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Solvency II lässt Köpfe rauchen Kein österreichischer Versicherer wartet mehr auf das tatsächliche Inkrafttreten des neuen aufsichtsrechtlichen Regelwerks Solvency II, alle sind mitten in der Implementierung. Doch welche Kennzahlen berechnet werden sollen, steht noch nicht fest. autor Barbara Ottawa

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ier Experten beurteilen die Einführung des neuen aufsichtsrätlichen Regelwerks kritisch. „Es ist, als ob man einen Modellflieger in einen Airbus umbauen wollen würde“, fasst Kurt Svoboda, Risikovorstand der Uniqa Insurance Group (Uniqa), die Umstellung der Versicherungsbranche auf das neue Aufsichtsregime Solvency II zusammen. Dabei ist es noch gar nicht in Kraft getreten, wichtige Teile sind noch nicht ausverhandelt, und mit jeder neuen Tagungsrunde scheint das Regelwerk komplizierter zu werden. Martin Simhandl, Finanzvorstand der Vienna Insurance Group (VIG), nennt Solvency II „sehr komplex“. Auch Werner Müller, im Vorstand der Allianz Versicherungs AG (Allianz) für das Ressort Finanzen zuständig, bezeichnet Solvency II als „eine tiefgreifende Veränderung für die Versicherungswirtschaft“. Wolfgang Wienert, Leiter des Bereichs Risikomanagement und Controlling bei der Österreichtochter der Schweizer Helvetia Versicherungen AG (Helvetia), bedauert deshalb kleinere Versicherer ohne großen Mutterkonzern: „Es ist ein eindeutiger Mehraufwand im Risikomanagement und Reporting. Vieles davon hat bei uns der Konzern übernommen.“

Die Suche nach dem heiligen Gral Seit der Finanzkrise zur Jahrtausendwende wird auf europäischer Ebene versucht ein aufsichtsrechtliches Regelwerk zu fin-

den, das Versicherungen und versicherungsförmige Einrichtungen zwingt, sich besser mit Eigenkapital auszustatten. Es soll auch dafür sorgen, dass ähnliche Einrichtungen in unterschiedlichen Ländern besser vergleichbar werden. Aber das Problem ist, dass genau das eigentlich nicht möglich ist. Kurz vor der jüngsten Krise 2008 wäre man beinahe so weit gewesen, das bisherige Regelwerk Solvency I, das kein einheitliches, risikobasiertes Aufsichtsrecht darstellt, ersetzen zu können. Aber das neue Kind stellte sich im Zuge des Kollapses der Finanzmärkte als Totgeburt heraus. Eines der zentralen Elemente von Solvency II ist nämlich die marktnahe Bewertung von Aktiva und Passiva. „Für die Aktiva wird der Marktwert herangezogen, und für die Passiva wird ein ‚Marktwert‘ künstlich durch Abzinsung errechnet. Dadurch verändert sich die Aktivseite nicht gleichläufig mit der Passivseite, was künstliche Volatilitäten zur Folge hat. Das passt nicht mit dem Langzeitgeschäft der Lebensversicherer zusammen“, erläutert Simhandl. Müller bringt es auf den Punkt: „Das System versucht, ein Geschäft, das 80 Jahre dauert, so zu bewerten wie ein Derivat, das täglichen Wertschwankungen ausgesetzt ist“. Er rechnet vor, dass starke Kapitalmarktschwankungen „bedeuten können, dass ein Versicherer an einem Tag insolvent ist und am anderen wieder über ausreichende Eigenmittel verfügt“. Kurt Svoboda

Solvency II bringt Transparenz.

DerBörsianer 1. Ausgabe, Q4 2013  

Das Fachmagazin für den österreichischen Kapitalmarkt

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