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EINSICHTEN

Mai 2020 — 5€

Das Magazin der Evangelischen Journalistenschule

ECHT JETZT? Wie uns die Teilung nach 30 Jahren Einheit noch immer prägt


Luther hatte 95 Thesen – aber keine Faktenchecker

Fakten statt Fake News, Recherche statt Shitstorm, Facetten statt Filterblase: Dafür steht die Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule (EJS) in Berlin. Nun soll diese wichtige Institution nach 25 Jahren geschlossen werden. Der Grund: Sparzwänge bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Aber Demokratie braucht ethischen Journalismus. Die EJS muss erhalten bleiben! Unterzeichnen Sie den offenen Brief an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für die Zukunft unserer Demokratie. evangelische-journalistenschule-retten.de


Editorial

Wochenlang sind wir, die 16 Volontär*innen der Evangelischen Journalistenschule (EJS), gemeinsam mit Fotograf*innen des Lette Vereins Berlin, der Frage nachgegangen: Wie weit sind wir gekommen? Denn die deutsche Teilung prägt uns noch immer. Das haben Geschichten gezeigt, wie die aus Lieberose in Brandenburg, wo sich einige Einwohner heute nach einem starken russischen Führer sehnen. Oder die von einem Westdeutschen, der leidenschaftlich Trabis restauriert. Selbst die FDJ scheint weiter zu leben – durch Zulauf aus den alten Bundesländern. Wir wollen mit diesem Heft auch nach vorne blicken. Ein Zukunftsforscher gibt seine Prognose, wie lange uns die Einheit noch beschäftigen wird. Wenn dieses Heft ein wenig zur Einheit, zum Zusammenhalt beitragen kann, wollen wir uns nicht beschweren. Als Jahrgang haben wir in den letzten Wochen Zusammenhalt gelebt: Wir haben gegen die drohende Schließung der Schule gekämpft (mehr dazu auf S. 106). Wir hoffen, dass dies nicht die letzte Ausgabe von EINSICHTEN sein wird. Der vielleicht letzte Jahrgang der Evangelischen Journalistenschule

Wir danken… Bettina Malter, den Zeit-Redakteuren Tanja Stelzer und Dr. Stefan Willeke, sowie Oscar Tiefenthal für die organisatorische und textliche Betreuung der Reportagen. Jenne Grabowski, unserem Art Director, der dieses Magazin entwarf. Den Fotograf*innen des Lette-Vereins – unter der Leitung von Russell Liebman. Den Mentor*innen des 13. Ausbildungsjahrgangs (2019-2020): Nadine Ahr Dr. Bernhard Albrecht Dr. Jacqueline Boysen

Michael Elgaß Karsten Frerichs Dr. Claudia Ingenhoven Dr. Matthias Kamann Andreas Krieger Georg Löwisch Jens Olesen Adrian Pickshaus Erhard Scherfer Christine Thalmann Janko Tietz Ragnar Vogt Birgit Wentzien-Ziegler

Ohne sie wäre unsere Ausbildung nicht möglich: Andere Zeiten e.V. Dr. Alexander u. Rita Besser-Stiftung Evangelische Kirche in Deutschland FAZIT-Stiftung Freundeskreis- und Förderverein der EJS Karl-Gerold-Stiftung Presse- und Informationsamt der Bundesregierung Pressestiftung Baden-Württemberg Studienstiftung der Süddeutschen Zeitung Swiss Life Stiftung für Chancenreichtum und Zukunft gGmbH

Editoria l

Wendegewinner, Mauerkünstler, mutmaßliche Doping-Opfer zweiter Generation – zum 30. Jubiläum der Deutschen Einheit scheint das Coronavirus all diese Geschichten zu verdrängen. Tausende Menschen sind inzwischen daran gestorben, noch mehr erkrankt, viele wieder genesen. Vielleicht kommt ein Heft über die Deutsche Einheit jetzt aber genau zur richtigen Zeit: Das Virus trennt Familien und Freunde voneinander und eint doch alle. Solidarität und Zusammenhalt sind gefragt wie nie. Auch wenn das bedeutet, zuhause zu bleiben und Kontakte zu vermeiden. Es ist eine Zeit des Nachdenkens. Darüber, wie wir gelebt haben, wie wir gerade leben und wie wir leben wollen.


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Inhalt 06 Innensichten Ein Pfarrer, der die DDR hasste, kümmert sich jetzt um Wendeverlierer

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12 Tradition Jugendweihe – wie das Ritual in Westdeutschland wiederbelebt wird 18 Erfüllung Ein indischer Arzt in der DDR konnte erst mit der Einheit Karriere machen 22 Differenzen So unterschiedlich sind Ost und West tatsächlich. Zahlen und Fakten nach 30 Jahren Einheit 24 Generationen Eine Sportlerin wurde in der DDR mutmaßlich zwangsgedopt – wie wirkt sich das auf ihre Tochter aus? 30 Streit Einem CDU-Politiker wird vorgeworfen, gemeinsame Sache mit den Linken zu machen 34 Sehnsucht Die Sowjets sind weg, doch einige Einwohner einer Kleinstadt in Brandenburg wünschen sich den großen Bruder im Osten zurück 42 Inspiration Warum sich das Werk eines iranischen Künstlers ausschließlich um die Berliner Mauer dreht

46 Sichtweite Das Dorf Mödlareuth war für zwei Jahrzehnte durch eine Mauer getrennt - fremd waren sich die Bewohner trotzdem nie 50 Begeisterung Ein Wessi sammelt Trabis über eine Liebe für Technik und Zeitgeschichte 58 Stereotype Zwei in der DDR aufgewachsene Frauen reden über Stolz und Vorurteile 60 Schmerz Seit 35 Jahren sucht sie nach ihrem Kind. Sie weiß nicht: Ist es tot oder lebt es in einer Adoptivfamilie? 66 Grenzerfahrung Ein ehemaliger DDR-Bürger kehrt an den Ort seiner Flucht zurück 72 Wendung Nach 1990 sollte jüdisches Leben nach Deutschland zurückkehren. Was ist aus dieser Chance geworden?

EINSICHTEN Online Alle Geschichten sind zu jeder Zeit auch digital zu finden: → www.einsichten18.de

78 Blickwinkel Ein Dorf entschied sich mit der Wende für die ökologische Landwirtschaft. Trotz Bio-Boom blicken die Einwohner verschieden auf die Einheit 82 Identität Warum verschweigen Ostdeutsche ihre Herkunft? 84 Begegnung Westdeutsche Jugendliche besuchen ihre Partnerstadt in den neuen Ländern und merken: Die Unterschiede liegen woanders als gedacht 88 Glaube In einem ehemaligen DDRSperrgebiet erblüht eine Kirchengemeinde zu neuem Leben 92 Neubeginn Von wo einst der DDR-Rundfunk sendete, nehmen jetzt Musiker aus der ganzen Welt Konzerte auf 98 Visionen Ein Blick in die Zukunft: Wie weit ist die Einheit in 30 Jahren? 100 Sozialismus Es gibt sie noch – die Jugendorganisation der DDR. Ihr Ziel: Revolution 106 Impressum


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Isabelle Östlund Örebro, Schweden 1993

Unsere Herkunft

Daniel Donath Moskau, Russland 1991

Maria Leverenz Rostock 1986 Maike Verlaat-Violand Hamburg 1990

Oksana Meister Sosniwka, Charkiw Oblast, Ukraine 1988

Birk Alisch Neubrandenburg 1997

Lina Verschwele Braunschweig 1990

Tobias Hausdorf Berlin 1993

Vera Bode Berlin 1996

Cornelius Pape Berlin 1993

Lena Laine Berlin 1992 Lena Mielke Berlin 1990

Lucia Heisterkamp Herdecke 1989

Kate Schultze Görlitz 1998

Marie-Thérèse Harasim Leipzig 1989

Marcel Eisenreich Freiberg 1992

Laurenz Bostedt Gießen 1990

Simon Rustler Frankfurt am Main 1994

Durchschnittliches Geburtsjahr: 1994

Teresa Roelcke Heidelberg 1989

Quirin Staufer Offenhausen 1993

Alexander Wenzel Heilbronn 1989

Max Zimmermann Stuttgart 1997

Jann-Luca Künßberg Freiburg 1993

Reporter/in Fotograf/in

Luis Welz Stuttgart 1990 Joris Felix Filderstadt 1992

Niklas Münch Laupheim 1990

Anna Bayer Augsburg 1988

Marisa Gierlinger Linz, Österreich 1990

Negin Behkam Teheran, Iran 1984

In h a lt

Suzanne de Carrasco Hamburg 1998

Tomke Giedigkeit Oldenburg 1993


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Die Seele der Einheit Tausende haben seit der Wende die Gegend um Suhl in Thüringen verlassen. Markus Heckert ist Seelsorger – er kümmert sich um jene, die geblieben sind

Text Lucia Heisterkamp Foto Max Zimmermann


Pfarrer und Seelsorger Markus Heckert mit Hund Sally in seinem BĂźro in Hinternah bei Suhl.


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Das ehemalige Grenzschild erinnert Markus Heckert an seinen Widerstand gegen das DDR-Regime.

W

enn wir in unserer Seele graben, fördern wir etwas zutage, das dort unbemerkt gelegen hätte. Der Schriftsteller Leo Tolstoi hat das gesagt, und Markus Heckert hat es ausprobiert. Er hat in den Seelen hunderter Menschen gegraben; in den Seelen von Alten, Einsamen, Verlierern der Wiedervereinigung. Das Zuhören kann helfen, die Seele des Anderen zu entlasten. Aber manche Wunden, sagt der evangelische Pfarrer Heckert, seien auch nach 30 Jahren noch nicht verheilt. An einem Tag im März dieses Jahres steigt der Pfarrer im Thüringer Dorf Hinternah in seinen Dacia-Kleinwagen. Er fährt den Hügel hinauf ins Nachbardorf, wo eine 70-Jährige verstorben ist, Anita Kolk. Hinter den Bergen liegt Suhl, die größte Stadt in Südthüringen. Keine andere Region hat seit der Wende so viele Menschen verloren. Über ein Drittel der Bevölkerung ist nach 1991 fortgezogen. In dem knapp 1.400-Seelendorf Hinternah, in dem Heckert lebt, hat sich der Rückgang etwas langsamer bemerkbar gemacht. Aber auch hier wird der Pfarrer viel öfter für Beerdigungen als für Taufen gebraucht. Im vergangenen Jahr hat er 16 Menschen zur letzten Ruhe begleitet, nur sechs Kinder mit Wasser beträufelt. Vor dem Haus steht die Nichte der Verstorbenen, drinnen warten der Sohn und der Ehemann. „Mein Beileid“, murmelt Heckert. Wie gewöhnlich bei solchen Terminen trägt er seine Alltagskleidung, eine graue Hose, ein blaues Hemd. Er ist 53 Jahre alt, ein Mann mit hellen freundlichen Augen und kurzem, grauen Haar. Der Pfarrer stellt seinen Gehstock an die Wand, setzt sich an den Wohnzimmertisch und packt sein Ringbuch aus. In drei Ta-

gen wird er auf dem Friedhof stehen und die Trauerrede halten, er wird sagen, dass Anita Kolk ein fleißiger Mensch gewesen sei, eine bescheidene Arbeiterin, die von ihrer Familie bis zuletzt umsorgt worden sei. „Erzählen Sie mir einfach mal von Ihrer Frau“, bittet der Pfarrer den Witwer. „Nächstes Jahr wäre goldene Hochzeit gewesen“, sagt Gerald Kolk, 70 Jahre alt. Die Nichte hat das Haus betreten, sie weint. Der Sohn legt eine Todesanzeige auf den Tisch, die er aus der Lokalzeitung ausgeschnitten hat. „Vor einem Jahr ging das mit dem Krebs los“, erzählt der Witwer Kolk. „In den letzten zwei Wochen war ich jeden Tag bei ihr.“ Der Pfarrer kritzelt etwas aufs Papier – Stichworte, die ihn später daran erinnern sollen, was die Familie über die Tote erzählt hat. Manchmal nickt er und sagt: „Ja, das ist schwer.“ „Gab es Menschen, die ihr nahe standen?“, fragt der Pfarrer. „Sie war sehr beliebt im Dorf.” „Irgendwelche Auszeichnungen?“ Kolk schüttelt den Kopf. „Höchstens aus der DDR.” Er lacht kurz. „Nein, um Gottes Willen.” „Wo hat sie gearbeitet?“ „Am Anfang in einer Holzfabrik. Später in einer Netzfabrik.” Haarnetze und Einkaufsnetze wurden dort hergestellt, erzählt der Witwer. „Bis sie 65 war, danach hat sie noch Heimarbeit gemacht.” Die Firma habe die Wende überstanden und wurde von einem westdeutschen Investor gekauft. Kolk verlor seine Stelle, er ist freiwillig gegangen, als massenhaft Leute entlassen wurden. Am Ende hat auch er in der Netzfabrik angefangen. „So viele Betriebe sind zugrunde gegangen“, sagt die Nichte.


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Kolk nickt betrübt. „Niemand wollte mehr Ostprodukte kaufen. Das hat die Firmen kaputt gemacht. Und die Treuhand, das waren die Schlimmsten.” „Wir haben das Beste aus der Situation gemacht”, sagt die Nichte. „Wir hatten nicht viel Geld, aber wir hatten Arbeit.” Inzwischen ist es nicht mehr die Verstorbene, über die am Tisch gesprochen wird. Als wären die Geister der Vergangenheit stärker als der Moment der Trauer. „Man kann nicht sagen, dass alles schlecht war in der DDR”, sagt Kolk. „Heute ist auch nicht alles gut“, brummt der Sohn. „Und wenn du was Falsches wählst, bist du ein Nazi.“ Im Dorf, sagt Heckert auf der Rückfahrt zum Pfarrhaus, leben Wendeverlierer und Wendegewinner dicht zusammen. Viele sind beides zugleich. Es gibt ehemalige Stasimitarbeiter und jene, die von der Stasi verhört wurden. Solche, die sich vom Westen hintergangen fühlen, die heute politikverdrossen sind oder AfD wählen. Wenn man sich mit Angehörigen trifft, um eine Trauerfeier vorzubereiten, dann muss man manche Fragen ganz behutsam stellen, meint der Pfarrer. „Damit man keine alten Wunden aufreißt.” Fünf- bis sechsmal in der Woche fährt Heckert mit dem Auto über die Bergdörfer. Seine Gemeinden schrumpfen, wie fast überall im Osten, und zum Sonntagsgottesdienst in Hinternah kommen an guten Tagen zehn Besucher. Zehn von 670 Kirchenmitgliedern im Dorf. Aber mit dem Pfarrer reden wollen alle, auch wenn sie nicht an Gott glauben. Im Auto fährt er an der Netzfabrik vorbei, in der die Kolks gearbeitet haben. Ein grauer Betonklotz, ein Schild mit pinkfarbenen Lettern verrät den Namen des Betriebs: Solida. Heckert kennt

ein paar solcher Erfolgsgeschichten aus der Region, von Unternehmen, die die Wende überstanden haben. Die meisten aber, sagt er, wurden platt gemacht. Großbetriebe mit 2.000 Leuten, alle auf einen Schlag entlassen. Diese Demütigung, meint Heckert, sitze bei den Leuten sehr tief. „Zu erleben, dass die Firma, in der man jahrelang geschuftet hat, plötzlich nur noch Schrott war... Das haben manche bis heute nicht verkraftet.” Der Nostalgie auf der Spur Die Menschen erzählen ihm immer wieder davon: wenn er sie zu Hause besucht, wenn er im Garten seine Tomaten gießt, wenn er mit seinem zotteligen Yorkshire-Terrier Sally durchs Dorf spaziert. Wie sehr sie dem alten Betrieb nachtrauern, ihrem ganzen Stolz. Dass sie sich wertlos fühlen, weil sie schon so lang arbeitslos sind. Dass sie einsam sind, weil die Kinder längst im Westen leben. Heckert sagt dann nicht: „Das wird schon wieder.“ Er will die Sorgen ernst nehmen. Er glaubt den Menschen, wenn sie ihm berichten, dass sie sich nach der DDR zurücksehnten. Obwohl er selbst das Regime hasste. Aber er versucht, die Nostalgie zu verstehen. Im Pfarrhaus, wo Heckert mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn lebt, zieht er einen dicken Ordner aus dem Regal. Er hat einen Teil seiner Stasiakten darin aufbewahrt. Über 8.000 Seiten hat die Überwachungsbehörde damals über ihn angelegt. Heckerts Vater, ein westdeutscher Pfarrer, zog 1964 in die DDR, um dort zu heiraten. Er hatte sich in Westberlin in eine ostdeutsche Frau verliebt, in den Jahren vor dem Mauerbau. Die Frau ging später zurück in die DDR, um dort ihren kranken Vater zu pflegen. Peter Heckert folgte ihr, aber die SED-Führung hielt ihn für einen Nato-Agenten und überwachte die Familie fortan rund

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Beim Hausbesuch macht Pfarrer Heckert sich Notizen, um später nicht zu vergessen, was über die Verstorbene gesagt wurde.


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Christoph Amarell, 84 Jahre, vor seinem Haus in Hinternah.

um die Uhr. In der Schule wurde Markus Heckert, der Sohn, von Mitschülern bespitzelt, im Unterricht verhört. Die Mitbringsel aus der DDR, die heute in seinem Büro stehen, sind keine lieb gewonnenen Souvenirs: ein Schild von der ehemaligen DDR-Grenze, zwei Löffel, die mal der Stasi gehörten. Es sind Heckerts Erinnerungen an seinen Widerstand gegen das System. Als junger Mann protestierte er in den Achtzigern in Jena gegen die Mauer und gegen die Unterdrückung durch die Sozialistische Einheitspartei. Er verteilte Flugblätter, marschierte in den ersten Reihe bei Demonstrationen mit. Das Grenzschild erinnert ihn an diese Zeit. Kurz nach dem Mauerfall besetzte Heckert mit Freunden ein Gebäude der Stasi, um zu verhindern, dass dort Akten vernichtet werden, und steckte als Andenken Silberlöffel aus der Kantine ein. Heckert sagt, die DDR habe ihn krank gemacht. Weil er nach dem Abitur nicht zur Nationalen Volksarmee wollte, habe er als Bausoldat „Dienst ohne Waffe“ leisten müssen. Man habe ihn

in ein früheres Giftgasdepot der Wehrmacht geschickt, um dort Bodenproben zu entnehmen. Beim Erzählen tupft sich Heckert mit einem Taschentuch den Schweiß von den Augenrändern. Inzwischen leidet er an einer Nervenkrankheit. Die Beine werden mit Prothesen gestützt, gegen die Schmerzen nimmt er Opium. Er glaubt, dass die Krankheit eine Langzeitfolge des Giftgases sei. Heckert ist sich sicher, dass er an dieser Krankheit sterben werde. Seine Familie macht sich deshalb große Sorgen um ihn. Seine Frau schimpft, wenn er wieder von einem Termin zum nächsten hetzt und sich nicht genügend Ruhe gönnt. Seine zwei älteren Söhne, die in Jena studieren, rufen regelmäßig an, um zu hören wie es um die Gesundheit ihres Vaters steht. Seine Tochter lebt nicht weit entfernt in Hinternah, sie schaut so oft es geht im Pfarrhaus vorbei. Manchmal sorgen sich auch die Menschen um ihn, die Heckert besucht, um sie zu trösten. „Ach, der Pfarrer“, seufzt der


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Von Euphorie zu Enttäuschung Die Meinung der Leute zur Einheit, sagt Heckert später, sei gespalten. Einerseits wollten viele Menschen aus dem Osten unbedingt das Ende der DDR. Andererseits hätten sie das Gefühl, vom Westen betrogen worden zu sein. Weil viele von ihnen nicht von der Wende profitiert hätten. „Wir haben erlebt, dass eine friedliche Revolution erfolgreich ist“, sagt Heckert. Doch bei vielen sei die Euphorie in Enttäuschung umgeschlagen. Heckert setzt sich ins Auto und fährt nach Suhl. Draußen zieht der Thüringer Wald vorbei und Heckert deutet in die Ferne: da eine Glasfabrik, dort ein Gewürzhersteller. Einige Unternehmen haben sich in der Region neu angesiedelt. Die Versicherungsfirma HUK-Coburg, knapp eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt, hat in den letzten Jahren Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen. Ganz zart beginnt die Landschaft zu blühen. Das Problem, sagt Heckert, sei jetzt eher der Fachkräftemangel, die jungen Leute fehlen. Es ziehen aber auch wieder Familien her, bauen Häuser, weil das Land viel billiger ist als in der Stadt. Vielleicht geht der Exodus bald zu Ende. Bei der Tafel in Suhl, neben einer riesigen Plattenbauwüste, stößt der Pfarrer auf Detlef Muselmann. Der 58-Jährige hat sich eine Schürze umgebunden, im Keller hilft er den Bedürftigen, Bananen und Kartoffeln in Plastiktüten zu packen. Ein bisschen was nimmt er für sich selbst mit, weil seine Sozialhilfe nicht zum Leben reiche, erzählt er. Muselmann sagt: „Mir macht das Freude, für andere da zu sein.“ Der Pfarrer sagt: „Ohne Leute wie dich könnte die Tafel hier dicht machen.“ Muselmann trägt ein Kettchen mit zwei Silberhämmern um den Hals, ihm fehlen ein paar Zähne. Er sagt, dass er sich die DDR zurückwünsche. Als die Industrie in Suhl noch florierte,

Das kleine Dorf Hinternah liegt etwa 20 Minuten mit dem Auto von Suhl entfernt.

arbeitete er in einem Elektrowerk. Nach der Wende folgten Weiterbildungsmaßnahmen und 1-Euro-Jobs bei Zeitarbeitsfirmen. Eine feste Stelle hat er bis heute nicht gefunden. „Ich hab immer geschuftet”, sagt er. „Und was hab ich davon? Nichts.” „Und trotzdem machst du hier noch was freiwillig“, sagt der Pfarrer. Muselmann zuckt mit den Schultern. „Daheim rumsitzen kann ich nicht.” Dreimal musste er umziehen, weil die Stadt das Gebäude, in dem er wohnte, abreißen wollte. „Aber mir geht’s ja gut”, sagt Muselmann. „Ich komm ja über die Runden.“ „Das”, sagt Heckert, „ist ne‘ Wahnsinnsaussage. Im Westen reden ja viele von den Jammerossis. Und hier ist jemand, der sagt: Mir geht’s gut, weil er für andere da ist.“ Durch Menschen wie Muselmann hat der Pfarrer besser begriffen, warum die DDR-Nostalgie noch immer so verbreitet ist. „Es war ja nicht alles schlecht damals. Der Staat war schlecht, aber nicht die Menschen.“ Er hält für einen Moment inne. „Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass andere Ostdeutsche die Wende als Demütigung verstanden haben.” Zurück im Pfarrhaus lässt sich Heckert in seinen Bürosessel fallen. Gehen ihm die Sorgen der Menschen zu nah? Er denkt kurz nach und sagt: „Es gibt Momente, da muss ich allein sein.“ Dann pflegt er seine Pflanzen im Garten oder geht mit seinem Hund im Wald spazieren. Nur manchmal, wenn seine Schmerzen in den Beinen zu stark werden, zieht er die Rollos runter und rollt sich in seinem Sessel zusammen. „Ich sage dann: Morgen rette ich euch wieder, aber lasst mich heute in Ruhe.” Der einzige, der dann bei ihm sein darf, ist Sally, sein Hund.

Einblicke in intime Sorgen: Erst nach zahlreichen Anfragen erklärte sich ein Seelsorger in Thüringen bereit, die Journalistin Lucia Heisterkamp und den Fotografen Max Zimmermann zu seinen Terminen mitzunehmen. Inspiriert zu der Idee hatte sie das Buch eines Magdeburger Krankenhauspfarrers: Was noch erzählt werden muss. — l.heisterkamp@posteo.de, hello@zimmermann-max.de

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alte Christoph Amarell, der nur ein paar Fußminuten vom Pfarrhaus entfernt wohnt. Er empfängt Heckert in seinem Wohnzimmer. Im Sessel sitzt seine Frau Inge, in eine rosa Strickjacke gewickelt, 84 Jahre alt, Pflegestufe 2. Seit ihrem Sturz kann Frau Amarell sich nur noch mit einem Rollator bewegen. Christoph Amarell kauft für seine Frau ein und besorgt ihr Tabletten. Zum Glück kümmert der sich so gut, sagt Heckert, denn die nächste Apotheke ist nur mit dem Auto zu erreichen. Menschen wie den Amarells macht die Überalterung der Region sehr zu schaffen. Weil viele der Jungen fort sind und viele der Alten sterben, verschwinden immer mehr Geschäfte. Es lohnt sich für sie nicht mehr. Zwei von drei Gaststätten im Dorf haben in den letzten Jahren aufgegeben. „Das ist schlimm”, sagt Amarell, der sich trotzdem nie vorstellen konnte fortzuziehen. Er wurde im Dorf geboren, erinnert sich noch an die Bomber, die als Kind am Himmel kreisten: Ssss, ssss. Seiner Familie gehörte ein Stück Land, das sie abgeben musste, kurz nachdem die Sowjets im Juli 1945 kamen. Amarell findet: „Die Wende hätte viel früher kommen müssen.“ Das, was aus der Einheit wurde, hat sich Herr Amarell dennoch anders vorgestellt. „Plötzlich kamen alle Chefs aus dem Westen. Nur die Arbeiter, die kamen von hier.”


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RENAISSANCE EINES RITUALS

Jugendweihen – so etwas gibt es auch in Westdeutschland? Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung beleben Familien mit ostdeutschen Wurzeln den Brauch zum Erwachsenwerden neu Text Tomke Giedigkeit

Foto Kate Schultze


Tra dition Warten auf das Fest: Bislang entscheiden sich nur wenige in Rheinland-Pfalz fĂźr die Jugendweihe.


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V 50% der Achtklässler feiert in den neuen Bundesländern die Jugendweihe – manchmal auch schulklassenweise. Dazu kommen in einigen Städten Jungen und Mädchen, die an humanistischen Jugendfeiern teilnehmen.

on der Pfalz bis nach Berlin ist Jens Schlundt mit seiner Familie gefahren, damit sein ältester Sohn mit dem gleichen Ritual erwachsen werden kann, wie er selbst: Jugendweihe feiern. 650 Kilometer hin, 650 Kilometer zurück. Er selbst kommt aus dem Bezirk Köpenick, seine Frau aus Brandenburg. Heute, dreißig Jahre nach der Wende, wohnen sie im pfälzischen Eisenberg. Jugendweihen gab es hier lange Zeit kaum. Aber das ändert sich nun. An diesem Tag im März ist sein jüngerer Sohn einer von 26 Jugendlichen, die den Seminarraum zum Knigge-Vorbereitungskurs für die Jugendweihe in Ingelheim am Rhein betreten. Es ist ein Samstagmorgen in Rheinland-Pfalz, ein schlichtes Seminargebäude, dritter Stock. Immer mehr Jugendliche werden von ihren Eltern gebracht. Sie kommen aus allen Teilen des Bundeslandes nach Ingelheim. Victoria und Yakira sind von hier. Sie sind in ihren Schulklassen die einzigen, die an einer Jugendweihe teilnehmen. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen, manche schüchtern, manche verschlafen. Victoria und Yakira haben sich schräg gegenüber an den Tisch gesetzt. Sie sind beide 14, schon lange Freundinnen. Yakira ist in der Jugendfeuerwehr aktiv und auf dem Weg zu einer erfolgreichen Schützin. Victoria reitet und tanzt. Yakiras Kleid für die Jugendweihe wird lang und dunkelblau sein, Victorias kurz und rosa. Beide kennen die Jugendweihe von ihren Familien, die aus Ostdeutschland kommen. Das scheint alle Jugendlichen hier zu verbinden: Entweder stammt der Vater aus dem Osten, die Mutter – oder beide. Jetzt sitzen die zwölf Jugendlichen der ersten Gruppe um den Tisch verteilt, sechs Mädchen und sechs Jungen. „Warum ist es wichtig, sich bei der Jugendweihe besonders anzuziehen?“, fragt Andreas Eggert. Der Knigge-Trainer ist heute extra aus Bonn gekommen. Momentan ist die Regionalgruppe Jugendweihe Rheinland-Pfalz eine Elterninitiative. Diese wird bei Bedarf finanziell vom Verein Jugendweihe Mecklenburg-Vorpommern unterstützt. Viele der größeren ostdeutschen Jugendweihevereine helfen den neu aufgebauten Gruppen im Westen. Yakira sagt: „Die Jugendweihe ist nur einmal im Leben, deswegen zieht man sich da auch schöner an.“ Andreas Eggert hat verschiedene Krawatten mitgebracht. „Tut euch zu zweit zusammen, ein Junge, ein Mädchen bitte“. Gekicher im Raum. Der Knigge-Trainer nimmt das lange Ende der Krawatte zwi-

schen Daumen und Zeigefinger und macht den einfachen Knoten vor. Zuerst sind die Jungs an der Reihe, danach die Mädchen. Für Eggert ist es wichtig, dass die Jugendlichen eine Idee davon bekommen, wie sie außerhalb des Elternhauses angemessen auftreten. Die eigene Körperhaltung, Smalltalk, das Siezen und Duzen in verschiedenen Situationen – auch das gehöre zur Vorbereitung auf die Jugendweihe. Eggert ist ein ruhiger Mensch, jemand, der gern mal sagt: „Du darfst auch kurz aufstehen.“ In Paaren sollen sich die Jungen und Mädchen gegenüberstellen und den anderen ins Gesicht schauen. Unterdrücktes Kichern. „Ihr macht das toll“, sagt Eggert. „Du lässt die Schultern ein bisschen hängen, das kannst du verbessern, in dem du sie leicht zurückziehst“, sagt er zu einem Jungen. „Yakira hat das Gewicht auf nur ein Bein verlagert, die Arme hängen locker herunter und sie hält Augenkontakt“, sagt der Junge lobend, der Yakira gegenübersteht. „Sehr gut“, erwidert Eggert. Im Westen steigen die Teilnehmerzahlen Ohne Kirche und ohne Gott erwachsen werden – in Ostdeutschland ist das populärer als in Westdeutschland. Etwa die Hälfte aller Achtklässler nimmt dort an einer Jugendweihe teil. Seit einigen Jahren steigt die Teilnehmerzahl auch in Westdeutschland. So ist die Gruppe in Nordrhein-Westfalen von fünf im Gründungsjahr 2005 auf mittlerweile 60 Jugendliche gestiegen. Nahmen in Baden-Württemberg bei der ersten Feierstunde im Jahr 2004 nur acht Jungen und Mädchen teil, sind es inzwischen 120. In Bayern sind es innerhalb von sechs Jahren statt 16 jetzt 120. Die Jugendweihe ist ein weltlicher Weg, dem oft schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens einen Rahmen zu geben. Für die meist 14-Jährigen ist die Feier ein Zeichen, dass die Kindheit zu Ende geht. Dass sie selbstständiger werden und mehr Verantwortung tragen. Die Vorbereitungskurse sind freiwillig, die Themen haben sie sich selbst überlegt: Victoria

„Die anderen haben Konfirmation und Kommunion, und ich wollte auch etwas haben, um den Einstieg ins Erwachsenenleben zu feiern.“ Yakira, 14 Jahre


Nectem quis modit alite peria audi ommod que num, cum piendist qui blatisim

Links: Vorbereitung für die Feier im Knigge-Kurs. Rechts: Yakira (l.) und Victoria (r.) sind in ihren Schulklassen die einzigen, die Jugendweihe feiern.

und Yakira finden es wichtig, sich mit den Naziverbrechen zu beschäftigen. Deshalb haben sie eine KZ-Gedenkstätte besucht. Damit sie besser verstehen, wie Politik funktioniert, waren sie im Mainzer Landtag. Und wie sie sich später bei einem Vorstellungsgespräch in einer Firma oder bei Essenseinladungen verhalten sollen, lernen sie im Knigge-Kurs. Es ist das, was sie glauben, das zum Erwachsenenkanon gehört. Eggert sagt: Auch Smalltalk ist wichtig. Er nimmt sich einen freien Stuhl und setzt sich neben Victoria. Sie soll ein Gespräch beginnen. Victoria überlegt kurz, rückt ihren Stuhl zurecht und schaut ihm direkt in die Augen. Victoria fragt: „Sie haben zu Anfang erzählt, dass Sie früher bei der Bundeswehr waren. Warum?“ Eggert antwortet: „In meinem ersten Beruf als Koch habe ich nicht viel verdient. Die Arbeit bei der Bundeswehr hat mir Spaß gemacht. Auch die militärische Ordnung und Gehorsam haben mich angesprochen.“

„Welchen Rang hatten Sie?“ „Ich war zum Schluss Oberstabsfeldwebel.“ „Jetzt wollen Sie im sozialen Bereich arbeiten. Was genau?“ „Also, ich möchte gerne mit eingeschränkten Menschen oder Menschen mit Behinderungen arbeiten. Und weil ich die Bundeswehr aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung verlassen habe, möchte ich jetzt Menschen etwas wiedergeben.“ Victoria fällt keine Frage mehr ein. Sie starrt auf ihre Hände, die anderen schauen sie an. Stille. Andreas Eggert tut nichts. Er wartet. Da entschließt sich Victoria doch noch zu einer Nachfrage. „Ich habe nicht genau verstanden, warum Sie die Bundeswehr verlassen haben, können Sie es erklären?“ Eggert antwortet: „Ich habe bei Auslandseinsätzen Dinge erlebt, die mich nicht mehr loslassen. Ich kann nicht mehr schießen, ich kann nicht mehr in der Ver-

1989 beschlossen viele Humanisten und Freidenker-Verbände noch vor dem Fall der Mauer, die Jugendweihe in Jugendfeier umzubenennen. Daher kommt die heutige Unterscheidung zwischen Jugendweihen und den Jugendfeiern der Humanisten.


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Forscher, Autor und aktuell Vorsitzender der Humanismus Stiftung Berlin

Wie kommt es, dass heute immer noch viele die Jugendweihe mit der DDR verbinden? Die Jugendweihe war in Deutschland ein Minderheitenphänomen. In der DDR wurde Jugendweihe zu einem massenpolitischen Ereignis und hat Generationen beim Erwachsenwerden begleitet. Bereits Mitte der 50er-Jahre etablierte die DDR-Führung die Feier als ein Gegengewicht zur kirchlichen Kommunion und Konfirmation. Ziel war, die Jugendlichen auf Staat und den Sozialismus zu verpflichten. Wer die Teilnahme verweigerte, lief Gefahr, eine unattraktive Lehrstelle zu erhalten oder den erwünschten Studienplatz nicht zu bekommen. Für viele DDR-Bürger war die Jugendweihe jedoch vorrangig ein Familienfest. Wichtig ist festzustellen: Die DDR-Jugendweihe hatte mit der eigentlichen Tradition der Freidenker wirklich nichts zu tun. Und wo hat die Jugendweihe ihren Ursprung? Mitte des 18. Jahrhunderts schufen von den christlichen Kirchen abgespaltene Gemeinschaften ein eigenes Ritual zum Erwachsenwerden. Die erste Feier mit dem Titel Jugendweihe gab es in einer freireligiösen Gemeinde 1852 in Nordhausen, im heutigen Thüringen. Freidenker und Sozialdemokraten haben die Jugendweihe unter den damaligen Industriearbeitern, die mit der Kirche gebrochen hatten, popularisiert. Die Jugendweihe entwickelte sich dadurch zu einem weltlich-humanistischen Ritual. Für was steht Jugendweihe heute? Der nach der Wende gegründete Verein Jugendweihe Deutschland führt gegenwärtig die meisten Veranstaltungen durch, die weltanschaulich offen sind. Die humanistischen Verbände haben sich 1989, noch vor dem Fall der Mauer, für eine Begriffsänderung entschieden: Die Feste, die eine humanistische Lebensauffassung vermitteln, nennen wir nicht mehr Jugendweihe, sondern Jugendfeier. Damit grenzten wir uns von der DDR-Jugendweihe ab. Ich denke, dieser neue Name wird sich mittelfristig durchsetzen.

Konfirmation oder Jugendweihe Seine Tochter sollte sich frei entscheiden können. Yakira war für die Jugendweihe, wie ihre Mutter damals in Brandenburg, zehn Jahre nach der Wende. Denn Religion spielt für sie keine Rolle. Sie sagt: „Die anderen haben Konfirmation und Kommunion, und ich wollte auch etwas haben, um den Einstieg ins Erwachsenenleben zu feiern“. Dabei glaubt Yakira: Durch die Feier wird sich nicht viel in ihrem Leben verändern. Sie ist überzeugt: Erst mit 18 ist sie wirklich erwachsen. Im Seminarraum sollen Yakira, Victoria und die anderen die Tische nach den Knigge-Regeln für das Mittagessen eindecken. Yakira legt zwei Messer und einen Löffel rechts neben einen Teller, sodass die Schneiden nach innen zeigen, die Gabeln für den ersten und zweiten Gang auf die linke Seite – eine Daumenbreite Abstand zum Teller. Andreas Eggert ist zufrieden. Die zweite Gruppe kommt hinzu. Ein Junge wird zum Gastgeber ernannt. Alle anderen bleiben hinter ihren Stühlen stehen. „Danke, dass ihr alle da seid“, sagt der Junge. „Das war kurz und knapp“, sagt Andreas Eggert und prostet ihm zu. „Genau so nicht“, sagt der Knigge-Trainer. „Man schaut sich in die Augen dabei!“. Die Gläser klirren. Dieses Mal haben sich ihre Blicke getroffen. Noch müssen die Jugendweiheteilnehmer aus Rheinland-Pfalz vielen erklären, was sie da eigentlich feiern, den Schulfreunden, den Großeltern, den Nachbarn. Das Vorurteil, die Jugendweihe sei eine reine DDR-Tradition, hält sich in den Köpfen vieler Menschen. Dabei wurde die erste Jugendweihe schon 1852 gefeiert – durch den Prediger Eduard Baltzer im thüringischen Nordhausen. Ein zunächst noch religiöser Akt. Um die Jahrhundertwende wurde die Jugendweihe im Arbeitermilieu immer beliebter. Die DDR wollte mit der Jugendweihe einen Gegenpol zu Konfirmation und Firmung schaffen. Nun ging damit ein Gelöbnis

Bild S.16: A. Platzek/Humanistische Medien A.ö.R.

Drei Fragen an: Manfred Isemeyer

sorgung von Verwundeten arbeiten. Und das hat mich dazu bewegt, einen Neustart zu machen“. Als die Übung vorbei ist, sagt Eggert: „Fragen stellen ist oft schwieriger als antworten.“ Pause. Während in Ostdeutschland häufig ganze Schulklassen gemeinsam die Jugendweihe feiern, ist dies in vielen Orten Westdeutschlands immer noch etwas Besonderes. Bei der 14-jährigen Yakira gaben die Eltern den Ausschlag. Marius Klein, Yakiras Vater, ist in Karlsruhe aufgewachsen und entschied sich mit 14 Jahren für die Konfirmation. Die Jugendweihe lernte er erst durch seine ostdeutsche Frau kennen, die dieses Fest vor zwanzig Jahren in der Nähe von Cottbus feierte. Jugendweihe? Er selbst wusste nicht, was das sein soll, also recherchierte er im Internet und stieß auf die gerade 2019 gegründete Jugendweihegruppe Rheinland-Pfalz.


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Jugendliche haben sich 2020 für ihr Fest bei den größeren Jugendweihe-Vereinen in Westdeutschland angemeldet. Diese wurden erst nach der Wende gegründet. Die Humanisten bieten Feiern zum Erwachsenwerden schon seit über 100 Jahren – oft sind es eher kleine Gruppen. Ein Sonderfall ist Hamburg mit aktuell 370 Teilnehmern.

auf den Sozialismus einher. Wer die Teilnahme verweigerte, musste mit einer unattraktiven Lehrstelle oder mit Studienverbot rechnen. Trotzdem blieb die Jugendweihe in der DDR für viele Menschen vor allem eine Familienfeier. In großen Teilen Westdeutschlands hingegen kam die Jugendweihe lange Zeit nicht mehr richtig an – auch, weil diese Feier bei manchen nun als ein Ritual des Kommunismus galt. Im Jahr 1989, noch vor dem Fall der Mauer, entschieden sich viele freidenkerische und humanistische Verbände im Westen dazu, die Jugendweihe in Jugendfeier umzubenennen. Das war der Versuch, die DDR abzuschütteln, sich von der

traditionellen Bindung an die Arbeiterbewegung zu lösen und deutlich zu machen: die Jugendlichen werden gefeiert, nicht geweiht. Offenbar mit Erfolg: In Berlin zum Beispiel bieten sie Jugendfeiern nach humanistischem Weltbild inzwischen für jährlich 2.000 Jugendliche an. Dennoch gilt generell: Heute sollen Jugendweihen und Jugendfeiern eine unpolitische Entscheidung sein. Bis sich Yakira und Victoria feiern lassen, gibt es für sie noch viel zu tun. Schuhe kaufen, einen Friseurtermin vereinbaren, Einladungskarten schreiben. Victoria arbeitet an der Rede, die sie mit einem anderen Jugendlichen vor allen Gästen halten wird. Es geht ihr auch darum, den Eltern zu danken. Musik wird gespielt werden, und jeder Jugendliche wird eine Urkunde überreicht bekommen. Wann das große Fest stattfinden wird, ist wegen der Coronakrise noch unklar. Aber wenn es soweit ist, wird Jens Schlundt für die Jugendweihe seines jüngeren Sohns keine Reise bis nach Berlin antreten müssen. Dieses Mal fahren die Verwandten 650 Kilometer in die Pfalz, denn Jugendweihe können sie nun auch hier feiern.

Tomke Giedigkeit hat von Jugendweihe zum ersten Mal während ihres Studiums in Dresden gehört. Nun sprach sie mit Experten, analysierte Teilnehmerzahlen von 30 Vereinen. Mit Kate Schultze begleitete sie eine Jugendweihe-Gruppe zum Knigge-Kurs. Dort konnten sie ihre eigene Etikette auffrischen. — Tomke.giedigkeit@ posteo.de, mail@ kateschultze.com

Tra dition

Nectem quis modit alite peria audi ommod que num, cum piendist qui blatisim

Irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein: Teilnehmer der Jugendweihe in Ingelheim


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„Kann dieser Doktor helfen?“ E I N SI CH T E N   18

In der DDR verlor der Arzt Ravindra Gujjula seinen Job, weil er das System kritisierte. Nach der Wende stürzte er sich in die Politik

Ein Modell-Herz auf seinem Schreibtisch: Gujjula ist Landarzt und Lokalpolitiker. Wer Sorgen hat, vertraut sie ihm an.

Text Tobias Hausdorf Foto Joris Felix

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avindra Gujjula parkt seinen schwarzen Mercedes an seinem Stammplatz im Hof des Rathauses, auf der Nummer eins. Dabei ist er schon lange nicht mehr der Bürgermeister hier in Altlandsberg. Durch die Hintertür geht er ins Rathaus. Stuck, hohe Decken, pastellgrüne Wände. Im Erdgeschoss schließt er die Tür zu seiner Praxis auf, die er als Arzt für Innere Medizin seit etwa 30 Jahren führt. Es ist 8 Uhr früh in Altlandsberg, einer brandenburgischen Stadt östlich von Berlin, die etwa so groß ist, wie sie klingt. Knapp 9.500 Einwohner. Der 65-jährige Ravindra Gujjula hat noch nicht gefrühstückt, aber er muss schon drei Menschen dringend anrufen. Er setzt sich auf seinen Ledersessel, der in der Höhe des Kopfes abgenutzt ist, und lehnt sich nach vorn. Auf dem Schreibtisch ein Drachenbaum, das

Plastikmodell eines menschlichen Herzens und ein Bär aus Schokolade. Erster Anruf, beim Bürgermeister: Noch nicht da, also auf dem Handy. „Hallo Arno, hast du gleich zehn Minuten für mich? Okay, 8:30 Uhr bin ich oben bei dir.“ Zweiter Anruf: Er sucht einen Betriebsarzt für seine Angestellten. Mit dem letzten war er nicht zufrieden. Dritter Anruf: Jobvermittlung für eine 60-jährige Frau. Er fragt eine Bekannte, ob sie vielleicht eine Stelle habe. Gujjula, mit grauem Haarkranz, das Hemd in die Jeans gesteckt, wirkt wie einer, der in To-Do-Listen denkt. Eins nach dem anderen. Check. 8:40 Uhr. Gujjula geht etwa 60 Schritte, dann betritt er das Büro, das einmal seines war. Genau über seiner Praxis liegt das Zimmer des Bürgermeisters. Arno Jaeschke, in schwarzem Anzug und Krawatte, setzt sich mit Gujjula an einen schweren Holztisch. Darauf liegen Akten und Papiere, auf einer Anrichte ein Kaffeeservice mit Goldrand, an den Wänden einige Karten, die von der Sonne ausgeblichen wurden.


Er fĂźllun g Ein Wendegewinner: 1990 konnte Ravindra Gujjula das erste Mal fĂźr eine Wahl kandidieren. Seine Praxis hat er trotz Politik nie aufgegeben.


„Du hast es jedes Jahr versprochen und nicht gemacht. Das sind meine Bitten, dann stimme ich auch für den Haushalt.“ Ravindra Gujjula

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Ravindra Gujjula weiß, wie man Druck ausübt: Er saß selbst einmal auf dem Platz, auf dem jetzt Bürgermeister Arno Jaeschke sitzt.

„Ich habe drei Bitten“, sagt Gujjula. Er legt sein Handy, die Auto- und Türschlüssel nebeneinander auf den Tisch, als wolle er damit seine Tagesordnungspunkte markieren. Erster Punkt: Er hat Zettel zum Coronavirus an die Türen seiner Praxis aufgehängt, mit Telefonnummern. „Ick hab se noch nich jelesen“, sagt der Bürgermeister. An diesem Tag im März ist Deutschland damit beschäftigt, sich oft die Hände zu waschen und Veranstaltungen mit mehr als Tausend Personen abzusagen. Verbote, Ausgangssperren und Grenzschließungen sind zu diesem Zeitpunkt noch Zukunft. Gujjula will weitere Zettel ausdrucken und im Rathaus anbringen. Der Bürgermeister ist einverstanden. Zweiter Punkt: Desinfektionsmittel im Foyer an der Treppe. „Haben wir einen Aufsteller dafür?“ Nur in den Toiletten sind Spender. Gujjula will die Apotheke anrufen und eine Lösung finden. „Dit können wa so machen“, antwortet der Bürgermeister. Für den dritten Punkt hat Gujjula die Arme verschränkt, dann tippt er mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Beim sogenannten Sattelfest Ende April, bei dem in Altlandsberg traditionell „angeradelt“ wird, werden wohl wieder Hunderte Gäste mit dem Fahrrad auftauchen. „Meine Frage und Bitte, das einfach abzusagen. Was denkst du darüber?“ Der Bürgermeister lehnt sich zurück, spricht über die Spanische Grippe, bei der vor hundert Jahren Millionen Menschen starben. Dann kommt er auf die Coronavirus-Patienten in der Umgebung. „Dit kriegen wa nich jehalten. Meine Tendenz: dit Fest absagen.“ Als sei es ihm gerade eingefallen, will Gujjula noch etwas klären, nun, da das Tagesaktuelle besprochen ist. Er erinnert den Bürgermeister ans Geld, die Verabschiedung des städtischen Haushalts. Er habe da noch ein paar Bitten, und so bestimmt, wie er sie formuliert, ist klar, dass diese Bitten Forderungen sind. Zunächst: der Ausbau einer Straße. Der Bürgermeister verspricht:

„Dieses Jahr“. Gujjula: „Zeitangabe?“ Dann: die Sanierung der Friedhofskapelle und der Weg dorthin – unbedingt rollstuhlgerecht. „Du hast es jedes Jahr versprochen und nicht gemacht. Das sind meine Bitten, dann stimme ich für den Haushalt.“ Dass wir, ein Reporter und ein Fotograf, dabei sind, kommt ihm entgegen. Denn der Bürgermeister wird dabei beobachtet, ob er sich festlegt – oder ob er zögert. Der sagt: „Wir müssen das unbedingt dieses Jahr gestalten, sonst nehmen uns das die Leute übel.“ Gujjula nickt zufrieden, als habe er wieder etwas für seine Stadt erreicht. Der Brief, der den Job kostete Der Arzt hat gelernt, wie man das macht – „Druck ausüben“. Von 1993 an saß er selbst zehn Jahre lang als ehrenamtlicher Bürgermeister in dem Büro, in dem er jetzt Forderungen stellt. „Viele Menschen sprechen mich heute noch mit Bürgermeister an“, sagt Gujjula, der bis zum vorigen Jahr ehrenamtlicher Ortsvorsteher in Altlandsberg war. Seine politische Bedeutung hat heute allerdings abgenommen, für die SPD sitzt er nicht mehr im Landtag, nur noch im Kreistag. Aber seine Motivation ist so groß, dass er Gabriele, seine Frau in zweiter Ehe, ermutigt hat, sich in der Politik zu beweisen. Seit einem Jahr ist sie Stadtverordnete. Als geborener Inder in Deutschland Bürgermeister werden – das war in den Neunzigern eine Sensation. Offiziell war er zu dem Zeitpunkt schon Deutscher, aber viele Menschen sahen weiterhin einen Ausländer in ihm. Die Staatsbürgerschaft brauchte er, um sich für die Kandidatur zu qualifizieren. Sogar die New York Times berichtete über die Wahl zum Bürgermeister, vierspaltig mit einem Foto und einer Karte Deutschlands, auf der die ehemalige Grenze eingezeichnet war. Der Titel: „If Germany Has a Fever, Can This Doctor Help?“ Wenn Deutschland Fieber hat, kann dieser Arzt helfen? Gemeint war der Rassismus.


Eine Sensation war seine Wahl schon deshalb, weil kaum etwas darauf hindeutete, dass ihm eine Karriere in Ostdeutschland vorschwebte. Im Jahr 1973, mit 19 Jahren, kam Gujjula aus dem indischen Hyderabad in die DDR, um Medizin zu studieren. Das Freundschaftskomitee DDR-Indien hatte das möglich gemacht, auch im blockfreien Indien gab es eine kommunistische Partei. Indien hatte mit verschiedenen kommunistischen Staaten diplomatische Beziehungen aufgenommen. Gujjula nahm an einem Deutschkurs in Leipzig teil, als ihm zufällig Ulrike über den Weg lief, zu dem Zeitpunkt noch Schülerin. Am Bahnhof tauschten sie Adressen aus. Erst Fernbeziehung, dann kam das erste Kind auf die Welt, später studierten sie beide an der Humboldt-Universität in Berlin, sie Landwirtschaft, er Medizin. Nach der Ausbildung, im Jahr 1982, zogen sie nach Altlandsberg in der Nähe Berlins. Sie freuten sich über ihre neue Wohnung mit Zentralheizung, und Gujjula fing als Arzt im Kreiskrankenhaus der Kleinstadt an. 1983 wurde das zweite Kind geboren, und sie heirateten. Kurz bevor die DDR zusammenbrach im Jahr 1989, schien für Gujjula ein Lebenstraum zu platzen. Einer Frau von der Gewerkschaft war aufgefallen, dass Gujjula politische Vorträge hielt und Geld für gute Zwecke sammelte. Sie schlug ihn als Kandidaten für die Kommunalwahlen in Strausberg bei Berlin vor. Weil er länger als fünf Jahre in der DDR gelebt hatte, konnte er trotz seines indischen Passes gewählt werden. Doch

Für Gujjula ist früher Feierabend ungewohnt: Einen leeren Terminkalender kann er schwer aushalten.

der Kreiswahlleiter, so erzählt es Gujjula, habe die Unterlagen nicht angenommen, sondern gefragt: „Wie viele Ausländer wohnen in Altlandsberg?“ „Nur ich.“ „Und wessen Interessen wollen Sie dann vertreten?“ Aus Gujjulas Wahl wurde nichts. Daraufhin habe er einen wütenden Brief an Egon Krenz, dem zweiten Mann nach Honecker und Leiter der Zentralen Wahlkommission, geschrieben. „Ich wollte meinen Frust loswerden, ich wollte sagen, dass das scheiße ist.“ Das Wahlsystem kritisierte Gujjula ebenfalls. Demokratie? Nicht in der DDR. Wenige Tage, nachdem er den Brief abgeschickt hatte, habe ihn sein Chefarzt zu sich gerufen, erzählt Gujjula. „Deine Arbeit ist zu Ende“, habe der Chef gesagt. Gujjula war verzweifelt, niemand in der DDR würde ihn noch beschäftigen. So lieh er sich Geld und flog mit seinem Sohn und seiner deutschen Couchgarnitur nach Indien, um herauszufinden, ob es dort eine Zukunft für ihn und seine Familie geben könne. Sein Vater, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter, sagte: „Du bist Gast in der DDR.“ Doch Gujjula war längst nicht mehr nur Gast in einem fremden Land, sein Leben war inzwischen ein DDR-Leben. Das spürte er in Indien deutlicher denn je. Gujjula flog nach fünf Monaten zurück, zog wieder nach Altlandsberg. Dann fiel die Mauer, das war sein großes Glück. Die Wahlen vom Vorjahr wurden annulliert und 1990, im Jahr der Einheit, wiederholt. Diesmal durfte er kandidieren. Ravindra Gujjula wurde Stadtverordneter, das ist er bis heute. Kurz darauf eröffnete er seine Arztpraxis. Seitdem ist er beides zugleich, Landarzt und Lokalpolitiker. Das gehe oft ineinander über. „Viel Sprechtherapie“, sagt er. Während der vier bis fünf Hausbesuche am Tag erfahre er auch, was falsch laufe in der Stadt. Gujjula fährt zum Bäcker, hängt den Mantel über einen Stuhl und setzt sich. Links und rechts tauchen viele Bekannte auf, die er mit Winken und Lächeln grüßt. Er sitzt da wie einer, der auf ein Gefühl keinesfalls verzichten kann: gebraucht zu werden. Gujjula sagt: „Hier werde ich sehr geliebt, beinahe verehrt.“ Ravindra Gujjula will arbeiten, bis er 70 ist, mindestens. Er sagt: „Und wenn ich als Arzt arbeite, habe ich die anderen Sachen auch an der Backe.“ Die anderen Sachen, das sind die Politik, das Händeschütteln, das verständnisvolle Nicken, all die Gesten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Am nächsten Tag steht eine Beerdigung an, am Abend ein 80. Geburtstag. Danach fährt er für eine Woche an die Ostsee. Urlaub. Doch nach zwei Tagen bricht er die Reise ab und kehrt zurück. Die Coronakrise hat Deutschland im Griff, und Gujjula steht wieder in seiner Praxis. Im Urlaub wäre er einer unter vielen, hier kann er sich beweisen.

Tobias Hausdorf kennt Ravindra Gujjula noch als Bürgermeister, weil er in Altlandsberg aufgewachsen ist. Joris Felix und er haben eine Nacht und einen Tag dort verbracht und den Arzt im Rathaus getroffen. Weil sich die Coronakrise verschärfte, begleiteten sie ihn am nächsten Tag nicht mehr zu einer Beerdigung und einer Geburtstagsfeier. — tobias_hausdorf@ live.de, joris@jorisfelix.com

Er füllun g

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Werden wir uns einig?

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Credit: S.22: NASA © Chris Hadfield/Twitter; S.23: Zeit Online/Meiko Hermann

Von Anna Bayer, Daniel Donath, Lucia Heisterkamp, Maike Verlaat-Violand

Nachts erscheint B E R L I N noch immer geteilt: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung färben die Lichter der Straßenlaternen den Westen der Hauptstadt weiß und den Osten gelb. Denn bis heute sind in West- und Ostberlin unterschiedliche Lampen im Einsatz. Die Quecksilberdampf-Hochdrucklampen im Westen verbreiten ein kühles Licht, die Natriumdampf-Hochdrucklampen im Osten einen warmen Farbton. Wie das aussieht, zeigt diese Nachtaufnahme des Astronauten Chris Hadfield an Bord der Internationalen Raumstation ISS.


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Valerie Schönian, 1990 in Magdeburg geboren, thematisiert in ihrem neuen Buch „Ostbewusstsein“ das Selbstverständnis einer jungen Generation

Was ist Ostbewusstsein? Der Osten Deutschlands war 40 Jahre lang ein anderer Staat und hat nicht aufgehört zu existieren, als die DDR untergegangen ist. Sich bewusst zu machen, dass sich die Erfahrungen der Menschen in der ehemaligen DDR zur Nachwendezeit von der gesamtdeutschen Erzählung unterscheiden – das ist Ostbewusstsein. Welche Erfahrungen meinen Sie? Viele Ostdeutsche haben genau das erlebt, was ihnen im Marxismus-Leninismus-Unterricht angedroht wurde: Mit dem Kapitalismus kam Arbeitslosigkeit, nicht wie versprochen blühende Landschaften. Ältere Ostdeutsche haben dadurch eine andere Lebenserfahrung. Und wir Nachwendekinder sind im „Sozialisationsraum Osten“ aufgewachsen. Das hat uns natürlich auch geprägt. Warum Ostbewusstsein? Ich will mit meinem Buch ein „auch“ in den Diskurs bringen. Wenn es um den Osten geht,

17%

der Westdeutschen waren laut ARD-DeutschlandTrend nach 1989 noch nie privat in den neuen Bundesländern. Nur zwei Prozent der Ostdeutschen gaben an, noch nie die alten Länder besucht zu haben.

öffnen viele eine Schublade, darin die AfD und irgendwas mit Nazis. Der Osten ist natürlich viel mehr: Es gab nach der Wende viele Freiräume und Platz, der bis heute von Künstlern aus der ganzen Welt genutzt wird. Was genau möchten Sie richtigstellen? Über den Osten zu reden heißt häufig, zwei Sätze weiter über Probleme zu sprechen. Es geht oft um Unterschiede zum Westen, die verschwinden sollen. Das wollte ich zuerst auch. Mittlerweile sage ich: Ich bin gern Ossi und will nicht, dass man so tut, als ob es keinen Unterschied zwischen Ost und West gäbe. Ich möchte die Geschichte und Perspektive meiner Eltern sichtbar machen – ohne eine Diktatur zu verharmlosen.

Je länger die Mauer gefallen ist, desto ostdeutscher fühle sich Valerie Schönian. In „Ostbewusstsein“ erforscht sie, warum das so ist. Piper, 272 Seiten, 16€

70%

der Ostdeutschen fühlen sich laut Körber-Stiftung als Gewinner der Wiedervereinigung – in Westdeutschland dagegen nur eine knappe Mehrheit von 53 Prozent.

Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert. Autoritäre Führung wünschen sich demnach: Ost

21% voll & ganz 20% 20% West

In einem Punkt sind sich Menschen in Ostund Westdeutschland überraschend einig: Forscher der Universität Leipzig haben 2018 herausgefunden, dass in ganz Deutschland die Bereitschaft gestiegen ist, ein autoritäres System zu unterstützen.

69%

der Westdeutschen sehen laut Körber Stiftung immer noch große Unterschiede zwischen Ost und West. Bei den Ostdeutschen finden dies sogar fast drei viertel.

Differenzen

„Als ob es keinen Unterschied gäbe“


E I N SI CH T E N   18 Volleyball-AG: Mercedes Ostrowski macht Sport nur zum Spaß.


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Gen era tion en

DAS LEIDEN

DER TOCHTER Ihre Mutter bekam als DDR-Kanutin Tabletten, vermutlich Dopingmittel – mit verheerenden Auswirkungen. Mercedes Ostrowski klagt über ähnliche Symptome. Zusammen kämpfen sie für Aufarbeitung

Text Jann-Luca Künßberg

Foto Laurenz Bostedt


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Die Abiturientin Mercedes Ostrowski steht fast jeden Tag um fünf Uhr morgens auf. Sie braucht viel Zeit, denn sie muss sich rasieren. Eine Stunde lang. Im Sommer, wenn die Kleidung knapper ist oder wenn sie an den Strand will, muss sie diese Prozedur wiederholen, einmal, zweimal am Tag. Sie rasiert dann ihren Rücken, ihre Brust, ihr Gesicht. Die Zwanzigjährige spricht ganz offen darüber. Sie sagt: „Vielleicht hat man mal einen Mann und möchte dann auch eine sexuelle Beziehung eingehen. Dann möchte man sich in seinem Körper wohlfühlen.“ Während sie alle behaarten Stellen aufzählt, streicht sie sich das braune Haar hinters Ohr und zeigt, wo ihr Koteletten wachsen. Sie sind rasiert, man sieht keine Stoppeln, darüber trägt sie Make-Up. Auch ihre Mutter Petra muss sich oft und ausgiebig rasieren. Die 54-Jährige war als junges Mädchen Kanutin in der DDR. Sie trainierte in einem brandenburgischen Vorbereitungszentrum für die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Schon im Alter von elf Jahren habe sie Tabletten nehmen müssen, wahrscheinlich Oral-Turinabol, erzählt Petra Ostrowski. Von Anfang an habe sie an Trainingstagen eine größere blaue und eine kleinere weiße, manchmal gelbliche Tablette bekommen, erinnert sie sich. „Blauer Blitz“, das war der Spitzname für Oral-Turinabol. Das Medikament war das wohl meistgereichte „unterstützende Mittel“ in der Geschichte des organisierten Dopings in der DDR. Ein Anabolikum, das zwar Muskeln wachsen lässt und die Sportler schneller und kräftiger macht, aber auch extreme Nebenwirkungen hat. Frauen bekommen tiefere Stimmen und Bartwuchs, Männer Prostataerkrankungen. Auch Unfruchtbarkeit und Potenzstörungen gehören dazu. Petra Ostrowski erinnert sich, wie sie sehen konnte, dass sich kurz nach der ersten Einnahme der Tabletten ihr Körper veränderte: Ihre Muskeln seien „explodiert“, ihr

„Ich habe manchmal das Gefühl, die DDR geht hier irgendwie weiter.” Mercedes Ostrowski

Kopfhaar ausgefallen, ihre Haut aufgequollen und rissig geworden. Am Bauch und auf der Brust seien ihr Haare gewachsen. Sie habe viel geweint und sei emotional instabil gewesen. Mit manchen der Nebenwirkungen kämpft sie bis heute. „Unterstützende Mittel“ – so lautete die präzise ausgesuchte interne Bezeichnung für Doping in der DDR: „Der Begriff (…) wurde gewählt, um ideologisch klar zum Ausdruck zu bringen, dass für die Leistungsentwicklung das Training mit all seinen Grundsätzen bestimmend ist“, heißt es im Doping-Masterplan, der am 23.10.1974 beschlossen wurde und als Vorlage in öffentlichen Stasi-Akten einsehbar ist. Der Ausdruck wird der Wahrheit allerdings nicht gerecht: Die Medikamente – den Sportlern teils ohne deren Wissen verabreicht, teils zwangsweise zugeführt – schädigten die jungen Körper, manche ruinierten sie. Das alles ist lange bekannt. Doch nun, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, setzt sich der Angriff auf die körperliche Unversehrtheit womöglich fort – in der nächsten Generation: bei den Kindern der Dopingopfer. Im schlimmsten Fall unfruchtbar Mercedes Ostrowskis Hormonhaushalt ist gestört. Bei ihr wurde ein sogenannter Hirsutismus diagnostiziert, also ein männlicher Behaarungstyp, der zumeist aus zu vielen männlichen Sexualhormonen resultiert. Sie bekommt nur unregelmäßig ihre Periode, manchmal fällt die Menstruation zwei oder drei Monate ganz aus. Das verunsichert sie. Im schlimmsten Fall bedeutet die Diagnose, dass sie unfruchtbar ist – eine Vorstellung, die sie quält, denn sie wünscht sich unbedingt Kinder. Andererseits hat sie auch Angst, sie könnte ihre Leiden wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben: „Wenn ich mir überlege, dass für meine Tochter nach dem Aufstehen der erste Gedanke wäre: Rasiere ich mich? Das würde ich ihr ungern antun wollen.“ Mercedes Ostrowski ist überzeugt, dass für ihre Hormonprobleme jene Dopingmittel verantwortlich sind, die ihre Mutter wohl bekam. In ihrem Heimatort Königs Wusterhausen erinnern die Straßennamen noch an die DDR, sie sind nach Karl Marx, Friedrich Engels und nach dem kommunistischen Schriftsteller Richard Sorge benannt. Mercedes Ostrowski wurde zehn Jahre nach der Wiedervereinigung geboren, doch sie sagt: „Ich habe manchmal das Gefühl, die DDR geht hier irgendwie weiter.“ Und fügt hinzu: „Die Opfer von einst haben keine Stimme. Man arbeitet nichts ordentlich auf, mit den Folgen lebt man ewig so weiter.“ Manchen ihrer Sätze hört man an, dass sie schon oft gesagt wurden. Sie klingen nicht einstudiert oder abgenutzt, aber nach aufgestauter Wut. Sie wurden wiederholt und wiederholt, bei Ärzten, in der Schule, gegenüber Journalisten. Geändert hat sich nichts.


