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Krim-Krise als kurzfristiges Störfeuer an der Börse Was die Finanzmärkte im zweiten Quartal in Atem halten wird und welche ­Investmentchancen sich ergeben, haben Experten bei dem von DerBörsianer und ­Metrum Communications veranstalteten Expertenforum Q-Check 15.0 analysiert. AUTOR DOMINIK HOJAS FOTO CLEMENS BEDNAR

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lexandre Dimitrov, Leiter CEE-Aktienfonds der Erste Sparinvest KAG, sieht die Entwicklung in Russland und in der Ukraine erst in der Mitte des wirtschaftlichen und politischen Prozesses. Die Ukraine liege geografisch, wirtschaftlich und menschlich genau in der Mitte zwischen Europa und Russland. „Ein Entweder-oder wird es daher nicht geben.“ Russlands Wirtschaft wiederum habe bereits vor der Krim-Krise geschwächelt, nun sei sie vor allem vom Kapitalabfluss und von steigenden Zinsen betroffen. „Der Aktienmarkt ist aber schon länger auf Krisenniveau bewertet. Das wird auch so bleiben. Selbst gute Unternehmen sind sehr billig, was Potenzial schafft. Denn Russland hat gesehen, wie profitabel es ist, im Welthandel aktiv zu sein. Und diese Erkenntnis wird bleiben. Russland hat daher Zukunft, und auch einen Markt für die Zukunft.“ „Die Märkte werden von Wachstum, Inflation, Arbeitsmarkt und den Zinsen getrieben und nicht von Russland“, bringt Martin Bohn, Chief Investment Officer der Bawag PSK Invest, seinen Ausblick auf den Punkt. Der Wachstumsausblick sei positiv, wobei Europa im Jahr 2014 noch eine schwächere Dynamik ausweisen werde als die USA. Die Auswirkungen auf die Inflation und den Arbeitsmarkt seien daher noch gering, sodass die Zinsen weiterhin niedrig bleiben werden. Um Geld zu verdienen, müssten Anleger bereit sein, in Risikopapiere zu investieren. Unverändert sieht er High-Yield-Anleihen wie auch Aktien mit attraktiver Dividendenrendite als interessante Beimischung an. Unbeeindruckt von der Krim-Krise entwickle sich der Wiener Immobilienmarkt weiterhin positiv, so Reinhard Prüfert, Geschäftsführer der Örag Immobilien Vermittlungs GmbH. Das Renditeniveau am Büromarkt liege unverändert bei vier Prozent bis sieben Prozent. Das Investoreninteresse, vor allem von deutschen Fonds, sei weiterhin hoch. „Der Büromarkt ist jedoch von einem harten Verdrängungswettbewerb geprägt. Jede Neuvermietung bedeutet anderswo einen Leerstand.“ Am Wohnimmobilienmarkt

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können Anleger trotz der jüngsten Preisrally noch mit Renditen von 3,5 Prozent bis fünf Prozent rechnen. Lediglich bei Altbauten mit Entwicklungspotenzial lägen die Renditen teilweise deutlich darunter. Etwas mehr Sorgen bereitet Jörg Rohmann, Chefanalyst von Alpari Deutschland, der aktuelle Konflikt zweier Rohstoffgiganten: „Die Ukraine ist die Kornkammer Europas und Russland der zweitgrößte Öl- und Gasproduzent und bei Industriemetallen wie Nickel oder Palladium sogar weltweit die Nummer eins. Die Preise haben bereits spürbar angezogen; eine mögliche Sank­ tionsspirale beziehungsweise Angebotsverknappung ist bereits eingepreist.“ Die starke Abwertung des Rubels würde zudem die Inflation in Russland anheizen und das Zinsniveau anheben. Der Binnenkonsum würde darunter leiden, und Russland könnte sogar in die Rezession abrutschen. Derzeit gibt es für Rohmann nur einen klaren Profiteur der Krise – die Rüstungsindustrie: „Die Krim-Annexion hat die seit dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende Sicherheitsarchitektur auf den Kopf gestellt. Ein weltweiter Aufrüstungswettbewerb könnte die Folge sein.“ Der aktuelle Konflikt habe das Vertrauen in Russland und Russland-Investitionen sicher gesenkt, so Eduard Zehetner, CEO der Immofinanz AG. Eine weitere Eskalation der Krise sei jedoch nicht zu erwarten: „Derzeit diskutieren wir über Auswirkungen nichtvorhandener Sanktionen, die auch nicht kommen werden. Die Diskussion geht daher am Thema vorbei.“ Direkte Auswirkungen auf die Immofinanz AG gäbe es bisher nicht. Eine länger andauernde Wirtschafts- und Rubelschwäche könnte jedoch auch den stark in Russland vertretenen Immobilienkonzern belasten. „Unsere Kunden würden dann unter Druck geraten, da sie unsere Mieten in US-Dollar oder Euro bezahlen müssen.“ Insgesamt sieht er die Lösungskompetenz der Politik eher kritisch: „Die Ukraine muss sich von innen heraus erneuern. Blind Geld zu schicken, ohne den korrekten Einsatz zu kontrollieren, bringt nichts.“

06.04.14 19:21

DerBörsianer 3. Ausgabe, Q2 2014  

Das Fachmagazin für den österreichischen Kapitalmarkt

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