wurden Akteure aus allen Sektoren zusammengebracht, die gemeinsam auf ihre Verwirklichung bis zum Jahr 2015 hinarbeiten.

Die Europäische Region hat weltweit die höchste Belastung durch alkoholbedingte Erkrankungen: 6,5% aller Todesfälle in der Region (11% bei Männern, 1,8% bei Frauen) sind auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Der Anteil der Bevölkerung im Alter von 65 Jahren oder darüber wird Prognosen zufolge von 15% im Jahr 2000 auf 23,5% im Jahr 2030 ansteigen. Der Anteil der Altersgruppe über 80 Jahre dürfte von 3% im Jahr 2000 auf 6,4% im Jahr 2030 wachsen. Tabak ist eine der wichtigsten vermeidbaren Todesursachen und ist jährlich für den Tod von ca. 1,6 Mio. Menschen verantwortlich. Tabak ist das einzige legale Konsumprodukt, das bei Verwendung wie vom Hersteller beabsichtigt tödliche Wirkung haben kann. 70% aller Todesfälle im Straßenverkehr ereignen sich in den ärmeren Ländern der Europäischen Region, und 40% entfallen auf Fußgänger, Motorrad- und Fahrradfahrer. Jeder fünfte Europäer ist nachts regelmäßig einem Lärmpegel ausgesetzt,
der erhebliche Auswirkungen auf seine Gesundheit haben könnte.


Unsere Schwerpunkte Die Europäische Region der WHO steht bei ihren Bemühungen um mehr Gesundheit vor einer Reihe beträchtlicher Herausforderungen. Schwache Institutionen oder das Fehlen der erforderlichen personellen oder finanziellen Ressourcen sowie Sachgüter haben oft zur Folge, dass die Fähigkeit der nationalen Gesundheitssysteme zur Bewältigung dieser Herausforderungen beeinträchtigt wird. Der Sachverstand, die Mobilisierungskraft und die regionale Ausrichtung der Arbeit des Regionalbüros sind für die Mitgliedstaaten von beträchtlichem Nutzen. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, hat für die künftige Arbeit des Regionalbüros sechs Schwerpunktbereiche genannt. Gesundheitspolitik und soziale Determinanten von Gesundheit In allen Teilen der Europäischen Region der WHO sind ungünstige soziale und ökonomische Rahmenbedingungen wie Armut, soziale Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und unzureichende Wohnbedingungen häufig die Ursache für wachsende gesundheitliche Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft. Die WHO unterstützt das Recht jedes Einzelnen – unabhängig von sozialem Status, Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit – auf gleichberechtigten Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung sowie zu Lebensbedingungen und Leistungen, die während aller Lebensphasen der Gesundheit zuträglich sind. Wir streben deshalb an, die gesundheitlichen Ungleichheiten innerhalb von wie auch zwischen Ländern abzubauen und dabei den gesamten Lebenszyklus zu berücksichtigen und ein besonderes Augenmerk auf gefährdete Gruppen wie Senioren, Behinderte, Migranten und RomaGruppen zu richten. Voraussetzung hierfür ist die Einbeziehung einer Reihe anderer Politikbereiche außerhalb des Gesundheitssektors und die gezielte Gesundheitsförderung von der lokalen bis hin zur supranationalen Ebene. Den Eckpfeiler dieser Arbeit bildet eine neue Europäische Gesundheitspolitik, die anhand der Ergebnisse einer umfassenden Bestandsaufnahme der sozialen Determinanten in der Europäischen Region ausgearbeitet wird. Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit Die Gesundheitssysteme sind für die Bereitstellung von Leistungen verantwortlich, die einer Verbesserung, Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit von Einzelpersonen und Gemeinschaften dienen. Dazu gehören auch die Leistungen von Krankenhäusern und Hausärzten, aber auch andere Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, zur Prävention bzw. Bekämpfung übertragbarer Krankheiten und zur Förderung sektorübergreifender Zusammenarbeit mit dem Ziel der Verbesserung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Lebensbedingungen der