Petra Ostrowski sucht seit Jahren Dokumente über ihre Vergangenheit. In ihrem Arbeitszimmer steht ein langer Schreibtisch, auf dem sie die vielen Ordner ausbreiten kann.

„Ganz wichtig ist, dass die Mauer des Schweigens gebrochen wird.“ „Natürlich, es gab Menschen, die wurden erpresst, die mussten mitmachen. Aber nicht jeder. Es gibt genug Mittäter.“ „Warum müssen die Opfer allem hinterherrennen? Das verstehe ich nicht.“ Petra und Mercedes Ostrowski leben direkt am Wasser, das sie beide lieben. Aus dem Fenster ihrer kleinen Wohnung in einer ehemaligen Militäreinrichtung blickt man auf die Dahme. Auf der anderen Uferseite des Flusses verläuft die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. Nur ein paar Buchten weiter saß Petra Ostrowski als Kind im Kanu. Trainierte, quälte ihren Körper. Bekam die Tabletten, jeden Dienstag und Donnerstag, erinnert sie sich. Petra Ostrowski, die Mutter, hat eine Entschädigung nach dem zweiten Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz (DOHG) beantragt, 10.500 Euro könnte sie als einmalige Hilfeleistung bekommen. Sie ist sich allerdings ziemlich sicher, dass ihr Antrag abgelehnt werden wird. Das DOHG ist zeitlich befristet, Nachweise können nicht ewig erbracht werden. Damit sie das Geld bekommt, müsste sie bald beweisen können, dass sie damals in dem Treptower Sportverein unwissentlich Dopingmittel verabreicht bekam. Doch wie soll sie ei-

nen solchen Beweis erbringen? Nach 42 Jahren findet sich natürlich keine Spur des Wirkstoffs Oral-Turinabol in ihrem Körper. Ihre eigene Mutter – Mercedes’ Großmutter, inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi, Deckname Sonne, wie Kopien von Stasi-Akten belegen – habe alle Urkunden und Pokale vernichtet. Weil sie bereits mit 13 Jahren den Leistungssport beendete, taucht sie auch nicht in Bestenlisten oder anderen Dokumenten über Sportereignisse von damals auf. Ein wissenschaftlicher Nachweis ist derzeit nicht möglich Petra Ostrowski hat Verkäuferin gelernt, heute ist sie arbeitslos. Sie hat nicht viel Geld, trotzdem reist sie immer wieder zu verschiedenen Archiven, um nach Informationen über ihre Vergangenheit zu suchen. Jeder Schritt voran wäre dabei auch einer für ihre Tochter, deren Schicksal so sehr an ihrem hängt. Jede Antwort auch eine Antwort auf die Fragen von Mercedes. In dem Schrank in ihrem Arbeitszimmer sammeln sich hinter drei Flügeltüren die Aktenordner. Darin sind Gutachten zu ihrem eigenen Fall und dem ihrer Tochter abgeheftet, Anwaltspost und Briefe von der Krankenkasse. Die 20-jährige Mercedes Ostrowski will ihre Körper- und Gesichtsbehaarung professionell entfernen lassen. 6.000 Euro soll die moderne Lichtbehandlung bei zehn Behandlungsterminen kosten – ähnlich viel wie eine konventionelle Laserbehandlung. Eine Laserbehandlung, sagt Mercedes Ostrowski, sei wegen ihrer Aknenarben aber nicht möglich, so hat es die Hautärztin attestiert. Die moderne Lichtbehandlung steht noch nicht im Leistungskatalog der Krankenkasse: die Kostenübernahme wurde abgelehnt.

Generationen

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Berlin

D ah m e

Eine Tagesration Einwegrasierer. Mehrwegklingen seien bei der häufigen Nutzung schnell unhygienisch, sagt Mercedes Ostrowski.

Da hm e

Zeuthen

BSG EAW Treptow Niederlehme

Wildau

Außenstelle der Betriebssportgemeinschaft Elektro-Apparatewerke-Treptow. Hier trainierte Petra Ostrowski. Beim Warmlaufen kam sie an ihrem Elternhaus vorbei.

Berlin Potsdam Wildau

„Sie meinten dann, ich solle mir doch meinen Bart mal stehen lassen. Das finde ich demütigend.“

Niederlehme

Königs-Wusterhausen

Mercedes Ostrowski


Also hat sich Mercedes Ostrowski eine Anwältin genommen und Klage eingereicht, Prozesskostenhilfe ist beantragt. „Die Krankenkasse hat mich leider nie selbst begutachtet. Ich habe denen mal ein paar Bilder geschickt“, sagt sie, „sie meinten dann, ich solle mir doch meinen Bart mal eine ganze Zeit stehen lassen. Das finde ich demütigend.“ Mercedes Ostrowski weiß, dass sich wissenschaftlich derzeit nicht nachweisen lässt, dass ein mögliches Doping ihrer Mutter die Ursache für ihren übermäßigen Haarwuchs und ihre Akne ist. Genauso ist es mit den Depressionen, mit der emotionalen Belastung, wegen der sie 2011 im Krankenhaus war und noch immer behandelt wird. Auch ihre Mutter Petra Ostrowski leidet unter psychischen Problemen, 2010 wurde bei ihr eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt, die laut Gutachten auch aus den Sporterlebnissen resultiert. So belastend die psychischen Probleme für Mutter und Tochter sind, so sehr sind sie für die beiden Frauen Grund zur Hoffnung. Denn psychische Folgeschäden können ein Weg zu Entschädigungsansprüchen sein. Traumatische Erlebnisse beeinflussen das Erbgut und können so an folgende Generationen weitergegeben werden. Harald Freyberger, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Professor an der Universität Greifswald, hat die These aufgestellt, dass dies auch für psychische Folgen des DDR-Dopings gelten könnte. Zusammen mit seinem Kollegen Jochen Buhrmann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin in Schwerin, erhob Freyberger Daten zu psychischen Problemen bei gedopten DDR-Athletinnen und -Athleten. In Zusammenarbeit mit dem Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH) planten die beiden Forscher auch eine Studie zu den sogenannten Opfern zweiter Generation, also den Kindern der Sportler. Doch bevor das neue Projekt beginnen konnte, starb Harald Freyberger unerwartet im Dezember 2018. Seitdem stockt die Forschung. Es geht um die Anerkennung als Opfer Die angekündigte Studie der beiden Mediziner zu den psychologischen Folgen des DDR-Dopings in der zweiten Generation war auf scharfe Kritik gestoßen. Ein Wissenschaftler, der den DOH mitbegründet hatte und sich inzwischen mit dem Verein zerstritten hat, zog die Wissenschaftlichkeit der Forscher Freyberger und Buhrmann in Zweifel und schrieb in einem Brief an den Sportausschuss des Bundestages von „irrlichternder Doping-Opfer-Forschung unter dem wohlwollenden Blick der Landesregierung“ Mecklenburg-Vorpommerns. Die einzigen Opfer zweiter Generation könnten Kinder sein, deren Mütter sehr jung Dopingmittel bekamen und deren Uterus in Folge dessen nicht voll ausgebildet wurde. Der Embryo hätte in die-

Petra Ostrowski wohnt an der Dahme. Auf dem Fluss trainierte sie einst im Kanu. Nur ein paar Buchten von ihrer ehemaligen Trainingsstätte entfernt liegt die Siedlung, in der sie heute mit ihrer Tochter Mercedes lebt.

sem Fall zu wenig Platz in der zu kleinen Gebärmutter, seine Extremitäten könnten sich nicht ausdehnen und verklebten. Eine Auseinandersetzung, die der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung gedient haben mag, öffentlich aber die Arbeit mit den Opfern überschattete. Betroffenen wie Petra und Mercedes Ostrowski half sie nicht. Harald Freyberger schrieb auch an einem Gutachten über Petra Ostrowski. Bevor er es fertigstellen konnte, starb er. Teile des unvollendeten Gutachtens liegen Petra Ostrowski vor. Nun sucht sie nach dem Rest. Es ist nicht nur die Chance auf eine Entschädigung – vor allem geht es auch darum, dass beide, Mutter und Tochter, überhaupt als Opfer des DDR-Dopingsystems anerkannt werden. Dass sie noch Ansprüche geltend machen können, ist unwahrscheinlich. Das Bundesministerium des Innern hält die bestehende Rechtslage für ausreichend und sieht keinen Handlungsbedarf. Eine Studie zu den Auswirkungen von Doping auf die zweite Generation sei nicht geplant, auch nicht deren Förderung, sagt eine Sprecherin. Petra und Mercedes Ostrowski wollen trotzdem weiterkämpfen, wenigstens um die Übernahme der Behandlungskosten für die Lichttherapie zur Haarentfernung. Im Flur der kleinen Wohnung in Königs Wusterhausen steht eine große Box voller Einwegrasierer. Nachschub. Die Box muss immer voll sein. Sonst fühlt sich Mercedes Ostrowski nicht wohl.

Bei der Suche nach Protagonisten hat der DopingOpfer-Hilfe-Verein geholfen. Jann-Luca Künßberg und Laurenz Bostedt waren dann zweimal in Königs Wusterhausen, um Mercedes Ostrowski und ihre Mutter zu treffen. Die Nachforschungen lieferten neben Antworten auch immer neue Fragen. — jann-luca@ kuenssberg.eu, lb@ laurenzbostedt.de

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Gefangen in Intrigen Er galt immer als Kommunistenfresser. Nun wird dem CDU-Politiker Dieter Dombrowski vorgeworfen, mit den Linken gemeinsame Sache gemacht zu haben. Die Geschichte einer politischen Verwicklung


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er CDU-Politiker Dieter Dombrowski steht drei Etagen über dem ehemaligen Arbeitszimmer des Stasi-Ministers Erich Mielke und wartet darauf, dass sich eine Kamera auf ihn richtet. Für ein Interview hat er ein Fernsehteam in diesen Raum bestellt. Ein schwerer Schreibtisch, ein paar Stuhlreihen, viel Licht, das durch die großen Fenster auf die hölzerne Einrichtung fällt. Als es die DDR noch gab, besprachen hier Parteifunktionäre, wie sie staatsfeindliche Aktivitäten ihrer Bürger aufspüren könnten. Dombrowski saß selbst 20 Monate lang in einem Stasi-Gefängnis, wegen versuchter Republikflucht. Heute ist er es, der dem Land erklären will, warum die Linkspartei ein Verhängnis ist. Dombrowski blickt hinaus auf die glitzernde Kugel des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz in Berlin. Der 68-jährige Dombrowski ist vieles zugleich: Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. In der CDU leitet er den Kreisverband Havelland, er war einmal umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Brandenburgischen Landtag und Generalsekretär der Partei in Brandenburg. Im Jahr 2009, als Abgeordneter der CDU, kam er einmal in seiner ehemaligen DDR-Häftlingskluft in den Brandenburger Landtag, um gegen die Vereidigung der ersten rot-roten Landesregierung zu protestieren: Zwei Politiker, die den Koalitionsvertrag unterzeichneten, hatten für die Stasi gespitzelt. Das Fernsehteam will ihn in der Rolle sehen, in der er sich wohl fühlt: als „Kommunistenfresser“. Seit einem Jahr allerdings muss Dombrowski sich mit dem Vorwurf herumschlagen, in eine angebliche Intrige der Berliner Linkspartei verwickelt zu sein. Dombrowski fixiert die Fernsehkamera und sagt: „Wenn Linke über einen Systemwechsel fantasieren und ausführen, was sie darunter verstehen, dann wird das nicht genauso ernst genommen wie das, was der Flügel von der AfD so von sich gibt.“ Nur ja keine Milde gegenüber etwaigen Kommunisten: Dombrowski hat sein Revier neu markiert. Als Chef der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft sitzt Dombrowski im Stiftungsrat der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Als es noch keine Gedenkstätte war, zu Zeiten der DDR, war es ein Stasi-Gefängnis. Für Dombrowski ist dieser Ort ein Mahnmal für erlittenes Unrecht. Allerdings ist die Gedenkstätte inzwischen auch der Austragungsort eines politischen Konflikts. Als Mitglied im Stiftungsrat war Dieter Dombrowski an der einstimmigen Entscheidung beteiligt, Hubertus Knabe, den langjährigen Leiter der Gedenkstätte, im November 2018 zu entlassen. Der Stiftungsrat sah es als erwiesen an, dass Knabe über Jahre hinweg seinen Stellvertreter gedeckt habe, der junge Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte sexuell belästigt haben soll. Der Stellvertreter wurde entlassen. Nach einer Krisensitzung des Stiftungsrats wurde auch Knabe gefeuert, der Chef persönlich.

Foto Suzanne de Carrasco

Zum Politikum wurde der Fall, weil sich Knabe als scharfer Kritiker der Linkspartei profiliert hatte, die für ihn nichts weiter ist als eine gehäutete SED. Das macht die ganze Angelegenheit so kompliziert: In seiner Aversion gegen den Kommunismus ist sich Dombrowski mit dem geschassten Knabe einig, aber Dombrowski kam nicht umhin, Knabes Entlassung wegen der Vorwürfe der belästigten Frauen mitzutragen. Mit einem Mal muss er sich vorhalten lassen, er mache gemeinsame Sache mit seinem politischen Gegner, der Linken. Dombrowski sagt: „Ich bin politisch in der Beurteilung der Linkspartei in der Vergangenheit und auch heute mit Dr. Knabe immer einig gewesen, aber als Leiter einer Einrichtung hat er seine Gesamtverantwortung für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unzureichend wahrgenommen.“ So steif drückt sich Dombrowski oft aus, als gäbe er eine offizielle Erklärung ab. Eine Verschwörung? Handelte es sich bei Knabes Entlassung um eine „Strafaktion“ gegen einen „politisch Unangepassten“, wie es in dem Brief von vier Frauen hieß, die gegen Knabes Entlassung protestierten und von denen drei aus dem Beirat der Stiftung austraten? War es eine „Amtsanmaßung“ durch Dombrowski? Eine Intrige, angezettelt vom linken Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der dem Stiftungsrat vorsitzt? Im Februar dieses Jahres hat das Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen, den Untersuchungsausschuss „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“ einzusetzen. Die Berliner CDU-Spitze spricht öffentlich sogar vom „Untersuchungsausschuss Lederer“. „Knabes Entlassung ist für mich ein Unding“, sagt der CDU-Politiker Kurt Wansner am Telefon. Er ist gerade bei Parteifreunden in Bayern, als er sagt: „Ich halte Knabe für unverzichtbar, für das, was wir gerade jetzt wieder dringend brauchen: für die DDR-Aufarbeitung.“ Wansner, Westberliner, Jahrgang 1947, sitzt im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Telefonverbindung ist schlecht, aber Wansner ist kaum zu bremsen: Dass gerade ein Senator der Linkspartei an Knabes Absetzung beteiligt gewesen sei, das sei sehr verdächtig. Eine Verschwörung also? Einige Tage später, auf dem roten Teppich im Foyer des Berliner Abgeordnetenhauses, spricht Wansner langsamer, überlegter. Er lispelt leicht, und ihm ist der Berliner Dialekt anzuhö-

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Zu DDR-Zeiten betrieb die Stasi auf dem ehemaligen Industriegelände im Berliner Stadtteil Lichtenberg ihr wichtigstes Untersuchungsgefängnis. Vor allem politische Gefangene waren hier inhaftiert, viele von ihnen wurden gefoltert. 1994 wurde das Gelände in eine Gedenkstätte umgewandelt. Hubertus Knabe leitete diese Gedenkstätte von 2000 bis 2018. Im September 2019 hat nach einer Übergangszeit Helge Heidemeyer die Leitungsposition übernommen.

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Text Teresa Roelcke


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Stiftungsratsmitglied der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Dieter Dombrowski sieht es gerne, wenn die Deutung der DDR-Vergangenheit in seinen Händen liegt.


browski-Krise, die CDU-Krise, alles verren. „Entsetzt“ sei er gewesen von Dieter mengt sich in Wansners Sätzen zu einem Dombrowskis Entscheidung, die Entlaspolitischen Brei. Schließlich sagt er: „Wir sung Knabes mitzutragen. „Gerade er häterleben ja gerade massiv den Versuch, die te eine andere Entscheidung fällen müsDDR-Geschichte umzuschreiben, zum sen!“ In der CDU-Fraktionssitzung nach Beispiel in Thüringen durch Bodo Rameder Entlassung hätten die Abgeordneten low.“ Seiner Meinung nach hätte die CDU „vor Wut geschnaubt“. bei der Ministerpräsidentenwahl gegen Dass Dombrowski nach sorgsamer AbRamelow stimmen müssen. Aber was tat wägung aller Möglichkeiten gute Gründe die CDU? Sie half der Linkspartei dabei, für die Entscheidung gehabt haben könnderen Galionsfigur Ramelow zum Regiete, den Schutz der Gedenkstättenmitarrungschef in Thüringen zu machen. Steckt beiterinnen nämlich, schließt Wansner also im Konflikt um die Entlassung Knabes aus. „Nicht im Ansatz nachvollziehbar“ Berliner CDU-Politiker Kurt Wansner findet ein riesengroßes Problem der CDU – eines sei die Entscheidung. War nicht auch die es verdächtig, dass mit Klaus Lederer ein Linksparteimitglied an der Entlassung Knabes mit sich selbst? CDU-Politikerin Monika Grütters, die beteiligt war. Das Kamerateam des WDR hat Dieter Beauftragte der Bundesregierung für KulDombrowski gebeten, sich mit seinem tur, in die Entscheidung einbezogen? Das schon, aber die Ministerin, sagt Wansner, sei in dieser Angele- Handy auf das Fensterbrett zu setzen. Dombrowski soll nicht genheit viel zu weit weg gewesen. Er raunt etwas von manipu- immer nur frontal zu sehen sein. Bereitwillig lässt sich Dombrowski platzieren und beleuchten, bis ihm schließlich ein Tablierten Akten, hat dafür aber keine Belege. Dieter Dombrowski sitzt in einem Büro der Union der Opfer- let in die Hand gedrückt wird. Er sagt: „Ich mach‘, was Sie wolverbände, die Beine übereinandergeschlagen. Jeden Donners- len! Solange ich nicht aus dem Fenster springen soll.“ Dann fällt ihm etwas aus seiner Familiengeschichte ein. Von tag kommt er hierher. Er sagt: „Ich erwarte von dem Untersuchungsausschuss überhaupt keine verwertbaren Ergebnisse.“ seinen sieben Geschwistern, sagt er, seien sechs in der DDR aus Während er redet, beißt er hin und wieder von der Stulle ab, die politischen Gründen ins Gefängnis gesteckt worden. Eine seiin einer Brotdose liegt. Die Angriffe seiner CDU-Kollegen nach ner Schwestern saß in Haft, weil sie als Botin einen Brief aus der Entlassung Knabes hätten ihn nicht berührt, behauptet dem Gefängnis in den Westen schmuggelte. Jetzt, da DombrowDombrowski. Je mehr Fragen man ihm zu diesem Thema stellt, ski nicht mehr in die Kamera spricht, wird sein Ton flapsiger. „Heute muss man sich schon große Mühe geben, in den Knast desto knapper werden seine Antworten. zu kommen. Da reicht ja nicht mal ein Totschlag aus.“ Während er darauf wartet, dass die Fernsehaufnahmen endPolitischer Brei Die Bürotür wird geöffnet. Dombrowski wird von den Besu- lich fortgesetzt werden, schlängelt sich sein Pressesprecher chern des WDR erwartet. Er soll jetzt vor die Kamera. Zurück durch die leeren Stuhlreihen und kommt zu ihm. Er muss seibleibt die Mitarbeiterin, die eben noch eine Wasserflasche und nen Chef unbedingt sprechen. Dombrowski hat vorhin vor lauein paar Gläser auf den Tisch im Büro gestellt hat. Sie stellt sich fender Kamera erklärt, dass der Streit um den Unrechtsstaat als Dieter Dombrowskis Ehefrau vor, Petra Dombrowski, und DDR so überflüssig sei wie ein Kropf: Ein Staat, in dessen Versagt, sie sei in der Organisation für die Koordination der Mit- fassung „Diktatur des Proletariats“ gestanden habe, sei selbstgliedsverbände zuständig. Ihren Mann nennt sie nicht Dieter, verständlich keine Demokratie gewesen. Der Pressesprecher sondern „den Vorsitzenden“. Sie habe aus der Nähe erlebt, wie hat nachgeschaut und sagt zu seinem Chef: „Das Wort Diktatur hart die politischen Auseinandersetzungen um „den Vorsit- steht natürlich nicht in der Verfassung. Das haben Sie wohl auch zenden“ gewesen seien. Sie lacht ein bisschen ungläubig, als nicht gemeint, oder?“ Dombrowski scheint es gewohnt zu sein, sie sich daran erinnert, dass ihr Mann einer kommunistischen nicht korrigiert zu werden, schon gar nicht, wenn es um komIntrige verdächtigt wurde. Noch immer ist Petra Dombrowski munistische Gewalt geht. Er schaut den Pressesprecher streng erstaunt, wie manche Frauen aus den Opferverbänden reagiert an und sagt: „Doch, Diktatur des Proletariats!“ hätten: Auch sie hätten die Aussagen der belästigten Frauen angezweifelt, hätten mit Transparenten für Knabe demonstriert und behauptet, „das sei alles von der Stasi gesteuert gewesen“. Mit einem breiten Lächeln sitzt der CDU-Politiker Kurt Wansner in einem Sessel im Foyer des Berliner Abgeordnetenhauses. Er reibt sich die Hände mit einem Papiertaschentuch ab, auf das er vorher Desinfektionsmittel geträufelt hat. Teresa Roelcke und Suzanne de Carrasco sind in CDU-Welten eingetaucht. In unbenutzt wirkenden Räumen der ehemaligen Während er redet und irgendwann auch die Überwachung der Stasi-Zentrale haben sie dampfenden Kaffee vorgefunden. Auf dem Linkspartei durch den Verfassungsschutz fordert, wischt er sich Weg aus dem Gebäude hätten sie sich allerdings fast in einem Treppenhaus mit lauter verschlossenen Türen verloren. mit dem Taschentuch immer wieder den Mund und die Nase ab. — Die Regierungskrise in Thüringen, die Knabe-Krise, die Dom- teresalat@gmx.de, suzanne.decarrasco@gmail.com

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Hoffen auf einen Russen Nach der Wende verließen die sowjetischen Soldaten Ostdeutschland. Doch einige Einwohner von Lieberose in Brandenburg sehnen sich wieder nach dem großen Bruder

Text Anna Bayer & Daniel Donath

Foto Birk Alisch


Romeo Buder ist Förster und hat früher mit den Sowjets zusammengearbeitet. Heute findet er, dass in Russland vieles besser läuft.


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Gudrun und Peter Kotzan schauen sich oft Fotos von ihren Reisen an. Nach der Einheit hat das Ehepaar ihren Freund, einen ehemaligen Stabschef der sowjetischen Garnison, in Russland besucht.


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uf einem beigen Sofa aus den 70er-Jahren sitzt Gudrun Kotzan und singt. „Lenin lebt immer, Lenin ist immer mit dir.“ Ihre Stimme ist dünn und bricht weg, wenn die 78-Jährige versucht, die höheren Töne zu treffen. Sie trägt einen altrosa Strickpullunder und eine graue Weste aus Vliesstoff. Auf dem Wohnzimmertisch vor ihr stapeln sich mehrere Ausgaben der Zeitung Neues Deutschland. In der Schrankwand hinter dem Sofa stehen fünf Matrjoschkas, russische Holzpuppen, der Größe nach geordnet. Auf dem Tisch liegt das Pesennik, ein sowjetisches Liederbuch. Doch Gudrun Kotzan braucht es nicht, sie kennt alle Lieder auswendig. „Ich habe manchmal das Bedürfnis, russische Lieder zu singen.“ Ihre Augen leuchten. Das Liederbuch hat sie von einem sowjetischen Soldaten geschenkt bekommen. Wann genau, weiß sie nicht mehr, in ihrer Erinnerung verschwimmen die Ereignisse, jedenfalls die aus DDR-Zeiten, als die sowjetischen Truppen in der Nähe der Kleinstadt Lieberose im Süden Brandenburgs mit scharfer Munition Krieg übten. Der Truppenübungsplatz war einer der größten in Mitteleuropa. Mehr als 40 Jahre lang nahmen zeitweise bis zu 50.000 Soldaten gleichzeitig an den Manövern in den dichten Kiefernwäldern Brandenburgs teil, bis 1992 der letzte Schuss fiel. Fast drei Jahrzehnte später sind die sowjetischen Soldaten schon lange weg, doch etwas ist geblieben. Wen man auch fragt: Die Menschen im Ort haben viel Sympathie für Russland. Sie schwelgen in Erinnerungen an die Zeit, als die Sowjets hier stationiert waren, sie sehnen sich nach einem besseren deutsch-russischen Verhältnis, sie schwärmen von Staatspräsident Wladimir Putin, vor allem von seinem Führungsstil. Wie kann es sein, dass ein Ort, der über Jahrzehnte unter sowjetischer Besatzung stand, diese Zeit so positiv abspeichert? Dort, wo Panzer durch die engen Dorfstraßen fuhren, wo Geschosse über Dächer flogen, wo Soldaten nachts betrunken durch die Straßen zogen. Wie kann es sein, dass Menschen, die seit 30 Jahren in Freiheit und Demokratie leben, sich wieder nach einer harten Hand sehnen? Gudrun Kotzan blättert jetzt in einem dicken Fotoalbum, das ihr Mann Peter mühsam vom Regal geholt hat. „Peter, kannst du dich erinnern? Wie hießen die noch mal?“ Auf dem SchwarzWeiß-Foto sitzen drei Frauen auf derselben Couch, auf der sie gerade von Lenin gesungen hat. „Das waren die Frauen der Offiziere aus der Garnison, die haben uns öfter besucht“, erinnert sich Peter Kotzan. Die Russen seien ihre Freunde gewesen, sagt seine Frau und zeigt auf ein Foto, auf dem sie, die Kotzans, mit zwei russischen Offizieren Schaschlik essen. Peter und Gudrun Kotzan waren beide Lehrer. Er unterrichtete Staatsbürgerkunde in der DDR, sie Russisch. „Die Sprache ist meine Liebe – moja Ljubov.“ Beim Sprechen wechselt sie immer wieder ins Russische. Nur das rollende R hat sie nie gelernt, das bereut sie bis heute. Damals betreute sie den deutsch-sowjetischen Freundschaftsclub in Lieberose und organisierte Treffen zwischen den Soldaten und den Einheimischen. Fünfzehn Mal waren sie in der Sowjetunion. Gudrun Kotzan zieht eine Urkunde hervor, auf der golden Lenins Kopf prangt. Sie liest auf

Russisch vor und übersetzt gleichzeitig: „Für die Erziehung der Schüler im Geiste der Freundschaft unserer beiden Völker zum 30. Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik.“ Sie schweigt ergriffen. Knapp 1500 Einwohner leben in Lieberose, im Süden Brandenburgs. Die Kleinstadt liegt am Rande des Spreewaldes und profitiert nur wenig von den Touristen, die im Sommer auf den Seitenarmen der Spree Kahn fahren. Trotzdem haben die Leute hier Arbeit, bei Agrargenossenschaften, bei einem Heizungsunternehmen, im nahegelegenen Kohlekraftwerk Jänschwalde. Es ist nicht viel los auf den Straßen, nur wenige Einwohner kaufen Gurken, Tomaten und Blumenkohl beim Gemüsehändler, der einsam mit seinem VW-Bus auf dem Marktplatz steht. Das Barockschloss gegenüber wartet auf einen Investor, der es restauriert. An der Hauptstraße zeugen noch einzelne grau-braune Fassaden von der DDR-Vergangenheit, doch viele Häuser haben einen neuen Anstrich bekommen. Seit Ende Mai 2019 hat Lieberose eine neue Bürgermeisterin, Petra Dreißig. Sie sagt, dass Lieberose im Dornröschenschlaf liegt, seit 1994 der letzte Russe die Garnison verlassen hat. Lieberose hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie viele andere ländliche Regionen der Bundesrepublik: Die Einwohnerzahlen gehen zurück, die Jungen ziehen weg, es fehlt an Ärzten, die Busse fahren selten. Wachküssen müsste man das Dorf, sagt sie. Sie hofft auf einen Russen. Dreißig sitzt im Café gegenüber vom Rathaus. Das Markt 6 gehört ihr. Sie trägt eine Jogginghose und orange Hausschuhe. Ihre Fingernägel sind rosa lackiert, ihre Haare blond gefärbt. Sie fällt sofort auf, denn mit ihren 45 Jahren ist sie viel jünger als ihre Gäste. Ein Büro im Rathaus hat

Peter Kotzan war Ende der 50er mit seiner Frau zum ersten Mal in der Sowjetunion. Von jeder Reise brachten sie Matrjoschka-Puppen mit.

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„Putin ist leidenschaftlicher Jäger und wird bald in Lieberose einen Bock erlegen.“

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Petra Dreißig, Bürgermeisterin

sie nicht, für viele Amtshandlungen nutzt sie das Café. Immer wieder kommen Leute herein, die Kuchen und Brötchen kaufen. Jeden begrüßt sie mit Namen, dann folgt immer ein kurzer Plausch. Dreißig hat große Visionen für Lieberose. Eine eigene Rosenart will sie züchten, die den Namen des Dorfes tragen soll. Bei jedem Verkauf einer Rose soll ein Euro an ihre Bürgerstiftung gehen, die sich um Projekte im Dorf kümmert. Außer der Rose hat sie sich noch mehr Merchandise-Artikel ausgedacht, auch eine Kerze mit rotem Schriftzug: „Ein Licht der Liebe geht um die Welt.“ Lieberose soll bekannt werden, der eingängige, ja sanfte Name des Dorfes könnte dabei helfen. Sie will den Namen des Dorfes nutzen – und einen Mythos. Egal, wen man in Lieberose fragt, alle sind sich sicher: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin sei Mitte der 80er-Jahre in der Garnison bei Lieberose stationiert gewesen. Hört man sich in Lieberose um, ist immer wieder die Rede von einem Foto, auf dem Putin im Ort zu sehen sein soll. Nur gesehen hat es keiner. Auch Dreißig ist davon überzeugt, dass Putin hier war. Sie hat dem russischen Präsidenten sogar einen Brief geschrieben und ihn eingeladen, nach Lieberose zu kommen. Einen Fahrradweg will sie nach ihm benennen – „Putin-Radweg“. Und jagen könne man in Lieberose auch sehr gut. Sie zweifelt nicht daran, dass Putin, ein leidenschaftlicher Jäger, bald in Lieberose einen Bock erlegen werde. Der Brief müsse nur bei ihm persönlich landen. „Er kommt sicher gerne zurück in die alte Heimat“, sagt Dreißig. 40 Jahre lang sei der Russe der große Freund und Bruder der Ostdeutschen gewesen. Die Leute vor Ort verstünden die russische Mentalität. „Wir kennen das noch mit dem Gehorsam.“ Solche Worte wie die von Dreißig hört man häufiger in Lieberose. Viele Leute meinen, die russische Mentalität zu kennen. Aber hört man ihnen länger zu, erfährt man mehr über die Psyche vieler Ostdeutscher als über die russische Kultur. Es wirkt so, als benutzten die Menschen Russland als Projektionsfläche für ihre eigenen Wünsche. Eine Welt, in der Entscheidungen von oben herab gefällt und leichter durchgesetzt werden. Dreißig will klare Vorgaben und weniger Bürokratie. Die Parteilose zeigt auf das Rathaus gegenüber, wo auch die Verwaltung sitzt. Ihr geht auf die Nerven, dass sie von den zuständigen Ämtern bei jeglichen Projekten immer nur höre, sie dürfe dieses nicht, sie könne jenes nicht, und überhaupt sei ihre Kasse leer. Alle seien träge, nichts gehe voran. Es brauche jemanden, der Verantwortung übernimmt und Entscheidungen trifft. Putin mache das – und Romeo Buder. 15 Kilometer entfernt von Lieberose hält ein Jeep. Ein Mann steigt aus und geht auf einen verlassenen Bunker zu, der sich un-

auffällig in die karge Landschaft schmiegt. Ringsherum stehen vereinzelt Birken, der Boden ist sandig. Der Mann bückt sich und taucht mit einem länglichen Metallteil wieder auf. Der Splitter einer Granate. Etwas weiter entfernt liegt ein rostiger Ring, der Aufsatz einer RPG7, einer sowjetischen Panzerfaust. Beides Relikte aus der Zeit, als die Sowjets hier mit Panzern auf Zielscheiben schossen, die im Bunker von Soldaten per Seilwinde hin und her bewegt wurden. Auf dem Truppenübungsplatz habe es Tag und Nacht geknallt, sagt Romeo Buder. Die umliegenden Dörfer hatten keine Ruhe. Panzer feuerten hier aufeinander, selbst Hubschrauber hätten Bomben abgeworfen. „Hier war richtig was los“, sagt er. In der Ferne huscht ein Sprung Rehe vorbei. Romeo Buder ist Förster. Er steigt jetzt wieder in seinen Mitsubishi und braust den Waldweg entlang durch sein Revier. Auf dem Rücksitz schauen seine beiden Hunde, zwei Weimeraner, aus dem Fenster. In den letzten Sommern gab es viele Brände im Wald, erzählt Buder während die Kiefern vorüberziehen. Buder glaubt an Vorsatz, aber man habe den Verantwortlichen nie gefasst. „Das Einzige, was da helfen würde: den Kerl so lange zu verprügeln, bis er es zugibt.“

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uder ist Herr über etwa 7.000 Hektar. Das war er vor der Wende schon, als das alles noch Militärforstbetrieb hieß. Seine Aufgabe war es, die Brände zu löschen, die durch die Geschosse der Russen entstanden. Zerstörte Wälder forstete er wieder auf. Buder ist froh, dass im Wald nicht mehr geschossen wird. Trotzdem merkt man ihm die Begeisterung an, wenn er über damals spricht. Er kennt die Namen der Waffen, mit denen hier geschossen wurde, weiß, wo die Soldaten welche Übungen abhielten. Heute führt er oft Schülergruppen sowie Veteranen- und Reservistenvereine über den einstigen Truppenübungsplatz. „Der Russe hat lieber mehrere Hektar Kiefern abgeholzt als nur einen halben Hektar Birke, denn der Baum erinnert ihn an seine Heimat“, sagt er, als er an einem Birkenwäldchen vorbeifährt. Langsam lichtet sich der Wald, bis er sich öffnet und den Blick auf eine riesige Sandfläche freigibt – das Herzstück des Truppenübungsplatzes: die Panzerwüste. Hier haben die Sowjets für den Ernstfall geübt. „Die Rodina, die Heimat, ist für die Russen das Höchste und das Größte, was es gibt.“ Der Jeep pflügt sich über den vom Wind verwehten Weg. „Wen hat der Russe mal angegriffen?“ Russlands Interventionen in der Ukraine oder in Georgien scheint Buder jedenfalls vergessen zu haben. Die Russen, sagt er, hätten sich immer nur verteidigt. Man dürfe sie bloß nicht unterschätzen. „Wenn man dem Russen ans Leder geht, dann ist er sehr hart, er tut alles für die Heimat.“ Buder beschleunigt auf 80 Kilometer pro Stunde und fährt einen aufgeschütteten Sandhügel hinauf. Der Feldherrenhügel. Er steigt aus dem Auto, seine Hunde folgen ihm auf dem Fuß. Er blickt über die Weite. Mit seiner hellbraunen Hose und seinen sandfarbenen Hunden fügt er sich ein in diese Landschaft. Klein-Sibirien, nennen es die Menschen hier. Buder schwärmt


Seh n s uch t FÜrster Romeo Buder in seinem Revier. Noch immer liegen Munitionsreste in den Wäldern um Lieberose.


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Helge Weber, seine Frau und ihr Mops leben seit fünf Jahren wieder am Rand des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Nach dem Mauerfall war die Familie nach Westdeutschland gezogen, um dort zu arbeiten.


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u DDR-Zeiten war Helge Weber vier Jahre lang Bürgermeister von Lieberose. Er wurde abgesetzt, weil er nicht linientreu war. Während seiner Amtszeit hatte er viel mit den Russen zu tun. Er hatte Zutritt zur Garnison. Er sei entsetzt gewesen, als er sah, wie ärmlich die Soldaten in den Kasernen hausten. „Und die Offiziere haben gelebt wie die Fürsten.“ Vieles im Umgang mit den Soldaten fand Helge Weber damals nicht richtig. Er erinnert sich, wie ihm einmal sein Fahrrad geklaut wurde. Danach sei er mit einem Bekannten durch Lieberose gefahren, ein russischer Dolmetscher, der in der Garnison angestellt war. Zufällig hätten sie einen sowjetischen Soldaten mit Webers Fahrrad vorbeifahren sehen. Als der Soldat sich weigerte anzuhalten, habe der Dolmetscher seine Pistole gezogen und den mutmaßlichen Dieb niedergeschossen. Dann sei ein Laster gekommen. „Sie haben ihn aufgeladen wie ein Stück Vieh und haben ihn abtransportiert.“ Wohin, das weiß Weber nicht. Er hat den Soldaten nie wiedergesehen. Weber macht

Die Einwohner von Lieberose haben Petra Dreißig mit großer Mehrheit gewählt. Sie will mit Putin „gemeinsam neue Wege gehen“.

eine Pause. Eine sehr lange Pause. Es nimmt ihn sichtlich noch immer mit. Den russischen Bekannten hat er nicht zur Rede gestellt. „So war das einfach damals“, sagt er. Dass viele Dorfbewohner die Zeit unter den Sowjets, im Gegensatz zu ihm, heute so positiv sehen, ist für Weber keine Überraschung. Sie hätten eben gut mit den Russen handeln können. „Das ganze Dorf ist mit Russenbenzin gefahren, die Russen haben eben alles zu Geld gemacht.“ Dadurch hätten die Deutschen gespart und seien an Waren gekommen, die ansonsten nur schwer zu bekommen waren. Für Helge Weber waren die Soldaten in der Garnison Besatzer, mit denen man sich arrangieren musste. Das Arrangieren fiel anderen leichter, und viele scheinen keinen Grund zu sehen, warum sie es heute in Frage stellen sollten. Bei den Kotzans im Wohnzimmer wird immer noch gesungen. „Druschba – Freundschaft“, stimmt Gudrun Kotzan an. „Gib mir deine Hand, Kamerad“, singt sie auf Russisch. Nach der Wende konnte sie ihr „geliebtes Russisch“, wie sie sagt, nicht mehr unterrichten. Sie musste dann einige Jahre lang Englisch lehren. Wehmut, das ist wohl das Wort, das ihre Gefühle am besten wiedergibt. Die Zeit mit den Russen ist vorbei. „Mir fehlt jetzt etwas, ich hätte gerne noch mehr davon erlebt.“

Anna Bayer und Daniel Donath waren für ihre Recherche fünf Tage in Lieberose und hatten fast nie Handyempfang. So mussten sie zusammen mit Birk Alisch an Haustüren klingeln und sich durchfragen. Am Schluss kannten sie beinahe die ganze Stadt. — annabayer.13@gmail.com, nemruman@yahoo.com, alischbirk@gmail.com

Seh n s uch t

von Russland, dem Original. Mehrmals war er da, zuletzt vor acht Jahren. Er war überrascht, wie modern und produktiv es in Russland zugehe. „Der Russe braucht uns nicht“, sagt er. Viele in Lieberose sehen in Russland einen funktionierenden Staat, in dem die Entscheidungen zwar von oben herab, aber zum Wohle des Volkes getroffen werden. Sie, die im Sozialismus gelebt haben, schätzen die Sicherheit und die Berechenbarkeit, die ein autoritäres System geben kann. Viele Menschen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands denken so, sagt der Historiker Jan C. Behrends, der zum deutsch-sowjetischen Verhältnis forscht. Russland ist für sie noch immer der große Bruder, der im Gegensatz zur DDR weiterhin am Aufbau des Sozialismus arbeitet. Dass die Realität ganz anders aussieht und Russland im Turbokapitalismus lebt, scheinen sie hier, im Süden Brandenburgs, einfach auszublenden. Man muss in Lieberose lange suchen, bis man jemanden findet, der die Zeit unter der sowjetischen Besatzung kritisch sieht. „Natürlich hat mich das damals gestört“, sagt Helge Weber und zeigt auf eine Scheune, die gegenüber von seinem Haus steht. Dahinter schlugen damals Granaten ein. Die Einschusslöcher sind auch dreißig Jahre später noch zu sehen. Auch Hubschrauber seien im Tiefflug über die Dächer geflogen – es herrschte permanenter Kriegszustand. Weber ist Rentner und wohnt in Klein-Moskau, auch das gibt es hier: ein Teil von Lieberose, zu dem nur ein Feldweg führt. Der Ortsteil wird von den Einheimischen so genannt, weil er am Rande des Truppenübungsplatzes lag und Russen hier häufig durch die Straßen zogen. Nicht immer sei das Nebeneinander problemlos abgelaufen, sagt Weber. Er steht im Trainingsanzug am Gartenzaun. Wenn er spricht, sieht man seine Zahnlücke. Es regnet in Strömen, doch es scheint ihm nichts auszumachen. Weber berichtet von zahlreichen Diebstählen. Die Soldaten hätten Hunger gehabt und bei den Einheimischen Rinder, Biber und Gänse gestohlen, auch aus seinem Garten.


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Man nennt ihn nur den Mauerkünstler. Seit der gebürtige Iraner Kani Alavi in Berlin lebt, lässt ihn die alte Grenze nicht mehr los

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eine Hände sind überall mit Farbe befleckt, genauso wie seine schwarze Kleidung: überall grüne, weiße und rote Spuren. Mit roter Pastellkreide wirft er ein paar vage Linien auf eine Pappe, mit der Hand verreibt er sie. Dann sucht er zwischen den Pastellkreidestiften, die er auf dem Malertisch um sich herum ausgebreitet hat, nach einer anderen Farbe. Ein Atelier am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg. Ein denkmalgeschütztes Gebäude, zweiter Stock. Hier arbeitet Kani Alavi an einem neuen Werk. Kani Alavi, mittlerweile 65 Jahre alt, ist der Miterfinder der Berliner Mauer in ihrer jetzigen Form, der Mauer als Kunstgalerie. Er gehört zu den 118 Künst-

MR. EAST SIDE Text Negin Behkam Foto Vera Bode

lern und Künstlerinnen, die Reste der Berliner Mauer bemalten, als sie gerade gefallen war. Daraus entstand die East Side Gallery, die größte Freiluftgalerie der Welt. Alavi kämpfte über viele Jahre erst für die Entstehung, dann für die Erhaltung und Sanierung der East Side Gallery, die heute täglich von mehreren tausend Menschen besucht wird. Irgendwann wurde die Mauer Teil von Alavis künstlerischer Identität. Viele Leute kennen den Namen Kani Alavi nicht, aber wenn man sagt „der Mauerkünstler“, dann wissen sie, dass er gemeint ist. „Dich muss man nach dem Tod in der Mauer begraben, sagen meine Freunde immer“, erzählt Alavi. Wieso ist ihm diese verdammte Mauer überhaupt so wichtig?


In s pira tion Der Künstler Kani Alavi bevorzugt Pastellkreide. Denn damit sind die Übergänge leichter zu erreichen als mit Ölfarbe. Oft beginnt er erst spätabends zu malen. Er ist ein Nachtmensch.


Kani Alavi arbeitet in einem Atelier am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg. Hier sammelt er seine Werke der letzten 40 Jahre.

„Dich muss man nach dem Tod in der Mauer begraben, sagen meine Freunde immer.“

Das Radio spielt Tschaikowski. Von den Wänden ist wenig zu sehen, alles ist mit Gemälden vollgehangen. Die meisten zeigen Berlin: die Mauer, das Brandenburger Tor, die Oberbaumbrücke, Menschenmassen. Alavis Hand huscht über die Pappe, seine Ärmel sind hochgeschoben, er malt zwei rote Blumen nebeneinander. Die Pastellkreide hält er links, mit dem rechten Unterarm stützt er sich auf dem Tisch ab. Kani Alavi malt mit links, aber wenn er schreibt, sagt er, benutzt er die rechte Hand. Dazu hat ihn sein Lehrer in der Grundschule im Iran gezwungen. Aber wenn man ihn genauer fragt, wechselt er das Thema. Inspirierende Betonsegmente 1980 kam Alavi nach Westberlin, da war er 25 Jahre alt. Er erinnert sich noch: Bei dichtem Schneefall konnte das Flugzeug nicht sofort landen. Während es Warteschleifen drehte, studierte Alavi von oben die Berliner Mauer, die damals nicht nur zwei Staaten, sondern zwei Welten voneinander trennte. Natürlich konnte er sich in diesem Moment nicht vorstellen, was für eine gewaltige Rolle diese aneinandergereihten Betonsegmente in seinem Leben spielen würden. Alavi ist in Lahidschan geboren und aufgewachsen, einer Stadt im Nordwesten des Iran. Als junger Maler ist er oft den Berg Sheitan Kuh im Osten der Stadt hinaufgestiegen. Sheitan Kuh heißt Teufelsberg, was rückblickend betrachtet lustig ist, weil ja auch Berlin einen Teufelsberg hat. Alavi also saß auf dem iranischen Teufelsberg und skizzierte die Stadt, die unter ihm


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Mauer als Symbol der Verbundenheit Während Alavi in seinem Berliner Atelier von seinen Anfängen im Iran erzählt, sollte er eigentlich gerade an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea stehen und mit etwa 120 Künstlern und Künstlerinnen aus der gesamten Welt malen. Am 12. März hätte er im Flugzeug nach Südkorea sitzen sollen. Er plante dort den Start eines Mauer-Kunstprojektes – eine Art zweite East Side Gallery. Als ein Symbol der Freiheit, der Verbundenheit. Die ganze Aktion sollte zwei Wochen dauern. Dann kam die weltweite Corona-Pandemie. Wann kann er sein Traumprojekt, an dem er jahrelang gearbeitet hat, endlich verwirklichen? Niemand weiß das. In der Zeit vor dem Mauerfall hatte der Künstler sein Wohnatelier in Westberlin, gleich am Checkpoint Charlie – direkt am ehemaligen Kontrollpunkt, von dem aus CIA und Stasi das Geschehen an der Grenze beobachteten. Heute ist die Gegend rund um den Checkpoint gefragt, ein Magnetpunkt für Touristen, doch in den 80er-Jahren wollte hier kaum jemand wohnen. Alavi studierte an der Universität der Künste freie Malerei und hatte wenig Geld. Damals war die Gegend um den Checkpoint Charlie günstig – also genau das Richtige für ihn. Am Abend des 9. November 1989 kam er von der Uni in sein Wohnatelier zurück. Um Mitternacht wurde im Radio gemeldet, dass die Mauer gefallen war. ‚Das soll ein Witz sein‘, dachte er und schaute aus dem Fenster: Auf der Straße war die Hölle los. Er blickte auf eine Menschenmasse, die sich von Osten in Richtung Westen bewegte. Es geschah im November heißt sein bekanntestes Werk, das

Alavi später in Erinnerung an diese Nacht gemalt hat. Es zeigt die Euphorie, Freude und Angst der Menschen. Dieser Berliner Schicksalstag und die Ereignisse, die folgten, beeindruckten ihn so sehr, dass seine Werke fortan um kaum etwas anderes kreisten. Selbst die Iranische Revolution verblasste hinter dem Eindruck des 9. November. Alavi wird immer noch aufgeregt und euphorisch, er gestikuliert lebhaft, und seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er über den Mauerfall spricht. Er kann gar nicht aufhören zu reden: über die Mauer und über seinen Kampf für den Erhalt der Mauergalerie. In den 90er-Jahren und im Jahr 2013 drohte die East Side Gallery abgerissen zu werden. Das löste im Jahr 2013 heftige Proteste aus. Vier Teile an der East Side Gallery sind trotzdem entfernt worden, der größte Teil ist aber erhalten geblieben. Alavi, ein Künstler aus dem 4.600 Kilometer entfernten Lahidschan, spielte eine große Rolle bei der Rettung der deutschen Erinnerungskultur. „Die Blumen kann ich malen, seitdem die Berliner Mauer gefallen ist.“ Alavi grinst. Um sich inspirieren zu lassen, konnte er wieder in die Natur gehen, in die richtige Natur, nicht nur in einen der Westberliner Parks, sondern weiter raus, nach Brandenburg. Alavi greift ein Stück Stoff und wischt sich die Farbe von den Händen. Seine Blumen sind nun fertig: rote Blütenblätter, schwarze Staubblätter, im Hintergrund ein wenig Gelb.

Es geschah im November heißt sein bekanntestes Werk. Das Bild auf der East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain zeigt Kani Alavis Erinnerungen an die Nacht des Mauerfalls. Es spiegelt die Euphorie, Freude und Angst der Menschen wider.

Negin Behkam kennt Kani Alavi aus einem einfachen Grund: Nicht nur wegen der East Side Gallery, sondern weil sie beide eine Migrationsgeschichte haben und aus dem Iran stammen. Sie und Vera Bode waren mit dem Künstler in seinem Atelier, an der East Side Gallery und vor Alavis ehemaligen Wohnatelier am Checkpoint Charlie. — Negin.Behkam@ gmail.com, bode.vera@web.de

In s pira tion

lag, die Teeplantagen und das Kaspische Meer. Bald hatte er ein Atelier in Lahidschan. Um ein wenig Geld zu verdienen, malte er Familienporträts. Kleine Auftragsarbeiten. Doch etwas fehlte ihm. 1979 erlebte Iran eine Revolution. Die Schah-Zeit war zu Ende, am 1. April 1979 wurde die Islamische Republik Iran ausgerufen. Nach der Revolution sah Alavi keine Perspektive mehr für seine Arbeit. Er brauchte Freiheit, wie seine Kunst. Lahidschan konnte ihn nicht mehr inspirieren.


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Immer wieder sonntags… Die Einwohner des kleinen Dorfs Mödlareuth waren für 23 Jahre durch die Mauer voneinander getrennt. Auch heute gehört der Ort noch zu zwei verschiedenen Bundesländern. Wie lebte und lebt es sich mit dieser Spaltung? Text Cornelius Pape Foto Magdalena Luise Mielke

Steinernes Relikt: Museumsdirektor Robert Lebegern erklärt im ehemaligen Grenzbereich, wie mitten in Mödlareuth der Eiserne Vorhang fiel.


Natürliche Teilung Zur Zeit des Kalten Krieges wäre man mit einem kleinen Sprung über den Tannbach in einem anderen Staat gelandet.

Grenzübergreifendes Lästern Die immer noch klar sichtbaren Grenzanlagen spielen für die Einwohner keine Rolle, sagt Mergner. Schon damals, in der Zeit des Kalten Krieges, habe man einfach damit gelebt. Der Dorfklatsch mit dem Osten habe auch über die Mauer hinweg wunderbar funktioniert. Durch Rentner aus der DDR, die ab und an in den Westen reisen durften, konnte man immer wieder Neuigkeiten austauschen, sagt sie. Grenzübergreifendes Lästern, wenn mal wieder jemand fremdgegangen ist. Von Mergners Haus sind es nur wenige Meter bis zum Deutsch-Deutschen Museum im bayerischen Teil des Ortes. Gegründet im September 1990, gehören heute neben den übrig gebliebenen Grenzanlagen auch eine Ausstellung, ein Archiv und eine Bibliothek dazu. Es gibt in Mödlareuth niemanden, der besser über die Geschichte des Dorfes Bescheid weiß als der Historiker und Museumsleiter Robert Lebegern. Er selbst kommt nicht aus dem Dorf, redet aber gern über sein Mödlareuth, häufig mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

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ier, wo sich ein kleiner Bach geradezu romantisch durch die saisonbedingt karge Landschaft schlängelt, steht es – das steinerne Relikt eines untergegangenen Staates. Die weiß getünchte ehemalige Grenzmauer wirkt mitten auf der grünen Wiese wie eine hässliche, schlecht verheilte Narbe. Sie wirkt deplatziert und monströs, in einem Dorf – das normaler nicht sein könnte: 48 Einwohner, ein Bürgerhaus, ein Gasthof, der wochentags nur nach Anmeldung öffnet. An diesem dunklen und regnerischen Frühlingstag sind die kleinen Straßen leer. Unterbrochen wird die dörfliche Ruhe nur durch einige gackernde Hühner, die in einem Vorgarten wild umherlaufen. Ein Schäferhund liegt stoisch vor einer Garage, trotzt dem Regen und beobachtet die Tristesse. Gelegentlich rauschen Autos an den Häusern vorbei. Eines hält an, in der Dorfmitte vor dem Schlagbaum, der einst die Grenze zwischen Ost und West markierte. Zwei Männer steigen aus. Der eine platziert sich vor der rot-weißen Schranke, macht einen Hampelmann und lässt sich von dem anderen ablichten. Danach fahren sie weiter. Das Gewässer an der Mauer, der Tannbach, fließt durch das Dorf Mödlareuth – und teilt es nicht nur natürlich, sondern auch administrativ. Der eine Teil gehört zu Bayern, der andere zu Thüringen. Beide Dorfteile haben deshalb unterschiedliche Postleitzahlen, Vorwahlnummern, Autokennzeichen – und ihren jeweils eigenen Bürgermeister. Ein Kuriosum, das das Zusammenleben erschwert? Die Dorfbewohnerin Karin Mergner bestreitet das: „Wenn der eine Bürgermeister nicht will, dann gehen wir halt zum anderen“, sagt sie in fränkischem Dialekt und lacht. Die 73-Jährige trägt ihre ergrauten Haare kurz. Sie sitzt an dem hölzernen Esstisch ihres alten Bauernhauses und überblickt schon seit Langem das Dorfleben, auch wenn sie hier nicht aufgewachsen ist. In den 60er-Jahren hat sie einen Mödlareuther Landwirt geheiratet, aus dem Westteil. Seitdem lebt sie hier mit ihrer Familie. Ihr Sohn hat inzwischen seinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb, allerdings auf thüringischer Seite.


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Die Verwaltungsgrenzen entlang des Tannbachs sind schon seit Jahrhunderten belegt, sagt Lebegern. Grenzsteine, die im Jahr 1810 die Zugehörigkeit des westlichen Dorfteils zum Fürstentum Bayern und die des östlichen zum Fürstentum Reuß markierten, meißelten die Teilung in Stein. Zunächst hatte dies jedoch keine großen Auswirkungen auf den Alltag, wie der Museumsdirektor erzählt. Man ging gemeinsam in die Kirche im bayerischen Nachbarort Töpen, das Wirtshaus und die Schule waren hingegen auf thüringischer Seite. Eine Zäsur stellte dann die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten und dem allmählichen Ausbau der Grenzanlagen fiel mitten in Mödlareuth der Eiserne Vorhang. Die Einwohner arrangierten sich mit der neuen Situation, ohne den Zustand als endgültig zu akzeptieren. Im Alltag blieb die Grenze für die Ortskundigen und diejenigen, die Kontakte zu DDR-Grenzpolizisten hatten, zumindest in den 40er- und 50er-Jahren durchlässig: „Es war auch für die thüringischen Mödlareuther möglich, mal illegal durch den Stacheldrahtzaun zu schlüpfen und auf der bayerischen Seite etwas zu besorgen”, sagt Lebegern. Ihm sei auch ein Fall bekannt, bei dem zwei DDR-Grenzpolizisten abends ihre Kleidung wechselten, in Zivil im Westen ins Kino gingen und dann nachts wieder in den Osten

Ehemalige Grenzanlage „Hier war mal Strom drauf“, sagt Lebegern, während er den Stacheldraht anfasst.


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zurückkehrten. Abgesehen von einer geglückten Flucht im Jahr 1973 gab es laut Lebegern dann aber ab den 60er-Jahren keine illegalen Grenzübertritte mehr. Vor allem auch, weil die Mauer, die Mödlareuth den Spitznamen „Klein-Berlin“ bescherte, 1966 fertiggestellt wurde. Der Museumsdirektor geht an dem rekonstruierten Kontrollhäuschen der DDR-Grenzpolizei vorbei und macht an einem Stacheldrahtzaun halt, der dort steht, wo der ehemalige Grenzbereich begann. Lebegern umfasst einen der Drähte mit seiner Hand und sagt: „Da war mal Strom drauf. Allerdings nicht, um Menschen zu verletzen, sondern nur schwacher Strom. Durch Berührungen wurde ein Signal ausgelöst, das die Grenzer registrieren konnten.” Hinter dem Zaun beginnt nach wenigen Schritten der sechs Meter breite Kontrollstreifen, fein geharkt, um Spuren erkennen zu können. Dahinter wiederum befindet sich ein Sperrgraben mit Betonblöcken, der verhindern sollte, dass Fahrzeuge die Grenze durchbrechen. Robert Lebegern versucht, seine Finger in die Lücken eines Zaunes zu schieben, der an den Graben anschließt: „Die Lücken sind zu klein, um sich festhalten und hochklettern zu können”, sagt er.  Vor den Grenzanlagen und dem bedrohlich über dem Dorf thronenden Beobachtungsturm hatte Karin Mergner keine Angst, sagt sie heute. Im Gegenteil: „Man musste nie was absperren, weil man ja wusste, dass man eh die ganze Zeit beobachtet wird.“ Zudem habe man sich von der Grenze auch nicht daran hindern lassen, in den Osten zu fahren. Im Zuge des „kleinen Grenzverkehrs” ab 1973 war es für die Westbevölkerung relativ leicht, mit einem Visum Verwandte und Bekannte in der DDR zu treffen. Nicht in Mödlareuth selbst, da das Dorf in der

Dorfleben zwischen Freiheit und Willkür Die Geschichte des geteilten Dorfes, für sie ist sie offenbar nicht verbunden mit dem, was man erwarten könnte: mit dem Leid geteilter Familien, mit auseinandergerissenen Freundschaften, zerstörten Existenzen. Die Geschichte des geteilten Dorfes – für sie ist sie zum Schmunzeln. Robert Lebegern betont jedoch, dass die Grenzsituation von den Einwohnern natürlich unterschiedlich wahrgenommen wurde – abhängig davon, ob man nun im Osten oder Westen lebte. Die thüringischen Mödlareuther hätten schon deutlich stärker unter den Beschränkungen des Alltagslebens gelitten – und unter der Willkür. Er erzählt, wie im Jahr 1987 ein Einwohner von Ost-Mödlareuth in den Westen reiste, weil seine Tante dort ihren siebzigsten Geburtstag feierte. Ein Jahr später durfte auch seine Frau mit, allerdings mussten die beiden ihre Kinder zurücklassen, sicher war sicher. 1989 durfte er dann wieder nur allein in den Westen – wahrscheinlich, weil seine Frau dabei beobachtet worden war, wie sie zum Jahreswechsel einen aus dem Westen über die Mauer gerufenen Neujahrsgruß freundlich erwiderte. Eine Geschichte, die auf Stasiunterlagen basiert. Karin Mergner, die Bäuerin aus dem Westen, sagt, dass man sich trotz der Einschränkungen nach der Öffnung der Grenze überhaupt nicht fremd gewesen sei. Und der Zusammenhalt im Dorf, den es auch während der deutschen Teilung gegeben habe, sei heute noch zu spüren. Bei Veranstaltungen machten alle mit, die aus dem Osten wie die aus dem Westen. Die Dorfbewohner verstehen sich zunächst einmal alle als Mödlareuther. Darüber hinaus dann entweder als Bayer oder Thüringer. Auf der bayerischen Seite sagt man „Grüß Gott“ und auf der thüringischen Seite „Guten Tag“. Diese Spaltung allerdings wird wohl nie überwunden werden.

Cornelius Pape und Magdalena Luise Mielke haben sich die ehemaligen Grenzanlagen in Mödlareuth angeschaut. Über das Leben im geteilten und wiedervereinigten Dorf sprachen sie mit einer Zeitzeugin und dem Direktor des örtlichen Museums. Sie sind überrascht gewesen, dass grenzübergreifendes Lästern so leicht möglich war. — corneliuspape@gmail.com, info@spiegelverdreht.com

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Sperrzone lag, die sich bis fünf Kilometer ins Landesinnere zog – aber im Hinterland außerhalb der Sperrzone konnte man sich problemlos verabreden. Sie sei immer gern rübergefahren, sagt Mergner und wirkt ein wenig melancholisch. Man habe sich viel zu erzählen gehabt, und man habe viel getrunken, insbesondere mit der Familie Richter aus Ost-Mödlareuth, mit der sie über ihre Schwiegereltern verwandt ist. Getroffen habe man sich vor allem sonntags, sofern es nicht irgendein Problem mit den Tieren gab: „Wir hatten ausgemacht: Wenn wir kommen, hänge ich ein weißes Tuch raus. Wenn nicht, ein rotes. Dann wussten die schon immer Bescheid, was los ist“, sagt Mergner.


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Text Simon Rustler  Foto Isabelle Östlund

Als keiner mehr Autos aus der DDR haben wollte, fing Frank Schwardtmann an sie zu kaufen und zu restaurieren. Heute besitzt er die wahrscheinlich größte Sammlung von Trabant und Co. im Westen Deutschlands

FÜRTRABIS


Nicht nur Trabant... Einen Golf habe ja jeder, sagte sich Frank Schwardtmann und kaufte sich 1991 seinen ersten Trabant. Die DDR-Autos hätten einfach mehr Seele: das Geräusch, der typische 2-TaktMotor, der Geruch.

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In Frank Schwardtmanns Privatmuseum stehen elf Trabis, fünf Autos aus der Eisenacher Fahrzeugschmiede Wartburg, ein alter Mazda, der auch in der DDR fuhr – und drei Barkas, eine Art VWBulli der DDR. Barkas heißt übersetzt Blitz.


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enn Frank Schwardtmann seine Gartenhütte im niedersächsischen Schwanewede aufschließt, blickt er auf eine Welt, die es schon lange nicht mehr gibt. Küche, Tapete, sogar das Klo – fast alles in der Laube stammt aus der ehemaligen DDR. Tief im Nordwesten Deutschlands, nicht weit von Bremen. Und dahinter befindet sich die wahrscheinlich größte private Trabisammlung im Westen Deutschlands. Man könnte meinen, Schwardtmann sei ein ergrauter DDR-Veteran, der nicht wahrhaben will, dass sein Staat untergegangen ist, aber so ist es nicht. Frank Schwardtmann ist erst 48 Jahre alt, wuchs im Westen auf und hat das Regime der DDR nie gutgeheißen. Ihm geht es um die Liebe für Technik und Zeitgeschichte. Autos könnten Zeugen der Vergangenheit sein und lange leben, wenn sie gut gepflegt würden, sagt er. Mit 19 Jahren kaufte Schwardtmann seinen ersten Trabant – zu einer ungewöhnlichen Zeit, denn: Kurz nach der Wiedervereinigung interessierte sich kaum jemand für Autos aus der

DDR. Es war der Start seiner Sammelleidenschaft. „Manche Sachen plant man ja nicht“, sagt er. Neben dem Eingang seiner Werkstatt hängt ein zehn Jahre alter Trabikalender. Noch immer ist der Januar aufgeschlagen. Heute, ein Samstag im März, repariert Schwardtmann einen kleinen DDR-Anhänger. Als er die neuen Reifen auspackt, grinst er glücklich. Auf dem Gummi steht das Wort „Heidenau“. Die Reifenwerke aus DDR-Zeiten gibt es noch heute. Er könnte auch die billigen bei Amazon kaufen, aber dann müsste er auf das Wichtigste verzichten: Heidenau. Es sind die Details, in die sich Schwardtmann verliebt hat. Die Trabileidenschaft steckt an: Seine 17-jährige Tochter Lena findet Gefallen am Hobby vom Vater. Wenn sie ihren Führerschein hat, darf sie auch endlich selbst fahren. Frank Schwardtmann würde gerne nach China aufbrechen. Über den Landweg seien das rund 12.000 Kilometer. Er traut es sich und seinem Trabi zu.


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Auf die Pflege kommt es an Alle Autos, die bei ihm stehen, sind betriebstauglich. Auf Anfrage schließt Schwardtmann für Interessierte sein Privatmuseum hin und wieder auf. Ordnung In einer umgebauten Scheune stehen die DDR-Schätze mit 2-Takt-Motor, feinsäuberlich zwischen den Balken der Scheune geparkt.


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Dachzelt-Trabi In seiner Laube im DDR-Look steht ein Modellfahrzeug als Erinnerung: Mit so einem ähnlichen sind Schwardtmann und seine 17-jährige Tochter Lena eine Rallye quer durch Europa gefahren. 7.500 Kilometer ohne Navi, keine Autobahnen, mit nur 26 PS, auf dem Dach ein Zelt. Während der Talfahrten in den Alpen mussten sie regelmäßig Pause machen, weil die Bremsen zu heiß wurden. Viel Handarbeit In Schwardtmanns Werkstatt arbeiten er und seine Tochter gerade an einem Rahmen eines DDR-Anhängers. Wenn etwas nicht glänzt, dann wird noch einmal poliert. „Wenn wir fahren, wird das eh wieder dreckig.“, sagt Lena. „Darum geht es nicht“, antwortet Schwardtmann.


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Früh übt sich Schon als junger Erwachsener war Schwardtmann von Ostautos fasziniert. Bereits während seines Elektrotechnikstudiums half er anderen Trabi- und Wartburgfahrern, wenn mal etwas kaputt ging. Der ADAC brachte manchmal Autos, die liegen geblieben waren, in seine Hobbywerkstatt. Die Trabi-Lust färbt ab Lena in der Laube ihres Vaters – noch heute hilft die Tochter gelegentlich in der Werkstatt. Sie sagt: „Mit Make-Up konnte ich nie viel anfangen. Und shoppen ist für mich das Langweiligste auf der Welt.“


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Mecker-Ossis, Faulpelze, Nazis – Klischees über Ostdeutsche halten sich auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung hartnäckig. Zwei Frauen aus dem Osten erzählen, was sie aus den Vorurteilen gemacht haben.

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35,3% der Ostdeutschen sehen sich laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) aus dem Jahr 2019 als BürgerInnen zweiter Klasse.

Frau Klein, 1990 waren Sie arbeitslos, heute sind Sie eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen aus Ostdeutschland. Wie kam es dazu? 1990 hatte ich zwei kleine Kinder und war im „Babyjahr“. Im Arbeitsamt saß ein Bayer und sagte: Zwei kleine Kinder? Da können Sie doch zu Hause bleiben! Mit dieser Denke wurde ich damals zum ersten Mal konfrontiert. Also habe ich mir selbst was gesucht. Und dann? Dann fing ich bei einem Frauenprojekt aus Hamburg an, das baute einen Zweig in Dresden auf. Deren Logik war ähnlich: Wenn die Frauen nach zehn Jahren Kinderzeit zurückkommen, machen sie bei uns Weiterbildungen. Da habe ich den Mädels erzählt: Das ist bei uns nicht so. Bei uns kommen die Frauen nach einem Jahr wieder, spätestens. Für den Job bin ich damals nach Hamburg gefahren und habe den ersten „modernen Computer“ meines Lebens gesehen. Das war Liebe auf den ersten Blick. 1994 gründeten Sie mit Ihrem Geschäftspartner eine eigene IT-Firma und wollten auch in Westdeutschland Geschäfte machen. War das als Ostdeutsche besonders schwer? Ende 1992 hatten wir begonnen, sehr erfolgreich ein Bildungsinstitut mit den Schwerpunkten Management

und IT zu betreiben. Und 1994 kam die Saxonia Systems dazu. Das hat uns damals keiner zugetraut. Allein die Ausschreibungen – daran konnten wir nie teilnehmen. Da stand immer: Referenzen. Wo nehmen Sie die her, wenn Sie ganz neu anfangen? Und dann als Frau in der Technik! Aus dem Osten! Das war ja dreifach behindert. Deswegen bin ich am Anfang wirklich überall hingefahren, um persönliche Kontakte aufzubauen. Messen in Dresden, Düsseldorf, Hamburg... Ich glaube, es hängt dabei viel von der Persönlichkeit ab – was man ausstrahlt und wie engagiert man ist. Heute muss ich nur irgendwo anrufen und dann ist das klar. Obwohl Ihr Unternehmen in Dresden sitzt, wohnten Sie lange in Frankfurt am Main und mittlerweile in Berlin. Warum? Dresden ist wunderschön und meine Heimatstadt. Aber in Sachsen sitzen nicht unsere Kunden, die sind deutschlandweit – in den alten Bundesländern – zu Hause. Ein weiteres Problem kam mit der Flüchtlingskrise und der Gründung von Pegida dazu. Ich habe mich auch persönlich in diesem Bereich engagiert und mich gegen diese Gruppierung gestellt. Das haben die mich extrem spüren lassen. Wir haben uns trotzdem engagiert, unter anderem Deutschkurse für Flüchtlinge organisiert und finanziert. Als „Außenministerin“ unseres Unternehmens bin ich Teil von vielen großen Netzwerken, die aber leider nicht in Dresden zu Hause sind. Und Berlin ist eine gute Stadt dafür. Hat es für Ihre Arbeit auch Vorteile gebracht, Ostdeutsche zu sein? In der DDR habe ich natürlich vieles gelernt, das mir heute hilft: mit Mangel umzugehen, sich etwas einfallen zu lassen, zu improvisieren. Für uns Frauen gab es mehr Möglichkeiten, auch mehr Vorbilder. Wir waren nicht jeden Tag unglücklich, das wissen manche heute nicht mehr. Umgekehrt verdrängen andere das Schlechte. Dass wir ständig unter Beobachtung standen, immerzu bespitzelt wurden. Wir müssen das differenziert sehen. Ich glaube, die Aufarbeitung fängt gerade erst richtig an. Viola Klein wurde 1958 in Freiberg geboren und wuchs in Dresden auf. In der DDR leitete sie eine Kita, nach der Wiedervereinigung wurde sie Unternehmerin im IT-Bereich. Mit ihrem Geschäftspartner gründete sie die Saxonia Systems, die sie 28 Jahre lang leitete und am 1. März 2020 verkaufte. — Das Interview führte Lina Verschwele


War dieses Gefühl des Fremdseins schon da, als Sie zum ersten Mal nach Westdeutschland gegangen sind? Das war auf jeden Fall sehr seltsam. Ich bin eine Woche nach dem Mauerfall zum ersten Mal rüber nach Westberlin. Da sah ich diese Menschenmassen auf der Straße vor den Geschäften. Und mittendrin, mit geöffneter Ladeklappe, die Lastwagen der Firmen: Haribo, Jacobs und Sarrotti. Ein Mann hatte sich als Sarotti-Mohr verkleidet und schmiss Schokolade in die Menge. Und die ganzen Ossis schrien: „Hier, hier“. Mir war das total peinlich. An die Szene musste ich später zurückdenken, als im Jahr 2015 die vielen Flüchtlinge kamen und ich anfing, mich zu engagieren. Die Helfer haben ja ihre ganzen Klamotten angekarrt, komplette Keller ausgeräumt und an die Flüchtlinge verteilt. Plötzlich war ich selbst der Sarotti-Mann. Sie meinen, Sie standen plötzlich auf der Seite der Gebenden? Genau, das war ein komisches Gefühl. In der Flüchtlingshilfe wollten wir den Neuankömmlingen ja was Gutes tun und haben erwartet, dass die dankbar sind. Und wenn jemand mal gesagt hat „Nein danke“, dann waren wir ganz schockiert. Ich selbst dachte am Anfang auch so. Dann habe ich mich daran erinnert, dass ich damals keine Schokolade von dem Sarotti-Mann wollte. Obwohl der uns ja wahrscheinlich auch nur was Gutes tun wollte. Sie sind 2001 nach Westdeutschland gezogen, in ein Dorf in der Nähe von Hildesheim. Warum haben Sie sich dort fremd gefühlt? Das war ein totaler Kulturschock! Ich bin wegen der Arbeit meines Mannes rüber, der hat eine Stelle bei einem Technikunternehmen bekommen, wirtschaftlich lief es gut. Aber wir waren die einzigen Ossis im Ort. Die Schwierigkeiten fingen schon mit der Sprache an: Die Hildesheimer bilden sich ja viel

36,5% der Westdeutschen werfen Ostdeutschen vor, sich ständig als Opfer zu sehen. Ähnlich viele der Befragten sagen dasselbe über Muslime. Die Studie des DeZIM-Instituts sieht Parallelen zwischen den Vorurteilen gegen Ostdeutsche und MigrantInnen.

auf ihr perfektes Hochdeutsch ein, und dann kam ich mit meinem icke und ditte. Daran muss ich heute bei den Flüchtlingen manchmal denken – für die ist das natürlich noch schwieriger, wenn sie die Sprache überhaupt nicht sprechen. Und wir hatten ganz stark mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Leute dachten zum Beispiel, dass mein Mann und ich bei der Stasi gewesen wären, weil wir zwei Autos hatten. So ähnlich ist das ja bei den Flüchtlingen auch, die bekommen ständig Vorurteile zu hören: Dass sie faul seien oder alle Terroristen sind. Vor vier Jahren sind Sie zurück nach Ostdeutschland gezogen. Gibt es Menschen dort, die ein Problem damit haben, dass Sie sich für Flüchtlinge engagieren? Klar gibt es die, die gibt’s im Westen und im Osten. Ich habe ein paar Bekannte, die sprechen nicht mehr mit mir, seit ich in der Flüchtlingshilfe bin. Was stört Ihre Bekannten daran, dass Sie sich für Geflüchtete engagieren? Ich glaube, bei ihnen spielt das Gefühl benachteiligt zu werden eine große Rolle. Wir Ossis mussten uns nach der Wende komplett neu anpassen. Dann hatten wir uns endlich arrangiert, und plötzlich kommen viele Flüchtlinge, denen der Staat hilft. Das ärgert manche. Es ist schade, dass sie nicht die Parallelen zwischen unseren Biografien sehen können.

Kerstin Lietz wurde 1969 im sächsischen Wermsdorf geboren, wuchs in Oranienburg auf und arbeitete in der DDR als Friseurin. Im Jahr 2001 zog sie mit ihrem Mann nach Westdeutschland. Heute lebt sie in der Gemeinde Wandlitz in Brandenburg und engagiert sich dort in der Flüchtlingshilfe. — Das Interview führte Lucia Heisterkamp

Stereotype

Frau Lietz, Sie arbeiten als Ehrenamtliche im Flüchtlingsheim in Wandlitz, betreuen dort eine Frau aus Somalia. Sehen Sie Parallelen zwischen sich selbst und dieser Frau? Ja, definitiv. Diese Somalierin kam im Jahr 2015 ganz alleine nach Deutschland. Sie fühlt sich bis heute fremd hier. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe wird sie auf der Straße angestarrt und als Fremde wahrgenommen. Ich selbst bin in der DDR aufgewachsen und zwölf Jahre nach der Wende in den Westen gezogen. Ich kenne das Gefühl, anders zu sein als die Anderen. Mich hat niemand wegen meines Aussehens angestarrt, aber alle wussten, dass ich aus dem Osten kam.

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WO IST MEIN KIND?

Heike Linke will Gewissheit, was mit ihrer Tochter geschehen ist. Sie ist eine der mutmaßlich Betroffenen von Zwangsadoptionen in der DDR, die drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung Aufklärung fordern. Eine Spurensuche

Text Maike Verlaat-Violand

Foto Marcel Eisenreich


Einen Meter breit, zwei Meter lang. Das Rechteck auf dem Zentralfriedhof Merseburg ist ganz unscheinbar. Doch durch die frisch umgegrabene Erde hebt es sich von den anderen Gräbern ab, die mit Tannenzweigen und Blumen geschmückt sind. Dieses Grab hat keinen Stein und keine Nummer. Dabei ist es keineswegs so, dass sich niemand mehr für diese zwei Quadratmeter Deutschland interessiert. Zwei Meter in der Tiefe, unter einer Schicht aus Humus, Mineralien, Luft und Wasser könnte sich, vielleicht, eine Antwort auf die Frage finden, die Heike Linke seit 35 Jahren nicht loslässt: Wo ist mein Kind? Vor ein paar Monaten ließ Linke auf eigene Kosten die Urne einer Frau aus dem Grab nehmen. Ein Angehöriger der Toten hatte dem zugestimmt. Mit Urne wäre die Ruhezeit für das Grab noch nicht abgelaufen – doch ohne darf sie jetzt nach ihrem Säugling suchen. Leer ist das Grab dennoch nicht: Der Sarg eines Mannes liegt noch darin. Und auch ihr Kind? Laut Friedhofsbuch soll Linkes totgeborene Tochter hier bestattet sein. Heike Linke hat Zweifel. In wenigen Wochen, wenn der Frühling erwacht und der Boden nicht mehr gefroren ist, will sie die Ausgrabung veranlassen. Um endlich Gewissheit zu haben. Denn sie kommt von dem Gedanken nicht los, dass ihre Tochter womöglich lebt. Linke wohnt in einer Kleinstadt 25 Kilometer von Magdeburg entfernt. Dort sitzt sie jetzt an ihrem Wohnzimmertisch, umgeben von den Fotos ihrer drei Kinder und ihrer Enkel, die an den Wänden hängen. Linke will von der DDR erzählen, von dem Weg, der sie zu jener umgegrabenen Fläche auf dem Friedhof von Merseburg führte. Linke ist Erzieherin. Ihr Traumberuf, wie sie sagt. „Als Jugendliche habe ich mir schon die Kinderwagen im Dorf geschnappt und bin mit denen spazieren gegangen.“ Linke ist 54 Jahre alt, geboren in Merseburg bei Leipzig, wo sie, wie sie sagt, eine glückliche Kindheit verbrachte. Und das, obwohl ihr Vater, ein Dachdecker, an Lungenkrebs starb, als sie 15 Jahre alt war. Schon als Jugendliche habe sie ein gespaltenes Verhältnis zum DDR-Staat gehabt. Ihr Onkel habe im Gefängnis gesessen – wegen politischer Meinungsäußerung. Sie habe sich damals gefragt, wie ein Mensch wegen einer Meinung ins Gefängnis gesteckt werden könne und das Thema auch in der Schule angesprochen. Deswegen habe sie zum Direktor gemusst. Mit 16 zieht sie von zu Hause aus, um ihre Ausbildung als Erzieherin zu beginnen, erzählt sie weiter. Drei Jahre später nahm sie eine Stelle in einem Kindergarten in der Nähe von Merseburg an. Ihre Personalakte sei schnell dick und dicker geworden. Denn im Kindergarten habe sie sich immer mal wieder Fauxpas erlaubt: das Honeckerbild an der Wand umgedreht, die Spielzeugarmeen versteckt, damit die Kinder nicht damit spielen. Das sei nicht gut angekommen, aber sie habe weiterarbeiten dürfen.

Linke steht auf und holt ihr Handy. Darauf hat sie eines der wenigen Fotos aus dieser Zeit gespeichert. Es zeigt eine hübsche 17-Jährige mit schulterlangem, dunkelblondem Haar, die schüchtern unter ihrem Pony hervorblickt. Samstagabends war Dorfdisko, erzählt Linke, die ihr Haar heute kurz und hellblond trägt. Dort habe sie ihn kennengelernt: einen jungen Mann in ihrem Alter, ein Sportschütze. Nach nur wenigen Treffen mit ihm sei sie schwanger geworden. Aber dann habe er nichts mehr von ihr wissen wollen. Linke sitzt im Auto auf dem Weg nach Leipzig. Sie will den Ort zeigen, wo alles seinen Ausgangspunkt hatte. Als sie sich dem ehemaligen Standort der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) nähert, sagt sie: „Mein Herz pocht so, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich war seitdem nie wieder da.“ Verhängnisvolle Begegnungen Mit ‚seitdem‘ meint sie den Winter 1984. Linke erzählt, wie sie, im vierten Monat schwanger, nach Leipzig zu einem Internat der DHfK gefahren sei. Welches genau es war, weiß sie heute nicht mehr. Woran sie sich erinnert: Es war kalt und dunkel, als sie ankam. Sie habe dann den jungen Sportschützen zur Rede stellen und Unterhalt für das Kind einfordern wollen. Nachdem sie dem Pförtner gesagt hatte, warum sie da sei, habe dieser sie in eine der Baracken geführt und sie warten lassen. Daraufhin sei ein älterer Mann mit schwarzen Haaren erschienen. Er habe ihren Ausweis genommen und sei nach einer halben Stunde wiedergekommen mit den Worten: „Wir kümmern uns um alles.“ „Diesen Satz werde ich nie wieder vergessen“, sagt Linke. Als sie die Baracke verließ, habe da plötzlich der Vater ihres ungeborenen Kindes gestanden. Was sie sich denn einbilde, hierher zu kommen, und ob sie seine Karriere zerstören wolle, habe er sie gefragt. Danach habe sie ihn nie wiedergesehen. Und dann sagt Linke noch etwas, das einem erst einmal unglaublich vorkommt: Der Name des Sportschützen, der sei irgendwann aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Teil der Traumabewältigung, so erkläre sich das ihre Therapeutin. Aber es gibt noch zwei weitere Sätze, die Linke nicht vergessen hat: „Ihr Kind hat einen Wasserkopf.“ Und: „Das sieht man

Heike Linke kommt von dem Gedanken nicht los, dass ihr der Tod ihres Säuglings 1985 nur vorgetäuscht wurde.

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In diesem Ordner befindet sich Linkes gesamte Recherche. Bei den Kindsherztönen in der Krankenakte wurden damals Fragezeichen eingetragen.

erst ab der 22. Woche.“ Ausgesprochen habe das der Arzt, der bei ihr im Krankenhaus in Merseburg die Ultraschalluntersuchungen durchführte. Da sei Linke bereits in der 25. Schwangerschaftswoche gewesen. In der 33. Woche sei sie dann nach Halle ins St. Barbara-Krankenhaus überwiesen worden, wo die Geburt eingeleitet werden sollte. Statt weniger Tage, wie für eine Geburtseinleitung üblich, habe Linke dann aber drei Wochen dort verbracht. Ihre Erinnerungen an diese drei Wochen sind bruchstückhaft. „Ich habe nur geschlafen“, sagt Linke. Man habe ihr wohl viele Medikamente gegeben. Ein junger Arzt habe ihr dann in der 36. Woche gesagt, dass das Kind in ihrem Bauch tot sei. Sie müsse nun nach Merseburg zurück, denn dies sei ein christliches Krankenhaus. Totgeburten bekomme man hier nicht. So erzählt sie es heute. Dem Krankenhaus in Halle ist zum jetzigen Zeitpunkt keine Regelung bekannt, dass Frauen in der DDR wegen bevorstehender Totgeburten an andere, nicht-christliche Häuser überwiesen worden wären. Man habe lediglich keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Tritte im Bauch Damals, in der Klinik in Halle, kann Linke nicht glauben, dass ihr Kind tot ist. Sie habe die Tritte im Bauch gespürt – auch nachdem der Arzt das Kind für tot erklärt hatte. Linke hält jetzt vor dem Carl-von-Basedow-Klinikum in Merseburg, knapp 30 Kilometer von Leipzig entfernt. Säulenkrankenhaus wird es auch genannt wegen der vier massiven Pfeiler am Eingang. „Der Ort jagt mir keine Angst mehr ein“, sagt Linke. „Den Teil habe ich aufgearbeitet.“ Sie steigt aus dem Auto aus, geht an den Säulen vorbei durch die Eingangstür und verweilt

einen Moment im Flur. Dreizehn mit orangefarbenem Linoleum bedeckte Stufen geht es drinnen noch einmal hoch bis ins Foyer. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich auf der Treppe mit dem Krankentransportfahrer, der meine Tasche tragen wollte, gestritten habe“, sagt sie. Sie sei gereizt gewesen wegen der kaltherzigen und kurz angebundenen Aussagen der Ärzte. Der Fahrer habe sie beruhigen wollen. Linke ist sich sicher, dass sie am 23. Mai 1985, einen Tag vor der Entbindung, nach Merseburg gebracht wurde. Aber in ihrer Krankenakte heißt es, sie sei schon zwei Tage früher eingeliefert worden. Es ist eine von vielen Unstimmigkeiten, die Linke misstrauisch machen. Linke sagt: Bei ihrer Ankunft in Merseburg habe sie einen Blasensprung gehabt. Am nächsten Morgen habe man sie in den Kreißsaal gebracht. Ihr Kind sei unter Vollnarkose auf natürlichem Weg geholt worden – trotz des angeblichen Wasserkopfs, trotz der Beckenendlage, von der die Rede gewesen sei. Als sie wieder wach wurde, sei nur eine Krankenschwester bei ihr gewesen. Sie habe ihr gesagt, das Kind sei wie erwartet tot gewesen. Linke habe es sehen wollen, aber die Schwester habe es nicht erlaubt. Als Linke weiter fragt, habe die Schwester ihr geraten, jetzt still zu sein. Wieder draußen, vor dem Krankenhaus, zeigt Linke auf ein Dachfenster. Dort sei sie nach der Geburt in ein Einzelzimmer gebracht worden. Sie erinnert sich, dass sie aus diesem Fenster auf die Straßenbahn geblickt habe. Nach drei Tagen, am 27. Mai 1985, wurde sie entlassen. So steht es auch in der Krankenakte. Ein paar Wochen später habe sie eine Postkarte vom Bestattungsinstitut in Merseburg erhalten, erzählt sie heute. Sie könne die Sterbeurkunde für ihr Kind vom Bestatter abholen. Linke


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Das Leben geht weiter Linke wird noch einmal Mutter – und hat viel zu tun. Jahrzehntelang verdrängt sie ihre Zweifel. Erst 2005, da sind ihre zwei Kinder bereits groß, fängt sie an zu recherchieren. Sie bittet ihre Frauenärztin, den Pathologiebericht des toten Säuglings anzufordern. Die Ärztin, sagt Linke, habe ihr den Bericht vorgelesen, es sei alles in Ordnung. Erst später wird sich herausstellen, so erzählt es Linke, dass es nicht das richtige Dokument war. Wieder sind andere Dinge wichtiger. Linke heiratet ihren zweiten Mann, bekommt ein weiteres Kind. „2016 habe ich mir dann gesagt: Jetzt oder nie“, sagt Linke. Im Internet habe sie recherchiert, wie man am besten Akten anfordert. So sei sie auf die Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR gestoßen, die ihr geholfen habe, so viele Unterlagen wie möglich zu sammeln. Vier Jahre lang hat Heike Linke Unterlagen zusammengetragen, jedes Blatt in Klarsichtfolie gehüllt und es in einem dicken Ordner abgeheftet. Blättert man sich durch den Ordner, stößt man auf viele Ungereimtheiten. In der Zusammenfassung von Linkes Krankenakte steht, Linke sei am 21.05.1985 wegen eines „Infans mortuus“, wegen eines toten Fötus, zur Geburtseinleitung stationär aufgenommen worden. Sonografisch sei

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fand das seltsam: Stellt nicht das Standesamt Sterbeurkunden aus? Sie sei zum Bestattungsinstitut gefahren und habe gefragt, wo der Säugling begraben wurde. Ihr sei gesagt worden, das habe sie nicht zu interessieren. Auf dem Weg zurück habe sie nur geweint. Die nächsten Tage sei sie oft auf einem Friedhof in Merseburg gewesen, um zu schauen, ob es frische Gräber gibt. Erst 32 Jahre später erfährt Linke, dass sie auf dem falschen Friedhof geschaut hat. Der Zentralfriedhof Merseburg ist es, der ihr auf ihre Anfrage bei der zentralen Friedhofsverwaltung der Stadt einen Auszug aus dem Friedhofsbuch schickt. In dem Dokument steht, dass ihr Kind dort begraben liegt. Ihr Haus in der Nähe von Magdeburg. Am Wohnzimmertisch vergräbt Linke für einen Moment den Kopf in die Hände. Nach dem unangenehmen Besuch beim Bestattungsinstitut 1985 habe sie die Sache tatsächlich ruhen lassen. „Ich habe mir gedacht, entweder du zerbrichst daran, oder du hörst jetzt auf “, sagt Linke. Und eine konkrete Vermutung, was bei der Geburt geschehen war, habe sie zu dem Zeitpunkt ja auch gar nicht gehabt, nur so ein unbestimmtes Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Kurze Zeit nach der angeblichen Totgeburt lernte sie ihren ersten Ehemann kennen. Nur ein Jahr später brachte sie einen Jungen zur Welt – im selben Krankenhaus, weil es für ihren Bezirk zuständig war. „Ich habe nach der Geburt zu der Schwester gesagt: Tragen Sie das Kind nicht raus. Ich möchte es schreien hören.“

„Ich habe nach der Geburt zu der Schwester gesagt: Tragen Sie das Kind nicht raus. Ich möchte es schreien hören.“

Linke erzählt, wie sie über die Jahre so viele Unterlagen wie möglich gesammelt hat. Heute hilft sie auch anderen dabei.

schon vor der Aufnahme ein „Hydrocephalus internus“ festgestellt worden, ein Wasserkopf. Im selben Dokument ist der Kopfumfang allerdings mit 35 cm angegeben – ein sehr durchschnittlicher Wert. Noch etwas. Die Dokumentation der Behandlungsschritte hört am 24.05.85 um 10 Uhr auf. Keine weiteren Dokumentationsschritte bis zur Geburt um 10:45 Uhr. Für Linke ist das verdächtig. Pathologiebericht und Todesschein fehlen in der Akte. Das, was ihr 2005 ihre Frauenärztin vorgelesen hat, sei nicht der Pathologiebericht, sondern die Zusammenfassung der Krankenakte gewesen, sagt Linke. Eine weitere Akte zu den drei Wochen, die sie nach eigener Aussage vor der Entbindung in Halle ver-


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Oben: Ein Foto von ihr als 17-Jährige. Zwei Jahre später wird sie das erste Mal schwanger. Unten: Auf dem Zentralfriedhof in Merseburg kommen die Gefühle der jahrzehntelangen Ungewissheit wieder hoch.


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Von Akten und Auffälligkeiten Aber Linkes Recherche hört nicht bei der Krankenakte auf. Auf dem Bestattungsschein steht, dass er am 31.05. ausgestellt wurde. Oben links steht der Vermerk „z. FR.“ Zur Freigabe soll das bedeuten – so habe das Standesamt Merseburg es Linke erklärt: Ein Tod müsse mit einer Sterbeurkunde und einem Eintrag im Sterberegister beurkundet werden, bevor der Bestattungsschein ausgefüllt werden darf. Aber das ist im Fall von Linkes Kind nicht geschehen: Sterbeurkunde und Überführung des Säuglings zum Friedhof sind erst Anfang Juni vermerkt. Und da ist noch mehr: Im Bericht der zentralen Kommission zur Senkung der Säuglings- und Kindersterblichkeit, die in der DDR dem Ministerium für Gesundheitswesen unterstellt war, steht, das Kind habe sich in Schädellage befunden – während in der Krankenakte von einer Beckenendlage die Rede ist. All diese Unstimmigkeiten sind keine Beweise. Aber seitdem Linke die Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR gefunden hat, weiß sie, dass sie mit ihren Zweifeln nicht alleine ist. Der Verein hat mehr als 2.500 Mitglieder. Davon glauben etwa 300, dass sich in ihrer Familie ein vorgetäuschter Säuglingsoder Kindstod abgespielt hat. Oft sind nach Aussagen der Betroffenen Angaben in den Unterlagen ungenau, oder wichtige Dokumente fehlen. Linke ist mittlerweile Vizevorsitzende der Interessengemeinschaft. Ihre Vermutung: Möglicherweise haben einige Kinder eine neue Identität bekommen und sind gleich aus dem Krankenhaus heraus adoptiert und abgeholt worden. Auch der Vorstandsvorsitzende der Interessengemeinschaft, Andreas Laake, spricht von „Gefälligkeitskindern“, die rechtswidrig vermittelt worden seien. Möglicherweise direkt an Stasi-Offiziere, die die Kinder nach den Vorstellungen der DDR erziehen sollten. Menschen, die glauben, als Kind adoptiert worden zu sein, obwohl man ihnen sagte, sie seien bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen, wenden sich unter anderem an die Interessengemeinschaft. Manche wissen auch um ihre Adoption, nicht aber, wer ihre leiblichen

Eltern sind. Einige von ihnen seien tatsächlich in Familien von Stasi-Mitarbeitern aufgewachsen, sagt Linke. Zwangsadoptionen in der DDR sind bislang nur wenig erforscht. Die Aufarbeitung ist aus Datenschutzgründen schwierig. Zuständig dafür sind die Landesbeauftragten der fünf ostdeutschen Bundesländer und Berlin. Die Konferenz der Landesbeauftragten hat mitgeteilt, dass es zwar belegte Einzelfälle gebe, aber „noch keine wissenschaftlich seriösen Belege für systematische, flächendeckende und in hoher Zahl vorgenommene Zwangsadoptionen in der DDR“. Fälle von vorgetäuschtem Säuglingstod – wie es Heike Linke in ihrem Fall für möglich hält – sind bisher nicht ausreichend belegt. Doch die Interessengemeinschaft hat inzwischen einiges erreicht. Nachdem ihre Mitglieder eine Petition beim Bundestag eingereicht haben, soll noch in diesem Jahr eine zentrale Vermittlungsstelle eingerichtet werden, an die sich Eltern und Kinder, die mutmaßlich betroffen sind, wenden können. Auch soll es für beide Seiten eine DNA-Datenbank geben, wo sie sich auf freiwilliger Basis registrieren lassen können. Eine Studie zu politisch motivierten Zwangsadoptionen ist in Arbeit. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung scheint etwas ins Rollen zu kommen. Linke war inzwischen oft bei dem Grab, in dem ihr Kind liegen soll. Aber nun ist es das erste Mal seit der Urnenentnahme, dass sie hier auf dem Zentralfriedhof Merseburg ist. Sollten bei der anstehenden Ausgrabung Knochenreste eines Säuglings gefunden werden, dann wird sie diese zusammen mit ihrer DNA an ein Labor senden und auswerten lassen. Sollte sich bestätigen, dass ihre Tochter tot ist, dann will sie sich ein Stück Tuch, in das der Säugling vermutlich eingewickelt wurde, aus dem Grab mitnehmen. Die Friedhofsverwaltung habe ihr das gestattet. Sie will sich im Garten eine Stelle einrichten, damit sie sich dort verabschieden kann. Auch wenn sie nicht daran glaube: „Ich wünsche mir, sie liegt drin“, sagt Linke. Denn dann könne sie endlich damit abschließen. Noch ein paar Schritte, dann ist Linke an dem frisch umgegrabenen Grab angekommen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so nahe geht“, sagt sie. „Die wissen nicht, was sie uns angetan haben damals.“

Maike Verlaat-Violand und Marcel Eisenreich hatten Glück: Ihre Protagonistin Heike Linke war so freundlich, die beiden mit dem Auto überall hinzufahren – zu ihr nach Hause, nach Merseburg, nach Leipzig – und zwischendurch zu McDonalds, als die beiden vor Erschöpfung Pommes brauchten. — maike.verlaat@web.de, marcel.eisenreich@icloud.com

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bracht hat, gibt es nicht. Linke blättert weiter zu einer Seite, auf der die Abkürzung „KHT“ für Kindsherztöne steht, daneben sind Fragezeichen eingetragen. „Wenn das Kind doch tot ist, dann hätte da ‚keine Herztöne‘ stehen müssen“, sagt Linke. Diese Ungereimtheiten sind es, die Linke hoffen lassen, dass ihr Kind noch lebt. Auch der Arzt, der von 2002 bis 2019 Chef der Geburtenstation in Merseburg war, habe sich das nicht erklären können, als sie ihn vor einem Jahr damit konfrontiert habe, sagt sie. Er habe ihr dann geraten, mit der Akte zum Staatsanwalt zu gehen. Inzwischen ist der Arzt im Ruhestand. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen.

„Wenn das Kind doch tot ist, dann hätte da ‚keine Herztöne‘ stehen müssen.“


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HAUPTSACHE RAUS! Vom Todesstreifen zur Lebenslinie – für Mario Goldstein ist die ehemalige innerdeutsche Grenze, das Grüne Band, beides. Einst versuchte er die Flucht über die Tschechoslowakei, heute findet er beim Wandern zu sich selbst

Text Simon Rustler Foto Isabelle Östlund


Grenzer fa h r un g

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Mario Goldstein mit Hut, Stock und grünem Regenumhang – seinem Wanderoutfit. Gemeinsam mit Hündin Sunny ist er das gesamte Grüne Band abgelaufen. Zu Fuß. Ohne Hotels. Bei jedem Wetter.


Thüringen Sachsen

Plauen

Oelsnitz Hof Karlovy Vary

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Wanderweg Grünes Band entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

D

Bayern

Durch Deutschland zieht sich eine Linie, deren Bedeutung auf den ersten Blick kaum jemand wahrnimmt. 1.393 Kilometer ist sie lang. Sie führt durch entlegene Wälder, an Feldern und kleinen Straßen vorbei. Es ist nicht einfach, diese Linie überhaupt zu entdecken. Zu DDR-Zeiten standen hier Selbstschussanlagen, Wachtürme und Stacheldrahtzäune. Heute ist nur eines zu sehen: der alte Kolonnenweg. Neben die Betonplatten, die in den Boden eingelassen wurden, damit die Grenzsoldaten hier besser fahren konnten, wird schon lange kein Unkrautvernichter mehr gesprüht. Seit 30 Jahren wird die Natur weitestgehend sich selbst überlassen. Wo früher die innerdeutsche Grenze war, ist heute das Grüne Band Deutschlands. Halb Wanderweg, halb Naturschutzgebiet. In der Nähe seines südlichsten Punktes, des Dreiländerecks Bayern-Sachsen-Tschechien, lebt der 50-jährige Mario Goldstein, der eine schicksalhafte Verbindung zur ehemaligen innerdeutschen Grenze hat. Er ist von Beruf eine Mischung aus Abenteurer und Eventmanager und hat sich im Vogtland, in Plauen, niedergelassen. Dort wohnt er nur mit Sunny, seiner Schweizer Schäferhündin. Das Wort niederlassen passt nicht wirklich zu seinem Leben, denn er wollte immer reisen, auch als er noch Bürger der DDR war. Er lebte in einem Land, das seinen Bewohnern den Weg nach Westen versperrte, und so wuchs in ihm der Wunsch, frei zu sein und die Welt zu erkunden. Nach der Wende befuhr er auf einem Floß den Yukon River von Kanada bis in die Bering-See in Alaska, er fuhr mit einem als Reisemobil umgebauten Wasserwerfer bis zum Dalai Lama in Indien und wanderte in etwa 100 Tagen das gesamte Grüne Band entlang. Mit seinem Rucksack, einem Zelt und Hündin Sunny. Die Reise führte ihn in seine eigene Vergangenheit.

Ts c h e c h i e n

Wer Mario Goldstein treffen möchte, kommt zu ihm in sein Büro ins sächsische Plauen. Holzvertäfelung im Eingangsbereich, ein goldenes Klingelschild – wer darauf drückt, wird durch Hundegebell auf Sunnys Hoheitsgebiet hingewiesen. Von hier aus organisiert Goldstein Veranstaltungen übers Reisen und verkauft seine Bücher. Vorträge, Slideshows, Seminare. So erfolgreich, dass er mittlerweile sogar Angestellte hat. Im Vorraum des Büros stehen zwei Sofas, auf dem Tisch sind noch Reste von Räucherstäbchen zu erkennen. An einer Seite des Raums hängt ein wandfüllendes orientalisches Tuch, auf dem ein roter Baum mit vielen Verzierungen zu sehen ist, an der anderen Wand ein schlichtes Bild: ein einsames Boot auf spiegelglatter See. Mario Goldstein hat sich sein Fernweh nach drinnen geholt. Die Geschichte beginnt im August 1988. Mario Goldstein ist 18 Jahre alt – endlich alt genug, um einen Ausreiseantrag bei der Abteilung für innere Angelegenheiten in der sächsischen Stadt Oelsnitz, seinem damaligen Wohnort, zu stellen. Er hat bereits einen kurzen Gefängnisaufenthalt hinter sich, weil er im Alter von 15 Jahren Fluchtgedanken äußerte. Jetzt plagt ihn das Fernweh noch stärker. Er will die Welt sehen. Für seine Lehrer ist das ein Schock: Nach abgeschlossener Maurerlehre soll er Bautechnik studieren. Doch das bedeutet den Eintritt in die SED und drei Jahre Armeedienst. Für ihn undenkbar. Flucht ins Ungewisse Der Ausreiseantrag jedoch wird erst hinausgezögert, im Rathaus von Oelsnitz erhält er dann die Ablehnung, ohne Begründung. Danach fasst Goldstein einen Plan: Er wird versuchen zu fliehen. Das Ziel sei nicht vorrangig die Einreise in die Bundesrepublik gewesen, sagt er heute, sondern die Ausreise aus der DDR. Hauptsache raus, egal wohin. Seine Mutter weiht er ein – sie unterstützt ihn, auch mit der Angst, ihr Kind nie wiederzusehen. Gemeinsam mit einem Freund reist Goldstein in die Tschechoslowakei, nah an die Grenze, auf der anderen Seite beginnt der Westen. Österreich. In der tschechoslowakischen Stadt


Grenzer Th ema fa h r un g Keine Zäune, kein Stacheldraht, sondern nur Natur: Der Wald um den Kolonnenweg existierte zur Zeit des Eisernen Vorhangs nicht. Heute kann er sich ungestÜrt entfalten.


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Die Betonplatten markieren das Grüne Band besser als es Wanderschilder könnten. In der Nähe des Tannbachs (Mödlareuth) steht noch ein Stück Metallzaun.

DDR

Die Flucht mit dem Motorrad: Goldstein fuhr über Brünn nach Břeclav (dt.: Lundenburg) an die Grenze zu Österreich. Hier gab es kein kilometerlanges Sperrgebiet – die Flüchtenden konnten bis an den Zaun heran, ohne entdeckt zu werden.

Dresden

Oelsnitz ca .5

Eiserner Vorhang

Prag

00

km

Ts c h e c h o s l o w a k e i BRD Břeclav Passau Wien Eine ETZ 250 der Marke MZ in schwarz: Mit einem ähnlichen Motorrad trat Mario Goldstein seine Flucht an. Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h.


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Da kommst du automatisch zu dir selbst An einem Tag im Juli 2016 stellt sich Mario Goldstein einem Experiment: Er will an dieser verhassten Grenze entlang laufen. Wie wirkt sie heute auf ihn? In Thüringen startet er seinen Fußmarsch Richtung Norden. Er sagt heute: „Am Grünen Band sind verhältnismäßig wenig Leute. Das war so eine Pilgerreise zu mir selber, die so nicht beabsichtigt war, aber es hat sich so entwickelt, weil ich alleine gelaufen bin.“ Den wichtigsten Ort seiner Flucht, die Stelle, an der er damals von der DDR in die Tschechoslowakei lief, hat er nicht wiedergefunden. Zu viel hat sich inzwischen verändert. Durch seine Wanderung ist Goldstein aber Botschafter des Grünen Bandes geworden, er wirbt dafür. Naturschutzverbände laden ihn ein, um vom Band zu berichten. Er hält sogenannte Multivisionshows, in denen er Interviews, Fotos und Videos von seiner Reise zeigt. Das Grüne Band sei wie eine Autobahn für die Natur. Luchse und Wölfe sollen dort gerne entlang laufen, um schnell voranzukommen. Goldstein glaubt, dort auch mal den Kot eines Wolfes entdeckt zu haben – „Scheißehaufen“, wie er grinsend sagt. Im März dieses Jahres ist er schon wieder unterwegs auf dem Grünen Band im Vogtland. Man hört Mario Goldstein schon von weitem. Es macht immer wieder klack. Das ist der Klang seines Wanderstocks auf dem ehemaligen Kolonnenweg. Die metallene Spitze des Stocks ist inzwischen abgestoßen, der Stock hat 1.393 Kilometer hinter sich. Er war vom ersten Kilometer an da-

Fürs Wandern hat Mario Goldstein eine Auszeit vom Job genommen: Eigentlich organisiert er in Plauen unter dem Namen „Freiträumer“ Veranstaltungen übers Reisen.

bei und wird ihn immer an die Reise erinnern. Neben ihm läuft die Hündin Sunny. Ihre Leine hat Goldstein um seinen Oberköper gelegt, so hat er die Hände frei. Regen peitscht ihm ins Gesicht. Sein Umhang und sein Hut schützen ihn vor dem Wetter. Plötzlich bleibt er stehen und schweigt. Er schaut nach oben, in die Kronen der Bäume. Sie verdunkeln den Himmel. Dichtes Moos überzieht den Boden. Der Regen hat aufgehört. Nur ein paar Vögel sind zu hören und das Rauschen des Tannbachs, der einst die DDR-Grenze markierte. „Wenn du das den ganzen Tag um dich hast, dann kommst du automatisch zu dir selbst“, sagt Goldstein. Er hat nur einen kleinen Abschnitt des Grünen Bandes hinter sich, um dem Reporter einen Eindruck davon zu vermitteln, aber schon jetzt wächst wieder seine Sehnsucht, sich auszuprobieren. Er würde gern das ganze Band noch einmal laufen, die ganze Länge von Norden nach Süden, weil es so schön sei, so einmalig. Er spricht darüber wie über einen geliebten Menschen.

Um sich dem Grünen Band zu nähern, zoomte Simon Rustler zuerst in eine Google-Maps-Karte. Dort sind die charakteristischen zwei Betonstreifen des Kolonnenwegs gut zu sehen. Er und die Fotografin Isabelle Östlund sind darauf aber nicht mit dem Auto gefahren – hier soll ja Natur geschützt werden. — s.rustler@me.com, isabelle.ostlund@live.com

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Břeclav, keine fünf Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt, zelten die beiden auf einem Campingplatz, ziehen sich schwarze Kleidung an und warten auf die Nacht. So erzählt es jedenfalls Mario Goldstein. Die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich eignet sich besser für eine Flucht als die innerdeutsche Grenze. Hier gibt es kein kilometerweites Sperrgebiet, das nur mit Sondererlaubnis betreten werden darf. Hier können die beiden Jungs bis zum Zaun laufen. Mit einem Seitenschneider durchtrennt er den Stacheldraht. Sofort schalten sich Flutlichter an, der Alarm ist ausgelöst und tschechoslowakische Grenzsoldaten machen sich auf den Weg. Goldstein, so schildert er das, rennt mit seinem Freund über den Schutzstreifen, sie hören ihre Verfolger und das Bellen der Hunde. Sie schaffen es bis zu einem weiteren Wall aus Stacheldraht, dem allerletzten Zaun vor Österreich. Dort verheddern sie sich und werden von den Verfolgern gestellt. Die Flucht ist missglückt. Als Gefangener wird Goldstein in die DDR zurückgeführt – mit einem Flugzeug. Es ist seine erste Flugreise, eine mit Fensterplatz. In Handschellen habe er dort gesessen, sagt er heute, neben ihm ein Mann von der Staatssicherheit. Er kommt ins Gefängnis nach Chemnitz. Verurteilt zu zwanzig Monaten Haft, von denen er nur sechs Monate absitzen wird. Er erlebt noch den Jahreswechsel zum Schicksalsjahr 1989 hinter Gittern, um dann unvermittelt, am 27. Februar, die wichtigste Urkunde seines Lebens zu erhalten: seine Entlassung in die Bundesrepublik. In Gießen in Hessen wird ihm offiziell erklärt, was passiert ist: Er wurde von der Bundesregierung freigekauft, für 16.000 Mark. Er ist frei und erlebt den Fall der Mauer von der anderen Seite.


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HINTER DER HOLZTÜR Mit der Wende kamen rund 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Sie haben die Gemeinden belebt – auch die in Halle. Nach dem Anschlag stellt sich die Frage: Muss sich jüdisches Leben zurückziehen? Text Lina Verschwele Foto Quirin Staufer

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s ist still, als Max Privorozki die Synagoge aufschließt. Der große Mann nimmt seinen Mantel ab und setzt sich auf den Stuhl neben der Tür, direkt vor den Bildschirm. Er blickt auf zehn Meter Straße, den Livestream der Überwachungskamera. Am 9. Oktober 2019 hat er auf diesem Bildschirm beobachtet, wie der Attentäter Stephan B. erst auf die Eingangstür und dann auf Jana L. schoss, bevor er weiterzog, um einen zweiten Menschen zu töten. Mit Stühlen und Tischen verbarrikadierten sie drinnen die Tür. Jetzt ist die Straße leer. Nur manchmal stoppen Passanten und starren betroffen auf die Einschusslöcher. Andere stellen sich vor die Tür und machen Selfies. „Das ist hier jetzt ein bisschen wie am Brandenburger Tor“, scherzt Privorozki. Dann läuft eine Gruppe ins Bild, rote Schals leuchten. Die SPD ist da. Vornweg läuft einer der Jüngsten: Igor Matviyets. Er ist nicht nur Mitglied in der SPD, sondern auch Teil der Jüdischen Gemeinde. Matviyets und Privorozki begrüßen sich, so herzlich, wie es eben geht, wenn Corona sich ankündigt.


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Ein Gast blättert durch ein Gebetsbuch. Seit dem Anschlag besuchen mehr Menschen als zuvor die Synagoge in Halle.


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Igor Matviyets besucht mit seinen SPD-Genossen die Synagoge. Als Jude will er Brücken schlagen zwischen seiner Gemeinde und der Politik.

„Die meisten Menschen in Deutschland“, glaubt Igor Matviyets, „sehen Juden nur auf Gedenkveranstaltungen.“ Auch deswegen hat er die Ortsverbandssitzung in der Synagoge organisiert. Die Bänke knarren, als 20 Genossen nach und nach darauf Platz nehmen. Max Privorozki stellt sich vor die Gruppe. Er schaut in Gesichter voller guter Absichten. Doch manche der Fragen, die nun an ihn gerichtet werden, klingen eher wie Vorwürfe: Einer will wissen, ob in der Gemeinde mittlerweile Deutsch gesprochen wird. Max Privorozki lächelt höflich und fragt zurück: „Wenn Sie in Frankreich leben würden, gut Französisch sprächen, aber bei Treffen unter sich wären. In welcher Sprache würden Sie sich unterhalten?“ Auf Deutsch, murmeln manche im Hintergrund. „Sehen Sie, so ist es bei uns auch.“ Nur sprechen sie eben nicht Deutsch, sondern Russisch. Max Privorozki und Igor Matviyets, 56 und 28 Jahre alt, kamen beide nach der Wende aus der Ukraine nach Deutschland. Möglich machte das ein Beschluss, der noch aus DDR-Zeiten stammte: Im April 1990 verkündete Sabine Bergmann-Pohl, damals Präsidentin der Volkskammer: „Wir treten dafür ein, verfolgten Juden in der DDR Asyl zu gewähren.“ Neun Monate danach bestätigten die wiedervereinigten Bundesländer den Neustart. Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sollten als „Kontingentflüchtlinge“

in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Bis 2004 konnten sie einreisen, als wären sie Flüchtlinge. Die BRD übernahm damit die Idee der DDR, nachzuholen, was bis dahin verpasst worden war: eine Versöhnung mit den Juden aus Osteuropa. Diejenigen, die am schlimmsten unter dem Holocaust gelitten hatten, sollten ihren festen Platz im wiedervereinigten Land erhalten. Das war der hehre Anspruch. Was ist daraus geworden? Aufbruch in das zweite Leben Vier Tage vor dem Treffen mit der SPD: Ein Drache stampft und faucht im Flur der Jüdischen Gemeinde. Er hebt seine Klauen und dreht sich einmal im Kreis, ein paar Männer weichen aus. Gleich daneben hat sich der Teufel aufgebaut. Dann, fast unbemerkt, mischt sich ein persischer Schah unter die Menge. Max Privorozki trägt eine lila-goldene Mütze, dazu eine Stoffjacke, die typisch für ihn ist. Er tritt an einen Tisch und spricht mit Micky Maus, die Papiermasken und Glitzer sortiert. Es ist der Sonntag vor Purim – jüdischer Karneval im Gemeindehaus. Die Studentin, die als Micky Maus verkleidet ist, erklärt, worum es beim Purimfest geht: Vor 2.500 Jahren soll ein Minister des persischen Königs versucht haben, alle Juden in Persien töten zu lassen. Doch Königin Esther, eine Jüdin, konnte das verhindern. „Deswegen feiern wir heute, dass sie uns Juden nicht ermordet haben.“ Später werden die Kinder die Geschichte nachspielen. Dass im Gemeindehaus von Halle wieder mit vielen Menschen gefeiert wird, liegt auch am Vorsitzenden Max Privorozki. Seit 1999 hat er die Gemeinde wiederbelebt. Ohne die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gäbe es in vielen deutschen Städten überhaupt keine jüdischen


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Ganz anders sieht das Igor Matviyets. Kurz nach dem Anschlag hat der SPD-Politiker eine Kippa aufgesetzt und ist damit durch Halle gelaufen. Gut 20 Journalisten fragten ihn deswegen nach Interviews, erzählt er. Im Alltag trägt er sonst keine Kippa. Matviyets ist nicht sehr religiös, „eher praktisch orientiert“. Doch ohne seinen Schritt, fürchtet er, wäre nach dem Anschlag in Halle überhaupt niemand mit Kippa auf der Straße zu sehen gewesen, und das kam ihm falsch vor. „Es gibt kein offenes jüdisches Leben in Halle. Trotzdem wurde es angegriffen.“ Matviyets glaubt: Sicherheit kommt auch mit Sichtbarkeit. Twittern und Kämpfen Als er 1999 von Mykolajiw nach Saarbrücken zieht, ist er sieben Jahre alt. Über Deutschland weiß er, dass dieses Land einst Juden ermorden ließ. Nun sei das aber ganz anders, erzählen ihm die Eltern. In Deutschland, hoffen sie, wird ihr Kind mehr Perspektiven haben als in der Ukraine. Die ersten Monate lebt die Familie in einer Flüchtlingsunterkunft und von Sozialhilfe, dann finden die Eltern Arbeit. Von den ersten Freunden, die Igor in Deutschland findet, haben fast alle einen Migrationshintergrund, viele sind Muslime. Matviyets‘ Schulzeit fällt in die Jahre, in denen der NSU in Deutschland Muslime umbringt. Die Enttarnung der Terrorgruppe wird für Matviyets ein Grund, sich politisch zu engagieren. Je stärker sich Minderheiten vernetzen, desto besser.

Seit über 20 Jahren ist Max Privorozki Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Halle.

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Gemeinden mehr, sagen Wissenschaftler. Sie und ihre Kinder machen 90 Prozent aller Mitglieder aus, in Halle sind es sogar mehr. Bevor er nach Halle zieht, lebt Max Privorozki in Kiew. In seinem ersten Leben ist er Mathematiker. Im sowjetischen Pass steht: Nationalität – еврей, Jude. Für den jungen Max Privorozki bedeutet das vor allem eines: nicht an jeder Fakultät studieren, nicht überall arbeiten zu dürfen. Das alles ist aber nicht der Grund, warum Privorozki die Sowjetunion verlässt. „Ich war antisowjetisch eingestellt“, sagt er. Nach Deutschland zieht er, weil er einen Ort sucht, an dem man frei seine Meinung sagen kann. Erst in seinem zweiten Leben wird Max Privorozki religiös. Der Start in Deutschland ist schwer. Anfangs lebt er in einem Heim in Helbra. Ganz in der Nähe wächst später auch der Attentäter Stephan B. auf. Weil Privorozki damals wenig Deutsch spricht, findet er in seinem Beruf keine Arbeit, versucht sich als Autohändler und Apfelpflücker. Seinen ersten festen Job in Deutschland bekommt er 1999: als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle. Die hat damals nur rund 100 Mitglieder, aber Hunderttausende Mark Schulden. Unter Privorozki zahlt sie die Schulden zurück, baut die Jugendarbeit aus. Inzwischen organisiert die Gemeinde seit fast 20 Jahren Jugendfahrten nach Bulgarien. Alte Fotos zeigen Max Privorozki am Flughafen, stolz in Hemd und Krawatte. Heute zählt die Gemeinde 530 Mitglieder, Privorozki nennt sie „sein drittes Kind“, neben seinen zwei Töchtern. Für viele Menschen ist die Gemeinde zu einem Refugium geworden. Trotzdem wäre es 2014 fast zerbrochen: Als Russland die Krim annektierte, spaltete das auch die Gemeinde in Halle. Nach Handgreiflichkeiten zwischen Putin-Verstehern und -Gegnern habe er das Thema zum Tabu erklärt, sagt Privorozki. Danach war Ruhe. Abstand von der Politik ist ihm wichtig – anders als Igor Matviyets. Während die Gemeinde weiter Purim feiert, sitzt Max Privorozki an seinem Schreibtisch, die Brille auf die Stirn geschoben. Am Computer listet er für die Polizei die Veranstaltungen der nächsten Wochen auf: Rot für solche mit hohem Risiko, Gelb für mittel, Weiß für niedrig. Nach dem Anschlag hat die Polizei den Schutz der Gemeinde verstärkt, vorher gab es praktisch keinen. Ihre erste Überwachungskamera zahlte die Gemeinde selbst. Auf 16 Seiten hat das LKA für die Gemeinde analysiert, wie die Gemeinde jetzt sicherer werden kann. „Aber irgendwer muss diese Burg auch bauen“, sagt Privorozki. Er fürchtet, dass er die Bürokratie dazu nicht bewältigen kann. Seit Monaten berät er sich mit dem Land, auch über die Tür zur Synagoge, doch die ist noch immer die alte. Max Privorozki will Sicherheit für seine Gemeinde, das fordern auch die Mitglieder. Was er vor allem bekam, waren Besuche: von Frank-Walter Steinmeier und Franziska Giffey, Heiko Maas und Mike Pompeo. Plötzlich wollten Leute die Gottesdienste anschauen – viele Gläubige fühlten sich dabei wie im Zoo, sagt Privorozki. Max Privorozki hat die Sowjetunion erlebt, Arbeitslosigkeit in Deutschland, Krisen und Erfolge in der Gemeinde. All das hat Journalisten kaum interessiert. Doch seit Oktober will die Presse Interviews. Halle – einen Monat danach, zwei Monate, drei Monate. Zu Pessach, einem der wichtigsten Feiertage, werden es sechs Monate sein: „Aber da gebe ich keine Interviews“, sagt Max Privorozki. Er denkt nicht, dass die neue Sichtbarkeit der Gemeinde hilft. Im Gegenteil. „Zu viel Interesse auf der einen Seite führt nur zu Hass und Gewalt auf der Gegenseite.“ Privorozki glaubt, dass es umso besser ist, je mehr sich die Gemeinde zurückziehen kann. „Wir müssen für uns selbst stehen, allein stark sein.“


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Links: Vor dieser Tür erschoss der Attentäter von Halle eine Frau. Rechts: Ohne die Kamera wäre Max Privorozki während des Anschlags vielleicht auf die Straße getreten, um nachzusehen, was dort passiert.

Jüdische Gemeinden in Deutschland —

Vor der Wiedervereinigung hatten die jüdischen Gemeinden in Deutschland weniger als 30.000 Mitglieder, nur etwa 500 von ihnen lebten in der DDR. Die Einheit sollte die Gemeinden wiederbeleben: Zwischen 1991 und 2004 wanderten rund 200.000 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland ein. Über die Hälfte von ihnen trat in eine jüdische Gemeinde ein, insgesamt machen sie und ihre Kinder heute rund 90 Prozent der Mitglieder aus. Die Regelung für „Kontingentflüchtlinge“ lief 2005 aus. Auch darum wuchsen die Gemeinden nur noch bis 2006 auf 108.000 Mitglieder. Danach begannen sie zu schrumpfen, auf aktuell ca. 96.000.

„Mit dem Beschluss der DDR begann die neue Geschichte der Jüdischen Gemeinde. Alles andere ist schwer zu sagen.“ Max Privorozki


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sisches Staatsfernsehen. Der Tenor dort: Muslime würden Deutschland überrennen, aber die AfD könne das Land retten. Das ist die eine Seite. Die andere ist komplizierter. Ihm selbst werde übel, wenn er dieses Fernsehen schaue – aber auch Privorozki sagt: „Ich habe nicht direkt Angst vor Migranten. Ich habe Angst vor Menschen ohne Toleranz. Man muss das Maximale tun, damit diese Leute verstehen: Hier läuft etwas anders als dort.“ Dass auch Juden die AfD wählen, liege an den Fehlern der anderen Parteien. Die Regierung sei zwar aktiv gegen rechten Antisemitismus – gegen den von links oder von Muslimen tue sie aber zu wenig. Und er hat noch eine Erklärung: Bis heute werden jüdischen Kontingentflüchtlingen ihre Arbeitsjahre in der Sowjetunion nicht für die Rente in Deutschland angerechnet, so landen viele in der Altersarmut. Die Gemeinden schrumpfen Auch das fördere natürlich die Kritik an diesem Staat, der sie doch einst eingeladen hat zu kommen. Viel mehr ist dem Vorsitzenden an öffentlichen Aussagen nicht zu entlocken. Er hat Politik zur Privatsache erklärt, mitmachen will er nicht. Als das Bündnis Halle gegen Rechts sich wünschte, dass die gesamte Gemeinde beitritt, war Privorozki dagegen. Der Grund: Es gibt kein Halle gegen Links. In der Sowjetunion waren die Dissidenten Sacharow und Scharanski Privorozkis Helden, weil sie für Meinungsfreiheit kämpften. Demonstrieren will er deshalb aber nicht. Im Gegenteil, er kann es nicht leiden: „Man geht auf den Marktplatz, man ist laut, man ist aggressiv.“ Vielleicht erinnern sie ihn auch an die Sowjetunion: Dort war Antifaschismus immer verordnet. Was ist daraus geworden – aus dem Anspruch von 1990, Jüdinnen und Juden einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft zu geben? Fragt man Igor Matviyets und Max Privorozki, schweigen beide erst mal. Max Privorozki sagt schließlich: „Mit dem Beschluss der DDR begann die neue Geschichte der Jüdischen Gemeinde. Alles andere ist schwer zu sagen.“ Igor Matviyets sieht es so: „Der Gemeinde in Halle geht es besser als 1990.“ Aber er glaubt auch, dass viele Hallenser überhaupt erst durch den Anschlag auf die Gemeinde aufmerksam wurden. „Das zeigt, dass es keine so große Verankerung gibt.“ Eines allerdings ist nach dem Anschlag gewiss: Sicher ist der Platz, den Juden in Deutschland haben, nicht. Sie fühlen sich nicht nur bedroht, sie sind es. Und sie werden weniger. 2004 ist die Frist zur Einwanderung ausgelaufen, seitdem schrumpfen die Gemeinden in Deutschland. Auch in Halle: 2005 hatte die Gemeinde 750 Mitglieder, heute sind es nur noch 530. Viele sind verstorben, manche weggezogen.

Für ihre Geschichte recherchierten Lina Verschwele und Quirin Staufer in Berlin, Halle und Helbra. Beeindruckt hat sie, dass die jüdische Gemeinde nach dem Anschlag mehr als 500 Zuschriften bekam – die Max Privorozki alle persönlich beantworten will. — lina.verschwele@protonmail.com, mail@quirinstaufer.de

Wen dun g

Am Tag nach dem Treffen der SPD öffnet er die Tür zu seinem Lieblingscafé: Drinnen plätschert ein Zimmerbrunnen, an der Wand hängt ein Küstendorf aus Tapete. Im vergangenen Jahr hat er den Besitzern geholfen, dieses Café zu eröffnen. Die Familie stammt aus Syrien. Neben dem Studium begleitete Matviyets Migranten bei Behördengängen. Er kennt sich da aus. Schon in der Grundschulzeit dolmetschte er für seine Eltern, wenn die einen Termin beim Amt hatten. Vor einigen Tagen ist Matviyets auf einer Demo mit goldenen Rettungsdecken durch Halle gezogen. In einer Rede auf dem Marktplatz forderte er, dass die Bundesregierung mehr für Geflüchtete aus Syrien tun soll. Matviyets geht auf viele Demos. Er postet bis zu 20 Tweets am Tag. 2021 will er für die SPD in den Landtag ziehen. Auf seiner Website schreibt er, warum er all das tut: Nie wieder soll es eine Mehrheit geben, die sein Leben als wertlos erachtet. Ende 2019 machte Matviyets öffentlich, dass der CDU-Politiker Robert Möritz Mitglied bei Uniter war. Ein rechter Verein, den mittlerweile der Verfassungsschutz überprüft. „Mir ist wichtig, zu zeigen, dass ein Jude sich wehrt. Dass ein Jude gegen rechts kämpft.“ Max Privorozki wollte nie ein Kämpfer sein müssen. „Ich bin kein Held“, sagt er ohne Bedauern. „Ich kämpfe nicht, ich gehe lieber weg.“ Seit einigen Jahren fühlt Privorozki sich unwohl in Deutschland. Früher war er mit seiner Frau oft noch spät um elf spazieren, jetzt bleiben sie abends lieber zuhause. Der Wendepunkt kam 2014: als Menschen begannen, auf Montagsdemos rechte Parolen zu skandieren. Nicht nur in Halle, auch auf Facebook und im Bundestag werde der Ton immer schriller. „Die Leute haben vergessen, wie man sich friedlich austauscht – egal zu welchem Thema.“ Ständig beschimpfe man sich gleich als Kommunist oder Nazi. Auch seinen Lieblingsautoren hat das schon getroffen: Henryk M. Broder. In seinem Büro führt Privorozki eine kleine Bibliothek der streitbaren Schriften. Broder, jüdisch und rechtskonservativ, steht dort gleich neben Boris Reitschuster. Beide schreiben für den Blog Die Achse des Guten. Auch ein Buch von Thilo Sarrazin findet sich im Regal, versteckt in der zweiten Reihe. Selbst in der jüdischen Gemeinde gibt es Sympathien für Gedankengut am rechten Rand des politischen Spektrums, auch für die AfD. Privorozki findet diese Partei untragbar. Trotzdem hätte er die AfD einmal fast gewählt, gibt er zu. Er fürchtet, dass die AfD bei einer geheimen Umfrage in seiner Gemeinde sogar gewinnen könnte. Die Partei, deren heutiger Ehrenvorsitzender Alexander Gauland sagte, die Nazizeit sei ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Wie kann das sein? Max Privorozki erklärt das so: Auch in Deutschland schauten viele Gemeindemitglieder noch immer rus-


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Kinder. Kühe. Brodowin steht für den Bio-Boom: Schon in den Neunzigern entschied sich das Dorf für die ökologische Landwirtschaft. Davon profitieren die Höfe – zumindest auf den ersten Blick.

Text Alexander Wenzel Foto Oksana Meister

Konkurrenten?


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Ökodorf Brodowin- Chef Ludolf von Maltzan inmitten seiner behornten Milchkühe. Rund 15.000 Liter Milch füllen Maltzans Mitarbeiter täglich ab.


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ier sieht man eine kleine Schramme“, sagt Ludolf von Maltzan und zeigt auf eine verletzte Stelle im Fell einer Kuh. 200 Milchkühe hat der Landwirt und alle dürfen ihre Hörner tragen. Etwas Besonderes in der modernen Landwirtschaft. Denn dadurch entwickele sich ein natürliches Herdenverhalten, erklärt von Maltzan. Selbst kleine Kühe könnten sich so durchsetzen. Die Schrammen im Fell sind für den Landwirt wie ein Beweis, dass sich seine Kühe natürlich verhalten und sich wohl fühlen. Erst die Schrammen machen ihr Leben aus. Der 57-jährige Landwirt ist Geschäftsführer des Bio-Landwirtschaftsbetriebs Ökodorf Brodowin. Hier, im gleichnamigen Dorf in Brandenburg, rund 80 Kilometer nordöstlich von Berlin. Dass die Tiere ihre Hörner behalten, gehört zu den Richtlinien des Demeter-Bioverbands, nach denen sich der Ökodorf-Hof richtet. 1.650 Hektar bewirtschaftete von Maltzan bis vor kurzem. Nach einer Übernahme weiterer Flächen sind es jetzt über 2.500 – zweieinhalb Mal die Fläche Berlin-Kreuzbergs. Hier bauen Mitarbeiter des Hofs Gemüse, Getreide und Viehfutter an. Neben den Milchkühen gehören auch etwa 300 Milchziegen und 2.200 Hühner zum Betrieb. Insgesamt fast 3.000 Tiere – etwa sechs Mal so viele, wie Brodowin Einwohner hat. Als größter Demeter-Betrieb Deutschlands wird der Hof, der nach der Wiedervereinigung aus einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) entstand, oft bezeichnet. Stimmt das? Das könne schon sein, sagt von Maltzan. Klar ist: Die Entwicklung des Ökodorf-Betriebs ist für ihn eine Erfolgsgeschichte – eine die zeigt, wie die Deutsche Einheit funktionieren kann. „Die Einheit wurde hier als große Chance und als Aufbruch betrachtet“, sagt der in Südafrika aufgewachsene Landwirt. Von Maltzan übernahm im Jahr 2006 den Betrieb. Aus 50 Angestellten wurden rund 150. Sie arbeiten auf dem Hof, in der Molkerei oder im Lieferservice, der Gemüsekisten zu Büros, Schulen und Privatleuten bringt. Viele der Mitarbeiter wohnen in den umliegenden Dörfern, aus Brodowin selbst kommen nur noch rund zehn Prozent, sagt von Maltzan. Vom Erfolg des Bio-Großbetriebs scheint der Ort trotzdem profitiert zu haben: Die Zahl der Einwohner ist von 400 zu Wendezeiten auf heute 450 gestiegen, unter ihnen rund 50 Kinder und Jugendliche. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. In sieben Vereinen sind die Einwohner des Dorfes aktiv. Man könnte Brodowin auf

den ersten Blick also als ein Musterdorf, als einen Einheitsgewinner beschreiben. Doch die Wende hat Schrammen hinterlassen. Davon erzählen kann Martina Bressel. Die 59-jährige Landwirtin betreibt zusammen mit ihrem Mann Uli den Demeter-Hof Schwalbennest, nicht weit von von Maltzans Hof entfernt. Sie bauen Obst und Gemüse an, halten fünf Kühe, 60 Milchschafe, 66 Lämmer und 50 Küken. Bressel kommt aus Hessen, dort hat sie ihre Demeter-Ausbildung absolviert. Ihr Blick auf die Deutsche Einheit ist trotzdem ein anderer als der vom Landwirt von Maltzan. Statt von Aufbruch spricht sie von feindlicher Übernahme: „Der Westen hat den Osten geschluckt.“ Und so würden die Einheit viele Brodowiner – und vor allem die, die in der DDR groß wurden – beschreiben, sagt sie. Dass Martina Bressel deren Sicht nachvollziehen kann, liegt an ihrem Mann Uli. Er kommt aus der Region und hat schon zu DDR-Zeiten in der LPG von Brodowin gearbeitet.

Die Entwicklung Brodowins hat Uli Bressel direkt miterlebt: zu DDR-Zeiten in der LPG, danach als Miteigentümer des Ökodorf-Betriebs und seit über 15 Jahren im eigenen Hof.

Geld aus Westdeutschland Auch Bressels Hof wäre ohne die Wiedervereinigung nicht denkbar. Mit der Wende gelangte das Land der LPG in den Besitz der Brodowiner Bauern. Doch statt die Flächen selbst zu bewirtschaften, entschieden sie sich dafür, die Agrargenossenschaft Ökodorf Brodowin zu gründen – und auf ökologischen Landbau nach Demeter-Richtlinien umzustellen. So, ohne den Einsatz von Pestiziden, benötigte man viele Arbeitskräfte. Die Brodowiner gestalteten die Wende selbst, das Geld jedoch kam aus dem Westen: 1991 investierte ein Unternehmer-Ehepaar aus Westberlin in den Betrieb, aus der Genossenschaft wurde eine GmbH. „Die wollten sich am Aufbau Ost beteiligen“, sagt Ludolf von Maltzan heute über das Ehepaar. Für Martina Bressel hingegen ist der Einstieg eines Investors aus dem Westen ein Beispiel dafür, wie sich der Westen im Osten bereichert hat. „Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, die genossenschaftlichen Strukturen zu erhalten“, sagt sie. Von außen betrachtet ging es danach jedoch aufwärts: 1993 wurde der Hofladen eröffnet, ein Jahr später die Molkerei, danach der Lieferservice und neue Gewächshäuser.

„Die meisten sehen es kritisch, dass es wenig Sensibilität von den Leuten aus dem Westen gab.“ Uli Bressel


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In den Osten ging Martina Bressel erst nach der Wende. „Wir waren eine Gruppe von jungen Leuten ohne einen eigenen Betrieb, wollten aber einen Hof “, erzählt sie. Sie hörten davon, dass es im Osten viel Land gebe, weil viele Menschen wegzögen. Im brandenburgischen Seelow fand die Gruppe einen Hof und bewirtschaftete ihn. Als Martina Bressel erfuhr, dass im Ökodorf-Betrieb von Brodowin jemand benötigt wird, der sich um den Kuhstall kümmern soll, ging sie 1993 dorthin. Im Ökodorf-Hof leitete sie den Kuhstall und lernte ihren späteren Mann Uli kennen. Der gelernte Schlosser war dort für die Technik verantwortlich, kümmerte sich aber auch um den Kuhstall. „Wir sind eine Mischehe“, sagt Martina heute. Sie würde es so nicht ausdrücken, aber die deutsche Einheit haben sie im Kuhstall verwirklicht. Beide wurden Miteigentümer im Ökodorf-Hof. Als Ludolf von Maltzan den Betrieb übernahm, waren die Bressels aber schon weg. Sie stiegen aus und gründeten ihren eigenen Hof.

Der Vorwurf: Fertige Antworten statt Fragen Es kamen jedoch nicht nur Leute zum Einkaufen nach Brodowin, sondern auch um sich niederzulassen. Über 40 neue Häuser wurden seit der Wende gebaut. Viele der Zugezogenen kamen aus dem Westen. Einige wohnen nun dauerhaft in Brodowin, manche verbringen hier nur das Wochenende. Verschiedene Lebensentwürfe, unterschiedliche Biografien prallten aufeinander. Nicht alles ist gut gelaufen, sagt Bressel. „Die meisten sehen es kritisch, dass es wenig Sensibilität gab von den Leuten aus dem Westen.“ Statt Fragen zu stellen, hätten diese fertige Antworten mitgebracht. Viele im Dorf fühlen sich deshalb übergangen. Wendefrust gebe es nur noch ganz selten, sagt dagegen von Maltzan. Bei seinen Mitarbeitern spiele das Thema Wende keine große Rolle mehr. Aber von Maltzan gibt auch zu, dass seine Wahrnehmung als Chef limitiert sei. Es könne schon sein, dass das Thema hinter verschlossenen Haustüren eine größere Rolle spiele. Festangestellte Arbeitskräfte könnten sie sich nicht leisten, sagt Martina Bressel. Nur mit der Hilfe von Auszubildenden, Jugendlichen, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvieren und Schülern, die mithelfen, sei es möglich, den Hof zu bewirtschaften. „Wir bräuchten mehr Fläche“, ergänzt die Landwirtin. „Wir kompensieren die geringe Fläche durch viel Arbeit.“ Viel Arbeit – das heißt: sieben Tage die Woche, kein Urlaub. Sich selbstständig gemacht zu haben, bereut Bressel trotzdem nicht. Selbst entscheiden zu können, was und wie sie anbaut, das ist ihr wichtig. Auch von Maltzans Betrieb liefert seine Produkte in Gemüsekisten an einen festen Kundenstamm aus. „Ohne die Nähe zu Berlin würde es nicht funktionieren“, sagt von Maltzan. Als echte Konkurrenz sehen sich die beiden Betriebe nicht. „Groß- und Kleinbetriebe müssen sich nicht ausschließen, sondern könnten sich ergänzen“, findet Martina Bressel. Nur etwas mehr Land wünscht sie sich, vor allem, weil die Kinder einmal den Betrieb übernehmen wollen. Vier von fünf können sich das heute schon vorstellen. „Mein Mann soll dieses Jahr aufhören – Uli wird 75“, sagt Bressel. Im Generationenwechsel sieht die Landwirtin eine besondere Chance. Eine, die helfen könnte, die Schrammen zu heilen: „Die Kinder sind Brodowiner. Ob Ost oder West – ich denke, für die wird das irgendwann nicht mehr wichtig sein.“

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An einem regnerischen Märztag steht Martina Bressel im Hofladen und wiegt Karotten, Kartoffeln und Zwiebeln. Mehrere Kisten wird ihr Mann später nach Berlin fahren. Die Bressels machen mit bei einem Konzept, das sich Marktschwärmer nennt: Über eine Onlineplattform können Kunden regionale Lebensmittel bestellen und abholen.

Alexander Wenzel fuhr mehrmals nach Brodowin und traf dort viele Bewohner. Er war überrascht, dass es so viele Vereine im Dorf gibt und fast jeder in mehreren davon Mitglied ist. Später machten er sich mit Oksana Meister noch einmal auf den Weg. Dieses Mal zählten sie alle Tiere. — wenzelalex@ gmx.de, ks.meister12@ gmail.com


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ES IST AN DER ZEIT! Diesen Stoff hat die Modedesignerin Gesine Wessels 1990 für eine sogenannte „Exquisit“-Kollektion kreiert. In Exquisit-Läden konnten sich DDR-Bürger hochwertige Kleidung kaufen.


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Warum verschweigen viele erfolgreiche ostdeutsche Frauen heute noch ihre Herkunft?

Bilder: Gesine Wessels; Sascha Nolte

s ist ein Detail, das die Sendung Wetten dass…? im Ja- ihr offen. Doch dann habe sie realisiert: „Die Wende schien zunuar vor elf Jahren zu einem der erfolgreichsten Mo- nächst das Ende meiner Karriere.“ Sie fand keine Arbeit, obwohl mente für die Modeschöpferin Gesine Wessels mach- sie die Uni mit Auszeichnung abgeschlossen und unzählige Kolte. Sie selbst war nicht anwesend, doch ein prominenter Gast lektionen entworfen hatte. Mit Gelegenheitsjobs hielt sie sich trug ihr Designerstück: Die Schwimmerin Britta Steffen ließ sich zunächst über Wasser, bis sie sich nach langem Überlegen dazu in einem schwarzen Neckholderkleid mit buntem Blumendruck entschied, ihr eigenes Label zu gründen. Vielleicht liegt die Zurückhaltung vieler ostdeutscher Frauen neben Hollywoodschauspieler Tom Cruise auf der Couch bei Thomas Gottschalk nieder. Die deutsche Presse verglich Steffen also genau darin, dass für sie der Anfang im wiedervereinigten Deutschland nicht einfach war. Studien zufolge fühlen sich Ostam nächsten Tag mit der Schauspielerin Charlize Theron. Britta Steffens Auftritt bei der Fernsehshow scheint wie ein deutsche auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ähnstiller Triumph für Gesine Wessels. Sie ist eine der wenigen lich benachteiligt wie Migranten. Eine Untersuchung des DeutModedesignerinnen aus der ehemaligen DDR, die heute erfolg- schen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung aus reich ist – und die überhaupt noch diesen Beruf ausübt. Doch dem vergangenen Jahr zeigt, dass 35 Prozent der Ostdeutschen sich als Bürger zweiter Klasse betrachten, so wie 34 Prozent der über ihre Herkunft spricht sie kaum. Das ist erstaunlich, weil ihre Mode offensichtlich auf promi- Muslime in Deutschland. Heute hat Gesine Wessels ihr Atelier in Tutzing, am monnentem Parkett mithalten kann. Sie hat sich damals Fähigkeiten angeeignet, die heute wieder wichtig sind: Viele Menschen dänen Starnberger See. Oft kommen Leute zu ihr, die möchsetzen aus Umweltbewusstsein auf nachhaltige Kleidung. Zu ten, dass sie ein Dirndl entwirft. Für sie sei das kein Problem. DDR-Zeiten gehörte es zu Gesine Wessels täglichen Aufgaben, „Meine Ausbildung in der DDR hat mich hervorragend auf alles Lösungen dafür zu finden. Die Herausforderung dabei war, mit vorbereitet. Sie war sehr universell“, betont sie. Wessels Mode den begrenzten Möglichkeiten der DDR-Wirtschaft zu arbeiten. wird sogar im Bundestag getragen. Seit zehn Jahren kleidet sie So entwarf sie beispielsweise Regenmäntel aus einem Stoff, den die CDU-Politikerin Marie-Luise Dött ein, deren Garderobe fast sie aus alten Filmresten hergestellt hatte. Diese Erfindung hat ausschließlich aus Wessels Designerstücken besteht. Doch obwohl die Modeschöpferin viel erreicht sie nie besonders hervorgehoben. hat, bekommt man das Gefühlt, dass sie So wie Gesine Wessels halten es auch ungern über ihre Vergangenheit spricht. viele andere erfolgreiche Frauen, die in Die meisten ihrer Kunden wissen nicht, der DDR aufgewachsen sind. Im vergandass sie ihr Handwerk in der DDR ergenen Jahr saßen nur vier Ostdeutsche lernt hat. Sie sagt: „Meine Herkunft inin den Vorständen der 30 Dax-Konzerteressiert kein Schwein.“ ne, drei davon waren Frauen. Hauke Dass ihre Herkunft wirklich kein Stars aus Merseburg, die bei der DeutSchwein interessiert, ist schwer zu glauschen Börse Vorstand ist, und Kathrin ben. Junge Ostdeutsche sind momentan Menges, die bis 2019 bei Henkel in der dabei, sich ein neues SelbstbewusstChefetage war und in Pritzwalk gebosein aufzubauen. Dafür brauchen sie ren ist, haben es immer abgelehnt, über Erfolgsgeschichten wie die von Gesine ihre ostdeutsche Herkunft zu sprechen. Wessels, um mehr über ihre SozialisaPorträts mussten Journalisten stets aus tion zu erfahren, aber auch um Mut zu spärlichem Archivmaterial zusammenfassen. Vielleicht ist es für erfolgreiche schreiben. Warum verkaufen viele Frauostdeutsche Frauen an der Zeit, öfter en ihre ostdeutsche Herkunft so selten über ihren biografischen Hintergrund zu als einen unique selling point? sprechen. Denn je häufiger man sie hört, Gesine Wessels sagt, als die Mauer desto stärker dringen sie ins öffentliche fiel, sei sie zunächst euphorisch geweJedes Designerstück fertigt Gesine Wessels Bewusstsein. sen. Sie habe gedacht, die Welt stünde nach den Maßen der jeweiligen Kundin an.

Iden titä t

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Text Anna Bayer


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Text Niklas Münch

Foto Luis Welz

ZWISCHEN KLISCHEE UND REALITÄT E I N SI CH T E N   18

Von Recklinghausen nach Schmalkalden: Zwei Jugendliche fahren zum ersten Mal in ihre ostdeutsche Partnerstadt und wollen sich ein eigenes Bild machen. Begegnungen zum Einheitsjubiläum

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urz bevor der Bus ankommt, soll Ben Hilker noch einen Fragebogen ausfüllen. Sein Bild von den alten Bundesländern ist gefragt. Er schreibt: „Sonne, lachende Menschen, Großstadt.“ Zu den neuen Bundesländern schreibt er: „Plattenbau, Dorf, Protest von AfD, Protest von Antifa.“ Ben ist 17 Jahre alt und in der Welt schon viel rumgekommen. Doch in Ostdeutschland war Ben noch nie. Dass es Vorurteile sind, die er in den Fragebogen einträgt, weiß Ben. Aber das sei eben das Bild vom Osten, das ihm von Erwachsenen und Medien vermittelt werde. Auch deshalb sitzt er in diesem Bus. Er will sich eine eigene Meinung bilden. Ben gehört zu den rund 60 Menschen aus Recklinghausen, die an diesem Freitag im März mit zwei Reisebussen nach Schmalkalden fahren. Von West nach Ost. Eine Kommission der Bundesregierung hat sie eingeladen, im 30. Jahr der Einheit. Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen und Schmalkalden in Thüringen verbindet seit 1989 eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft. Mit über 120.000 Einwohner:innen ist Recklinghausen eine typische Großstadt im dicht besiedelten Ruhr-

gebiet. Geprägt von Bergbau und Migration. In Schmalkalden leben sechsmal weniger Einwohner:innen, nur 20.000. Es liegt am Rand des Thüringer Waldes. Menschen mit Migrationsgeschichte gibt es dort wenig, dafür viel Grün. Neben Ben sitzt sein Freund David Dinzolele. Er hat sich vorgenommen, so offen wie möglich in das Gespräch mit den Teilnehmenden aus Schmalkalden zu gehen. Der 19-Jährige wurde in Frankfurt (Oder) geboren und zog mit vier Jahren nach Nordrhein-Westfalen. Erinnern kann er sich nicht mehr an die Zeit in Brandenburg. Er kennt nur die Geschichten seiner Eltern, die Anfang der 90er-Jahre dorthin gezogen waren und als Schwarze Rassismus erfahren hatten. Im Kindergarten zum Beispiel sei sein großer Bruder vernachlässigt worden. Immer wenn seine Mutter ihn abholte, habe er alleine in einer Ecke gesessen. Irgendwann wurde es der Mutter zu viel und sie wechselte die Kindergartengruppe. David sagt, er hoffe, dass die Menschen genauso offen auf ihn zugehen wie er auf sie. David und Ben gehören zu den Jüngsten im Bus. Sie sind Mitglieder des Kinder- und Jugendparlaments Recklinghausen. Ansonsten sitzen da vor allem Menschen über 40, vom Verein für


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Oben: Nach dem Bürgerdialog in der Mehrzweckhalle Schmalkalden rücken Ben Hilker und andere Teilnehmende für ein Foto zusammen. Rechts: Auf dem Klemmbrett in David Dinzoleles Hand steht die Leitfrage des Treffens: „Wie wollen wir miteinander leben?“


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Ben und David würden sich gerne mit Gleichaltrigen austauschen. Die meisten Teilnehmenden sind mindestens 20 Jahre älter als sie. Orts- und Heimatkunde, von der Gilde der Stadtführerinnen und Stadtführer, vom Kirchenchor. In Schmalkalden gibt es auch ein Jugendparlament, David und Ben hoffen ein paar Mitglieder auf der morgigen Veranstaltung zu treffen. Die Ost-West-Städtepartnerschaften sollten einmal in einem neuen Land Verbindungen schaffen, sie sollten Teil eines Aufbruchs sein. Recklinghausen und Schmalkalden starteten mit Enthusiasmus. Anfang der 90er halfen Bedienstete der Stadt Recklinghausen, eine kommunale Selbstverwaltung in Schmalkalden aufzubauen. Bei gegenseitigen Besuchen entstanden persönliche Kontakte. Seit einigen Jahren aber hat das Interesse nachgelassen. Vor allem den Jungen erscheinen Partnerstädte im Ausland attraktiver, erzählt Georg Möllers, der bis vor kurzem Sozialdezernent in Recklinghausen war und sich immer noch für intensive Beziehungen zu Schmalkalden einsetzt. Recklinghausen unterhält Partnerschaften zu Städten in Polen, Frankreich, England, den Niederlanden und sogar Israel. Auch David und Ben waren schon in mehreren dieser Städte. In Schmalkalden waren sie noch nie. Der Tag der Veranstaltung. In der Schmalkaldener Mehrzweckhalle geben normalerweise Coverbands ihre Konzerte und Fußballspiele werden ausgetragen. Heute sind dort weiße Plastikstühle in kleinen Gruppen aufgestellt. An der Wand der Halle hängt eine elektronische Anzeigetafel, auf der bei Spielen die Punkte der Heim- und der Gastmannschaft gezählt werden. Heute ist die Anzeige ausgeschaltet.

Auf den Umhängern steht farblich unterlegt die Herkunft der Teilnehmenden: blau für Recklinghausen, gelb für Schmalkalden.

Ein Moderatorenpaar führt durch die Veranstaltung und bittet die Teilnehmenden sich aufzuteilen, in Ost und West, rechts die aus Schmalkalden und links die aus Recklinghausen. Dann soll jede Person aus Schmalkalden eine Person aus Recklinghausen aussuchen, um sich gegenseitig vorzustellen. Manche laufen gemütlich los, schauen suchend umher, einige stürzen sich regelrecht auf die Gäste aus Recklinghausen und schnappen sich energisch einen Partner oder eine Partnerin. Wiedervereinigung, in verschiedenen Tempi. Die angekündigten Mitglieder des Jugendparlaments Schmalkalden sind nicht da. Es heißt, dass sie vielleicht am Abend nachkommen. Ben und David würden sich gerne auch mit Gleichaltrigen austauschen. Sie wollen wissen, wie es ist, in Thüringen aufzuwachsen. Fragen, was sie über das ganze Ost-WestThema denken. Von den knapp 100 Teilnehmenden sind die meisten mindestens 20 Jahre älter als sie. Der einzige Jugendliche aus Schmalkalden, der dabei ist, zieht als Schülerreporter durch die Stadt. Wir wollen kein Ost-West-Denken mehr Der Altersunterschied wird für Ben und David in den anschließenden Gruppendiskussionen deutlich. Eigentlich sind sich alle Teilnehmenden einig: die Gesellschaft müsse das Ost-West-Thema hinter sich lassen. Doch wirklich damit abgeschlossen haben die wenigsten. Ein Vater aus Schmalkalden beklagt in seiner Gruppe, dass sein Sohn denke, in der DDR sei alles schlecht gewesen, weil das so in den Geschichtsbüchern von heute stehe. Ein anderer findet es schade, dass sein Sohn nicht gern sage, dass er aus dem Osten stammt. Als ein Gast aus Recklinghausen das Ergebnis seiner Gruppe vorstellt, sagt er, dass der Westen zwar die Errungenschaften der letzten 30 Jahre im Osten anerkennen müsse. Doch auch der Westen erwarte Anerkennung, für das, was er für den Osten geleistet habe – und was zur Folge gehabt habe, dass der Westen selbst unter die Räder gekommen sei. „Im Westen sagt man manchmal, dass im Osten die Perserteppiche liegen und im Westen die Schlaglöcher“, sagt er. Nach Vorurteilen gefragt, erzählt Ben in seiner Gruppe, dass ihm Freunde vor der Reise nach Schmalkalden scherzhaft gesagt hätten, er solle doch den guten Westtabak mitnehmen, der sei noch Mangelware im Osten. Die Menschen aus Schmalkalden nehmen es mit Humor. Ben wird später sagen, dass er in den Gesprächen gemerkt habe, dass alle Vorurteile und Klischees Quatsch seien. Als er schließlich die Ergebnisse seiner Gruppe vorstellen soll, sagt er: „Wir wollen kein Ost-West-Denken mehr, wir sind ein Deutschland.“ Im Bus sei er bereits nach seinem Bild vom Osten und Westen gefragt worden, und er verstehe nicht, warum solche Fragen überhaupt noch gestellt würden. Allein


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In Schmalkalden sind die Einwohner:innen auf die vielen renovierten Fachwerkhäuser stolz. An diesem Samstagnachmittag wirkt die Altstadt wie ausgestorben.

dadurch werde doch nur die Teilung bestätigt. Immer wieder wird seine Rede durch Klatschen unterbrochen. Die Gruppe sollte darüber diskutieren, was Ost und West voneinander lernen könnten. „Es sollte doch heißen, was Menschen von Menschen lernen können!“ Einem Teilnehmer entfährt daraufhin ein lautes „Ja!“. David hat nach den Gesprächen in seiner Gruppe den Eindruck, dass der eigentliche Unterschied nicht zwischen Recklinghausen und Schmalkalden besteht. Sondern zwischen Jung und Alt. Bei der Veranstaltung wird deutlich, dass für die Älteren beim Thema deutsche Einheit noch viel aufgearbeitet werden muss. Für David und Ben funktionieren starre Ost-WestIdentitäten nicht mehr. Doch fragen, ob das auch für ihre Altersgenossen in Schmalkalden gilt, konnten sie heute nicht. Am Nachmittag haben die Gäste aus Recklinghausen drei Aktivitäten zur Auswahl. David und Ben entscheiden sich für die Stadtführung. Es geht vorbei an renovierten Fachwerkhäusern. Nur vereinzelt sind Menschen in den Gassen unterwegs. Der Stadtführer,

Das Motto passt nicht zur Veranstaltung Am Abend fehlt von den Mitgliedern des Schmalkaldener Jugendparlaments immer noch jede Spur. Der Schmalkaldener Schülerreporter kann sich nicht erklären, warum das Interesse der Jungen am Besuch aus Recklinghausen so gering ist. Als das Abendprogramm bereits vorbei ist und alle Teilnehmenden bei Wein und Bier zusammenstehen, kommt doch noch eine große Gruppe von Jugendlichen zur Halle. Schaut kurz rein und zieht nach ein paar Minuten wieder ab. Ben und David sind enttäuscht. Sie finden, dass es gar nicht zum Motto der Veranstaltung „Deutschland ist eins: vieles” passe, dass so wenig junge Menschen dabei waren. Auch abgesehen vom Alter ist die Veranstaltung wenig divers: keine Menschen mit sichtbarer Behinderung, wenige Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte, und bei den Themen waren sich die meisten Menschen auch einig. Den Schülerreporterinnen und -reportern allerdings sind bei ihren Interviews in der Stadt andere Meinungen begegnet. Auch extreme Meinungen. Der Schülerreporter aus Schmalkalden sagt, dass es ihn überrasche, wie negativ die Menschen auf der Straße die Einheit sehen. Auch diese Standpunkte haben heute bei der Veranstaltung gefehlt. Am Sonntag um 9 Uhr morgens, nach anderthalb Tagen, verlassen die zwei Busse Schmalkalden wieder in Richtung Recklinghausen. Wieder werden Fragebögen ausgeteilt. Die Teilnehmenden sollen beschreiben, wie sie das Treffen fanden. David notiert, er sei ohne Vorurteile nach Schmalkalden gekommen und daran habe sich nichts geändert. Und wieder werden sie gebeten, ein typisches Bild von Ost- und Westdeutschland zu zeichnen. Diesmal schreibt Ben auf die Frage nach den neuen Bundesländern: „lachende Menschen, Sonnenschein.“

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ein vor einigen Jahren zugezogener Westfale, erzählt ausgiebig über das mittelalterliche Schmalkalden. Die Lebensrealität während der DDR bleibt unerwähnt. In der Mohrengasse erklärt der Stadtführer, dass viele nicht wüssten, dass der Begriff ‚Mohr‘ vom heiligen Mauritius komme und daher völlig unproblematisch sei. „Außerdem ist es Quatsch, die Mohrengasse umzubenennen, dann müsste sie ja Gasse der maximal Pigmentierten mit Migrationshintergrund heißen“, schiebt er flachsend hinterher. Eine ältere Teilnehmerin aus Recklinghausen steigt ein: In einer Bäckerei hätten sie schon die Mohrenköpfe umbenannt. Unglauben liegt in ihrem Blick. David lässt sich nichts anmerken. Später wird er sagen, dass ihn die Ausführungen des Stadtführers zur Mohrengasse geschockt hätten. Das belege ihm einmal mehr, dass Rassismus kein Problem des Ostens, sondern der Gesamtgesellschaft sei.

Der Journalist Niklas Münch und der Fotograf Luis Welz hatten die Befürchtung, dass der Bürgerdialog in Schmalkalden wegen des Coronavirus abgesagt werden könnte. Tatsächlich war der Termin der letzte der Programmreihe. Eine Veranstaltung, bei der die meisten Besuchenden über 50 sind, war eine Woche später nicht mehr denkbar. — niklas_muench@ yahoo.de, mail@luisfilippo. com


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Diakon Torsten Woest in der Selmsdorfer St.-Marien-Kirche. Dieses Jahr bleibt das Gotteshaus an Ostern geschlossen.


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Auferstehung Selmsdorf ist eine Ausnahme: Während sonst Kirchen um Mitglieder kämpfen, wächst hier die Glaubensgemeinschaft. Wie ist das gelungen?

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Foto Maria Leverenz

lle Kinder auf die Äpfelchen!“, ruft Christiane Woest, die Vorsitzende des Kirchengemeinderates, in das Stimmengewirr der Menschen, die in dem alten Backsteinhaus im mecklenburgischen Selmsdorf zusammengekommen sind. Ein Gebetsraum ist hier eingerichtet, etwa 20 Stühle stehen darin. Auf dem Boden liegen ebenso viele Sitzkissen in Apfelform. An dem provisorischen Altarschränkchen hängt die Flagge von Simbabwe, dem Gastgeberland des Weltgebetstages. Durch den Gottesdienst führen die Frauen der Kirchengemeinde. Lieder werden von einer CD abgespielt. Ein Tablett mit Paprikaspalten und Oliven macht die Runde. Einige Kinder sitzen auf dem Boden und schneiden zu den Liedtexten Grimassen. Dass Selmsdorf seit fünf Jahren wieder eine eigene Pfarrstelle hat, ist etwas Besonderes. In der ganzen Gegend ringsherum ging die Anzahl an Pastoren zurück, viele kleine Kirchengemeinden wurden nach der Wiedervereinigung miteinander verschmolzen. In Selmsdorf war alles anders: Die evangelische Kirchengemeinde wuchs und wuchs. Inzwischen sind aus den knapp 200 Mitgliedern, aus denen die Gemeinde kurz nach der Wende bestand, 700 geworden. Das Pfarrhaus, das zu DDR-Zeiten an Privatleute verkauft worden war, erwarb die Kirche vor zwei Jahren zurück. Mit einem Mal benötigte man mehr Platz. Das ist schon deshalb erstaunlich, weil man in Ostdeutschland noch immer spürt, dass die DDR für Religion weEin Wachturm an der B105 Richtung Dassow erinnert nig übrig hatte. Die Zahl der Gläubigen ist noch heute noch an die Zeit, als die gering, mehr als 80 Prozent der Menschen in Meckbenachbarten Gemeinden lenburg-Vorpommern sind konfessionslos. im DDR-Sperrgebiet lagen.

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Text Marisa Gierlinger


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„Damals wurde uns nie was über Gott und so erzählt. Das wurde alles totgeschwiegen.“

Selmsdorf, das Ausnahmedorf, liegt dicht neben der ehemaligen Grenze im früheren DDR-Sperrgebiet. Lübeck ist nicht weit entfernt. Wenn man von dort aus die frühere Grenze in Richtung Mecklenburg überquert, endet die Besiedlung jäh. Das meiste Land der ehemaligen Schutzzone ist nach wie vor unbebaut. Doch dann zeigt sich Selmsdorf, ein Ort mit kaum mehr als 3.000 Bewohnern. Rund um den Ortskern sind in den letzten Jahren immer mehr Gewerbe- und Wohngebiete entstanden. Seit 1990 hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. Die Gemeinde hat Bauland billig verkauft und mit der Nähe zur Hansestadt Lübeck geworben, wo man viel leichter einen Job findet als auf dem Land. Das lockte die Neuen nach Selmsdorf, viele davon aus dem Westen. Mit ihnen ist auch der Glaube ins Dorf gezogen. Neue Werte und alte Wunden Ein Sonntag im März, die Bagger in Selmsdorf stehen still. In der Ernst-Thälmann-Straße, die durch den historischen Ortskern führt, ist zwischen zwei alten Häusern ein aufgegrabenes Grundstück eingezäunt. Es riecht nach frischer Erde und Sägespänen. Nur wenige Schritte von hier thront fast verloren die Dorfkirche auf einer Wiese, das Tor ist abgesperrt. „Die krieg ich in der Zeit nicht geheizt“, sagt Torsten Woest, der 57-jährige Diakon der Gemeinde. Vom ersten Januar bis zum Karfreitag werden die Gottesdienste im Pfarrhaus gefeiert. Nach dem Gottesdienst kommt Bewegung in die Küche, Stühle werden aus dem Gebetsraum in den Essbereich getragen. Auf den Tischen im Wohnzimmer liegen Servietten, Blumentöpfe mit gelben Primeln stehen darauf. Die Frauen packen gemeinsam an, schenken Getränke ein und teilen Geschirr aus. Die Kirchengemeinde ist jung, und fast alle ihrer Mitglieder sind Zugezogene. Eine der Frauen hier ist allerdings in Selmsdorf aufgewachsen, getauft wurde sie erst später. „Erzählt wurde uns damals nie was über Gott und so. Das wurde alles totgeschwiegen“, erinnert sie sich. Als so viele Menschen aus Schleswig-Holstein herzogen, habe sich einiges verändert. Der dörfliche Charakter habe sich gewandelt. Wo früher jeder jeden kannte, leben nun Menschen unterschiedlicher Herkunft. Es ist der Wunsch nach Gemeinschaft, der viele von ihnen in die Kirche treibt. Kaum einer der Aktiven in der Kirchengemeinde ist über 50. Mit den Alteingesessenen im Dorf, so sagen sie es, habe man nicht viel zu tun. Das Verhältnis der Menschen zur Kirche ist in Selmsdorf nach wie vor nicht so einfach, wie man denken könnte, wenn man

bloß die Zahlen sieht. Christiane Woest, die 45-jährige Frau des Diakons, ist Mitglied der Gemeindevertretung. Eine Mittlerin zwischen politischer und kirchlicher Gemeinde, aber auch zwischen dem jungen Dorf und dem alten. Mit ihrer Familie ist sie erst im Jahr 2006 hierher gezogen. In Mecklenburg zu bleiben war ihr wichtig – sie selbst ist im 100 Kilometer entfernten Dorf Klein Grenz aufgewachsen. In Rostock hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Als Historikerin hatte sie der Bürgermeister gebeten, eine Ortschronik zu schreiben. Nach fast zehn Jahren entstand 2017 der erste Teil der Arbeit. Gut die Hälfte der 384 Seiten befasst sich mit der DDR-Vergangenheit. Das Heimatbuch erzählt von der Besatzungszeit, vom Ausrufen des Sperrgebiets und den vielen Zwangsaussiedlungen, teils um den Schutzstreifen an der Grenze freizuhalten, teils aus scheinbarer Willkür. Christiane Woest führte Gespräche mit Zeitzeugen, besuchte mit ihrem Diktiergerät und ihrem Notizbuch an die 40 Menschen zu Hause. Sie schrieb viel auf, aber sie wertete die Erzählungen der Einheimischen nicht. Die Historikerin meint: „Wenn sie das so sagen, dann hinterfrage ich das nicht. Dann ist es ihre Geschichtsschreibung. Es ist ganz wichtig, die Menschen reden zu lassen.“ Und um ihre eigene Position nicht zu verschweigen, fügt sie hinzu: „Die DDR war ein Unrechtsstaat.“ Noch heute gibt es Vorbehalte, über die Vergangenheit des Orts zu sprechen. In Selmsdorf waren bewaffnete DDR-Grenztruppen stationiert, die unter maßgeblichem Einfluss der Stasi standen. Einige Offiziere haben hier geheiratet und sind geblieben. Manche von ihnen werden der Historikerin später sagen, sie seien unabsichtlich in etwas hineingerutscht, oder sie hätten nur kurze Zeit für die Stasi gearbeitet. Oft wissen alte Nachbarn aber, wer informeller Mitarbeiter der Stasi war. Nicht alle Zeitzeugen, über die Christiane Woest schreibt, nennt sie namentlich – um den Frieden im Dorf zu wahren, wie sie sagt. Nach Erscheinen des ersten Buches hätten viele sich ihr gegenüber geöffnet, weil sie erkannt hätten, dass Christiane Woest keine Schwarz-Weiß-Bilder verbreite. „Das brauchte Zeit und Vertrauen“, sagt sie. Dass sie als Frau des Diakons so etwas wie eine öffentliche Instanz in Selmsdorf ist, helfe ihr. Vergeben, ohne zu vergessen An einem Vormittag ist Ingrid Dietrich zu Besuch im Pfarrhaus. Sie und Christiane Woest sitzen sich gegenüber, ein wenig Bananenbrot ist vom Gottesdienst noch übrig geblieben. In der DDR arbeitete die 80-Jährige als Postbeamtin. Sie sagt: „Wir hier im Sperrgebiet waren ja gut behütet. Man musste keine Türen zuschließen. Ich wusste in jedem Haus, wo das Geld liegt, das ich mir für die Zustellung der Post nehmen konnte.“ Wer allerdings in die Kirche ging, hatte mit Schikanen zu kämpfen. Konfirmanden wurde damit gedroht, kein Abitur machen zu können. Bei angekündigten Veranstaltungen der Kirche wurden zur selben Zeit verpflichtende Veranstaltungen von Partei-Organisationen angesetzt, etwa Pioniernachmittage für Kinder. Die wenigen bekennenden Gläubigen, zu denen Ingrid Dietrich und ihre Familie zählten, waren eine eingeschworene Gemeinschaft. „Wir haben alle zusammengehalten“, erinnert sie sich. „Wir hatten ein kleines Bad, Fliesen gab‘s keine. Ich


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Rechts: „Das Zeitzeugengespräch ist nicht nur eine historische, sondern auch eine seelsorgerische Aufgabe“, sagt die Ortschronistin Christiane Woest (l.), hier mit der ehemaligen Postbotin Ingrid Dietrich.

Gla ube

Unten: Im gesamten Gemeindegebiet stehen die Zeichen auf Aufbruch. Auch den alten Ortskern sollen Glasfaserkabel mit Breitband-Netz versorgen.

bin dann im Dorf rumgelaufen, ob jemand Fliesen für mich hat. Und jeder hatte eine, oder zwei. Ich hatte dann ein wunderschönes, buntes Badezimmer.“ Gute Freunde im Ort habe sie heute noch, im Glauben seien sie aber nicht vereint. Zur Kirche hätten die meisten auch nach der Wiedervereinigung nicht mehr gefunden. Nur an den großen Feiertagen sei es in der Kirche immer voll. Das ärgert Ingrid Dietrich, weil sie darin die Doppelmoral sieht – vor allem bei denjenigen, die sich mit der Stasi eingelassen hatten. „Wenn wir das Evangelium ernst nehmen, können wir als Kirche da die Tür nicht zumachen“, sagt Torsten Woest. Der Diakon trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem aufgedruckten VW-Bulli, die langen Haare hat er nach hinten gebunden. Er spricht von den Zöllnern in der Bibel, denen Jesus verziehen habe – eine Parabel auf den Grenzort und die dunklen Lebensläufe einiger seiner Bewohner. Die Kirche spiele für viele erst mit zunehmendem Alter eine Rolle. „Ich hab auch einen ehe-

maligen Major hier im Ort beerdigt, weil dem das wichtig war“, sagt Woest, „der war sein ganzes Leben nicht in der Kirche, und nachdem er gestorben ist, ist die Schwiegertochter zu mir gekommen.“ Wer kirchlich beerdigt werden wolle, dem gestehe er das zu. Aus seelsorgerischer Verantwortung, wie er sagt. Seine private Meinung sei da nicht gefragt. Für Woest war der Glaube auch zu DDR-Zeiten ein Anker. Er sagt: „Wenn ich nicht in der Kirche gelandet wäre, hätte ich einen Ausreiseantrag gestellt.“ Vorbilder wie in Leipzig, Rostock oder Schwerin, wo die Kirche im Ringen um die Wiedervereinigung viel bewegte, hätten ihn geprägt. In Güstrow, wo er aufwuchs, war er 1976 einer von drei Konfirmanden in seinem Jahrgang. Heute betreut er 13 Hauptkonfirmanden und rund 20 Taufen im Jahr. Der Sozialismus habe die Kirche nicht klein gekriegt. „Irgendwie hat sie sich immer durchgesetzt“, stimmt Ingrid Dietrich zu. „Die Kirche war vielleicht kein leuchtendes Licht, aber eine flackernde, kleine Flamme.“

Die Suche nach der deutschen Einheit führte die Österreicherin Marisa Gierlinger ausgerechnet ins ehemalige Sperrgebiet. Maria Leverenz trat die Reise nach Selmsdorf eine Woche später an – um ihre Eindrücke in Bilder zu fassen und mit der Zeitzeugin Ingrid Dietrich Spiegelei zu essen. — ­ marisa.gierlinger@gmail.com, leverenzmaria@gmail.com


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SOUNDS  FROM THE EAST Das Architekturerbe der DDR ist mehr als Plattenbau: In BerlinOberschöneweide erwacht das Funkhaus wieder zum Leben

Text Maike Verlaat-Violand Foto Marcel Eisenreich


Klare Linien, organische Kurven: Das Funkhaus ist mit seinem Mid-CenturyDesign wieder angesagt, die Akustik der alten Sendesäle nach wie vor gefragt. Die Aufnahmeräume sind nach einer sogenannten „Haus-inHaus-Konstruktion” gebaut: Um Schallübertragungen zu vermeiden, erhielt jeder ein eigenes Fundament und separate Wände. So wären selbst vorbeifliegende Düsenjäger nicht zu hören gewesen.

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Isolierte Räume


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Glanzvolle Begrüßung Der Empfang des Sendehauses. In diesem Foyer wurden zum Teil Marmorplatten aus Hitlers Neuer Reichskanzlei verlegt. Der Bau entstand ab 1952, angrenzend an einen damals leerstehenden Baukomplex in der Nalepastraße, der zum sowjetischen Rundfunkhaus ausgebaut wurde – unter anderem durch Bauhaus-Architekt Franz Ehrlich. Zu Spitzenzeiten waren 3.500 Mitarbeiter beim Rundfunk der DDR beschäftigt.


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Neuer Kreativstandort Im Kultursaal (l.), der früher für Weihnachtsfeiern oder als Kino genutzt wurde, fällt die Decke in Wellenform auf. Dadurch kann sich das Schallfeld gleichmäßig ausbreiten. Das Sprechen ohne Mikro ist damit kein Problem. Viele Räume des Funkhauses sind heute bei Kreativen beliebt – ob als Bürostandort, für Musikevents oder als Kulisse für Filmproduktionen.


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„Der Westen wird sich… Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hält die Labels Ost und West für bald überholt. Er glaubt, dass andere Werte zählen werden

Werden wir im Jahr 2050 noch über die Deutsche Einheit sprechen? Die Deutsche Einheit wird dann eher etwas für Historiker sein. Wir werden ein Deutschland haben, in dem nicht mehr zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden wird. Einheit wird eine Selbstverständlichkeit sein, wir sind dann eher Brandenburger, Bayern, Baden-Württemberger und Europäer. Ist Einheit in Zukunft dann überhaupt der richtige Begriff? Ich glaube, das ist der falsche Begriff, wenn wir über Deutschland in 30 Jahren nachdenken. Einheit suggeriert ja, dass wir einen Status erreichen werden, den es früher schon einmal gegeben hat. Und ein solches Szenario tritt eigentlich nie ein. Zukunft verhält sich immer anders als die Vergangenheit. Vor allem sind die Verläufe, was emotionale, psychologische Entwicklungen angeht, überhaupt nicht linear. Es entsteht eher etwas Neues, ein Hybrid. Und wie sieht dieses Neue aus? Wir Zukunftsforscher sprechen immer gerne von Megatrends. Und wir beobachten einen, der 2050 längst Realität sein wird: die Synthese von Globalisierung und Lokalisierung – die sogenannte Glokalisierung. Kleinere Einheiten werden aufgewertet, der ländliche Raum, die Kommunen, die Regionen. Die Leute sehen sich dann eher als Lausitzer und Franken und Eifler denn als Deutsche, Westdeutsche oder Ostdeutsche. Heißt das im Umkehrschluss, dass Kommunalpolitik eine größere Verantwortung bekommen wird? Genau. Die Kommunalpolitik wird aufgewertet. Der Nationalstaat spielt dann nur noch eine Rolle, wenn es darum geht soziale Gerechtigkeit herzustellen. Ansonsten geht vieles entweder in Richtung Europa auf, zum Beispiel die großen Fragen des Klima- oder Pandemieschutzes; die sogenannten kleinen Fragen gehen dann Richtung Kommunen. Die werden mehr Möglichkeiten haben zu experimentieren, eigene Steuern zu erheben oder Ansiedlungs-politik zu machen.

Das Interview führten Anna Bayer & Jann-Luca Künßberg

dem Osten angleichen.“


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Wenn sich alles ins Regionale aufteilt und daraus entsprechende Identitäten ableiten, was hält dann die Gesellschaft in 30 Jahren zusammen? Das wird die sogenannte Einheit in der Vielfalt sein. Dass man trotz Vielfalt gemeinsame Visionen hat. Fragen wie: Wo wollen wir eigentlich hin? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Konkret zum Beispiel: Soll die Herkunft über die Zukunft entscheiden, wie das teilweise heute der Fall ist? Allein diese Frage eint die Leute. Und was spaltet die Gesellschaft? Materielle Umverteilungsfragen werden nicht mehr die Bedeutung haben wie heute. Es wird um kulturelle Fragen gehen, um Identität, um Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit. Der Bürger im Thüringer Land wird sich mit den Städtern in Jena oder Erfurt vergleichen und fragen: Wieso bekommen die dort mehr Kitas und schöne Straßen, und unsere Region wirkt abgehängt? Die große soziale Frage der Zukunft ist weniger die zwischen Ost und West, sondern die zwischen urbanen und ländlichen Räumen. Dieser Trend deutet sich heute bereits an. Was passiert mit der Forderung nach gleichen Lebensverhältnissen in Ost- und Westdeutschland? Diese Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse hat es ja nie gegeben. Die Thüringer haben beispielsweise eine höhere Kaufkraft als die Bürger in Nord-

rhein-Westfalen. Das hängt sehr von regionalen Gegebenheiten ab, von daher kann man das kaum vergleichen. Diese Angleichung der Lebensverhältnisse ich glaube nicht, dass das die Menschen interessiert, die sind da schon weiter. Aber es gibt ja Unterschiede, über die gesprochen wird. Es werden andere Themen relevant sein. Im Schnitt sind die Ostdeutschen laut Glücksatlas heute fast genauso glücklich wie die Westdeutschen, es hat da eine unglaubliche Angleichung gegeben. Die Geburtenrate ist in den neuen Bundeländern zurzeit sogar höher als in den alten. Ich gehe davon aus, dass sich der Westen eher dem Osten angleichen wird. Dabei galt doch lange das Credo: Der Osten versucht sich an den Westen anzugleichen. In 30 Jahren werden andere Faktoren wichtiger sein, das zeichnet sich heute schon ab. Glücksfaktor, Geburtenrate, Gleichheit der Geschlechter – da ist der Osten wesentlich weiter. Auch auf politischer Ebene, was etwa die Zahl der möglichen Koalitionen angeht, da wird es eine Angleichung im Westen geben. Es lässt sich dann auch gar nicht mehr sagen: Der ist Westdeutscher und der ist Ostdeutscher. Es wird viele gemeinsame Hochzeiten, gemeinsame Familien geben. Dennoch gibt es nach wie vor eine gedankliche Aufteilung zwischen Ost und West. Denken Sie, dass diese Aufteilung in 30 Jahren überwunden sein wird? Es gibt ein Szenario, in dem Ostdeutschland sich politisch vom Rest der Bundesrepublik abgrenzt. Es könnte schon sein, dass sich die neuen Bundesländer, die als einzelne im Föderalstaat eher schwach sind, verbünden. Anhaltspunkte dafür liefern die sehr bunten Koalitionen, die es dort in den nächsten Jahren geben wird. Ich halte auch eine Koalition der CDU mit der Linkspartei in naher Zukunft für sehr wahrscheinlich. Der Osten hat dem Westen das lagerübergreifende, pragmatische Denken voraus. Es könnte also gut sein, dass sich beispielsweise Sachsen und Thüringen mit Brandenburg verbinden und sagen: „Wir treten jetzt stärker auf als Lobby und versuchen, Brüssel oder Berlin gegenüber selbstbewusster zu agieren.“ Dann können Überbleibsel vom Denken in Ost und West übrig bleiben.

Vision en

Haben Sie ein konkretes Beispiel? In der Migrationsfrage vor fünf Jahren haben viele Kommunen in den neuen Bundesländern gesagt, sie würden gerne mehr Flüchtlinge aufnehmen, als sie zugewiesen bekamen, weil sie die einfach brauchten, um Orte am Leben zu halten. Das war aber gar nicht so einfach. Künftig könnten Kommunen so etwas komplett selbstständig entscheiden, denn der Trend geht hin zu finanzieller Eigenständigkeit. Wir leben 2050 in einem Deutschland und Europa der Regionen. Landkreise und ihre Kommunen haben ähnliche Kompetenzen wie die Bundesländer und können vor Ort autonomer agieren, angefangen von den Schulen bis hin zu Steuern. Sie könnten etwa direkt mit der Europäischen Union interagieren, Verträge direkt mit der EU machen, ohne über die Bundes- oder Landesregierung gehen zu müssen. Das bietet ganz neue Chancen.

Daniel Dettling, arbeitet in Berlin für das Zukunftsinstitut. Für den Think Tank analysiert er, wie sich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln werden.


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Text Marie-Thérèse Harasim

Foto Lena Laine

Totgeglaubte kämpfen länger E I N SI CH T E N   18

Die FDJ überlebte die DDR. Statt zwei Millionen Mitglieder sind es heute ein paar Dutzend. Sie kommen hauptsächlich aus den alten Bundesländern. In Zwickau suchen sie neue Anhänger, die mit für den Sozialismus kämpfen

E Dieses Logo hatte die FDJ schon zu DDR-Zeiten. Während die Mitglieder nach dem Mauerfall ein neues aussuchten, hat die Organisation inzwischen wieder das alte Design.

ine alte Frau steht in Zwickau an der Bahnhofsstraße und weint. Langsam laufen ihr die Tränen die Wangen hinunter. Ihre Taschen und Beutel berühren fast den Boden, so sehr lässt sie die Schultern hängen. Fassungslos verfolgt die Frau das Treiben auf der Straße: Eine Schar von etwa 40 Menschen hat sich zu einem Demonstrationszug versammelt. Sie laufen einem Mann hinterher, der eine Björn-Höcke-Maske trägt. Sie soll den rechtsextremen Politiker verächtlich machen. Doch dieser Höcke ist nicht das, was die Passantin schockiert. Es ist auch nicht der Trabi, der auf dem Anhänger eines Busses liegt. Es sind die blauen Jacken und wehenden Fahnen der jungen Menschen: FDJ steht dort, darunter das Sonnensymbol. FDJ, die Freie Deutsche Jugend, das war die Jugendorganisation der DDR. „Das da ist doch schrecklich“, sagt die Frau, die in der DDR gelebt hat. 1936 gründete sich die FDJ im Pariser Exil, sie kämpfte gegen Faschismus und Krieg. In der DDR wuchs die FDJ zum Jugendverband heran, der einzigen staatlich erlaubten Jugendorganisation, mit bis zu 2,3 Millionen Mitgliedern. Zwar war die Mitgliedschaft in der FDJ zu DDR-Zeiten freiwillig, aber wer nicht eintrat, durfte kein Abitur ablegen und wurde oft nicht zum Studium zugelassen. Im schlimmsten Fall drohte die Einweisung in eine staatliche Umerziehungsanstalt. Die FDJ diente als Kaderschmiede der SED, hier hatten Heranwachsende die Staatsideologie zu verinnerlichen.


Sozia lis mus Die 19-jährige Frieda ruft zur Revolution auf. Ohne diese gehe der Systemwandel nicht.


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Zur Abschlusskundgebung ihres Zuges durch Zwickau schwenken Sympathisanten eine Fahne der DDR. Die FDJ-Mitglieder behaupten: Sie seien keine Nostalgiker.


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„Was ist uns’re Antwort auf Krieg und Faschismus“, ruft die 19-jährige Frieda in das Megafon, das sie in der rechten Hand hält. „Revolution und Sozialismus“, antworten alle im Chor. Neben dem Zug der Jugendlichen laufen FDJ-Aktivisten, die Passanten ansprechen und Flugblätter verteilen. Viele Zettel landen zerknüllt auf der Straße. „Die gibt’s noch?“, ist die Frage, die die FDJ-Leute an diesem Märzwochenende besonders oft hören. Verblüfft bleiben auch zwei Männer auf dem Platz vor dem Zwickauer Rathaus stehen, an dem die Truppe gerade vorbeigezogen ist, Protestchöre singend, von Akkordeon und Schalmeien begleitet. „Die kommen hier um die Ecke, ich weiß nicht, was ich denken soll“, sagt einer der beiden. „Ach, das ist wirklich die FDJ?“ fragt der andere. In der Bundesrepublik wurden die FDJ und ihre Symbole im Jahr 1951 verboten, weil sie als verfassungswidrig galten. Doch nach der Wiedervereinigung blieb die östliche FDJ erlaubt. Anders als viele Verbände der DDR löste sie sich nicht auf. Stattdessen wurde auf einer Konferenz im Januar 1990 trotz der dramatisch sinkenden Mitgliederzahlen beschlossen, einfach weiterzumachen. „Wer uns tot glaubte, dem sei gesagt, dass wir leben“ schreibt die FDJ heute auf ihrer Homepage. Anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums der Deutschen Einheit hat sie am ersten März-

Was ist eigentlich die FDJ? Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) gründete sich in den Dreißiger Jahren im Pariser Exil. In der DDR war die FDJ der einzige erlaubte Jugendverband. In dieser Zeit wuchs sie auf bis zu 2,3 Millionen Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren. Wer kein Mitglied war, durfte kein Abitur machen und wurde im schlimmsten Fall in eine Umerziehungsanstalt gebracht.

wochenende ihre Kampagne in Zwickau begonnen. Das Motto: 30 Jahre sind genug – Revolution und Sozialismus. Für den Kampagnenzug, der nach vielen Stationen in ostdeutschen Städten am 3. Oktober in Berlin ankommen soll, habe sich die FDJ für Zwickau als Ausgangspunkt entschieden, sagt Kattrin Kammrad. Die Medizinisch-technische Assistentin aus Bremen ist eine der Leiterinnen des Kampagnenbüros der FDJ. Das ganze Land in Arbeiterhand In Zwickau steht eine Fabrik von Volkswagen. Was das Unternehmen bundesweit als Vorzeigewerk propagiert, ist für die FDJ lediglich ein Symbol der Unterdrückung. Auf dem Flugblatt, das an diesem Wochenende verteilt wird, ist den Arbeitern des „geraubten VEB Sachsenring“ – also dem Volkseigenen Betrieb Sachsenring, wie das VW-Werk in der DDR hieß – viel Platz gewidmet. Früher wurde im Werk der Trabi gefertigt. Eine der Forderungen, die die FDJ während der zwei Tage in Zwickau immer wieder ruft und die hier besonders begeistern soll: „Das ganze Land in Arbeiterhand!“ Denn bei der Kampagne gehe es auch darum, im Osten des Landes um Anhänger zu werben, erklärt Kattrin Kammrad. Wie viele Mitglieder die FDJ aktuell zählt, dazu will sich Kammrad nicht äußern. Es seien genug, um reichlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die 19-jährige Frieda mit dem Megafon, die ihren Nachnamen nicht nennen will, ist eines der neusten Mitglieder. Wenn sie die Losungen ruft, dann liest sie oft von einem kleinen Zettel ab. An einem Freitag Ende November letzten Jahres sei sie in der bayerischen Stadt, in der sie wohnt, zum ersten Mal auf einer Demonstration von Fridays for Future gewesen, als ein FDJ-Aktivist sie ansprach. Noch am Nachmittag sei sie zu einem Treffen der FDJ-Ortsgruppe gegangen. „Die konnten mir viel erklären und ich habe einige Fragen gestellt“, sagt Frieda.

Sozia lis mus

Die FDJ fordert Sozialismus. Dass nach 30 Jahren wieder die blauen Fahnen durch Zwickau getragen werden, hat viele Einwohner überrascht.


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Manche FDJ-Aktivisten haben sich für ihre Demonstration verkleidet: Eine Frau trägt die Uniform der Bundeswehr, ein Mann im Bananenkostüm das Gesicht von Höcke. So soll das aktuelle System kritisiert werden.

Inzwischen trägt auch sie eine strahlend blaue Jacke mit dem FDJ-Logo auf dem rechten Oberarm. Mit gelbem Garn hat sie es angenäht. Die Genossen – so nennen sich die Mitglieder der FDJ und ihre Unterstützer gegenseitig – bezeichnet sie pauschal als ihre Freunde. „Es ist cool, ein gemeinsames Ziel zu haben, eine gemeinsame Vorstellung von der Welt, wie sie sein kann“, sagt sie. Sie kämpfe für eine bessere Welt, in der Arbeiter nicht mehr ausgebeutet würden. In ihrer Freizeit liest sie Marx und Lenin. Das Märchen von der Annexion der DDR Am Morgen hat Frieda ihre erste Rede gehalten. Die FDJ-Anhänger sind durch einen Zwickauer Randbezirk gezogen. Anders als in der Innenstadt reihen sich hier viele Plattenbauten aneinander. „Hier ist es schön“, meint Selim Ramay so unbekümmert, als wandere er vor einer traumhaften Bergkulisse durch die Alpen. „Hier wohnen die Arbeiter.“ Ramay ist einer der Fahnenträger. Immer wieder lässt er sich von seinen Begleitern eine Zigarette drehen – mit einer Hand geht das schlecht. Auf ihrem Weg durch die Siedlung klingeln die FDJ-Leute an Haustüren und bieten Gespräche an. Wenige Anwohner gehen darauf ein, die meisten betrachten das Treiben auf der Straße von ihren Balkonen aus. Nur eine Frau winkt euphorisch mit einer roten Fahne von einem Balkon in der ersten Etage, als wolle sie so die sozialistischen Gedanken der Demonstranten unterstützen. Die FDJ-Aktivisten klatschen. Frieda läuft im Gleichschritt neben dem blauen Lastwagen mit Münchener Kennzeichen, der ganz hinten im Zug fährt. Am Ende einer Straße kommt der Wagen zum Stehen. Der Fahrer reicht ihr ein schwarzes Mikrofon durch das geöffnete Fenster. „Schön langsam reden“, rät ihr ein Genosse. Friedas Kinn zittert. In der linken Hand hält sie einen Zettel. Mit einem Bleistift hat sie darauf ihre Rede notiert, erst kurz vor dem Schlafengehen in der Nacht zuvor. Damit sie es besser le-

sen kann, jeden Buchstaben mit Kugelschreiber nachgezogen, die Schlüsselbegriffe mit gelbem Textmarker markiert. Es fiept über die Lautsprecher, die auf dem Wagen montiert sind. „30 Jahre sind genug! Ihr seht doch, was in den letzten 30 Jahren in diesem Land geschehen ist“, so fängt sie an. Knapp zwei Minuten dauert ihre Rede. Kein Wort verliert sie über die Mauer, kein Wort über die Grenzsoldaten, die auf fliehende Menschen schossen, kein Wort über all die Stasi-Spitzel im vermeintlich besseren Deutschland. Am Ende läuft Frieda zurück zur Gruppe. Sie versucht, sich einzureihen und bleibt dann doch am Rand stehen. Sekunden später kommt ein Genosse auf sie zu und legt Frieda, die um einiges größer ist als er, die Hand auf die Schulter. „Geile Rede, Frieda!“, sagt er. „Ja, volle Kanone“, meint ein anderer. Um das Land in den Sozialismus zu führen, brauche es eine Revolution. Nach Friedas Verständnis soll jedoch niemand ermordet werden: Notfalls genüge auch Exil oder Haft, für Kapitalisten und Faschisten. Nicht alle Genossen sehen das so. Etwas abseits des Zuges unterhalten sich zwei von ihnen über den richtigen Kampf, den die FDJ statt der aktuellen Kriege führen wolle. Das sowjetische Lied Der Heilige Krieg ist eines von vielen, die immer wieder über die Lautsprecher hallen. Am Samstagnachmittag folgt der Höhepunkt der Kampagne. Ein großer Park in Zwickau. Die sogenannten Genossen haben sich vor dem Ehrendenkmal nebeneinander aufgereiht. In der Mitte steht Frieda vor einer Treppe, die auf das Denkmal führt. Das Monument erinnert an die Opfer des Naziregimes. Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion sei die Ausbeutung der Arbeiter auch im Westen des Landes schlimmer geworden, sagt Frieda. Solange es die DDR gab, habe sich der Westen attraktiv halten müssen. „Sonst sagen doch die Arbeiter im Westen, wir kriegen im Osten besseren Lohn, wir werden da nicht ausgebeu-


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Jetzt seid ihr dran Eineinhalb Tage lang haben Frieda und ihre Genossen vor Zwickauer Schulen, bei VW und in Randbezirken Zwickaus um Mitdemonstranten geworben, oft ohne Erfolg. Nur eine Handvoll Gleichgesinnter hat sich ihnen angeschlossen. Im Wind wehen inzwischen auch eine DDR-Fahne und eine selbstgemalte Flagge, die mit dem gelben Hammer und der gelben Sichel auf rotem Untergrund an die Fahne der Sowjetunion erinnert. Frieda erzählt von einer Lehrerin, die mit ihren Kollegen in der Pause heimlich unter der Treppe geraucht habe. Beim Anblick der blauen Jacken habe sie den Gruß der FDJ „Freundschaft!“ gerufen. Als Frieda ihr ein Flugblatt geben wollte, habe sie jedoch abgelehnt. Frieda selbst hätte kein Problem gehabt, in der DDR zu leben. Das behauptet sie jedenfalls heute, 30 Jahre später. „Ich würde versuchen, diesen Sozialismus zu verbessern: ihn gut zu machen und nicht so unterdrückerisch und diktatorisch.“ Von den Menschen, die das System verändern wollten und denen daraufhin die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, auch von ihnen, sagt Frieda, wisse sie nichts. „Unter dem Deckmantel des Antifaschismus machen sie nichts anderes als die Rechten, sie nennen es bloß anders!“, hat eine Frau am Vortag den Demonstranten hinterher gerufen. Sie selbst sei 26 Jahre alt gewesen, als die Mauer fiel, erzählte diese Frau. Bis dahin habe sie Tag für Tag erlebt, was DDR bedeutete – Unfreiheit. Von den Aktivisten wurde ihr vorgeworfen, nicht für eine bessere FDJ gekämpft zu haben. Statt mit ihr zu reden, spielten die Schalmeien lauter, um ihre Vorwürfe zu übertönen. Am Rande des Zuges steht ein Münchener Genosse mit einer älteren Frau aus Sachsen zusammen, die dem Aufruf der

„Es ist cool, ein gemeinsames Ziel zu haben, eine gemeinsame Vorstellung von der Welt, wie sie sein kann.“ Frieda, FDJ-Aktivistin

FDJ gefolgt ist. Sie organisiert antifaschistische Stadtführungen durch Zwickau. Ihre weißen Haare gucken unter einer grauen Baskenmütze hervor. In der Hand hält sie eine Tüte, kramt darin und zieht eine weitere Tüte hervor. Darin hat sie ihre alten FDJ-Hemden verstaut. Sie habe sie aufgehoben, um sie der FDJ gemeinsam mit alten Abzeichen und einem FDJ-Statut zu überreichen. „Jetzt seid ihr dran“, sagt die Aktivistin. Frieda habe viel gelernt, sagt sie nach zwei Tagen. Sie steht auf dem Platz vor dem Rathaus in Zwickau, der Zug ist an seinem Endpunkt angekommen. Zwei Aktivistinnen klettern über eine Leiter auf den Balkon des Rathauses und hissen eine FDJ-Fahne. Sie bekommen dafür eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Dann folgt die Abschlusskundgebung. Danach unterhalten sich die Genossen, darunter auch Kinder, die ihre Eltern davon überzeugt haben, sie in der Schule krank zu melden, damit sie hier dabei sein können. Was sie sagen, geht in der Geräuschkulisse unter. Frieda fährt heute noch nach Hause. Beim nächsten Kampagnentag in Rostock werde sie auf jeden Fall wieder dabei sein. Sie sagt: „Ich kenne diese Solidarität aus meinem eigenen Leben nicht. Es gibt hier etwas, wofür wir alle kämpfen.“

„Die gibt’s noch?“, dachte Marie-Thérèse Harasim, als sie zufällig die FDJ im Netz fand. Sie mailte, rief an. Keine Rückmeldung. Also ging sie hin. Kein Erfolg! Zurück im Internet schrieb sie allen Facebookgruppen mit FDJ im Namen. Irgendwann rief Kattrin Kammrad an. Mit ihr waren Marie-Thérèse und die Fotografin Lena Laine dann in Zwickau unterwegs. — therese_harasim@gmx.de, lenamarialaine@gmail.com

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tet, da geh ich doch in den Osten.“ Von den vielen Menschen, die vor dem Mauerbau im Jahr 1961 in den Westen flohen, wisse sie nichts – genauso wenig wie von politisch Verfolgten, die in den Knast gesteckt wurden. Zwar habe sie schon mal etwas von Mauertoten gehört – so genau kenne sie sich da aber auch nicht aus. Glaubt man der FDJ, dann gab es die Wiedervereinigung nicht. „Da wurde nichts vereinigt, die DDR wurde einverleibt“, sagt die Kampagnenchefin Kattrin Kammrad. Stattdessen reden sie und ihre Genossen von einer Annexion der DDR durch die Bundesrepublik: Die Gesetze seien der Bevölkerung der DDR übergestülpt worden, obwohl die DDR-Bewohner angeblich weiterhin in einem anderen Land hätten leben wollen. Die Volkseigenen Betriebe seien von der Treuhand verschachert worden. Das Ergebnis sei ein Großdeutsches Reich, gegen das die FDJ kämpfe. Ein Weltbild, konstruiert aus einfachen Antworten. Auch Frieda ist davon überzeugt, dass die Montagsdemonstranten in der DDR für die Öffnung der Grenzen und nicht für die Wiedervereinigung auf die Straße gegangen seien. „Die Menschen in der DDR haben nicht verstanden, warum da eine Grenze war, warum da eine Mauer war – die meisten wollten die DDR“, behauptet sie, ohne dafür einen Beleg zu haben. Frieda aus Bayern hat nur im Geschichtsunterricht von der DDR gehört. Sie weiß nicht viel über diesen Staat, von dem sie vorgibt, sogar die Motive seiner Bewohner durchschaut zu haben.


Kerrin, 25

Tobias, 26

Marnie, 34

Roman, 35

Kathrin, 30

Kai, 33

Paula, 26

Alle reden über Grün. Wir sind es schon. Uns liegen Umwelt- und Klimaschutz am Herzen. Deshalb kommunizieren wir für die Deutsche Bahn. Kein Job wie jeder andere. www.deutschebahn.com/presse twitter.com/DB_Presse Susan, 38 Lisa, 26

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Fotos: Pablo Castagnola

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Einsichten 18: Das Magazin der Evangelischen Journalistenschule  

Echt jetzt? Wie uns die Teilung nach 30 Jahren Einheit noch immer prägt

Einsichten 18: Das Magazin der Evangelischen Journalistenschule  

Echt jetzt? Wie uns die Teilung nach 30 Jahren Einheit noch immer prägt

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