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MARKTGEFLÜSTER

MÄRKTE

ÖSTERREICHPENSION STATT ZUKUNFTSVORSORGE

MARTIN KWAUKA JOURNALIST Martin Kwauka ist freier Wirtschaftsund Finanzjournalist. Im ­Auftrag von D ­ erBörsianer füllt er diese Seite ­regelmäßig mit ­seinen ­Gedanken.

Die Zukunftsvorsorge ist wegen Konstruktionsfehlern an die Wand gefahren. Die private Vorsorge benötigt dringend ein neues Vehikel mit staatlicher Förderung. Eine Österreich-­ Pension via Pensionskassen kann die dritte Säule wieder auf ein solides Fundament stellen.

Eine Reform ist längst überfällig. Laut

onskassen für individuelle Kunden.

testens bis 31. Dezember 2015 umfas-

„Ein Ausweg ist die Ö ­ ffnung der Pensionskassen für ­individuelle Kunden.“

send evaluieren. Doch keiner wagte,

MARTIN KWAUKA

triebsräte, schon jetzt profitieren und

Arbeitsprogramm musste die Bundesregierung die Zukunftsvorsorge spä-

die heiße Kartoffel anzufassen. Dabei

Schließlich kann die SPÖ kaum eine Institution verteufeln, von der viele ihrer Mitglieder, darunter mächtige Bedie schon heute Abgeordnete zum Nati-

ist der Handlungsbedarf eindeutig: Ein

onalrat und andere Politiker durch frei-

Großteil der 1,6 Millionen bestehenden Verträge stottert nur

willige Einzahlungen nutzen dürfen. Wenn nicht wie bisher

noch dahin. Laut Analyse der Finanzmarktaufsicht erzielte die

nur 23 Prozent aller Arbeitnehmer, sondern alle Bürger pro-

Hälfte der Verträge selbst im guten Investmentjahr 2014 bloß

fitieren dürfen, entsteht eine echte Österreich-Pension. Die

0,7 Prozent Ertrag oder weniger. Das Neugeschäft ist prak-

Vorteile sind vielfältig: Die Kosten der Pensionskassen sind

tisch tot: Alle Fondsgesellschaften sowie große Versicherun-

deutlich tiefer als in der bisherigen privaten Vorsorge, selbst

gen wie Allianz und Uniqa haben sich komplett zurückgezo-

wenn die Kassen die Spesen für Individualkunden wegen des

gen. Finanzminister Hans Jörg Schelling räumt Probleme ein

höheren Aufwands leicht erhöhen. Die Erträge sind langfris-

und ersucht jetzt die Branche um Reformvorschläge.

tig mit durchschnittlich gut fünf Prozent herzeigbar. Selbst

Das Pflichtenheft ist klar: Neue Produkte müssen Chancen

im Katastrophenjahr 2008 waren die Verluste mit im Schnitt

auf attraktive Erträge haben, kostengünstig sein und gleich-

12,9 Prozent zu verschmerzen und wurden in den beiden fol-

zeitig Sicherheit vor schmerzlichen Verlusten bieten. Und

genden Jahren mehr als aufgeholt. In jedem bisherigen Zehn-

schließlich, nicht ganz unwichtig: Sie müssen auch politisch

jahreszeitraum lagen die Erträge weit über dem, was heute die

durchsetzbar sein. Das ist die größte Herausforderung. Die

Zukunftsvorsorge erwirtschaftet. Man kann sich also die teu-

Stellungnahmen der Parteien unterscheiden sich diametral

re Kapitalgarantie ersparen. Das Einzige, was der Kunden ma-

(Seite 82). Besonders weltfremd ist SP-Sozialsprecher Josef

chen müsste, ist eine Pensionskasse auswählen und dort einer

Muchitsch: Er fordert Kapitalsicherung, Mindestverzinsung

offenen Veranlagungsgemeinschaft beitreten. Die Wahl zwi-

und vorzeitige Ausstiegsmöglichkeit. Wer die Altersvorsorge

schen zum Beispiel drei Risikoklassen konservativ, ausgewo-

nicht nur mit Gürtel, sondern zusätzlich auch noch mit Ho-

gen und dynamisch wäre sicher keine Überforderung. Nutz-

senträgern absichern möchte, will in Wahrheit keine private

nießer wären nicht nur Millionen Kunden. Es würden viele zu-

Vorsorge. Selbst der bloße Kaufkrafterhalt der eingezahlten

sätzliche Milliarden den Kapitalmarkt und den Finanzstand-

Prämien würde im Muchitsch-Modell angesichts der tiefen

ort Österreich beleben. Und zu guter Letzt wird die Gefahr von

Zinsflaute zur Illusion. Die Bredouille: Ohne Zustimmung der

Altersarmut gedämpft und der Sozialstaat stabilisiert. Viel-

SPÖ kann jede sinnvolle Reform blockiert werden.

leicht leuchtet dieses Argument sogar einem SP-Sozialspre-

Ein Ausweg aus diesem Patt ist die Öffnung der Pensi-

cher ein. n

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DerBörsianer 13. Ausgabe, Q2 2016  

Das Fachmagazin für den österreichischen Kapitalmarkt

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