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SCHREIB AKADEMIE

WERKSCHAU TEXT BAND 9


INHALTSVERZEICHNIS

GÄNSERNDORF

Schreibakademie Gänserndorf

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Herbert Eigner

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Anna Egger

10

Luca Ewert

13

Noah Ewert

15

Francesca Ghitea

17

Nils Horling

20

David Kadar

22

Alois Leidwein

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Marlene Leidwein

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Gemeinschaftsarbeiten

28

GMÜND

Schreibakademie Gmünd

31

Robert Kraner & Robert Schindel

33

Benjamin Göschl

34

Nina-Karin Kahl

38

Nicole Schmid

40

Michelle Zeiler

45

1


INHALTSVERZEICHNIS

HOLLABRUNN

2

Schreibakademie Hollabrunn

49

Gerhard Ruiss & Elisabeth Schรถffl-Pรถll

51

Georgina Frasl

52

Clarissa Hasenberger

55

Lena Kirchner

58

Janina Lรถrinczi

61

Diana Melody Micheal

64

Jan Waldhart

67

David Weihs

69

Sophie Winkler

71

HORN

Schreibakademie Horn

73

Rudolf Aubrunner

75

Elliott Chan

76

Fabian Stummer

80

Gemeinschaftsarbeit

88


Mร–DLING

Schreibakademie Mรถdling

107

Lena Wiesbauer & Markus Tobischek

109

Elodie Arpa

110

Lara Drakos

113

Bianca Fellner

118

Aleksa Lazovic

125

Sophia Panek

129

Robin Max Reisenauer

132

Claudia Zenz

136

PERCHTOLDSDORF

3

Schreibakademie Perchtolsdorf

143

Barbara Winzely & Ulrike Bergsmann

145

WOLKERSDORF

Schreibakademie Wolkersdorf

147

Irene Strรถmer

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Charlotte Geidans

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Victoria Schwab

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David Stรถckl

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Lena Suete

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„Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.“ Heinrich Heine

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Öffnet man ein Buch, betritt man einen unbekannten Kontinent. Alleine durch Worte kreieren Schriftsteller und Autorinnen fabelhafte Welten. Sie sind ­Magier und Magierinnen, die es ver­ stehen, uns mittels Vorstellungskraft zu bezaubern. Unsere Gesellschaft braucht fantasiebegabte Menschen. Auch wir als Politiker können nur das realisieren, was zuvor als schöne Zukunftsvision gefühlt und gedacht wurde. Die NÖ Kreativ­ akademie ist das beste Beispiel dafür. Aus dem Wunsch, Kindern und Jugendlichen ein breites Angebot an kreativen

Dr. Erwin Pröll Landeshauptmann

Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, wurde im Laufe der Jahre eine ansehnliche Organisation. Verteilt im ganzen Land werden an 34 Orten unzählige Kurse offeriert, bei denen Profis den jungen ­Talenten zur Seite stehen, um sie in ihrer Entwicklung zu fördern. Das Programm wird so gut angenommen, dass wir es jedes Jahr um neue Angebote und Kursorte erweitern können. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der NÖ Schreibakademie entführen uns im vorliegenden Band in ihre Sprachwelten voller Klugheit, Sensibilität und Humor. Unser großer Dank gilt allen Beteiligten, den Referentinnen und ­Referenten und dem Organisationsteam für ihre wertvolle Arbeit und den Eltern für die Unterstützung. Wir wünschen viel Lesefreude mit der vorliegenden Werkschau!

Mag. Wolfgang Sobotka Landeshauptmann-Stellvertreter


„Die Sprache ist gleichsam der Leib Georg Wilhelm Friedrich Hegel des Denkens.“ Junge Menschen lernen in der Niederösterreichischen Schreibakademie ihre Gedankenwelt aufs Papier zu bringen. Sie geben ihrer Sprache unter der Anleitung erfolgreicher Autorinnen und Autoren den letzten Schliff und liefern uns in der Werkschau Text das beeindruckende Resultat ihres kreativen Schreibprozesses. Die Standorte der Schreibakademie in Gänserndorf, Gmünd, Hollabrunn, Horn, Mödling, Perchtoldsdorf und Wolkersdorf sind Teil eines weitverzweigten Netzwerks der Kreativitätsförderung in Niederösterreich. Insge-

Martin Lammerhuber Holdinggeschäftsführer KULTUR.REGION.NIEDERÖSTERREICH

samt wurden im Schuljahr 2014/15 66 Akademien an 34 Standorten im gesamten Bundesland angeboten. Akademie für Schmuck- und Metallgestaltung, Bildhauerakademie, Filmakademie, Fotoakademie, Journalismusakademie, Malakademie, Musicalakademie, Schreibakademie, Schauspielakademie und Schmiedeakademie – die Angebotspalette der Niederösterreichischen Kreativakademie ist genauso breit gefächert wie die kreativen Talente junger Menschen und eine perfekte Ergänzung des viel­ fältigen, lebendigen und regionalen Angebots der KULTUR.REGION. NIEDERÖSTERREICH. Wir gratulieren den jungen Literaten zu ihrer Werkschau und bedanken uns bei den Referierenden, dem Bundesland Niederösterreich, den Kreativakademie-Gemeinden sowie den Eltern für ihre Unterstützung. Genießen Sie die Texte und lassen Sie sich inspirieren!

Mag. Rafael Ecker Geschäftsführer NÖ KREATIV GmbH

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SCHREIB AKADEMIE

GĂ„NSERNDORF Klasse Herbert Eigner

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TEILNEHMENDE Anna Egger Luca Ewert Noah Ewert Francesca Ghitea Nils Horling David Kadar Alois Leidwein Marlene Leidwein


Schreibakademie GÄNSERNDORF 8

SCHREIBAKADEMIE GÄNSERNDORF Gänserndorf: Bezirkshauptstadt im Marchfeld Gänserndorf: Pendlerstadt Gänserndorf: Dorf, aus den Fugen geraten Gänserndorf: Schulstadt Mit dem Wintersemester 2014 wurde erstmals in Gänserndorf eine Schreibakademie angeboten. Es dauerte zwar, bis das Ganze ins Laufen kam, und es bedurfte schon einer persönlichen Werbe­ kampagne, aber es hat sich gelohnt. Acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten gewonnen werden. Standesgemäß tagt die Schreib­ akademie Gänserndorf in der Stadtbücherei. Umgeben von zahllosen Büchern. Dankenswerterweise wurden uns die großen Keller­ räumlichkeiten – Tür an Tür mit der Musikschule – zur Verfügung gestellt. In denen auch vor Weihnachten die erste Lesung – in ­Kooperation mit der Gänserndorfer Schauspielakademie – über die Bühne gebracht wurde. Mit großem Erfolg. Das lässt auf eine posi­ tive literarische Zukunft hoffen: Gänserndorf: Schreibstadt. Literat_innenstadt PS.: Danke der Stadtgemeinde und dem Team der Bücherei für die Unterstützung und Betreuung!


Geboren 1980, lebt in Groß-Enzersdorf. Schon während des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft Arbeit als Regieassistent in der freien Theaterszene ­Wiens. Mittlerweile bin ich selbst Regisseur und auch schauspielerisch tätig. Als Schriftsteller schreibe ich vor allem Kurzprosa, Gedichte und Theaterstücke. Mein erster Roman ist in Arbeit. Seit 2011 bin ich auch Dozent bei der Schauspielakademie GroßEnzersdorf. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist immer eine große Herausforderung. Und ich habe sowohl bei der Schauspielals auch der Schreibakademie von den jungen Menschen mehr ­lernen können als sie von mir. Die Arbeit und Auseinandersetzung mit Menschen ist mir sehr wichtig. Ob das jetzt in der Kreativ­ akademie, in meinen Texten oder meinem Beruf als Jugendarbeiter in Berndorf ist. Publikationen (Auswahl): „himmelstränenfeuerland“ (2006, Edition vabene) „Vergessen spielen“ (2009, Literaturedition Niederösterreich) „Die Zeit der großen Suche“ (2014, Echter Verlag)

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Schreibakademie GÄNSERNDORF

HERBERT EIGNER

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Schreibakademie GÄNSERNDORF 10

Ich

Anna Egger

ANNA EGGER

Hobbys: Zeichnen, lesen, schreiben, laufen Wenn ich schon einmal in der Vergangenheit gelebt hätte, wäre ich: Pocahontas; weil sie klug und selbstbewusst ist und das macht, was sie will. Ich bin ein Fan von: Eindeutig Kerstin Gier! Ihren witzigen Schreibstil muss man einfach mögen. Das bewundere ich an Menschen: Wenn sie es schaffen, auf die blödesten Kommentare immer einen guten Konterkommentar zu finden. Mein Lieblingswort: unkaputtbar (dieses Wort gibt es zwar nicht, aber genau deswegen ist es toll) Bin ich fotogen? Nein, leider nicht. Bücher, die ich über alles liebe: Die Edelstein-Trilogie (Rubinrot, Saphirblau, Smaragdgrün) und die Silber-Bücher. Selbstverständlich sind alle von Kerstin Gier. Weine ich bei traurigen Filmen oder Büchern? Ähm … Ja. ­Besonders wenn die Charaktere, die man am meisten mochte, wegsterben. Das kann ich nicht ausstehen: Geisterbahnen SCHREIB AKADEMIE


meiner Haut. Aber dieses Wenn und Aber bringt mich auch nicht weiter und zusätzlich lenkt es mich ab. Genau wie das Schwelgen im Selbstmitleid wegen dieser Erniedrigung. Besser ich versuche mich und Lucy aus dieser Sache möglichst lebendig wieder rauszuholen und finde mich mit der Tatsache ab, dass ich verkleidet als Obdachloser auf der Straße sitze. Nicht freiwillig, selbstverständlich, sondern den Forderungen folgend. Jeden Augenblick könnte er mich erschießen. Wenn er gut ist, sogar vom anderen Ende des Platzes, und wenn ich Pech habe, würde ich nicht einmal erkennen, wer es war. Eine Gänsehaut beschleicht mich und ich habe das Gefühl, als wäre es doppelt so kalt wie vorher. Ich verdränge alle Gedanken und mustere wieder die Menschen, die an mir vorbeieilen. Da, die Frau, die mich schon die ganze Zeit anstarrt. Moment. Ist Mr. Unbekannt im Fall des Falles vielleicht sogar eine Ms. Unbekannt? Unmöglich. Das wäre dann doch zu peinlich, von einer Frau herumkommandiert zu werden. Jetzt kommt sie auch noch auf mich zu. Sofort höre ich mit dem Spielen auf, das Lied nervt mich sowieso schon, und taste vorsichtshalber nach meinem Revolver, aber die Frau drückt mir nur einen warmen Döner in die Hand. Häh? Verwirrt man jetzt so seine Opfer? „Sie wissen eh, wo die nächste Essens-Austeilstelle für Obdachlose ist, oder? Ich könnte es Ihnen auch googeln!“, redet die Dame auf mich ein. Wow. Vor ein paar Sekunden habe ich sie noch für eine Kriminelle gehalten. Moment, die hält mich für einen Obdachlosen!? Das ist ja so … erniedrigend. Ungerührt fährt sie fort: „Sprechen Sie kein Deutsch oder warum sehen Sie mich an, als ob mir ein Vogel auf den Kopf geschissen hätte?“ Ihr Vergleich ist zu schön. Sie legt eine kurze Pause ein, in der ich versuche, erstens meine Ehre zu retten und zweitens sie aus dem Bild zu bitten – immerhin muss ich einen Blick auf den Platz haben, um Mr. beziehungsweise Ms. Unbekannt zu sehen, bevor es zu spät ist – aber diese lästige Möchtegern-Helferin lässt mich dann doch nicht zu Wort kommen. Beleidigt schürzt sie die Lippen. „Ein Danke wäre ja das Mindeste, aber … ach so… Sie sind also Ausländer. Okay. Listen. No. Christmas. Songs. On. Eastern. Pleeeaaaaase!“ Endlich erkennt sie, dass das hier nur ein überflüssiger Monolog ist und wendet sich beleidigt ab. Mich lässt das kalt, denn etwas anderes lässt mich vor Schreck erstarren. Da drüben steht er. Er ist der Verkäufer in der Döner-Bude. Und diesmal bin ich mir sicher. Dieses selbstgefällige Lächeln und die Art, wie er mir ohne Worte zu verstehen gibt: Tja, das hier ist eine Kategorie zu hoch für dich. Verloren!

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Anna Egger

Frustriert hauche ich eine kleine Atemwolke in den kühlen Abend des Karfreitags, nur um gleichzeitig zum gefühlten hundertsten Mal die Straßen nach etwas Verdächtigem abzusuchen. Mein Blick schweift und bleibt an den verschiedensten Menschen hängen. Eine alte Frau wird zu den Klängen meiner Ukulele von einem verzweifelten Mann aus einem Lüftungsgitter gezogen, in dem ihr Stöckelschuh­ absatz hängen geblieben ist. Wie wild rudert sie mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Sie sieht aus wie eine zu dick geratene flugunfähige Ente und beinahe hätte ich laut gelacht, wäre da nicht er. Mr. Unbekannt – wie ich ihn nach den unzähligen Versuchen, seine wahre Identität zu finden, einfachheitshalber genannt habe. Und irgendwo hier auf diesem Platz muss er sein und mich heimlich beobachten, während ich ahnungslos weiter „Santa Claus is coming to Town“ spiele. Obwohl in zwei Wochen Ostern ist, aber ich kann keinen anderen Song. Eigentlich verrückt, dass sich hier an so einem friedlichen Platz ein Erpresser aufhält. Das Dumme ist nur: Ich sitze diesmal wirklich und wahrhaftig am kürzeren Ast. Ich, der berühmteste und sicherlich auch der beste Privatdetektiv meiner Zeit. Umso peinlicher, dass ich nun hier in einem schäbigen Kostüm mit einem schäbigen Instrument auf der Straße sitze. Hätte ich ihm nur nicht diesen Safe geklaut und ihm somit keinen gewal­ tigen Strich durch die Rechnung gemacht, dann wäre Lucy jetzt keine Geisel, wir beide nicht in Lebensgefahr und mein Ruf nicht gefährdet. Oh Gott Lucy. Jedes Mal wenn ich an sie denke, spüre ich dieses warme Kribbeln auf

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Mr. Unbekannt


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Sternenkind Als ich endlich aufwache, ist es bereits Nacht. Meine Finger streichen über das kalte Gras. Bevor ich einschlief, war es warm, daran erinnere ich mich noch. Mein Blick fällt auf den See im Tal vor mir und die Wasseroberfläche sieht aus, als wäre sie mit Hundert­ tausenden – ach was, Abermillionen – Kristallen gesprenkelt, die um die Wette funkeln. Die Sterne. Wie mit einem Pinsel wurden farbenfrohe Striche quer über die weiß strahlenden Punkte gezogen. Übereinander, parallel, mal grün, mal blau. Verschnörkelt, gewunden, wie eine sich windende Schlange. Einfach nur abartig schön. Ich weiß, wenn ich jetzt zum Himmel schaue, dann kann ich die Polarlichter über mir sehen. Aber ich will mich von dem Anblick im See nicht losreißen. Vielleicht ist es nur eine Halluzination

und wenn ich dann hinaufschaue, wäre sie fort. In Gedanken male ich bereits den See. Ich muss mir unbedingt jede einzelne Kontur merken. Die Art, wie sich das Mondlicht im Wasser bricht, die Weise, wie die Sterne leuchten, als ob sie gleich vom Himmel fallen würden. Als eine Sternschnuppe fällt, schließe ich für einen kurzen Moment die Augen. Ein Wunsch, doch welcher? Dieser Augenblick soll nie vergehen. War das ein guter Wunsch, oder eher nicht? Ich glaube nicht. Denn ich warte schon seit Ewigkeiten auf den Morgen. Jedenfalls bin ich noch da, im Gegensatz zu meinem Zeitgefühl, das mir sagt, es müssten Monate vergangen sein, Jahre, wenn nicht sogar Jahrhunderte, seit dem Zeitpunkt, als ich diese eine Sternschnuppe gesehen habe. Doch diese Nacht war zeitlos und jeder Stern wurde zu einem Traum. Als Nächstes wünschte ich mir, dass jeder Traum einem Menschen Glück und Freude bringt, denn Träumen ist schön. Vor dieser Nacht habe ich viel geträumt und ich habe es geliebt. Jetzt wache ich über die Träume anderer, aber ich vermisse das Gefühl, selbst einen Traum zu haben. Es fehlt mir. Doch bin ich hier glücklich? Zeit genug, um die Antwort zu finden, hatte ich ja. Aber vermutlich nicht, denn bei jeder Sternschnuppe wünsche ich mir, dass es Morgen wird. Aber das wird es nicht. Nie wieder. Denn der Ort wurde zur Ewigkeit, und ich mit ihm.

Anna Egger

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Selbstbefragung

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Hallo, Luca, darf ich mich interviewen? Ja.

Luca Ewert

LUCA EWERT

Was mache ich so in meiner Freizeit? Ich lese gerne, gehe zur Feuerwehr Gänserndorf. Zur Feuerwehr – interessant! Ja, ich gehe da gerne hin, weil ich anderen Menschen helfen möchte. Was lese ich? Am liebsten „Percy Jackson“. Und warum lese ich gerne? Da kann ich meiner Fantasie freien Lauf lassen. Wie beim Schreiben auch. Wenn ich mich mit nur zwei Adjektiven beschreiben müsste, welche wären das? Nett und sportlich. Ich danke mir für das Gespräch.


Ein Schnäpschen für die Nachbarn Lieber Weihnachtsmann,

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schon lange glaube ich nicht mehr an Dich. Daher ist dies hier kein heuchlerischer Wunschzettel, den ich nur noch schreibe, weil es einfach zu Weihnachten dazugehört. Nein. Das ist ein Abschiedsbrief.

Luca Ewert

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Weihnachten mit Dir war wirklich immer schön. Aber ich hatte Dich in dem Jahr entlarvt, in dem erst Oma und kurz darauf Uroma gestorben war. Nun sitzen wir zwar Heiligabend unter dem Tannenbaum, aber alles, was Weihnachten ausmachte, ist vergangen. Onkel Kalli, Omas Nachbar, kommt nicht mehr verkleidet die Stiegen runter. Jedes Jahr mit seinem roten Mantel und dem angeklebten Bart. Tante Karins Kochbuch in goldenes Geschenkpapier gewickelt. Und daraus las er uns nicht das Auflaufrezept, sondern unsere Schandtaten vor. Um uns immer wieder daran zu erinnern, lieb zu sein. Aber er hielt sich nicht sonderlich an die Liste, die Mama ihm gegeben hatte. Lieber erzählte er uns, was für gute Jungs mein Bruder und ich doch wären. An die Kleiderordnung hielt er sich auch nicht gänzlich. Denn ein Weihnachtsmann in Onkel Kallis Pantoffeln kam mir damals schon suspekt vor. Danach mussten wir immer unterm Weihnachtsbaum singen. Das müssen wir heute auch noch, aber ohne die Tränen von Uroma. Tränen, weil sie

gerührt war und sich freute. Aber auch weil Uropa nicht mehr da war. Die fielen aus ihren Augen, wenn wir „Kling, Glöckchen“ sangen. Uropas Lied, wie sie immer erwähnte, während sie sich schnäuzte, obwohl es alle ja längst wussten. Danach nahmen sich alle erst einmal in den Arm, obwohl mein Bruder und ich jetzt endlich die vielen Geschenke auspacken wollten. Viele Geschenke, weil Oma eine Freude daran hatte, jedes noch so kleine Teil einzeln mit Geschenkpapier zu umhüllen, mit Schleifchen zu versehen und, was nie fehlte, ein Kärtchen mit dem Namen des Beschenkten. Und jedes noch so kleine Paket steckte in unterschiedlichem Papier. Damit es schön viel und schön bunt aussah. Sobald die Geschenke verteilt waren, rannte meine Oma dann in die Küche, um nach dem Essen zu sehen. Obwohl sich darauf alle am wenigsten freuten. Aber nie hatte sich jemand getraut, zu sagen, dass es nicht schmeckt. Zum Glück backte meine Uroma immer genug Kekse und kaufte so viele Leckereien, dass ohnehin schon niemand mehr Hunger hatte, als das Abendessen serviert wurde. Wir Kinder spielten mit allem, was unter dem Weihnachtsbaum gelegen war, während immer mehr Nachbarn hereinspazierten. Dann gab es Schnäpschen für die Großen und warmen Kakao für uns. Heute ist alles ein wenig anders. Am Baum ist kein Lametta mehr, sondern hängen Holzfiguren. Die Geschenke haben jeweils ein einheitliches Papier für jedes Kind. Ohne Kärtchen. Das Essen schmeckt super, aber Nachbarn kommen keine. Nur Mama, Papa und wir Kinder. Aber dieses Jahr werde ich Onkel Kallis Rolle übernehmen, denn meine kleine Schwester glaubt noch an Dich. Lieber Weihnachtsmann, auch wenn es Dich nie gegeben hat, mach es gut. Vielleicht wird es ja irgendwann wieder wie früher. Wenn die Leute ihr Geld nicht weiter für grausige Lichterketten und blinkende Rentiere auf dem Balkon ausgeben. Und für Deinen Plastik­vertreter, der an jedem Haus aufgeknüpft hängt. Sondern für ein Schnäpschen für die Nachbarn. Liebe Grüße, Luca


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Ich

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Baum: Eiche

Noah Ewert

NOAH EWERT

Tiere: Stier, Hund Sternzeichen: Stier Blume: Weihnachtsstern Wohnort: Gänserndorf Dimension: Dritte Dimension Planet: Hinterster Tigermond der Alienstraße von den hintersten Hinterwäldern Farbe: Rotbraungrünsilbergoldschwarz Alter: Zehn Lichtjahre Nervigkeitsgrad: 5 von 100 (Selbsteinschätzung) SCHREIB AKADEMIE

Ausrastungsgrad: 100 von 100 (ebenfalls Selbsteinschätzung)


Im Land der Zeitlosen

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Es war einmal zu einer Zeit und an einem Ort, an die sich keiner mehr erinnern kann, da ward einer armen Frau ein Kindlein geboren. Das Kindlein war so rein und gütig, dass jeder es sofort lieb haben musste. Doch nach drei Nächten, kurz bevor die Uhr zwölf schlug, verstarb das Kindlein.

Noah Ewert

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Seine Mutter wollte es nicht allein lassen auf dem langen Weg in den Himmel. Also wickelte sie es in ihr bestes Tuch, nahm es in den Arm und trug es selbst zur Himmelspforte. Dort stand sie dann in ihren ärmlichen Gewändern vor Petrus. Dieser sprach zu ihr: „Das Kindlein will ich wohl hereinlassen. Dich aber schicke ich heim, denn nur die Toten dürfen über diese Schwelle treten.“ Die Mutter weinte so bitterlich, denn sie wollte sich nicht von ihrem Kindlein trennen.

Dann aber entdeckte sie einen von vielen großen und kleinen Kerzen hell erleuchteten Raum. Als sie ihn betrat, stand der leibhaftige Tod vor ihr. Es schien so hell und wohlig warm durch all die Kerzen, dass sie ihre Angst vergaß. Mit dumpfer Stimme sprach der Tod: „Frau, was wünschest du von mir?“ Sie kniete nieder und hielt ihm das tote Kindchen entgegen: „Um eine neue Kerze will ich bitten, Herr Gevatter. Nehmet meins, wenn ihr sonst keines mehr habet.“ Doch der Tod drehte sich von ihr weg: „Gerne würde ich dir helfen, denn ich sehe, dass ihr eine gute Frau seid. Aber in dem Moment, wo ihr mein Schloss betreten habet, blieb eure Uhr stehen und eure Kerze erlosch. Aber ich habe Mitleid mit dir. Drum folge meinem Rat: Begib dich ins Land der Zeitlosen. Jener Wesen, die nie gelebt haben und nie sterben werden. Frag dort nach einem alten Mann im roten Gewand. Er wird dir helfen.“ So tat es die arme Frau. Viele merkwürdige Gestalten begegneten ihr: Eine Katze mit Stiefeln, ein Mädchen, gekleidet in Rosen, ein Esel, der Gold verschenkte, und sieben kleine Zwerge. Zwölf Tage war sie nun schon gewandert, als sie schließlich, ­bedeckt unter Schnee, eine Hütte fand.

Petrus bekam daraufhin so großes Mitleid, dass er ihr auftrug, den Gevatter Tod aufzusuchen. Ihn könne sie bitten, ein neues Kerzlein für das Kindchen zu entzünden.

Sie klopfte an und ein alter Mann in rotem Gewand mit einem langen weißen Bart öffnete ihr: „Arme Frau, was führt dich zu mir?“

Abermals nahm die arme Frau ihr Kind und setzte ihren Weg fort. Sie war müde und die Füße schmerzten, aber voller Hoffnung betrat sie das Schloss, in dem der Tod hauste. Es war dunkel und kalt, geschmolzenes Wachs bedeckte den ganzen Boden und die Wände waren über und über mit Uhren behangen.

Der gütige Mann nahm das Kindlein und küsste es auf die Stirn. Alsbald schlug es die Äuglein auf und lachte froh.

Sie erzählte ihm alles, was geschehen war.

„Ihr sollt bei mir bleiben, wenn es euch recht ist.“ Die Frau weinte vor Freude und willigte ein. Seitdem, so will man den Geschichten der Kinder auf Erden ­glauben, sieht man in der Heiligen Nacht den Weihnachtsmann und das Christkind gemeinsam Geschenke verteilen.


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FRANCESCA GHITEA

Erwartet euch nichts von der Persönlichkeit, hinter der ich mich verstecke.

Die Augenringe, die ich von den langen schlaflosen Nächten habe, verdecke ich hinter schwerem Make-up.

Sucht nicht das Wahre in mir. Viele sind gescheitert, viele werden noch scheitern.

Mein Gesicht ist eine perfekt gekünstelte Maske aus Umwegen.

Hinter meine Maske zu sehen wird euch nicht gelingen.

Der leuchtende Schmuck, den ich trage, lenkt davon ab, dass ich selbst nichts ausstrahle.

Mein Lächeln ist nur aufgemalt. Es ist ein Werk der Schönheits­fabrik.

Hinter Louis Vuitton, Prada und Co liegt mein steinig-kaltes Herz. Gleich neben meinen unendlichen Gedanken und einer kaputten Persönlichkeit, deren Seele endlich, endlich raus will. Doch das wird nicht passieren. Nie. Ich lasse sie nicht raus. Nehmt es mir nicht übel. Denn schlussendlich bin ich doch nur ein Produkt der Gesellschaft.

Rouge lässt einen warm wirken. Roter Lippenstift ist ein Zeichen von Weiblichkeit.

Das ideale Schönheitsbild ist wichtig und unbedingt einzuhalten.

Francesca Ghitea

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Ich


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Francesca Ghitea

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Ohne Titel

Im Wald. Ein Fragment.

Ich schaue auf. Das Einzige, das ich vernehme, ist das regelmäßige Schlagen meines Herzens. Wie in Trance sehe ich mich um. Alles zieht an mir vorbei. Jeder fuchtelt hysterisch vor mir herum. Die Welt um mich verstummt. Hilflose Versuche, mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich weiß nicht, was los ist, was gerade passiert. Ich verspüre einen schmerzhaften Druck unter meinen Händen, mit denen ich mich am Boden aufstütze. Es ist Schotter, der sich regelrecht in meine Handflächen bohrt. Ich sehe meine Hände fragend an. Sie zittern. Aber warum? Was ist passiert? Ich stütze mich wieder ab. Mein Kopf dröhnt. Mit einem schmerzverzogenen Gesicht blicke ich um mich. Neben mir liegt mein Fahrrad. Der Lack ist zerkratzt.

Sie steht alleine im Wald. Kalter Wind bläst durch die Bäume und Sträucher scharf an ihr vorbei. Immer wieder blickt sie sich um. Ist sie alleine? Oder wird sie beobachtet? Ann Christin verliert das Gefühl in ihren Händen, die Kälte ergreift ihren Körper. Hält sie fest. Lässt sie nicht los. Ann Christin ist verzweifelt. Das weiße Kleid klebt an ihrer Haut. Auf einmal bemerkt sie, dass sie in einem kleinen See steht. Mitten in einem See.

Die Leute um mich wollen mir aufhelfen. Wozu Hilfe? Ich kann das allein! Ich bin doch nicht krank. Langsam erhebe ich mich. Plötzlich verspüre ich einen brennenden Schmerz in meinem linken Knie. Mein Blick wird starr. Ich schaue vorsichtig zu den Menschen um mich herum. Sie sehen mich besorgt an. Zaghaft blicke ich hinunter zu meinem Knie. Es blutet stark. Es ist offen. Eine heftige Fleischwunde. Mir wird übel. Ich versuche bei klarem Verstand zu bleiben. Es geht nicht! Schwarze Flecken tanzen vor meinen Augen. Ich falle in Ohnmacht …

Sezierte Herzen Sezierte Herzen, müssen doch schmerzen, ganz tief drin, vielleicht auch nicht. Getrennt von der Seele, keine Gefühle, das schmerzt doch sicher bitterlich. Auf einem Blech unterm Skalpell, vor einer Klasse, Angst vor dem Lampenlicht. Der erste Schnitt, ich glaub es kaum. Es regt sich nicht, es regt sich nicht, vielleicht hat es Schmerzen. Können diese Herzen Gefühle haben? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Es ist nur ein Organ, ein totes Organ, das kann sicher nicht schmerzen.  

Angst Ich habe Angst. Angst zu ertrinken. In dieser Wassermasse, diesem Meer bei Sturm. Die Wassermasse zieht mich hinunter. Sie hat mich im Griff. Ich kämpfe dagegen an. Es ist schwer. Ich werde schwach. Versuche zu schreien. Es bringt nichts. Ich ertrinke. Verliere. Habe aufgegeben. Ich ließ mich hinunterziehen. Von dir. Denn du warst das Meer, in dem ich bei Sturm ertrank.


Gebrochene Herzen schmerzen, zwischen Gedanken und Gefühlen, zwischen Erinnerungen und Ent­täuschung.

Wenn ich das Leiden an Liebeskummer beschreiben müsste, wäre das gar nicht so einfach.

Sie verfolgen dich, diese Gedanken. Die Gefühle machen dich taub. Die Erinnerung holt dich ein. Die Enttäuschung sitzt zu tief, die Enttäuschung über den Anderen, über dich. Schmerzen deshalb gebrochene ­Herzen? Dieser brennende, stechende Schmerz – hat er dort seinen Ursprung? Oder ist er der Preis der Liebe? Und unumgehbar? Sie spielt dir Glück vor, die Liebe, macht dich glücklich. Du wirst abhängig. Du schaffst es nicht ohne. Irgendwann aber muss die Droge abgesetzt werden. Du leidest. Dein Körper hat großen Schaden genommen. Es dauert, bis du wieder gesund wirst. Aber ganz wirst du es nie.

Liebeskummerleiden ist: Wie ein Tritt in die Magengrube. Ein echt übles Gefühl. Zuerst tritt dich die Trauer, doch du bleibst standhaft. Dann kommt eine Lawine von Gefühlen und schleudert dich hin und her. Es schmerzt. Du fühlst dich allein. Dann die Erinnerung. Sie tritt dich fester. Viel fester als die Trauer. Das Leiden wird größer. Tränen sind schwer zurückzuhalten. Die Enttäuschung ist groß und stark. Sie lacht dir ins Gesicht und stößt dich einfach um. Standhaft bist du schon längst nicht mehr. Eher hilflos. Du liegst am Boden. Dein Gesicht ist schmerzverzerrt.

Die Trauer, die Erinnerung, die Enttäuschung lachen dich aus. Plötzlich steht die Liebe vor dir. Du schließt die Augen. Stille. Alles ruhig. Du denkst, es ist vorbei, aber du weißt: Es kommt noch was. Und wie erwartet, tritt dich auch die Liebe. Schmerzen gebrochene Herzen Viel härter als Trauer, Erinnerung und Enttäuschung zusammen. deshalb? Du leidest. Anfangs war sie doch so gut zu dir, die Liebe. Doch alles im Leben hat seinen Wendepunkt. Es fühlt sich wie Fallen an. Man fällt aus seiner eigenen Scheinwelt. Das Einzige, das du hörst, sind deine Schreie. Es wird dir einfach zu viel. Zurück in die Realität. Man fällt durch die Zeit. Will sie ergreifen, Doch plötzlich öffnest du die Augen, sich an ihr festhalten. stützt dich an deinen Hand­flächen ab. Aber die Zeit bricht. Du hast tatsächlich am Boden gelegen. Deine Augen brennen. Mag das alles richtig sein oder auch nicht. Deine Mundhöhle schmeckt salzig nach Tränen. Das Gefühl von Verlangen nach Gewiss- Keine blauen Flecken, Blutungen oder Beulen. Keine körperlichen Schäden. heit ist immer echt. Den wahren Schmerz, die echte Wunde, sieht man nicht. Ich fühle sie nur. Und deshalb schmerzen gebrochene Tief in mir drin. Herzen.

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Liebeskummer

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Francesca Ghitea

Von gebrochenen Herzen


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That’s me

Nils Horling

NILS HORLING

Hi! Ich bin Nils Horling, ich bin zehn Jahre alt und wohne in ­Gänserndorf. Meine Hobbys sind lesen, zocken, essen und zeichnen. Ach ja – und schreiben. Ich gehe ins Konrad-Lorenz-Gymnasium in Gänserndorf. Ich mag Weihnachten, Ostern und meinen Geburtstag. Ich liebe Comics. Ich hasse Menschen, die mich nicht ausreden lassen.


Am A … der Welt oder Warum die Gänserndorfer Kinder keine Ostereier bekamen Gemeinschaftsarbeit mit Herbert

Osterhase: Für dumm lasse ich mich nicht verkaufen. Schon gar nicht von dir.

Fuchs (sieht sich ebenfalls um): Das nicht. Aber man kann ihn von hier aus sehen.

Fuchs: Nur weil ich gefühlte hundert Jahre alt bin und keine Zähne mehr im Maul habe, heißt das noch lange nicht, dass ich dich nicht fressen kann.

Osterhase: Wohin müssen wir eigentlich? In den Süden, Osten, Westen oder Norden?

Osterhase (schnappt den Fuchs am Schwanz und wirbelt ihn durch die Luft): Wer mich für dumm verkauft, lernt fliegen.

Fuchs: Keine Ahnung. Da irgendwo zwischen Gänserndorf und Hawaii. Die brauchen noch ihre Osternester dort. Osterhase: Ich habe keinen Bock, die ganze Strecke abzugehen und tausende Eier zu verteilen.

Fuchs (während er fliegen lernt): Hey, Hase! Abgesehen davon, dass das echt lässig ist, so durch die Luft zu fliegen, hab ich grad gemerkt, dass da außer Gänserndorf und ein paar Dörfern rund­herum nichts ist. Wir sind also wirklich am Arsch der Welt. Osterhase (schleudert den Fuchs so stark weg, dass er als Satellit um die Erde kreist): Bye, bye, du Vogel! Ich pfeif auf Ostern und fahr nach Hawaii.

Fuchs: Na, soll ich das vielleicht für dich tun!? Eigentlich wollte ich dich ja gerade fressen.

SCHREIB AKADEMIE

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Nils Horling

Osterhase (sieht sich um): Ist das der Arsch der Welt?

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Personen: Osterhase, Fuchs Ort: Eine Stadt in einer weiten Ebene


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Ich

David Kadar

DAVID KADAR

Hobbys: Klettern, Bogenschießen, Lesen Lieblingsessen: Spare ribs Anmerkung: Ich will nichts Vorgegebenes schreiben!

Alles, was ich anfasse Alles, was ich anfasse, piepst. Es hört nicht auf. Was soll ich nur tun? Alles läutet und immer in der Stunde: Das Handy, mein Game-Boy, die Uhr. Nur ich mache kein Geräusch. Weil mich keiner hört. Weil mich alle ignorieren.


Blaue Augen, wie der Himmel. Rote Lippen, wie das Feuer. Weiße Tauben, wie das Nichts. Schwarzer Hintergrund, wie die Nacht. Und der verschneite Jänner, der so schnell verging.

Mein Vater und ich marschierten durch einen heftigen Schneesturm, um Vaters Freund Helmut, der im Schneeland wohnt, zu besuchen. Helmut hatte uns einen Brief geschrieben, in dem er uns um Hilfe bat. Wir packten sofort unsere Koffer und flogen ins Schneeland. Wir wussten aber nicht, dass dort ein gewaltiger Schneesturm tobte. Deshalb konnten wir nicht landen. „Was für ein Pech“, sagte mein Vater. Ich dachte mir: „Das kann kein Zufall sein.“ Irgendwie schafften wir es zu landen. Der Pfad, den wir dann zu Fuß bewältigen mussten, war sehr lang. Aufgrund des Sturmes verlor mein Vater ständig seinen Hut, was den Weg noch länger erscheinen ließ. Endlich waren wir am Ziel angelangt. In seinem warmen Haus erzählte uns Helmut dann aufgeregt, warum er unsere Hilfe brauchte: Im Schneeland gab es seit jeher einen riesengroßen Eisbären, der die Menschen dort vor Schneestürmen beschützte. Aber jetzt war er verschwunden und ohne ihn mussten alle Menschen in der Gegend frieren.

Mein Freund Ich habe einen Freund hier, der ist eine Kröte. Er sitzt auf der Straße und spielt Flöte. Doch kommt ein Auto, dann springt er schnell fort. Denn mein guter Freund, der treibt gerne Sport.

Der Eisbär wohnte in einem riesigen Berg, den man nicht über­ sehen konnte. Das Problem war, er war sehr steil und man konnte ihn nur durch einen Geheimtunnel betreten. Wir suchten tagelang, aber wir fanden nichts. Es wurde immer kälter und mein Vater schlug vor, Holz zu sammeln. Also ging ich in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Auf einmal stürzte ich in eine Fallgrube. Bald bemerkte ich, dass ich in den Geheimtunnel gefallen war. Ich kletterte so schnell wie möglich aus der Grube und lief zu Helmut, um ihm von der Entdeckung zu erzählen. Dann holten wir meinen Vater und gingen in den Tunnel. Im Berg angekommen sahen wir, dass zwölf Männer den Eisbären festgeschnürt hatten und ihm sein Fell mit großen Messern abziehen wollten. Um die Gauner zu besiegen, rollten wir einen großen Schneeball zusammen. Wir wälzten das beinahe zwei Meter hohe Ding vor uns her, so dass die Männer mit ihren Messern uns nicht erwischen konnten. Im Schutz des Schneeballs liefen wir zum Eisbären, schnitten ihm schnell seine Fesseln durch. Der Eisbär tobte. Als die Männer bemerkten, dass der Eisbär frei war, liefen sie sofort weg und wurden nie mehr wieder gesehen.

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Helmut ließ im ganzen Schneeland verkünden, dass wir den Eis­bären befreit hatten. Als die Schneeland-Menschen das hörten, wurden wir zu Ehrenbürgern ernannt.

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Der verschwundene Eisbär

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David Kadar

Ein Bild


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Ich

Weihnachten

Alois Leidwein

ALOIS LEIDWEIN

Name: Alois Nikolaus Leidwein, der V. Alter: 12 Geboren: 14. 1. 2003, Wien Superkraft, die ich gerne hätte: Superelastisch Wörter, die ich gerne verwende: Yeah, groovy Verletzungen: Schnittwunde am Fuß – bis zum Knochen, zirka zehn Zenti­ meter lang, Rissquetschwunde an der Wade, sehr tief, Platzwunde am Kopf

Warum freut man sich auf Weihnachten? Wegen der Geschenke? Wegen dem guten Essen? Freut man sich auf die Familie und die Freunde? Oder freut man sich darüber, dass man schulfrei hat?

PS: Ich komme aus Dürnkrut im ­Weinviertel und bin halber Steirer. PPS: Bin leicht reizbar, aber nicht gemeingefährlich.

Ich glaube, es trifft alles zu! Ja, man freut sich auf die Geschenke, oft bekommt man ja was Schönes. Das Essen darf man natürlich auch nicht vergessen: Es gibt Fondue, Fisch, Gans und und und … Die Familie und Freunde sind sehr wichtig. Dass man schulfrei hat, ist natürlich auch cool. Aber was ist jetzt eigentlich das Wichtigste zu Weihnachten?  


Oder ich

Dichten Grüne Tische, blaue Schiffe wohnen in gefährlich lauten Bergen Grüne Tische stehen auf blauen Schiffen Blaue Stifte fliegen auf grüne Tische stehend auf blauen Schiffen Grüne Berge fallen auf fliegende Stifte liegen auf grünen Tischen auf blauen Schiffen Rote Fische essen grüne Berge fallend auf fliegende Stifte stehend auf grünen Tischen auf blauen Schiffen die sinken Sinkende Schiffe füllen sich mit Wasser Lass uns verschwinden Es wird zu gefährlich Unter Wasser ist es zu laut zum Wohnen Lass uns verschwinden Es wird zu gefährlich auf den lauten unbewohnten sinkenden blauen Schiffen Es wird zu gefährlich Ich höre auf zu dichten

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Werf mich auf die Couch Oder nicht Dreh die X-Box auf Oder nicht Bin so müde Oder nicht Kann die Runde „Fifa“ nicht fertigspielen Oder nicht Schlafe ungewollt ein Oder nicht Endlich ist der Tag vorbei Oder nicht Ich werfe meinen Stift Oder nicht Warum immer dieser Alltag Warum immer ich Oder nicht

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Alois Leidwein

Ich werfe meinen Stift Oder nicht Ich tanze Oder nicht Weil ich traurig bin Oder nicht Ich bin nicht Superman Oder nicht Es geht nicht Oder nicht Ich kann nicht fliegen Oder nicht Ich nehme Anlauf und springe Oder nicht Hebe ab Wahrscheinlich falle ich Oder nicht Ich brauche eine Stärkung Oder nicht Ich brauche was zu essen Oder nicht Ich nehme was Oder nicht Ein Müsli Oder nicht Es schmeckt nicht Oder nicht Ich spucke es aus Oder nicht Jetzt bin ich müde Oder nicht Lege mich ins Bett Oder nicht Will einschlafen Oder nicht Firstworldproblems Oder nicht Ich stehe auf Oder nicht Ich nehme meinen Stift Oder nicht Werfe ihn auf den Nachbarn Oder nicht Er hat mir was gestohlen Oder nicht Bin so vergesslich Oder nicht


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Ich

Marlene Leidwein

MARLENE LEIDWEIN

Nervigkeitsgrad: Sehr nervig (Gebe oft blöde Antworten, lasse niemanden zum Computer, wenn ich was nachschauen muss) Alter: Älter als neun, jünger als elf Zeit mit Handy: Zirka fünf Stunden am Tag Schokolade: Süchtig danach Farbe: Blau Streithäufigkeit: Am meisten streite ich mit meinem Laptop Nervig: Gelsen, Hausaufgaben Lachen: Fast immer

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Nach einer Weile stand er vor einem neonorangen Schloss. Olaf wollte hineingehen, aber es gab keine Tür, nur ein Schild, auf dem stand: „Löse das Rätsel: Ein Cowboy reitet mit seinem Pferd in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in den Wilden Westen. Wie heißt sein Pferd?“

Als er einmal mit seinen Freunden Detlef und Kai-Uwe zuhause in seinem Wohnzimmer einen Horrorfilm ansehen wollte, klopfte es an der Tür. Es war Mitternacht und dunkel. Alle bekamen Angst und wollten nicht aufmachen. Aber Olaf stand auf, drehte das Licht auf, ging fröhlich zur Tür und machte auf. Olafs Freunde schrien wie Verrückte, als sie ein schleimiges Monster mit den drei Glubschaugen in der Tür stehen sahen. Nur Olaf blieb ruhig und sagte: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Das Monster gab komische Laute von sich, kroch zu Detlef und Kai-Uwe und packte sie in eine Einkaufs­tasche. Dann rief es: „Portal, komm her!“ Worauf ein heller Strahl aus dem Himmel kam, aus dem sich ein Portal formte. Das Monster sprang mit der Tüte hinein. Der Angstlose sprang ebenfalls durch das Portal. Er fiel in eine grün-blau-rot-gelb-orange Spirale.

„Hahahahahahaha! Das ist leicht! Dieses Rätsel kenne ich schon“, lachte Olaf. Er schrieb mit einem Edding auf das Schild: „Es heißt Freitag.“ Da erschien aus dem Nichts ein Tor und Olaf ging durch. Er fand den König und sagte: „Hallo! Hast du meine Freunde gefangen?“ Der König antwortete: „Wenn das diese Angsthasen namens Detlef und Kai-Uwe sind, dann hab ich das.“ „Kann ich sie wiederhaben?“

Plötzlich knallte Olaf auf einen harten Boden, der aus lilafarbenem Beton bestand. Der Angstlose sah sich um und bemerkte, dass er sich in einem Wald aus blauen Bäumen befand. Er ging los. Der Himmel war gelb. Doch lange ging Olaf nicht. Weil auf dem Boden Monster spazierten, musste er von Baum zu Baum springen. Er dachte sich, dass hier eine Kostümparty mit dem Motto „Monster“ stattfand. Da er kein Kostüm trug, wollte er auch nicht auf den Boden. Irgendwann fand er einen grünen Wegweiser, auf dem ein Pfeil nach rechts wies. Darunter stand „Schloss des Königs Tramtera“. Da keines von den Monstern in diese Richtung ging, sprang er vom Baum und ging zu Fuß.

Da sah der König Olaf durchdringend an und brüllte, dass er seine Freunde nie bekommen würde. Der Angstlose wollte protestieren, aber plötzlich bekam er Angst. Er schrie um sein Leben. Doch auf einmal verließ ihn die Angst. Weil Tramtera ihm nicht mehr in die Augen schaute. Kaum sah er ihn jedoch an, hatte Olaf wieder Angst. So ging es eine halbe Ewigkeit weiter. Bis Olaf irgendwann auf König Tramtera losrannte und ihm ins Gesicht schlug. Die ganze Zeit hatte er dabei die Augen geschlossen. Im wahrsten Sinn des Wortes blindwütig schlug er auf den König ein. Dann rannte Olaf weg und befreite seine Freunde. Er ging den Flur entlang. Auf einmal hörte er aus einem Zimmer Schreie. Er öffnete die Tür. Olaf nahm seine Freunde und ging in das Nebenzimmer. Dort war ein Schalter. Die Freunde drückten ihn und auf einmal war alles wie zuhause. Nicht nur wie. Alles war zuhause. Sie standen plötzlich wieder im Wohnzimmer. Keine verrückten Farben mehr um sie ­herum. Nur der Fernseher vor ihnen, der darauf wartete, dass sie sich nun endlich den Horrorfilm anschauen würden.

Warum? Warum fliegen Menschen? Weil ich es schreibe. Warum stehen Häuser auf dem Dach? Weil ich es schreibe. Warum sind Wolken neonorange? Weil ich es schreibe. Warum ist eine Bombe explodiert, wenn Schoko im Kasten ist? Weil ich es schreibe. Warum stinkt es im Klo? Weil jemand gekackt hat.

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Marlene Leidwein

Vor ein paar Jahren in einer großen Stadt namens Dummhausen lebte ein Mann namens Olaf Hula-Hup. Er war anders als die anderen. Olaf war angstlos.

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Olaf, der Angstlose


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Gemeinschaftsarbeiten

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GEMEINSCHAFTSARBEITEN Der große Gänserndorfer Worthaufen vom 6. 11. 2014 Alois, David, Herbert, Marlene, Luca, Nils, Noah Ich will nix schreiben. Ich will lesen. Ich hoff, es kommen wieder alle. Mit der Ausgestaltung der Männerhäuser werden die Mythen der verschiedenen Klane – ich hab voll das komische Buch. Die Teppiche der Mogul-Dynastie, es war einmal, es war einmal vor langer Zeit. Ende. Du stinkst. Das sollst du am Kreuz bereuen. Da ist ein Karton mit Bananen drauf. Ich sitze auf einem komischen Sessel. Alle haben ein Handy. Okay, verstehe. Das war wohl nix. Muhahahaha! Bitte unbedingt an Florian weiterleiten. Was beendete eigentlich die öffentliche Lehrzeit? Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon mit dem Dolch im Gewande, ihn zerschlugen die Herrscher im Bande. Er wachte auf. Nach 46 erzählte er die Geschichte. Er fand nichts. Ein Buch hat viele Seiten. Ewig lebe der vietnamesische Buddhismus. Ich habe viele Freunde. „Toll“, sagte Henriette. Er ging aufs Klo und sah dort die Leiche seines Freundes liegen. Hier sind zu viele Menschen. Wie der Quell aus

verborgenen Tiefen reißt die Brücke und reißen die Dämme. Vor mir liegt ein Krapfen. Ach, der Papagei, hallo Mozart, Samsung, 20. Jahrhundert, Politik, volle Hosen. Dem Nächsten zuliebe bitte WC-Bürste benutzen und im Sitzen pinkeln. Ich will auf der Jacke sitzen. Du hast gefurzt, wer sagt, dass der Haufen groß ist. Die Bücherei ist groß. Mein Handy klingelt. Meine Mutter ruft mich an. Bis daher kann ich, mehr nicht. Der Ball ist groß, rund und blau. Irgendwas. Schlafen gehen. Zocken. Ich mag Kekse. WG, wmg, Gott, bb, Julia!? Bist einmal auch nicht online. Wir sind echt zum Ver­ naschen. Geh sterben. Brot und Kaffeegenuss. Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal weggegeben und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben. Mit Geisterstärke tu ich Wunder auch. Die Bücherei hat viele Bücher. Ich schreibe eine Textcollage. Haben wir heute noch eine Pause. Ich kann ihn nicht mal riechen. Ich will ihn schon essen, aber auch mit meiner Freundin teilen. Eine ziemliche Zwickmühle. Nils Holgersson. Politik. Ahmet. Das ist eine Bibel. Ich trinke. Ich lache. Ich mag Krapfen. Ich trinke kein Bier. Da oben ist noch eine Bibel. Willst du ein Minus in der Schule? Der kleine Küstenfluss im Bild oben ist grandios. Er entspringt im Idagebirge und mündet in den Hellespont (antiker Name der Dardanellen). Du bist ein Streber. Ich will mein Heft nicht abgeben. Ein Buch ist groß. Das Marchfeld östlich von Wien ist für die Besucher in erster Linie wegen seiner vielen Schlösser von Interesse. Happyend. Geier. Das ist ein Papierflieger. Wir sind eine große ­Gruppe. Es gibt viele Stücke. Ich habe viele Sätze. Ich besitze viele Bücher. In der Stadt gibt es keine Bäume. Ich will nicht schreiben.


Norbert, der Drache Alois, Anna, Marlene, Luca, Noah

„Hört nicht auf den alten Knacker, der ist ja nicht mehr ganz dicht“, meinte Kunibert abfällig, „los geht’s, wir brechen auf!“ „Ich wollte euch nur warnen“, murmelte der gebrechliche Alte vor sich hin, während er schon seine Sachen packte. Er hatte beschlossen bis zum Ende der Schlacht die Zeit draußen auf dem Meer in seinem Fischerboot zu verbringen. In der Zwischenzeit erreichten Kunibert und seine Ritter gerade den Fuß des Vulkans. Schon von weitem hörte man das Untier schnarchen, aber sie brauchten noch eine Weile, bis sie auf der Spitze des Vulkans ankamen. Jedes Kleinkind der Insel wusste bereits, dass man zur Höhle des Drachens über eine Wendeltreppe im Schlot des Vulkans kam. Vorsichtig tasteten sie sich entlang der Wände die Stufen hinunter. Der Letzte der Gruppe stolperte, hielt sich an seinem Vordermann fest, dann stürzten die beiden in die glühende Lava. „Oh nein! Thaddäus! Was machst du!?“, schrie jemand. „Natürlich!“, rief Kunibert aus, stockte kurz und fuhr dann fort: „Jetzt weiß ich es wieder! Mein Vater hat mir früher erzählt, dass die Lava ein Portal zur Bibliothek sei. Er konnte sich damals gerade noch hindurchretten, zwar nur mit einem halben Arm, aber immerhin.“ Wagemutig sprang nun Kunibert mit einem Köpfler durch das Portal und landete mit seinem eisernen, mit Diamanten überzogenen Helm voran, direkt auf dem Kopf des Drachens. Die anderen Ritter waren zu feige und stiegen die verfluchte Treppe weiter hinunter. Was sie aber nicht wussten, war, dass sie dazu verdammt waren, die unendlichen Stufen bis zu ihrem Lebensende hinabzuschreiten. Auf einmal sah Kunibert seinen Ritter Thaddäus gegen Norbert, den Drachen, kämpfen. Der größte Ritter aller Zeiten ergriff seine Chance. Während der Drache unter der neuen Last noch taumelte, holte Kunibert mit dem Schwert aus und stach es dem Ungetüm mitten in den Schädel. Damit war der Drache ein für alle Mal besiegt. „You’ll get to know the revenge of the vulcano, you bastard, You will die!“, jaulte Norbert noch schmerzverzerrt auf, dann sackte er in sich zusammen. Erst bebte der Boden nur leicht, dann wurde er der­maßen erschüttert, dass die Bücher aus den Regalen fielen und die Kästen schwankten. Alles explodierte unter der Macht des Vulkanausbruchs. Alles war Feuer und Rauch. Und über den Rauchwolken schwebte ein Phönix und draußen am Meer schaukelte ein Fischerboot einsam auf den Wellen. Das jahrhundertealte Vermächtnis der Bibliothek mit seinen weisen Schriften und Büchern hochgelehrter Wissenschafter war nun für immer dem Erdboden gleichgemacht. Außer dem Phönix und dem Alten in seinem Boot hatte auch niemand überlebt.

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„Seit zwanzig Jahren kämpfen wir jetzt schon gegen diesen Drachen. Verflixt! Das muss zu einem Ende kommen. Unsere letzte Chance ist der Ritter Kunibert. Der beste aller Ritter. Er ist nur für uns aus einem fernen Land angereist, um uns im Kampf gegen das Monster beizustehen. Kunibert, komm doch mal zu mir und genieß deinen Applaus!“, beendete König Nikolaus VIII. seine Ansprache. Siegessicher schritt Kunibert die Treppen hinauf und wandte sich an das Volk: „Ich werde es schaffen. Denn wenn nicht ich das Ungetüm besiege, wer dann?“ Er blickte erwartungsvoll ins Volk, aber die Menschen schauten einander ratlos an. „Niemand!“, schrie er und begann höhnisch zu lachen. Damit war die Rede beendet und die Menschenmenge brach in Jubel aus. Am nächsten Morgen machten sich Kunibert und seine Ritter zum Aufbruch bereit. Gerade als sie losgehen wollten, erschien ein alter, panisch herumfuchtelnder Mann. „Nehmt euch in Acht, wenn der Drache stirbt, wird der Vulkan ausbrechen und niemand außer ein Phönix wird über­ leben! So steht es seit jeher geschrieben!“, rief er und gestikulierte wild mit

seinen Händen. Die Menschen begannen zu lachen, verspotteten ihn und spuckten ihm vor die Füße.

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Gemeinschaftsarbeiten

Einst auf einer kleinen Insel mitten im Pazifik lebte der allwissende Drache Norbert. Er war ein Drache des großen Wissens und besaß goldschwarze Schuppen, die die Inselbewohner haben wollten, um kostbare Dinge herzustellen, die sie dann nie verwenden würden. Doch der noch größere Schatz war seine heißgeliebte Bibliothek. Dort bewachte er gemeinsam mit seinem Phönix Franz von Lavaball alles Wissen der Menschheit und der Erdgeschichte. Tausendundeine Sprache beherrschte er.


Hasslehrer Alois, David, Francesca, Marlene, Nils

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Hasslehrer gibt es überall, wie zum Beispiel in unserem Fall …

Gemeinschaftsarbeiten

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Mein Hasslehrer ist total verrückt, ­brutal und durchgeknallt. Wenn wir zu laut sind, hat er sich nicht im Griff und benimmt sich, als hätte er einen Sonnen­stich. Ist man frech, läuft sein Kopf rot an wie Captain Hook bei Peter Pan. Meine Hasslehrerin ist respektlos. Sie mag uns nicht, bevorzugt Mädchen, sogar wenn sie morden würden. Sie knebelt Schüler und sperrt sie ein. Sie regt sich über uns auf und fragt uns, warum wir in der Schule sind und nur etwas von Kinderrechten wissen, aber nichts von unseren Pflichten. Mein Hasslehrer regt sich immer über alles auf, erklärt nicht genug und regt sich dann darüber auf, dass wir nicht genug können. Ich sag nicht, wer mein Hasslehrer ist, aber ich weiß, dass der Hasslehrer selten lustig und echt nicht cool ist. Mein Hasslehrer ist so: Musst du in der Stunde aufs Klo und bekommst die Erlaubnis zu gehen, darfst du erst in zwei Wochen wieder fragen. Wird’s ein bisschen laut, schreit er: „Halts Maul!“ Manchmal denke ich mir, er ist auf Drogen. Aber das ist nur eine Ver­mutung. Es sollte noch angemerkt werden, dass Hasslehrer auch nur Menschen sind und vielleicht auch Hassschüler haben. Und alles wäre doch viel cooler, wenn es nur LehrerInnen und SchülerInnen gäbe – ohne Hass.


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GMรœND Klasse Robert Kraner & Robert Schindel

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TEILNEHMENDE Benjamin Gรถschl Nina-Karin Kahl Nicole Schmid Michelle Zeiler


SCHREIBAKADEMIE GMÜND Neubeginn in Gmünd

Schreibakademie GMÜND

Im Laufschritt von Schule zu Schule. Wir erzählen vom Schreiben und Hoffen. Die Stadtgemeinde sagt uns jede Unterstützung zu. Wir erzählen Lehrenden, Schülerinnen, Schülern, Direktorinnen und ­Direktoren vom Weg in die Literatur. Wie der gelingen könnte. Worauf es ankommt.

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Dann kommen vier und trauen sich. Etwas Unsichtbares sichtbar machen, wie geht das? Schreibt eine Geschichte zu „Der Tod des Radfahrers“ – der tote Radfahrer soll aber nicht, oder nur am Rand vorkommen. Eine Geschichte mit einer anderen erzählen. Wir erfahren das vierfach, mehrfach. Von Übung zu Übung gewinnen die Texte an Eigen­ leben. Die Figuren, sie kommen voran. Wir kommen voran. Wir! Auch wir Tutoren gewinnen neue Einblicke, Aspekte und sind überrascht, was alles mit wenigen Worten gesagt werden kann und wie. Einige Seiten, viele Leben. Wir mussten kürzen, um in diesen Band hineinzupassen. Jetzt sind wir da. Die Schreibakademie Gmünd 2014/15. Das sind Benjamin, Michelle, Nicole, Nina und zwei ältere Roberts. Und nächstes Schuljahr eine neue Entdeckungsreise.


ROBERT SCHINDEL

Geboren 1958 in Wien, lebt in Vitis im Waldviertel.

Geboren 1944 in Bad Hall/OÖ unter dem Decknamen Robert Soel. Seine Eltern waren im Widerstand gegen das Naziregime.

Landwirtschaftslehrer, Arbeit im So­zial- und Umweltbereich, Mitglied der Grazer Autorinnenund Autorenvereinigung.

Veröffentlichungen u. a.: Romane Kassandra (1970) und Gebürtig (1992), Fremd bei mir selbst, Die Gedichte (2004), Wundwurzel (2005), Der Kalte (2014), Essays. Regie für den Film „Gebürtig“. Tutor bei zahlreichen Schreibwerkstätten. 2009 bis 2012 Vorstand des Instituts für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. 2008 bis 2012 Schreibakademie Waidhofen an der Thaya. Ab 2014 Schreibakademie Gmünd.

Publikationen u. a.: Gedichte und Kurzprosa in Literaturzeitschriften Rampe, Kolik und anderen, Valerie (2012), Gestrandet. Bericht in der Anthologie Mein Waldviertel (2013), Weißdorn, Roman (2015).

Lebt als freier Schriftsteller in Wien. Gründung der „schreibwerkstatt waldviertel“ zusammen mit Robert Schindel, Schreibakademie Waidhofen an der Thaya 2008 bis 2012, ab 2014 Schreib­akademie Gmünd.

Erich-Fried-Preis, Eduard-Mörike-Preis und Preis der Stadt Wien für Literatur u. a. www.schindel.at

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ROBERT KRANER

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BENJAMIN GÖSCHL

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Benjamin Göschl

Ich bin ein leeres Blatt, das wartet, vollgeschrieben zu werden. Aus Angst, es könnte jeder Punkt der letzte sein, fange ich nicht an. Aus Angst, dass mitten in einem Satz voller Freude plötzlich die Tinte meiner Feder trocknet. Aus Angst, dass am Ende der Geschichte nur Worte der Trauer und Elend stehen. Aus Angst, mir gefällt es selber nicht. Es wird ein Werk voller Fehler und Widersprüche. Aus Angst, es wird ein Roman, an dessen Ende ein gebrochenes Herz verwelkt. Aus voller Angst, es werden Zeilen der Verwirrung, des Hasses, der Sinnlosigkeit, fange ich nicht an. Ich bleibe ein leeres Blatt.

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Leihradständer vorbei. Hier hatten sich bisher ihre Wege mit einem „Bis morgen“ getrennt. Er hatte sich immer die Nummer 4 genommen. Die war heute nicht da. Sie war immer da gewesen, bis er sie sich genommen und sie wieder zurückgebracht hatte. Er war dann den Park entlanggefahren, die Richtung, aus der der Zug kam. Sie eilte zurück. Auf die Frage, ob er heute schon hier war und sich seinen Kaffee geholt hatte, grinste die Frau hinter dem Tresen und bejahte. Erleichterung stand ihr im Gesicht. Sie war spät dran. Beide gingen denselben Weg heute alleine und morgen würden sie wieder gemeinsam gehen, wenn die Turmuhr 08:00 Uhr zeigt. Doch sie zeigte heute 08:00 Uhr. Sie war pünktlich. Er war zu früh dran. Er ging alleine über die Straße, holte sich seinen Kaffee, nahm die Nummer 4 und fuhr durch den Park dem Zug entgegen. Aber heute fuhr kein Zug. Am nächsten Morgen stand sie auf der anderen Straßenseite. Die Turmuhr zeigte 08:00 Uhr. Heute ging sie alleine. *** „Hey, Sie …!“ Das war’s, weg war er. Ohne zu zahlen. Naja, der kommt wieder. Ob sie sich lieben? Ich weiß es nicht. Sind sie überhaupt ein Paar? Wieso bin ich daran, einen Gedanken an die zwei zu verschwenden? Scheiße, mir brummt der Schädel, und dann noch Schicht schieben müssen. Warum nimmt sich dieser Kerl gerade heute Vormittag frei? Klar, Kopfweh und Übelkeit. Eben einen Mordskater von der Sauferei gestern. Egal, lächeln, Kundschaft wartet. „Einen Kaffee und eine Teigtasche!“ Hm, könnte man auch mal freundlicher sagen, oder mit einem „Bitte“ hintendran. „Melange, Latte, Cappuccino?“ „Milchkaffee, ohne Zucker!“ Aha, ein Piefke. Ich drehe mich um, suche mir einen Zettel aus dem Schrank, schreibe klein „Kaffee mit Milch“ darauf und hänge ihn an den Haken hinter der Durchreiche. Der Türke dahinter hat seinen Lebtag noch nichts anderes gemacht als Kaffee. Passt ja. Mehmet hat brav gelernt. Aber der Schäferhund vom Tischlermeister will ja keinen Ausländer an seine teure Ware ranlassen. Die verscheucht er gleich wieder, trotz des Arbeitermangels. Angezeigt hat ihn noch niemand. Würde wahrscheinlich auch nichts helfen. Es gibt keinen Schrank in diesem Viertel, der nicht von ihm ist. Die Leute legen hier noch wert auf Geschäfte mit Einzelhändlern. Jeder Ikea würde hier vor die Hunde gehen. Deswegen sind die meisten auch so konservativ, was Integration angeht. Und da soll man noch in aller Herrgottsfrühe aufstehen, seinen Job machen und dabei auch noch gut drauf sein. „Die Kunden verdienen ein Lächeln“, sagt Basti immer. Ich aber auch! Basti ist ein guter Chef, er stellt auch Türken ein. Aber er hat nicht so viele Arbeitsplätze und Mehmet war eben der frühe Vogel. Er war 20, als er hierher kam. Mit Zwiebelnschneiden beim Kebabstand hielt er sich über Wasser. Aber er wollte sich mehr integrieren.

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Benjamin Göschl

Die Turmuhr zeigte 08:00 Uhr. Heute ging sie alleine. Bisher hatte er sie auf die andere Straßenseite begleitet, wenn sie die morgendlichen Erledigungen gemacht hatte. Er ging dann noch ein paar Schritte mit ihr. Er redete nicht viel. Er lächelte aber jedes Mal und so war es das einzige Lächeln, das sie sah, wenn sie ihre Erledigungen macht. Die Frau hinter dem Tresen grinste immer nur, wenn sie ihr die Semmeln und ihm den Kaffee hinüberreichte, beinahe immer von beiden gleichzeitig kassierte und ihnen das Wechselgeld gab. Heute sah sie kein Lächeln. Nur das Grinsen, als sie ihre Semmeln bekam und alleine bezahlte. Die Turmuhr zeigte 08:09 Uhr. Die Sonne schien. Sie sah einen Buben weinend mit aufgeschürften Knien und seinem Fahrrad auf dem Bordstein sitzen. Sie zögerte. Sie stellte sich vor, wie er ihr seinen Kaffee in die Hand drückte und sich zu dem Buben niederkniet. Er beruhigte ihn und saugte das Blut mit einem Taschentuch auf und der Bub hörte auf zu weinen. Doch er hörte nicht auf. Sie kniete sich zu dem Buben hin, legte die Semmeln auf den Gehsteig und saugte das Blut mit einem Taschentuch auf. Sie nahm sein Fahrrad, drückte es ihm in die Hand, küsste seine Stirn und schickte ihn heim. Sie blickte auf die andere Straßenseite, wo sie sich bisher getroffen hatten. Dann nahm sie die Semmeln und ging weiter. Heute wurde sie nicht wie jedes Mal vom Zug, der um diese Zeit den Bahnübergang passieren sollte, daran gehindert. Die Turmuhr zeigte 08:18 Uhr. Er musste Verspätung haben. Sie blieb stehen. Sie wartete auf einen Zug, der heute nicht kommen würde, um sie am Weitergehen zu hindern. Nach einer Weile entschied sie sich, auch den letzten Teil des Weges, den sie immer mit ihm bestritten hatte, alleine zu gehen. Die Turmuhr zeigte 08:32 Uhr. Sie kam am

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Der Tod des Radfahrers


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Ich nehme mir eine Zange und packe die Teigtasche in ein Sackerl, nehm den Kaffee entgegen und reich alles dem Herrn mit einem Lächeln hinüber. „6,85“ „7“ „Danke, schönen Tag noch.“ Er geht wortlos. Ich schaue ihm noch nach und beneide ihn fast. Er darf weitergehen. Er muss nicht hierbleiben. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass er noch einen viel schlimmeren Job haben könnte, und mache weiter die Ablage sauber.

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„Schöner Tag, was?“, dringt es von der Küche. „Naja, könnte besser sein.“ Mehmet kann gut Deutsch. Besser als viele Österreicher. Im Aufsatz eines Schulkollegen stand ein Satz mit drei Grammatik- und vier Rechtschreibfehlern eines solchen Genies, der Ausländer aufgefordert hat, unsere Sprache zu lernen. „Gestern zu tief ins Glas geschaut?“ „Nein, nur zu lange an der Doktorarbeit gesessen.“ Gott weiß, ich bin kein Streber, aber wenn es bedeutet, dass ich aus diesem Loch rauskomme, wird diese Arbeit schneller fertig, als Basti „befristetes Arbeitsverhältnis“ sagen kann. Unser Gespräch wird unterbrochen. Die zwei, da sind sie ja wieder. Nein, doch nicht. Sie kommt heute allein. Zwei ofenfrische Semmeln für die Dame, die jeden Tag kommt und mir jedes Mal das gleiche Trinkgeld gibt. Aus irgendeinem Grund erheitert mich ihr Besuch. Der letzte Lichtblick an einem Tag wie diesem. Schade, dass sie nicht später kommen, dann hätte ich mehr Vorfreude, aber sie kommen immer um dieselbe Zeit, um fünf nach acht. Da fällt mir ein, ihr Freund war heute ja schon hier. Der hatte es eilig. Nicht nur das, ihm stand die Panik ins Gesicht geschrieben. Er vergaß zu zahlen und ist so schnell wieder rausgestürmt, wie er reingekommen ist. Er kommt sicher morgen wieder, dann entwischt er mir nicht. Sie sieht ihn immer so an, als wäre er ein Engel, wenn er ihr die Tür aufhält. Der Versuch, mein echtes Lächeln von

einem falschen zu unterscheiden, scheitert. Ihr Gesicht zeichnet eine Mischung aus Mitgefühl, Sorge und Verzweiflung. So habe ich sie noch nie gesehen. Na toll. Jetzt ist der Tag komplett ruiniert. Ich überlege, ob ich sie ansprechen soll, aber Basti beordert mich nach hinten und so bleibt es bei einem „Guten Tag, bis morgen“. Als ich in die kleine Kammer gehe, die als Büro, Buchhaltung und Aufenthaltsraum fungiert, bemerke ich eine dicke Staubschicht auf dem Ablagenstapel. Ich frage mich schon lange, ob die nicht zu erledigen wären, aber Basti wehrt immer mit einem „Chefsache“ ab. Ich ärgere mich, Alex hatte gestern die Aufgabe, die Kammer zu reinigen. Der Kerl weiß gar nicht, wie gut es ihm hier geht mit seiner Arbeitshaltung. Im Grunde ist Alex ein Lieber, hat aber alles andere im Kopf als Arbeit. Mädchen, Partys, Alkohol, seine Band. Jeder andere Vorgesetzte hätte ihn schon längst auf die Straße gesetzt oder zurechtgestutzt. Basti ist anders. Er hat zwar eine strenge Art, behandelt uns aber wie seine Geschwister. Mehmet ist der große Bruder, der sich um Scherereien kümmert. Seit seiner Einstellung lässt sich das Finanzamt hier nicht mehr blicken. Die hat er ganz schön eingeschüchtert. Alex und ich sind die Jüngeren. Basti weiß, dass wir nicht ewig hierbleiben wollen. Ich hab mein Studium und Alex will Künstler werden. Musiker. Er spielt Bass und das gut, aber er wird wahrscheinlich nicht groß rauskommen. Dafür fehlen ihm die Beziehungen. Nun, zumindest hat er hier einen festen Arbeitsplatz und muss sich darum nicht sorgen. Basti würde nie jemanden von uns rauswerfen, solange wir keinen Schaden anrichten. Er drückt mir einen Zettel mit seinen Hieroglyphen in die Hand. Bis ich die entziffert habe, ist Feierabend. „Wir brauchen Kerzen, Champagner und Streusel. Und morgen kommst du eine Stunde später und holst noch die Torte für Mehmets Geburtstagsparty. Die Adresse steht auf dem Zettel.“ „Alles klar.“ Das ist doch mal eine positive Ansage. Ich würde ja gerne sagen, dass ich mich heute mit Freunden treffen kann, aber das lässt die Doktorarbeit nicht zu. Nach dem Studium hab ich eine Fixanstellung im Labor der Universität. Dann kann ich gleich in der Wohnung bleiben. Ich gehe nach vorne und werde bereits von neuer Kundschaft erwartet. Eine fidele ältere Frau, die eine Kardinalsschnitte und einen kleinen Schwarzen bestellt und mich mit ihrer Freundlichkeit komplett überrollt. Sie drückt mir viel zu viel Geld in die Hand und meint: „Stimmt so, eine junge Dame kann das bestimmt eher brauchen als ich“. Ich bin so überrascht von ihr, dass ich nicht einmal ein „Herzlichen Dank“ rauswürgen kann. Plötzlich eilt die Dame, die vorher schon hier war und die Semmeln bestellt hat, herein und reißt mich aus meiner Trance. „War der andere Herr schon hier? Hat er sich seinen Kaffee geholt?“ Sie sieht aus, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihr Atem stockt, als sie die Frage beendet hat. Sie schaut, als ob ihr Leben von der Antwort abhinge. Ich muss immer noch lächeln, es wirkt sicher wieder wie ein ­falsches Grinsen. „Ja, der war schon hier“, ist alles, was ich im


Es wird krotzt wia wüd Doch wos bringt die gonze hetz Muang gfreats eh nu moi

Winter 2 Finsternis lag Auf weichem Tuch Grausam und Schön Wie ein gutes Buch Aus einem Schrank Von brauner Eich Ein Nussknacker Freundlich und bleich

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Ich gehe in die Kammer nach hinten und beiße von meinem Croissant ab. Mehmet, der in diesem Moment den Raum betreten hat, gebe ich die Hälfte des Trinkgeldes der älteren Dame. Basti kratzt sich an der Stirn und lässt einen lauten Seufzer fahren. Mehr hätte ich auch nicht gebraucht, um diesen Tag zu beschreiben. Er bittet Mehmet um die oberste Mappe des staubigen Stapels, pustet einmal kräftig und macht sich an die Arbeit. Alex kommt zur Tür rein und betritt blass die Kammer. Mehmet schaut ihn lächelnd an. Basti mustert Alex’ Gesicht und murmelt: „Wer saufen will, muss auch arbeiten.“ „Es ist jemand unter den Zug gekommen. Ein Rad­ fahrer. Am Bahnübergang den Park runter. Suizid sagt die Polizei.“ Alex’ Stimme ist heiser. Mehmet nickt und wird ernst. Ich fühle, wie sich mein Gesicht versteinert und Basti mich ansieht. Kühl und leise wie immer sagte er nur: „Geh heim. Man sieht sich morgen.“

Winter 1

Der Nussknacker knackt Ein jede Nuss Und die nicht will Die muss

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Benjamin Göschl

Moment aus mir rausbekomme. Ich fange an, mich wieder zu fassen. Sie schaut erleichtert. Ich beobachte sie, wie sie anfängt, nachzudenken. Ihr Blick versteift sich. „Aber heute ist kein Zug gefahren“, summt sie mit bedächtiger Miene. Ein bedrücktes Schweigen geht durch den Raum, welches von Mehmet unterbrochen wird. „Einmal Kaffee schwarz!“ Als die Frau das Geschäft verlässt, sieht mich die vorher so freundliche Dame mit ernstem Ausdruck an, nimmt wortlos die Kardinalsschnitte und den Kaffee und verlässt das Geschäft ebenfalls.

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Ich bin …

Nina-Karin Kahl

NINA-KARIN KAHL

Wahrscheinlich bin ich viel zu vorsichtig. Ich denke zu viel nach, zerbreche mir den Kopf über Dinge, die für manche unwichtig und unnütz sind. Und wenn ich schlafen will, schwirren die Gedanken noch mehr in meinem Kopf umher. Es ärgert mich. Viel zu oft verstelle ich mich, tue Dinge, die anderen Leuten gefallen, mir nicht. Nur eine Handvoll wissen, wie ich wirklich bin. Gerne würde ich mich mehr trauen, doch dazu bin ich meistens zu feige und vielleicht auch zu faul. Sage ich einmal meine Meinung, dann passt es vielen nicht. Sie hätten wahrscheinlich etwas anderes von mir erwartet. Ich bin anders als manche andere. Lese viel, bin eher ruhig, denke immerzu nach. Viele verstehen nicht warum und denken, mir sei alles egal. Doch was in meinem Kopf vorgeht, das wissen sie nicht. Sie merken gar nicht, dass ich viel zu viel über sie weiß. Denn dass ich zu neugierig bin, bemerken sie nicht.


Sibille Mitterhuber hob die Augenbrauen. Sie kannte den Ordnungswahn ihres Mannes und wusste, dass er jetzt lieber bemitleidet als zurechtgewiesen werden wollte. Aus fünf Minuten, die sie warteten, wurden zehn und aus den zehn wurden fünfzehn. So ging es weiter, bis die Familie schließlich eine Stunde im Stau feststeckte. Lily und Isabella, die sonst die bravsten Kinder der Welt waren, fingen an, ihren großen Bruder zu nerven und langsam, aber sicher zur Verzweiflung zu treiben. „Mama, kannst du sie nicht bitte irgendwie beschäftigen? Mir gehen die Farben bei ‚Ich seh, ich seh, was du nicht siehst‘ aus“, erklärte der aufgebrachte Bernd, der mit seinen Schwestern überfordert war. Die Kleinen quengelnd, der Große genervt und der Vater verzweifelt. Sibille wurde es zu viel. Sie gab den Mädchen eine Tüte Chips und ein paar Malbücher mit Stiften, Bernd reichte sie Kopfhörer und Manfred warf sie einen vielsagenden Blick zu, dann stieg sie aus dem Wagen und ging. Ein paar Autos weiter vorne fand sie ein nettes Pärchen, dessen Radio nicht aus dem letzten Jahrhundert stammte. Sie erklärten ihr, dass es einen schlimmen Unfall mit einem Toten ein paar Kilometer vor ihnen gegeben hätte und dass die Geschichte schon ein paar Mal im Radio gekommen sei. Sibille bedankte sich bei den beiden und machte sich wieder auf den Rückweg. „Ein Unfall. Jemand ist dabei ums Leben gekommen“, waren ihre Worte, als sie wieder ins Auto stieg. Ihr Mann nickte, die Kinder waren auf magische Weise in den zwanzig Minuten ihrer Abwesenheit eingeschlafen. Nachdenklich blickte Sibille die drei an. Froh darüber, dass ihnen nichts passiert war. Sie schickte ein stummes Gebet zum Himmel und hoffte, dass derjenige, der gestorben war, nicht zu viel gelitten hatte. Dann nahm sie die Hand ihres Mannes und schloss die Augen. Das Rauschen des Radios immer noch im Hintergrund. Sie konzentrierte sich auf das rhythmische Atmen der Mädchen und das leise Schnarchen von Bernd. So schlief sie schließlich ein. Geweckt wurden alle miteinander etwas unsanft von der hyper­ aktiven Stimme eines Radiomoderators, der ihnen mitteilte, dass die Straße, auf der sie sich befanden, nun wieder frei war und sich der Stau langsam auflösen würde. Der Vater blickte alle entschuldigend an. Nicht einmal er hatte ­erwartet, dass er das Radio wieder zum Laufen bringen würde. Er schaute auf seine Uhr, seufzte und startete den Motor. Gedankenverloren schaute Sibille aus dem Fenster. Die Kinder spielten wieder, leise Musik drang aus dem Radio und Manfred murmelte verärgert in seinen nicht vorhandenen Bart. Nichts wies darauf hin, dass auf dieser Straße jemals ein Unfall passiert war. Doch dann erregte etwas am Straßenrand ihre Aufmerksamkeit. Es war ein verbeultes und verbogenes Fahrrad, das von zwei ­Männern aufgehoben und weggetragen wurde.

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Nina-Karin Kahl

Es regnete, als Familie Mitterhuber ins Auto stieg, um in den Urlaub zu fahren. Alles war bis ins kleinste Detail durchgeplant. Denn so war es bei ihnen üblich. 10 Uhr – Abfahrt 11:15 Uhr – Klopause 12 Uhr – Mittagessen 13 Uhr – Ankunft Die Pausen waren zeitbegrenzt und durften auf keinen Fall überschritten werden. Die Mutter blickte schon sorgen­voll drein, ehe sie die Garage richtig ver­lassen hatten. War die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet? Der Sohn beschäftigte eine der kleinen Schwestern, die andere schlief friedlich in ihrem pinken Kindersitz. „Ich muss aufs Klo“, war der erste Satz, der das leise Gedudel des Radios durchbrach. „Noch zehn Minuten, mein Schatz“, sagte der Vater, der das verzwickte Gesicht seiner Jüngsten ignorierte. Die Fahrt ging weiter, nichts passierte und der Kampf um den letzten Schokoriegel ging ohne Verletzte zu Ende. Die Kinder spielten, der Vater blickte immer wieder auf seine Uhr, die Mutter schlief und das Radio empfing nur noch ein Störungssignal. Doch plötzlich hörte das Vorbeiziehen der Felder und Wälder auf. Sie hatten angehalten. Nicht etwa weil die Mitterhubers ihr Ziel erreicht hatten. Nein. Ein Stau, sicher so lang wie die Rutsche am Spielplatz, um es mit den Worten der kleinen Lily zu sagen, hatte sich vor ihnen gebildet. „Das darf doch nicht wahr sein! Das bringt den ganzen Zeitplan durcheinander!“, schimpfte der Vater und weckte damit seine Frau. „Manfred, beruhig dich. Das sind sicher nur Bauarbeiten. Wenn wir fünf Minuten später ankommen, geht die Welt auch nicht unter.“ „Aber es sollten hier keine Bauarbeiten sein. Ich habe extra im Internet nach­gesehen.“

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Der Tod des Radfahrers


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NICOLE SCHMID

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Nicole Schmid

Ich heiße Nicole Schmid, bin knappe sechzehn Jahre alt und ­besuche das Gymnasium in Gmünd. Ich nehme an, dass ich eine relativ gute Schülerin bin. Es gibt bessere und schlechtere. ­Eigentlich entzieht sich nur Mathematik meinem Verständnis. Ich begann zu schreiben, als ich ungefähr in der ersten oder ­zweiten Klasse Unterstufe ein Buch las, das spannend hätte sein können, aber durch den Stil des Autors langweilig und -wierig wurde. Also beschloss ich, dieses Buch umzuschreiben. Das stellte sich als nicht so leicht wie erwartet heraus, und seitdem arbeite ich daran, zumindest den Stil dieses Autors zu übertreffen – obwohl ich weder Namen noch Buchtitel weiß.

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Eine aussichtslose Zukunft. Keine Verdienstmöglichkeiten. Der Radfahrer hatte gesehen, was sie so zu Papier brachten, Kringel und Kleckse und Striche. Sollte das ein Bild sein? Als liebevoller Vater musste er sie von diesem Gedanken abbringen. Aber er wusste auch nichts von moderner Kunst. War es heutzu­ tage in Mode, Farbe übereinander zu schmieren, ohne irgendetwas Bestimmtes darstellen zu wollen? Abstrakte Kunst nannten sie es. Wenn heute Kunst so aussah, wäre selbst er ein großartiger Künstler geworden. Aber er hoffte, dass die Zwillinge ihre Meinung noch änderten. Letztes Jahr hatten sie noch Gärtner werden wollen. Sollten Kinder ihre Meinung so oft ändern? Seine Frau hätte die Antwort gewusst. Sie hatte auf alles eine Antwort. Nicht sofort hatte er erkannt, dass ihre Antworten nicht immer richtig waren. Der Radfahrer kam vor dem Gasthaus an. Die Beleuchtung war ausgeschaltet, alle Fenster finster und abweisend. Seine Frau hatte es gerne, wenn am Samstagabend die ganze Familie versammelt war. Er hasste es. Immer stritt man sich dar­über, welchen Film man ansehen, welche Snacks man essen, welchen Sitzplatz man für sich beanspruchen sollte und durfte. Er hatte nichts gegen Bier und Fußball einzuwenden, dazu vielleicht Chips, aber er wollte nicht Barbie zusehen, wie sie Abenteuer bestand. Er wusste sowieso, dass sie am Schluss verheiratet und glücklich sein würde. Wie lange sie glücklich blieb, war die Frage. War auch sie eine streitsüchtige Hyäne, die ihren Mann nach einem langen Arbeitstag nicht in Ruhe ließ? Aber nein, Barbie hatte keine schlechten Charakterzüge, wenn man den Zwillingen Glauben schenkte. Und seine Frau wollte Filme sehen, die immer nach demselben Schema abliefen. Eine Frau traf einen Mann, sie überwanden ein Hindernis, manchmal auch mehrere, und am Schluss wurde geheiratet. Die Darsteller waren alle wunderschön, wahrscheinlich auch oft genug operiert. Wieso sollte man einen Film anschauen, dessen Ausgang man schon kannte? Der Sohn schlug immer welche vor, in denen alle paar Minuten etwas explodierte und jemand erschossen wurde. Wie sollte man denn unbemerkt ein kurzes Nickerchen halten, wenn man vor lauter Krach kein Auge zubekam? Und dann war da noch die Frage: Cola oder Sprite? Bier stand gar nicht zur Auswahl. Seine Frau mochte es nicht, wenn er vor den Kindern Alkohol trank. Als wüssten sie nicht, dass es so etwas gab. Der Radfahrer seufzte. Er war wieder auf dem Heimweg. Die Sonne war nun endgültig verschwunden und hatte den letzten Rest Wärme und Licht mit sich genommen. Ihn fror. Morgen würde er eine dicke Jacke mitnehmen, selbst wenn das Wetter dann etwas wärmer wäre. Jetzt wollte er doch nach Hause, Streitereien hin, Lärm her. ­Wenigstens war es dort warm.

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Der Radfahrer bog ab. Er sah sich verstohlen um. Er hatte auf das Handzeichen vergessen. Hatte ihn jemand gesehen? Er wurde langsamer. Nach Hause wollte er nicht, zu seinem schlechtgelaunten Sohn und zu seinen streitenden Zwillingen und zu seiner wütenden Frau. Er drehte um und fuhr zurück. Vielleicht konnte er sich ein bisschen in das Gasthaus setzen, ein Bier trinken oder auch zwei. Nein, nur eines, sonst würde seine Frau den Biergeruch bemerken und einen Streit anzetteln. Er musste noch einen Weg finden, den Zwillingen klarzumachen, dass sie keine Katze und auch keinen Hund bekommen würden. Vielleicht einen Goldfisch, wenn sie artig waren. Niemand wollte sich um Tiere umschauen. Die Frau des Radfahrers war schon ausgelaugt genug. Sie kellnerte und hasste es, und zu Hause hielten sie die Kinder und der Haushalt beschäftigt. Und auf die Kinder war kein Verlass. Sie versprachen immer, ihre Aufgaben im Haushalt später zu erledigen, und vergaßen darauf. Der Sohn würde bald ausziehen, noch drei, vier Jahre, dann würde er studieren. Was, das wusste er noch nicht. Für Mathematik interessierte er sich sehr. Das verstand der Radfahrer nicht. Immer hatte er selbst Zahlen durch­ einander gemischt und Fehler gemacht, für die ihn sein Lehrer gehasst hatte. Und er hatte Mathe gehasst. Hatte er sich deshalb so wenig angestrengt? Und was tat man überhaupt so als Mathematiker? Lehrer wollte der Sohn nicht werden. Aber was denn sonst? Die Interessen der Zwillinge gingen in eine ganz andere Richtung. Sie wollten Maler werden.

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Die Heimkehr


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Er bog ab. Diesmal hatte er das Handzeichen gegeben. Dann sah er zu den Sternen auf. Sie glitzerten geheimnisvoll. Er hätte gerne Sternzeichen gesucht und gefunden, aber er kannte keine. Seine Frau meinte, dass auch der nächste Stern so weit entfernt war, dass man, auch wenn man sein Leben lang dorthin reiste, nicht lebend ankam. Stimmte das oder war das nur eine Geschichte, die sie erfunden hatte, um aus der Menge ihrer Freundinnen herauszustechen? Er suchte den Mond und fand ihn nicht. War Neumond oder versteckte sich der Mond nur hinter den Bäumen? Der Radfahrer starrte weiter in den Sternenhimmel und dachte darüber nach, was nach dem Tod kam. Gab es wirklich einen Himmel, ein Leben nach dem Tod, wie die Bibel es versprach? Wurde man wiedergeboren und führte ein elendes Dasein bis zum Tod? Wer würde er dann im nächsten Leben sein? Oder wurde man eine Ewigkeit für seine schlechten Taten bestraft, so wie in der griechischen Mythologie? Der Radfahrer musterte den Nachthimmel und suchte nach dem hellsten Stern. Stand dieser nicht immer im Norden? Deshalb sah er das Vorfahrtschild nicht, das an der Kreuzung stand. Er sah nicht die zwei Lichter, die auf ihn zukamen. Er sah nicht, wie das Gesicht des Fahrers sich überrascht, dann entsetzt verzog. Er sah nicht, wie der LKW noch versuchte abzubremsen. Er sah in den Himmel und musterte den Stern und dachte über den Tod nach.

Der LKW-Fahrer erzählt Ich stehe früh auf, sechs Uhr. An dem Tag muss ich mit dem LKW über hundert Kilometer fahren. Es ist ein hässliches Fahrzeug. Schon fast so alt wie ich, teilweise verrostet

und laut ist es. Es begleitet mich schon neun Jahre, fast schon eine ganze Dekade also. Ich betrachte es und wünsche mir das Geld, es zumindest anders lackieren lassen zu können. Mein Vorgänger war anscheinend ein Draufgänger. Seit ich den Wagen bekommen habe, ist er lila. Das Fahrerhäuschen war mit Bierdosen und Verpackungen von McDonalds verdreckt. Außerdem prangt auf der Seite immer noch eine leicht bekleidete Frau in einladender Haltung. Ich kann sie nicht ansehen. Jeder, der meinen LKW bemerkt, denkt, ich bin ein Macho und Draufgänger, der jede Woche eine andere Frau hat. So bin ich aber nicht. Ich bin eher ein Feigling. Ich wollte sowieso kein LKW-Fahrer sein. Mein Vater hat mich dazu gezwungen. Er selbst war auch LKW-Fahrer und hat mir dieses Amt überschrieben, als er in Pension ging. Hätte ich nicht angenommen, wäre ich enterbt worden. Es ist nicht so, dass ich viel Geld bekommen werde, aber er hat gedroht, auch nicht mehr mit mir zu sprechen. Papa gehört zur Familie. Mit seinen Eltern soll man nicht streiten. Bevor ich wegfahre, küsse ich meine Frau zum Abschied. Sie wünscht sich wie ich, dass ich öfter und länger zu Hause sein könnte. Früher hat sie mich manchmal begleitet. Aber seit sie schwanger ist, traut sie sich nicht mehr. Sie hat Angst, dass das ungeborene Kind in einem Unfall verletzt wird. Claire ist eigentlich Französin, aber meinetwegen ist sie umgezogen. Mit ihrer Familie versteht sie sich nicht sehr gut. Sie mag es nicht, wenn man ihr nicht ihren Willen lässt, und ihr Vater wollte unbedingt, dass sie entweder Ärztin wird und das Krankenhaus übernimmt oder dass sie einen Arzt heiratet, der diese Funktion übernimmt. Bis heute weiß ich nicht, warum sie mich ausgewählt hat. Ich bin mir sicher, dass ich nicht besonders gut aussehe. Sie hätte etwas Besseres als mich verdient. Sie sagt zwar immer, dass das nicht stimmt und dass ich einen Minderwertigkeitskomplex habe, aber ich weiß, was die Wahrheit ist. Wenn ich ihr das sage, nennt sie mich einen Dussel und küsst mich. Ich frage mich, wie unser Kind aussehen wird. Der Doktor sagt, es wird ein Junge. Wird er meine braunen oder Claires blonde Haare haben? Meine grünen oder ihre braunen Augen? Welchen Namen sollen wir bloß auswählen? Christian? Es gibt so viele, dass wir uns einfach nicht entscheiden können. Wenn er Glück hat, ist er mir nicht zu ähnlich. Ich bin die Verkörperung des Durchschnitts. Meine Leistungen in der Schule waren durchschnittlich. Meine Größe ist durchschnittlich. Mein Aussehen ist durchschnittlich. Meine Figur ist durchschnittlich. Meine Intelligenz ist wahrscheinlich auch durchschnittlich, ich habe meinen IQ noch nie feststellen lassen, vielleicht, weil ich keine Zeit habe oder weil ich Angst habe, in noch etwas nur durchschnittlich zu sein. Nur meine Frau ist überdurchschnittlich schön für einen Mann wie mich. Aber dafür sind mein Mut und Selbstvertrauen unterdurchschnittlich stark entwickelt.


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Ist jetzt bald Neumond, weil der Mond wie ein C aussieht, oder heißt das, dass es Vollmond wird? Ich bin mir nicht sicher, aber ich nehme mir vor, Claire zu fragen. Vielleicht wissen es auch meine Eltern. Seit man Claire ihre Schwangerschaft ansieht, kommen sie öfter zu uns, besonders Mama. Sie sagt dann immer, dass Männer mit einer schwangeren Frau nicht umgehen können. Das stimmt aber nicht. Alles, was Claire sagt, tue ich auch. Gestern habe ich sogar das Geschirr abgewaschen, weil sie schlafen wollte. Wie Mama es mir gesagt hat, massiere ich Claires Schultern und Füße, wenn sie schmerzen. Wenn Papa das sieht, schimpft er mich ein rückgratloses Weichei. Ich frage mich, was er damit meint. Er selbst hat mir doch gesagt, dass ich meinen Eltern nie widersprechen soll, und jetzt will er auf einmal, dass ich es tue? Dass ich tue, was Claire mir sagt, tue ich nicht, weil sie wie Mama ist, sondern deshalb, weil ich sie liebe. Außerdem gehört auch sie zur Familie. Papa ist auch immer ganz zärtlich zu Mama. Er bringt ihr Geschenke mit, wenn er irgendwohin muss. Aber dafür habe ich das Geld nicht, also tue ich Claire einen Gefallen, wenn sie mich darum bittet. Früher hat Mama mich immer beschützt. Nie hat sie mich allein gelassen, damit sie mir immer helfen kann. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Die Kinder in der Schule haben mich ein Muttersöhnchen genannt. Damit haben sie Recht, sie selbst sind doch auch Söhne ihrer ­Mütter, oder? Bis heute weiß ich nicht, warum Mama mich umarmt und gesagt hat, dass ich ein naiver Dummkopf bin, bevor sie zu den Eltern meiner Klassenkameraden gegangen ist, als ich ihr davon erzählt habe. Papa war stets sehr streng zu mir. Er hat mich immer geschimpft, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Weil Mama mich nur lobt, macht Papa nichts anderes, als mich zu ermahnen. Ich hoffe, dass Claire und ich auch so gute Eltern sein können. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es schaffen kann, meinen Sohn auszuschimpfen. Beschützen kann ich ihn aber auch nicht, schließlich habe ich eine Arbeit. Und ich weiß nicht, wie ich die Kinder auf dem Spielplatz davon abhalten sollte, mit ihm zu spielen. Mama hat sie nie zu mir gelassen, weil sie gefürchtet hat, dass sie mir wehtun könnten. Wenn ich Claire von meiner Erziehung erzähle, werden ihre Augen groß und rund. Manchmal beginnt sie auch zu lachen. Aber wenn ich sie dann frage, warum sie gelacht hat, schaut sie mich ganz überrascht an. Manchmal glaube ich, dass Papa eifersüchtig auf mich war. Schließlich war ich viel öfter bei Mama als er. Sie hat mich immer in ihrem Bett schlafen lassen und war den ganzen Tag mit mir weg. Ich frage mich, wie ich durchhalten soll, wenn ich Claire monatelang nicht sehe, weil ich arbeiten muss.

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Nicole Schmid

Nachdem ich Claire meinen Abschiedskuss gegeben habe, setze ich mich hinter das Lenkrad. Im Weg­ fahren betrachte ich noch ein Mal mein kleines, weißes Häuschen in den Außen­bezirken der Stadt. Ich bin stolz darauf. Ich weiß noch, wie wir das Häuschen gefunden haben. Es war kurz nach unserer Hochzeit, und Claire begleitete mich auf einer Fahrt. Sie sah das Häuschen und verliebte sich sofort. Sie ist Grafikerin und werkt zu Hause. Wir beide arbeiteten hart, um genügend Geld zu bekommen. Wir wollten nämlich keinen Kredit aufnehmen, weil wir nicht wussten, ob wir ihn zurückzahlen können. Unsere Arbeit bringt nicht immer gleich viel ein. Es war ein Traum, als wir das Häuschen dann endlich kaufen konnten. Zwar ist es klein, aber trotzdem haben wir hart dafür gearbeitet. Zu Mittag kaufe ich mir bei einem Dönerstand etwas zu essen und fahre dann weiter. Als ich gegen drei müde werde, drehe ich das Radio auf. Der Sender gibt soeben die Nachrichten durch. Allein an diesem Tag gab es fünf Verkehrsunfallopfer. Ich bin froh, dass mir so etwas bis jetzt nicht passiert ist. Ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Danach spielen sie „Highway to Hell“. Das Lied gefällt mir, ich singe mit. Schön langsam wird es dunkel. Ich bin glücklich darüber, dass ich es bald geschafft habe. Ich schätze, dass ich noch eine Stunde fahren muss. Durch tiefe Wälder fahre ich. Die Bäume werden immer größer und dunkler. Meine Gedanken wandern wieder zu Claire. Ob ich sie anrufen soll? Sie schimpft immer, wenn ich beim Fahren telefoniere. Ich mustere den Nachthimmel und suche den Mond. Zuerst finde ich ihn nicht, aber dann bemerke ich sein sanftes Licht hinter den Baumwipfeln hervorleuchten.


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Nicole Schmid

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Ich komme aus dem Wald heraus. Nur noch ein paar Kilometer. Wenn ich dort bin, suche ich mir eine Bleibe für die Nacht. Morgen werde ich ausladen helfen, vielleicht kann ich zu Mittag wieder nach Hause fahren. Davor muss ich aber noch dringend tanken. Die Anzeige stellt klar, dass der Tank nur noch zu Hälfte gefüllt ist. Ich glaube nicht, dass ich noch weit komme. Mama hat gesagt, wenn die Tankanzeige etwas über der Hälfte ist, soll ich eine Tankstelle suchen. Ich biege ab. Da fällt mir auf, dass ich erst zu spät zu blinken begonnen habe. Statt den zehn Mal, die Mama mir empfohlen hat, hat es nur sieben Mal geblinkt. Hoffentlich hat das niemand bemerkt. Ich wage nicht, mich umzusehen. Dann müsste ich nämlich von der Straße wegschauen, und das hat Papa mir verboten. Manchmal komme ich mir wie ein Kind vor, aber das ist ja unmöglich. Schließlich bin ich schon mehr als dreißig Jahre alt, auch wenn Mama mich immer noch ihr Baby nennt. Dann komme ich an die Kreuzung. Und versuche nach einer Schreck­ sekunde zu bremsen. Soll ich das Lenkrad zur Seite reißen? Aber der LKW bremst zu langsam. Der Radfahrer kommt näher und näher. Er starrt in den Himmel, einen traurigen Ausdruck auf seinem Gesicht. Dann wendet sein Gesicht sich mir zu. Und verzerrt sich. Dann höre ich ein Geräusch. Danach sehe ich ihn nicht mehr.

Winter Das Wetter ist äußerst unangenehm, man möcht’ schnell heim geh’n. Der Winter ist da. Draußen ist die Natur leblos und stur und zeigt kein Grün. Die Kinder freuen sich, die Alten beklagen sich, Winterjacken werden nass. Die Großmutter hockt im Haus, die Enkel wollen nur mehr raus, ihre Lebendigkeit ist nicht zu stoppen. Mutter freut sich und das Kinde lacht in der 24. Dezembernacht. Vater will umtauschen gehen. Lieder werden feierlich gesungen, Schals werden umgeschlungen, Oma liegt mit Fieber im Bett. In den Himmel, eine Woche darauf schießt man Lichter hinauf. Der Hund fürchtet den Lärm. Kinder klagen, Mutter frohlockt, sie haben sich Schule eingebrockt! „Wärt ihr halt fünf Jahre alt geblieben!“ Jede Stimmung, jedes Wetter war da. So ist das Jahr. Leblos, heiß, windig, angenehm. Himmelhoch jauchzend, krank, freudig, zu Tode betrübt.


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MICHELLE ZEILER

Winter 1

Schwierig Verwirrt Verletzend, obwohl ich es nicht will

Landschaft voller Schnee Flocken überall fliegen Bäume fallen um

Schüchtern Angsterfüllt und mutig

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Michelle Zeiler

Ich bin …

Winter 2

Voller Freude, Dann wieder nicht

Die Welt von oben betrachtend.

Egozentrisch und hilfsbereit Liebevoll, aber streng

Ein reines Nichts am Tage. Ein reines Nichts in der Nacht.

Wütend Traurig Leer Mit einem Lächeln im Gesicht

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Herrn Winters letzte Fahrt

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„Aufstehen, Liebling“, sagt Max und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Es ist so schön im Bett, dass ich mich überwinden muss. Max geht in die Küche. Während ich mich auf den Weg ins Bad mache, verschwindet die Wärme der Bettdecke. Als ich mich im Spiegel über dem Waschbecken betrachte, frage ich mich wieder, wie mich der Mann in meiner Küche nur lieben konnte. Manchmal bin ich total verrückt und stell mich an wie ein Teenager. Einmal bin ich eine Klugscheißerin, ein anderes Mal muss man mich vor meiner Dummheit retten. Ich bring mich immer in peinliche Situationen. Meine Haare machen wieder mal, was sie wollen. Ein paar Strähnen kleben an meiner Wange, die restlichen bilden einen reinen Irrgarten, wo ich mich ernsthaft frage, wie so etwas hält. Beim Zähneputzen ärgere ich mich, dass ich schon wieder den Wecker überhört habe. Gott sei Dank wohnt Max jetzt schon seit fast einem Jahr bei mir. Da meine Wohnung um eine Spur größer ist als seine und ein extra Zimmer hat, hatten wir nach unserem dritten Jahrestag beschlossen, dass er zu mir ziehen solle. Max. Anfangs fiel es mir nicht leicht, mit ihm zu reden. Ich hatte schon ein paar Beziehungen, aber die waren … nichts im Vergleich zu der jetzigen. Bei unserer ersten Verabredung war ich nervös. Auch wenn ich schon ein paar hinter mir hatte, war diese doch neu für mich. Wir trafen uns am Stadtplatz, der voller Menschen war. Ich wollte es so, da man nie vorsichtig genug sein konnte. Auch wenn wir uns schon über ein paar Wochen E-Mails schrieben und ein paar Tage vor dem Treffen unsere Telefonnummern ausgetauscht hatten. Jedes Mal wenn ich an den Tag denke,

muss ich lächeln. Es ist mittlerweile so abwegig, dass Max ein Serienkiller oder Entführer sein könnte. Aber er nahm es gelassen hin und jetzt gerade richtete er ein kleines Frühstück in meiner – unserer – Küche her. Ich entwirre meine Haare und beschließe, einen Zopf zu machen, da ich mit der Bürste nichts verbessern kann und mir die Haare jetzt nicht mehr waschen will. Ich reibe mein Gesicht mit ein wenig Feuchtigkeitscreme ein und tusche meine Wimpern. Noch immer im Pyjama schlendere ich in die Küche. Max steht in Hose und Hemd am Herd und gießt Tee in zwei Tassen. Ich gehe zu ihm und umarme ihn von hinten. Ich schnappe den Duft seines Eau de Toilette auf und schmiege meine Wange an seinen Rücken. „Hast du gut geschlafen?“ „Ja, aber das Aufstehen gefällt mir nicht“, antworte ich und löse mich von ihm. Er nimmt beide Tassen und stellt sie zu den Tellern, die schon auf der Anrichte stehen. In einer Schüssel befinden sich Gurkenscheiben und zu Stangen geschnittene Karotten. Ich hole mir den Topfen und den Schinken aus dem Kühlschrank und setzte mich auf den Hocker neben Max. Da wir beide nicht immer auf dasselbe Lust haben, haben wir beschlossen, dass der Erste, der munter ist, aufdeckt und Tee macht und sich dann selbst die Sachen holt, auf die er Lust hat. Ich finde, das ist die beste Lösung und wir müssen nicht immer alles rausstellen und dann wieder wegräumen. Vor allem ist es besser, da wir unter der Woche frühstücken können, ohne dafür früher aufstehen zu müssen. Während Max im Arbeitszimmer seine Tasche und Dokumente kontrolliert, ob alles Benötigte eingepackt ist, ziehe ich mir eine schwarze Stoffhose, ein weißes ärmelloses Shirt und eine bunte längere Bluse an. „Soll ich dich in die Arbeit führen?“, fragt Max von drüben. „Muss nicht sein, heute ist so ein schöner Tag. Ich glaube, ich geh zu Fuß“, antworte ich. Ich gehe gerne zu Fuß, überhaupt an so einem Tag. Bevor ich das Fenster schließe, das ich zum Durchlüften geöffnet habe, mache ich das Bett und hole anschließend meine Tasche. In der Küche wasche ich zwei Äpfel und gebe je einen mit einer Banane in ein Sackerl. Da ich und auch Max nicht viel und regel­ mäßig Sport machen, versuchen wir nur so viel zu essen, um den Körper nur die Kohlenhydrate und Kalorien zu geben, die er braucht. Ich mag Schokolade und Kekse – und Chips, aber wenn ich mal was esse, dann meistens gleich die ganze Tafel Schokolade oder die ganze Tüte Chips. Solange ich nicht jeden Tag so viel esse, drücken wir beide ein Auge zu. Max isst manchmal nur ein Stück. Ich ver­ suche es ihm gleichzutun, klappt halt nicht immer. Ich höre Max’ Schritte und schaue zur Tür. Er lächelt mich an und kommt zu mir. Ich reiche ihm ein Sackerl und gebe ihm einen Kuss.


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Ich genieße die Stille, während ich am Kinderspielplatz vorbeikomme. Ich lausche den Vögeln und Bienen. Der Wohnblock liegt etwas außerhalb der Stadt, was ich bei der Wohnungssuche vor Jahren berücksichtigt habe. Es gibt ein kleines Wäldchen, durch das ich gerne gehe, doch mit den Schuhen für die Arbeit riskiere ich es lieber nicht. Während ich die alten Eichen auf der anderen Straßenseite betrachte, saust plötzlich ein Radfahrer vorbei. Er fährt in dieselbe Richtung, in die ich gehe. Ich kenne ihn und sein Dress. Herr Winter. Er wohnt in einem kleinen Häuschen neben den Wohnbauten und man sieht ihn oft mit dem Rad. ­Manchmal ist er den ganzen Tag unter­wegs und kommt spät wieder zurück. Einmal holten Max und ich am Wochenende vor dem Frühstück Gebäck und da sahen wir ihn wegfahren. Den ganzen Tag über blieb er weg. Kurz bevor es dunkel wurde, kam er nach Hause. Max und ich waren spazieren gewesen und kamen an seinem Haus vorbei, als er gerade sein Fahrrad in der Garage unterstellte. Manchmal frag ich mich, wie Herr Winter das nur aushält. Vielleicht macht er auch irgendwo eine Pause oder geht zu Mittag in ein Wirtshaus. Seltsam ist es schon. Wie schafft er es, einen ganzen Tag Rad zu fahren? Wo er doch nicht mehr der Jüngste ist. Vor ungefähr zwei Jahren waren Max und ich mit Freunden auf einem Rad-

rennen. Herr Winter war auch dort. Eine Frau war bei ihm mit einem kleinen Jungen – wahrscheinlich seine Tochter mit ihrem Sohn. Sie sah besorgt aus. Was ich auch verstand, denn die Narben waren deutlich zu sehen. Die hatte er sicher von den früheren Unfällen. Wir standen nicht so nahe bei ihnen, aber was ich da sah, war kein schöner Anblick. Beide Beine waren vernarbt, viele Sportler haben auf den Knien Narben, das kenn ich von meinem Onkel. Aber an einem Bein, ich weiß nicht mehr an welchem, hatte der Radfahrer schon eine Hauttransplantation gehabt. Sie sah nicht gut aus. Und an einem Arm hatte er eine große Narbe, wie wenn er am Asphalt geschlittert wäre und sein Arm war sein Board. Er ist kein unattraktiver Herr. Wie ich neu in der Gegend war und ihn zum ersten Mal sah, fand ich, dass er einer der attraktivsten hier in der Umgebung sei. Er war auch immer freundlich und schien ein glücklicher Mensch zu sein, doch im Laufe der Jahre passierte etwas in ihm. Er veränderte sich, aber ich kann nicht sagen, wie oder was sich änderte. Ich glaube, dass einmal eine Nachbarin sagte, es liege am Tod seiner Frau. Ich öffne die Tür des Bürogebäudes und treffe gleich auf eine Kollegin, die gerade ihre Jacke aufhängt. „Morgen.“ „Morgen. Mal wieder zu Fuß gegangen?“ „Ja, aber wie … ist es so offensichtlich?“ Ich greife an meine Wangen, um herauszufinden, ob sie erhitzt sind. „Du hattest wieder diesen Blick, den du hast, wenn du nachdenkst“, sagt sie lächelnd, „und normalerweise bist du vor mir hier.“ Ich hänge meine Jacke auf und gehe in die kleine Küche. „Guten Morgen“, begrüßt mich Thomas. Er ist immer fröhlich und lustig und mit seiner Art steckt er andere immer an. Aber wenn Thomas mal wütend ist, dann kommt man ihm lieber nicht in die Quere. „Guten Morgen. Heute ist ein schöner Tag.“ „Stimmt … aber im Radio sagten sie vorhin, dass es am Nachmittag wahrscheinlich regnen wird.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Schade.“ „Naja, aber dafür kann man sich einen gemütlichen Abend machen. Am besten zu zweit“, meint er grinsend. Ich muss grinsen. Thomas‘ Kaffee ist fertig und er geht in sein Büro. Der Wasserkocher wird fertig und ich fülle eine Tasse mit kochendem Wasser. Ich gebe einen Beutel mit roten Früchten hinein und gehe zu meinem Schreibtisch. Auf dem Tisch liegt die Arbeit, mit der ich letzte ­Woche nicht fertig geworden bin. Ich gehe zu meinem Chef und frage ihn, ob ich eine Überstunde machen darf, damit ich rechtzeitig zum Ende der Woche mit den Abgaben fertig werde. Da mein Computer letzte Woche einen ­Hänger hatte und ein anderer nicht so schnell besorgt werden konnte, musste ich andere Arbeiten machen. Mir geht die Zeit ab und mein Chef gibt mir das Okay, dass ich länger dableiben darf.

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Michelle Zeiler

Ich nehme mir das andere Sackerl und folge ihm in den Vorraum. Ich ziehe mir meine schöneren Turnschuhe an und gebe meinen Schlüsselbund und das Jausensackerl in die Handtasche. Gemeinsam verlassen wir die Wohnung und ich gehe die Stiegen als Erste hinunter. Beim Auto geben wir uns einen Kuss und ich wünsche Max einen schönen Tag.


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Am Nachmittag erhalte ich eine SMS von Max: Wann hörst du auf? Bleibe länger. Eine Stunde vielleicht. Warum? Es soll regnen, ich hol dich dann ab. Kuss. Ok =) Kuss.

Michelle Zeiler

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Meine Überstunde ist vorüber und ich speichere meine Daten. Während der Computer herunterfährt, sortiere ich meine Unterlagen und hole meine Tasche. Die eine Stunde hat mich schon ein Stück weitergebracht bei meiner Aufgabe. Ich verabschiede mich von den Kollegen, die noch im Büro sind, und gehe dann zur Garderobe. Dort ziehe ich meine Jacke an und gehe nach draußen. Am Himmel sehe ich dunkle Wolken. Wahrscheinlich regnet es schon im Nachbarort. Der Wind bläst mir kalte Luft ins Gesicht. Die Wolken kommen immer näher. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass mehr als fünfzehn Minuten verstrichen sind. Wo bleibt Max? Es beginnt zu regnen und ich hole einen Regenschirm aus meiner Handtasche. Ich beginne herumzugehen. Fünf Schritte in die eine Richtung, fünf in die andere. Ich werde wütend und frage mich, was so lange dauert. Da hätt ich gleich zu Fuß nach Hause gehen können! Hat er mich vergessen? Warum vergessen mich andauernd alle? Ich vergesse fast nie jemanden. Dafür denk ich einfach zu oft daran. Hatte er einen Unfall? Das darf nicht sein. Er hatte keinen, er verspätet sich nur. Ob die Frau von Herrn Winter sich Sorgen gemacht hat? Wenn er früher schon so war und immer längere Fahrten gemacht hat, hat sie gehofft, dass er keinen Unfall hatte, wenn er nicht pünktlich war? Das war sicher kein leichtes Leben.

Ich weiß nicht mal, wie sie gestorben ist. Ich kannte sie nicht. Sie ist gestorben, bevor ich in die Wohnung zog. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass er immer mehr in sich zurückkehrte. Natürlich sieht man ihn nicht nur Radfahren. Er arbeitet im Garten, repariert den Zaun und putzt Fenster. Ab und zu wechselt er ein paar Worte mit Nachbarn, aber gesprächig ist er nicht. Ein Auto biegt in die Straße ein und ich schaue auf. Max. Er hat mich nicht vergessen. Ich mache den Schirm zu, während das Auto neben mir zum Stillstand kommt. „Hey“, sage ich, während ich einsteige. „Hey. Entschuldigung, dass ich nicht angerufen habe, das Handy ist hinten im Kofferraum.“ „Macht nichts.“ Wir küssen uns. Ich schnalle mich an und Max fährt los. „Warum hast du so lange gebraucht?“ „Es gab einen Unfall.“ Am frühen Abend schaue ich aus dem Wohnzimmerfenster zu Herrn Winters Haus hinüber. Es brennt kein einziges Licht und ich frage mich, seit wann er so früh schlafen geht. Max ist in der Küche und macht Popcorn, während ich Decken und Polster hole für einen Filmabend. Das Poppen der Körner hört auf und als ich ins Wohnzimmer zurückkomme, sehe ich, wie Max den kleinen Tisch zur Seite schiebt. Ich breite eine Decke am Boden aus und lehne die Polster an die Couch. Max macht es sich bequem und schaut auf sein Handy. Da ich den Film aussuche, lege ich die DVD ein. Der Vorspann beginnt und ich setze mich neben Max, der in sein Handy vertieft ist. „Weißt du, was komisch ist“, frage ich ihn. „Was denn?“ „Bei Herrn Winter brennt kein Licht.“ „Warum sollte das komisch sein?“ „Naja, er geht sonst nie so früh schlafen.“ „Woher willst du das wissen? Beobachtest du ihn leicht jeden Tag?“ „Nein, natürlich nicht.“ „Also, woher willst du’s dann wissen?“ „Ich mein ja nur.“ Das Hauptmenü erscheint und ich drück auf Play. „Jetzt leg endlich das Handy weg, der Film fängt gleich an.“ „Ich glaub, du hast recht mit deinem komischen Gefühl“, sagt Max mit belegter Stimme. „Warum?“, frage ich und Max gibt mir sein Handy. „Lies das. Das ist der Bericht von der Feuerwehr zu dem Unfall, der heute war.“ Ich lese den Text und mir wird ganz mulmig. Dem Anschein nach hat ein Auto ein anderes überholt und den Radfahrer auf der ­Gegenfahrbahn übersehen und hat ihn frontal erwischt. Genauere Angaben zu dem Radfahrer stehen nicht im Text, aber ein Foto ­zeigte das Rad von Herrn Winter.


SCHREIB AKADEMIE

HOLLABRUNN Klasse Elisabeth Schรถffl-Pรถll & Gerhard Ruiss

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TEILNEHMENDE Georgina Frasl Clarissa Hasenberger Lena Kirchner Janina Lรถrinczi Diana Melody Micheal Jan Waldhart David Weihs Sophie Winkler


SCHREIBAKADEMIE HOLLABRUNN

Schreibakademie HOLLABRUNN

SCHREIBAKADEMIE HOLLABRUNN – Erfahrungswerte

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Die Schreibakademie Hollabrunn besteht nun schon so lange, dass sie auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Angeboten wird nicht nur das kreative Schreiben, sondern auch der kreative Umgang mit nicht kreativen Textsorten. Die hauptsächlich an ihr interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Lese- und Schreibbegeisterte, ein zweites häufiges Motiv zur Teilnahme besteht darin, mehr Schreibsicherheit bzw. sprachliche Sicherheit zu gewinnen. Nur ganz wenige Telnehmende haben ein Jahr oder weniger an ihr teilgenommen, die meisten sind über mehrere Jahre hinweg der Schreib­ akademie erhalten geblieben und erst durch Wohnort- oder Schulwechsel oder durch Schulabschlüsse der Schreibakademie entwachsen. Aus jüngeren Teilnehmenden, die anfangs noch sehr an ihre Lesevorbilder gebunden arbeiten, werden in relativ kurzer Zeit sich von ihren Vorbildern lösende Schreibende mit einem stark spielerischen und experimentierfreudigen Umgang mit Texten. Oft folgt dieser Phase eine, in der sie sich an Negativthemen abarbeiten und Realitäts­ bezug von sich und von den Vorgaben verlangen. Eine ähnliche Beobachtung ist bei den zunächst betont literarisch Schreibenden zu machen. Aus ihnen werden nach einiger Zeit stark sachlich akzentuierende Schreibende. Das Konzept bzw. die Idee der Schreibakademie geht auf, es sollen die schriftlichen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten in all ihren Varianten, Versionen und Stadien erprobt und angewandt werden können. Zum zehnten Jahrestag der Schreibakademie Hollabrunn im

nächsten Jahr ist geplant, sämt­liche noch erreichbaren bisherigen Teilnehmenden zu einem großen gemeinsamen Best-of zu ver­ sammeln.

Gerhard Ruiss, Referent der Schreibakademie Hollabrunn

SCHREIBAKADEMIE HOLLABRUNN – Rückblick Heuer wurde kurzfristig die Hollabrunner Schreibakademie zur Lese­akademie. Als Hollabrunner Institution wurden die Jugend­ lichen zur Umrahmung bedeutender Veranstaltungen eingeladen, so ins Hollabrunner Rathaus, in den Historischen Festsaal, in die Gartenstadtkirche, zum Bildungstag und in den Brandlhof Radlbrunn. Doch lassen wir unseren Elternsprecher DI Stephan Waldhart und Landeshauptmann-Stellvertreter zu Wort kommen: „Seit nun schon vielen Jahren begleitet ihr unsere jungen Literaten, versucht sie in ihrem Stadium des schriftstellerischen Erblühens zu fördern, ohne jedoch ihre Individualität zu gefährden. Diese Gratwanderung wird von euch so gekonnt ausgeführt, dass bereits mehrere Auszeichnungen unserer jungen Künstler diesen richtigen Weg bestätigt ­haben. Ich freue mich, dass ich es sein darf, der euch den Dank aller aussprechen darf. Den Dank für eure Kraft und vor allem eure Zeit, die ihr in diese Schreibakademie steckt. Es ist eure Freizeit, die ihr gebt, um Talente zu schmieden. Ich glaube, ich spreche im Namen aller, wenn ich sage: Bleibt bitte noch ganz lange die Dozenten ­unserer Talente und fördert noch ganz viele, die nachkommen werden. Es gibt keine tausend oder hundert ‚beste Bücher‘, es gibt für jeden einzelnen Menschen eine besondere Auswahl dessen, was ihm verwandt und verständlich, lieb und wertvoll ist – sagt einer meiner Lieblingsschriftsteller, Hermann Hesse. Genau das ist es, was ihr hier macht – das Wertvolle aufzeigen.“ Anlässlich der Präsentation der Werkschau Text Band 8 im Holla­ brunner Einserhaus findet man im Gästebuch folgende wörtliche Eintragung von LH-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka: „Danke für Euer Engagement fürs Schreiben und unsere Jugend. Holla­ brunn ist damit auf dem Weg zur Bildungs- und Ausbildungsmetropole im Weinviertel.“ Solche Worte verleihen uns Flügel für die künftigen Aufgaben im neuen Semester.

Elisabeth Schöffl-Pöll, Referentin der Schreibakademie Hollabrunn


ELISABETH SCHÖFFL-PÖLL

Geboren in Ziersdorf in NÖ; Lehrbeauftragter, Interessensvertreter und Verfasser von Hand- und Sachbüchern zur Literatur. Seit 1982 Sprecher und Vertreter in beruflichen Angelegenheiten österreichischer Autorinnen, Autoren und Autorenorganisationen als Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren in Wien.

Ist in Hollabrunn und Krumau am Kamp wohnhaft.

Zuletzt erschienen „Paradiese“ Schöne Gedichte: Reihe „Neue Lyrik aus Österreich“, Band 1. Siehe auch Gesamtausgabe Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein (Lieder. Nachdichtungen).

Die Autorin und Erwachsenenbildnerin blickt auf zahlreiche Ver­öffentlichungen zurück, zuletzt erschienen „Väter im Himmel – Männergeschichten“ – Verlag Bibliothek der Provinz, „Seelenland Weinviertel“ – Literatur-Edition NÖ. Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Silberne Ehrenzeichen des Landes NÖ für ihr Werk in Mundart/Schriftsprache und den Einsatz für eine NÖ Landeshauptstadt. Für Kulturvermittlung und Erwachsenenbildung wurde Elisabeth Schöffl-Pöll mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich geehrt. Diplom-Arbeiten zum Werk wurden auf der Hochschule Tschenstochau und der Universität Innsbruck veröffentlicht.

Gerhard Ruiss wurde 2012 von Bundesministerin Claudia Schmied der Berufstitel Professor für seine Verdienste um die Kulturlandschaft verliehen. Ebenfalls erhielt der Autor und Musiker eine Auszeichnung des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels.

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Schreibakademie HOLLABRUNN

GERHARD RUISS

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GEORGINA FRASL

G Grantig E Ernsthaft O Objektiv R Ratgebend G Genau I Introvertiert N Nervös A Achtsam

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Ansicht – Vorsicht – Einsicht

Georgina Frasl

Schreibakademie HOLLABRUNN

1995 | Großmeiseldorf

Der Versuch freudig zu sein Die Menschen in den Straßen wie sie ziehen durch die Gassen sind ganz glasig ihre Blicke sind ganz dröhnend ihre Schritte Sie ziehen wie im Rausch fließen wie Wasser strömend aber gebrochen jagen sie noch einem Traum hinterher doch Träume lassen sich nicht kaufen Und wie ich da so steh’ merk’ ich langsam wie ich untergeh‘ leise – und nur noch laute Menschen seh’ SCHREIB AKADEMIE


Die Krähe stelzt umher, als wäre sie ewig. Hakt ihre Klauen tief ins weite Fleisch der Erde, streckt die schwarzen Fühler bis ans Ende der Welt. Ein toter Fisch schwimmt vorbei und sieht glücklich aus. Ich glaube, er sieht jetzt mehr, als er je zu sehen ver­ mochte. Das Wasser gleitet starr und zufrieden dahin. Es gibt eine Parabel von Kafka, worin er den Unsinn des Lebens beschreibt. Egal, wohin die Maus läuft, ein Ende findet sie. Schopenhauer schreibt nicht länger vom Katz-und-Maus-Spiel – er sagt direkt; der Mensch ist zum Leben nicht gemacht. Ich frage mich, was ich davon halten soll und von mir, weil ich jetzt weine, aber nicht wegen Franz oder Arthur, sondern wegen euch. Wenn es euch nicht mehr gibt – wo bin ich dann? Ihr habt mich erschaffen. / Gott malte den Menschen – er malte Augen, Mund und zuletzt das Geschlecht. Und als ihm seine Schöpfung gefiel, so setzte er sein Zeichen darunter. / Ihr habt mich gesegnet. Aus einem Klumpen Lehm eine Statue, aus einem Brocken Fleisch einen Menschen geformt. Ihr habt euer Siegel auf meine Stirn gebrannt. Wenn ihr sterbt, so sterbe ich mit euch. Ich schaue den Möwen beim Tanzen zu und trage mein Leid mit dem Wind über die Berge. Seid nicht traurig, wenn ich gehe. Ich komme ja wieder – krieche in den Sand unter euren Zehen, sperre mich in eure Gedanken, ich verpflichte mich und setze mich für immer in eure Herzen.

Nach dem Krieg war vor dem Krieg. Ezra stand am Deck des Schiffes, das sie nach Hause bringen sollte. Nebel umschlossen ihre Waden. Sie breitete die Weste über ihre Schultern. Es war kalt geworden. Kalt für Oktober. Kalt für ihr Herz. Sie setzte sich auf eine Bank und ließ den Blick übers Meer schweifen, doch der Nebel versperrte ihr die weite Sicht. Ein Blick in den Taschenspiegel verriet nichts Gutes. Sie sah alt aus. Blass, mager, unglücklich. Zuhause in Deutschland wartete ihre tote Mutter auf sie. Sie hatte dieselben graublauen Augen gehabt wie Ezra. Eine unverwechselbare Mischung, jedoch undurchdringbar, von Nebeln versperrt. Diese Reise war eine neue Flucht in ihrem Leben. Sie hatte sich mittlerweile mehrere Seelen zugelegt, die sie in vielen kleinen Dingen zurücklegte, als Ersatz für sie selbst. Einer Vase tut es nicht weh, wenn sie zerstört wird. Es bleiben bloß Scherben, die aufzukehren sind. Mehrere Seelen, mehrere Körper, mehrere Identitäten, mehrere Leben. Sie war die Zweitbesetzung. Momentan rannte sie von ihrer missglückten Ehe davon. Er hatte sie doch noch nie verstanden. Sie sollte sein Besitztum sein. Eine schöne Vase, mit der er prahlen konnte. Doch Vasen sind zerbrechlich. Sie halten nicht lang, wenn man sie zu fest hält. Ezra sollte sich erinnern. Sie sollte ins Auge fassen, was er für sie getan hatte. Er hatte ihr schließlich zum Erfolg verholfen. Doch Ezra war geplagt vom Nebel. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hatte sie zu dem gemacht, was sie heute war. Eine Trapezkünstlerin in ständig neuen Figuren. Eine Schauspielerin, die in allen Rollen so brillant echt wirkt. Ein Mädchen, das sich biegen und brechen lässt. Doch diese Reise war ihr Kriegszug, Teil ihrer Strategie. Dieser Dampfer war ihr Panzer. Ihre bloßen Fäuste waren ihre Waffe. Und bald, sie wusste es, bald würde sie den Nebel durchsehen können. Bald war sie zuhause. Bald begann sie ein neues Leben. Es war das Jahr 1935.

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Nebelgeister

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Georgina Frasl

Erfüllung


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Georgina Frasl

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Über den Wolken

Was soll aus mir noch werden

Meine Stadt ist grau und über dem Zement hebt sich heiße Luft, die den schönen Menschen die Luft zum Atmen nimmt. Sie beschweren sich, aber haben ja immer noch Geld in der Tasche und was Anständiges gelernt, was sich halt so gehört. Halbstarke. Ich weiß nicht, warum ich so fröhlich bin, denn eigentlich ist dies ein trauriger Anblick. Ich verwechsle wahrscheinlich schon fröhlich mit zynisch. Aber glücklich bin ich allemal, denn ich schwebe hoch über der heißen Luft, ich lasse mich nicht zwängen in dunkle Straßen und fades Menschenleben. Ich bin reicher als alle Lotto­ millionäre zusammen. Obdachlos, heißt: Ich verschenke mein Herz nicht. Mein Herz gehört mir. Das ist gut so. Mit Herz lässt sich’s besser leben. Damit weiß ich auch, wann ich sterben muss. Sonst wär’s ja langweilig. So wie alle anderen. Früher wollte ich immer so sein wie die, doch jetzt bin ich ent­ wurzelt – ich gehöre niemandem. Ich will nur ich selbst sein. Und die alten Leute, die langsam durch die Straßen gehen, kennen das auch. Wie das Leben an ihnen vorüberzieht und sie entherzt. Da hat man immer kurz das Gefühl, dass der Himmel aufreißt – ein kurzes Feuerwerk, gemacht für eine Minute.

Wir haben mit Schmerzen begonnen Wir haben uns gefasst, sind wieder zerronnen Was soll aus uns noch werden Sind über unsere Nasen gestolpert Und haben uns in Beistrichen verloren Wir haben gekauft und alles wieder ausgegeben Haben gelernt im Tod und im Leben Was soll aus uns noch werden

Blau Ich höre die Töne nicht ganz, die du mit deinen Fingern spielst; mit denen du deine Finger bespielst. Ich höre sie vielmehr in ihrer Aufeinanderschichtung, wie sie sich in mir aufreihen, aufdröseln wie auf einer Schnur. Das Klavier ist schon verstimmt und klingt aufgekratzt. Es ist wie wir. Wir sind auch alt und unsere Töne sind falsch und es ist zu teuer, uns wieder und wieder zu stimmen. Wir lassen uns nicht mehr einzeichnen. So wie die Notenblätter bereits bedruckt sind. Ich höre die Töne nicht halb, sondern doppelt. Die Synästhesie schwimmt in sich, klammert mir Ohren und Augen zusammen: Ich sehe Blau. Blau, das im Himmel draußen leuchtet, Blau, das in meinen ­Gedanken an Urlaub zwischen den Zeilen in der Postkarte zischt. Blau, das mir in die Ohren tritt. Blau, das ich in den Tönen sehe. Blau hören. Blau spüren. Ein schmaler Grat zwischen Hitze und erfrorenen Lippen, zwischen Freude und Schmerz.

Idylle mit Schnecke und Salat Die Bisse fallen gezielt auf die raue Maserung eines jeden Blattes. Der Regen stürzt mit großen Tropfen vom Himmel, doch das stört das Tier nicht bei der Arbeit. Eine glatte Spur drängt sich über das grüne Haupt. Fußtritte, die der Regen nicht wegzuwaschen vermag. Bedrohlich fährt das Tier über den Salat. Die Zähne sind klein, aber schmerzen. Die Idylle donnert in der Ferne. Die Schnecke kaut daran und frisst sich bis ins Herz.

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CLARISSA HASENBERGER C Chaotisch L Lustig A Aufmunternd R Redegewandt I Inspirativ S Sicher S Schöngeistig A Abenteuerlustig

Sie sagte: Warum sollte ich nicht springen? Ich kann den Schmerz nicht mehr ertragen. Es tut weh. Es tut sehr weh. Der Schmerz wäre nicht mehr da!

Sie dachte: Warum sollte ich nicht springen? Es kann nur besser werden. Es tut weh. Es tut sehr weh. Sie wäre erlöst!

Sie hörte: „Engel können fliegen!“ – und sprang …

Das andere Ich 1 Es zerstört ihn Jede einzelne Träne macht sein Gesicht wieder normal Doch er kann nicht anders Sie kommen einfach Langsam kommt sein Alter-Ego zum Vorschein Er verschwindet 2 Es zerstört ihn Er versteckt sich in seinem anderen Ich Er sieht glücklich aus Er weint Doch keiner sieht ihm an, wie er wirklich ist Nicht einmal er selbst! 3 Es zerstört ihn Jeder einzelne Tropfen macht sein Gesicht wieder normal Unnormal! Doch er kann nicht anders Sie kommen einfach Langsam kommt er zum Vorschein Er verschwindet 4 Er schminkt sich ab: Clown

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Clarissa Hasenberger

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2002 | Hollabrunn


The Other World

„Es wird passieren. Hört mir doch zu!“, sagte er zu der Menschenmenge vor ihm, die ihn nicht beachtete. Das ging schon seit einer Woche so. Er erzählte immer dasselbe von Tag zu Tag. „Eine große Flut wird kommen“, schrie er schon förmlich. „In genau einem ­Monat wird sie kommen!“, versuchte er den Menschen klarzumachen. Doch keiner beachtet ihn.

Nachdem ich zweimal geläutet hatte, kam endlich jemand mit schweren Schritten und öffnete die Türe. Es war ein sehr hoch gewachsener, schlanker Mann.

Ein Monat später: Der Weltuntergang. Die Flut kam. Jeder bereute es, nicht auf den Jungen gehört zu haben. Gott hatte kein Erbarmen. Jeder musste sterben. Nur Mika nicht. Er hatte alle gewarnt. Keiner wollte ihm glauben. Nur er durfte überleben.

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Du sagtest für immer. Doch wie lange wird für immer sein? Ewig? Ich werde Dich vermissen.

Clarissa Hasenberger

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Es wird passieren

FÜR IMMER

Du sagtest für immer. doch irgendwann ist auch das einmal vorbei. Ewig kann es nicht sein. Ich werde Dich vermissen. Du sagtest für immer. Doch jetzt ist es vorbei. Ewig war es nicht. Ich vermisse Dich.

Er war schon in die Jahre gekommen, sah aber noch sehr frisch aus. Sein weiß-graues, kurz geschnittenes Haar hatte er fein ­säuberlich mit Gel nach hinten gekämmt. Seine warmen braunen Augen und seine fast zu perfekte Nase machten ihn mir von Anfang an sympathisch. Der Mann trug ein weißes Hemd, darüber ein schwarzes Jacket und eine dazu passende Hose. Ein kleines Namens­schild war in die Brusttasche des Hemdes eingenäht. Leopold. Ich fand den Namen sehr passend. Leopold riss mich aus meinen Gedanken, als er sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau, Sie wünschen?“ Er hatte mich so aus meinen Gedanken gerissen, dass ich erst einmal überlegen musste, weswegen ich gekommen war. Etwas verlegen meinte ich dann: „Guten Tag, ich bin Emma Lincoln und hätte ein paar Fragen an Mr. Bollwet!“ Ich war nicht gerade sehr hübsch oder immer im neuesten Trend. Meine Haare waren braun und glatt. Meistens waren sie in einem schnellen Zopf zusammengebunden. Meine strahlend blauen Augen waren das halbwegs Schönste an mir, obwohl die Nase etwas zu groß und meine Lippen nicht sehr voll sind. Meistens trug ich ein einfaches T-Shirt und Jeans. „Keine Presse, bitte!“, meinte der elegant gekleidete Herr. Gerade noch rechtzeitig konnte ich meinen Fuß zwischen Türe und Türstock schieben, sonst hätte er mir die Tür vor der Nase zugeknallt. Schnell meinte ich: „Ich bin keine Journalistin! Ich weiß nur unerklärliche Dinge über das Leben von Mr. Bollwet, die ich im Grunde nicht wissen kann und auch nicht wissen sollte.“ Der alte Herr öffnete nun langsam und neugierig die Tür. „Und welche Dinge wären das genau, Madam?“, fragte er kleinlaut. „Als Erstes möchte ich ... bitte, wenn Sie so höflich wären, mich zu Mr. Bollwet zu bringen, damit ich mit ihm darüber reden kann“, versuchte ich mich herauszureden. „Ja, natürlich Miss! Entschuldigen Sie meine Frage, sie war nur aus reiner Neugierde“, nuschelte er beschämt. Leopold führte mich durch das sehr edle und große Haus. „Es ist so, als wäre ich schon einmal hier gewesen!“, überlegte ich laut. „Wie bitte, Gnädigste?“, fragte der Herr vorsichtig. „Nichts! Nichts!“, antwortete ich rasch. Der Butler, nahm ich an, Leopold, öffnete eine schwere, große Holztüre. Mit dem Rücken zu uns saß ein Mann in einem schlammgrünen Ledersessel. Leopold räus­ perte sich: „Mr. Bollwet, hier ist jemand, der Sie dringend sprechen will.“ Langsam drehte sich der Stuhl und Mr. Bollwet kam zum


Ähnliche Träume verfolgten mich fast jede Nacht, bis ich beschloss, zu diesem Haus, von dem ich jedes Mal träumte, hinzufahren. Charles führte mich nach langem Beraten zu besagtem Bild. Das Bild war noch populärer, als ich gedacht hatte. Es zeigte einen schmalen Pfad, an den Rändern Bäume. Es sah mystisch und dunkel aus. Ich bat ihn, mich kurz alleine zu lassen, damit ich das Bild in Ruhe betrachten könnte. Als Erstes hielt ich mich eher auf Abstand, doch dann zwang mich irgendeine Kraft, es zu berühren. Als es meine Fingerspitzen gerade zu berühren wagten, hörte ich ein Wispern. Schnell zog ich meine Hand ruckartig zurück. Ich war mir sicher, das Wispern kam aus dem Bild.

„Setzen Sie sich“, bot Charles an und deutete auf den Stuhl gegenüber. Ich setzte mich. Jetzt trennte uns nur noch der Schreibtisch zwischen uns. Ich erzählte ihm von den ungewöhn­ lichen Träumen, die ich seit dem letzten Weihnachtsfest hatte und durch die ich sehr viel von ihm wusste.

Clarissa Hasenberger

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Ich träumte öfter als einmal pro Woche von seinem Haus und auch von einem Bild. Ich konnte mich nur verschwommen an das, was ich gesehen hatte, erinnern. Nur das Bild, das sah ich gestochen scharf. In meinen Träumen glaubte ich, mit dem Bild verschmelzen zu können. Ich war in dem Bild gegenwärtig. Ein verrückter Gedanke, aber es war so: Bäume umgaben mich, es war dunkel, sehr dunkel. Ich ging zwar auf einem schmalen Pfad, aber trotzdem fühlte ich Angst und Hilflosigkeit. So schnell wie ich in das Bild auch hineingekommen war, so schnell war ich auch wieder draußen. Meistens wachte ich schweißgebadet auf.

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Vorschein. Er war ein etwas kleiner, aber immerhin sehr schlanker Mann, geschätzte 45 Jahre alt. Seine Haare waren schwarz und zurückgekämmt. Das Gesicht sah schmal und sehr gepflegt aus. Seine blaugrauen Augen musterten mich. Die perfekt geformte Nase passte zu seinen makel­losen Lippen. Irgendwie war alles an ihm perfekt. Das ganze Haus war perfekt. Alles war perfekt, und das machte mir etwas Angst. „Sie wünschen?“, meinte er. Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu: „Ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen, Sir!“ „Aber beeilen Sie sich, ich habe noch zu tun!“, sagte er schroff. Er gab ­Leopold Zeichen, dass er gehen solle. Als dieser aus dem Zimmer ging, schloss er hinter sich die Tür.

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LENA KIRCHNER

Lena Kirchner

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1997 | Hollabrunn

L Lebhaft E Einfallsreich N Natürlich A Alternativ

Ich wäre gern ein ­Schmetterling Bunt und wunderschön Sie würden mich betrachten Mich bewundern Sich freuen, wenn sie mich seh’n Ich wäre zwar verletzbar Verletzbar, aber schön Sie wollen mich verletzen Mich zerstören, mir weh tun Ich breite meine Flügel aus Fliege immer weiter Ich breite meine Flügel aus Es hat auch einen Sinn Fliege immer weiter – bis ich nicht mehr verletzbar bin

Schrei! Schrei! Schrei es laut heraus wenn du anderer Meinung bist Schrei es laut heraus Wenn du ungerecht behandelt wirst Schrei es laut heraus Wenn dich etwas stört Schrei es laut heraus Wenn dir danach ist Schrei es laut heraus Auch wenn uns gelehrt wird, lieber zu schweigen Schrei es heraus Widersetz dich ihnen Schrei es heraus Du willst etwas sagen? Schrei es Du wirst nicht beachtet? Schrei es Sie wollen es nicht hören? Schrei es Es wird dir helfen Schrei!


Eine kleine Lüge sollte mein ganzes Leben beeinflussen. Eine kleine Lüge sollte mein ganzes Leben auf den Kopf stellen.

er angeblich seine Kinder im Haus einsperre und seine Frau häufig schlüge oder mit einem Messer attackiere. Ich bemerkte nicht, dass meine Freundin total schockiert war und sich schnell danach von mir verabschiedete. Ich dachte mir auch nichts dabei.

Alles begann vor einem Jahr, ich kann mich aber erinnern, als ob es erst gestern gewesen wäre. Es war ein düsterer nebeliger Tag im September. Ich saß in meinem Zimmer und beobachtete das hektische Treiben der Menschen von meinem Fenster aus. Oft, wenn ich traurig bin, überlege ich mir zu diesen Menschen einen Schicksalsschlag. Das lässt mich meinen eigenen Schmerz lindern und ich vergesse für einige Momente meine Probleme. Der dicke Mann dort drüben etwa wurde von seiner Freundin sitzen gelassen. Das schlanke Mädchen wurde von ihrem Vater missbraucht. Und den Kerl an der Ecke? Den hat es besonders schwer getroffen. Seine Eltern haben ihn verlassen, und jetzt muss er sein Geld mit Drogenhandel verdienen. All diese erfundenen Geschichten lassen meine Traurigkeit sinken. Aber an diesem einen Tag im September sollten meine Geschichten zu einem großen Problem werden.

Am nächsten Tag wurde ich von einem lauten Klingeln an der Haustür geweckt. Schnell zog ich mir meinen Schlafmantel über und öffnete die Tür. Zwei Polizisten standen vor mir. Sie sagten, dass es sich um einen Herrn handle, den ich angeblich verdächtige. Sie erzählten, dass er in Untersuchungshaft sitzt – und das nur wegen mir. Sie haben ihn in seinem Haus festgenommen und nun müsste ich aussagen. Ich überlegte kurz, wie es dazu gekommen sein konnte. Nun erinnerte ich mich an meine Geschichte vom Vortag. Hatte meine Freundin die Geschichte ernst genommen? Hatte meine Geschichte das Leben eines Menschen zerstört? Ein schlechtes Gewissen machte sich in mir breit. War das alles meine Schuld? Ich versuchte, das Ganze aufzuklären. Aber die Polizisten glaubten mir nicht. Ich musste mit ihnen gehen, musste mich meinem Lügengebäude stellen. Aber würden sie mir dann glauben?

Ich saß also an meinem Fenster, als es plötzlich an der Tür läutete. Eine gute Freundin besuchte mich überraschend. Wir redeten über dies und das und lästerten über unsere Klassen­ kolleginnen. Nach einer Zeit setzten wir uns beide an mein großes Fenster und starrten zusammen hinaus. Da ich es so gewöhnt war, nahm ich eine Person und kreierte zu ihr eine Geschichte, die ich meiner Freundin erzählte. Ich sprach von seiner schweren Kindheit, in der er ständig Schlägen ausgesetzt war. Ich erzählte, dass er versucht hatte, sich umzubringen, aber knapp überlebte. Und schluss­ endlich kam ich zum Höhepunkt meiner Geschichte. Ich behauptete, dass

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Lena Kirchner

Ein Jahr später wurde das Verfahren noch immer nicht eingestellt. Und seither lebe ich mit dem Wissen, ein Leben zerstört zu haben. Alles nur wegen einer kleinen Lüge.

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Weh dem, der lügt!

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Gender

A bis Z – Text

Seine Bitten erhört Seine Wünsche erfüllt Seine Träume verwirklicht Sein Leben erleichtert

Anders war ich schon immer. Bisher war es aber eigentlich nie ein Problem. Chaos beschreibt mein Leben wohl am besten! Dunkelheit meinen inneren Zustand! Es ist sehr schwer für mich allein zu sein, tagaus tagein. Für wen wäre es das auch nicht? Gründe für mein Alleinsein gibt es viele, vor allem Hass. Hass für mein Anders­sein. Hass gegen meine Person. Ihr versteht mich nicht! Jämmerlich versucht ihr mich zu zerstören. Könnt euch kein anders Opfer suchen. Lasst mich einfach nicht in Ruhe. Mich lässt es nicht kalt, auch wenn es nach außen so wirkt. Niemand weiß, wie es in mir aussieht. Ohne an meine Gefühle zu denken, macht ihr immer weiter. Packt mich, wenn ich schon am Boden liege. Quält mich, bis ich nicht mehr kann. Reden kann man mit euch nicht. Schreien noch weniger. Täglich das gleiche Spiel. Täglich die gleichen Qualen. Und das „Warum“ kann mir niemand erklären. Vernunft – ein Wort, das ihr nicht kennt. Wann hört es endlich auf? Wann hört ihr endlich auf? X-mal stelle ich mir diese Frage. X-mal keine Antwort. Zerstörung mein ständiger Wegbegleiter. Zerstörung der Inhalt meines Lebens.

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Ihre Meinung ignoriert Ihre Pläne zerstört Ihre Anliegen überhört Ihr Leben erschwert

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Sie wird diskriminiert Es wird ignoriert Er wird diskriminiert Es wird diskutiert Er wird gefeiert Sie übersehen Er wird geehrt Sie fehlt Sie ist egal Er der Held Das ist normal In unserer modernen Welt

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Am Bach der Tränen Immer wenn ich allein sein will, setze ich mich an das Ufer eines kleinen Baches. Stundenlang starre ich in das strahlend blaue ­Wasser, schalte alles rund um mich aus. Es gibt nur noch mich und meine Gedanken. Ich sitze auf den feuchten Steinen und lasse all meinen Gedanken freien Lauf. Manchmal wäre ich gerne wie die Steine. Hart und kalt. Sie machen sich nichts aus eigenen Meinungen, sind nicht verletzbar, sind nicht wie ich. Wie viele Tränen habe ich hier schon vergossen? Wie oft schon mit meinem Leben abgeschlossen? Wie oft völlig verzweifelt ins Wasser gestarrt? Der Bach besteht aus meinen Tränen. Ich fülle ihn mit meinem Schmerz und meiner Trauer. Die Steine sind meine Zuhörer. Die einzigen, die ich habe. Die einzigen, die sich nicht über mich lustig machen, mich verspotten oder ausstoßen. So seltsam es klingt, bei ihnen fühle ich mich wohl. Hier fühle ich mich wohl. Hier – an meinem Bach der Tränen.


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JANINA LÖRINCZI 2003 | Hollabrunn

Ein Mord kommt selten allein

Ächzend erhob ich mich aus dem Sessel und hob ab. „Hilfe, Herr Kommissar, er hat einen Mordversuch an mir ausgeübt! Bitte, kommen Sie schnell! Hilfe!!!! ...“, hörte ich eine Stimme in Todesangst schreien. ­Beruhigend sprach ich in den Hörer: „Reden Sie langsam, wo sind Sie? Wie sah der Täter aus?“ „Hollabrunn, Wienerstraße!“, bekam ich als einzige Antwort. Da es meine heilige Pflicht war, setzte ich mich in mein Auto und machte mich auf, um in die Stadt zu fahren, die das Opfer genannt hatte. Wie sich jetzt wohl jeder denken kann, bin ich nicht einfach nur ein Mann, der

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Urlaub auf einem Bauernhof macht, nein, ich bin Polizist! Genauer gesagt: Kommissar Friedrich Böhe! Als ich schließlich am Ort des Verbrechens ankam, empfing mich Totenstille. Da es sehr unprofessionell gewesen wäre, unterdrückte ich einen Schrei, als ich vor meinen Füßen einen regungslosen Mann liegen sah. In seiner Brust steckte ein Messer, ich sah nur noch rot! Rot, weil ich merkte, dass der Tote in einer Lache voller Blut lag. Doch ich kam nicht dazu, meine Gedanken fortzusetzen, denn ich spürte einen grässlichen Schmerz, der sich in meine Seite bohrte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Mörder mich erwartet hatte. Danach wurde mir schwarz vor Augen und ich ­konnte mich nicht mehr bewegen! Was dann passierte, weiß ich nicht. Ich kam erst heute morgen wieder zu mir. Nun liege ich in diesem weißen Bett, und vor mir hängen tausend Schläuche, durch manche fließen Schmerzmittel in meine Adern, mit anderen wird mein Herzschlag gemessen. Ich schließe die Augen und plötzlich, so kurz wie ein Blitz andauert, doch so durchdringend wie ein Schrei, sehe ich ihn, den Mörder. Nun schreie ich vor lauter Schmerz und Verzweiflung, doch ich werde schwächer, das Gerät, mit dem man meinen Puls misst, fängt an zu piepsen. Krankenschwestern eilen herbei, doch es ist zu spät ...

Janina Lörinczi

Sonne, schlafen und essen, lautete mein Motto, als ich beschloss, Urlaub auf einem Bauernhof zu machen. Am Anfang verlief auch alles nach Plan, denn ich lag stundenlang in meinem Liegestuhl, bis ich neben mir das Telefon klingeln hörte.


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Janina Lörinczi

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Frei

Der weiße Ziegenbock

Wieder mal fiel die Morgenröte durch das kleine Fenster und wie jeden Tag erhob ich mich traurig von der harten Strohmatratze, die in dem kleinen Raum ausgebreitet war. Ich streckte meinen Kopf nach draußen und sah zu, wie die Leute geschäftig auf der Straße umher eilten. „Was würde ich für ein solches Leben alles geben?“, seufzte ich in mich hinein, denn ich war ein Waisenkind, das sich, nachdem meine Eltern tot waren, in diesem Haus mit vielen andern Kindern wiederfand. Seit diesem schrecklichen Tag hatte sich nichts verändert. Wie auch am ersten Morgen und auch alle Jahre darauf kam heute eine der Frauen, die im Heim arbeitete, herein, doch an diesem Tag fragte sie mich nicht, ob ich Hafer oder Weizenbrei haben wollte. Sie verkündete mit einem weiten Lächeln: „Komm heraus, hier wartet jemand auf dich.“ Mit diesen Worten sollte ein Wunsch für mich wahr werden, denn dieser jemand, der hinter der Tür stand, erklärte mir, dass er beschlossen hatte, mich in seine Familie aufzunehmen. Er nahm mich an der Hand, führte mich ins Freie und setzte mich auf eine kleine Kutsche. Auch er nahm darin Platz und trieb das vorne eingespannte Pferd an. Sobald sich das Gefährt in Bewegung setzte und Ritter, Mägde und Häuser an mir vorbeizogen, rieselten Angst und Kummer wie Staub von meiner Seele. Ich fühlte mich das erste Mal in meinem Leben frei. Und dabei sollte es auch bleiben.

Vor langer, langer Zeit, ungefähr in den Tagen der Weinlese, ­machte sich ein Bauer mit seinen zwei Söhnen auf, um die reifen Trauben zu ernten. Während der Mann die Früchte von den Sträuchern pflückte, spielten die Kinder Verstecken und entfernten sich, ohne es zu wissen, immer weiter von ihrem Vater. Dieser war aber so vertieft in seine Arbeit, dass er es gar nicht bemerkte. Als die Buben anfingen sich zu streiten, sahen beide nur einen Steinwurf von sich entfernt einen großen weißen Ziegenbock, der über das Feld spazierte. Überall, wo er hintrat, wuchsen neue Weinstöcke hervor, und ehe man sich‘s versah, hingen auch schon saftige Trauben daran. Bis zu diesem Zeitpunkt schien es, als würde der Bock die Kinder nicht bemerkt haben, doch plötzlich wendete er ihnen seinen Kopf zu. Die Buben erschraken heftig, als das Tier zu ihnen sprach: „Meine Güte, warum starrt ihr mich so an, habt ihr denn noch nie vom Erntegott gehört? Begreift doch, ich bin es! Ich bin kein Geist, greift mich an, kein Geist hat Haut und Knochen, Fleisch und Haare!“ Da begriffen die Buben und liefen fort, um dem Vater davon zu erzählen und dieses Geheimnis weitertragen zu können. Das taten sie auch, und noch die Enkel und Urenkel erzählten ihren Kindern vom Erntegott. Und so wurde die Geschichte bis zu mir getragen, und um sie auch weiterreichen zu können, erzähle ich sie heute euch. Und so wird es wohl bis in alle Ewigkeit weitergehen. Als Dank aber besucht auch heute noch der Bock jeden Weingarten und lässt neue Reben sprießen und gedeihen. Auch heute noch wird der Ziegenbock manchmal bei seiner Arbeit entdeckt, aber das sind andere Sagen und Erzählungen. Und wenn du nicht daran glaubst, dann mach doch einmal einen kleinen Spaziergang zur Zeit der Weinlese!

Idylle mit Schnecke und Salat Was für ein schöner Tag, wieder mal. Die Sonne scheint, wieder mal. Wie schön blühen die Blumen, wieder mal. Was für ein idyllisches Leben ich doch habe, wieder mal. Im Salat raschelt es, eine Schnecke frisst sich durch mein Gemüse. Endlich etwas nicht Alltägliches!


Himmel

so friedlich, so einsam. Sie ist ein echter Held, allein und auch gemeinsam. Voller Früchte und voll Leben, und auch voll mit Schönheit, hat immer noch uns Halt gegeben, auch in größtem Leid. Sie hält uns stets in ihrer Hand, fürsorglich und mit Wärme. Führt uns in ihr unendliches Land, im Gedanken, der Mensch würd es lernen. Im Gedanken, der Mensch würd es lernen zu lieben und zu leben wie sie, denn wenn er das nicht tut, wird er enden, als gäb es ihn nie.

Durch Wälder und Wiesen, an Feldern vorbei gegen den Wind ziehn, dann fühl ich mich frei. Über Berge, durch Wüsten, hinein in den Sand, durchs Wasser waten, liegen am Strand. Meine Seele befreien, von den Fesseln des Lebens, doch wofür jenes tun, es ist doch vergebens. Irgendwann steig ich hinauf in den Himmel nach oben, dann sitz ich dort in den Wolken ganz droben. Dann werd ich ein Kind sehn, das so denkt wie ich. Durch Wälder und Wiesen, an Feldern vorbei, gegen den Wind ziehn, dann fühlt es sich frei. Es wird durch Wüsten wandern, über Berge klettern, wird nach draußen gehen, bei allen Wettern. Und irgendwann sitzt es neben mir, in dem Reich des Bunten und wir werden uns erzählen von der Welt dort unten!

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Meine kleine Welt

Janina Lörinczi

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DIANA MELODY ­MICHEAL

D Dankbar I Intelligent A Auffallend N Naturliebend A Anders

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Erzählen von alten Leuten

Diana Melody Micheal

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2000 | Mühlbach am Manhartsberg

Alte Menschen. Voller Weisheit und Wissen. Manche verstoßen sie. Doch sie sind nett, und man kann von ihnen sehr viel lernen. Als sie noch Kinder waren, gab es noch keine „Bum-Bum-Musik“, „Flimmerkisten“ oder diese sogenannten „Computer“, wie manche sagen. Sie haben ihre Kindheit anders verbracht. Draußen bei Wind und Wetter. Was sie alles schon erlebt haben! Manche mehr, ­manche weniger. Viele haben schlimme Zeiten durchgemacht, zum Beispiel Kriege. Jetzt sind diese vorbei. Wir können uns oft nicht vorstellen, was damals passiert ist. Wir können nur zuhören, was sie uns erzählen: Alte Menschen – voller Wissen und Weisheit.

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Bis sie auf mich zeigte. „Du da! Aufstehen!“ Langsam erhob ich mich aus meinem Sessel. „Kannst du mir sagen, wer das war?“ Ich wusste nicht weiter. Sollte ich meine Freunde verraten? Die Schuld auf die anderen schieben? Ich entschied mich anscheinend für den falschen Weg. „Na ja, wer könnte es gewesen sein, Frau Lehrerin? Es war Lisa! Sie ist es gewesen. Wer von uns außer ihr würde wissen, wie man so eine Bombe mischt? Und, Frau Lehrerin, ich weiß nicht wie, aber sie haben einen Kaugummi auf Ihrer Hose kleben.“ Die Lehrerin überlegte und fasste einen Entschluss. Sie wollte Lisa vor der Klasse sprechen und sie dann zum Direktor begleiten. Das wollte ich nicht. Meine Freunde waren mir dankbar, dass ich sie nicht verraten hatte, aber mein Gewissen hat sich noch immer nicht beruhigt. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn ich nicht gelogen hätte. ODER?

Die Rache der „Weinbeergoaß“ (Weinbeergeiß) Sie packten mich an meinen kleinen Hörnern. Zogen mich rauf zu den Trauben. In die Weingärten. Die Männer und Burschen versprachen mir, dass ich meine Familie wiedersehen würde. Da doch meine Eltern und älteren Geschwister schon so lange fort sind. Da stand ich nun. Allein. Schrie lauthals nach meiner Familie. Nichts. Stille. Hatten die Menschen gelogen? Ich wusste nicht weiter. Ich rannte alle Weingärten ab. Doch konnte ich niemanden finden. So. Jetzt wusste ich es. Ich war allein. Meine Artgenossen fort. Spurlos verschwunden. Einfach vom Erdboden verschluckt. Erschöpft ließ ich mich unter einer Rebe nieder. Ihre Trauben glänzten wunderschön in der Sonne. Hier fühlte ich mich geborgen. In der nächsten Woche kamen die Männer und Burschen zurück. Doch was hatten sie da? Ein Seil. Ein Messer! Ich wusste nicht, wie mir geschah. Musste schreien. Sie banden mich fest. Einer von ihnen stellte sich vor mich, holte das Messer, schrie irgendwas vor sich hin und stach zu. Jetzt bin ich hier. Unter mir eine kleine Ziege. Nein. Ich versuche sie zu warnen. Jetzt glänzte ich in der Abendsonne. Doch das ist nur ein Zeichen. Hallo! Du, unter mir! Hör mir zu! Was sie dir versprochen haben, ist falsch! Vergeblich versuchte ich Tag für Tag, die Ziege zu warnen. Doch eines Tages passierte ihr dasselbe wie mir. Als ich dies mit ansehen musste, war mir eines klar. Das darf nicht so weitergehen. Ich werde mich rächen. ­Wochen vergingen und ich wurde geerntet, in Fässer gefüllt und in dunkle Keller gestellt. Nun ist der Zeitpunkt da. Ich trete aus. Hinaus aus den Fässern. In die kalte Kellerluft. Jedes Mal, wenn mich einer dieser Männer und Burschen im Keller besucht, nehme ich ihnen das Leben, so wie sie es mir und vielen anderen einst genommen haben.

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Diana Melody Micheal

Es ist schon fast drei Monate her, aber es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Wir planten in einer Frei­ stunde einen Streich, den wir unseren Englischlehrerinnen spielen wollten. Meine Freunde und ich wussten genau, wann, wo und wie das alles ablaufen sollte. Wir haben es auch geschafft, aber das, was danach passierte, war keine Absicht. In der vierten und fünften Stunde war es endlich so weit. Aber vorher bereiteten wir alles vor. Ein Junge aus unserer Klasse klebte seinen Kaugummi auf den Lehrer­ sessel. Ich versteckte zwei Spinnen aus Plastik in den Laden des Schreib­ tisches. Ein Mädchen aus unserer Gruppe steckte vom Computer die Tastatur und die Maus ab. Und als wäre das nicht schon komisch genug gewesen, bastelten wir auch noch Stinkbomben. Als alles fertig war und die Schulglocke ertönte, saßen wir auf unseren Plätzen. Kaum kam die Lehrerin herein, mussten wir uns den Mund zuhalten, weil wir jeden Moment zu lachen angefangen hätten. Es lief alles wie geplant. Die Lehrerin setzte sich, drehte den Computer auf und stellte fest, dass die Maus und die Tastatur nicht reagierten. Sie versuchte eine viertel Stunde lang die Lösung für das Problem zu finden, war aber erfolglos. „Na gut. Wenn die Kiste nicht funktioniert, dann nehmt jetzt das Buch und schlagt Seite 33 auf.“ Die Lehrerin suchte ihre Bücher und hatte sie anscheinend vergessen, was aber nicht geplant war. Als sie ihre Tasche nach ihnen abgesucht hat, sah sie als Nächstes in den beiden Laden des Schreibtisches nach. Sie schreckte zurück. Wir lachten. Nachdem die Lehrerin herausfinden wollte, wer das war, verlief der Unterricht normal. Bis einer anfing, die Stinkbomben vor die Füße der Lehrerin zu schleudern. Die Lehrerin war alles andere als erfreut. Sie fragte wieder, wer das war.

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Weh dem, der nicht lügt


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Home-Krimi

Diana Melody Micheal

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Es war vor ungefähr zwei Monaten. Die Menschen aus unserem Ort stehen noch immer unter Schock und haben Angst. Wir hörten als Erste am Abend vor dem Fernseher, dass sich ein Mörder aus den Klauen der Polizei befreit hat und geflüchtet ist. Wir dachten uns nichts dabei und gingen zu Bett. Der nächste Tag. Samstag. Ich war allein zu Hause, machte das Radio an und lauschte. Schnell wurde das Lied unterbrochen und eine Stimme begann zu reden: „Achtung, Achtung! Es treibt sich ein Mörder herum. Bitte sperren Sie alles zu. Türen und Fenster geschlossen lassen, bis wir den Kerl geschnappt haben! Der frei laufende Schurke ist nun auf dem Weg nach …“ Ich schaltete ab. Wollte nicht wissen, wo sich dieser Typ herumtreibt. Ich tat so, wie es mir gesagt wurde. Schloss Fenster und … Nein, die Tür nicht. Ich blieb still. Eine Stunde lang saß ich einfach nur da. Plötzlich bekam ich einen Schrei zu hören. Den Schrei einer Frau. Ich konnte nicht anders. Mich packte die Neugier und ich lief hinaus in den Hof. Ich schaute vorsichtig über den Zaun und sah, wie

ein Mann meiner Nachbarin drohte. Er hielt ihr einen Revolver an ihren Kopf. Vor Schreck konnte ich mich nicht bewegen. Ich musste mit ansehen, wie er meine Nachbarin an den Haaren zog und sie jeden Moment töten konnte. Als er bemerkte, dass ihn jemand beobachtete, sah er mich an. Seine Augen sagten: „Du bist die Nächste!“ Ich lief vom Zaun weg, wieder ins Haus. Sperrte die Tür hinter mir ab und griff nach dem Telefon. Ich rief bei einer Polizeistation an, sagte ihnen die Adresse, was ich gesehen hatte und dass ich allein zu Hause war. Der Polizist am anderen Ende der Leitung versprach: „Wir sind gleich da! Bleib da, wo du bist!“ Ich tat wieder das, was mir gesagt worden war. Auf einmal ertönte ein Geräusch. Es hörte sich an wie eine knarrende Tür. Unsere Tür. Nein. Er war hier. Hier im Haus. Schnell fing mein Herz rasend an zu klopfen. Ich sah ihn. Er ging langsam in den Raum herein. Er starrte mich an. Dann ging alles schnell. Er packte mich an den Haaren und zog seine Pistole hervor. „Jetzt ist es aus!“, dachte ich. Plötzlich hörte ich einen Wagen. Er blieb stehen. Schnell stürmten die Polizisten ins Haus. Einer von ihnen schrie: „Lassen Sie das Kind los! Waffe fallen lassen und Flossen hoch!“ Doch der Typ ließ nicht locker. „Los!“, schrie der Mann noch einmal. Langsam sah der Mann ein, dass er keine Chance hatte. Auch wenn er mich umgebracht hätte, hätte ihn die Polizei geschnappt und mitgenommen. Er ließ los. Ich lief sofort zu den Leuten, denen ich mein Leben verdankte. Langsam führten sie den Mörder ab. Ich erfuhr, dass dieser Mann schon fast alle Leute auf dieser Straße bis zu meinem Haus mit dem Umbringen bedroht hatte. Ja und heute … Der Fall ist zwei Monate her. Und es stehen die Menschen immer noch unter Schock und haben Angst.


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JAN WALDHART 1999 | Hollabrunn J Jung A Ausdauernd N Nett

FERIEN!!!!!

Es war einer dieser Tage …

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Schule. ACH wie schwer ums Herz Wird mir der Gedanke nun Monate des Trennungsschmerz’ Was soll ich ohne Schule tun?

Es war einer dieser Tage. Anscheinend bin ich in der Früh mit dem falschen Fuß aufgestanden, denn zum Frühstück goss ich mir anstelle von Milch Cola in die Schüssel mit Cornflakes, wie das auch immer geht! Beim Zähneputzen verwendete ich anstatt dem Mundwasser das Rasierwasser. Als ich mich duschen wollte, drehte ich das heiße Wasser auf und wurde buchstäblich gekocht. So ging ich also in die Schule mit Zuckerschock, ekeligem ­Geschmack im Mund und Verbrühungen.

Jan Waldhart

Faul am Sofa mit Nintendo? Cola, Chips und Schokolade? Wundgelegen wird mein Popo. Ach, das wird so fruchtbar fade! Schwimmen gehen und Fußball spielen? Vorm TV von früh bis spät? Einfach ohne Lernen chillen? Weiß nicht, ob das wirklich geht! PUFF – Da fuhr ich hoch im Bett Schweißgebadet und verkrampft. Dieser Traum war gar nicht nett. Gott sei Dank ist er verdampft!


Wie es in der Zukunft aussieht

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Jan Waldhart

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Ich stelle mir die Zukunft etwas anders vor als die meisten. Ich glaube nicht, dass die Autos durch Düsenflugzeuge ersetzt werden oder dass wir mit Raketenstiefeln fliegen werden. Ja, das alles hätte natürlich seinen Reiz und würde unser Leben eventuell sogar erleichtern. Doch wenn ich es mir genauer über­ lege, ist dies sogar wahrscheinlicher als die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Bereichen. So auch im Finanziellen – Frauen erhalten in Spitzenpositionen weiterhin weniger Lohn als Männer. Der Weg, zu diesen Spitzenpositionen zu kommen, ist für Frauen ja auch eher eine Ausnahme. Ein treffendes Beispiel von vielen stellen die Wiener Philharmoniker dar, dort werden jederzeit mehr Männer als Frauen aufgenommen. Also, ich stelle mir für die Zukunft vor – wenn AutofahrerInnen von DüsenflugzeugpilotInnen und RaketenstiefelfliegerInnen vertrieben werden und über ZuschauerInnen hinwegfliegen, dann werden ManagerInnen auch gleich viel „verdie-Innen“. Mein Wunsch von einer gerechten Welt wird also höchstwahrscheinlich nicht so schnell in Erfüllung gehen.


DAVID WEIHS D Denkend A Anspruchsvoll V Vielversprechend I Ideenreich D Dankbar

Die Glückshenne

Schule

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Alexandra lebte in einem Haus außerhalb der Stadt. Als Haustier besaß sie Hähne und Hennen. Erst vor kurzem kam ein kleines Küken zur Welt. Alexandra taufte es auf den Namen „Rosi“. Alexandra mochte Rosi sehr. Sechs Monate später war Rosi schon eine erwachsene Henne. Sie heiratete einen Hahn mit dem Namen „Willi“. Schon wenige Tage später legte Rosi Eier. Bevor die Küken schlüpften, brachte Alexandra die Eier ins Haus. Sie brach ein Ei auf … aber das war kein gewöhnliches Ei. In der Schale waren lauter Ein-Euro-Münzen! Auch in den anderen Eiern waren Münzen versteckt. Alexandra sagte: „Da habe ich eine echte Glückshenne erwischt!“

Ich würde lieber, besser, gerne … Hausaufgaben liegen mir ferne.

David Weihs

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2006 | Hollabrunn

Ich würde Schulen gerne verbessern, und die Zeit nicht ganz vergessen. Ebenfalls will ich nur Pausen, mit einer wirklich guten Jausen. Pausen sollen nur mehr rein, Schule soll das nicht mehr sein. Und zuletzt will ich ganz gern, dass ich trotzdem noch was lern.


Ängstlich

Ausgesetzt

Angst – das spürt sich erst nicht gut, trotzdem bringt sie neuen Mut.

Ein Flugzeug stürzt ab. Ich sitze darin. Wälder, wir sind in Afrika. Alle Menschen laufen aus dem abgestürzten Flieger. Mist, der Gurt geht nicht auf! Ich schaue aus dem Fenster, das neben mir liegt. Alle Menschen steigen in einen Rettungshubschrauber. Niemand sieht mich! Der Gurt geht noch immer nicht auf! Ich bin eingesperrt! Ausgesetzt! Der Hubschrauber ist bereits abgehoben.

Wenn man hat dann Gänsehaut, und es draußen ist ganz laut. Ich steige aus meinem Bette, was ich wohl nicht tun solln hätte.

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Doch meistens sinds nur Einbildungen, die doch groß gehen durch die Lungen.

David Weihs

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Manchmal ist es nur der Wind, der vorbeizieht ganz geschwind. So muss es gewesen sein, und ich schlafe ganz ruhig ein.

Brückenbau Brücken mögen sich einst noch, später gibt es dann ein Loch. Brücke fällt zu Staub und Stein, doch dann fiel mir etwas ein: Zusammen, näher Stück für Stück, schon ist es wieder eine Brück’. Gemeinsam gebaut, gemeinsam ­gearbeit’, der Streit tut mir leid – Schluss mit dem Neid.

Geschenke der Natur Geschenke müssen nicht groß sein, damit man sich darüber freut. Nicht nur Produkte wie Stofftiere und so, sondern auch das Gefühl frei zu leben? Nicht jedem Menschen geht es gut! Klar, reich und mächtig zu sein, das würde jeden freuen. Doch versuch dich der Natur zuzuneigen.

Erst jetzt schaffe ich es, mich von dem Gurt zu befreien. Niemand ist weit und breit! Nur ich! Oder doch noch wer? Entsetzt steige ich aus dem Flugzeug. Dann steige ich auf die trockene Dürre Afrikas. Weit und breit nichts! Niemand! Moment! Da sehe ich etwas Weiß-Schwarz-Gestreiftes! Eindeutig keine Fata Morgana! Wirklich! Ein Tier! Das weiß ich! Immerhin bin ich doch nicht voll bekloppt. Ja! Ein Zebra. Das Tier kommt weiter auf mich zu. Es ist schon dunkel! Der Mond scheint über dem klaren Nachthimmel! Das Zebra sieht süß aus! Ich drücke es ganz fest, so als ob es ein Kuscheltier wäre. Ich betrete das Flugzeug und setze mich genau auf den Platz, auf dem ich vorhin gefangen war! Das Zebra folgt mir! Ich erzähle ihm meine Sorgen und all meine Geheimnisse! Es war mir so vertraut und hört mir betrachtend zu! Dann ging es zu mir und ich kuschelte mit ihm. Wir schliefen beide im Flugzeug. Der Morgen war gekommen. Ich hatte Hunger! Ich hatte Durst! Kein Essen und nichts zu trinken war bei mir. Nur das Zebra! Es ging aus dem Flugzeug und ich folgte ihm. Bald erstreckte sich vor uns eine Oase und viele Bananenbäume. Über mir und dem Zebra war ein Surren zu hören! Ein Rettungshelikopter! Ich war gerettet! Und habe einen guten Freund gefunden.

Brückenbruch Brücken brechen nicht so einfach. In Brücken liegt Kraft. Miteinander halten sie sich. Gegenseitig. Zusammen sind sie stark. Aber die Verbindung kann auch leicht brechen. In Streit und Krieg. Die Brücke stürzt ein. Ein Unwetter baut sich über dem Untergang der Brücke auf. Man redet nicht mehr miteinander. Die Verbindung ist unterbrochen. Doch du kannst verzeihen. Du, aber auch der andere. Die Brücke wird wieder aufgebaut. Das Unwetter zieht sich zurück. Du hast wieder Verbindung. Du magst den anderen wieder. Der Streit ist vergessen.


SOPHIE WINKLER 2001 | Hollabrunn

Gott fragte

Weh dem, der nicht lügt

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„Wie gehst du, Katze?“

Der Mensch ist ein Lügner. Er kann gar nicht anders. Sein Leben ist eine Lüge. Alle Natur ist verkümmert. Die Füße sind verweichlicht, er muss sie schützen. Sein ganzer Körper ist verweichlicht. Doch er spielt sich vor, dass er an der Spitze der Nahrungskette stehe. Doch ohne seine Waffe wäre er nichts. Ein Tier kann nicht lügen. Das war es, was es umbrachte. Der Elefant konnte nicht lügen, er habe den Zaun nicht niedergetrampelt. Jetzt ist er tot. Der Wolf konnte nicht lügen, er habe das Schaf nicht gerissen. Jetzt ist er tot. Der Waschbär konnte nicht lügen, er habe die Mülltonnen nicht umgeschmissen. Jetzt ist er tot. Für sie gibt es keine Zäune, Haustiere oder Mülltonnen. Sie können ihre Natur nicht belügen. Und jetzt sind sie tot. Bist du zufrieden, Mensch?

Sophie Winkler

Schreibakademie HOLLABRUNN

S Schlau O Ordnungsphobisch P Phantasievoll H Hundeverrückt I Intelligent E Ehrgeizig

„Wie der Tiger!“, sagte er. „Wie gehst du, Hund?“ „Wie der Wolf!“, sagte er. „Wie schwimmst du, Fisch?“ „Wie der Hai!“, sagte er. „Wie gehst du, Mensch?“ „Wie der Affe!“, sagte er,

Meine „Traumschule“

doch es war gelogen. Eine Schule ohne Schüler, eine Schule ohne Lehrer, eine Schule ohne Hefte, eine Schule ohne Stifte, eine Schule ohne Tafel, eine Schule ohne Kreide, eine Schule ohne Tische, eine Schule ohne Sessel, eine Schule ohne Schulwart, eine Schule ohne Putzfrau, eine Schule ohne Direktor, eine Schule ohne Pausen, eine Schule ohne Hausübungen, eine Schule ohne Schularbeiten, eine Schule ohne Wissen – ist nur ein HAUS.


Schreibakademie HOLLABRUNN

Sophie Winkler

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Gender

Ohne Titel

Der Mensch hat Angst vor dem „Anders“. Die Angst ist der Grund, warum er Tiere falsch behandelt. Weil sie anders sind. Die Angst ist der Grund, warum der Mensch alles erforschen will. Damit er keine Angst mehr hat. Die Angst ist auch der Grund, warum der Mensch die Frau falsch behandelt. Anders behandelt. Der Mensch müsste nur einsehen, dass die Frau nicht anders ist, sondern auch nur ein Mensch.

Voller Angst kauerte die Frau unter einem Tisch. Um sie herum nur Trümmer des zerstörten Hauses. Sie war alleine zu Hause, als das Erdbeben begann. Es war auch besser so. Vielleicht hätte sie ihre Familie verloren. Doch das nicht zu wissen, wie es ihnen jetzt erging, war noch schlimmer als die Tatsache, dass sie in ihrem eigenen Haus eingesperrt war. Der Ort, der sie immer beschützt hatte, der Ort, in dem sie immer eine Zukunft fand, hatte sich nun gegen sie gewandt und sie lebend begraben. Aus einer Ecke des Zimmers drang ein leises Piepsen. Die Frau strengte ihre Augen an und konnte eine Maus erkennen. Klein, unscheinbar, grau und verängstigt hockte die Maus auf einem Haufen Schutt. Genau wie sie. Sie schämte sich nun schon, fast so verängstigt zu sein wie ein einfaches Nagetier. Vorwurfsvoll starrte die Maus sie aus dunklen Augen an. „Starr mich nicht so an!“, fauchte sie. „Ich kann nichts dafür, dass wir hier sind!“ Kurz dachte sie nach, ob es nicht verrückt war, mit einem Tier zu reden, andererseits konnte sie niemand hören, also beschloss sie, weiterzu­ reden: „Weißt du, ich mache mir nur Sorgen um meine Familie. Ob es die Kinder geschafft haben und ob es meinem Mann gut geht. Ob sie zusammen sind oder getrennt. Es macht mich rasend, dass ich nicht weiß, wie es ihnen geht!“ Die Ungewissheit hat der Mensch immer schon gefürchtet, schienen die Augen der Maus zu sagen und für einen Moment glaubte die Frau es sogar. Doch dann fiel dieser kindliche Gedanke von ihr ab, und sie schüttelte den Kopf. „Glaubst du, sie finden uns? Also mich? Du könntest schließlich verschwinden, tust es aber nicht. Weißt du überhaupt, dass du das könntest?“ „Sie werden dich schon finden“, sagte die Maus, und die Frau schüttelte den Kopf. Die Frau redete nun weiter und die Maus antwortete ihr stumm, als es plötzlich hell wurde. Ihre Retter kamen! Nun würde alles gut werden, dachte die Frau. „Hab ich es doch gesagt“, meinte die Maus. Und nach diesen Worten rollte sich die Frau ein und ließ alles mit sich geschehen. Klein, unscheinbar, grau und verängstigt wie eine Maus.

Wie leint man einen Hund an?   1. Man nimmt Halsband und Leine   2. Man ruft den Hund   3. Warten   4. Nochmals den Hund rufen   6. Schauen, ob der Hund beim Nachbarn ist   7. Wir haben Punkt 5 vergessen   8. Der Hund kommt doch   9. Mit freundlicher Stimme ver­suchen, dem Hund das Halsband umzulegen 10. D  em Hund durch den ganzen Garten nachjagen 11. S  ich wieder aufrappeln, nachdem man den Boden poliert hat 12. O  kay, dieses Mal gehen wir mit mehr Kopf an die Sache heran 13. R  uhig bleiben und den Hund zu sich locken 14. D  er Hund dreht sich um und läuft weiter 15. Dem Hund die Zunge zeigen 16. L  angsam anschleichen und sich auf den Hund stürzen 17. I hm das Halsband über den Kopf streifen 18. V  oll Freude aufspringen und einen Freudentanz aufführen 19. Gassi gehen

Sturm Er fegt über das Land, unermüdlich, und er zerstört mit Leichtigkeit alles. Er reinigt die Welt. Mit voller Kraft, und wenn es geht, lässt er weinende Gesichter zurück, da sie alles verloren haben. Doch ihn lässt das kalt. Auch wenn er sehen würde, wer seinetwegen aller weint, würde es ihn doch auch kalt lassen! Er zerstört – und zerstört sich dabei selbst, denn ewig kann er nicht weglaufen. Sie sind gleich: der Sturm und die Menschen. Beide lassen weinende Gesichter zurück. Doch der Sturm ist dennoch ein Geschenk, denn ohne Luft könnten wir nicht atmen.


SCHREIB AKADEMIE

HORN Klasse Rudolf Aubrunner

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TEILNEHMENDE Elliott Chan Angelika Freitag Laurin Sterkl Fabian Stummer Crystal Tiki


Schreibakademie HORN

SCHREIBAKADEMIE HORN

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Es gibt uns, hier in Horn, offiziell seit dem Herbst 2010, denn vorher haben wir uns ein Semester lang inoffiziell, einmal wöchentlich, getroffen und unsere Schreibstunden absolviert. Man weiß in der Stadt, dass es uns gibt, weiß, dass hier talentierte, interessierte und engagierte junge Schreiberinnen und Schreiber von 14 bis 18 Jahren am Werk sind, die auch öffentlich schon aus ihren Werken vorgelesen haben. Wir konnten, dank der großzügigen finan­ziellen Unterstützung der Stadtgemeinde Horn und der Umsetzung durch den Herausgeber der weithin bekannten und renommierten „Edition Thurnhof“, Toni Kurz, im Juni des Jahres 2011, beim Abschlussfest der Kreativ­akademien in Horn, einen Sammelband mit dem Titel „Leidenschaften“ präsentieren, mit unseren Texten und dazu passenden Illustrationen von Schülerinnen und Schülern der Malakademie. Man hat ihr, der Literatur, bereits in den turbulenten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Totenschein ausstellen wollen, immer und überall wurde damals vom „Tod der ­Literatur“ und vom „Tod des Autors“ gesprochen, doch man hatte, voreilig, stürmisch und blind, wie man war, die Rechnung ohne die Literatur selbst gemacht, denn sie – die Sprache und Schrift gewordene Stimme des Menschen in der großen Stille, der Speicher und das Archiv der menschlichen ­Ängste, Träume, Sehnsüchte, Begierden, Bestandsaufnahmen und Phantasien vor dem Hintergrund der jeweili-

gen Zeit – lebt noch immer, wird noch sehr lange leben und gibt, dank der jungen Schreiberinnen und Schreiber hier in Horn, wie auch in den anderen Schreibakademien Niederösterreichs, kräftige Lebenszeichen von sich und wird das auch weiterhin tun. Als eindrucksvoller Beweis dessen möge – neben den Einzelbei­ trägen der Schreibschülerinnen und -schüler – die von uns, in konsequenter Gemeinschaftsarbeit, von September 2014 bis Mai 2015 entstandene Erzählung „Venedig im Nebel“ dienen, in der wir versucht haben, das Handwerk des Schreibens, nämlich die Zeichnung und Beschreibung von Figuren und Schauplätzen, sowie den konsequenten Aufbau eines Plots in Sprache umzusetzen.

Über die Arbeit mit meinen Schreibschülerinnen und -schülern: „Wir sind einander, aus verschiedenen Richtungen, Zeiten und ­Köpfen kommend, begegnet, haben uns, vorerst einander noch fremd, langsam kennengelernt und gehen nun, in der immer flüchtigen Zeit, schreibend, ein Stück des Weges miteinander, wir reisen, gelegentlich, ausgehend von berühmten Eröffnungssätzen berühmter Werke, durch die Literaturgeschichte, durch die Werke und die Lebensgeschichten von Autorinnen und Autoren, wir analysieren die Worte und die Struktur von Gedichten und Prosatexten, denn so wie Schreiben Lesen heißt, heißt Lesen auch Schreiben, und wir schreiben jeder, in seiner Einsamkeit, für sich, wir schreiben aber auch miteinander, Prosa oder Gedichte, erleben so das augenblickliche verblüffende Entstehen von Texten, wir lernen voneinander und ­beeinflussen uns gegenseitig, und ich persönlich nehme jeden/jede dort auf, wo er/sie gerade steht, wie er/sie gerade schreibt und versuche, wenn er/sie es notwendig hat, ihm/ihr weiterzuhelfen und ihn/sie zu ermutigen, um weiterzukommen, weiterzureisen, weiterzuschwimmen im unendlichen Meer der 26 Buchstaben des ­Alphabets, im Meer der Worte und Sätze, versuche, den Blick auf die Wirklichkeit, auf literarische Werke, auf die Sprache und auf die Form zu schärfen, jeder/jede soll, nach jeder Stunde, etwas Neues erfahren haben und mitnehmen, und sollte mir das alles, auch nur teilweise, also in winzigen Ansätzen, gelingen, so habe ich mehr erreicht, als ich mir, in meinen Träumen, zu erhoffen wagte ...“



Rudolf Aubrunner


Schreibakademie HORN

RUDOLF AUBRUNNER Geboren 1958 in Altenburg/NÖ, Matura in Horn, Arbeit in verschiedenen Berufen, seit 2005 freier Schriftsteller; seit September 2010 Leiter der Schreib­ akademie NÖ in Horn; seit Februar 2011 Leitung einer Schreibgruppe im Therapiezentrum Gars/Kamp; seit 2003 Arbeit an der mehrtausendseitigen, noch unveröffentlichten Romantetra­ logie „Der Ernst des Sterbens“; Lesungen (Wien, „Alte Schmiede“); Publika­ tionen in Zeitschriften („Literatur und Kritik“); zuletzt „Lecram, Ich, Marcel; Hommage à Proust“ (Edition Thurnhof, Horn, 2010).

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SCHREIB AKADEMIE


Schreibakademie HORN

Elliott Chan

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ELLIOTT CHAN

Mein Name ist Elliott, ich bin 18 Jahre alt und seit grob gesagt zwei Jahren Mitglied der Schreibakademie Horn. Ich schreibe Lyrik.

SONETTE (Eine kleine Auswahl aus meiner Sammlung von 54 Sonetten)

(I) Sonett 54 Das Gedicht atmet. Und in seiner Verschweigung Reigt es um bedachte Mitten Diese gefühlte Neigung Berührt mit sanften Zephyritten. Die Blumen mögen blühen – Kinderschreie mögen erklingen Doch selbst der jüngste Schrei; die reifste Rose Führt nicht am Altern des Moments vorbei – wenn schon Gesang; wenn schon ein Singen Dann etwas Leeres; unendlich Vernichtendes ... Wir kennen unsre Lose. Die Erde dreht sich ... Doch wie; sag mir; bestimmen wir Unten und Oben? Wer kreist schon nicht Um das All im Geiste – unendlich verschoben? Aber die Finsternis ... Aber das Licht ...


Sonett 46

(II) Sonett 1

Der Geruch äußert sich wie das Schmecken. Äpfel; Bananen; Birnen Sie elevieren; wenn sie sich verstecken … In schmeckenden Gehirnen.

Staunender sieh: Die Luft trägt allen Anfangs nur den Geist; vor den Meeren und Bergen und Bäumen. Denn im ewigen Fallen Ist es steil hinab der Geist; der die Räume füllt; vor den räumlichen Träumen.

Köstlich ist‘s. Der Kuss dieser Frucht Die für uns unsichtbar Sein hätte können; wenn die Flucht Ihres Körpers ist; der nie von Bedeutung war.

Staunender; nenne mir die Träne; die Meere herzlich seichten lässt Nenne mir das Sandkorn; das in Bergen ewig alles gehört ... Dieser heile Vogelschrei; aus dem leeren Nest Der sanfte Flügelschlag; der den Raum des Universums stört. Wasser ist Dasein. Doch unser Entstehen ist für Es nur die Hülle; die Rose; die verschreckende Dorne Ist Entstehen; für unser Dasein der Schöpfenden Kür. Und das gesamte Gedicht beginnt von vorne.

Schreibakademie HORN

Der Duft der Rose Ermalt ein Gemälde in unseren Sinnen. Und der Bestand dieser Prose Ist bestandgemachtes Raumgewinnen.

September 19, 2014 at 4:07 pm

Sonett 49

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Elliott Chan

Und im Herzen entzückt die Wonne freier Kindertage Diese Glanzmurmel; die jeden Tag an Glanz verliert Im Raum des Scheiterns – trage Die Maske, die das Altern ziert. Nichts könnten wir verlangsamen Wenn auch manchmal Tage länger scheinen So begraben wir diesen Samen Während Wolken Bäume weinen. Ein Netz aus sanften Fäden Ergibt sich aus unserer Zeit Horch wenn die Wissenden reden: Es vermehrt sich mit jedem Atemzug. Es verfolgt uns immer wieder. Es befreit. September 23, 2014 at 10:52 pm SCHREIB AKADEMIE


Gedichte

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Die Insel

Elliott Chan

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I

II

Wie in einem Traum verloren ... So binden die fernen Ozeane. Und aus ihren Toren blüht das Leben, Und wenn die Wellen brechen,

Oh wirklich alles bildet sich hier zum Ganzen; Der reisende Wind legt sich auf die Palmen, Er steht und reist zugleich, Wie alles im Einklang schwellt und lebt …

Träumen wir vom Wolkenbruch, er ist das Portal der Lüfte. Angekommen an den Stränden, gefallen durch die Zeit, Mag es wunderlich erscheinen, Denn sie tragen Palmen, wie Zeit das Altern.

Jeder Stern, der nachts den Strand ansieht, fällt. Im Universum fügen sich die Inseln, als wäre Sonne All Natur. In Räumen der Steine wohnt eine Seele, Hoch oben, bei den Sternen, gleicht unser Wille Diesen verlorenen Räumen.

Und der Sand fügt sich dem Alter des Wassers, Es trug sein Leben, Wie das Gras die Tiere, Und Leben fällt auf die Insel, wie eine Musik dem Klang.

Ein Kreisen um alle Ufer, Und wie die Fische sangen, war ein Lied im Flug der Falter, Kein Wesen stand, alles war. Und selbst ein Traum war klar, alles schwamm auf sich zu.

III Es war mir dann als wär ein Albtraum Die Wolken fielen in das schattenjagende Tal, Und Himmel reigten um ein großes Feuer, Der Lüfte in dem Abendrot. Dass dies alles enden musste, Wie ein Felsen, der einen Berg ertrug, Stürzend den gebenden Boden suchte; Wie alle Wesen an dem Abgrund standen und in sich fielen. Eine Quelle unter den Linden, An der Fläche, die Distanz des Alls zu dem System. Ein Leben ging durch und schwamm und wanderte und war. Wie verlorene Sterne in der Nacht. April 23, 2015 at 6:25 pm


Die Stille

Der Sturm der Nacht in das bettende Tal. Wie war das Eines: Bevor die Schatten die Lichter jagten Und mitsamt in sich fielen War ein neuer Tag gewesen Wie dieser Von guten Geistern verlassen. Und alle Wesen schwiegen. Doch als sie kam, Erschwellten die Herzen wie ein ­Ozean, Flogen in den Raum und erhoben sich wie Luft, Bevor die Stille ihr sanftes Wort sprach. --------------

Staubig angekommen verließ mich die Stille, Und meine Wörter flossen aus dem Erleben, Wie jedes Wort mich verließ, Schwand die leere Hülle immer mehr. Nun war es spät, Alles legte sich, Und in einem Moment verließ mich mein Leben: Ich reiste in das Land der Träume.

Oh Musik der Stille! Einsamkeit! Denn in dem Traum schwand ich wie Dunst Wie Regen war ich Überall, selbst wenn mich alles verließ

Schreibakademie HORN

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Nun war ich gewandert, Hinüber Städte, Felder und Wälder. Jeder Augenblick war wie ein leeres Buch Und ich suchte in dem Nebel mein elterliches Haus.

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Da erwachte ich Und die Schatten jagten in das Tal hinein, Schwanden in die Finsternis. Der Mond verließ mich in seiner Einsamkeit. Und nun umschwebte mich Dunkelheit, Wie Blut floss sie in mir, Und ich spannte als Einziger Ferne hinaus, Im endlosen Tunnel des Himmels. Nun erfroren die Gräser. Und alle Wesen verfielen. Die Figuren der Nacht zogen wie der Staub der Erde, Und alles war in die Nacht geflohen. -

SCHREIB AKADEMIE

Und nun war Alles wie die alte Geisterstadt, Ein leeres Monument, von jeder Seele verlassen. Und in der Nacht, wenn dich alles flieht, Bleibt jeder Klang der Toren verloren, Wie unser Schicksal, bei des Grabes Stille. May 26, 2015 at 8:39 am

Elliott Chan

Wie ein Bild in der jüngsten Stunde: Die Wolken im jungen Blau Das Bild eines alten Mondes, Winde lagen sich wie ein müder ­Wanderer.


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Selbstcharakteristik

Fabian Stummer

FABIAN STUMMER

Geboren am 14.10.1996, schreibe seit meinem sechsten Lebensjahr, vorwiegend Prosa, mache zurzeit meine Matura. Bin Liebhaber von Literatur, Film, Theater, Kunst, Kultur, Sprache, Musik, Geschichte und schwarzem Humor. Ich bin mittlerweile eines der ältesten Mitglieder der Schreibakademie Horn, freue mich aber jede Woche aufs Neue auf unsere Schreibstunden.

Hot Concrete (Beginn einer längeren Erzählung) 11th of June, 1947… Chicago… It had been hot all day and it wasn’t much better in the diner I was in to have my lunch. I sat down at one of the tables for two and looked around the whole place. It was just before noon, and soon enough the place would be stuffed with people just as it was with bad air. There were the usual here now, youngsters, lovebirds, and a few businessmen who were off to lunch early. The waitress looked like a swell girl from behind the counter, but the closer she came the more apparent it was that she tried hard to look like a swell girl. Her make-up was sort of thick and I was sure she visited the hairdresser at least once a week. Her legs were long, but not too long and were carefully hidden beneath a white apron and a red and white checked skirt which ended just below the knee. She had dark blonde hair and she wore a blouse on top which was buttoned all the way except for the top button, where a little gold cross shone out. “We got tea, coffee, orange juice, water, anything you like. Sir.” Her voice was about as gentle as her legs were long. I ordered a glass of fresh orange juice and she was off without another word but just gave a little nod and a smile like the


He looked at me closely for a moment as if he went over my face with his eyes but then started talking again right away: “Well you know how it is. Work is a drag. My wife’s going crazy at home.” He thought that over. “Sorry, I’m Frank. Frank Scribner.” He offered me his hand for a shake. “Name’s Stanley Fontaine.” I returned and shook his hand firmly. He looked me over again. “Pleasure. In any case, I work in a rather big company as an assistant manager to my father. We print books, you see. And the whole place is just dull as dishwater. And my father can be a tyrant when he’s getting impatient. And there’s this kid called Greg, who’s assistant Manager, just like me and he keeps sucking up to my dad and giving me shit. God…” He reached into his inner pocket and got out a silver cigarette case with a little amber in the middle of it. He offered me a smoke but I refused and he put the case back and lit his cigarette with a lighter that looked like it was cased in carved jade. He inhaled some of the smoke and then let it back out again, and for the first time since he had come in here, he looked relieved. “And the worst thing is,” he continued “there’s a guy who is onto me because I apparently had something with his girl, which I did not. Some sorta’ Nightclub owner, he is.” He kept smoking his cigarette, but it didn’t calm him down, he just got more and more worked up. I watched him inhale and exhale the smoke between sentences. “I’m a faithful husband, y’know. But my wife, she doesn’t believe me.” He looked down now, and smiled faintly, thinking of something or someone as if it was the only solace in the world to him. He said nothing now. I thought his story over for a second. “So you really didn’t have anything with that Night club owner’s gal?” I asked. He shook his head. “I don’t even know the guy, heck, I’ve only been at his place once before.” I reached for my wallet and took one of my cards out. It had a nice, burgundy frame and all the information needed.

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20 minutes later she looked spent. The place was nearly full now. I thought about getting another orange juice because of the awful heat but decided I wouldn’t want to make her even more worked up. She rushed from table to counter to table and her dark blonde hair was getting all messy and she brushed it out of her forehead about every half minute. A few moments later still, a curious looking guy entered. You could see him frown and his nose twitch a little at the smell in here that nobody else other than him and I seemed to mind. He was a little taller than me and from what I could make out about my age. He looked the place over and was just about to leave when he saw that there was still an empty chair opposite mine. When he made for my table I got a good look at him for the first time. He had dark brown hair much like my own and a moustache on his upper lip. He wore a blue overcheck suit that fit him well, except for the sleeves which seemed a little too short for him, or maybe his arms were just too long. His shirt was a shade of cream or maybe even a light yellow and his tie was dark red with white polka dots which reminded me of the waitress and her skirt and inevitably her legs which I had forgotten about completely. There was a white pocket square with red lining in his breast-pocket. When I noticed that he wore a Red Poppy in his lapel, he slowly put his long fingers onto the chair opposite mine.

“Expecting anyone, fella?” he asked in a soft baritone. “Help yourself. But you’ll have to expect a little wait.” I told him and nodded towards the waitress, but he sat down immediately. His shirt really was a light yellow. His eyes were hazel colored and his skin a little pale though he had a face that would be considered handsome. “Hot in here isn’t it?” he said. “Yeah. They ought to open a window.” I returned. He looked around for the waitress but she was nowhere to be seen, and you could probably find her sobbing behind the counter. “Been hot all day.” He told me, as if we lived in separate cities. “Long day at work?” I asked him. “Well, it’s only noon.” He told me in the tone of a hard working businessman. He leaned back in his chair and let out a sigh, then got a handkerchief out and wiped his forehead with it carefully. He looked spent, just like the girl had who was still nowhere to be found. He suddenly leaned forward again, putting his elbows on the table. “Sorry if I’m a bit short on words fella, I’m just in sort of a jam.” He told me and forced a little chuckle out of his throat. I couldn’t make my mind up whether I liked him or not. “What sort of jam?” I asked him.

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local mayor. I leaned back in my chair a little, which was made of light brown wood but not padded at all. Some more folks came into the place and sat down. “She’ll have one hell of a time if she’s the only waitress in here”, I thought to myself. She was. After she had brought me my orange juice she served one customer after the next, busying her cute legs in her cute skirt.


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Stanley Fontaine – Private Investigator Need a pair of eyes on the lookout for just 30$ a day? Call Stanley Fontaine, P.I. under: 773-434-8225 Meetings by appointment only. No divorce business!

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He looked the card over after I had given it to him. His eyes jumped from line to line swiftly. He smirked at the last line and then looked at me with his smirk, and I smirked back, and we smirked at each other in mutual pity. “You’re serious aren’t you?” he said. I didn’t say anything. “Well, I haven’t the time to talk the whole thing over with you right now. How about I meet you at your apartment at, let’s say, 5?” “Sure. Thanks.” I told him shortly and then took the card and wrote my address on the back of it. ‘Rightshaw Avenue, 16’. He picked it up and put it in his pocket and smiled at me as if he trusted me, as if trusting me was the most natural thing in the world. We exchanged a few more kind words and that we would see each other later in the day, he finished his smoke and then he got up and walked towards the door. I think just as he was about to leave he remembered that he hadn’t had anything to drink or eat at all, but then he just shook his head lightly and went out all the same, probably to smoke another cigarette. I sat there some more, the place had cleared up and there were only a few more people left. I spotted the waitress again after I had completely forgotten about her and smiled. She came to my table. “Need anything more?” she asked me. She looked about 25. “Say, where’d you disappear to so suddenly?” I asked her, and then took a cigarette out. She looked at me startled for a moment. “Well, what’s that supposed to mean?” she asked in a rather shrill tone as she brushed some of her hair out of her

forehead. “Nevermind me, sweetie. Nice hairdo.” I told her and after I could see her cheeks redden a bit, I looked away and lit my cigarette. I could hear her walk away and they were soft but confident steps. I could only imagine how her legs would have looked as she walked away. After I had finished my cigarette I got out of the place leaving no trace but a cigarette bud in the ash tray, an empty glass of orange juice and a self-satisfied waitress with cute legs and a nice hairdo.

2 After I had left the diner I drove home right away. When I arrived there it was about a quarter to two. I got out of the jacket of my light grey flannel suit and put it onto my coat hanger in the office. I wiped my forehead with a handkerchief and then got a glass and a bottle of water from the kitchen. I went to my desk and opened the bottom drawer, getting out the office bottle, poured some of the amber liquid into the glass and then added water, just a little more than twice the amount of the whiskey. I drank that down like it was a glass of orange juice and sat down behind my desk thinking of the man I had met earlier that day, who was going to meet me at 5. Frank Scribner, that was his name. I went over the conversation again in my head as I smoked another cigarette. After a while my head hurt a little and I put my second cigarette out even though I hadn’t smoked half of it. I opened my tie, left it on the desk together with my watch, got out of my shirt and trousers and went into the small bathroom of my apartment. I took a shower, washing all the sweat off my body and for a while I forgot about Frank Scribner and all the heat. I got out of the shower and decided that I needed a shave. When I was all done I walked into the office again and checked my watch. It told me it was half past three and I decided to believe it. I got into my undergarments and just as I was about to put on my dressing gown, the doorbell rang. I frowned at the unexpected visit and figured it might be Scribner who was early. “Just a moment!” I shouted and got into my shirt, buttoned it, then put on the trousers and the jacket. I went to the door and opened it, looking into the prettiest pair of hazel eyes I had seen all year. Her skin was the color of honey, her hair was blonde, and her lips were the sweetest kind of coral and full. She had high cheekbones and her eyes were rather catlike. She had a sweet little nose to go with the rest too. Whoever she was, she was not Frank Scribner, that much was certain. I might have looked a little startled because she gave me a smile showing her pearly teeth. “Excuse me; I do hope I have­ n’t been interrupting you. You are Mr. Fontaine, isn’t that correct?” I smiled back at her as best as I could. “And you might be, who?” I asked her. “Oh, I’m sorry. My name is Scribner. Gwyn Scribner.”, she assured me. I was a little startled at the name Scribner but I did notice how she emphasized the name “Gwyn.” She wore a light khaki skirt which ended below her knees and white stockings, an off white blouse with some stitching near the breast and a white


When my doorbell rang again at a few minutes to 5, I got up, adjusted my tie and went to answer it. It was Scribner alright, in the same suit he had worn earlier that day, but his face had changed. He looked a lot more relaxed and smiled when we greeted each other. I showed him in, he looked around my place a little and then we sat down at the desk. I asked him if he would like a drink and he obliged so I got another glass. “Did you still get anything to eat at lunch or did you decide on starving.” He chuckled. “No, I was a little too worked up to eat, ya know how it is.” “Well, I wouldn’t know.” I lied. “In any case,” he started again “is there anything more I need to know about you Mr. Fontaine?” “I think not. I work for 30$ a day. My father used to be a cop but he’s retired. That’s where I know everything from. I grew up in Oak Park and then moved here, my folks are still there though.” I didn’t know why I told him all this and decided to turn tables. “Anything you feel like you need to tell me?” I asked. “There’s not all that much to tell. You know I’ve a wife. I have a daughter too.” His face brightened a little when he mentioned that. I tried not to look too impressed at the fact. “My mother

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having some sort of a problem though I don’t exactly know the extent of it. Apparently some fella who owns a night club is onto him because he had something with his girl.” Her eyebrows jumped. “No, my father wouldn’t ever. So, that’s why mother has been all sore for days.” I had been a little worried about telling her about all of this but it had been right to tell her. “Relax. I know he didn’t. He told me. That’s why he’s hiring me. To find out the why.” She didn’t take my advice. She didn’t look one bit relieved. She looked away from me and around the apartment. She just kept on looking. Suddenly she seemed as if she was about to cry. I sat, glued to my chair and took another sip of my drink. “I’m sorry to have bothered you Mr. Fontaine. I…” she told me but I interrupted her. “You don’t have to be sorry. And you shouldn’t worry so much either. It’s probably nothing. I’ll find out.” I smiled at her softly and she looked relieved. She reminded me of her father now. “Does “Gwyn” stand for anything?” I asked. That seemed to distract her. She smiled again, a little embarrassed. “Guinevere. Mother came up with it.” she said. “Arthurian. Rather sweet.” I admitted. “I prefer Gwyn. Daddy came up with it.” “Cute too. How old did you say you were?” “18.” she returned. “What about your father?” I asked. “Why, he must be about 41 now.” she explained. That made him 5 years older than me. He sure did keep in good shape. Gwyn thanked me for everything again and smiled brightly as she said Goodbye. I led her to the door and told her to get home safely. After I had closed it I smiled to myself, happy for Frank Scribner who at least had one family member who loved him. I checked my watch. It had just turned four and I still had one more hour until Scribner would supposedly arrive. I only hoped that Frank would not find out about his daughter’s visit here, so neither of them would worry too much. I myself wasn’t worried at all. I took out the office bottle and the tie, tied it loosely so I would only need to adjust it, should somebody come and then poured myself another whiskey with cold water.

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summer hat with an apron that looked as if she was about to go on safari. She looked about 19; she could have easily been younger though so there was all the possibility in the world that Frank might have been her father. Intrigued, I let her in and led her to the desk where I told her to take a seat and asked her if she would like a drink which she declined. I asked if she would mind it if I had one and she declined yet again, though when I poured some more whiskey from the office bottle she did frown a little, as if she was worried or displeased by people drinking this early but she didn’t say a word and kept her sweet coral lips pressed lightly against each other. When I noticed the watch and tie on the table I put the former on and the latter into the bottom drawer, together with the office bottle. She smiled again at that. “I’m awfully sorry if I caught you by surprise Mr. Fontaine. And I fear I have to apologize again since your card said “Meetings by appointment only”.” She had memorized the exact phrase, though that wasn’t so hard to do after all. All I did was smile at her. “I don’t really mind that.” I told her. I decided to keep my mouth shut about her father, if he was her father, until she would bring him up. She did. “Well, I’m sure you are wondering why I turned up here without any sort of invitation or appointment. The problem is, when I found your card on the table in my father’s office I got curious as to why he would hire a detective. Now, I understand that you keep your client’s information very confidential but I was hoping you could tell me what it was all about.” She looked worried after she finished. She had her legs crossed and her hands put on top of her knees, tapping the lower hand with her upper index finger again and again. I smiled at her softly. “Alright. But you’ve got to keep quiet about this to your father.” She nodded. “I met your father in a diner, earlier today and he said he was


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died a few years ago and I work in my father’s business. We’re printers as you know. But, let’s get on to the business at hand Mr. Fontaine.” He seemed more collected at this time of the day, with work behind him. “I’m all ears.” I replied. He started: “Several days ago, I think it’s about a week now actually, I received a letter. My wife found it at first and she read it. Fellow by the name of Baxter wrote it. Morty Baxter. Nightclub owner, as I told you. The letter said something like he was going to get me sometime soon because I had slept with his girlfriend.” “That seems rather odd to me.” I told him. “If he simply wanted you dead and had his ways to get at you then he wouldn’t send letters with threats. He’s either dumb or he wants you to be afraid. Maybe both.” He seemed worried again. He looked at me closely. “You really think so? I hadn’t thought about it like that.” I nodded. It was the stuff you got on a daily basis in my business, if you had a case on a daily basis. “Why didn’t you go to the police?” I asked. He said that it had occurred to him to do so but that he didn’t want to make the whole thing public. I said I understood and then continued: “Well, what do we know about this Baxter?” He told me: “I don’t know much about him other than that he runs a nightclub called “Moonshine Eclipse” near Chinatown. Rather a crooked place. Open almost every day of the week. I’ve been there once, didn’t like it much. That’s all I know.” I asked him to write the address of the nightclub down if he knew it. He happened to have memorized it himself since he had thought about looking into the place and seeing Morty about the letter himself. “You made yourself any enemies in the last few years, months, weeks?” I inquired. He looked a bit surprised. “I had thought about that myself, but there isn’t anyone that comes to mind. There are no realistic possibilities at least.” He forced a

smile onto his lips. I didn’t say anything more on the issue. I also asked him which of his family members knew about the whole affair. “Only my wife and father. Gwyn, that’s my daughter you see, she’s too young. She shouldn’t know about this sorta thing.” “How old’s she?” I asked. “Just about 18.” he returned. “You’re a good father.” I assured him. He simply smiled. “Your wife believes the story, doesn’t she? About you and Morty’s girl.” “She doesn’t know what to think. She’s sore about it either way. Only good that’s ever come of her...” he stopped at that. “I’m sorry. I shouldn’t have said that.” he continued “Doesn’t hurt to get it out.” I told him. “Lynn doesn’t believe me, no. My father isn’t too pleased about the whole thing either. In fact, he’s been even more impatient since.” He looked funny when he talked about his father. It was a mix of pressure and what I thought might be disdain but could have just been an empty stomach. “My father has also said that I should get out of town, go somewhere safe, but I won’t give Morty and his crooks that satisfaction. They want to get at me for something or they just want to make me afraid, whatever their reason is.” “And that’s where I come in.” “That’s what I hoped.” He started to collect himself again slowly. I could see how much the whole thing upset him. He was a decent person, his daughter was too. I thought for a while. There didn’t seem to be anything more that I could ask him. I only asked him to write his number on the same sheet of paper that he had written the nightclub’s address onto. If somebody other than himself would pick up, I would introduce myself with “Bobby Brass“, an old school friend, and that was also what he was to say if anybody asked who had called him or who he had visited. I assured him that I would get back in touch with him once I was on to something. He didn’t have any more questions either, so he told me he had to be on his way. Just before he was about to go he gave me 30$. I told him that I hadn’t worked today yet but he said I should keep it anyway. He still seemed a little tense to me when he left my office. The whole thing had taken about an hour. It hadn’t seemed that long to me. I stood near the window and looked outside. It was June and the sun was about to set. I thought about Frank Scribner who had to deal with threats, a wife who didn’t believe him and a tyrant for a father. And I thought about his daughter, Gwyn, with her hazel eyes that looked like they were made of amber, and the ­Arthurian name that she didn’t like so much. I smiled a little. The whole thing was damn fishy, that much I knew. Then I thought about a nightclub owner called Morty and about the fact that the evening was still young. I decided on another rendezvous with the office bottle since there was still plenty of time to make myself ready for the “Moonshine Eclipse” and Morty Baxter.

3 After the drink, I got out of my clothes and put on a dressing gown, then sat in my chair reading for a while. I thought it would do me good to read a little and get my mind flowing but it turned out it


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I opened the window and when I felt the cool evening air blow into my face, I decided to take another shower and then get into my clothes. The shower was relaxing enough and after I was done I dried myself off, closed the window and looked into my wardrobe. I decided on a dark grey three piece suit which seemed fitting, then took a solid navy blue tie to go with my sky blue shirt and a polka dot pocket square. Before I got inside the jacket I put on the small shoulder holster made of leather and put my Colt Model 1903 in it. When I was all done, I put on a pair of black brogues, got inside my overcoat and went out. I got in my car which I had parked just around the block and then drove in the general direction of Chinatown. It wasn’t so late yet so there was still a bit of traffic. The city lights rushed by and I checked the address given by Scribner again. It was the street that I had thought of, alright. When I arrived there, I spotted the place immediately. It was the only house in the street that had a sign which was lit up. The letters shone in a dark blue and made the whole street look sort of gloomy. I parked my car on the other side of the street. There was a bouncer standing at the entrance, even though there weren’t many people there now, just two couples trying to get inside. I walked after them while they were chatting loudly. I thought one of the men and maybe the two girls had had a little bit to drink already but they got in without a word from the bouncer. When I tried to walk past him he stopped me. “What you here for, copper?” he snapped at me. I looked him over. He

was taller than me, had pretty broad shoulders and broad arms. “I’m no cop.” I told him. “You look like a cop.” He decided after giving me a closer look. “You look like a piece of cake” I told him. He didn’t. “Beat it, copper.” He returned. I grinned, leaned against a wall and started whistling. He tried to ignore me but didn’t last for a minute. “Hey, beat it will you!” “I can wait here all night. You’re not going to get one buck from me. Just let me in.” He came up close to me now. He sniffed, like the lapdog for the really big guys, like Morty, he was. “Oh, what the hell.” He said and then let me in. I gave him a smile and didn’t say another word. Right after I got in, there was a little counter. The place was bigger than I had thought. There was a small man who looked like a Jew standing behind the counter who asked for my coat, so I gave it to him. After he had neatly put it up I give him quick “Thanks” and handed him a buck. He looked pleased. I had to walk up a flight of stairs to get to where the bar and dance floor were. There were two separate rooms, neither of which was too crowded. One had a large bar and several tables for 2, 3 or 4. The other had a little stage and the rest of it was for people to dance at, though most of them were just standing around right now, with drinks in their hands, talking and listening to the music which was too loud. I thought I saw the two couples again. I went to the room with the bar, which was decidedly more crowded. There was no one sitting at the bar though, so I took a seat and ordered a scotch and soda. The barman was a young guy in a black mess jacket and slacks. He wore a white shirt, the top button of which was open. He looked a little clumsy, handling the bottles but when I tasted the drink ,I changed my mind about him. The whole place smelled like booze, cigarettes and perfume, like any nightclub, one could argue. There was another door in one of the corners of this room with a sign that said “Staff only”. I turned to the barman again. “Say, what’s a guy got to do around here if he wants to talk to Mr. Baxter.” He looked surprised. He smiled rather joyously. I suspected he had helped himself with some of the bottles. “Why, you know Mr. Baxter?” he asked in a slight, latino accent. I suspected he was Italian. “Who doesn’t?” I returned. He kept grinning at me as if I had a fly sitting on my forehead and just didn’t notice it. “Well, Mr. Morty is a very busy man.” He told me. He was pretty tipsy, alright. We looked at each other; he still had his grin on. I was in a good mood so I grinned back at him. He had no idea what he was in for. I told him to make two Martinis, one for him and one for me. He just laughed, didn’t say a word and mixed them for us. I drank half of mine down, he nearly had his all at once and I was scared he would choke on the olive that he had put in. I asked him, when he would be off. He told me, at 9. I checked my watch and then burst out “Oh shucks, that’s only 10 more minutes.” He looked over at my watch too and grinned, more widely this time. “You’re a good guy, I tell you.” He said. “How about you and I stick together when I’m through here?” I smiled at him and said: “Sure.” About 15 minutes later his replacement came, and I wouldn’t have minded staying at the bar some more. She was a good looking dame, about the same age the guy was, black hair and I seemingly

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didn’t. I just felt even more tired. It was half past 7 and I had thought the Scribner case over again but there didn’t seem to be anything I had missed out on. I hoped that my visit at the “Moonshine Eclipse” would clear things up and so I decided to get ready.


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blue eyes. The young fella told me his name was Johnny Capistrano. I said my name was Charlie Checker and he believed me, that’s how drunk he was by now. The Martini had not done him any good, they never do. We stood there for a while and talked, then he suggested we go over to the dance floor and find some ladies to dance with. The place was a little bit more crowded now and the smell was still just as bad. The band was still playing their loud jazz, but I didn’t mind it as much. I felt the scotch and soda and the martini, though only a little. Johnny started dancing the second he walked into the room and we both got closer to the crowd. When he spotted two ladies that were dancing together he looked back at me, nodded towards them with his grin, that showed he didn’t have a care in the world. He danced over to them, he was visibly drunk, I went right after him. I had kind of taken a liking to him, he seemed like a guy who would trust you with his life and his sister after you bought him just one drink. I almost felt a little bad when I tripped him up as he stumbled over to the two gals. He fell, flat on his face. I looked shocked and so did the ladies since he had fallen right to their feet with a loud bang, so we helped him up. He had a bloody nose; one of the girls looked away immediately. I gave Johnny a pat on the shoulder, smiled at the girls and walked him back into the bar room. He could walk, though only with my help. Most people didn’t mind us at all. The dame who had replaced him at the bar wasn’t anywhere to be found. “The second of the day” I thought to myself. I led him to the little door that said “Staff only” and we went inside. He seemed like he didn’t catch anything but only gave an occasional groan because of the pain. There were two flights of stairs behind the door, one leading up and one leading down. The one leading up was lighted, the one leading down wasn’t, all I could see

was a very faint light at the end of it. I helped Johnny upstairs and when we got to the end of the first flight there was another one just around the corner, but in the opposite direction and I helped him up that one too. At the end of it we got to a big door. I waited for a moment, looked at Johnny, blood on his face, who didn’t say a thing. I knocked and then simply opened the door, walking in while holding Johnny on his feet. It was a large office, the walls were painted in cream and the whole furniture was made of mahogany. The desk in the middle of the room was pretty big and so was the guy standing beside it. He wasn’t all that tall but muscly, much more than the bouncer at the entrance had been. Behind the desk stood a man in his mid-40’s, who might have been a bit taller than me, in a midnight blue, double breasted Tuxedo with peaked, velvet lapels and a white carnation boutonniere. He had a full head of grey hair which was well trimmed. He was clean shaven and well-tanned with small, dark eyes, a pronounced jaw and a chin dimple. He had several wrinkles on his forehead and a few around the mouth. He looked like he might have been the head of a bank and a movie star at the same time. I was sure I was looking at Morty Baxter. When he saw Johnny he frowned which brought out the wrinkles in his forehead. “Say, what’s this about?” he asked, looking at me. His big friend didn’t say a word. “He tripped when he was dancing. Help me, will ya.” I returned, looking at the big guy. Morty sighed, snapped his fingers and the big guy helped me lay him down on a couch. While he cleaned Johnny’s blood-smeared face a little, I went up to Morty who was looking at me now. “Mr. Baxter, I’d like to talk to you.” I offered him my hand which he shook reluctantly. “I don’t see what there is to talk about.” He told me. I kept my voice low. “Does the name “Scribner” ring a bell?” He looked as if he had swallowed a mosquito, for no more than a second, then smiled faintly. He looked over my shoulder at the other two. “Get him out of here.” He said. The big guy did as he was told. “Sit down.” Morty said to me and I took a seat in one of the chairs standing at his desk. There were some papers on it together with a large bottle of brandy and a bronze ashtray. He offered me some of the drink. I nodded so he poured us both some, added two ice cubes into each glass, handed me mine and sat down behind the desk in a large chair with a crimson red padding. “Well,” he started “I guess you know who I am, but I haven’t a clue who you are.” He looked about as calm as Mt. Vesuvius. I had trouble with my drink, one of the two ice cubes kept hitting my lip. The brandy tasted pretty good. I knew there would be no use lying, he would find out who I was sooner or later. “My name’s Fontaine. Private Dick. You needn’t know much more than that.” He didn’t seem surprised; he had probably suspected something like that. After a moment however he smiled. “Well then, what about Scribner?” he asked. “Funny, I was going to ask you that.” I returned. He just kept smiling, not saying a word. “Why scare an honest guy like Frank Scribner?” I asked him. He let out a chuckle. I hadn’t a clue what was going on behind his quick, dark eyes. Maybe there wasn’t anything going on behind them at all. “Look Mr. Fontaine, I don’t mean to be rude but that’s really


Started at 18. 3. 2015

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I looked down the other flight again. The faint light was still there and there was an odd smell which I couldn’t quite place. I decided I had been nosy enough for one night and went back into the bar room. The bar lady still wasn’t there, or she had been there and was gone again. I looked the room over, it was pretty packed now and so was the dance floor. I noticed a guy sitting on a table with two ladies; they were all pretty drunk and might have been the two couples from before, just with one guy less. I also noticed that he had his hands on both of their thighs, neither seemed to mind. I checked my watch, it wasn’t so late but I didn’t want to stay here. The place and the bad smell got worse by the minute and I got sicker by the minute too. I walked out of the bar room, through the room with the dance floor; the jazz was still too loud for me. I got my coat and then got out of the place. “So long, copper.” The bouncer told me. I turned around at him and grinned. “So long, tough guy.” I said and then went on to my car and drove off. I never saw Johnny or the cute bargirl again.

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Fabian Stummer

none of your business at all. It’s a private matter.” “Private matters are my business Morty. We both know Scribner didn’t have anything with your girl at all so why threaten him? Why send letters like that, when he doesn’t know you at all.” “You come straight to the point don’t you? No nonsense.” He took out a jade cased cigarette case and offered me one. I refused. He lit a cigarette with a plain looking steel lighter. He continued: “Let me tell you something...” He tried to think of my first name which I hadn’t told him. He simply went on after a few moments: “I know guys like you. Private Dicks with no cash to spare, taking on cases for the little people to pay the rent or maybe get a nice new oak desk for the office but all they end up with is a pine-box and a bunch of lead instead.” He stopped, kept on smoking, neither of us said anything. He opened one of his drawers and got out a wallet. If he had got out a gun my reaction wouldn’t have been any different. He opened the wallet, took two 100$ dollar bills out and put them neatly before me. I looked down at them, then back up at him. He was grinning. “Why don’t you walk out of here instead and lay off the case.” I didn’t touch the money but simply grinned back at him. “They must be paying you pretty well if you got that kind of money to throw around, pal. How much of your share is that?” He didn’t look so amused anymore. I continued: “You know Morty; you might think you know me but you don’t. I don’t jump anybody at the first sight of money, like you.” He was even less amused now. I knew I wouldn’t get a damn thing out of him anymore. I finished my drink, got up and looked at him. He was brooding. His dark eyes looked very alive now. “Thanks for the brandy.” I told him. “So long.” He didn’t say another word. I went out of his office and down the stairs. The big guy and Johnny were nowhere to be found. When I reached the end of the stairs,

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GEMEINSCHAFTSARBEIT der Schreibakademie Horn September 2013 bis Mai 2014

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Venedig im Nebel oder Der Untergang des Hauses Ascher Venedig Du schwebst wie ein flimmernder Traum auf dem Wasser Mit Masken, die nachts durch die Gassen schleichen Ein farbiges Menschenmeer malt ein Glanzphantom, Narzissen blühen prächtig auf schimmernden Balkonen Doch an jeder Hausfassade nagt der Zahn der Zeit unersättlich Die schwarzen Gondeln erinnern mich immer an schwimmende Särge Und die vielen Brücken an unerreichbare Rettungsanker Die Tauben lassen die Luft durch ihre Flügelschläge erzittern Das Wasser in den Kanälen zehrt an dieser Stadt, als wolle sein aufbrausendes Leben mit den Gebäuden ver­ schmelzen und ob sie bald wie Kreta, Babel oder Atlantis untergeht und ihre Türme einstürzen bleibt uns schließlich selbst überlassen


Venedig, 5. November 2014

Wien, 12. November 2014

Lieber Georg!

Lieber Vater!

Mir geht es von Tag zu Tag schlechter, und ich möchte Dich deshalb bitten, möglichst bald zu mir zu kommen, wenn Du mich noch lebend antreffen willst. Ich weiß, wir hatten uns in den letzten Jahren nicht viel zu sagen und der Tod Deiner Mutter warf noch einen zusätzlichen dunklen Schatten auf unsere Beziehung, doch ich hoffe sehr, dass wir diese alten Streitigkeiten noch vor meinem Ableben beiseite schaffen können. Es gibt etwas, das ich Dir persönlich, von Auge zu Auge, unbedingt sagen muss. Wenn es Dir möglich sein sollte, erwarte ich Dich in den nächsten fünf Tagen. Dein Bahn­ ticket ist dem Brief beigelegt. Ich weiß, Du hast viele gute Gründe nicht nach Venedig zu kommen, eigentlich nur solche, aber ich appelliere an die gütige Person in Dir, zu der Dich Martha erzogen hat. Ich bin krank und verwirrt, wir standen uns einst so nahe, doch die Vorhänge meines Fensters mit Sicht zu Dir sind geschlossen, so eisig kalt und fern. Aber egal, ich hoffe, wie gesagt, Dich noch einmal sehen zu können, bevor das Unvermeidbare eintritt, das uns allen am Ende bevorsteht.

Seit Du uns vor elf Jahren, gleichsam über Nacht, wegen dieser unaussprechlichen Person verlassen hast, ist nichts mehr so gewesen, wie es vorher war. Mutter hast Du damit direkt in den Tod getrieben, und Walter habe ich seitdem nicht mehr gesehen; als Du dann auch noch die Dreistigkeit besaßest, bei ihrem Begräbnis aufzutauchen, dachte ich mir, ich würde Dich auf der Stelle erschlagen! Seither ist natürlich viel Zeit vergangen, doch Du hast niemals daran gedacht, Dich für Deine Taten zu entschuldigen. Ich muss gleich zugeben, dass ich eigentlich nicht kommen will, und ich weiß auch nicht, was mich dazu bringen könnte; vielleicht hoffe ich, dass Du in Deinen letzten Stunden doch noch eine Entschuldigung über Deine Lippen bringst und letztendlich doch alles bereust. Aber lass Dir eines gleich gesagt sein, nämlich, falls ich doch kommen sollte, und Du würdest auch nur mit einem einzigen Wort versuchen, das, was Du getan hast, zu entschuldigen, dann werde ich sofort abreisen und nicht einmal daran denken, auch nur Dein Grab zu besuchen! Das Geschehene hat mir sehr viel Schmerzen bereitet, und ich hoffe, das ist Dir auch klar! Für Walter kann ich natürlich nicht sprechen, da ich nicht einmal weiß, wo er sich aufhält, geschweige denn, ob er überhaupt noch lebt!

Liebe Grüße, Dein Vater Severin Ascher

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PS: Du findest mich in meiner Wohnung in Venedig; die genaue Adresse lautet: Calle di Madonna 25/4, das ist in der Nähe der Rialtobrücke.

Dein Sohn Georg PS: Ich werde Dir meine Entscheidung, ob ich fahre oder nicht, keinesfalls extra bekannt geben. Falls ich kommen sollte, werde ich plötzlich vor Deiner Tür stehen und anläuten!!!

Georg Ascher und seine Frau saßen, am Abend des 15. November, gegen 22 Uhr, im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in WienHietzing; Georg Ascher stand mit nachdenklichem angespanntem Gesicht auf, ging zum Fenster, schob den schweren dunkelgrünen Vorhang ein wenig zur Seite, sah in den dichten undurchdringlichen Nebel hinaus und sagte leise und seufzend, dabei seinen Kopf schüttelnd: „Ach, Andrea, ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll?!“ Andrea Ascher richtete ihre gütigen kastanienbraunen Augen auf Georg und antwortete mit beruhigender Stimme: „Georg, er ist schließlich dein Vater! Das ist vielleicht die allerletzte Chance, ihn noch lebend zu sehen, vergiss das bitte nicht. Kannst

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du dich nicht dazu durchringen, ihm wenigstens in seinen letzten Minuten beizustehen und vielleicht sogar noch Frieden mit ihm zu schließen?“ Georg stützte sich mit seinen Händen am Fensterbrett ab und senkte den Kopf: „Ich wünschte, es wäre so einfach. Ich wünschte, ich könnte über all die Dinge, die passiert sind, so einfach hinwegsehen.“ „Ich weiß, dass diese Geschehnisse dir tiefe Narben zugefügt haben, doch du solltest deinem Vater verzeihen!“ „Meinetwegen soll der alte dumme Sack doch verrecken! Aber um Mutters willen werde ich fahren! Und zwar nur, um ihm noch einmal ins Gesicht zu spucken!“, sagte Georg laut und ­wütend. Andrea Ascher, die schon ihren rosafarbenen Schlafrock trug, stand auf und ging zu ihrem Mann, der noch immer beim Fenster stand und in den dichten Nebel hinaussah, legte ihm ihre Hände auf seine Schultern und sagte leise und einfühlsam: „Fahr doch einfach und denke nicht weiter darüber nach. Lass die Vergangenheit doch Vergangenheit sein, Du kannst sie nicht mehr ändern. Was geschehen ist, das ist geschehen. Aber ich weiß, ich habe leicht reden …“ Da wandte sich Georg, der noch seine schwarzen Jeans und seinen grauen Pullover trug, vom Anblick des undurchdringlichen Nebels ab und seiner Frau zu, die er liebevoll an sich drückte und ihr zärtlich zuflüsterte: „Ja, ich werde fahren. Aber lass uns jetzt nicht länger über dieses dunkle Thema reden. Wir sollten besser schlafen gehen!“ Andrea Ascher, sichtlich erleichtert, sagte: „Du wirst sehen, es wird euch beiden guttun. Du kannst die Zeit zwar nicht mehr zurückholen, aber sie vielleicht doch ein wenig aufhellen …“ Georg Ascher lächelte voller Zweifel und antwortete:

„Ja … Vielleicht ist es so … Vielleicht auch nicht … Wie auch immer, mein Schatz, leg dich schon einmal hin. Ich werde über die Sache noch ein wenig nachdenken. Das kam mir alles etwas zu plötzlich, verstehst du? Ich werde morgen mit meinem Chef reden, ob ich den Rest der Woche frei bekommen kann. Ich könnte dann morgen Abend, schätze ich, schon in Richtung Venedig abreisen. Wenn er wirklich so schwer krank ist, dann ist schließlich jeder Tag kostbar. Ich wünschte, du könnest mitkommen, mein Liebling …“

4 Am nächsten Tag, es war ein Dienstag, gingen Georg Ascher und seine Frau, gegen 22 Uhr 30, aus dem Haus und durch den dichten Nebel zu ihrem Auto, um sich auf den Weg zum Bahnhof zu machen, denn Georg hatte sich dafür entschieden, seinen schwer kranken Vater in Venedig aufzusuchen. Obwohl Georg seine Entscheidung getroffen hatte, überkam ihn dennoch immer wieder dieses komische Gefühl in der Magengrube, wenn er daran dachte, seinen Vater nach all den Jahren schwer krank wiederzusehen. Sein einziger Lichtblick war die Tatsache, dass es Venedig war, wo er hinfuhr, eine Stadt, wie geschaffen für einen Kunstkritiker, wie Georg einer war. Georg starrte mit trostlosem Blick die Windschutzscheibe an. Er spürte, wie sich das Auto in Bewegung setzte, und wandte ­seinen Blick kurz zu Andrea hinüber, die den Rückwärtsgang eingelegt hatte und aus der Garage ihres Hauses hinaus fuhr, dann wandte er sich wieder der Windschutzscheibe zu, während das Auto sich langsam in den Nebel der Nacht hinaus bewegte. Die Fahrkarte, die Georgs Vater ihm gekauft und dem Brief beigelegt hatte, befand sich in Georgs kleinem schwarzem Reiserucksack. Eine knappe halbe Stunde später ging Georg mit seiner Frau in Richtung von Bahnsteig 3, auf dem der Zug bereit stand, der um 23 Uhr 45 nach Venedig abfahren sollte. Er bat seine Frau noch, ihm beim Einsteigen mit dem Koffer zu helfen, als dieser ihm plötzlich von einem Angestellten der Bahn abgenommen wurde. „Halt!“, ertönte daraufhin die laute Stimme Georgs, der mit einem energischen Handgriff seinen Koffer wieder an sich nahm. Er blickte den Bahnangestellten noch einmal argwöhnisch an, wandte sich dann aber wieder ab und stieg zügig in den Zug. Georg Ascher, seinen Koffer in Händen, ging zusammen mit seiner Frau mehrere Waggons nach rückwärts, bis er endlich vor seinem Schlafwagenabteil anlangte. Ja, sein schwer kranker Vater hatte sogar ein Schlafwagenabteil für ihn gebucht. Die Schiebetüren knarrten leise, als er in das schwach beleuchtete Abteil eintrat und seinen Koffer neben dem Bett abstellte, das sich unmittelbar neben dem Fenster befand; dann gab er seiner Frau zum Abschied noch einen zärtlichen Kuss, umarmte sie, sagte, er


liegen, holte stattdessen die Fahrkarte aus seinem kleinen schwarzen Reiserucksack, öffnete selbst die Tür seines Abteils und hielt die Fahrkarte dem Kontrolleur entgegen. Dieser sah die Karte an, nickte, entwertete sie, wünschte eine „Gute Nacht“ und schritt weiter zum nächsten Schlafwagenabteil. Daraufhin verschloss Georg die Tür, zog die dunkelblauen Vorhänge vor, zog seinen Schlafanzug an, wusch sich noch und putzte sich die Zähne in dem kleinen Raum mit dem WC, legte sich ins Bett, las noch einige Seiten in Poes Erzählungen, drehte dann das Licht ab und versuchte einzuschlafen, doch es strömten viel zu viele Gedanken, die seinen Vater zum Gegenstand hatten, durch seinen Kopf, so dass ihm das Einschlafen vorerst nicht gelang ...

… Ich muss mir nach meiner Ankunft sofort ein Hotel suchen … Am besten suche ich mir eines mit Blick aufs Meer, wenn möglich, auf jeden Fall aber muss es in der Nähe der Wohnung meines Vaters sein, sagen wir so … Ich werde versuchen, meinen Aufenthalt zu genießen und mir meine Freude nicht von den Gedanken an meinen schwer kranken Vater vertreiben zu lassen … Allerdings mache ich mir schon Sorgen bezüglich dieses nicht gerade sehr erwünschten Treffens … Ich bin schon gespannt, wie der alte Sack wohnt und wer bei ihm sein wird, vielleicht dieses listige Weibsbild … Idiot … Hoffentlich ist diese unaussprechliche Person nicht bei ihm, ihr muss ich nämlich nicht begegnen, keine Ahnung, ob er mit ihr überhaupt noch zusammen ist, ich möchte ihren Namen gar nicht aussprechen … Ich kann nur hoffen, dass er erkannt hat, dass diese geldgierige Schlampe ihn nur benutzt hat und er jetzt alles bereut … Aber unsere Familie hat er zerstört und Mutter hat er auf dem Gewissen … Manchmal denke ich an meine selige Kindheit zurück und vermisse, wie schön es damals war … Eigentlich war immer alles gut, bis zu jenem Tag vor elf Jahren, als er alles verdorben und zerstört hat durch diese unselige Liaison … Ob der Alte auch Walter benachrichtig hat, Walter, den ich schon jahrelang nicht mehr gesehen habe, eigentlich seit damals, seit dem Begräbnis, keine Ahnung, wie ich ihm gegenübertreten soll … Was hat er von allem gewusst, ist die Frage … Sollte ich irgendein kleines Geschenk für ihn kaufen? Und wenn er nicht dort sein sollte, könnte ich es meinem Vater geben oder für Andrea mitnehmen, als Andenken, mal sehen … Ach ja, mein kleiner Bruder Walter, der nachts immer, wenn er Alpträume gehabt hatte, zu mir ins Bett gekrochen war und der sich dann so plötzlich entfernt hat, wie es ihm wohl geht? … Er ist nun einmal mein Bruder … Ob er eine Familie hat? Ob er glücklich ist? … Ja, nichtsdestotrotz ist er mein Bruder, egal wohin ihn die Winde der Zeit auch im Verlauf der Jahre geweht haben … Damals war er erst neunzehn, aber schon genauso stur wie sein Vater … Papa … Ja, ich werde mir zuerst ein günstiges Hotelzimmer suchen und dann erst in die „Calle di Madonna“ zu

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würde sich nach seiner Ankunft in Venedig melden und sah ihr nach, bis sich die Schiebetüren hinter ihr schlossen. Als Georg allein war, sah er sich das Abteil, in dem er nun neun Stunden verbringen würde, näher an. Außer dem Bett, auf dem weißes Bettzeug lag, befand sich neben einer anderen Tür, die, wie Georg vermutete, zu einem WC führte, noch eine kleine Ablagefläche, die neben dem Bett befestigt war, im Abteil. Er warf sich erst einmal erschöpft auf das harte Bett, als plötzlich eine Frau mittleren Alters in sein Abteil stürmte und ihm, mit schriller Stimme, zuschrie: „Menschen suchen nach dir und haben keine guten Absichten!“ Georg erschrak, richtete sich aber dennoch sofort auf, packte die offensichtlich verwirrte Frau fest an ihrem linken Oberarm, führte sie zur Tür, schubste sie sanft hinaus, sperrte die Schiebetüren ab und sagte zu sich selbst: „Ich muss jetzt zu meinem todkranken Vater nach Venedig. Alles andere interessiert mich nicht!“ Noch etwas aufgewühlt von dieser plötzlichen Störung setzte er sich wieder auf das Bett, schaute mit nachdenklichem Blick aus dem Fenster und überlegte, was wohl am nächsten Tag alles geschehen würde. Zahllose Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, als er in die nebelige Novembernacht hinaus blickte, noch weiter nachdachte, bis der Zug plötzlich abfuhr. Er wollte sich gerade ein Buch aus seinem Koffer nehmen, und zwar gesammelte Erzählungen von E. A. Poe, einem seiner Lieblingsautoren, in einer englischen Ausgabe, als er unmittelbar vor seinem Abteil eine kräftige Stimme, die laut „Fahrkartenkontrolle!“ rief, hörte. Er ahnte, dass dieser Schaffner nicht sehr viel Geduld haben würde, ließ das Buch vorerst


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meinem Vater fahren, das Hotel sollte in seiner Nähe sein, hoffentlich ist es nicht ausgebucht, es wird also eher nichts mit dem Meerblick, egal, vielleicht auch dort nur Nebel … Ich hoffe, dass jetzt weniger Touristen dort sind, damit ich mir vielleicht auch ein wenig Venedig ansehen kann, ohne Menschengewimmel … Ob in dieser Jahreszeit auch Gondeln fahren? … Und vielleicht schaue ich mir, wenn es die Umstände zulassen sollten, noch ein paar Museen an … Man wird sehen … Kunst war nämlich immer schon meine Leidenschaft … Vor allem die bildende Kunst … Und wenn alles nur ein Trick meines Vaters war? … Dann verlasse ich sofort seine Wohnung, sofort! … Ich werde nicht gerne belogen … Das hasse und verabscheue ich … Das leise gleichmäßige Rattern der Zugräder … Wo wir wohl schon sind? ... Meine Gedanken kreisen schon wieder und kreisen noch immer, ich sollte jetzt wirklich zu schlafen versuchen … Kreisen und kreisen und kreisen … Schlafen … Schlafen … Schlafen …

6 Georg Ascher stieg mit vielen anderen Venedig-Touristen im Bahnhof Santa Lucia aus dem Zug und ging sofort in Richtung der Bahnhofshalle, um sich dort wegen eines Hotelzimmers, das sich unbedingt in der Nähe der Rialtobrücke befinden sollte, zu erkundigen. Er ging zu einem der Informationsschalter, vor denen Warteschlangen von ungefähr sechzig Personen standen. Er seufzte genervt, stellte sich am Ende der wie ihm schien kürzesten Schlange an und musste eine Viertelstunde warten, bis er endlich einer jungen Frau, um die Zwanzig, mit strahlenden, freundlichen, blauen Augen gegenüberstand. „Sie wünschen bitte?“, fragte sie routiniert und lächelte Georg durch die Glasscheibe an.

„Ich würde gern ein Hotelzimmer in der Nähe der Rialtobrücke in Anspruch nehmen. Und zwar für drei Nächte“, sagte Georg. „Einen Moment bitte“, antwortete die junge Frau und war für einen kurzen Moment auf den Monitor ihre Computers fixiert, tippte etwas auf dem dazu gehörigen Keyboard und wandte sich dann wieder Georg zu: „Sie haben Glück gehabt. Es gibt da ein relativ preisgünstiges Hotel bei der Rialtobrücke, und zwar das La vita nuova. Warten Sie, ich markiere es auf Ihrem Stadtplan“, und sie griff, ohne ihren Blick von Georg abzuwenden, nach rechts und nahm einen auffaltbaren farbigen Stadtplan, auf dem sie die Position des Hotels mit einem Kugelschreiber markierte und ihn Georg anschließend durch die runde Öffnung in der Glasscheibe, die sie voneinander trennte, hinhielt. „Können Sie mir bitte noch sagen, welches Vaporetto ich zur Rialtobrücke nehmen muss?“, fragte Georg noch. „Natürlich. Sie nehmen am besten das Vaporetto mit der Nummer 1. Es fährt von der Station direkt vor dem Bahnhof weg“, antwortete sie mit einem strahlenden Lächeln. „Vielen Dank. Mal so nebenbei gefragt, wollen Sie vielleicht heute Abend mit mir etwas trinken gehen?“, fragte Georg. Die junge Frau errötete ein wenig, schien für einen Moment an Georg vorbeizublicken und fasste sich dann an die Stirn: „Ich kann Sie verstehen. Im Süden kann es mitunter ganz schön heiß werden. Da kann man selbst an einem Nebeltag Durst bekommen. Hier in meiner Kabine auch. Meine Schicht hat gerade erst begonnen. Und den Abend habe ich bereits verplant …“ „Flirten können Sie anderswo, mein Herr! Ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen! Tempo!“, schrie eine tiefe wütende Männerstimme hinter Georg, worauf dieser zu der Frau hinter dem Schalter sagte, bevor er sich zum Gehen abwandte: „Ich danke Ihnen auf jeden Fall für Ihre nette Hilfe. Verzeihen Sie bitte meine Aufdringlichkeit. Bis zum nächsten Mal …“ Bevor Georg den Informationsschalter gänzlich hinter sich ließ und den Ausgang suchte, erwiderte er noch kurz und entschieden den scharfen unfreundlichen Blick des plumpen bärtigen Mannes, der ein viel zu enges rotes T-Shirt trug, das seinen großen Bauch noch betonte. Da sah er ein strohhalmdünnes, ärmlich gekleidetes, an eine Mauer gelehntes, etwa acht Jahre altes Mädchen, das ihm einen Eis­ becher, in dem sich bereits etwas Kleingeld angesammelt hatte, hinhielt. Georg wollte schon weitergehen, wandte sich dann jedoch dem Mädchen zu, griff in seine Manteltasche, in der sich noch ein wenig Kleingeld befand und zog, wie ein Magier, eine Zwei-Euro-Münze hervor, die er dem Mädchen, mit einem Lächeln, in den hingehaltenen Eisbecher, gab, wobei er plötzlich an Andrea, seine Frau, denken musste und sich gleichzeitig ein angenehmes Gefühl in seiner Magengegend breit machte. Es war halb zehn Uhr vormittags; er verließ den Bahnhof und ging die breite Bahnhofstreppe hinab, um die Vaporetto-Anlegestelle zu


7 Georg betrat das kleine Hotel La vita nuova und ging, seinen schweren Koffer in der Rechten, sofort zur Rezeption im Erdgeschoß, um nach einem Hotelzimmer für drei Nächte zu fragen. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als ihm auffiel, dass die Hotelangestellte, die hinter dem Tresen saß und in einer Zeitschrift las, ihn keines Blickes würdigte. Er räusperte sich laut, um die junge Dame auf sich aufmerksam zu machen; einige Momente lang bewegte sie sich nicht, aber dann richtete sie ihre giftgrünen Augen auf Georg Ascher und verdrehte diese genervt, strich sich eine Strähne ihres schulterlangen rabenschwarzen glänzenden Haares hinter ihr linkes Ohr und sagte gereizt: „Willkommen im Hotel La vita nuova. Was kann ich für Sie tun?“ „Ich möchte nur einchecken und mein Gepäck deponieren. Das ist alles“, antwortete Georg kühl. „Wir haben noch Zimmer frei. Ihr Wunsch ist wie ein Befehl für uns. Der Service wird in wenigen Minuten erscheinen und sich um Ihr Gepäck kümmern. Das Einchecken werde ich selbst erledigen!“, teilte die Frau Georg mit. „Gut, für drei Nächte bitte, wenn es möglich ist“, sagte er, worauf die Dame nur gleichgültig und ohne ein Wort nickte, sich ihrem Computer zuwandte, um nach wenigen Augenblicken wieder zurück zu Georg zu blicken und ebenso gleichgültig wie zuvor zu sagen: „Geht in Ordnung. Ihr Name bitte?“ „Georg Ascher. Hier mein Reisepass“, sagte Georg und legte den Pass neben dem rechten Arm der Dame hin. Gelangweilt nahm sie ihn, verglich die Gesichter, legte den Pass wieder zurück und sagte kühl: „Hier Ihr Schlüssel!“, wobei sie sorgsam darauf achtete, möglichst unsympathisch zu wirken, als sie den Schlüssel vor Georg auf den Tresen legte.

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Vater bald wiederzusehen, und in seinem Kopf schwirrte dieser Gedanke unablässig herum, bis das Vaporetto letztendlich stehen blieb, und Georg, zusammen mit dem Mann mit der verspiegelten Sonnenbrille, der sein Telefongespräch inzwischen schon beendet hatte, ausstieg und hinein in den nasskalten Nebel trat. Georg passierte nach wenigen Schritten bereits die Rialtobrücke, mit dem Vorhaben, den Weg zu seinem Hotel zügig zu beschreiten, seinen schweren Koffer dort zu deponieren und sich dann schnell zu seinem Vater zu begeben. Er blieb stehen, nahm den Stadtplan aus dem Reiserucksack und vergewisserte sich, den Namen der Gasse noch richtig im Gedächtnis zu haben, nämlich die Calle di Donzella; anschließend versuchte er, mit Hilfe des Planes, den kürzesten Weg dorthin zu finden, während er etwas hilflos in die von dichtestem Nebel durchzogenen Gassen hinein starrte und versuchte, die Ruga di Orifici zu erspähen, die er als den kürzesten Weg eingeschätzt hätte.

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suchen; dichtester Bodennebel lag auf Venedig und hüllte die Stadt ein wie mit einem weißen Tuch; Georg erinnerte sich nun, dass er vor sieben Jahren das letzte Mal hier gewesen war, als Student, zusammen mit seiner damaligen Freundin Martina, die nun, sie hatte sich von dort einmal bei ihm gemeldet, als Werbegrafikerin in New York lebte. Für einige Augenblicke erinnerte er sich an ihre damaligen Spaziergänge, es war im September gewesen, und an das Privatquartier, in dem sie bei einer pensionierten Musiklehrerin gewohnt hatten. Nachdem er die Vaporetto-Station Nummer 1 endlich gefunden hatte, stieg er in das nächste Boot ein, das, zu seiner großen Verwunderung, nur von einem einzigen Fahrgast besetzt war, nämlich einem Mann mittleren Alters, der sich gerade sein Handy gegen sein linkes Ohr presste und seinem Gesprächspartner wild gestikulierend etwas zu erklären versuchte, seine Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt. Georg Ascher setzte sich, obwohl alle Plätze frei waren, jedoch nicht hin, sondern blieb in der hinteren Hälfte des Vaporetto stehen, während der Mann mit der Sonnenbrille vorne, direkt hinter dem hinter einer Glaswand sitzenden Fahrer, mit seinem lauten Telefonieren und wildem Gestikulieren fortfuhr; das Boot legte ab und fuhr in den dichten weißen Nebel hinein, den Canal Grande abwärts, in Richtung Rialtobrücke. Er warf einen neugierigen Blick aus dem Fenster, in der Hoffnung, einige Sehenswürdigkeiten zu entdecken, doch weil er wegen des dichten Nebels keine erkennen konnte, begnügte er sich damit, ein wenig über den Rest des Tages, vor allem aber über die kommenden Stunden nachzudenken. Immer wieder überkam ihn diese merkwürdige Nervosität, wenn er daran dachte, seinen schwer kranken


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„Ihr Zimmer ist gleich im ersten Stock. Also einmal die Treppe hinauf und dann links. Zimmernummer neun“, sagte sie unfreundlich und widmete sich wieder ihrer Zeitschrift. Georg nahm seinen Koffer und ging die Treppen, die zu seinem Zimmer führten, hinauf; diese Treppen brachten ihn vorerst zu einem halbdunklen Zwischen-Raum, den er durchqueren musste und in dem er einen offensichtlich stark alkoholisierten Obdachlosen schlafend in einer Ecke liegen sah. Er starrte kurz auf den Mann und fragte sich, wie er hierhergekommen war, wandte sich dann jedoch ab und ging am Ende der Passage nach links, bis er zu seinem Zimmer mit der Nummer neun kam, die Tür aufschloss und seine rechte Hand auf die kalte Türschnalle legte. Das Zimmer war mittelgroß und hatte zwei Fenster, weiters befanden sich ein Kasten, ein Doppelbett, ein kleiner Tisch und drei Sessel darin; Georg stellte den Koffer vor dem Fenster ab, sah einige Minuten lang nachdenklich in den dichten Nebel hinaus, der in weißen Schwaden unbeweglich auf Venedig lag. Nach einigen Minuten nahm er einen der Sessel, setzte sich hin und versank kurz darauf in einen Tagtraum. Obwohl er sich geschworen hatte, das mit diesen „Was-Wäre-Wenn“-Fragen bleiben zu lassen, stellte er sich doch nach langer Zeit zum ersten Mal wieder vor, wie alles gewesen wäre, wenn sein Vater in Wien geblieben wäre. Dann stand er auf, warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster; unten auf dem menschenleeren Gehsteig lief eine Taube, taumelte plötzlich, bevor sie tot umfiel. So sehr er es auch versuchte, er konnte seinen neugierigen Blick von dem toten Vogel vorerst nicht abwenden, den niemand sonst zu beachten schien; schließlich riss er sich doch vom Fenster los, öffnete seinen Koffer, den er auf das Doppelbett gelegt hatte, zog seine Jacke aus,

nahm seinen schwarzen Mantel aus dem Koffer, warf ihn sich über, bevor er das Zimmer verließ, um seinen schwer kranken Vater in dessen Wohnung aufzusuchen. Er nahm zur Sicherheit auch noch den Stadtplan mit, denn es schien ihm leicht möglich, im dichten Nebel, ohne den Plan, die Orientierung zu verlieren; er ging schnell und grußlos an der Rezeptionistin vorüber, die noch immer Zeitung las, und trat aus dem kleinen Hotel hinaus in die feuchten weißen Nebelschwaden. Er dachte daran, seinen Vater nach einem guten Lokal zum Essen zu fragen, doch schließlich entschied er sich dafür, in ein Café zu gehen, das er entdeckt hatte und das sich zufällig an der Ecke der Gasse befand, in dem das Haus war, wo sein Vater wohnte. Mit kalten geröteten Backen trat er durch die schmale Tür des Lokals ein, worauf ihm sofort ein warmer Schwall von nach ­Espresso und Cappuccino riechender Luft und ein halb lautes Stimmengemurmel entgegen kamen. Er sah sich kurz um, setzte sich dann auf einen Barhocker und bestellte einen kleinen Espresso, während er die kleine Menge der anwesenden Gäste betrachtete; ein junges Paar saß, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, neben ihm und an einem Tisch in der Ecke saß ein alter bärtiger Mann, der mit traurig-ernstem Blick langsam seinen Kaffee schlürfte. Der Alte, der Georgs musternden Blick nicht bemerkte, hatte tiefe Falten in seinem Gesicht, seine Haut glich Leder, auf dem Kopf hatte er keine Haare mehr, seine Kleidung sah alt, verbraucht und verschmutzt aus, mochte aber vor vielen Jahren einmal ein wunderschöner eleganter italienischer Maßanzug gewesen sein.

8 Dieser alte bärtige und kahlköpfige Mann erinnerte Georg plötzlich an seinen Großvater mütterlicherseits, bei dem er, in seiner Kindheit, an den Wochenenden, in einem kleinen Haus am südlichen Stadtrand von Wien viel Zeit verbracht hatte; gleichzeitig dachte er auch an seine Großmutter und an die guten Schnitzel, die sie immer gebacken hatte, und an das wunderbare Vanille-Erdbeer-Eis, das er im Sommer bei seinen Besuchen bekommen hatte. Er war so tief in diese Erinnerungen versunken, dass er zuerst gar nicht bemerkte, dass er seinen Kaffee noch bezahlen musste; doch nachdem er das erledigt hatte, ohne aber überhaupt einen Schluck Kaffee getrunken zu haben, fiel er erneut in einen Tagtraum. Es schien ihm, als würde er den köstlichen Geruch von Kaiserschmarren zur Nachspeise spüren und die plumpe Gestalt seiner Großmutter sehen, die ihn gerade aus der Pfanne auf seinen Teller schaufelte, die blauen Augen hinter zwei runden Brillengläsern strahlend und mit einem freundlichen Lächeln auf dem faltenübersäten Gesicht, und dann strich sie ihm liebevoll durch seine dunklen Haare. Und er erinnerte sich auch an den ihn am Boden zerstörenden Tag, als seine Mutter ihm mit verweinten Augen mitteilte,


9 Als Georg auf die enge venezianische Gasse hinaus trat und einige langsame Schritte in den dichten undurchdringlichen Nebel hinein

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mit seiner Arbeit weiterzumachen, ohne Wissen über das Schicksal Walters. Nachdem Walter verschwunden war, plagte Georg immer die Angst, dass seinem kleinen Bruder irgendetwas Schreckliches passiert sein oder dass er vielleicht auf die schiefe Bahn geraten sein könnte, drogenabhängig oder noch Schlimmeres, und diese bohrende Unsicherheit machte ihm lange und auch jetzt noch gehörig zu schaffen. Nicht, dass er nicht versucht hätte, ihn zu finden, ja, das hatte er, monatelang, ohne die Hilfe anderer Familienmitglieder, aber seine Spuren verloren sich nach dem Begräbnis der Mutter irgendwo im Sand. Er konnte keine Hilfe erwarten, denn seine Mutter war adoptiert gewesen, die beiden Geschwister seines Vaters waren bereits verstorben und so hatte er niemanden, der ihn hätte unterstützen können; er hatte Walter niemals irgendetwas getan, jedenfalls nicht wissentlich und hatte ihn, obwohl er der Jüngere war, stets wie einen Gleichgestellten behandelt. Georg hatte sich das Verschwinden seines Bruders letztendlich immer nur so erklären können, dass dieser durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter so erschüttert worden war, dass er die Kontrolle über sein eigenes Leben vollkommen verloren hatte; Georg hatte sich damals sofort auch mit Walters Lebensgefährtin Nora in Verbindung gesetzt, aber auch sie konnte ihm nicht mehr sagen, als dass er, der gerade sein Medizinstudium begonnen hatte, ohne ein Wort und ohne einen Abschiedsbrief, plötzlich und spurlos aus der gemeinsamen Wohnung und aus Wien verschwunden war. Er hoffte, so, wie nur jemand, der etwas unbedingt wissen wollte, hoffen konnte, dass nun sein schwer kranker Vater endlich eine Antwort auf diese seit einer Ewigkeit unbeantwortete Frage wissen würde, um somit sein langes stilles diesbezügliches Leiden endlich zu beenden. Selbst nachdem er, mit 26 Jahren, sein Kunstgeschichte- und Publizistikstudium beendet und wenig später in Andrea die Liebe seines Lebens gefunden hatte, wurde sein Glück immer wieder von diesem Teil seiner Vergangenheit überschattet. Georg griff nun in seine Manteltasche, zog seine alte lederne Brieftasche hervor, öffnete sie langsam und schaute ein paar Augen­ blicke auf das Bild seiner Frau von damals, aufgenommen, kurz nachdem sie sich kennen und lieben gelernt hatten, ihr langes Haar aschblond, ihre Augen dunkelbraun, fast schwarz, und dann noch dieses wunderbare Lächeln auf ihren Lippen, das sie auf jedem Foto zeigte und das sich, im Gegensatz zu ihrem sonstigen Aussehen, nie verändert hatte. Georg trank schnell seinen Kaffee, der in der Zwischenzeit bereits kalt geworden war, und verließ das Lokal. Der alte Mann saß noch immer dort und blätterte jetzt, dabei mit sich selbst sprechend, in einer Zeitung.

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dass seine geliebte Oma gestorben war; auf ihrer Beerdigung konnte er ihren plötzlichen Tod noch immer nicht fassen und die Menschen, die zum Begräbnis erschienen waren, wirkten auf ihn so starr, wie im Nebel sitzende Krähen. Ja, er erinnerte sich an diesen Augenblick, an eines dieser Bilder, das sich für sein ganzes Leben in sein Gedächtnis eingeprägt hatte, die leb­ lose grau-gelbe Maske, die einst das fröhliche warmherzige Gesicht gewesen war, die unnatürlich nach unten gezogenen Mundwinkel, die eingefallenen Wangen und die Lider, die steinern und kalt auf den erloschenen Augen ruhten. Der Großvater, an den ihn dieser alte, seinen Kaffee schlürfende Mann erinnerte, war ein Jahr später, bei der Gartenarbeit, an einem Schlaganfall gestorben; da hatte Georg gerade maturiert, und das Begräbnis fand an einem glühend heißen Sommertag auf dem Hietzinger Friedhof statt, wo der alte Mann, neben seiner geliebten Frau, seine letzte Ruhestätte fand. Georg hatte schon während des Gymnasiums gewusst, dass er nach der Matura Kunstgeschichte und Publizistik studieren würde und hatte das dann auch getan. Georgs Eltern hatten ein Einfamilienhaus in Hietzing besessen, das er im Augenblick an einen Juristen und seine Familie vermietet hatte; sein nun schwer kranker Vater war seinerzeit Röntgenfacharzt gewesen und seine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, hatte sich um ihn und um seinen drei Jahre jüngeren Bruder Walter gekümmert, den er, seit dem Begräbnis seiner Mutter vor elf Jahren, nicht mehr gesehen und auch nicht die geringste Ahnung hatte, wo er sich im Augenblick aufhielt. Nach diesem schweren Schlag, den sein Vater zu verantworten hatte, dauerte es lange, bis Georg sich von diesem Schock erholt hatte, und selbst als es so weit war, fiel es ihm schwer,


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machte, läutete plötzlich sein Handy; er zog es sofort aus seiner rechten Manteltasche und sah auf dem Display, dass es seine Frau war, die ihn anrief: „Hallo, mein Schatz, wie geht es dir?“, fragte Georg und blieb stehen. Es hatte schwach zu nieseln begonnen. „Hallo Georg, ich vermisse dich hier, in Wien. Aber alles in allem geht es mir ganz gut. Bist du gut in deinem Hotel angekommen?“ „Ja, bin ich. Mit dem Hotel ist alles gut. Wo bist du gerade?“ „In der Schule, wo denn sonst? Ich habe gerade eine Freistunde und korrigiere Schularbeiten.“ „Aha. Ich war gerade in einem Café und mache mich nun auf den Weg zu meinem Vater. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet.“ „Ach, mein Liebling, ich wünschte, ich könnte jetzt bei dir sein und dich unter­stützen. Sag mir dann, was alles passiert ist, okay?“ „Mach ich. Aber ich weiß nicht, wie lange das dauern wird. Ich rufe dich auf jeden Fall abends noch einmal an, gut?“ „Ich hoffe, dein Vater leidet nicht auf seinem Totenbett.“ „Nein … Ich weiß nicht … Warten wir einmal ab …“ „Alles Gute jedenfalls. Und wie ist das Wetter in Venedig? Sonnig?“ „Nein, nein. Nebelig, so wie bei meiner Abreise.“ „Mmmmh … Hier in Wien reißt der Himmel jetzt ein wenig auf. Vielleicht kommen sogar noch ein paar schöne Herbsttage.“ „Man kann nur hoffen. Doch hier ist das Hoffen höchstwahrscheinlich vergeblich. Dichtester Nebel. Schwaches Nieseln. Höchst ungemütlich.“ „Sei doch nicht so pessimistisch, Schatz. Vielleicht können wir, wenn du zurückkommst, wieder einmal zwei Tage aufs Land fahren, wie wäre das? Ich denke, du wirst dann ein wenig Ruhe brauchen!“

„Ja, oder wir fahren übers Wochenende in ein Thermalbad. Eines noch, Liebling. Ich habe hier im Hotel vorläufig drei Nächte gebucht. Ich weiß nicht, wie lange das alles dauern wird.“ „Mach dir nicht zu viele Sorgen. Es wird sich schon alles fügen. Du wirst sehen.“ „Danke für deine aufbauenden Worte. Ich bleibe jedoch pessimistisch.“ „Und misstrauisch wie immer. Ich kann dich wohl nicht mehr ­ändern, Schatz. Na ja, na ja …“, sagte Andrea und Georg konnte ihr geliebtes Lächeln durch das Telefon förmlich spüren. „Und du optimistisch wie immer. Gut. Akzeptiert. Aber du kennst meinen Vater nicht. Und ich eigentlich auch nicht. Nochmals, Andrea, ich habe nicht die geringste Ahnung, was mich bei ihm erwartet, in welchem Zustand ich ihn vorfinden werde oder wer bei ihm ist ...?“ „Georg … Bitte … Ich weiß natürlich, was er euch und dir angetan hat, aber du musst deinem schwer kranken Vater jetzt etwas entgegenkommen, damit er seinen Frieden finden kann, nicht nur um seinet-, sondern auch um deinetwillen, verstehst du?“ „Ich werde mein Bestes tun. Versprochen. Ich muss jetzt allerdings gehen, leb wohl. Melde mich später, wie gesagt.“ „Gut, mein Schatz. Pass auf dich auf. Ich liebe dich.“ „Ich dich auch!“

10 Georg hatte, nach einem kurzen Umweg, an dem der dichte Nebel schuld gewesen war, endlich die Calle di Madonna gefunden und stand nun nachdenklich vor dem Haus mit der Nummer 25, in dem, laut der Mitteilung im Brief, und zwar auf Tür vier, sein schwer kranker Vater wohnte. Plötzlich überkam Georg das Bedürfnis umzukehren und so weit weg wie möglich von seinem Vater zu kommen, aber er wusste gleichzeitig, dass er sich dieser unangenehmen Situation unbedingt stellen musste. Nach einem kurzen Moment, den Georg damit verbrachte, die wenigen Überbleibsel seines Mutes zu sammeln, läutete er bei Tür Nummer vier an und war ein wenig überrascht, als er einige Augenblicke später die Stimme eines jungen Mannes aus der Gegensprechanlage hörte: „Ja, bitte?“ „Hallo, ich bin Georg Ascher. Ich will zu meinem Vater!“ Bevor er noch den Namen seines Vaters nennen konnte, ertönte ein Klicken, wodurch der Kontakt plötzlich abbrach und kurz darauf ertönte ein Summen von der Haustür her, die mit einem lauten metallischen Geräusch aufsprang. Georg ging durch die nun offene Tür und stieg mit langsamen Schritten das halbdunkle Stiegenhaus hinauf; vor der hohen breiten dunkelbraunen Wohnungstür seines Vaters angekommen, drückte er sofort die Türschnalle hinunter und als die Tür aufging, wehte ihm ein kalter Hauch des eisigen dunklen Innenlebens entgegen, der aus der Wohnung kam, die aus


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Unterton. Georg musterte diesen seltsamen, distanziert wirkenden Menschen sofort aufmerksam, es war ein Mann von etwa fünfzig Jahren und zwei Metern Größe, er trug einen langen schwarzen Mantel, der in seinem finsteren Glanz die blasse Haut des Mannes betonte, er hatte schwarze Lederschuhe an, an seinem fast kahlen Kopf befand sich an beiden Seiten nur noch schütteres ergrautes Haar, und aus seinen äußerst tiefen Augenhöhlen stachen zwei kalte finstere Augen, die Georg seelenlos anstarrten, hervor. „Es geht schon, es geht schon …“, flüsterte sein Vater und fügte noch hinzu: „Das ist doch mein lieber Georg!“, aber seine Stimme war leise und schwach, und er begann laut und heftig zu husten; Georg konnte vorerst nichts anderes tun, als in dem Vorzimmer tatenlos stehen zu bleiben und dabei zuzusehen, wie der ihm ­fremde, großgewachsene, ihm irgendwie Angst machende Mann im schwarzen Ledermantel seinem gebrechlichen Vater wieder in den Schaukelstuhl half. Georg blieb einige Minuten lang reglos stehen und ging dann in Richtung der offenen Wohnzimmertür; er sah, dass sein kranker Vater, reglos und ein wenig zitternd, im Schaukelstuhl saß und der zwei-Meter-Mann, wie erstarrt, neben ihm stand; plötzlich sagte sein Vater, mit schwacher Stimme, in Richtung des Mannes: „Ich glaube, du kannst jetzt gehen, Giovanni. Ich möchte mit meinen Söhnen jetzt allein sein!“ Nach einem kurzen Schweigen sagte der Mann mit tiefer, halb lauter, bedrohlich wirkender Stimme: „Ich gehe schon, Doktor Ascher, denn ich möchte diese wunderschöne Familienidylle hier nicht stören. Aber wir sehen und hören uns sehr bald wieder, vergessen Sie das bitte nicht! Jeder Spaß hat einmal ein Ende!“ Er machte eine kleine Verbeugung, lächelte zynisch, drückte Severin Aschers rechte Hand und verließ, ohne Georg anzusehen oder ihn zu grüßen, die Wohnung und schlug die Tür laut hinter sich zu. Georg stand sprachlos da, vergaß diesen gespenstischen Mann jedoch sofort, starrte stattdessen fassungslos die gekrümmte Gestalt an, die im Schaukelstuhl vor ihm saß und fragte anschließend: „Vater, wie kommt es, dass Walter hier ist und wie lange treibt er sich schon bei dir herum? Er hat doch durch die Gegensprechanlage geantwortet, nicht wahr?“, als plötzlich, hinter Severin Ascher, eine Tür weit geöffnet und der bis vor Kurzem noch halbdunkle Raum von grellem Licht überflutet wurde. Da stand nun Walter Ascher, sein Bruder, in der Tür. „Hallo, Bruder!“, sprach er mit halblauter Stimme. Georg schwankte ein wenig, ob er von dem grellen Licht oder der Erscheinung seines so lange verschollen gewesenen und fast schon totgeglaubten Bruders geblendet war, vermochte das jedoch nicht zu sagen; Walter sah genau so aus, wie Georg ihn und ihren Vater in Erinnerung gehabt hatte; er hatte die Haare und die Augenfarbe ihrer Mutter Martha Ascher, aber sein Gesicht war ohne Zweifel das seines Vaters Severin und war es auch schon immer gewesen, doch Georg hatte nun keine andere Wahl mehr, als sich,

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dicken Mauern gebaut war; da fiel Georg eine graue Gestalt auf, die sich aus einem alten knarrenden Schaukelstuhl aufrichtete, den Georg durch die weit geöffnete Tür eines großen Zimmers erkennen konnte, und nun sprach die graue Gestalt mit leiser trockener Stimme zu Georg: „Hallo, mein Sohn, grüße Sie oder dich!“ Ihre Kleidung, ein alter grauer Morgenmantel, der um den leicht buck­ ligen Körper gehüllt war, stand in Einklang mit den dunklen und etwas antiquierten Möbeln des Vor- und des Wohnzimmers, und als sich die gespenstische Gestalt langsam durch den dunklen Türrahmen bewegte, konnte Georg die klaren grünen Augen seines Vaters ausmachen, aber sie waren nicht so wie in seiner Erinnerung, also nicht kalt, sondern sie glänzten nur noch schwach, fast ausdruckslos, seine Haut war blass und gelblich und von vielen tiefen Falten durchzogen, und sein noch dichtes dunkles Haar hatte noch ein bisschen von seiner alten Farbe bewahrt, war jedoch schon fast vollständig ergraut – und doch glich er, ohne Zweifel, den Erinnerungen an seinen Vater, Severin Ascher. „Würdest du bitte die Wohnungstür schließen, Georg“, sagte sein Vater leise, begann sofort zu keuchen und hielt sich mit seiner rechten knochigen Hand am dunklen Türstock fest, um nicht zur Seite zu kippen. Georg rang, bei diesem Anblick, kurz um seine Fassung, schloss dann jedoch hastig die Wohnungstür und versuchte, seinem Vater zu helfen, als ihm plötzlich eine andere Gestalt auffiel, die aus dem Wohnzimmer, hinter seinem Vater, herbei eilte. „Severin Ascher, wenn Sie noch einmal ohne meine Beihilfe aus Ihrem Stuhl aufstehen, dann sehe ich mich dazu gezwungen, Sie darin festzubinden!“, sagte die Gestalt sanft, aber doch mit einem strengen und bestimmten


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von einem plötzlichen Schwindel erfasst, am Türstock festzuhalten; Walter hatte den verwirrten und verstörten Blick seines Bruders sofort bemerkt und stürzte nun durch das Zimmer, um ihn vor einem Sturz zu bewahren und ihn zu stützen, „Georg, Vorsicht!“, stieß er hervor und Sorge, fast schon Angst, lag in seiner Stimme, Georg hingegen dachte noch, trotz seines Schwindels, nur: „Er ist schon immer ein gefühlsbetonter Kerl gewesen“, und verlor, wenig später, plötzlich sein Bewusstsein. Georgs Bewusstlosigkeit war jedoch nur von kurzer Dauer gewesen; als er die Augen wieder öffnete, saß er auf dem glatten Parkettboden, neben dem Schaukelstuhl, in dem sein schwer kranker Vater reglos saß, ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte und mit leiser Stimme fragte: „Nun, Georg, geht es dir schon wieder besser? Was ist denn nur passiert?“ Mit leicht krächzender, aber dennoch fester Stimme antwortete Georg: „Zuerst war ich fassungslos, als ich dich wiedersah. Doch als ich Walter nach all den Jahren hier plötzlich erblickte, kam mir das alles so unwirklich vor, und plötzlich wurde mir schwindlig und schwarz vor den Augen. So etwas ist mir auch noch nie passiert …“, und dann fügte er noch hinzu: „Könnte ich ein Glas Wasser haben? Mein trockener Hals schmerzt nämlich fürchterlich. Wie lange war ich eigentlich bewusstlos?“ „Nicht lange. Zwei, drei Minuten vielleicht. Wir wussten zuerst nicht recht, was wir tun sollten. Also beschlossen wir, einfach zu warten, bis du wieder zu dir gekommen bist. Dein Bruder macht inzwischen ein paar Besorgungen für das Mittagessen. Ich würde dich gerne einladen, mit uns zu essen. Dabei können wir uns ein bisschen unterhalten und auch einige dringliche Angelegenheiten besprechen. Mit mir steht es ja nicht zum Besten, wie du siehst. Ich bin mir sicher, du hast sehr

viele Fragen an mich zu richten. Ach ja, das Wasser, das Glas Wasser …“, Severin Ascher zeigte mit einer mühevollen Armbewegung auf eine Tür, links von Georg. „Da ist die Küche. Dort kannst du dir das Glas Wasser holen. Ich würde es gerne selbst für dich tun, aber nun, du siehst ja …“, er deutete auf seine dünnen schwachen Beine, schüttelte den Kopf und in seine leise Stimme trat ein Hauch von Melancholie. Georg ging in die Küche, trank ein Glas Wasser und kehrte dann sofort wieder zu seinem Vater zurück. „Es ist sehr schade, dass deine liebe Mutter jetzt nicht bei uns sein kann. Sie hätte sich sicher sehr gefreut, dich zu sehen!“, fügte dieser zu dem vorhin Gesagten noch hinzu und wurde plötzlich von einem äußerst heftigen Keuchhusten befallen, probierte, sich aufzurichten, „Mein Rücken, aaaah …!“, schrie er vor Schmerz auf und fiel, keuchend und stöhnend, wieder in seinen knarrenden Schaukelstuhl hinein. „Was ist denn nur aus mir geworden!? Es tut mir wirklich leid, mein Sohn, dass du mich so sehen musst …“, bat er gleichsam um Verzeihung, als Georg bemerkte, dass eine große Träne über die faltige bleiche Wange seines Vater herunter rann. Georg hörte den Worten seines Vaters aufmerksam zu, sprach vorerst kein Wort und fühlte nichts, nicht einmal, als der Vater über seine Mutter sprach, doch als er ihn weinen sah, spürte er, wie auch ihm die Augen wässrig wurden, also stand er auf, fasste sich ein wenig, denn er war noch etwas schwindlig und griff seinem Vater schließlich an die linke Schulter, während er spürte, wie jeglicher Groll, Zorn und seine ganze Verbitterung sich augenblicklich auflösten, wie Eis, das in der Sonne schmolz und aus seinen Augen über sein Gesicht lief, worauf er leise zu schluchzen begann, seinem Vater in die Arme fiel und nur ein paar Worte mühsam hervor brachte: „Ist schon gut, Papa, ist schon gut …!“ Dann sagte sein Vater zu ihm, mit leiser Stimme und mit der rechten Hand auf einen vor dem linken Fenster stehenden Stuhl zeigend: „Nimm dir erst einmal einen Sessel und setz dich zu mir, Georg!“ Langsam löste er sich von seinem Vater, ging zum linken Fenster, warf einen kurzen Blick hinaus über die von weißen Nebelschwaden durchzogene Stadt und nahm sich den Sessel, den er mit den Worten „Ja, und ich hoffe, wir haben auch genügend Zeit füreinander!“, neben seinen Vater stellte. Sein Vater blickte, den Kopf dabei auf die ineinander verschränkten Hände gestützt, für einen Moment gedankenverloren ins Leere und schien über seine Worte nachzudenken, die er jetzt gleich sagen wollte, und flüsterte schließlich in Richtung seines Sohnes: „Ich weiß genau, ich habe in der Vergangenheit schreckliche Dinge getan und hatte eigentlich erwartet, dass du gar nicht erst kommen würdest. Und wenn, dann nur, um mir schwerste Vorwürfe zu machen. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, was ich damals getan habe?!“ Georg schluckte und wandte seinen Blick, der vorher ganz konzentriert auf dem bleichen Gesicht seines Vaters geruht hatte, zur Seite und senkte ihn langsam zu Boden. Dann öffnete er seinen Mund, ganz kurz, als wollte er etwas sagen, schloss ihn aber wieder und


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schluchzte, seufzte, denn seine Worte schienen ihn zu sehr ermüdet und ausgelaugt zu haben, und krächzte zum Abschluss nur noch: „Es tut mir alles so leid, Georg!“ „Mit einem Besuch von Mutters Grab könntest du auch nichts mehr rückgängig machen, vor allem ihren fürchterlichen Tod nicht, vorausgesetzt allerdings, du würdest das gesundheitlich überhaupt noch schaffen, woran ich allerdings nicht glaube. Das ist lächer­ liches Theater!“, sagte Georg bitter und stand wieder auf, ging zum Fenster, sah nochmals auf das nebelige Venedig hinaus und fügte wütend noch hinzu: „Ich muss das alles erst einmal verdauen, verstehst du? Wenn es auch schon ein Jahrzehnt zurückliegt! Das sitzt wirklich tief!“ Vollkommen am Ende mit seinen schwachen Kräften, war Severin Ascher nur noch fähig, mit kaum hörbarer, zitternder, trockener Stimme zu sagen: „Ich kann nur noch hoffen, dass du deine Meinung über mich noch änderst, bevor es für mich zu spät ist, das noch mitzubekommen!“, und als er noch hinzufügen wollte, dass er alles, was er getan hatte, bitter bereue, brach seine Stimme abrupt ab und er sackte im Schaukelstuhl, hilflos und kraftlos, in sich zusammen und rührte sich vorerst nicht mehr. „Vater, du hättest uns und Mutter niemals verlassen sollen!“, warf ihm Georg nun, mit lauter Stimme, nochmals vor. Der Vater sagte nichts, starrte ihn nur an und sagte dann nur: „Ich kann und werde dir nicht widersprechen. Ja, die Beziehung mit dieser Liliane, dieser Hexe, war ein sehr sehr schwerer und verhängnisvoller Fehler! Ich weiß, ich weiß …“; er verstummte wieder, sein glanz­ loser Blick war ins Leere gerichtet; dann sprach er wieder weiter, leise, ruhig, nicht zornig und scheinbar auch nicht im Geringsten traurig: „Ich weiß doch, dass ich nicht mehr lange zu leben habe. Und der Wunsch, das Grab deiner Mutter noch einmal wiederzusehen, wird wohl nicht mehr in Erfüllung gehen. Du hast recht. Nochmals, ich verstehe deinen Zorn und deine Verbitterung mir gegenüber. Ich werde auch keine Forderungen mehr an dich stellen und dir auch nichts mehr vorwerfen. So oder so, früher oder später, werde ich ohnehin sterben. Und das war es dann auch schon …!“ „Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn du dort auftauchen würdest. Und irgendwelche Forderungen kannst du an mich ohnehin nicht stellen. An niemanden mehr, außer an dich selbst. Ich will, hier und jetzt, ein allerletztes Mal Klartext mit dir sprechen, mein Erzeuger! Du hast damals, das kannst und wirst du auch nicht abstreiten, mit Liliane, deiner Ordinationshilfe, eine leidenschaft­ liche Liebschaft begonnen. Sie war jung, hatte dir immer schon schöne Augen gemacht und das hat dir schließlich total den Kopf verdreht, du alter Idiot! Und an dieser hirnverbrannten Affäre ist unsere liebe Mutter schließlich zerbrochen, und zwar tödlich zerbrochen! Sie war dadurch sowohl seelisch als auch körperlich am Ende gewesen. Das werde ich dir niemals vergeben! Auch wenn du jetzt todkrank vor mir sitzt!“, sagte Georg wütend und schüttelte mehrmals entrüstet seinen Kopf.

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nickte nur wortlos. Plötzlich aber richtete sich Georg auf, blickte seinen alten todkranken Vater starr und seelenlos an und brach sein Schweigen: „Warum hast du unserer Familie das nur angetan?“, fragte er, während sein Vater, als würden Glasscherben seine Speiseröhre hinunter jagen, schwer schluckte und seine Stimme einen verbitterten Unterton erlangte, und Georgs Anschuldigungen wurden lauter und lauter, und die Augenlider seines Vaters wanderten in die Höhe, und plötzlich fingen sie beide an zu weinen. Georg fiel, laut seufzend und schluchzend, wieder auf seinen Sessel zurück, während auch der Vater Träne nach Träne still vergoss, bis er schließlich, noch immer unter Tränen, mühsam hervor brachte: „Georg, Georg, hör mir jetzt bitte gut zu. Ich kann deinen Zorn verstehen, glaube mir, nur zu gut. Ich habe Liliane seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich möchte es auch nicht mehr. Du wirst dann schon noch erfahren, was sie mir Fürchter­ liches eingebrockt hat. Es war alles aber auch meine Schuld. Ich weiß. Gut. Nun, der Tod deiner Mutter hat Walter sehr mitgenommen, und er brauchte damals seinen Vater äußerst dringend. Und die Monate nach Mutters plötz­ lichem Tod, als Walter schon bei mir war, haben mich sehr gereut. Aber ich habe viele viele Sachen, die ich bereue, glaub mir. Zu viele. Aber es lässt sich nichts mehr rückgängig machen. Vor allem nicht der Tod deiner Mutter. Das wiegt am allerallerschwersten. Und wie steht es um mich selbst? Mein Arzt hat gesagt, ich habe nur noch ein paar Wochen zu leben. Das Letzte, was ich tun möchte, bevor ich sterbe, ist, das Grab eurer Mutter, meiner lieben Martha, zu besuchen. Ich kann allerdings verstehen, wenn du mir nicht helfen willst oder mir niemals ver­ geben kannst. Für solche Fehler gibt es eigentlich keine Vergebung, ich weiß …“, er schluckte noch einmal,


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„Da hast du wirklich recht. Ich habe euch, wegen dieses liederlichen Frauen­zimmers, einfach so verlassen, ohne mit den Folgen für euch und eure Mutter zu rechnen und das hat mir, letzten Endes, auch meine Beziehung zu Liliane gekostet. Sie wollte von allem Anfang an nicht zu Marthas Begräbnis gehen. Und als dann Walter, von allen guten Geistern verlassen, verzweifelt und kopflos vor unserer Wohnungstür stand und fragte, ob er bei uns wohnen dürfe, ist die Situation schließlich eskaliert. Ich habe für diese idiotische Beziehung die Ehe mit meiner Liebsten aufgegeben und was hatte ich dann von alledem? Nur Schulden und wieder ­Schulden, die ich allein dieser verdammten Liliane verdanke, und eine wütende Mafia, die mich einen Kopf kürzer machen wollte und will!“, sagte Severin Ascher keuchend, und sein bleiches knochiges Gesicht nahm einen melancholischen Ausdruck an. Sekunden, Minuten des Schweigens und der Stille. Eine melancholische Aura stand, unbeweglich, im Raum. „Das Leben ist ein finsterer Tunnel und am Ende gelangt man in die große Leere …!“, sagte Severin Ascher mit leiser Stimme, schüttelte den Kopf und verstummte stöhnend. „Schluss jetzt mit pessimistischer Philosophie und Selbstmitleid, wenn ich bitten darf! Sag mir lieber, was du mit Mafia und Schulden gemeint hast!?“, fuhr Georg ihn laut an, doch er fasste sich rasch wieder, starrte zuerst zu Boden, dann leicht verwirrt im Raum umher, doch zuletzt fiel sein scharfer Blick wieder auf seinen todkranken Vater; dieser wollte irgendetwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken und er brachte nichts hervor. Minutenlang herrschte bedrückende Stille im Raum, nur durchbrochen vom leisen heiseren Keuchen Severin Aschers.

11 Georg ging in dieser Stille wieder zum Fenster, wobei der Parkettboden unter seinen Schritten leise knarrte; er blieb dort stehen und starrte wieder nachdenklich auf das von dichtem weißem Nebel eingehüllte Venedig hinaus, der sicher keine Sonne durchlassen würde; diese ganze düstere Familiengeschichte kreiste unablässig in seinem Kopf herum, der nun leicht zu schmerzen begann; als sich Georg, nach einigen Minuten, wieder umwandte, sah er, dass sein erschöpfter Vater eingeschlafen war, und er hörte, dabei zusammenzuckend, dass die Wohnungstür laut geöffnet wurde. Das Geräusch schwerer, langsamer Schritte drang an sein Ohr, das Ratschen eines Reißverschlusses, das metallene Klappern von Schlüsseln, die auf einer Kommode abgelegt wurden; der Duft von frischer Pasta strömte langsam in das Wohnzimmer, umnebelte Georg und machte seinen Kopfschmerz noch etwas schlimmer; dann näherte sich sein Bruder, mit langsamen, lauten Schritten der offenen Wohnzimmertür. Statt einer Begrüßung forderte Walter seinen Bruder Georg mit einem kurzen energischen Nicken auf, ihm in die Küche zu folgen, die sich bekanntlich neben dem Wohnzimmer befand, um dort die Pasta zu essen; ohne ein Wort miteinander zu wechseln, begaben sie sich in die Küche, wo Walter die zwei Plastikbehälter aus der Nylontasche nahm und auf den Tisch stellte, während Georg in den Küchenschränken nach Tellern, in den Laden nach Besteck suchte und dann den Tisch deckte; schließlich saßen sie sich schweigend gegenüber und aßen die Pasta, sich dabei gegenseitig musternd. Keiner der beiden sagte vorerst ein Wort, obwohl beide einander so viel zu erzählen gehabt hätten; und sie wussten nicht, wie sie mit der langen Zeit, in der sie einander nicht gesehen hatten, nun umgehen sollten. „Tja, es ist in der Zwischenzeit wirklich sehr sehr viel geschehen …“, murmelte Walter plötzlich mit gesenktem Haupt. Und wieder folgten nervenzerrende Minuten des Schweigens, die, als sie sich vermehrten, zusehends unangenehm für die beiden Brüder wurden. Da schossen aus Georgs Mund, wie das Brechen von Eis, plötzlich folgende Worte: „Ich vermisse Mutter nicht mehr. Das ist vorbei.“ Wieder folgte Schweigen, doch dieses Mal war Walter ein beunruhigter Blick anzumerken. Nervös geworden stand er auf, schaltete einen kleinen Fernseher, der auf der Kredenz stand, ein; es lief ein alter Schwarzweißfilm, und zwar ein Western; Walter schaltete einige Sender weiter, doch er fand kein Programm mehr, sondern nur düstere Grautöne. Walter setzte sich; es herrschte nun wieder Funkstille; dann blickte Walter Georg an und begann so: „Darf ich dir etwas sagen, Georg?“, wartete die Antwort seines Bruders jedoch nicht ab, sondern setzte


Wieder einige Augenblicke lang tiefstes Schweigen. Schließlich ergriff Georg das Wort: „Lassen wir das Familiäre vorerst auf sich beruhen. Sag mir erst einmal Walter, an welchem Krebs Vater erkrankt ist. Nach seinem jahrzehntelangen Kettenrauchen würde ich am ehesten auf Lungenkrebs tippen!“ Walter seufzte kurz und nickte mehrmals, ganz langsam, mit sehr ernst gewordenem Gesicht. Georg schüttelte seinen schmerzenden Kopf: „Mutter hatte immer schon gesagt, du erinnerst dich sicher noch, dass ihn das eines Tages ins Grab bringen wird. Ja, sie war eine sehr kluge Frau und hatte in so vielen Dingen recht gehabt!“ „Die Ärzte geben ihm noch zwei Wochen, höchstens drei. Er hat aber keinerlei Schmerzen, wie du siehst“, teilte Walter Georg mit. Georg nickte, atmete tief durch und sagte dann: „Was hältst du eigentlich seiner Idee, Mutters Grab in Wien besuchen zu wollen?“ „Offen gestanden nicht sehr viel. Das war wohl eine von Vaters Launen, eher aber ein Anzeichen von massivem

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Er hat sich kein zweites Mal für diese Schlampe Liliane, sondern für die Familie entschieden. Er hat sich wirklich aufopfernd um mich gekümmert, das kann niemand abstreiten, und er hat sich, wegen seines Verhaltens, immer wieder Vorwürfe gemacht. Er hat sich sehr sehr geschämt, weißt du, und genau deshalb ist er niemals wieder nach Wien zurückgekehrt. Er hätte weder dir noch unseren anderen Verwandten jemals wieder in die Augen sehen können!“; hier brach Walter plötzlich ab und schüttelte mehrmals seinen Kopf.

Realitätsverlust. Vergiss es. Du siehst ja, in welch schlechtem Zustand er sich befindet, und der wird sich, und zwar tagtäglich, noch mehr verschlechtern, glaub mir. Und die ärztliche Prognose habe ich dir gerade erst mitgeteilt. Doch nun zu etwas ganz anderem. Warum bist du überhaupt hierhergekommen? Wer hat dir Bescheid gegeben?“, antwortete Walter. „Hat dir Vater nichts davon erzählt? Er hat mich in einem Brief darum gebeten, ihn ein letztes Mal zu besuchen, bevor er aus dem Leben scheidet, und hat mir gleichzeitig auch seine Adresse mitgeteilt. Dich jedoch hatte er mit keinem Wort erwähnt!“, meinte Georg mit ernster, aber dennoch freundlicher Stimme. Walter blickte für einen kurzen Moment zur Seite: „Nein, er hatte mir gegenüber einen Brief oder etwas Ähnliches niemals erwähnt. Ich hatte wirklich keine Ahnung davon, dass du kommst. Aber es ist schön, dich wiederzusehen, glaub mir, Bruderherz“, erwiderte er mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. Georg blickte seinem Bruder in die Augen: „Ebenso!“ Er wollte noch etwas hinzufügen, doch es fehlten ihm die Worte dafür und er lächelte nur zurück. Plötzlich läutete es an der Wohnungstür; Georg und Walter warfen einander ein paar fragende Blicke zu und ihre Gesichter waren plötzlich angespannt; Walter wurde blass im Gesicht, legte seinen ausgestreckten rechten Zeigefinger auf die Lippen, stand lautlos auf, ging zur Tür, sah beim Türspion hinaus – doch da war niemand; er öffnete die Tür, auf die, mit einem langen Springmesser, ein Zettel geheftet war, Walter nahm Messer und Zettel von der Tür, schlug sie zu, versperrte sie augenblicklich, legte noch die Kette vor, ging zurück zu Georg und legte Messer und Zettel auf den Küchentisch, beide starrten sie nun atemlos den Zettel an, auf dem, mit großen schwarzen Blockbuchstaben, Folgendes geschrieben stand: „DER TOD IST IMMER IN DEINER NÄHE!“ und darunter war ein kleiner grinsender Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen gezeichnet worden. „Walter, sag mir, was hat die Mafia mit euch zu tun und warum sind sie, seitdem Vaters Beziehung mit Liliane zu Ende ging, hinter euch her?“, fragte Georg, der noch immer nicht ganz realisiert hatte, was sein Vater ihm alles erzählt hatte, ängstlich und neugierig zugleich, und fügte noch hinzu: „Und inwieweit betrifft das Ganze eigentlich auch mich? Sag mir das!“ Walter fuhr sich nervös durch seine pechschwarzen Locken, und Georg konnte in seinen graublauen Augen große Nervosität erkennen: „Ich weiß selber nur sehr wenig, glaub mir. Dich aber kennt hier doch niemand, sorg dich nicht …“ Georg fasste sich an die linke Wange und atmete schwer aus, er fühlte, dass sein Gesicht ein wenig heiß geworden war, zog seine Hand wie von einer heißen Herdplatte zurück und schüttelte den Kopf, schloss seine Augen, öffnete sie wieder und sagte: „Egal. Da bin ich ja beruhigt. Nach Essen jedenfalls ist mir nicht mehr zumute. Ich denke, wir sollten uns jetzt …“ – da wurde Georg vom schrillen Läuten des Telefons unterbrochen. Walter sah Georg an und sagte leise: „Soll ich abheben oder

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gleich fort: „Papa hatte nach Mamas Tod schnell dazugelernt.


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nicht?“, worauf Georg nickte, Walter sich erhob, die Küche verließ, zu dem im Wohnzimmer stehenden Telefon ging, tief durchatmete und den Hörer in die Hand nahm: „Hallo, hier Ascher. Was wünschen Sie?“ Aus dem Hörer kam am Anfang gar nichts, doch als Walter ihn wieder auflegen wollte, war ein leises hauchendes Flüstern einer tiefen Männerstimme zu vernehmen: „Buon giorno, der junge Herr Ascher“, säuselte es, und Walter stockte augenblicklich der Atem, als er die Stimme plötzlich erkannte, jene allzu bekannte Stimme, die zwar sehr ruhig klang, in der aber dennoch eine gewisse Bedrohlichkeit mitschwang, die einem sofort bewusst machte, welch mordlustige Person ihr Besitzer war; Walters Hand zitterte, als er mit dem Gedanken spielte, schnell wieder aufzulegen und abzuhauen, doch die Stimme kam ihm zuvor: „Wage es ja nicht, mich jetzt abzuwürgen, Ascher!“ Mit kreidebleichem Gesicht und schlotternden Knien, die gefährlich nach innen gebogen waren, stotterte Walter, stotterte mit hoffnungsloser Stimme: „Warum jetzt? Was wollen Sie von mir? Worum geht es Ihnen eigentlich hier?“, worauf der Mann am anderen Ende der Leitung ein krächzendes, freudloses und schadenfrohes Lächeln von sich gab. Walter bekam bei diesem unangenehmen und stechenden Laut, der in sein Ohr drang, augenblicklich eine Gänsehaut, zuckte erschrocken zusammen, als das Lachen plötzlich abbrach und die Stimme nun leise und bedrohlich flüsterte: „Es ist zu spät, Freundchen, glaub mir! Für immer! Ihr zwei kleinen Gauner könnt euer Schicksal nicht mehr ändern! Wir wollen endlich unser Geld zurück, verstanden? Ja, ja, der Tod ist immer in eurer Nähe!“ Walters Herz schlug laut und schnell, setzte für einen Moment aus, er ­atmete tief durch – als plötzlich Stille

eintrat, da am anderen Ende der Leitung aufgelegt wurde. Walters Blick wurde augenblicklich leer und der schwarze Hörer des Telefons entglitt seiner rechten Hand und fiel neben ihm auf den kleinen dunkelroten Teppich; seine Knie gaben nun vollständig nach und er sank zu Boden, dann wurde sein Atem laut und schwer, er vergrub seinen Kopf in seinen Händen und begann leise zu schluchzen. Dann schwand sein Bewusstsein. Wenige Minuten später fand er sich, mit Georg an seiner Seite, auf einem Sofa des Wohnzimmers wieder, eine warme und etwas verschwitzte Hand Georgs auf der Schulter, in der anderen ein Glas Wasser: „Trink. Du warst nicht lange weg. Schon gut“, beruhigte sein Bruder ihn lächelnd. „Danke Georg, danke dir!“, flüsterte Walter, trank einen großen Schluck Wasser und spürte, wie seine Kräfte langsam wieder zurückkehrten, während Georg bereits aufgestanden war und den auf dem Teppich liegenden schwarzen Telefonhörer auf den Apparat zurücklegte. Severin Ascher hingegen lag noch immer in seinem Schaukelstuhl und schlief, während Walter langsam, aber mit kühlem Kopf, über das soeben geführte, äußerst bedrohliche Telefongespräch nachdachte. Er hielt den Blick auf seinen Vater gerichtet, wiederholte die Worte in seinem Kopf, die aus dem Hörer in sein Ohr gedrungen waren und erschrak, als sein Bruder zum Sofa zurückkam. Mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht fragte Georg: „Was ist denn? Hast du an den Anruf gedacht? Wer hat eigentlich angerufen und warum?“, worauf Walter in sich zusammensank, kurz nachdachte und dann beschloss, Georg davon zu erzählen: „Jemand, der uns nichts Gutes will!“ „Was heißt das genau?“, fragte Georg. Walter schluckte und sah seinem verwirrten Bruder in die Augen: „Du erinnerst dich noch an den groß gewachsenen Mann im schwarzen Mantel, der vorhin bei Vater war? Das war Giovanni. Die Familie, bei der Papa hoch verschuldet ist, hat ihn immer wieder bei uns vorbei geschickt. Sie wissen, dass er nicht mehr lange leben wird. Also war Giovanni am Apparat, der Geldeintreiber. Du hast ihn mit deiner Ankunft gestört, denke ich …“ „Was hältst du eigentlich davon, sofort die Polizei einzuschalten? Mir wird nämlich ganz anders, wenn ich an diesen kriminellen Sumpf denke! Da kann man schon Angst bekommen, glaub mir …“, sagte Georg nachdenklich, warf wieder einen Blick hinüber auf seinen noch immer schlafenden Vater und schüttelte, mit angespanntem Gesicht, mehrmals seinen Kopf. Überrascht von der Naivität seines älteren Bruders antwortete ­Walter zielsicher und ein wenig gehässig: „Sag mal, hast du überhaupt die geringste Ahnung davon, was du der Polizei erzählen möchtest? Hallo, hier spricht Georg Ascher, könnten Sie mir vielleicht aus der Patsche helfen? Ich habe mir soeben für meine Einkäufe 200 000 Euro von der venezianischen Mafia ausgeliehen, die mich jetzt, weil ich nichts zurückzahlen kann, um einen Kopf kürzer machen möchte! Vergiss es. Die Mafia würde dann sofort blutigste Rache an uns nehmen. Nein, Georg, das können wir nicht


12 Der todkranke Severin Ascher jedoch saß noch immer in seinem Schaukelstuhl und schlief; er hatte von dem Gespräch der Brüder, in dem auch seine Vergangenheit aufgerollt worden war, nichts mitbekommen, was auch besser so gewesen war, denn bei einem Todkranken konnten ohnehin keine Schuldzuweisungen mehr vorgenommen oder Vorwürfe erhoben werden; Walter Ascher stand, bleich im Gesicht, neben seinem Vater und starrte ihn an; Georg saß zwar noch auf dem Boden, hatte sich aber bereits wieder

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große Geldsummen geben ließ und nichts mehr davon zurückgab. Danach ging alles sehr schnell und wir zogen hierher, in diese kleine ­Wohnung. Den genauen Grund kannte ich damals noch nicht, und Vater sagte nur, er wolle lediglich ein wenig Abstand von seiner Vergangenheit gewinnen. Ich dachte, es wäre wieder alles in Ordnung und Liliane hätte das Geld in den Kauf dieser Wohnung investiert. Doch so war es nicht, und das Geldausleihen dieses Teufelsweibes ging immer weiter. Irgendwann einmal wusste ich nicht mehr, wo Vater das ganze Geld herbekam, das er ihr dann so freizügig gab. Und eines Tages kamen dann die ersten Mafiaboten in unsere Wohnung, um uns dezent auf Vaters hohe Schulden hinzuweisen. Da ist auch noch diese verzwickte Geschichte mit dem privaten Geldverleiher. Und kurz vorher war Liliane plötzlich verschwunden, von Vater vorher noch mit reichlich Geld ausgestattet. Sie hatte genau gewusst, was da auf uns zukam. Ein Teufelskreis, wie du siehst. Vielleicht hatte sie, von allem Anfang an, sogar mit den Mafiosi zusammengearbeitet, alles möglich …“, antwortete Walter ausführlich auf Georgs Frage und holte anschließend tief Luft. Georg sprach indessen kein Wort; er öffnete zwar ein paar Mal den Mund, als wolle er etwas sagen, aber letztendlich kam kein einziger Ton über seine Lippen; er schüttelte nur immer wieder ungläubig und erstaunt seinen Kopf. Er stand plötzlich auf, setzte sich auf den Boden und begann zu weinen. Er fuhr sich durch die Haare, wischte sich die Tränen von den Wangen, ohrfeigte sich selbst, schüttelte wieder den Kopf, durch den nun viele Gedanken und Erinnerungen kreisten, er wusste nicht einmal, wie spät es war, ja, dieser Besuch hatte ihn mitgenommen, weit weit mehr, als er geglaubt hatte, denn am Morgen, bei seiner Ankunft, war seine Welt noch heil gewesen, den Anblick seines todkranken Vaters hatte er relativ gut verkraftet und auch mit etwas Ähnlichem gerechnet, aber diese Mafia-Geschichte war doch etwas ganz anderes, etwas äußerst Gefährliches, und er wusste im Augenblick nicht, ob nach rechts oder nach links oder sonst wohin, er versuchte sich zu fassen und auf irgendetwas zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht, denn seine Gedanken kreisten noch immer, kreisten unaufhaltsam, kreisten gegen seinen Willen, mit schrecklichen Bildern durch seinen schweren und schmerzenden Kopf.

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tun. Die Polizei ist keine Option für uns. Außerdem haben wir noch ein weiteres Problem, von dem du noch gar nichts weißt. Ich habe nämlich, um die vorherigen Schulden an die Mafia zurückzuzahlen, Geld von einem privaten Geldverleiher aufgenommen. Hätte ich nicht so gehandelt, ich wäre schon längst tot! Doch wir haben auch diese Schulden bis heute noch nicht zurückgezahlt, und sie haben jetzt Tonio Mangelio, einen brutalen Schläger, angeheuert, um uns eine Lektion zu erteilen!“ Georg war während Walters Worten still sitzen geblieben und hatte sich nicht gerührt, bis auf den Moment, in dem ihm plötzlich die Kinnlade runterklappte; und auch jetzt sprach er noch kein Wort, sondern starrte nur das rot gewordene Gesicht seines Bruders an, auf dem sich Angst, Erstaunen und Aufregung gegenseitig abwechselten. „Für unseren Vater ist diese unangenehme Sache wohl gelaufen!“, sagte Georg nachdenklich und leise, und blickte wieder zu dem noch immer fest schlafenden todkranken Severin Ascher hinüber. „Aber … Aber du steckst da ordentlich mit drinnen, Walter. Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, wäre ich gar nicht nach Venedig gekommen. Eigentlich hat mich ja meine Frau dazu über­ redet, meinen kranken Vater zu besuchen. Ich stand der Reise, nach dem, was er unserer Familie angetan hatte, ohnehin sehr skeptisch gegenüber und war mir nicht sicher, ob das nicht nur irgendein Trick von ihm war. Dann hatte ich doch Mitleid mit ihm. Das war alles. Er war und ist schließlich mein Vater. Und jetzt sag mir, Walter, wie ist es denn gekommen, dass Vater in diese scheinbar ausweglose MafiaSchuldenfalle hinein geschlittert ist?“ „Zuerst fing alles ganz schön an. Wir lebten zu dritt, also Vater, Liliane und ich, glücklich in einer großen Wohnung. Doch nach einiger Zeit merkte ich, wie Liliane sich ständig von Vater


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gefasst und zu weinen aufgehört; er konnte nun wieder klar denken, diese verfahrene und gefährliche Situation einigermaßen überblicken und wusste, dass es für ihn das Beste war, diese Wohnung möglichst schnell zu verlassen, um in diese höchst gefährliche Geschichte, als ein völlig Unbeteiligter, nicht vielleicht auch noch, und zwar mit unabsehbaren Folgen, hineingezogen zu werden. Ja, er wollte einfach nur noch weg, schnellstens weg aus dieser Wohnung, weg aus Venedig! Er fühlte sich nicht mehr sicher, nur noch hilflos, da war eine Angst, die er vorher noch niemals so gespürt hatte; es war ein Gefühl, das er nicht abschütteln konnte, es klammerte sich an ihm fest und quälte ihn; ohne ein Wort zu sagen, sprang er plötzlich auf, packte seinen Mantel und rannte, von dieser Angst getrieben, ohne einen Blick auf seinen Vater und seinen Bruder zurückzuwerfen, aus der Wohnung; aber plötzlich kam ihm der Gedanke, dass sich vielleicht einer dieser Mafiosi irgendwo im Stiegenhaus verborgen halten könnte, und erstarrte draußen vor der Wohnungstür. Dort blieb er einige Augenblicke lang stehen; plötzlich jedoch hörte er Schritte, die hinter der Tür immer lauter wurden, und jeder von ihnen hallte, wie das Hereinstürzen eines unabwendbaren Schicksals, in seinen Ohren wider. Georg stand vorerst noch bewegungslos im Stiegenhaus; doch als er ein wenig später gerade die Treppen hinunterlaufen wollte, öffnete sich die Wohnungstür hinter ihm und die Stimme seines Bruders war zu hören: „Georg? Georg! Alles in Ordnung? Wo willst du hin?“, worauf sich Georg Walter zuwandte und in dessen bleiches Gesicht sah, in das die Sorgen und die Angst tiefe Falten hinein geschlagen hatten. „Ja, ja, es geht schon. Ich wollte … Ich wollte nur ein wenig Frischluft schnappen. Außerdem muss ich noch … mei-

ne Frau anrufen und … mit ihr reden … etwas besprechen … Sorg dich bitte nicht zu sehr …!“, entgegnete Georg ihm und sie verabschiedeten sich schnell voneinander, mit einem flüchtigen Händedruck; doch nachdem Georg das Haus verlassen hatte, konnte er sich an kein einziges Wort mehr erinnern, das er mit Walter gewechselt hatte und starrte nur gedankenlos hinein in den dicken undurchdringlichen Nebel der Calle di Madonna. Plötzlich jedoch wurde sich Georg wieder seiner Angst bewusst, die er im Stiegenhaus völlig verdrängt gehabt hatte; er wusste genau, dass es für ihn am besten war, so schnell wie nur irgendwie möglich, in sein Hotel zurückzukehren und Venedig zu verlassen. Mit ängstlichen und nervösen Blicken suchte er auf seinem Weg immer wieder dunkle Seitengassen nach verdächtigen Gestalten ab, kam schließlich zu seinem Hotel, eilte zu seinem Zimmer hinauf, packte seine Sachen schnell zusammen und nahm sich vor, sofort zum Bahnhof zu fahren und den frühesten Zug in Richtung Wien zu nehmen, seine Frau anzurufen, um aus dieser höchst unwirklichen und beängstigenden Geschichte rasch zu entkommen. In seinen Gedanken blickte er noch einmal auf seinen todkranken Vater zurück und wusste, dass es das letzte Mal gewesen war, dass er ihm in die Augen geblickt hatte. Immer wieder schossen ihm auch die Erlebnisse und Gespräche in der Wohnung seines Vaters durch den Kopf, und auch dieser riesengroße Mann im schwarzen Ledermantel – Giovanni! Nachdem Georg seine Sachen gepackt hatte, öffnete er ein Fenster und hielt seinen erhitzten schmerzenden Kopf kurz hinaus in die kühle feuchte Luft, danach griff er nach seinem Handy und suchte nach der Nummer seiner Frau.

13 Georg stand vor dem offenen Fenster, blickte hinaus auf das ­nebelige Venedig, spürte die feuchte Luft auf seiner Gesichtshaut und hörte ungeduldig das Telefon mehrere Male läuten, bis seine Frau endlich abhob: „Hallo Georg, was ist los? Geht es dir gut? Fass dich bitte kurz, denn ich muss in zehn Minuten bereits wieder unterrichten!“ „Hallo, Liebling, ich komme höchstwahrscheinlich heute Nacht oder morgen früh bereits wieder nach Haus. Mein Vater hat hier in Venedig hohe Schulden angehäuft und große Mengen Geldes von der Mafia geliehen, um dieser unseligen Liliane zu ermöglich, dieses mit vollen Händen wieder aus dem Fenster zu werfen. Danach ist sie abgehauen und hat ihn mit dem riesigen Schuldenberg allein gelassen. Außerdem war auch Walter anwesend, der diese Kredite jetzt zurückzahlen soll, da mein Vater schon an der Hölle anklopft, in die er auch gehört. Ich möchte in diesen Teufelskreis nicht hineingezogen werden, also mache ich mich sofort aus dem Staub und komme umgehend nach Wien zurück. Genaueres sage ich dir später“, fasste Georg in etwa drei Minuten Gespräch zusammen, nahm sich einen Sessel, um sich kurz ans offene Fenster zu setzen.


14 Nachdem Georg in seinem Einzelabteil Platz genommen und die Tür geschlossen, den Vorhang jedoch noch nicht zugezogen hatte, rief er sofort seine Frau an, die nach mehrmaligem Läuten endlich abhob: „Hallo Georg, wo bist du im Augenblick? Aber fass dich bitte ganz kurz!“ „Ich bin noch in Venedig, werde aber in den nächsten fünf bis zehn Minuten abfahren. Ich bin so froh, dass ich mit heiler Haut aus dieser schrecklichen Angelegenheit herausgekommen bin. Laut Fahrplan sollte der Zug um zwei Uhr morgens in Wien ankommen. Kannst du mich abholen oder soll ich besser ein Taxi rufen, falls es dir schon zu spät sein sollte?“, antwortete Georg mit erleichterter Stimme. „Ich werde dich abholen. Das macht ja nichts. Bis dann und pass auf dich auf!“, meinte seine Frau. „Ja, bis dann!“, sagte Georg, bevor er auflegte und für einen ­Moment aus dem Abteilfenster starrte, wo außer einer schmutzigen Betonwand nichts zu sehen war. War es richtig, meinen tod-

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gen Laut von sich gab, redete die junge Frau ihn höflich und etwas belustigt an: „Wenn Sie jetzt auschecken, mein Herr, bezahlen Sie aber trotzdem alle drei Nächte. Gebucht ist nämlich gebucht, verstehen Sie?“ „Ich muss wegen einer äußerst dringenden familiären Angelegenheit leider sofort abreisen!“, murmelte Georg, bezahlte, bekam seinen Reisepass zurück, schritt hinaus und tauchte augenblicklich in eine melancholische Leere ein. Er hielt dann kurz inne, sah auf das kleine Hotel zurück, das Stockwerk für Stockwerk immer weiter im Nebel versank, wandte sich dann mit einem schmerzenden Kopfschütteln ab und drängte sich durch eine plötzlich aus dem Nebel auftauchende große Menge japanischer Touristen, die in die Calle di Madonna hereingekommen war. Auf seinem gesamten Weg zum Bahnhof, auch im Vaporetto, sah sich Georg Ascher immer wieder ängstlich um, ob er nicht von irgendwelchen zwielichtigen Gestalten verfolgt wurde. Das war Gott sei Dank nicht der Fall. Kurz vor sechzehn Uhr, es hatte bereits rasch zu dämmern begonnen, betrat er endlich die Halle des Bahnhofs Santa Lucia und fühlte sich dort einigermaßen sicher. Er sah auf dem Fahrplan, dass der nächste Zug nach Wien bereits um siebzehn Uhr abfuhr und gegen zwei Uhr früh in Wien ankommen würde. Sofort besorgte er sich eine Fahrkarte und beschloss, um sich die Wartezeit zu verkürzen, im Bahnhofscafé noch einen Kaffee zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Die junge Frau von heute morgen, mit den strahlenden, freundlichen, blauen Augen, saß jedoch hinter keinem der Schalter mehr.

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„O mein Gott, Georg! Ich hatte nicht annähernd damit gerechnet, dass es so schlimm werden würde. Aber gut, packe deine Sachen und komm so schnell wie möglich nach Hause! Ich warte auf deinen Anruf!“ „Ich werde mich jetzt noch ein paar Minuten ausrasten. Meine Beine sind von dieser seelischen Last schwer geworden. Sobald ich mich etwas erholt habe, werde ich gleich aus­ checken.“ Die beiden wechselten noch schnell ein paar Worte, bis Andrea Ascher auflegen musste; dann starrte Georg wieder in den dicken Nebel hinaus, der unbeweglich über der Stadt lag, doch es war nichts zu sehen, außer einigen wenigen Dächern rund um das Hotel, nicht einmal eine Taube; dann stand Georg Ascher auf, schloss das Fenster, legte sich einige Minuten auf das Bett, was er aber bald wieder aufgab, um sich vor seiner Abreise noch unter eine warme Dusche zu stellen. Nach dem Duschen nahm er seinen Koffer und seinen Reiserucksack und verließ das Hotelzimmer; bevor er die Stiegen ins Erdgeschoß hinunterging, sah er sich auf dem schmalen halbdunklen Gang aufmerksam um, denn die Angst, dass die Mafia auch ihn verfolgen könnte, der mit dem Ganzen nicht das Geringste zu tun hatte, würde erst verschwinden, wenn er im Zug saß, dessen war sich Georg ganz sicher. Im Erdgeschoß angekommen, schritt er in Windeseile zur Rezeption, um bei der anscheinend immer von kalter gereizter Laune beherrschten Empfangsdame auszuchecken, als ihm plötzlich der Gedanke an ihre giftgrünen Augen durch den Kopf schoss und er, direkt vor dem Rezeptions-Fenster, erstarrte, um kurz darauf zu bemerken, dass ihn die junge Frau dahinter nicht kalt und gereizt, sondern berechnend und vollkommen gelassen beobachtete. Nach einigen Augenblicken, in denen Georg nur da stand und keinen einzi-


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kranken Vater und meinen Bruder einfach so allein zurückzulassen?, dachte Georg … Diese Suppe ­müssen die beiden selber auslöffeln … Andererseits hatte mich Vater in diese Angelegenheit mit der Mafia nicht eingeweiht, als er mich bat, zu ihm zu kommen. Und selbst als ich ihn darauf ansprach, hat er kaum etwas verraten, nur Walter hat mir ihre höchst prekäre Situation einigermaßen geschildert … Was ist, wenn ihm durch die Mafia etwas Schlimmes zustößt? … Werde ich meinen Bruder jemals lebend wiedersehen?... Und wenn mir in der Früh jemand gesagt hätte, dass ich heute Nachmittag bereits wieder nach Wien zurückfahren würde, so hätte ich ihm gesagt, er wäre verrückt … Ja, werde ich Walter jemals lebend wiedersehen …? Er schluckte bei diesem Gedanken, als er durch das Fenster seines Abteils plötzlich für einige Sekunden unklar

die vorbeihuschende Silhouette eines groß gewachsenen Mannes in dunklem Mantel ausmachen konnte, die im nächsten Augenblick jedoch schon wieder verschwunden war, worauf Georg sich sofort erhob, die Abteiltür mit unruhiger Hand öffnete und ängstlich nach draußen blickte – aber in dem schmalen halbdunklen Gang war keine Menschenseele zu sehen; Georg trat daraufhin mit lang­ samen schweren Schritten wieder in sein Abteil zurück, schloss die Tür, zog den Vorhang zu, setzte sich hin und rieb sich seine heiße schmerzende Stirn. Wenige Minuten später setzte sich der Zug in Bewegung. Draußen war es nun schon vollkommen dunkel geworden. Dann, kurz nach dem Verlassen des nebeligen Venedig, griff Georg Ascher nach dem Buch mit den Erzählungen von E. A. Poe und begann die erste Geschichte zu lesen, deren Titel lautete „Der Untergang des Hauses Usher“: During the whole of dull, dark, and soundless day in the autumn of the year, when the clouds hung oppressively low in the heavens, I had …

Gemeinschaftsarbeit der Schreibakademie Horn, von September 2014 bis Mai 2015, unter Mitarbeit von: Fabian Stummer, Elliott Chan, Angelika Freitag, Crystal Tiki, Laurin Sterkl und Rudolf A ­ ubrunner


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MĂ–DLING Klasse Lena Wiesbauer & Markus Tobischek

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TEILNEHMENDE Elodie Arpa Lara Drakos Bianca Fellner Aleksa Lazovic Sophia Panek Robin Max Reisenauer Claudia Zenz


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SCHREIBAKADEMIE MÖDLING „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ So schreibt Hermann Hesse in seinem ­Gedicht „Stufen“. Wir sind der Meinung: auch in Kreativität wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Ein Zauber, der uns und manchmal auch anderen offenbart, was in uns schlummert und wach werden will, was in uns steckt und gezeigt werden will.

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In der Schreibakademie Mödling wird Kreativität mitsamt ihrem anfänglichen Zauber wortwörtlich zu Papier gebracht, wird in Sätze und Absätze gegossen, wird der Welt buchstäblich schriftlich gegeben. Und junge Menschen bringen dabei etwas zum Ausdruck, das uns manchmal zum Schmunzeln, manchmal zum Nachdenken, manchmal zum Lachen und immer, immer, immer zum Staunen bringt, denn es ist in unseren Augen und Ohren unbeschreiblich, welche Ausdruckskraft in jungen Menschen steckt. Wir genießen es sehr, die Jugendlichen bei ihrer schreibungsvollen Reise zu begleiten und wünschen Ihnen jetzt einfach viel Genuss bei den Texten, die hier nun von der Schreibakademie Mödling folgen.

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MARKUS TOBISCHEK

Lebensläufiges und Lebensbeiläufiges

Geboren 1970 in Wiener Neustadt. Seit 2005 Lehrer für Deutsch und Geschichte am BG/BRG Mödling-Keimgasse, mehrere Jahre Koor­ dinator für Begabtenförderung (ECHA-Diplom, zurzeit Master­ studium Gifted Education & Coaching), Schüler- und Bildungs­ berater. Zuvor mehrere Jahre Tätigkeit in einer Werbeagentur (ghost.company) im Bereich Kontakt, Text, Konzeption, zuletzt ­Creative Director. Erfahrungen, auch im Ausland, gesammelt als Tennislehrer, (Chef-)Animateur, Hortner, Nachtportier, Kellner, Verkäufer ... und: Dozent der Schreibakademie Mödling!

Lena Wiesbauer wurde am 22. Mai 1984 in Wien geboren. Ihre offiziellen Ausbildungswege führten sie an Stationen wie Au-pair in den USA, Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Schauspieldiplom, Diplom als Sprecherin und ­Moderatorin, Yogalehrerin für Kinder und Jugendliche sowie Ausbildung zur Fachtrainerin und NUAD-Praktikerin. Ihre inoffiziellen Ausbildungswege ­waren und sind die wichtigen Menschen um sie herum, unvergessliche Kinder- und Erwachsenenbücher, kostbare Gespräche, eine unersättliche Neugier, viel Zeit mit Notizbüchern und (un)beschreiblichen Momenten, berührende Filme, die Möglichkeiten der Sprache(n), viele Reisen und Fragen, die Kinder, Erwachsene oder das Leben stellen. All diese „Ausbildungs-Zutaten“ kombiniert Lena Wiesbauer und ist als ­Redakteurin, Autorin, Moderatorin, Schauspielerin, Sprecherin, Workshop-Leiterin für Kinder und Erwachsene und nun auch als Referentin der Schreibakademie Mödling tätig.

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LENA WIESBAUER

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Wer ich bin?

Elodie Arpa

ELODIE ARPA

Die Frage habe ich noch nie gestellt bekommen. Tut mir leid, ich habe darauf keine fertige Antwort. Das könnte etwas länger werden, als du es beim Stellen der Frage beabsichtigt hast. Ich muss die Antwort darauf erst finden. Wenn es dich eigentlich nicht interessiert, kannst du gerne weiterblättern, aber wenn du mit mir gemeinsam die Antwort finden willst, dann bleib da. Der Weg dorthin ist ein kurviger, unebener Weg. Jeder Schritt, den du gehst, steht für einen weiteren Lebensabschnitt, in dem ich etwas dazugewonnen habe, das mir geholfen hat, vorwärts zu kommen, und etwas verloren habe, das mich daran gehindert hat. Manchmal war es auch umgekehrt. Siehst du den großen Stein da vorne? Den habe ich hinter mir gelassen, bin einfach weitergegangen. Als ich an ihm vorbeiging, sah ich noch einmal zu-

rück, doch ich blieb nicht stehen. Als ich ein zweites Mal zurücksah, war er verschwunden. Jetzt ist er wieder da. Hast du jemals eine solch schöne Blumenwiese gesehen? Ich nahm mir eine Blume mit. Nicht die rote Rose, die mir zuflüsterte, und auch nicht die prächtige Lilie, die sich selbst zu schätzen wusste. Ich griff daneben, nahm eine kleine weiße Blume, die nicht zu verwelken schien. Sie gab mir Kraft mit auf den Weg, ein bisschen Hoffnung, etwas Mut. Bei jeder Weggabelung musste ich Entscheidungen treffen und bei jeder Entscheidung ließ ich etwas hinter mir und nahm etwas Neues mit. Es gab Teile des Weges, da fühlte ich mich unter den Baumkronen geborgen, als ob ich mit den zwitschernden Vögeln eine gemeinsame Melodie singen würde, als ob sie mich verstehen würden und ich sie auch. Es gab aber auch Teile des Weges, die so holprig waren, dass ich hinfiel und die Wunden nur langsam verheilen konnten, weil ich sie immer wieder aufriss. Auf dem Weg findest du Momente, in denen ich alleine glücklich war, und Momente, die durch andere zu meinen glücklichsten Momenten wurden. Erkennst du das Flimmern über deinem Kopf? Das sind meine Gedanken, die ich in den Momenten hatte. Manche Gedanken flimmern so stark, um erzählt zu werden, andere wollen für sich


Und dann war ich einfach ganz spontan und habe „Ja“ gesagt. Ich sah, wie er sich wieder von seiner knienden Position, die er eingenommen hatte, erhob und mir ein kleines Lächeln schenkte, bei dem er aber nur den Mund verzog und die Augen nicht mitlächeln ließ. Die Augen drückten Überraschung aus, vielleicht auch etwas Zufriedenheit, aber kein Glück. Die umliegenden Gäste des Hotels, die meine Antwort mitbekommen hatten, sprangen erfreut auf, klatschten aufgeregt und drängten sich etwas nach vorne, um besser meine Freudentränen sehen zu können. Glückwünsche wurden mit breitem Lächeln ausgesprochen und Taschentücher hektisch aus den teuren Markentaschen gezogen. Das Problem an dem Ganzen war nur, dass es keine Freudentränen gab. Ich weinte nicht und sah wohl auch nicht allzu glücklich aus. Überrascht vielleicht und etwas zufrieden, aber nicht glücklich. Spontanität war nicht wirklich meine Stärke, merkte ich, als ich versuchte, spontan glücklich zu wirken, die Menschen um mich herum mich aber trotzdem verwirrt ansahen. Er setzte sich wieder zurück auf seinen Sessel. Hastig fragte ein Kellner, ob wir doch noch etwas haben wollten. Er verneinte, ich verneinte. Es waren nur einige Tage später, als ich ihn wiedersah. Er schenkte mir ein Lächeln, als er mich erblickte, ein Lächeln ohne lächelnde Augen. Die Frauen in der ersten Reihe begannen sich leise in ihre weißen Taschentücher zu schnäuzen. Ich hielt die Luft an, als ich versuchte, langsam zu ihm zu schreiten, ohne über mein viel zu langes, viel zu weißes Kleid zu fallen. Er hatte alles sehr schnell organisiert, seit dem Abend, an dem ich Ja gesagt hatte. Vielleicht wollte er verhindern, dass ich meine Meinung noch ändere. Als ich bei ihm ankam, hielten die Menschen die Luft an. Auch ich hielt die Luft an, obwohl ich es aus einem anderen Grund tat. Mein Kleid war zu eng. Viel zu eng. Ich hörte eine Stimme. Die Stimme fragte etwas. Er antwortete. Die Menge begann leise zu klatschen. Dann wendete sich die Stimme mir zu. Es war leise, als die Menge auf meine Antwort wartete. Und dann war ich einfach ganz spontan und habe „Nein“ gesagt.

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Weißt du jetzt die Antwort? Weißt du jetzt, wer ich bin? Ja? Nein? Du glaubst nicht daran, dass dir diese Zeilen die Antwort nähergebracht haben. Das ist verständlich. Das ist das Schöne daran, Geschichten zu schreiben: Die Antwort auf die Frage kann ich nicht vorgeben. Jeder findet sie auf seine Art. Für die einen lohnt es sich, sie nicht zu suchen, die anderen finden sie nicht, obwohl sie sie suchen, und wieder andere sehen die Antwort sofort. Wenn es dich eigentlich nicht interessiert, kannst du gerne weiterblättern, aber wenn du die Antwort finden willst, dann bleib da. Du wirst feststellen, dass du immer wenn du eine meiner Geschichten liest, eine neue Schicht voller Gedanken frei­ gräbst, die dir wieder neue Geschichten erzählen werden. Über mich, über die Welt und manchmal auch einfach über nichts. Aber ich verspreche dir: Schlussendlich weißt du mehr über meine Texte als ich.

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Elodie Arpa

bleiben und wieder andere wünschen sich nichts sehnlicher, als Teil einer Geschichte zu werden. Einigen von ihnen habe ich hiermit ihren Wunsch erfüllt, andere müssen noch darauf warten, für eine nächste Geschichte ausgewählt zu werden. Sie wissen, dass sie nicht alle gleichzeitig drankommen können, auch wenn sie es eigentlich wollen würden. Sie haben gelernt zu warten.


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Nach der Ortstafel war er wach. Da war er immer wach. Den Kopf erhoben, seine abgemagerten Finger, die auf das Schild zeigten, und die Augen weit aufgerissen. Er starrte es an. „Ey, man zeigt nicht mit dem Finger auf Dinge“, und der kleine Ey ließ die Hand wieder sinken. Es war eine seltsame Anreihung von Buchstaben, die auf dem alten Straßenschild stand. Verblasst und schon fast unleserlich, doch der kleine Ey ließ sich trotzdem nicht davon abbringen, es anzustarren. Göe. So hieß die Stadt, in der der kleine Ey lebte. Der einzigartige Name war vor vielen, vielen Jahren entstanden, in einer Zeit, in der der kleine Ey noch nicht lebte und sogar der Ururururururgroßvater vom kleinen Ey, der große Ey, auch noch nicht lebte. Durch viele Traditionen wurde der Stadtname zu einer ganz besonderen Buchstabenreihung geformt und auch noch heute sind die Bewohner der Stadt, die auch alle Ey heißen, unglaublich stolz auf den wunderbar einfallsreichen Namen Göe. Ganz besonders toll an ihm war nämlich die Tatsache, dass man ihn ebenfalls verkehrt herum lesen konnte. Das war etwas ganz Seltenes. Eög, ja Eög, hieß es dann. Die Stadtbewohner samt dem kleinem Ey waren vollkommen zufrieden mit allem, wenn es nur nicht … … die furchtbare Krankheit gäbe. Sie breitete sich aus, kam und ging nicht mehr. Sie versteckte sich hinterm Schrank, unterm Bett – und sie blieb. Infizierte Stadtbewohner stellten ihr Sprachvermögen ein, begannen sich auf allen vieren fortzubewegen und weigerten sich, jegliche menschliche Nahrung zu sich zu nehmen, und begannen stattdessen als Rasenmäher auf sämtlichen Wiesen zu dienen.

Es war eine Krankheit wie keine andere. Es war Knuus. Knuus war schnell, anhänglich und hartnäckig. Drei gefährliche Eigenschaften auf einem Fleck und auch Knuus kam damit gar nicht zurecht. Nach einiger Zeit war auch der kleine Ey ein Knuus, genauso wie alle anderen Stadtbewohner auch. Und alle Knuus waren sich einig. Geö war nicht der Name, den sie für ihre Stadt wollten, und so entstand ein neuer einzigartiger Name. Eög. Und das ganz besonders Tolle an dem Namen war, dass man ihn auch verkehrt lesen konnte. Das war etwas ganz Seltenes. Geö, ja Geö hieß es dann.

Ohne Titel Dolan war kein schöner Name. Es war ein langweiliger, unbedeutender Name. Ein Name, den man oft hörte und mit dem man doch nichts verbinden konnte. Dolan war ein Name, der häufig verwendet wurde. Einfallslos, unkreativ. Dolan war ein Name, der beliebt und unbeliebt zugleich war. Ein einfacher Name. Nichts Besonderes. Gewöhnlich. Der kleine Dolan war unglücklich. Unglücklich saß er auf der Wiese und weinte. Er weinte nicht aus Langweile und auch nicht ohne Grund. Es hatte einen wichtigen Grund, dass er weinte. Der kleine Dolan wollte damit eine wichtige Botschaft ausdrücken: Er wollte etwas. Und wenn er etwas wollte, dann musste er es auch bekommen. Denn wenn er etwas wollte, hatte es einen Grund und der war wichtig. Und auf Wichtiges darf nicht lange gewartet werden. ­Deshalb brauchte er es JETZT! SOFORT! Der kleine Dolan wollte einen neuen Namen. Das war wichtig. Er brauchte ihn JETZT. Nicht morgen. Nicht übermorgen. Am besten gestern. Der kleine Dolan war unglücklich. Nun wusste er etwas Wichtiges. Der große Max hatte es ihm gesagt. Er hat dem kleinen Dolan gesagt, dass er einen gewöhnlichen Namen hatte. Gewöhnlich sei er. Der große Max hatte es ihm gesagt und der Markus und sogar der Hans hatten dabei genickt. Der große Max hatte Recht. Der kleine Dolan brauchte einen neuen Namen, JETZT, SOFORT. Der große Max hat gesagt, dass er dann dazugehören würde. Dann. Wenn er einen richtigen Namen hätte. Peter zum Beispiel. Peter wäre gut. Der kleine Dolan war unglücklich. Der große Max hatte Recht. Dolan war kein schöner Name.


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Vorstellung

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Sich vorzustellen ist lächerlich. Es entspricht nicht der Wahrheit. Natürlich kann ich beschreiben, was ich gerne mache, was ich plane zu machen, was ich schon gemacht habe. Aber interessiert es jemanden? Ist es wirklich Interesse oder nur geheuchelte Höflich­keit? Wollen die Leute wirklich wissen, wer hinter diesem Namen steckt? Können sie den Menschen, der dafür steht, überhaupt innerhalb dieser paar Zeilen begreifen? Kann man das ­jemals? Es sind die gleichen Dinge, unterschiedlichen Personen erzählt. Anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen, beginnt man eher zaghaft. Das Gegenüber muss ja nicht sofort alles wissen und will es im Grunde auch nicht. Langsam tastet man sich vorwärts. Persön­liches ist tabu, wir alle hier sind Fremde. Man ist auf der Hut, erste Eindrücke zählen, sind nicht rückgängig zu machen. Über allem prangt Lüge. Ich erzähle Dinge, ich schmücke sie aus, ich verschweige die Details, zumindest die schmutzigen. Alle denken sie einen zu kennen, dabei müssen sie doch wissen, dass auch sie nicht ehrlich sind, wenn sie sich vorstellen. Man glaubt es nur. Und auch ich glaube es. Es ist schön daran zu glauben und ich halte daran fest, einen kurzen Einblick in mich selbst gewährt zu haben. Aber würde ich mich selber nicht eigentlich ganz anders beschreiben? Würde ich mich nicht eigentlich ganz anders sehen? Sehe ich mich nicht eigentlich ganz anders?

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Sie wagten es

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Sie wagen es, sie wagen es. Die Schritte werden kleiner, die Hände feuchter, der Mund ist trocken. Sie wagen es. Leise öffnet sich ein Tor, hoch, mit Spitzen. Kein Quietschen, keine Vögel fliegen zum Himmel, keine Luft trägt deren Schreie mit. Ihre Kleidung haben sie abgegeben. Alle tragen sie dasselbe. Eintönig, fast farblos. Sie wagen es. Jemand dreht sich um, verrenkt den Hals, blickt nach hinten, will zurück. Eine laute Stimme brüllt los, der Kopf ruckt zurück, die Schultern werden hochgezogen. Schwere, schwarze Stiefel stampfen auf. Ordnung ist wiederhergestellt. Die Informationstafeln haben sie hinter sich gelassen, jetzt ist rauer Backstein das Einzige, was sie sehen. Hintereinander überqueren sie eine Wiese, es ist Frühling, alles blüht, sie haben nichts von der Schönheit. Rechts, links, vorne, hinten, Grenzen. Riesige Mauern, man kann nicht darüber sehen, oben glitzert der Stacheldrahtzaun in der Sonne. Ein schmaler, ausgetretener Pfad schlängelt sich zum nächsten Gebäude. Auch das ist verschlossen. Ein Schlüsselbund klirrt, dann werden sie eingelassen und in ihre Baracken, ihre Zellen gebracht. Kahl ist es hier. Kein Bild, keine Uhr, keine Farbe schmückt die Wände. Hier ist der Frühling ausgesperrt, mit aller Macht vertrieben worden. Zu viert treten sie vor den Mann mit den schwarzen Stiefeln. Verächtlich lässt er den Blick über die Häftlinge schweifen und nickt schließlich bedächtig, bevor er ihnen Zellen zuweist. Seine Mundwinkel ziehen sich nach oben, zu wenig, als dass es wirklich ein Lächeln sein könnte, mehr eine Andeutung, als die Zellentüre zuknallt, der Riegel sich davorschiebt, einrastet, der Schlüssel im Schloss gedreht wird. Sie wagen es. Der Mann mit den

schwarzen Stiefeln wendet sich den nächsten zu. Es ist ein mühseliger Prozess. Eine Stunde teilt er, zitternde Knie, weit aufgerissene Augen und blutig gebissene Fingernägel ein. Als es vorbei ist, ist er erschöpft. Das leise Murmeln, das vereinzelt aus den Zellen gedrungen ist, hat aufgehört. Zufrieden knallt er seine Füße erneut auf den Boden, kann die Häftlinge fast vor sich sehen, wie sie vor Schreck hochfahren. Es ist Nachmittag, für einen Großteil ist es fast vorbei. Er freut sich auf die, die übrig bleiben werden. Sie werden Spaß haben, viel Spaß. Nun ist erstmal Pause, seine Arbeit ist getan, die Kollegen werden übernehmen. Als es dunkel wird, kehrt er zurück. Wie Hunde kratzen sie mittlerweile an ihren Türen, versuchen sich den Weg ins Freie zu scharren. Heute ist er gutmütig. Früher als sonst schließt er auf, stellt eine Frage, eigentlich ist es ein Bellen. Mehr als die Hälfte kriecht heraus, mit roten Augen und zerzausten Haaren. Alleine dieser Tag hat sie geschwächt, hat sie zerstört. Der Rest starrt stur geradeaus, wild entschlossen durchzuhalten. Abermals kräuseln sich seine Lippen, er wird sie alle brechen. Dieser Durchgang geht schneller. Sie fliegen fast in die geforderte Form, der Schritt ist schneller, dauernd wird das Tempo angezogen. Als sich das große Tor erneut öffnet, macht sich langsam Erleichterung breit. Sie alle sehen sich schon draußen. In einer Linie ziehen sie ab. Die Schwachen, die nicht durchgehalten haben. Die Schwachen, die aufgegeben haben, als es dunkel wurde. Sie wagten es, sie wagten es.

Dolan Manchmal saß er da und dachte. Dachte, wie es wäre, kein Mönch zu sein. Dachte, wie frei er wäre, wie schön es wäre. Natürlich, das Kloster war schön. Es lag auf einem kleinen Hügel, hatte große Gärten und Gemüsebeete, um die er sich mit Hingabe kümmerte. Samen säte, ihnen beim Wachsen zusah, die Beete harkte. Er hatte gedacht, das würde ihm reichen. Und dann dachte er, dass er dumm gewesen war anzunehmen, er könnte mit seiner Tätigkeit als Mönch glücklich werden. Aber so war die Familie Dolan. Sie dachte nie weiter und eigentlich war er ja auch glücklich gewesen, nein, er war noch immer glücklich. Wirklich. Ja, es machte ihn glücklich, die Vögel zwitschern zu hören, Karotten zu ernten und die Kirschen im Sommer zu pflücken. Jeden Tag freute er sich aufzustehen, wenn die Sonne noch nicht hervorgekommen war und ihm das ganze Kloster gehörte. Dort schritt er durch die langen Gänge, weckte die Heiligen auf ihren Bildern und grüßte sie. Es war schön, vor allen anderen wach zu sein. Oft bereitete er das Frühstück vor und nahm es vor allen anderen ein. Fleißig, das war er.


Vertagte Hochzeit

Jaja, er hatte sich bemüht. Vor dem Spiegel geübt, wie er den anderen begegnen konnte, mit den gleichen abschätzigen Blicken, mit denen sie ihn immer bedachten. Klug war er immer gewesen, da musste er sich keine Sorgen machen. Die guten Noten kamen von alleine. Aber mit guten Noten kam kein Charakter. Und ohne Charakter keine Frauen. Jaja, er wusste das. Das Kloster war sein rettender Ort gewesen. Nicht, weil er an Gott glaubte, war er hier hingekommen. Aber es war leicht so zu tun, als wäre es anders. Es war leicht, die anderen zu täuschen, die nichts Böses in ihm vermuteten. Hier kann ich glücklich werden, hatte er gedacht, als die Tore sich hinter ihm schlossen. Lange Zeit war es gut gegangen. Und jetzt? Jetzt war es anders.

„Warum heiratet ihr nicht mehr?“ Ein kleines Mädchen, ihre Nichte kommt. Sie hält den kleinen Blumenstrauß der Brautjungfern in der Hand. Farblich passt er perfekt zu ihrem Kleid, das wollte ihre Mutter unbedingt. „Das wird entzückend aussehen. Absolut entzückend“, hat sie die Worte noch im Ohr. Sie kann es nicht mehr hören. Die Nichte zupft an ihrem Hochzeitskleid und hinterlässt ein paar braune Fingerabdrücke, Trostschokolade, Zeitfüller, der Kindermund gestopft. Sie wünscht die Zeit herbei, als Schokolade ihren Kummer noch ausreichend betäubt hat, um ihn für eine Weile vergessen zu können. „Warum heiratet ihr nicht mehr?“, wiederholt das kleine Mädchen seine Frage. „Markus ist doch nett.“ Genervt dreht sie sich um, versucht es langsam zu machen, nicht zu wütend, zu zornig, sie kann ja nichts dafür. „Er heißt nicht Markus. Er heißt Martin“, verbessert sie. Zustimmend nickt die Nichte. „Aber Markus ist auch nett.“ Ein helles Lachen ertönt, sie schleckt ihre Finger ab. Kann es sein, dass dieses Mädchen Bescheid weiß? Schon lange erkannt hat, wovor sie ihre Augen verschlossen hat? Aber sie ist doch noch so klein … Eine Wolke verdeckt die Sonne, die Kapelle wird nicht mehr angestrahlt. Ohne Sonne verschwindet das Märchenhafte. Niemand kommt zu ihr heraus. Sie wissen wohl, dass sie allein sein möchte, oder trauen sich nicht, ihr unter die Augen zu treten. Nicht einmal Martin ist da. Woher willst du denn wissen, dass es Martin ist, flüstert eine kleine, gemeine Stimme in ihrem Kopf. Es könnte genauso gut Markus oder Paul sein. Es hatte Hinweise gegeben. Zarte, kaum zu sehen. Die vielen verschiedenen Möbel in seiner Wohnung. Kein Stück schien zum anderen zu passen. Sein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten CDs. Ein Lied, das er die erste Minute toll fand und gleich darauf umschaltete, weil er es nicht mehr ertragen konnte. Sie hatte sich oft darüber gewundert, doch anscheinend nicht genug, um Verdacht zu schöpfen. Jeder hat eben seine komischen Eigenheiten. Bei manchen waren sie eben ausgefallener. Das war der Preis,

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Glück gehabt. Was für ein dummer Ausdruck. Geld gehabt, wäre der richtige gewesen. Dass dieses Glück zwei Jahre nach der Hochzeit vom Dach gesprungen war, floss nie in ihre Unterhaltung mit ein, wurde unter den Tisch gekehrt.

Müde wirft sie einen Blick auf die Kapelle. Die Kapelle, die sie schon vor zwei Monaten ausgesucht hat, in der sie unbedingt heiraten wollte, wegen des wilden Efeus, der an der Häuserwand entlangwuchert und dem Ort etwas Verträumtes gibt. Verträumt sieht die Kapelle noch immer aus, doch langsam beginnt sich ihr Traum in einen Albtraum zu verwandeln. Drinnen herrscht große Aufregung. Die Leute laufen herum, sie können nichts verstehen, Bewegung soll helfen. Sie können sie nicht verstehen, warum sie nicht mehr wollte. Sie hätten gedacht, sie wüsste es, wusste, wofür sie sich entschied, dass ein Rückzieher nicht möglich ist oder auch sie selbst wissen es nicht. Dabei hatte sie gar nichts gewusst.

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Aber immer öfter erwischte er sich dabei, wie er nichts tat. Einfach aus dem Fenster starrte, keine Kraft fand, die eben begonnene Tätigkeit weiterzuführen. Erst, wenn ein Bruder seinen Weg kreuzte, riss er sich zusammen. Er, der Mönch. Er, der doch glücklich war. Das Gemüse begann ihn auszulachen. In der frischgeharkten Erde sah er hämische Fratzen, die in sein Ohr raunten. Raunten, was sein Vater schon vor langer Zeit gesagt hatte. „Mein Sohn. Du und ich, wir sind beide hässlich. Unsere einzige Chance ist es Charakter aufzubauen.“ Er hatte eine Pause gemacht, kurz geschluckt, vielleicht nachgedacht. „Sieh mich an! Es hat geholfen. Ich habe es geschafft und Glück gehabt.“


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wenn man heiraten wollte, damit musste man sich arrangieren.

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„Warum heiratet ihr nicht mehr?“ Hatten die anderen es auch nicht gewusst? War ihre Nichte die Einzige gewesen? Die Einzige bis heute? Heute hatten viele die Wahrheit erkannt, auch sie. Am schlimmsten war es für seine Mutter gewesen. Sie hatten sich gut verstanden. Nein, die Mutter hatte es wahrscheinlich auch gewusst. Kann das einer Mutter entgehen? Martin schien von dem Ganzen gar nicht so überrascht zu sein. Eher resigniert. Eine Erfahrung, schon einmal gemacht, vertraut. Keine schöne Vertrautheit, aber vertraut. Wäre es anders, wenn er von Anfang an ehrlich zu ihr gewesen wäre? Wäre es ihr möglich gewesen, sie alle zu akzeptieren? „Warum heiratet ihr nicht mehr?“ Sie geht ein paar Schritte. Entfernt sich von der hartnäckigen Nichte. Sie soll sie endlich in Ruhe lassen! „Andreas ist auch nett!“, schreit die Kleine ihr nach, die Stimme viel zu laut für die fünf Meter, die zwischen ihnen liegen. Ein Klingeln in ihrem Ohr beginnt. „Er hat immer mit mir gebastelt. Die Großen finden das immer blöd, aber er nicht.“ „Er heißt aber Martin. Er ist Martin. Der Mann da drinnen ist Martin“, antwortet sie trotzig, aber zu leise, als dass es jemand anderes außer sie selber hören kann und weiß gleichzeitig, dass sie sich belügt. Natürlich ist er Martin, aber eben nicht nur Martin. Für die Hochzeitgesellschaft wird sie die Böse sein. Sie kann die Vorwürfe förmlich spüren, die auf sie niederprasseln werden. Wie die Geier werden sie sich auf sie stürzen, sie zerhacken, sie zerfleischen. Das Klingeln wird lauter. Mittlerweile hat sie der Kapelle den Rücken zugedreht. War sie so unauf-

merksam, nichts bemerkt zu haben? Oder hat er es vor ihr versteckt? Kann man so etwas überhaupt verstecken? Sie weiß jetzt, dass man kann. Wenn man unbedingt normal sein will und es nicht ist, geht alles. „Warum heiratet ihr nicht mehr?“ Verdammte Nichte. Aber ja? Warum heiraten wir nicht mehr, denkt sie. Weil ich es nicht schaffe mit mehr als Martin zurechtzukommen. Weil es von Anfang an anders geplant war. Und weil wir wohl beide gewusst hatten, dass es für die Hochzeit nicht reichen würde.

Orange … Sonnenuntergang … Dunkelheit, Meer, Möwen, Abend Der Himmel blutet. Orange, rot und rosa jagt über den Himmel, treibt die ausgefransten Wolken vor sich her. Ich wende meinen Blick nach links. Dasselbe Spiel dort. Sturm wird aufkommen, der Salzgeruch erzählt es mir. Noch ist der Strand in vollkommener Harmonie, nur kleine Anzeichen sind zu erkennen. Unterschwellig brodelt das Meer, wird der Sand kühler, der Himmel schwärzer. Vorsichtig bohre ich meine Zehen in den Sand, vorbei an den kleinen Steinchen und Muschel­ splittern. Tief graben sie sich hinein, versinken im Sand, der sich nach Schlamm anfühlt und keiner ist, verankern sich dort. Das Rot wird übermächtiger, drängt Rosa und Orange ab und verliert sich in dunkleren Tönen. Am Steg schaukeln kleine Boote. Ihre Besitzer haben den Wetterbericht gehört und sind nicht zum Segeln gekommen. Gefahr schwebt über allem, aber kann etwas, das so schön ist, wirklich gefährlich sein? Die Wellen werden stärker, züngeln an den Steinen am Ende der Bucht hoch und brechen an deren Kanten. Ich könnte ewig zusehen. Ein Windstoß fährt in meine Kleidung, bläht sie zu einem Ballon und nimmt mir die Sicht. Ich stemme mich ihm entgegen, binde die Haare zu einem Zopf, fast ein bisschen wehmütig. Offen sind sie mir lieber. Ein paar hundert Meter entfernt hocken Möwen. Ihr Kreischen dringt bis zu mir. Weiße Mengen, helle Flecken in der Dunkelheit. Auch sie sind aufgeregter als sonst. Der Sturm beherrscht uns alle. Mittlerweile ist der Sand getrocknet. Unangenehm und körnig klebt er an meinen Füßen, windet sich meine Knöchel empor. Probe­ halber kratze ich ein bisschen daran herum. Etwas löst sich, rieselt zu Boden. Der Großteil versteckt sich noch immer unter meinen Fingernägeln. Ich laufe zum Meer, es hat an Land gewonnen, die Strecke ist nicht weit. Sofort wird der Sand heruntergespült. Hungrig nimmt das Wasser ihn zu sich, nimmt die verlorenen Söhne und Töchter auf


Auf der Treppe, die zum Strand führt, steht jemand. Es könnte jeder beliebige Mensch sein, aber mich findet niemand Beliebiges. Mich suchen sie. Ohne es zu merken, steht mir das Meer bis zur Taille. Mein Körper weiß, wo ich hinwill. Ich sollte ihm dankbar sein. Er ist zuverlässiger als sonst jemand. Vorfreude steigt hoch. Bald, ganz bald werde ich nicht mehr stehen können, bald, ganz bald werde ich verschwunden sein. Sie haben die untrüglichen Beweise entdeckt. Kreuz und quer durch den Sand ziehen sie sich. Es ist dunkel. Der Himmel blutet nicht mehr, er weint. Dunkelblau. Stumme Tränen, die er bei sich behält. Vorerst. Jetzt schickt er nur Sturm, der in meinen Ohren heult, damit ich ihre Rufe nicht höre. Sie sehen meine Spuren, aber sie kennen meinen Weg nicht, wissen nicht, wo ich hinwill. Ich lächle. Einen winzigen Augenblick lang bin ich in der Schwebe. Mein Kopf über der Ober­fläche, die Füße vom Grund losgelöst. Für eine kleine Ewigkeit. Dann schlägt das Wasser über mir zusammen. Am Strand ist niemand gewesen.

Gedanken sind Freunde und Wut im eigenen Kopf, der macht, was er will und sich nicht Danach richtet, was man glaubt machen zu können, machen zu dürfen und was nicht Auch Angst ist dabei, die versteckt sich im Nirgendwo und überall Kein Entkommen, sie weiß, wo du bist, sieht Ein Versteck, sieht dein Versteck, möchte Nicht, dass du ihr entkommst, will, dass du ihr gehörst. Vasen sind zerbrechlich, so wie dein Versteck Ehrlich und zerbrochen, zerbrochen die Stäbe deines Käfigs Raubtiere sind gekommen, zerreißen deine Gedanken, zerreißen dich Ständige Machtkontrolle, keine Freiheit Trotz, der an die Oberfläche will, nicht darf Es probiert und zurückgescheucht wird in ein Versteck, das jetzt ein Gefängnis ist Clowns sind lustig, das hier ist es nicht Kannst du standhalten?

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Fußspuren führen über den halben Strand. Meine Fußspuren. Wie für die Ewigkeit gemacht sehen sie aus, dabei sind sie kurz­lebig und nur für den Moment. Eine Welle und alles wird vernichtet sein. Zwei Schritte weiter, die Hosenbeine sind nass, schwerer als der Rest. Die Möwen fliegen auf, empörte Rufe hallen über den Himmel.

Akrostichon – Gedankenversteck

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und geleitet sie nach Hause. Eigentlich will ich umkehren. Ich weiß doch, dass das hier nicht gut für mich ist. Die anderen flüstern es mir ein, während sie mir Tabletten geben. Brav soll ich sein, soll mich anpassen. Die Pillen sorgen dafür, dass es mir leichter fällt. Das gehört so, wispern sie. Glaub uns! Wir wissen, was wichtig für dich ist, was richtig ist. Nichts wissen sie. Gar nichts.

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Über mich (das Mädchen mit den Gesichtern)

Bianca Fellner

BIANCA FELLNER

Sie standen neben mir. Neben mir, vor mir, hinter mir. Ich stand neben ihnen, vor ihnen, hinter ihnen. Ein wunderschönes, perfektes Muster, das nicht durchbrochen wurde, alles ausfüllte. Sie waren schön. Wunderschön. Der Saal war lang, endlos lang. Die Stühle, auf denen wir saßen, hart und abweisend. In sterilem Weiß. Das sterile Weiß war überall, selbst in der Luft, und ich spürte, wie es meine Lungen ausfüllte. Schwer und erdrückend. Der Sessel knarrte, als ich aufstand. Sie bewegten sich nicht. Sie nicht, nur ich. Das Muster wurde durchbrochen, die Stühle reihten sich an der linken Wand in einer Linie auf. Ich sah ihnen in die Gesichter, einem nach dem anderen. Ihre Anblicke brachten Erinnerungen,

schöne Erinnerungen, schreckliche Erinnerungen. Die Leinwand gegenüber flackerte. Der kleine Junge mit der Augenklappe und den dunklen Haaren hatte den Blick in die Ferne gerichtet, Strähnen fielen ihm in die Stirn, doch die Brise, die wehte, brachte sie nicht in Bewegung. Neben ihm saß das Mädchen in Weiß. Fast so weiß wie die Wand und der Boden und der Gang überhaupt. Sie sah aus wie eine Schachfigur, eine hübsche Schachfigur, aber genauso starr und unbeweglich. Dann kam das Puppenmädchen. Oder zumindest wirkte sie so. Porzellanene Haut, schöne bunte Kleider, ein Farbklecks in der strahlenden Helligkeit. Und Fäden, die bis auf den Boden fielen, dünn und fast unsichtbar. Dann die junge Frau. Lange rabenschwarze Haare und ein Schwert um die Hüfte gebunden. Golden und auffällig. Sie war nicht von hier. Sie war von weit, weit weg. Genauso wie der Junge. Die nächste Person war merkwürdig. Verhüllt, der Mantel extrem lang und weit. Nach vorne gebeugt saß er da. Kein Gesicht, keine Regung, nur die tiefen Schatten unter der Kapuze, unter die niemand blicken konnte. Und zum Schluss war da noch das Mädchen mit den blonden Haaren und großen blauen Augen in den losen, weiten Kleidern, barfuß, die Hände im Schoß fest verschlossen. Eine momentane Aufnahme. Sie warteten. Sie warteten auf mich. Also setzte ich mich in Bewegung, begann einen Schritt nach dem


Ich blieb stehen. Ich war angekommen, der Weg war frei. Das Weiß ist blau und gold und schwarz geworden. Feine Buchstaben auf einem Blatt Papier. Willkommen.

Ich bin Ciel Phantomhive. Der Wachhund der Königin. Wie oft hatte er diese einfachen Worte bereits wiederholt? Wie unsagbar oft diese einfachen Laute auf seiner Zunge zergingen, bis sie zerschmolzen waren wie Schokolade, die man zu lange im Mund behalten hatte. „Ich bin Ciel Phantomhive. Der Wachhund der Königin.“ Worte, die in einer Drohung geflüstert oder geschrien werden konnten, lächelnd oder mit einem Messer in der Hand. Doch egal wie, egal wo, sie erfüllten ihren Zweck. Man kannte den Adeligen der Dunkelheit, kannte ihn in ganz London. Der Fürst, der durch die Unterwelt strich, auf der Suche nach Abschaum im Weg ihrer Majestät, immer in Begleitung des Schatten des Todes. Und seinem Butler. Auch jetzt stand er hinter ihm, diese große schlanke Gestalt in dem schwarzen Gewand, mit den schulterlangen dunklen Haaren und den leuchtenden Augen. Und dem kaum sichtbaren Lächeln auf den Lippen. Einem Lächeln, das von den Abgründen der Hölle sang, Augen, die von einem Tanz mit dem Teufel wisperten. Sebastian Michaelis. Durch und durch ein Butler der Familie Phantomhive. Doch hier war es noch zu früh. Hier war er nicht der Wachhund der Königin, hier war er höchstens ein Chihuahua in einer lächerlichen Verkleidung, den die Menschen amüsant fanden. Es war zu früh, um die Tarnung abzulegen, zu früh, um zuzubeißen. Noch. Ich bin Ciel Phantomhive, der Wachhund der Königin. Ich bin hier im Auftrag Ihrer Majestät. Ich sollte herausfinden, ob der Zirkus, in den wir uns eingeschlichen haben, für die Entführungen junger Mädchen verantwortlich ist, die überall in englischen Städten stattgefunden haben. Und das habe ich. „Ist etwas, mein junger Herr?“ Ciel sah hinter sich, zu der großen Figur, die über ihm aufragte. Er hasste es hier. Hier, wo er sich als Aufsteiger in der Zirkuscrew ausgeben musste, die Holzhütten zugig waren, das Wasser kalt. Hier, wo er den versteckten Spott seines Butlers über sich ergehen lassen musste, Spott. Hier, wo man ihn Smile nannte. Smile. Ihn. Ihn, der keinen Grund hatte zu lächeln. Hier, wo er ein Zimmer mit einem Jungen teilen musste. Ein Junge, der sich dann doch als Mädchen herausgestellt hatte. Und nicht nur irgendein Mädchen, sondern eines der Mitglieder der Hauptbesetzung. Eine weitere, lästige Behinderung, die es zu beseitigen galt. Sie waren ein interessanter Haufen, diese Zirkusleute. Ein Feuerspucker, eine Tierbändigerin, ein Messerwerfer, ein Junge, der die Gesellschaft seiner Schlangen mehr achtete als die der Menschen, ein Trapezduo, eine Seiltänzerin. Und dann war da noch der Leiter, Joker. Und trotzdem hatte der Lord erst vor kurzem die nötigen Beweise

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Kuroshitsuji – Sein Butler, dämonisch (der Junge mit der Augenklappe)

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anderen auf die Türe zuzugehen. Weit, weit hinten. Einen nach dem andern passierte ich, einer nach dem anderen erhob sich, sobald ich sie hinter mir ließ. Und sie schlossen sich mir an, gingen mit mir. Die starren Glieder wurden beweglicher, beugten sich, trugen die Körper vorwärts und schufen neue Erinnerungen. Warme und kalte Atemwolken streiften meine Kehle. Feine Pigmente, die in mich eindrangen, sich einnisteten, meinen Körper als ihr neues Heim erklärten. Wer bist du? Da waren Musiknoten, die sich begannen über meine Haut zu schlängeln, fremde Worte, die sich dazu zwängten, bis sie alles ausfüllten. Flügel und ausgerissene Federn, die den Gang zierten. Eine Schleife, die sich langsam um meinen Hals legte, nur um wieder zu verschwinden. Mein Gesicht, dass sich zu verformen begann, zu den Gesichtern meiner Freunde, meiner Träume wurde, nur um seine ursprüngliche Form wieder zurückzuerlangen. Strahlende Helligkeit, die alles ausfüllte. Die Türe kam näher. Musik begann aus versteckten Lautsprechern zu dudeln und immer noch konnte niemand die Worte verstehen. Vielleicht weil es keine gab, als die Leinwand erwachte und Bilder zeigte, Namen, Bücher, Filme. Hoffnungen. Meine Wünsche. Träume. Meine Hand schloss sich um die Klinke. Es war anders. Es war gleich. Es war so wie immer. Draußen war es weiß. Zumindest für einen Moment. Dann füllten sie die Reinheit mit ihren eigenen, verdorbenen Farben und ihren eigenen Geschichten.


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gefunden. Er hätte sofort zur Tat schreiten sollen, doch dieser Shinigami im Anzug hatte alles noch erschweren müssen. Todesgötter waren lästig, doch wenn sich einer zeitgleich mit ihnen in den Zirkus einschlich, mussten sie wissen, dass etwas Gewaltiges im Gange war. Etwas das die baldige Einsammlung vieler Seelen erforderte. Und selbst für Sebastian konnte so jemand eine Herausforderung dar­stellen. Tick, tock, bald. Ciels Hände ballten sich zu Fäusten. „Heute Nacht, Sebastian, heute Nacht werden sie Gerechtigkeit erfahren. Sie alle.“ Er fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, bis seine Finger sanft bei der Augenklappe zum Stillstand kamen. Und all die Geheimnisse, die sich darunter verbargen. Wenn man mit Dämonen spielte, musste man den Preis bezahlen. Was man einmal verloren hatte, würde man nie wiederbekommen. Schmerzen brannten sich tief in die Erinnerung, genauso wie das Gefühl zerbrochen, ein Spielzeug in den Händen anderer gewesen zu sein. Es ritzte sich in die Seele, eine Seele, die in die Abgründe der Hölle gestoßen worden war. Und doch hatte er sich gerettet. Ein fairer Handel, Rache. Er wollte Rache. Er hatte sie dafür verkauft. Diese schwarze Seele. Und er würde es jederzeit wieder tun. Er mochte noch ein Kind sein, doch war er längst kein kleiner Junge mehr. Er war ein Phantomhive. Und Phantomhives blieben treu. Sebastians leises Lachen wurde vom Wind davongetragen. „Natürlich, mein junger Herr. Heute Abend wird sich alles wenden. Und jetzt ist es Zeit für die Show.“ Ciel nickte müde. Heute Nacht würde es enden. Als sie zum Zirkuszelt gingen, wehte ihnen bereits die Musik entgegen, zusammen mit dem Jubel des Publi-

kums. Innen war es dunkel und niemand beachtete sie, alle Augen waren auf die Figur im Scheinwerferlicht der Lounge fixiert. Die rötlichen, abstehenden Haare, die skelettartige Armprothese, die bunte Kleidung. Joker. Eine einmalige Show, wahrhaftig. Er spürte, wie Ungeduld in ihm aufzukochen begann, heiß und giftig. Es gab zwei Arten von Menschen in der Welt. Die, die stahlen, und die, von denen gestohlen wurde. Und heute würde er ihre Zukunft stehlen. Ciel sah zu, wie Sebastian die Stiegen hinabzuschreiten begann, einen Schritt nach dem anderen. Mit jedem Schritt ein neuer Spinnweben, der sich enger um das Zelt und alle Anwesenden spannte. Opfer mussten gebracht werden, und er war bereit dazu. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Die Spinne spann weiter, Faden für Faden, bis sie alle verhangen sein würden, Fliegen, die leichte Beute waren. Nein, nicht Spinne. Er war der Rabe, der seine tödlichen Kreise immer enger zog, die Krallen seinen Opfern an die Kehle drückte. Seine Hand hatte den Weg wieder zu der Augenklappe gefunden, und diesmal zögerte er nicht, riss sie mit aller Kraft hinunter, sodass das, was darunter verborgen war, zum Vorschein kam. Die violette Iris, in die das Pentagramm eingebrannt war, von verbotenen Versprechen und Abkommen sprach. Leuchtend wie ein flackerndes Feuer in der Dunkelheit. Der Butler glitt weiter den Gang hinunter, seine Augen verwandelt, brennend in einem fuchsiafarbenen, dämonischen Rot. Es war ein Befehl.

Der schwarze König (das Schachfigur-Mädchen) Bei uns werden Menschen zu Schachfiguren. Wie oft war sie vor dem Plakat gestanden, hatte es aufgehängt in ihrer Schule gesehen, während die Stadt für etwas warb, von dem sowieso schon jeder wusste. Alle zwei Jahre, immer wieder dasselbe. Ihnen musste langweilig geworden sein, damals im 15. Jahrhundert in Italien. Als die Adeligen beschlossen hatten, diese Tradition einzuführen. Alle zwei Jahre, ein Schachspiel. Ein lebendes Schachspiel. Wie erhaben und wichtig, damals in ihren Gärten mit den steinernen Schachbrettern und den Menschen, die sie als Figuren darüber hin und herschoben. Wie unfassbar mächtig, Jahr für Jahr auf dem Hauptplatz. Sie schob sich eine Strähne ihrer Haare zurück, machte es sich auf dem steinernen Thron ein bisschen bequemer. Es war ein Theater, doch niemandem außer ihr schien das aufzufallen. Wie ihre Figuren dort vor ihr standen, darauf warteten, dass sie die Befehle gab. Sie würde sie und sich selbst in den Tod führen. Oder als Sieger hervorgehen. Er wartete auch. Der Junge auf dem schwarzen Thron. Hinter seinen eigenen Marionetten.


Das Puppenspiel (das Puppenmädchen) Und dann war ich ganz spontan und nahm die Fäden fester in meine Hand. Hinten, irgendwo weit hinten, spielte eine einschläfernde Musik, doch ich beachtete sie nicht, dachte nur an die Worte des Mannes, als er mich hinaufgestoßen hatte. Unterhalte sie. Wann, wann war das gewesen? Wie lange stand ich schon hier, führte und bestimmte? Stunden? Tage? Jahre? Die Scheinwerfer blendeten, blendeten viel zu hell, meine Finger umklammerten die Seile fester. Zogen daran. Ein Zug, ein Glied. Es war einfach, viel zu einfach. Ich riss die Fäden nach oben und die Puppe hob den Kopf, ihre Augen leer und schwarz und blank. Tanze. Hände, Arme, Füße, Beine. Sie war unter meiner Kontrolle. Eine Marionette an ihren Fäden, hübsche runde Löcher in die porzellanweiße Haut gebohrt. Sie war für mich geschaffen worden, für alle Anwesenden hier. Das hatte man mir gesagt. Ihre Finger waren fein und klein wie Insekten, die man leicht

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eigenen Welt. Kälte, als sie die Opfer brachte, die gebracht werden mussten, während er lachend konterte. Aktion. Reaktion. Bald würde sie sich bewegen müssen. Die schwarzen Figuren kamen gefährlich nahe, doch ihre eigenen nahmen sie, nur um wiederum von seinen genommen zu werden. Und irgendwann war es still. Sie erhob sich und trat einen Schritt nach vorne und er machte es ihr nach. Aktion. Reaktion. Aktion. Reaktion, als sie über die Körper ihrer gefallenen Figuren stiegen. Aktion. Reaktion. Ein Feld nach dem anderen, schwarz, weiß, schwarz, weiß. Bald bin ich da. Es war ein kalter Abend gewesen, als er sie herausgefordert hatte. Bei uns werden Menschen zu Schachfiguren. Schritt für Schritt, er wirkte immer schwärzer. Als ob ihn die Dunkelheit selbst verschlungen hätte. Und sie fühlte, wie sie von dieser Kälte erfüllt wurde, und die Kälte war hell. Sie hörte nichts außer seiner schabenden Schritte, so stolz. Die Krone saß hoch auf ihrem Kopf, saß hoch auf seinem Kopf. Sie war mächtig. Er war mächtig. König. Bald wäre er in ihrer Reichweite, und sie in seiner. Und doch hielt ihr Verstand sie nicht zurück, genauso wenig wie ihn seiner. Sie hatte die Lücke gefunden, und er die ihre. Er würde durch ihre Strategie, ihre Fassade schlüpfen. Sie würde durch seine verworrenen Marionettenfäden zu ihm vordringen. Es war ein sternenloser Abend, als er sie herausgefordert hatte. Sag mir, wirst du mich ins Schachmatt rücken?

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Es war ein lauer Abend gewesen, als er sie herausgefordert hatte, ausgewählt, in diese Machenschaften verstrickt. Zwei Monate waren die Zeit gewesen, die sie gehabt hatte, um sich vorzubereiten, zwei Monate, um jede seiner Bewegungen zu beobachten und zu analysieren, versucht hatte, eine Lücke in der makellosen Fassade zu finden, in die sie sich heute würde einschleichen können. Ich werde dir zeigen, dass ich spielen kann. Sie war der König, er war der König. Einer von ihnen würde stürzen. Ein einfaches Spiel. Immer noch lächelte er ihr zu, und hinter diesem Lächeln versteckte sich die Dunkelheit, die seiner Rolle so perfekt zunutze gemacht wurde, sie antrieb, die Räder bewegte. Porzellanene Haut schimmerte unter der untergehenden Sonne, als sie begannen. Zug um Zug. Die Menge um sie herum war still geworden, leise, fast so, als ob sie den Atem anhalten würde. Die menschlichen Züge der Figuren wurden zu etwas anderem, als der Bann des Spieles auf sie zu wirken begann. Die zwei Männer auf den Pferden, die Frauen mit den Turmspitzen in den Haaren, die Königin in den fließenden Gewändern, die Bauern mit den spitzen Hüten, sie alle in perfektem Weiß. Seine in perfektem Schwarz. Es dauerte nicht lange, bis die Ersten fielen, regelrecht zerbarsten, neue Farben sich auf das kalte SchwarzWeiß der Steine unter ihnen mischten. Befehl um Befehl, Zug um Zug, ein einfaches Spiel. Sie würde sie in den Tod führen. Der schwarze König lächelte. Es war ein lauer Abend gewesen, als er sie ausgewählt hatte. Weiß und schwarz. Schwarz war das Feuer hinter seinen Augen gewesen, weiß die Bleiche ihrer Wangen. Sie hörte die Rufe nicht, sie hörte nur die angespannte Konzentration ihrer


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zerbrechen konnte. Die Wesen hinter den Masken beugten sich auf ihren Sitzreihen weiter vor, ihre Freude war spürbar, hing und vibrierte regelrecht in der Luft. Die trüben Lichter ließen die Farben heller wirken, als der Spiel­kasten hinten weiter seine Melodie erklingen ließ, weiter und weiter für die Ewigkeit. Wie oft hatte ich das hier schon gemacht? Oft, und doch war es anders. Die Glieder schwerer und träger, zogen an meinen Armen und wollten meinen Tanz aus dem Gleichgewicht bringen. Sie hing regelrecht an ihren Fäden. Diese Puppe war nicht für die Bühne bestimmt und doch gab es in diesem Moment nichts anderes, nichts als die Musik und diesen Moment und die Gesichter hinter den Masken. Weiter, immer weiter. Ich riss erneut mit einem Ruck, gewaltsamer und die Marionette fügte sich. Gehorche mir. Gehorche mir. Nur heute, dieses eine Mal. Diese Puppe war nicht mehr in der Verfassung, Widerstand zu leisten. Das Spiel starb ab und Applaus ertönte, bahnte sich wie eine drohende Welle seinen Weg zu mir. Zugabe. Zugabe. Die Fäden fielen mir aus der Hand. Für die Zugabe wurde eine neue Puppe gebraucht, diese hier war wertlos. Ich spürte, wie die Fäden sich langsam durch meine Haut bohrten, sich durch meinen Körper zu ziehen begannen, mein Blut wie rubinrote Schätze den Boden zierte. Rubine, die schöner waren als die meiner Vorgängerin. Ein neues Mädchen trat auf die Bühne, nahm mir die schwarze Maske vom Gesicht und setzte sie sich selbst auf. Und dann. Dann ließ sie mich tanzen.

Fire Emblem Awakening – Dolan und Amatsu (die Frau mit dem Schwert) Dolan. Yen’fays Klinge. Dolan. Es war immer schon dieses Schwert gewesen. Seit sie Kinder gewesen waren, im Garten gespielt hatten, durch die Gassen gerannt wie kleine Vögel, lachend und tschirpend. Dolan, dieses Schwert, damals wie heute. Damals. Damals, als alles noch besser gewesen war. Damals, als noch nicht die Last zweier Gewalten gegen ihre Rücken gepresst hatten. Zwei verschiedene Gewalten, zwei verschiedene Seiten, zwei verschiedene Heere. Bevor er sie verraten hatte, geschwiegen, als alles um sie herum zu Staub und Asche zerfallen war. Wann war das gewesen? Diese glücklichen Tage? Lange, lange schon vorbei, bevor Dunkelheit über das Land hereingebrochen war und ihn mit in den Abgrund gerissen hatte. Sein Schweigen hatte sie die letzten Jahre begleitet, laut in ihren Ohren gehallt mit seiner endlosen Stille. Er ließ seine Taten für sich sprechen. Und seine Taten waren in Blut gemalt. Jetzt hielt er ihr dieses Schwert entgegen, Dolan, dieses Schwert, das sie als kleines Mädchen gehalten hatte. Unbeholfen geschwungen, nachdem er es von Vater erbte. Ein Vogel flog über den Himmel. Sie hatte ihn angeschrien, angefleht, doch die Stille umhüllte ihn noch immer wie ein schwarzer undurchdringlicher Mantel. Schloss sie aus. Hinter sich, weit hinter sich spürte sie die Blicke der anderen. All dieser Fremden dank, denen sie es so weit geschafft hatte, die inzwischen keine Fremde mehr waren, sondern Kameraden. Ein Heer, das von weit her gekommen war, und nun den Krieg neigte, zu Gunsten des Widerstandes, einen Hoffnungsschimmer gab. Vielleicht konnte der Eroberer erobert werden. Doch vorher musste Yen’fay fallen, fallen und das Imperium würde zerbröseln, zumindest zum Teil und ihnen die einzige Chance geben, diesen Irrsinn, diese Verzweiflung zu beenden, dieses Blutvergießen, diesen Wahnsinnigen, der sich selbst als König der Welt erklärte. Der Eroberer würde es nicht schaffen. Niemals. Chrom war skeptisch gewesen, mehr als skeptisch, als sie ihm erklärt hatte, dass sie sich ihrem Bruder stellen würde. Sie und niemand anders. Doch er vertraute ihr inzwischen, vertraute ihr genug, um zu hoffen, dass sie diesen Kampf gewinnen würde. Sie und ihr Bruder, ein letztes Gespräch, ohne Worte in einem Wirbel aus Stahl. Sie fasste Amatsus Griff fester. Das Schwert, das er ihr hinterlassen hatte, und das Schwert, das sein Ende sein würde. Seines, oder Dolan ihres. Sie durfte nicht versagen. Es war eine hübsche Klinge, dünn und leicht, rasiermesserscharf und tödlich. Sein Gesicht zeigte nichts, keine Regung, starr und kalt wie der Stein, zu dem sein Herz erstarrt war. Es gab so viel, das sie ihm sagen wollte, vorwerfen. Sie hob Amatsu auf Augenhöhe, verlagerte ihr Gewicht nach hinten. Da war Blut, Blut auf ihrem Arm, ihrer Schulter, Blut auf seiner Seite, seinem Bein.


You’re here, you’re here. But you are strange, you know? What are you wearing? This dark coat, hood, deep in your face, hiding your eyes. You don’t look up, but why are you standing so hunched forward? Trying to hide in the darkness, but you know I can see you? How I found you? Hm, fun fun. Sure you didn’t find me? Maybe you wanted to be found. I was looking for you anyway. What is it? This dark liquid running out of your hood? What is this sound you are making? Where have you left your pride? Left underneath the dark silk of your coat? Armour maybe? What is your hand holding? So carelessly… You shouldn’t be so careless. Yeah, yeah, raise your head, look at me. The water in your eyes smells rotten. Water can rot as well. Oh all this despair in them. Burned away like acid. Is it painful? That sound again, why are you making it? Stop shaking your head, I can’t understand you. What I want, you ask? I thought it was obvious. You look…tense. Are you lost in thoughts? I like the red colour of your coat. Wasn’t it black before…You want to be something like Red Riding Hood? But the wolf is long gone? Maybe… Are you shaking? Trembling? Don’t, don’t. You are not alone, I am here now. I should go away? Why those harsh words? This red stuff, you are spitting it out. Shh, shh.

Monochrom (das blonde Mädchen – Über mich) Würdest du in der Stille ausharren? Das hatten sie mich gefragt. Ob ich Angst vor den Schatten hätte. Welche Monster ich darin sah. Hättet ihr Angst vor der Dunkelheit? Das war meine Antwort gewesen. Porzellanene Worte, die zerbrechlich waren, so zerbrechlich wie die dünnen Glieder einer Puppe. Sie hatten mir viele Fragen gestellt, doch sie hatten ihre Bedeutung verloren. Unnütze Spiegelscherben, die mir die Finger zerschnitten, wenn ich versuchte sie zu berühren. Ein roter Funke in der monochromen Umgebung. Hier war alles monochrom. Meine Hände waren im Schoß gefaltet, bildeten eine kleine Höhle, die sich um leere Luft schloss, als wäre es der größte Schatz, den niemand je finden durfte.

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Figure (die verhüllte ­Gestalt)

Shall I take your hand? Why are you backing away? A sword? So that’s what you were holding? Careless, still careless… It has a beautiful colour as well. This someone you are holding close to your heart, cradled in your arms, is long gone. Oh look at this beautiful face one more time, not at me with those eyes so full of hate. Such soft features, so peaceful now. They were not as peaceful before, weren’t they? Stained with guilt, a despair that held those eyes awake at night, concern that was slowly nagging away on them. Sadness that pulled this mouth down more and more often, seeping into every laugh. You liked this laugh, didn’t you? You liked those hands, holding a blade like no others would, this face, so beautiful even in the past months. How lifeless they are now, dangling down, right beside your own ones. This sound again…like sobs. Am I making you cry? Don’t, don’t. Will you just give me what I want, you are digging your nails into this perfect skin, a skin that can no longer feel it anyway? I want to cradle this body as well, come now, come now. These eyes are closed, but do you remember their colour? This piercing dark colour, so full of life? You’re shaking, why are you screaming at me? Pulling this huddled figure closer? You still have the sword, but you failed earlier, when you were needed, didn’t you? I ask myself, could you have stopped it? Ah the sins of the past, sitting on your shoulder, bending your back. You didn’t want this? Well, what did you want then? If you don’t know, leave the choice to me, because I do. Is that a snarl? Oh come on, don’t behave like a child. I can hear you breaking inside, more and more with every second you are looking down on that face. A face that will never look back at you again. Don’t forget that. And now…give me what I came for.

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„Du bist stark geworden Say’ri.“ Und damit trafen sie ein letztes Mal aufeinander, das Geräusch ihrer scheppernden Klingen wie süße Abschiedsworte.


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Sie hatten wissen wollen, wie das Monster unter dem Bett aussah, also hatte ich es ihnen beschrieben. Meine Antworten hatten ihnen gefallen, sehr gut sogar, sie hatten ihr Interesse geweckt. Blitzende Brillen und Notizblöcke, kritzelnde Stifte auf Papier. Wollten sie so sein wie ich? Es war still hier, als ich wartete. Auch die Stille war monochrom, wie eine graue Decke. Sie verstopfte meine Ohren und legte sich schwer auf alles. Ich mochte das. Würdest du in der Stille ausharren? Und was wäre wenn? „Hallo.“ Meine Stimme hörte sich lustig an, ein lautes Geräusch in dieser farblosen, eintönigen Perfektion. „Hallo“, gab der Mann zurück. Zwei gleiche, perfekt synchrone, parallelisierte Worte und doch klangen sie nicht gleich. Sie erzählten von verschiedenen Welten, verschiedenen Hintergründen und verschiedenen Monstern unter dem Bett. „Entschuldige, dass du warten musstest.“ Seine Schuhe quietschen auf dem eintönigen Boden. Er kam näher, bis er vor mir stand, vor meinem ­sitzenden, leicht nach vorne gelehnten Körper, dessen Konturen verhüllt waren in der einfachen, weiten ­Kleidung, und den er um drei Köpfe überragte, sodass ich nach oben schauen musste, um die dunklen grünen Augen und ebenso dunklen Haare zu sehen. Ich ließ meine Füße baumeln, Zehen leicht gespreizt. Auch von den Fliesen stieg Kälte auf, doch ich konnte sie nicht berühren, dazu hätte ich ­aufstehen müssen. Und das wollte ich nicht. Hier, weiter oben, war es sicher. Er war alleine heute. Normalerweise kamen sie zu mehrt, wie hungrige Tiere, ein Rudel Wölfe. Ich streckte ihm meine Hand entgegen und er nahm sie zwischen seine eigenen in einem warmen Händedruck. Die Luft, die sicher in der Höhle gewesen war,

entwischte und vermischte sich mit dem Rest der Welt, wurde unsichtbar vor meinen Augen. Ich löste den Griff und faltete die Hände erneut, doch die Höhle blieb leer. „Ist es jetzt soweit?“ Der Mann nickte. Ich richtete mich auf und rutschte von dem Tisch hinunter, kam leise auf dem Boden auf. Ich wollte die Stille nicht noch weiter stören. Wir verließen den Raum und betraten den Gang, folgten dem Weg, dem wir immer folgten. Ich summte eine Melodie, die sich ihren Weg in meinen Kopf geschlichen hatte, summte und summte mit halb geöffneten Lippen. Wir traten durch die Türe und dort warteten die anderen, lächelten mich an mit ihren perfekten Masken. Konnte ich in der Stille ausharren? Ich ging weiter bis in die Mitte, wo der Altar stand und ich mich auf die glatte Oberfläche zog. Es war ein gutes Gefühl, wieder vom Boden entfernt zu sein, weg von den Schatten, die darauf herumkrochen. Er hatte eine schöne Farbe unter mir, schön und warm unter meiner Berührung, ganz anders als die Kälte. Ich blickte zu den Menschen um mich herum, wie sie sich weiter vorlehnten, die Brillen auf ihren schmalen Nasen nach oben schoben. 7 Millimeter. Nicht weiter. Mein blondes Haar fiel zerzaust über meine Schultern und streifte die steinerne Oberfläche des Altars, als ich mich langsam nach hinten legte, die blauen Augen weder geschlossen noch geöffnet. Ich fragte mich, was sie wohl sehen würden. Es war ein mühsames Verfahren, am Ende eines langen Auswahlprozesses. Ob es den Aufwand wert gewesen war? Waren es meine Träume? Meine Hoffnungen und Wünsche? Die Menschen, die mein Leben mit mir geteilt hatten? Waren es die Farben und Formen, die mich bewegten, die Worte, die ich gelesen, gehört und gesprochen hatte? War es die Helligkeit, die nur selten von der Nacht getrübt wurde? War es jede meiner Bewegungen, meiner Gedanken? Das Monster unter dem Bett? Waren es die Schatten und Lichter? Die Gesichter und Masken? Die Lügen, die ich geflüstert, und Wahrheiten, die ich erschaffen hatte? War es, dass ich in der Stille verharrt hatte? Die warme rote Farbe hinterließ Flecken unter mir, als ich den Mann anblickte. Er lächelte. Er trat näher zu mir. Er hielt sein Spielzeug in der Hand. Was sie wohl sehen würden? Ich spürte seinen Atem auf meiner bloßen Haut, den Atem aller Anwesenden, der sich mit der Brise Luft vermischte, die mir aus der Höhle entwischt war und hier irgendwo sein musste. Dann küsste die Klinge mit ihrer beißenden Kälte mein Fleisch. Und ich spürte, wie ich langsam selbst zu Farbe wurde und den Altar unter mir einfärbte. Warm und rot und aufdringlich, als sich mein Leben vor mir und allen anderen ausbreitete und von Neuem zu spielen begann. Was sie wohl sehen würden?


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ALEKSA LAZOVIC

Selbstbeschreibung und gehen über zu anderen Themen. Musik zum Beispiel. Nein, besser gesagt zum phänomenalen Geschmack mit Rock, Jazz, Swing, Blues und ab und zu neuere Musikgenres. Obwohl ich denen in letzter Zeit eher ausweiche, aber sie sind manchmal nicht schlecht als Abwechslung. Privat sein, also so für mich allein ist eigentlich auch eine meiner Lieblingsaktivitäten. Quälen von anderen Leuten oder, wer weiß, vielleicht sogar Lehrern eigentlich auch. Rennen ist da aber kein Teil davon, obwohl ich es oft anwenden muss bei meinen generellen Aktivitäten. Sport ist ein Beispiel davon, mit den Sportarten Tennis, Basketball und vor anderen weglaufen, wenn sie was brauchen oder ich mal wieder Mist gebaut habe. Trotzdem liebe ich es, einfach zu entspannen mit einem Tee am Abend und einem Kaffee am Morgen, egal ob mit Serien oder Comics. Und eigentlich bin ich sehr gerne mit Freunden unterwegs. Vor allem einfach dazusitzen in einem Kaffeehaus oder einer Bar und zu reden und Spaß zu haben. Wahrscheinlich tun sie das ja auch gerne, muss man ja, wenn man mich gegenüber von sich sitzen hat. X-Men-haft sind wir dann auf eine gewisse Art. Young, wild and free eigentlich auch, wenn ich es mir überlege. Zweifelsohne aber immer ein Erlebnis mit den Leuten, mit denen ich mich immer wieder gerne umgebe.

Aleksa Lazovic

Also diese Idee kommt mir schon etwas bekannt, aber verwirrend vor. Beim *hust* Lernen *hust* in der Keimgasse habe ich zum Beispiel manchmal solche Übungen bekommen. Chaotische Jugendliche, ich glaube für die war das eigentlich gedacht, war ja auch ein Teil von ihnen. Dennoch muss ich zugeben, dass diese um einiges lustiger ist als damals. Eigentlich sollte ich ja jetzt über mich was schreiben. Fangen wir einfach mal an. Ganz besonders mit meinen Hobbys oder so etwas in der Art. Hobbys also, lesen (Comics, Bücher), schreiben, entspannen, zocken, am Internet hängen, mit Freunden was machen. Irgendetwas noch? Ja natürlich, mit mir selbst reden darf ich ja nicht vergessen. Kaffee trinken, zählt das auch dazu? Lassen wir das mal beiseite

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Kiikingern

Aleksa Lazovic

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Nun war der Moment endlich hinter ihm. Der Moment, auf den er jahrelang gewartet hatte. Der Wettbewerb, auf den er jahrelang gewartet hatte. Seit seiner Kindheit hatte er darauf gewartet, endlich antreten zu dürfen. Seit seiner Kindheit hatte er dafür trainiert. Wo andere Kinder einen Spaß darin gesehen hatten, sah er nach einer Zeit eine Herausforderung. Wie viele Stunden hatte er damit verbracht zu üben? Wie viele Stunden hatte er damit verbracht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er jemals so weit kommen würde bei der Meisterschaft mitzumachen? Wie viele Stunden hatte sein Vater damit verbracht, ihn anzubrüllen, wenn etwas nicht so geschah, wie er es haben wollte? Wenn man sich das so ansah, hatte er eine trostlose Kindheit gehabt mit Folter statt Spaß. Doch wenn er so zurückdachte, was hätte er sich anderes erwarten sollen, wenn sein Vater gebürtiger Estländer war, und ab dem Moment, wo er ihn Kiikingern gesehen hatte, sofort den Wettbewerb hinter den Augen hatte und so das Üben damit kam. Kein Spaß, kein Spiel, keine großartige Freude. Nur Übung. Training. Dressieren. Schreien. Foltern. Kinder sahen ihn immer verwundert an, wenn er auf Spielplätzen auftauchte, nur um zu üben. Oft sah man zwar Bewunderung in ihren Augen, doch wenn sie die Schreie seines Vaters gehört hatten und den Ast in seiner Hand, wurde ihnen schnell klar, wie wenig Spaß es mir eigentlich machte. So begann auch ihre Angst vor mir. Ihre Angst, wenn ich mit ihnen spielen

wollte. Wenn ich mit ihnen Kiikingern wollte. Vorgeworfen hatte ich es ihnen nie. Ich verstand sie ja zur Gänze. Hätte ich das gesehen, hätte ich genauso Angst gehabt. Vor allem nach all dem Training, das ich hinter mir hatte. Ich konnte allein schon mit zehn Jahren abspringen, mich um 360 Grad drehen und in den Sattel zurückfallen mit so einer Grazie, dass man nicht wusste, ob man applaudieren, staunen oder Angst haben sollte. Letzteres war ein großer Teil meiner Kindheit. Ich weiß nicht mal, ob man das noch so nennen kann. Das war keine Kindheit, was vor mir lag. Es war alles Training. Doch wie bereits gesagt, es lag vor mir. Was hinter mir liegt, ist jetzt wichtig. Genau in diesem Moment. Dafür hatte ich meine Kindheit aufgegeben. Jetzt war es endlich so weit, dass es sich auszahlte. Wenn mein Vater mich jetzt sehen könnte, wäre ich aus der Begeisterung nicht mehr rausgekommen. Zwar war meiner Mutter anwesend, aber das war einfach nicht dasselbe. Sie hatte nicht immer so ein Feuer in den Augen, was dies anging. Ihr fehlte schon immer die Motivation, die Inspiration. Deswegen hatte sie sich auch nach einer Zeit aus meinem Training zurückgezogen. Sie konnte nicht ansehen, wie mein Vater mich trainierte. Man möge sagen, es brach ihr das Herz, wenn sie mir zusah. Auch sie verstand ich nach einer Zeit vollkommen. Auch ich sah in einem Moment keinen Sinn mehr in dem, was ich tat. Das war doch zum Spaß gedacht. Keine Folter. Kein Geschrei. Gelächter. Freude. Doch ändern konnte ich es einfach nicht mehr. Auch nach all den Diskussionen mit meinem Vater nicht. All diese Diskussionen. Wie sie anfingen. Wie sie häufiger wurden. Wie sie endeten. Wie sie geendet hatten. War es meine Schuld gewesen? Hätte ich meinen Mund halten sollen? Hätte ich meine Gedanken für mich behalten sollen? War es das, was ihn aus der Bahn gebracht hatte? War es das, was ihn in dieses Bett verfrachtet hatte? Die Ärzte bestreiten es. Sollte mich das von meinen Gedanken ablenken? Sollte mich das von meinen Vorwürfen befreien? Wenn ja, hatte diese Methode kläglich versagt. Es gab nur eines, was meinem Kopf half. Es gab nur eines, was ihn frei bekommen würde. Das Einzige, was mich wirklich abgelenkt hatte. Die Verarbeitung all dieser Jahre. „Ladies and Gentleman, willkommen zur 143 Kiiking-Meisterschaft! Oder besser gesagt, willkommen zu unserem grandiosen und noch nie so aufregenden Finale!“ Willkommen Dad. Wir haben es geschafft.  


Alles begann, als Conan zu seiner Reise aufbrach. Viele trauerten um ihn schon in diesem Moment. Die einen, weil sie ihn bereits vermissten, aber viel Glück wünschten, während andere keine Hoffnung für ihn sahen und so befürchteten, er müsste sein Leben für das Gute lassen. Dolan war da ganz anderer Meinung. Natürlich vermisste er seinen Bruder, aber trauern würde er um ihn nicht. Er hatte vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten seines Bruders und wusste, dass er siegreich heimkehren würde mit einer Geschichte, die es wert war, noch Jahrtausende später nacherzählt zu werden. Dennoch empfand er einen gewissen Neid für Conan. Denn auch er wollte

in die weite Welt hinaus. Er wollte etwas erleben, sehen und sich zeigen. Niemals würde er in seinem ein­fachen Dorf für immer bleiben, wo doch noch so viel auf ihn wartete. So beschloss auch er, eine Reise anzutreten, auch wenn die Bewohner seiner Siedlung nicht besonders viel Vertrauen in seine Fähigkeiten hatten. Viele verzogen verächtlich das Gesicht, als sie von seinem Vorhaben erfuhren, während einige andere anfingen über seine Idee höllisch zu lachen. Aber Dolan wollte sich nicht unterkriegen lassen, er würde es einfach nicht zulassen. Denn auch ihn erwartete Ruhm und Ehre und den würde er nur bekommen, wenn er endlich ausbrach aus seinem sogenannten Gefängnis und es seinem Bruder nachtat. Also ignorierte er seine Mitbewohner, packte seine sieben Sachen, darunter auch eine Klinge, da bekanntlich Stahl das Einzige war, dem man zu 100 Prozent vertrauen konnte, wenn alle einen zu betrügen schienen, falls er sie im Notfall brauchen würde. Denn egal wie groß auch seine Kraft war, um einen Kampf würde er eher nicht so leicht herumkommen.  

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Dies sind die Abenteuer von Dolan, dem jüngeren Bruder von Conan dem Barbaren. Dolan war eher ein stiller junger Mann, wenn seine Muskelmasse nicht auf seinem Körper sichtbar war, so hatte sich ein anderer seiner Muskeln deutlicher gezeigt als jeder andere. Schon in seinen jungen Jahren wusste man, dass auch Dolan speziell wäre. Auch wenn er nicht mit dem Mut und mit der Stärke seines Bruders mithalten konnte, so maß er sich in anderen Bereichen des Lebens mit ihm und stellte seine eigene Stärke in anderen Situationen unter Beweis, wobei Conan nicht im Geringsten mithalten konnte. Dennoch war Dolan ein sehr einfacher Mann. Er prahlte nicht gerne, aber nutzte seine Macht, um genauso wie Conan anderen zu helfen. Doch war im klar, dass auch auf ihn bald ein Abenteuer zukommen würde, wo er seine Kraft bei anderen unter Beweis stellen musste, nicht nur bei seinem Muskelprotz und Adonis von einem Bruder. Er würde sein eigenes Abenteuer beschreiten und als Held wiederkehren. Ob sein Ego dann anfangen würde sich zu zeigen?

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Dolan der Barbar

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Erinnerung an Langweile

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Langweilige Situationen wie das Dasitzen und Nichtstun. Langweilig wie das Gefühl, wenn man auf einer Feier ist und die Freunde mit Unbekannten reden und man einfach daneben steht. Langeweile, wenn man am Hausübungmachen ist und sich denkt, ich könnte jetzt etwas Besseres machen. Das sind alles solche Situationen, in denen man einfach nicht weiß, was man machen soll. Man will was machen, etwas erleben, aber es ist einfach nichts da, mit dem man etwas anstellen könnte. Man kann in seinem eigenen Zimmer sitzen und sich denken, ich habe nichts zu tun und nichts Lustiges da. Momente von Langeweile sind heute nicht allzu gern gesehen. Und man hat sie nicht mehr so oft wie früher, damals, seinerzeit. Wenn man nach Hause ging, ging man nach Hause, dachte vielleicht über Schule, Tag oder die vorhin erlebte Situation nach und heute kann man die Langeweile sofort vertreiben – indem man das Handy zückt, die Ohren mit Kopfhörern bestückt, die Fadesse in den Hintergrund rückt. Ist das wirklich so gut? Muss immerzu etwas passieren? Muss immerzu etwas toll, großartig und unterhaltsam sein? Muss man dem Drang, auch ja einen auf Carpe diem zu machen, immer unbedingt nachge-

hen? Was, wenn nicht? Was, wenn man sich einfach mal wieder in die Ecke setzt und mit der Langeweile spielt? Aber ist die Langeweile dann nicht automatisch weg, wenn ich mit ihr spiele? Spielen kann doch nicht langweilig sein. Spielen ist Freude. Ich sehe ja schon beim Schreiben, wie sich mein Energie­ level hebt, wenn ich ans Spielen denke und nicht bei der Lange­ weile bleibe. Also Langeweile. Da sitzen. Nichts tun. Komisch, ich ver­suche gerade nichts zu tun, alles langweilig zu finden. Nur es will mir nicht gelingen. Mein Kopf spielt nicht mit. (Schon wieder spielen.) Da geht großes Kino ab. So viele Gedanken, so viele Ideen. So viel, das ich spüren kann, wenn ich mir die Zeit dazu gebe. Wenn ich nicht ständig versuche vor meinen Gefühlen davonzulaufen. Glück ist, hat mir unlängst ein ziemlich kluger Mensch gesagt, wenn man fühlen kann, was man fühlt … Manche Dinge wollen gefühlt werden und vielleicht ist es das, was die Langeweile ausmacht. Irgendwann muss es Pausen geben, irgendwann muss man sagen, es geht nicht mehr, und man sollte darauf hören. Wer vergisst, wie es ist, wenn einem vor Langeweile die Decke scheinbar auf den Kopf fällt, die Welt nur grau scheint, der vergisst, wie es ist, etwas zu planen, die Vorfreude darauf, die Energie, die einen durchflutet, weil man aus dem Grau gerissen wurde, das wir Langeweile nennen. Das sollte man fühlen. Vielleicht liegen Glück und Langeweile dicht beieinander, vielleicht gibt es zwischen ihnen gar keinen großen Unterschied. Vielleicht erachten wir Dinge als langweilig, die jemand so oft und lange tut, wie es eben geht. Man kann gar nicht sagen, was Langeweile direkt ist und wie sie definiert wird. Muss man sie denn wirklich definieren und in ein System eingliedern, das sonst zerbricht, weil etwas nicht den Ansprüchen gereicht, weil die Ordnung gestört ist? Ich denke nicht. Ich denke, jeder sollte seine eigene Langeweile haben. Denn wenn jeder dieselbe Art von Langeweile hätte, wäre die Welt wohl ziemlich langweilig.


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SOPHIA PANEK

Some-thing(s) about myself

Lieblingsbücher: zu wenig Platz, um alle aufzuzählen Letztes gelesenes Buch: „An Abundance of Katherines“ von John Green Wenn ich Geschichten schreibe, höre ich Musik, egal welche, Hauptsache es ist nicht so still.

Ich habe einen jüngeren Bruder, zwei Katzen & ein Zeitproblem: Es gibt so viele Dinge, die ich machen möchte, aber es geht sich nie alles aus. Wenn ich unter Druck stehe, tue ich mir schwer, Texte zu verfassen. Ich habe es am liebsten, wenn ich mir selbst aussuchen kann, wann ich was, wo und wie schreibe. Oft bin ich dann in meinem Zimmer, höre Musik und tippe auf dem Laptop vor mich hin. Ich bin seit März bei der Schreibakademie Mödling und habe noch nie einen meiner Texte veröffentlicht – das ist also eine Premiere für mich. Oh, jetzt hätte ich beinahe meinen Namen vergessen! Ich heiße Sophia Panek und besuche die 5. Klasse des BG/BRG Berndorf.

Sophia Panek

Mein Geburtstag ist der 16. 11. 1999 Sternzeichen: Skorpion. Ich glaube nicht wirklich an Astrologie, lese aber manchmal zum Spaß mein Horoskop, wenn ich in einer Zeitung darüber stolpere.

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Mehr als Freunde

Der Sprung

Und dann war ich einfach mal so spontan und habe ja gesagt.

Und dann war ich einfach mal so spontan und bin gesprungen.

Nicht ja dazu, dass ich meine Haus­aufgaben gemacht hatte und sie ihm gab, damit er sie abschreiben konnte.

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Nicht dazu, dass er sich mein Buch ausborgen konnte, damit er kein Minus bekam, weil er seines schon wieder vergessen hatte.

Sophia Panek

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Nicht ja dazu, dass wir uns nach der Schule trafen, um etwas zu unternehmen, wie wir es schon so oft getan hatten. Sondern ja auf die Frage, ob aus uns mehr werden konnte als beste Freunde. Ja dazu, dass wir vielleicht irgendwann in der Zukunft zusammenkommen konnten. Ja zu ihm. Zu uns.

Nicht dass ich damit gerechnet hatte, aufgefangen oder von irgendjemandem gerettet zu werden. Nicht aus Verzweiflung oder Angst oder Liebe oder irgendeinem anderen Gefühl, das Menschen dazu veranlasst, eine Klippe hinunterzuspringen. Auch nicht aus Ver­sehen in dem Versuch, vielleicht einen Blick hinunterwerfen zu können, auf das Wasser, das sich an den Felsen brach. Ich hatte am Rand des Abhangs gestanden und aufs Meer geblickt. Auf die Wellen, die vielen Farben, die sich in dem Wasser mischten, als gehörten sie zusammen, aber irgendwie auch nicht. Auf die Schatten und leuchtenden Wasserteilchen, die ich sogar von hier oben sehen konnte. Und dann hatte ich einfach einen Schritt nach vorne gemacht.

Geister der Katakomben Sie stieg, so schnell sie konnte, die Stufen nach oben und fühlte, wie die Angst ein wenig von ihr abfiel, als sie die kühle Nachtluft einatmete. Die Katakomben, in denen sie beinahe den gesamten Nachmittag verbracht hatte, waren gruseliger gewesen, als sie es sich vor­ gestellt hatte. Im Nachhinein war sie sich nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, dort hinunterzusteigen. Sie hätte auf ihre Mutter hören sollen, die ihr geraten hatte, diesen Teil der Reise ausfallen zu lassen. Aber ihre Neugier hatte das nicht zugelassen und so war sie mit ihrer Reisegruppe in die Tiefen gestiegen, weit unter die Pariser Straßen und Gassen. Nach einer Weile hatten ihre Freunde beschlossen wieder nach oben zu gehen, nur sie war noch dort geblieben, um auf eigene Faust mehr von den Katakomben zu erkunden. Aber dann hatte die Taschenlampe ihren Geist aufgegeben und das flackernde Licht war erloschen. Sie hatte sich im Dunkeln ihren Weg nach oben suchen müssen, vorbei an den Gräbern tausender Menschen, eine Hand immerzu an der glitschigen, mit eigenartigen Pflanzen bewachsenen Wand. Sie schüttelte die Gedanken an die feuchten, kalten Gänge ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die hellen, breiten Straßen vor sich.


Ihre Augen wurden groß, als sie erkannte, dass sie sich vor einer kleinen Katze gefürchtet hatte, die auf der Suche nach etwas Essbarem an der Hauswand entlang strich. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag und sie setzte ihren Weg zum Hotel fort, aber ihre Gedanken wirbelten noch in ihrem Kopf herum. Die Katakomben hatten ihr wirklich nicht gutgetan. Sie erschrak bei jedem noch so leisen Geräusch, zuckte zusammen, sobald sie im Augenwinkel eine Bewegung ausmachte, und bekam eine Gänse­haut, wenn sie an die eigenartige Gestalt dachte, die ihr von den Katakomben gefolgt war. Und obwohl sie versuchte sich einzureden, dass das Einbildung gewesen war, konnte sie das eisige Gefühl nicht abschütteln, das sie befallen hatte. Sie war sich sicher, dass die Gestalt kein Hirngespinst war und doch konnte sie sich nicht sicher sein.

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Die Lichter vor ihr wurden heller, kamen näher, während sie ihre Beine zwang, sie noch schneller vorwärts zu tragen. Als sie in den Lichtkegel der ersten Laterne trat, wagte sie noch einmal einen Blick über die Schulter, aber sie konnte die Gestalt nicht mehr ausmachen. Sie schien wie vom Erd­boden verschluckt. Schaudernd wandte sie sich ab und suchte sich ihren Weg durch die stillen, ausgestorbenen Gassen von Paris, bis ihr wieder vereinzelt Menschen begegneten. Sie erreichte einen Platz, auf dem noch reges Treiben herrschte. Den Kopf in den Nacken gelegt blickte sie an einer Kirche empor und stellte verwundert fest, dass es noch gar nicht so spät war. Die Zeit in den Katakomben hatte sich länger angefühlt.

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Sie beschleunigte ihre Schritte und rannte auf die schwachen Lichter der Straßenlaternen zu, die nicht mehr weit entfernt schienen. Erneut vernahm sie ein leises Schaben hinter sich, das klang, als würde man ein Stück Eisen über den Beton ziehen. Sie lief weiter und warf nur einen kurzen Blick über die Schulter. Vor Schreck stolperte sie über ihre eigenen Füße und musste um ihr Gleichgewicht kämpfen. Hinter ihr war eine Gestalt aufgetaucht, die sich ihr näherte. Sie konnte zwar keine Einzelheiten, sondern nur die Umrisse erkennen, und doch überlief sie ein Schauer. Irgendetwas an dieser Gestalt verängstigte sie, ließ ihr Herz schneller schlagen und ihre Schritte größer werden.

Im Schatten eines Hauses machte sie eine Bewegung aus und unterdrückte einen Aufschrei. Gebannt starrte sie auf die Stelle und ihr Herz raste, während sie ihren Blick nicht abwenden konnte.

Sophia Panek

Ein kratzendes Geräusch ließ sie erstarren und herumwirbeln. Sie konnte nichts erkennen und doch bekam sie eine Gänsehaut. Schon in den Katakomben war sie das Gefühl nicht losgeworden, dass ihr jemand folgte.

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Robin Max Reisenauer

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ROBIN MAX REISENAUER Text über mich Name: Robin Max Reisenauer Geburtsdatum: 2. 5. 1998 Geburtsort: Wien Schule: ORG Anton-Krieger-Gasse Sternzeichen: Stier Nationalität: Österreich, Deutschland Sprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch

Frühlingsregen, Sommerabende, Flugzeuge, und zwar große. Sonnenuntergänge, Roadtrips. Straßenwirtshäuser, Oldtimer, Sechzigerjahre. Malzbier, Single Malt Whisky, Kaffee – aber schwarz. Lakritze, Zwei-Minuten-Steak. AC/DC, Linkin Park, Alice Cooper, Rolling Stones, Nirvana und Twisted Sister – gute alte Rockmusik auf staubigen Vinylplatten. Feiern, ins Kino gehen, campen, Freunde, Familie. Singen und Gitarre spielen. Draußen sein. Die Berge, die Einsamkeit. Das bin ich, einfach gesagt. Doch das beschreibt nicht mal annähernd, was es bedeutet, ein Schreiber zu sein. Was ist ein Schreiber? Er muss keine Bestseller vermarkten. Er muss keine Serienverträge abschließen. Er muss nicht im Abspann des neuesten Millionenfilms erwähnt werden. Das Gefühl muss da sein. Das Gefühl, wenn die dunkelblaue Tinte langsam ins Papier sickert und sich in der eigenen Handschrift eine Geschichte manifestiert. Das Gefühl, nicht nur Teil einer einfach gestrickten, normalen, langweiligen Welt zu sein. Sondern viele schöne, spannende, traurige, böse, gute und fantastische Welten in sich zu tragen. Es geht darum, loslassen zu können und den Flug in andere Dimensionen zu starten, ganz woanders zu landen. An Orten, die nur einem selbst gehören. Wo weder Gesetz noch Wissenschaft gültig sind. Schreiben ist Freiheit. Es gibt nichts Unmögliches, das durch das Schreiben nicht schon möglich gemacht wurde. Man muss keine endlosen Gedichte verfasst haben, um ein Schreiber zu sein. Schreiber sind Träumer. Träumer sind Schreiber. Und das bin ich. Cheers.


Kein Wind, kein Geräusch. Die gelegentlich anfliegenden Passagierjets blieben aus. Auf dem Platz stand ebenfalls alles still. Kein Mensch rührte sich, zwar waren sie noch anwesend, doch ihr alltäglicher Tatendrang war nun durch etwas gehemmt, etwas, was sich nicht erklären ließ. Es war ein beklemmendes Gefühl, alles schien tot und noch mehr als tot, was selbstverständlich unmöglich war, und das beklemmte so sehr, etwas Unmögliches, das passierte. Plötzlich erhellte grelles Licht den Boden, die Wolken waren verschwunden. Eine unbeschreiblich bedrückende Stimmung verbreitete sich unter den Leuten. Man hielt Ausschau nach dem Horizont, doch dieser existierte nicht mehr. Und dann geschah es, es begann zu regnen. Der Regen flog in alle Richtungen, von links nach rechts, von unten nach oben, kreuz und quer und quer und kreuz und in Richtungen, von denen man bis dahin noch gar nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Nur nicht von oben. Denn es gab keine Wolken. Große Risse im Erdboden verschluckten alles, was nicht niet- und nagelfest war, und selbst das. Im nächsten Moment waren sie verschwunden. Der Tag war hell, freundlich und wohl genauso wie alle anderen. Und doch war er anders. Denn er war bereits vorbei. Und doch hatte derselbe Tag gerade erst begonnen. Er hatte gut begonnen. Alles war wieder normal – zumindest schien es so. Die Menschen, die zuvor überall gewesen waren, waren nicht mehr da. Statt ihnen besetzten nun Schatten das verkommene Stadtzentrum. Mit den Schatten begann alles zu verschwinden. Nichts gab es mehr und in dem Nichts gab es alles. Ein Hunger verschluckte die Welt, der von Menschenaugen nicht gesehen werden sollte. Bloß die Sanduhr stand noch da. Und sie glänzte wie noch nie zuvor. Das alles war nie passiert und doch würde es noch passieren. Und in der Zukunft, in der es bereits passiert war, passierte es gerade in diesem Moment, mit einem Ausblick in eine weitere Zukunft, und einem Rückblick in eine andere Vergangenheit, die als Zukunft der großen Zerstörung in der nicht vorhandenen Zeit lag. Das Dorf stand noch. Der Platz war da. Die Menschen. Die Sonne. Die Wolken. Auf einem großen Haufen Sand. Und keiner von ihnen wusste, was ihnen noch bevorstand. Der Tag war trüb, seltsam und absolut anders als jeder andere. Er war nie geschehen und doch hatte er sich zugetragen.

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Robin Max Reisenauer

Der Tag war trüb, seltsam und absolut anders als jeder andere. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, doch glühendes Sonnenlicht kämpfte sich bis zum Boden durch. Es war ein bedrohliches Sonnenlicht, grünlich schimmernd und eindeutig warnend. Auf dem großen Stadtplatz tummelten sich wie stets reiche Menschenmengen, alle waren sie dabei, irgendwelchen Beschäftigungen nachzugehen. Über ihnen, im Schatten des Daseins, im Licht der Gegenwart, thronte sie, die gigantische Sanduhr. Der feine Staub rieselte durch die enge Mündung in der Mitte des Glaskörpers und landete in den wirren Massen, die sich bereits am Boden befanden. Doch heute schien es anders. Der Sand rieselte langsam, sehr langsam. Die einzelnen Körner schienen in der Luft stehen zu bleiben. Meist passierten die Menschen die Sanduhr gleichgültig, mehr wie ein banales Denkmal, eines von tausenden, die über die Jahre entstanden waren und ungefähr genauso viel Bedeutung hatten wie die Hinterlassenschaften, die sich um sie herum ansammelten. Nichtsdestotrotz war die Sanduhr etwas anderes. Sie diente nicht der bloßen Erinnerung. Sand rieselte schon seit jeher durch die Enge und keiner wusste, was passieren würde, sollte sie eines Tages ausgelaufen sein. Da sie fest im Boden verankert war, würde es sich als schwierig erweisen, sie umzudrehen. Heute war der Tag, an dem es so weit war. Bald würde der letzte kleine Gesteinssplitter auf dem großen Haufen landen, sanft hinunterrollen, bis er schließlich zum Stillstand käme. Die Wolkendecke zog sich zu, schien immer dichter zu werden, doch irgendwann würde es nicht mehr gehen. Irgendwann würde die größte Dichte erreicht sein. Just in dem Moment war es geschehen. Die Sanduhr war leer. Nichts passierte. Tatsächlich nichts.

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Als die Zeit verschwand


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Dread Vale

Robin Max Reisenauer

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It was a very hot evening. One badly hot evening. One of those evenings that felt absolutely odd, the kind of odd implying a sensation that world‘s last day was just coming to a close. Way too silent, way too damp. Dusty air blanketed the valley as well as the village it bordered, like vast stormclouds during a wrathful tempest at swelling sea. Scorched by the dim sunlight that was yet strong enough to pierce through the haze, the rocky ground glowed, bathing the vale in a reddish light, which contrasted to the dark gray sky. The sight seemed menacing, as though being a foresight to something bad about to bechance. The town enclosed in huge ridges of red rock was called Emberdale, it bore the name for a reason, a fateful, terrifying one. And the evening happened to be linked to the reason. It had been fearfully anticipated since the last year had ended. Citizens of Emberdale had been suffering, grand woe had befallen them consistently. Since that one night, when all changed, when destiny decided to take a dangerous turn, beneath the forest, behind the rock hills, these evenings had occured every year on the night‘s anniversary. For one of those evenings had preceded the cruel, gruesome night. The villagers were uncalm, silently bursting in panic. Next to the creeping, insidious hysteria lay, shadowy and beneath any sunray, a small pub. Filled to the edges as its guests theirselves, as those were attempting to tipple away their anxiety. Among them were two travellers on the journey through. They had just heard about the story, oblivious to the supernatural darkness surrounding the vale, dismissing it as foolish humbug, nothing more than empty, meaningless urban legends. Young though they were, having just

finished High School, all they were up to was getting first as wasted as possible and then laid afterwards, with as many village tarts as possible. And their plan seemed to work out quite well. Golden Bourbon Whiskey flowed down their throats like giant apocalyptic deluges. Hammered: Checked. Yet before there was time to get off to some chicks, Sean felt an uneasiness in his stomach. The golden deluge started to blaze its trail upwards, back to the fresh air. Paul felt the same, yet the spirits left his body in a quite more natural way. While Sean was being sick, Paul stood at the urinal. Obviously the storm had hit some of the aboveground current lines as the neon lights started to flicker. Paul left the urinal and called: “Sean, y‘alright, man?”. His mate responded with a retch. “Well, I‘ll be waitin‘ outside ...”. As he attempted to go, two words reached his ears. “Father ... home ...”. “What were you saying?”, he asked Sean, amazed by the odd words. Yet, after a second, he shook his head, supposedly his friend had just made an odd remark out of nowhere - rather out of the bottle. He went to the basins. In the mirror he spotted what he assumed was Sean approaching him. Yet it was not Sean. It was a boy. Pale-faced with black stains. Deep scars stretched all over his body that was barely covered with a ripped shirt. Paul winced and batted his eyelashes. In the next moment the boy was gone. Probably it was only a delusive picture his drunk brain had created. He opened the door and left the bathroom. Weirdly silent, the corridor lay in front of him. As he turned right, leaving the corridor, mist covered what should have been the public room. Thick wafts enclosed him like arms grabbing his waist, the thickness blinded him. “Hello!?”, he called. No-one responded. “Where are you all?”, he asked. There was no single person. All of a sudden, in all the haze and darkness, a small light appeared. As he began wondering, the light gained size. Glass broke. Music started to play - out of a battered ancient gramophone. As though projected on the mist, Emberdale‘s story played in front of his eyes. Emberdale, the city that was now ruined and abandoned, had once housed a coal mine. For over a hundred years, the mine had brought the town grand prosperty and happiness. Until the day it burned. Burned because of the negligence of one single man. That was why the evenings were strange. That was why dust and smoke gathered above the vale. That was why they came to take one villager. Every year. Until the heir of their murderer was found. When Paul recalled the story he had been told by the friendly young hotel employee, it was already too late. He could feel the cold, dirty fingers gripping his neck, sense the cold breath in his back, a voice whispered: “When will father come home?”. Black eyes all of a sudden glared upon his face. “You killed father!”


Dolan

Seit Tagen war er nun durch die Wildnis gestreift, ohne ein Anzeichen auf den nächsten Wegpunkt. Manchmal wünschte er sich, er hätte sich niemals auf den ihm auferlegten Auftrag eingelassen, doch letztendlich hatten sie ihm keine Wahl gelassen. Schlussendlich hatte man ihm gedroht, seine Familie, die sich in Gefangenschaft befand, zu töten. Bis zur nächsten Mondwende musste es geschehen sein. Schließlich war er nicht der Einzige, der, wenn auch unfreiwillig, hinter dem Juwel her war. Die Schreie eines Adlers hallten durch die Gegend, wurden von steinernen Felswänden verstärkt. Geantwortet wurde vonseiten der Kojoten, die innerhalb der Felshöhlen Zuflucht suchten. In die Klänge der Natur mischte sich ein Geräusch, das ihm nur allzu bekannt vorkam. Und ihn alarmierte. Es war

„Hört sich ja sehr düster an“, befand der Wirt, dem er gerade seine Geschichte erzählt hatte. Seine weiseste Entscheidung war dies nicht, doch hatte ihn der starke Schnaps verändert. Dolan hieß das kleine Dorf, in dem er nun speiste und vorhatte, die Nacht zu verbringen. Ein kleiner, heruntergekommener Gasthof am Ende der Straße war seine Herberge, doch es war besser als die letzten Nächte, als er mit offenen Augen halb wach liegen musste, um auf wilde Tiere und Schurken zu achten. Obgleich er hier unter steter Beobachtung stand. Keine Sekunde Ruhe hatte er hier. Man wusste allerorts Bescheid, über jeden, der auf der Suche war. Manche waren ihm wohlgesonnen, manche anderen Suchern. Andere wiederum verachteten und verfluchten jene, die sich anmaßten, das Juwel, dessen strahlendes Licht nicht im Geringsten in Worte gefasst werden konnte, auch nur im Träume in ihrem Besitz zu wähnen. Als er ausgetrunken hatte, kam der Wirt und nahm sein leeres Glas. Er gab ihm den notwendigen Sold, ein wenig Trinkgeld dazu. Der Wirt war gerade dabei, sich zu entfernen, da standen sie bereits vor der Tür, mit klappernden Rüstungen. Man war ihm gefolgt.

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das schleifend, zischende Geräusch einer Klinge, die aus einer eisernen Scheide gezogen wurde.

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Robin Max Reisenauer

Donner schlug auf das Tal. Der Wind schnitt sich schmerzend in seine Haut, fühlte sich fast an wie die scharfen Klingen, die die Wilden den ahnungs­ losen Reisenden, denen sie auflauerten, in ihre meist unschuldigen Herzen trieben. Bald würde es zu regnen beginnen, noch lag der drückende, drohende Dunst in der Luft, der den Himmel schwarz einfärbte, doch die Erde hell aufscheinen ließ wie das Juwel, das man ihm aufgetragen hatte zu suchen. Er wusste nicht, wie es nun tatsächlich aussah, wusste nicht, wer es besaß, warum man es brauchte und wieso er folglich mit der Suche betraut worden war. Man hatte ihm nur berichtet, dass es sich um ein goldenes Schmuckstück handle, das sämtliches Licht von den Sternen in sich aufnahm, um es schließlich zum Zwecke seiner Schönheit einzusetzen. Alles, was er wusste, war, dass er nun sehr viel Ärger am Hals hatte.

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Claudia Zenz

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CLAUDIA ZENZ Wer bin ich? An der unendlichen Anzahl an Universen bin ich ausgerechnet in dem ­Universum gelandet, wo Superhelden fiktiv sind und sich Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Sexualität und Reli­gion umbringen. Erstklassig. Ich schätze ich gehöre zur fehlerhaften Rasse Mensch. Wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz im Stich lässt, würde ich mich trauen zu behaupten, mein Name sei Claudia. Des Weiteren habe ich gut in Biologie aufgepasst, deshalb möchte ich jetzt die Behauptung in den Raum stellen, dass ich weiblich bin. Und wenn ich mich jetzt auf meine mathematischen Kompetenzen ver­ lassen kann, möchte ich voller Stolz sagen, dass ich 235 Jahre alt bin! Ups, da habe ich mich wohl etwas

verrechnet, natürlich bin ich erst 16 Jahre alt. Da hat mein kompetenz­orientiertes Denken wohl nicht so ganz funktioniert, ich Dummerchen. Hatte ich schon erwähnt, dass Mathematik nicht gerade meine Stärke ist? Doch die Frage, wer ich bin, ist noch immer ungeklärt. Beschreiben wir mich doch einmal so: Ich bin eine von denen, die in ihrem DVD-Regal Horrorfilme, ­schmalzige Filme und schrecklich viele Serien stehen haben, in meinem Bücherregal finden sich jedoch nur Fantasy-Bücher. Ich bin das Mädchen, das die Treppen nimmt anstatt der Rolltreppe. Ich bin diejenige, die auf ihrem Musikplayer Punk, Heavy Metal und Classic laufen hat. Ich bin das Mädchen, das noch gerne um zwei Uhr Nachts wach ist, weil es theoretisch stundenlang die Wand ansehen könnte, ohne gefragt zu werden, warum sie das tut. Ich bin der Typ Mensch, der mehr denkt als redet. Nur was sagt das über mich aus? Höchstwahrscheinlich irgendetwas total Tiefgründiges … Aber ich schätze, das ist Interpretationssache.


Die Küche, die in Zitronengelb erstrahlte. Sonnenstrahlen, die durch das Fenster lachten und Kringel auf den Küchentisch malten. Der Kaffeekocher, der schon lange nicht mehr benutzt worden war. Der Kühlschrank, wie immer fast leer. Das Abwaschbecken, in dem sich bereits ein paar Teller stapelten. Auf der Kante der Küchentheke Brotkrumen, die alle von halbherzig geschmierten Marmeladebroten stammten. Und die Küchenuhr. Tick Tack. Sie stand auf. Ja, sie stand auf. Langsam, Schritt für Schritt ging sie auf die Wand zu, an der die alte Uhr hing. Lange blickte sie zu der Uhr hinauf, bis sie sie schließlich bedächtig von der Wand nahm. Sie hielt sie nun in den Händen. Diese alte Küchenuhr mit der abgeblätterten Farbe. Mit ihrem Zeigefinger strich sie vorsichtig über das Ziffernblatt. Ihre Hände begannen zu zittern. Der große Zeiger rückte weiter. Tick Tack. Mit voller Wucht ließ sie die Uhr gegen die Küchentheke krachen. Ein Schrei. Ein Schrei aus ihrer Kehle. Tränen flossen. Zusammengesunken auf dem Boden. Die Uhr hatte aufgehört zu schlagen. Tick Tack. Tick Tack. Sie blieb sitzen. Hasserfüllt starte sie zu der alten Uhr hinauf. Nach einiger Zeit wandte sie

Ihr Blick wanderte zum Abwaschbecken. Dorthin, wo das Messer lag. Das glänzende silberne Messer, das ihr freundlich zulächelte. Es wäre nur ein Schritt gewesen. Ein so einfacher Schritt. Doch sie konnte nicht. Sie war zu schwach. Hasserfüllt wandte sie sich wieder ab. Sie hatte gewonnen, die Krankheit hatte wieder gewonnen.

Geheimnisse Ich öffnete die Augen. Der dunkelrote Saum eines Betthimmels spannte hoch über meinem Kopf. Wie komme ich bloß hierher? Ich richtete mich auf und schlug die warme Bettdecke beiseite. Auf der rechten Seite des Zimmers befand sich ein Fenster mit dunkelgelben Gläsern. Trotz der dicken Schicht Staub, die auf den Gläsern lag, drang das Sonnenlicht hindurch und flutete den Raum mit Licht. Auf der linken Seite des Raumes standen eine Kleider­truhe und ein runder Tisch, darauf eine graue Karaffe. Erst jetzt merkte ich, wie meine Kehle brannte. Ich schwang meine Füße über die Bettkannte und erhob mich. Ich steckte einen Finger in die Karaffe. Ich hatte gelernt, vorsichtig zu sein. Doch das Wasser schmeckte normal. Gierig griff ich das Gefäß mit beiden Händen und trank es bis auf den letzten Tropfen leer. Nachdem ich meinen Durst gestillt hatte, begann ich meine Kleidung zusammenzusuchen. In der Kleidertruhe befanden sich meine Stiefel und der Umhang. Meine braunen Jagdstiefel waren zwar etwas dreckig, aber noch in gutem Zustand. Der Umhang war auch von Erde und Schlamm verkrustet, doch das machte mir nicht viel aus. Irgendetwas fehlt mir … Mein Schwert und meine zwei Dolche! Diese lagen nicht in der Truhe. Suchend blickte ich mich um. Ich fand sie fein säuberlich aufgereiht liegen auf der Kommode neben dem Bett. Äußerst merkwürdig. Die beiden Dolche steckte ich mir links und rechts in die Schuhe. Meine Finger ließ ich andächtig über den kühlen Stahl meines Schwertes gleiten. Mein Schwert war äußerst leicht, es war gut ausbalanciert. Ich konnte mit schweren Schwertern schlecht umgehen. Doch meine Klinge war praktisch wie eine Verlängerung meines Armes. An diesem Schwert hingen viele Erinnerungen … Das Schwert ließ ich zurück unter meinen Umhang wandern.

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Tick Tack. Tick Tack. Immer wieder Tick Tack. Die alte runde Küchenuhr aus Holz, an deren Rändern bereits die Farbe abblätterte. Tick Tack. Sie machte diese verhassten Geräusche. Tag ein Tag aus. Wie konnte sie es nur wagen zu funktionieren. So perfekt zu funktionieren. Tag ein Tag aus. Tick Tack. Tick Tack.

ihren Blick wieder ab, zurück ins Nichts. Das Kribbeln, das sie in ihren Fingern spürte, gespürt hatte, war längst vergangen. Sie war müde. Müde vom Müdesein. Sie konnte nur noch mehr dasitzen. Dasitzen und nichts tun. Dasitzen und atmen.

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Claudia Zenz

Tick Tack


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Claudia Zenz

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Mein Geldbeutel ist mit der Zeit schon ziemlich leicht geworden. Ein Blick hinein bestätigte es mir nur. Es waren nur noch zehn Goldmünzen und ein paar Silberlinge vorhanden. Ich musste seufzen. Es war wieder so weit. Das Geld musste vermehrt werden. Essen kostet nun mal Geld und mein Magen füllte sich schließlich nicht von alleine. Ich verdeckte meine Tätowierung mit der Kapuze und trat aus dem Zimmer hinaus. Es war ein ziemlich schmaler Gang mit fünf weiteren Zimmern. An den Wänden hingen große violette Banner mit goldenen Umrandungen. Auf den Bannern war mit goldenem Faden die rechte Hälfte der Burg Lichtstein aufgestickt. Anscheinend wurde ich von dem Elfen in einer Herberge in Beorn unter­gebracht. Meine Vermutung bestätigte sich, als ich ins Freie trat. Ich war schon des Öfteren hier gewesen. Ein hübsches Städtchen. Die Straßen waren sauber und überall blühten Blumen in den schönsten Farben. Von weiter Ferne hörte ich Musik spielen. Beorn war bekannt für ein makelloses Äußeres. Doch auch die schönsten Dinge haben ihre dunklen Seiten. Vertraute wissen genau, dass Beorn wenige Wachen hat. Es waren fried­ liche Zeiten. Und genau das wird schamlos ausgenutzt. Der Schwarzmarkt war enorm groß und auch das Glücksspiel lief nicht schlecht. Ich begann durch die Straßen zu wandern. Ich musste nicht lange suchen, bis ich mein Ziel gefunden hatte. Es war ein kleines Gasthaus namens Goldener Adler. Von außen schien es wie jedes andere zu sein. Doch wenn man genauer hinsah, sah man aus dem Keller­ fenster Rauch aufsteigen. Der Rauch roch leicht süßlich. Rauschkraut.

Rauschkraut war hier eine Seltenheit. Man fand es eher im Norden bei den Elfen vor. Jeder Vertraute wusste, dass wenn Rauschkraut im Spiel war, die illegalen Aktivitäten auch nicht weit sein konnten. Ich trat in das Gasthaus ein, worauf eine etwas molligere Wirtin mich empfang. Ihr Gesicht war aufgedunsen und ihr braunes Haar hing ihr strähnig an den Seiten herab. Sie fragte, ob ich einen Tisch alleine haben wollte oder noch auf jemanden wartete. Ich sagte ihr, dass ich alleine hier war und ob sie noch einen Platz bei den Vertrauten hätte. Durch ihre kleinen Augen musterte sie mich durchdringend, bis sie ein krächzendes „Ja“ herausbrachte. Sie führte mich durch die Küche hindurch zu einer Holztür. Diese öffnete sie und schloss sie auch sogleich wieder hinter mir. Die Wände waren feucht und die Treppe wurde zunehmend ­schmaler. Die Treppe mündete in einen rauchigen Raum. An den Seiten standen Stühle mit großen Lehnen und runden ­Tischen. Dort wurde geraucht und verschiedenste Dinge getauscht. Doch mein Ziel war die Mitte des Raumes. Der große grüne Kartentisch. Dort saßen fünf Gestalten, die bereits mit einer beträchtlichen Summe Geld spielten. Als ich auf den Tisch zukam, begann ein Mann mit Narbe über der Wange schallend zu lachen. „Komm nur her, Frischfleisch!“ Mit einem Grinsen ließ ich mich auf den freien Stuhl neben ihm gleiten. Er würde nicht wissen, wie ihm geschah.

Ich griff nach meinem Geldbeutel, der gut unter meinem Umhang verborgen lag, und schüttete die restlichen Münzen auf den Tisch. Der Narbenmann lachte. „Du hast ganz schön viel Mut, Bürschchen. Das muss man dir lassen. Du kannst mich Seekind nennen.“ Ein Seekind also. Viele Menschen in der Stadt hatten einen Deck­namen. Die Decknamen gaben darüber Auskunft, mit welchen Waren und Informationen man dienen konnte. Seekinder waren Schiffsleute oder oft auch Piraten. Der Narbenmann wirkte auf mich eher wie ein Pirat. Die Frau rechts neben ihm begann die Karten zu mischen. Ihre zierlichen Hände versteckte sie unter schwarzen Handschuhen. Lange haselnussfarbene Haare fielen ihr bis über die Brust. Ihre Augen waren braun, doch es lag ein grauer Streif darin, der sie sehr wachsam und klug aussehen ließ. Ihre vollen Lippen rundeten das ganze Erscheinungsbild ab. Sie war eine sehr schöne Frau. Ihre Kleidung war noch recht ordentlich. Sie trug eine dunkelgrüne Tunika und eine braune Hose. Vermutlich war sie eine Jägerin.


Ich beschloss einzusteigen. Ich spielte Runde um Runde. Den armen Jungen zog ich sein ganzes Geld ab. Dafür dass er so ein schlechter Spieler war, hatte er aber erstaunlicherweise viel Geld. Als ich ihm das letzte Geldstück aus der Tasche zog, betrachtete er mich einige Zeit. Er schien am Überlegen zu sein, ob er seinen Mund aufmachen wollte oder nicht. Er öffnete ihn und schloss ihn kurz darauf wieder. Er schien seine Worte noch einmal abzuwägen, bis er den Mund wieder öffnete. „Ich bin neugierig. Verratet mir eins. Kommt ihr aus dem Norden oder seid ihr nur auf Reise?“ „Ich bin nur auf der Durchreise.“ Der Junge begann zu grinsen. „Nenn mich Spatz. Ich habe Informationen, die besonders DICH interessieren werden. Doch ich bin leider furchtbar

Er hatte mein Interesse geweckt. Ein Spatz. Er musste also für den König aus Beorn arbeiten. Wieso hatte ich das nicht vorher bemerkt!? Er hatte außerordentlich gute Gewänder an und dazu auch noch in Lila, die Farbe von Beorn. Ich nickte ihm zu. Er lächelte. „Gut. Aber lass uns unsere Unterhaltung oben fort­führen.“ Er und ich erhoben sich. Auch die Jägerin stand auf. Wir gingen einzeln die schmale Treppe nach oben. Oben angekommen klopfte er gegen die Tür. Die Wirtin öffnete diese und ließ uns nach draußen. Wir durchquerten das Lokal und traten hinaus ins Freie. Die frische Luft traf mich mit einem Schlag. Erst jetzt bemerkte ich, wie stickig doch der dunkle Keller gewesen war. Mein Geldbeutel war nun prall gefüllt. Ich nahm zehn Goldstücke heraus und reichte sie dem Spatz. Dieser nahm sie natürlich sofort entgegen und steckte sich die Münzen in die Tasche. Er blickte sich links und rechts um. Die Luft war rein, die Gasse war menschenleer. Er beugte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: „…“

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Der Narbenmann war nicht schlecht. Er ließ sich sein schlechtes Blatt nicht anmerken. Doch wenn er ein Gutes hatte, zuckte er immer ein wenig mit dem rechten Daumen. Sein linker Sitznachbar war das vollkommene Gegenteil von ihm. Er war ein miserabler Bluffer. Er spielte fast jedes schlechte Blatt, das er hatte. Noch dazu wippte er unruhig mit dem Fuß. Es war ein Leichtes, ihn zu durchschauen. Die Frau bereitete mir die größten Probleme. Ich konnte an ihr keine Anzeichen für einen Bluff oder sons­tiges erkennen. Sie schien die Ruhe selbst zu sein.

heiser und habe nicht mehr genug Geld, um meine trockene Kehle zu befeuchten.“

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Claudia Zenz

Sie teilte die Karten aus, ich war ganz zufrieden mit meinem Blatt. Doch trotzdem legte ich es ab. Ich musste beobachten, herausfinden, wer meine Gegner waren, erkennen, wie sie spielten.


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Himmlische Kekse und drei scheiß Kinder

Himmlische Kekse und ein Mord (Die Fortsetzung)

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich meine erste und einzig wahre große Liebe kennenlernte.

Ich war damals 13 Jahre alt, als ich meine erste und einzig wahre große Liebe kennenlernte. Wir trafen uns zum ersten Mal bei der Geburtstagsfeier von meiner Mitschülerin Chantal. Genauer gesagt beim Buffet. Ich mochte Chantal nie, aber die Kekse von ihrer Mutter waren lecker.

Wir trafen uns zum ersten Mal bei Chantals Geburtstagsparty. Genauer gesagt beim Buffet. Ich mochte Chantal nie wirklich, aber die Kekse von ihrer Mutter waren voll obergeil. Diese Kekse waren so geil, es hätten Himmelkekse sein können, es war so, als würde man auf Babyeinhörnern reiten. Sie schmeckten so wie Alkohol an einem Samstagabend und wie eine Zigarette am Montagmorgen. Diese Kekse waren einfach nur Bombe. Ich wollte mir gerade den letzten Keks angeln, als ein Junge sie vor mir wegfutterte. „Ey du Stück! Das sind meine“, rief ich ihm erbost zu. Da drehte er sich mit dem Mund voller Kekse zu mir. Kekskrümel bröselten ihm aus dem Mundwinkel. Und das erste, was ich mir dachte. WOW, der ist ganz schön sexy. Groß, gebräunt und gutaussehend. „Das waren meine Kekse! Aber du hast Glück, du schaust wenigstens gut aus. Meine Name ist Jaqueline-Ashley und wie heißt du?“ „Ich heiße Jeremy-Pascal Kevin“, antwortete Jeremy-Pascal Kevin. Noch am gleichen Abend machten wir miteinander rum. Und in der gleichen Nacht wurde ich von ihm schwanger. Wir setzten drei Kinder in die Welt mit Namen Tebither-Tiffany, Amadeus Benjamin und Bodutschunkula.

Heute bin ich 23 Jahre alt und werde meine große Liebe zum letzten Mal sehen. Wir würden uns zum letzten Mal bei der Geburtstagsfeier sehen. Die Geburtstagsfeier von meiner Arbeitskollegin und ehemaligen Freundin Chantal. Und auch dieses Mal wieder beim Buffet. Es gab wieder diese leckeren Himmelkekse. Ich genoss jeden Bissen. Sie schmeckten so wie die süße Rache, die ich tief in meinem Innersten empfand. Ich wollte mir gerade den letzten Keks nehmen, als ein junger Mann sie mir vor meiner Nase wegschnappte. Es war Jeremy-Pascal Kevin. Er lachte mich an und scherzte: „Kannst du dich noch erinnern. So haben wir uns kennengelernt.“ Mit einem bitteren Lächeln erwiderte ich: „Und ob.“ Danach ließ ich ihn stehen und ging in die Küche. Diese Kekse werden ihm bald noch im Hals stecken bleiben! Lässig wanderte ich zu Chantal und gab ihr Küssen links und ­Küsschen rechts. Diese Schlange … Ich bat sie, mit mir in die Küche zu kommen. Mein Plan war perfekt. Als sie und ich in die Küche kamen, vergewisserte ich mich, dass die Tür zum Wohnzimmer abgeschlossen war. Mein Plan war perfekt. „Duu Chanti, riech doch mal bitte am Kuchen, der riecht so obe­lecker.“ Als sie sich über den Kuchen beugte, griff ich zum Messerblock, griff das größte und stach ihr in den Rücken. Die scharfe Klinge glitt einfach durch ihr Fleisch. Das Schreien ihrerseits unterdrückte ich, indem ich ihr hässliches Gesicht in die Torte drückte. Ich zog das Messer wieder heraus und ließ sie ausbluten wie das dreckige Schwein, das sie doch war. Ich beugte mich zu ihr herunter und flüsterte ins Ohr: „Du hättest mir damals besser nicht Jeremy-Pascal Kevin ausspannen sollen.“  


Die Jahre mit dir

In der dritten Klasse Hauptschule. Als ihr eure Katze Tapsy einschläfern musstet. Wie ich bei dir übernachtet habe und wir uns ein Bett geteilt ­haben, ich dir so lange übers Haar gestrichen habe, bis du aufgehört hast zu weinen und in den Schlaf gesunken bist. Nach der Hauptschule entschieden wir uns für die gleiche Schule. Dort wo wir neue beste Freunde fanden, mit denen wir so viel Blödsinn erlebten. Die vielen gemeinsamen Abende. Besonders dieser eine Sommerabend blieb mir im Gedächtnis. Als wir uns alle an einem der letzten sonnigen Tage ins Schwimmbad geschlichen haben.

Wie das alles dann passiert ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch du warst plötzlich in den Armen von Brad und ich in den Armen von Armin. Brad und du. Armin und ich. Ich verstand nicht. Eigentlich hätte ich überglücklich sein sollen, welchen Grund hätte es auch gegeben, es nicht zu sein? Doch ich war nicht zufrieden. Irgendwie war ich auf dich eifersüchtig. Ihr schient so glücklich. Was hattet ihr, das ich nicht hatte? Doch langsam begann ich zu verstehen. Langsam hatte ich es begriffen. Ich war nicht auf dich eifersüchtig. Ich war auf Brad eifersüchtig.

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Später als wir in die Volksschule kamen und die Nachmittage gemeinsam verbracht haben. Hinter dem Haus meiner Oma, auf der grünen Wiese mit den vielen großen Kastanienbäumen. Im Frühling pflückten wir die schönsten Blumen für unsere Mütter. Im Sommer saßen wir im Gras und banden uns gegenseitig Gänseblümchen ins Haar. Im Herbst hüpften wir in den großen Laubhaufen, dass die Blätter nur so davonflogen. Und im Winter bauten wir die größten Schneeburgen, die es gab.

An dem Tag sind Sonja, Alex, Daniel, du und ich zum ersten Mal gemeinsam vom Sieben-Meter-Turm gehüpft. Später als wir uns alle abgetrocknet hatten und hinten auf der großen Wiese das kleine Lagerfeuer entzündet hatten und dicht nebeneinander ­kuschelten. Wie langsam die Sonne unterging und der Wind durch deine Haare fuhr. An dem Abend saß ich neben dir und zum ersten Mal fiel mir richtig auf, wie schön du doch warst. Dieser Abend voller Glück hätte ewig dauern können.

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Doch ich beschloss, es dir nicht zu sagen. Mein Geheimnis tief vergraben. Nie sagte ich es dir. Ich war für dich als Freundin da. All die Jahre. Mit mir und Armin hielt es nicht lang. Als Brad sagte, es würde mit euch nicht funktionieren und er dich weinend zurückließ. Lange wusste ich nicht, wie ich es sagen sollte. Doch jetzt besitze ich den Mut, es zu sagen. Es laut zu sagen, es dir zu sagen.

„Ich liebe dich.“

SCHREIB AKADEMIE

Claudia Zenz

Weißt du noch, wie wir uns kennen­gelernt haben? Damals im Kindergarten, ich kannte noch niemanden und war so schüchtern. Ganz ängstlich habe ich mich hinter meiner Mama versteckt, ihr Hosenbein mit meinen kleinen Fingerchen fest umklammert. Du liefst mit tapsigen Schritten auf mich zu und hast mich angelächelt. Sofort habe ich dir vertraut.


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SCHREIB AKADEMIE

PERCHTOLDSDORF Klasse Barbara Winzely & Ulrike Bergsmann

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TEILNEHMENDE Nicole Jappel Magdalena Luger Nora Perchtaler


Schreibakademie PERCHTOLDSDORF

SCHREIBAKADEMIE PERCHTOLDSDORF

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Nicole, Magdi und Nora aus der Schreibakademie Perchtoldsdorf zeigen hier, was im Laufe der Schreibabende so alles passiert ist: Schreiben zu Kunst, Wörtererfindungen, eine Fahrt mit der Straßenbahn Linie 5 durch Wien, bei der wir uns die Stadt mit den Augen eines Aliens angeschaut haben, ein Schreibmarathon, Schreiben im Café, Körperteile kommunizieren, eine Endlosgeschichte, ein Advent­kalender für den Bürgermeister, Texte, Texte, Texte. Die beiden Leiterinnen der Schreibakademie Perchtoldsdorf, Ulli Bergsmann und Barbara Winzely von sprachraum.akademie für text und therapie, die die Schreibakademie Perchtoldsdorf in Koopera­tion mit den Kreativakademien geleitet haben, freuten sich über ­viele erstaunliche, spannende, traurige, lustige, lange, kurze, ­gruselige, fröhliche, berührende Texte. Auf Wunsch der Teilnehmerinnen werden die erarbeiteten Texte nicht veröffentlicht.


ULRIKE BERGSMANN

1965 in Wien geboren Lebt mit ihrer Familie in Mödling Seit über 20 Jahren als Frau in der Wirtschaft tätig, Spezialistin für Öffentlichkeitsarbeit

Geboren 1959, wohnt in Mödling, verheiratet, drei Kinder. Mitbegründerin von Sprachraum

Seit 1994 Trainerzertifikat des bfi und Leitung von Seminaren im Bereich Kommunikation und Pressearbeit Nach einjährigem Aufenthalt in Japan Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin (seit 1995) Ausgebildet in Poesie- und Biblio­ therapie in Wien, der Schweiz und Deutschland (EAG-Fritz Perls Institut) Seit 2009 Psychotherapieausbildung (Integrative Therapie) an der Donau-Uni Krems Mitbegründerin von sprachraum

2. Preis beim Daniel-Glattauer-Geschichtenwettbewerb Ausbildungen: • Sonderschullehrerin für Allgemeine Sonderschulen und für Schwerstbehinderte • Systemisch-entwicklungsorientierte Psychotherapie (seit 1993 eingetragen in die PsychotherapeutInnen-Liste des BMG) • Multimediale Kunst- und Gestaltungstherapie mit Schwerpunkt Schreiben • Coach (WIFI-Diplom) • Fortbildungen in kreativem Schreiben, Biografiearbeit und Biblio- und Poesietherapie Tätigkeiten: • Sprachheillehrerin, Stützlehrerin, Beratungslehrerin • Psychotherapeutin und Coach in freier Praxis • Trainerin für Elterngruppen (zu den Themen „Lernen lernen“ und „Konfliktlösung“)

Gestaltet und leitet Prozesse im Bereich Kreatives Schreiben für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Seit meiner Kindheit faszinieren mich Buchstaben, Wörter, Sätze und Geschichten.

Mail: barbara.winzely@sprach-raum.at Tel.: 0676/82 81 83 10

Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der ­therapeutischen Wirkung von Literatur und Schreiben.

Schreibakademie PERCHTOLDSDORF

BARBARA WINZELY

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SCHREIB AKADEMIE

WOLKERSDORF Klasse Irene Strรถmer

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TEILNEHMENDE Charlotte Geidans Victoria Schwab David Stรถckl Lena Suete


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SCHREIBAKADEMIE WOLKERSDORF Standort und Besonderheiten Wir, die Schreibakademie Wolkersdorf, sind im zweifachen Sinn sehr jung. Einerseits gibt es uns erst seit zwei Semestern und andererseits sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht älter als dreizehn Jahre. Gemeinsam teilen wir die Freude am Lesen, am Schreiben und an der Beschäftigung mit der Sprache, und das kommt auch in jeder unserer Seminarstunden zum Ausdruck. Immer wieder lassen wir uns von neuem auf abenteuerliche Ent­deckungsreisen ein und sind neugierig, was auf uns zukommt.


Kurzbiografie Bücher, Literatur, schreiben – diese Begriffe umreißen eine Welt, in der ich lebe und die für mich so wertvoll ist, dass ich mich auch gleichsam als deren Botschafterin verstehe. Meine Aufgabe ist es, jungen Menschen das Tor zu dieser Welt zu öffnen und sie auf den ersten Schritten hinein zu begleiten. Gemeinsam staunen und bewundern wir das, woran wir vorbeikommen und was uns begegnet. Wir entdecken verschlungene Pfade und versteckte Plätzchen, deren Vielfalt verlockend ist und zum Bleiben einlädt. Das ist es, was ich in der Schreibakademie Wolkersdorf seit nunmehr einem Jahr meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vermittle. Wir lesen, wir interpretieren, wir skizzieren, wir schreiben, wir lachen, wir überlegen angestrengt, wir lesen einander vor, wir sind uns selbst staunendes und kritisches Publikum zugleich.

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Schreibakademie WOLKERSDORF

IRENE STRÖMER

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Freiheit

Ode an die Obstfliegen

Charlotte Geidans

CHARLOTTE GEIDANS

Was ist Freiheit? Ist es, frei von Schulden und Pflichten zu sein? Nicht in die Schule oder Arbeit zu müssen? Am Strand zu liegen und nichts zu tun? Ist Freiheit überhaupt etwas ­Bestimmtes? Nein. Freiheit ist für jeden etwas anderes. Für die meisten Kinder bedeutet ­Freiheit, nicht in die Schule gehen zu müssen. Aber Freiheit ist doch, in die Schule gehen zu dürfen. Freiheit: F-R-E-I-H-E-I-T Was ist denn jetzt Freiheit? Freiheit ist Freiheit!

Oh, ihr geschätzten Obstfliegen! Zu finden seid ihr vor den Fenstern bis zu den Stiegen. Hier dürftet ihr doch gar nicht sein, Obwohl, ihr seid schon recht klein und fein! Was würdet ihr davon halten – wenn, ihr euch nun schnellstens verzieht, denn ich gebe euch dafür auch eine Birne. Hört doch endlich auf! Ihr klebt mir an der Stirne und an den Händen und dem Knie Herrgott! Verlasst ihr denn das Zimmer nie? Was wollt ihr denn bloß haben? Was wäre, wenn wir euch einen Apfel gaben oder vielleicht eine Ananas oder eine andere Frucht? Ich gebe euch alles, ergreift bitte einfach nur die Flucht!


Er und Sie

Ein Zug kam. Ein roter Zug mit silbener Triebmachine. Eigentlich sehr schön. Personen stiegen aus. Große, kleine, Damen, Herren und Kinder. Die Vielfalt war zu bewundern, doch keiner tat es. Die Zugtüren wollten gerade zufliegen, als noch rechtzeitig eine junge Dame ausstieg. Mit viel Gepäck stürmte sie hinaus. Ist ihr das auch nicht zu schwer? Er wollte ihr zulächeln und helfen, doch sie schaute nicht in seine Richtung. Er wandte den Blick ab, musste aber sofort wieder hinstarren. Jetzt sah sie ihn auch. Lächelte. Sie war wunderschön. Sie blieb stehen. Ihre goldenen Haare wehten ihr ins Gesicht, verdeckten immer wieder ihre tiefseeblauen Augen, ihre rosaroten Lippen, ihre Wangen.

Er stand auf, wollte zu ihr, sie ansprechen, blieb dann wie angewurzelt stehen. Er wagte keinen Schritt weiter und setzte sich wieder. Sie stand auf, lächelte ihm zu, ging zu ihm hin. Doch sie ging an ihm vorbei, zum Getränkeautomaten. Sie suchte in ihrer Tasche, wahrscheinlich nach Geld. Einen Euro fand sie, doch das reichte anscheinend nicht. Sie durchwühlte ihre Tasche weiterhin. Vergeblich. Sie zog ein langes Gesicht. Sie tat ihm leid. Nun warf sie ihre Tasche wieder über ihre Schulter und ging wieder an ihm vorbei, schluckte mehrmals. Sie hatte bestimmt Durst, bemerkte er. Er fasste all seinen Mut zusammen, griff, ohne sie aus den Augen zu verlieren, in seine Hosentasche. War es noch da? Ja, alles an seinem Platz. Er atmete noch einmal ganz tief ein und aus. Die Luft war dünner geworden. Er stand auf, ging in ihre Richtung. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, wie durch einen Tunnel der Unendlichkeit zu gehen. Jetzt stand er vor ihr. Wollte etwas sagen, aber er brachte nichts heraus. Er drückte seine Finger noch fester um den Schatz. Und dann zeigte er ihn ihr und fragte: „Brauchst du zehn Cent?“

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Die Sonne ging gerade auf, leuchtete orange und rosarot. Er schaute auf die Geleise.

Sie setzte sich auf eine Bank, nicht weit von ihm entfernt. Sein Blick war noch immer auf die Schöne gerichtet, und sie erwiderte ihn, musste lachen. Was für eine Aura sie umgab, warm und geborgen.

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Charlotte Geidans

Er saß da. Wartete auf seinen Zug. Beobachtete die Leute, schöne Stimmung. Viele unbekannte Gesichter, überraschenderweise, denn es war ja noch sechs Uhr früh am Sonntag.


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Vicky Catycol

Victoria Schwab

VICTORIA SCHWAB

Er lag da, schlief tief und fest und bemerkte mich nicht. Eigentlich bemerkte mich nie jemand, denn ich war wie eine Katze auf Samtpfoten, lautlos, aber dennoch tödlich. Langsam hielt ich die Waffe an seine Schläfe, dann drückte ich ab. Ein Zucken durchlief seinen Körper und Blut spritzte in alle Richtungen, aber ich war schon wieder weg. Gleich würde ich mir bei meinem derzeitigen Auftraggeber das Geld abholen und dann würde ich zum nächsten Auftraggeber losfahren. Ich bekam immer viele Anfragen, denn ich war ein begehrter Killer. Plötzlich hörte ich näherkommende Polizeisirenen heulen. Wie zwei gelb glühende Augen durchbrachen die Scheinwerfer des Polizeiwagens die Dunkelheit. Na ja. Es war immer das Gleiche, wenn ich jemand erdrosselt, erstochen, vergiftet oder erschossen hatte. Der Inspektor und die anderen

konnten nie den Mörder finden. Dabei stolzierte ich ihnen ja praktisch in die Arme. Zufrieden verschmolz ich mit den Schatten, als ich die ersten Stimmen hörte. Dann holte ich mir mein wohlverdientes Geld und machte mich auf den Weg zum nächsten Job. Diesmal sollte ich eine FBI-Agentin ins Jenseits befördern. Das könnte schon etwas kniffliger werden, aber nicht unmöglich. Nicht umsonst war ich unter meinem gefürchteten Killernamen „Catycol“ bekannt. Trotzdem musste ich für diesen Auftrag einen ausgefeilten Plan schmieden. Als Erstes verschaffte ich mir ausreichend Wissen über eine sogenannte Leonida Black. Ich kannte einmal eine Leonida, aber diese hieß nicht Black und hatte weder Mann noch Tochter. Außerdem war das schon Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Damals hatte sie mich vor dem Altar stehen gelassen – der dunkelste Augenblick meines Lebens! Trotz dieses Ereignisses war ich nie ganz über sie hinweggekommen. In jeder Frau, die ich kennen lernte, suchte ich ihre Augen, ihr Lächeln und ihr Lachen. Nachdem ich genügend Informationen eingeholt hatte, plante ich den Mord. Letzten Endes kam ich zum Schluss, sie leise zu erstechen. Alles war schon ganz genau geplant, nur hatte mein Plan einen Haken. Ich konnte nirgends ein Foto von Leonida auftreiben und wusste daher nicht, wie sie aussah. Mein Auftraggeber drängte aber auf rasche Erfüllung, noch heute. Darum blieb keine Zeit


Plötzlich hob Leonida den Kopf und meine stahlgrauen Augen blickten in ihre eisblauen. Da klingelte es bei mir. Eisblaue Augen und rote Haare, das war Leonida, meine Leonida. Die Leonida, die mich einfach vor dem Altar stehen gelassen hatte. Ihr überraschter Blick ließ darauf schließen, dass sie mich ebenfalls erkannt hatte. Jetzt hatte sie einen Mann und eine Tochter. Ich vermutete, dass sie glücklich war. Aber wenn sie mich genommen hätte, dann wäre sie sicher viel glücklicher, vielleicht sogar wunschlos glücklich. Da erfasste mich auf einmal unbändige Wut. Wie hat sie mich verschmähen können? Ich rannte die letzten Schritte auf sie zu, zog das Messer, hob es und stach von oben auf sie ein. Ich traf Leonida direkt über dem Herzen. Sie sank zu Boden. Währenddessen setzte ihre Tochter zu einem gellenden Schrei an. Doch bevor es dazu kam, hatte ich

In diesem Augenblick erkannte ich, was ich angerichtet hatte. Ich kniete mich zu Leonida auf den Boden und versuchte ihre Blutung zu stoppen. „Zu spät“, hauchte sie, dann schloss sie die Augen und das Leben entwich aus ihr. Trauer überkam mich. Fassungslos starrte ich noch ein letztes Mal auf die Liebe meines Lebens, dann hob ich das Messer und rammte es mir zwischen die Rippen. Mein Leben zog in rasender Geschwindigkeit vor meinen Augen vorbei. Die vielen Morde, die ich begangen hatte und die ich jetzt plötzlich bereute. Leonida, wie sich mich vorm Altar stehen gelassen hatte und wie sie mir das letzte Mal in die Augen blickte. Da begriff ich. Als FBI-Agentin hatte sie herausgefunden, welches Handwerk ich beherrschte, aber anstatt mich zu töten oder auszuliefern, hatte sie mich verlassen. Das ist wahre Liebe. Hätte ich es nur früher verstanden, war mein letzter Gedanke, bevor ich in ein tiefes, schwarzes Loch stürzte.

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Lange musste ich nicht warten, da sah ich schon eine Frau mit Kind. Meine Zielperson, schoss es mir durch den Kopf. Unauffällig näherte ich mich ihr mit meinem in der Manteltasche versteckten Messer. Wie ein gewöhn­ licher Passant ging ich auf sie zu. Ihr Gesicht konnte ich noch immer nicht erkennen, da es von roten Locken verdeckt war. Sie bückte sich gerade zu ihrer Tochter. Perfekt für mich, dachte ich, und machte wieder ein paar Schritte auf sie zu. Das würde eine ziemliche Schweinerei geben, schade um die Tochter – aber was sein muss, muss sein.

schon mit einem einzigen Schnitt die Kehle durchtrennt. Röchelnd sank sie zu Boden. Dann erlosch auch der letzte Funken Leben in ihren Augen. Luisa war tot. Leonida stieß ein gequältes Röcheln aus, und meine Wut war plötzlich wie vom Winde verweht.

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Vielleicht Vielleicht sollte ich springen, vielleicht auch nicht. Vielleicht könnte ich sterben, aber vielleicht würde ich überleben. Vielleicht federt das Wasser den Sprung ab, aber vielleicht ist es hart wie Beton. Vielleicht kommt aber gerade ein Schiff, wenn ich springe, oder ein Helikopter, der unter der Brücke durchfliegt. Vielleicht schwimmt ein Hai in den blau-grünen Tiefen, der mich vielleicht auffrisst. Vielleicht ist auch der Wasserstand so niedrig, sodass ich mir vielleicht einen Arm oder ein Bein, vielleicht sogar beides, breche. Vielleicht springe ich auf ein U-Boot, von dem ich nichts wusste, und das könnte vielleicht kaputtgehen. Aber das will ich nun wirklich nicht. Bei meinem Selbstmordversuch sollte niemand zu Schaden kommen. Vielleicht trauert meine Familie, vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Vielleicht tue ich es, vielleicht auch nicht. Vielleicht bin ich verrückt, wenn ich es tue. Vielleicht. Dennoch sprang ich.

Victoria Schwab

mehr für weitere Recherchen. Ich würde Leonida schon erkennen. Wo ich sie finden konnte, wusste ich. Also machte ich mich auf den Weg. Ich ging in eine verlassene Seitengasse, welche zu einer kleinen Brücke führte, die sie mit ihrer Tochter Luisa überqueren würde.


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David Stöckl

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DAVID STÖCKL

Mein Name ist David Stöckl. Ich bin 13 Jahre jung und gehe in das Gymnasium in Wolkersdorf. Ich besuche die Schreibakademie in Wolkersdorf, da ich gerne schreibe. Ich lese gerne Fantasy-Romane und schreibe auch gerne Fantasy-­ Geschichten.

Auf den ersten Blick „Ist das Leben nicht schön?“, murmelte Adrian, der sich in seiner Hängematte rekelte. Er glaubte, dass es ein ruhiger Tag werden würde. Aber da täuschte er sich völlig. Die Sonne strahlte und schickte goldene Lichtquellen auf die Erde. Adrian genoss den Augenblick voll und ganz. Erst als er plötzlich ein kleines grünes Ding auf seinem Trinkbecher, das sich bewegte und wirklich winzig war, erblickte, stutze er. Der Junge betrachtete das Lebewesen genauer und erkannte, dass es für seine Größe riesige elfenhafte Ohren hatte. Sein erster Gedanke war: „Geh weg von meinem Eistee!“ Doch seine Neugier war geweckt und er bemerkte auch, dass der Winzling traurig zu sein schien. Adrian streckte seinen Zeigefinger nach dem Kleinen aus, doch der machte sich schnell aus dem Staub. Das hieß allerdings, dass er für menschliche Verhältnisse sehr langsam war, wirklich sehr langsam. So konnte Adrian den kleinen Kerl ganz leicht einfangen. Mit beiden Händen hielt er ihn sanft umschlossen. Neugierig lugte der Junge in seine Hände, um den Winzling genauer betrachten zu können. Dabei kam sein Gesicht ganz nah an das Geschöpf. Plötzlich piekte es ihn stark in seine Nase. Vor Schreck hätte er


Er sprang direkt in ein Erdloch unter Adrians Füßen und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nach einigen abwartenden Augen­ blicken fragte sich der verwirrte Junge, was diese Begegnung zu bedeuten hatte und ob er Jonathan je wieder­sehen würde. Doch dies war nicht die letzte und einzige Begegnung mit dem seltsamen Wesen, was Adrian zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wusste war ...  Fortsetzung folgt

Mein lieber Freund, heute beschreibe ich dir etwas Großartiges. Du wirst es nicht ­glauben, aber in der Zeit, in der ich jetzt gelandet bin, gibt es riesen­große eiserne Vögel, die sehr viele Menschen transportieren können. Heute, am dritten Tag meines Aufenthaltes, wollte mir mein Reiseführer Herr Shi-shmi unbedingt etwas zeigen. Wir stiegen also in ein gelbes A-tao, das uns zu einem Platz brachte, der riesengroß war. Neben diesem stand ein sehr großes Haus, in das viele Menschen hinein- und hinausströmten. Auch wir gingen da hinein. Drinnen angekommen, besprach Herr Shi-shmi etwas mit einer Frau in einem Glashäuschen. Er tauschte anscheinend Papier, was ich sehr komisch fand, da dieses Material, also Papier, hier noch immer sehr wertvoll ist. Es war leuchtend grünes Papier. Nun nahm er mich zu einem breitschultrigen Kerl mit, dem ­Shi-shmi zwei dieser Papierscheine gab. Er deutete mir mit seinen Armen und Fingern vor den Augen, dass wir Vögel sehen würden. Ich wusste nicht, was daran so toll sein würde, doch dann ent­ deckte ich sie. Riesige Metallvögel standen zu hunderten auf einer Ebene herum. