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Visier nach oben Anders sein als Chance – wie der SC Freiburg für die 50+1-Regel kämpft.

Die große Mehrheit der Fußballfans will unbedingt an der 50+1-Regel festhalten. 86,7 Prozent der Anhänger aller Vereine wollen die Klausel bewahren, hat ein Nürnberger Marktforschungsinstitut in einer repräsentativen Studie ermittelt, die auf der Befragung von fast 6.000 Personen beruht und Ende 2016 im Magazin Sponsors veröffentlicht wurde. Dennoch gibt es aus dem offiziellen Fußball heraus kaum einmal Bekenntnisse zu ihrem Erhalt. Und wenn, dann sind es allenfalls staatstragende und mehr oder weniger nichtssagende Plädoyers für den Erhalt des Status quo. Doch um Strukturkonservatismus geht es nicht mehr. Die 50+1-Regel ist akut bedroht, es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der Klageweg nach Luxemburg beschritten werden kann, wo die Entscheidung offenbar bereits feststünde – zumindest läge sie in der Logik der freien Märkte, dem Heiligen Gral der EU-Ideologen. Wenn die 50+1-Regel also wirklich Bestand haben soll, dann müsste jetzt politischer Druck erzeugt werden. Und zwar öffentlich. Doch weder aus der Branche und schon gar nicht aus den Verbänden hört man kämpferische Plädoyers oder gar Forderungen an die Politik – mit zwei Ausnahmen. Da wäre zum einen FC-St.-Pauli-Manager Andreas Rettig, die andere kritische Stimme ist die von Christian Streich. Freiburgs Trainer nimmt bekanntlich auch dann kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, vor der AfD oder dem Front National zu warnen. Kein Wunder also, dass er sich schon gar nicht den Mund verbieten lässt, wenn es das ureigene Interesse des SC Freiburg tangiert, des Vereins also, für den er seit über 20 Jahren arbeitet. »Es geht darum, das Spiel vor der vollständigen Kommerzialisierung zu schützen, damit das Geld nicht irgendwann – symbolisch gesprochen – über dem Spielfeld liegt und das Spiel und die Menschen, die es lieben, gar nicht mehr erkennbar sind. Deshalb verstehe ich nicht, dass 50+1 nicht weiterhin so geschützt wird wie bisher. Ein Verein gehört nicht einem Menschen«, sagte Streich dem Kicker im April 2017 und kritisierte gleichzeitig die Ausnahmeregelungen, die der DFB gewährt hat. »Deutschland hat sportpolitisch in den vergangenen 20 Jahren vieles richtig gemacht. Deshalb kommen die Fans noch ins Sta43

Christoph Ruf: Fieberwahn – Leseprobe  
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