Menschen. Die Gesundheitssysteme sind auch für die Gestaltung der Leistungserbringung zuständig, durch die gewährleistet werden soll, dass ein gleichberechtigter Zugang für alle hergestellt wird und dass diese Leistungen den Bedürfnissen und Schwächen der Betroffenen gerecht werden und für sie oder ihre Familien zu keiner übermäßigen finanziellen Belastung führen. In diesem Bereich streben wir beim Regionalbüro eine Verbesserung der Führungskompetenz und der Führung von Gesundheitssystemen in den Mitgliedstaaten an; dies soll konkret durch Ausarbeitung nationaler Gesundheitspläne und -strategien sowie die Überwachung und Evaluation der Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen geschehen. Wir bemühen uns zusammen mit einer Vielzahl von Akteuren darum, die derzeitigen Gesundheitssysteme zu analysieren und zur Gestaltung und Umsetzung von Reformen beizutragen, die sich positiv auf die Gesundheitsversorgung und auf die sektorübergreifende Zusammenarbeit auswirken. In die gleiche Richtung weisen auch Programme und Projekte, deren Zielsetzung darin besteht, die Finanzierungsmechanismen zu verbessern, Gesundheitsfachkräfte zu gewinnen und zu schulen, einen sicheren und rationellen Einsatz von Arzneimitteln zu gewährleisten, Patienten in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, den Bereich eGesundheit zu integrieren und den Beitrag der Gesundheitsbranche zu bewerten. Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung Wie bereits erwähnt, sind nichtübertragbare Krankheiten, insbesondere Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen, heute die führenden Krankheits- und Todesursachen in der Europäischen Region der WHO. Diesen Krankheiten liegen gemeinsame Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholmissbrauch, Adipositas, Bewegungsmangel und Drogenmissbrauch zugrunde. Die starke Assoziation zwischen ungesunden Verhaltensweisen und Faktoren wie Geschlecht und sozialer und ökonomischer Benachteiligung sollte die Länder dazu veranlassen, gezielt an den sozialen Determinanten von Gesundheit und gesundheitlichen Ungleichheiten anzusetzen. Hierzu verfügen wir über eine integrierte Strategie zur Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung, die konkrete Aktionspläne für die Bereiche Nahrung und Ernährung, Adipositas, Alkohol, Tabak und psychische Gesundheit beinhaltet. Wir verfolgen eine Lebenslaufperspektive und einen integrierten Ansatz, der geschlechtssensible Konzepte, Strategien und Aktionspläne für die Gesundheit von Müttern, Kindern und Jugendlichen sowie für die Bereiche sexuelle und reproduktive Gesundheit und gesundes Altern umfasst. Unser Aktionsradius in diesen Bereichen wird sich in den kommenden Jahren erweitern, um den Anforderungen in der Europäischen Region gerecht zu werden.

© M. Tyo

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Umwelt und Gesundheit Das Regionalbüro leitete den Prozess Umwelt und Gesundheit in Europa vor über 20 Jahren ein. Durch diesen Prozess unterstützen wir die Länder bei der Verbesserung ihrer Fähigkeit, Risiken zu bewerten und zu bewältigen und wirksame, evidenzbasierte Gegenmaßnahmen gegen Umweltrisiken und umweltbedingte Herausforderungen zu entwickeln. Wir stellen Instrumente für eine Bewertung der umweltbedingten Krankheitslast und eine entsprechende Politikgestaltung bereit. Im Rahmen der Bemühungen, die Steuerungsfunktion des Gesundheitssektors zu stärken, unterstützen wir auf regionaler und nationaler Ebene den Aufbau von Kapazitäten für die Einbindung anderer Politikbereiche (z. B. Umwelt, Verkehr, Energie, Landwirtschaft) mit dem Ziel, eine sektorübergreifende Zusammenarbeit einzurichten, die der öffentlichen Gesundheit zugute kommt. Zusammen mit einer Vielzahl von Akteuren wie staatlichen Stellen und Organisationen der Zivilgesellschaft befassen wir uns konkret mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Umwelteinflüssen wie Luftqualität, Klimawandel, Lärmbelastung, Wohnbedingungen und Verkehr. Wir fordern außerdem unsere Partner dringend auf, ihre Aufmerksamkeit gezielt auf die Bereiche Gesundheit in Städten, Gesundheit am Arbeitsplatz, Lebensmittelsicherheit und Wasserver- und Abwasserentsorgung zu richten. Wir stellen - teilweise in Partnerschaft mit der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) das Sekretariat für eine Reihe von inhaltlich verwandten Übereinkommen und Protokollen. Wir arbeiten ferner auf die Umsetzung der 2010 unterzeichneten Erklärung von Parma über Umwelt und Gesundheit hin, die konkrete Vorgaben enthält und in der die Länder zur Verringerung der Krankheitslast infolge von wesentlichen umweltbedingten Risikofaktoren aufgefordert werden. Gesundheitssicherheit und übertragbare Krankheiten Die Internationalen Gesundheitsvorschriften der WHO aus dem Jahr 2005 stellen einen globalen Rahmen für das Meldewesen und für kollektive Gegenmaßnahmen bei akuten Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit dar. Zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten wie Polio, Masern, Röteln und Influenza sind gut funktionierende Impfprogramme erforderlich, aber auch das Vertrauen der Bevölkerung in das Impfwesen und die Bereitschaft, sich impfen zu lassen. Bei anderen übertragbaren Krankheiten, insbesondere HIV/Aids und Tuberkulose, sind rechtzeitige Prävention, Diagnose und Therapie erforderlich. Durch Moskitos übertragene Krankheiten wie Malaria können nur mit kontinuierlichen Maßnahmen zur Vektorbekämpfung zurückgedrängt werden. Alle diese Krankheiten müssen durch effektive Surveillance-Systeme überwacht werden. In diesem Arbeitsbereich befassen wir uns primär mit Programmen zur Eliminierung und Eradikation von Krankheiten (z. B. der Weltweiten Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung) sowie mit dem Kampf

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In einer Poliklinik in Usbekistan stehen Frauen Schlange, um ihre Kinder gegen Polio impfen zu lassen. Das Land führte im Sommer 2010 eine flächendeckende Impfkampagne durch, in deren Verlauf insgesamt 2,8 Mio. Kinder in sämtlichen zwölf Regionen des Landes sowie in der Hauptstadt Taschkent und der Autonomen Republik Karakalpakstan geimpft wurden.

gegen die multiresistente Tuberkulose, antimikrobielle Resistenzen und nosokomiale Infektionen Darüber hinaus werben wir auch aktiv für die Einhaltung der Internationalen Gesundheitsvorschriften in der Region und tauschen über bewährte Kanäle und Verfahren auf dem Gebiet des Meldewesens und der Surveillance Informationen mit den Mitgliedstaaten aus. Wir unterstützen Regierungen und die betroffene Bevölkerung während und nach gesundheitlichen Notlagen und stehen bei der Risikobewertung und der Bereitschaftsplanung für Krisen mit unserem Sachverstand beratend zur Seite. Informationen, Evidenz, Forschung und Innovation Erfassung und Bereitstellung von gesundheitsbezogenen Informationen und Erkenntnissen in Form von Daten, Statistiken, Forschungsergebnissen und Leitlinien sind für die Überwachung der Gesundheitssituation und diesbezüglicher Trends von entscheidender Bedeutung, da diese Informationen die Gestaltung der Gesundheitspolitik beeinflussen und eine Evaluation ihrer Wirkung ermöglichen. Im Rahmen unseres Kernauftrags stellen wir Gesundheitsdaten und Forschungserkenntnisse zusammen und machen sie öffentlich verfügbar und schließen somit die Kluft zwischen Wissenschaft und Politik. Wir arbeiten zusammen mit internationalen Partnern und wissenschaftlichen Einrichtungen daran, die Standardisierung, internationale Vergleichbarkeit und Qualität der Gesundheitsdaten sicherzustellen und die sich daraus ergebende Evidenz in leicht

WHO-Experten treffen in Tadschikistan mit Gesundheitsfachkräften zusammen. Im Frühjahr 2010 entsandte das Regionalbüro ein internationales Expertenteam nach Zentralasien und mobilisierte finanzielle Notfallhilfe, um Tadschikistan und seinen Nachbarländern bei der Bekämpfung des ersten Polioausbruchs in der Europäischen Region seit ihrer Zertifizierung als poliofrei im Jahr 2002 behilflich zu sein. Die Regierungen der zentralasiatischen Länder haben mit mehreren Impfrunden versucht, die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Das Regionalbüro arbeitet in enger Abstimmung mit seinen Partnern im Rahmen der Weltweiten Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung.


verwendbarer Form aufzubereiten. Unsere Datenbanken in der Europäischen Region liefern gesundheitsrelevante Daten über die 53 Länder der Region, u. a. Fakten zu den zentralen Determinanten von Gesundheit wie Alkohol- und Tabakkonsum und Ernährung. Ferner sind wir den Mitgliedstaaten auch dabei behilflich, ihre nationalen Gesundheitsinformationssysteme zu verbessern und sie an die internationalen Statistiknormen anzupassen und innovative Lösungen auf dem Gebiet der eGesundheit einzuführen. Eine vernetzte Organisation Das WHO-Regionalbüro für Europa bemüht sich in enger Partnerschaft mit gesundheitspolitischen Akteuren in der Europäischen Region und auf globaler Ebene um die Schaffung von Möglichkeiten zur Erörterung und Verbesserung der Kohärenz politischer Konzepte. Es arbeitet dabei mit einer Vielzahl verschiedener Partner zusammen, u. a. mit EU-Institutionen, Partnern innerhalb der Familie der Vereinten Nationen, zwischenstaatlichen Organisationen, nationalen Behörden für Entwicklungszusammenarbeit und Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung. Diese Zusammenarbeit erfolgt sowohl auf politischer als auch auf fachlicher Ebene durch gemeinsame Vereinbarungen, Programme, Projekte, Missionen, Netzwerke, Arbeitsgruppen und Publikationen sowie durch Informations- und Datenaustausch. Unsere Führungsrolle im Bereich der öffentlichen Gesundheit beruht auf drei Säulen: unserer rechtlichen Autorität für die Umsetzung der Beschlüsse der Mitgliedstaaten; unserem Auftrag als neutrale und unparteiische Berater für die beteiligten Akteure; und unserem Mandat zur Entfaltung fachlicher Kompetenz und gesundheitspolitischer Innovativität. In diesem Sinne erfüllt das Regionalbüro eine umfassende Führungsfunktion, indem es die gemeinsamen Werte der Mitgliedstaaten aktiv fördert und sich bemüht, die Interessen der fast 900 Mio. Menschen in der Europäischen Region zu vertreten. Das Regionalbüro arbeitet auch mit Partnern aus der Zivilgesellschaft zusammen, deren Beitrag bei der Einbeziehung besonders gefährdeter und schwer erreichbarer Bevölkerungsgruppen von unschätzbarem Wert ist. Wir waren am Aufbau zahlreicher regionaler und globaler Gesundheitsnetzwerke beteiligt und streben den Aufbau neuer und noch leistungsfähigerer Systeme an. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir auch ein Netz aus WHO-Kooperationszentren aufgebaut, die ein wesentlicher Bestandteil des bei uns angesiedelten Sachverstands sind. Diese Zentren, überwiegend Forschungsinstitute, Hochschulfakultäten und medizinische Labore, unterstützen mit ihrer Arbeit die fachlichen und konzeptionellen Programme der WHO.

Kurzinfo In der Europäischen Region der WHO werden stündlich 49 Menschen mit Tuberkulose diagnostiziert und sieben sterben an der Krankheit. Von den 27 Ländern, auf die weltweit ca. 85% aller Fälle von multiresistenter Tuberkulose entfallen, gehören 15 zur Europäischen Region der WHO. In Osteuropa und Zentralasien steht nur für 23% der mit HIV infizierten Bevölkerung eine antiretrovirale Behandlung zur Verfügung. Das ist eine der niedrigsten Raten in der Welt. Jedes Jahr erhalten in der Europäischen Region der WHO fast eine Million Kinder keine vollständige Impfung gegen Masern. Besonders niedrig sind die Impfraten in einigen Ländern Westeuropas, wo im Zeitraum 2008–2009 insgesamt 76% der Masernfälle in der Region registriert wurden. Infolge intensiver Interventionen ist die Zahl der gemeldeten Malariafälle in der Europäischen Region der WHO seit 1995 um das 150-fache zurückgegangen.

Nähere Informationen Unsere Website (www.euro.who.int) bietet Zugang zu offiziellen Gesundheitsdatenbanken, mehr als 3000 Publikationen sowie Nachrichten, Analysen, Reden und Pressematerial. Die Nutzer können die Publikationen entweder von der Website herunterladen oder sie in gedruckter Form direkt von der WHO oder von einer ihrer Verkaufsstellen in der Europäischen Region beziehen.

Auf der Fünften Ministerkonferenz Umwelt und Gesundheit (Parma, 10.–12. März 2010) nehmen junge Journalisten ihre Auszeichnung entgegen. Das Regionalbüro bemüht sich gegenwärtig um Ausweitung seines Netzwerks von Journalisten, die sich mit Themen von Umwelt und Gesundheit befassen, um Journalisten und sog. „Gesundheitsvermittler“ aus der gesamten Europäischen Region.

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© Weltgesundheitsorganisation 2010 Alle Rechte vorbehalten. Das Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation begrüßt Anfragen bezüglich einer Genehmigung zur teilweisen oder vollständigen Reproduktion oder Übersetzung seiner Veröffentlichungen. Die in dieser Publikation verwendeten Bezeichnungen und die Darstellung des Stoffes beinhalten keine Stellungnahme seitens der Weltgesundheitsorganisation bezüglich des rechtlichen Status eines Landes, eines Territoriums, einer Stadt oder eines Gebiets bzw. ihrer Regierungs-/ Verwaltungsinstanzen oder bezüglich des Verlaufs ihrer Staats- oder Gebietsgrenzen.

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Zur Europäischen Region der WHO gehören 53 Mitgliedstaaten: Albanien Andorra Armenien Aserbaidschan Belarus Belgien Bosnien und Herzegowina Bulgarien Dänemark Deutschland Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien Estland Finnland Frankreich Georgien Griechenland Irland Island Israel Italien Kasachstan Kirgisistan Kroatien Lettland Litauen Luxemburg Malta Monaco Montenegro Niederlande Norwegen Österreich Polen Portugal Republik Moldau Rumänien Russische Föderation San Marino Schweden Schweiz Serbien Slowakei Slowenien Spanien Tadschikistan Tschechische Republik Türkei Turkmenistan Ukraine Ungarn Usbekistan Vereinigtes Königreich Zypern

Weltgesundheitsorganisation Regionalbüro für Europa Scherfigsvej 8 DK-2100 Kopenhagen Ø Dänemark Tel.: +45 39 17 17 17 Fax: +45 39 17 18 18 E-Mail: contact@euro.who.int Website: http://www.euro.who.int/de/home

Das WHO-Regionalbüro für Europa  

Im Regionalbüro arbeiten Fachkräfte für öffentliche Gesundheit sowie wissenschaftliche und fachliche Experten. Sie werden sowohl in der Zent...

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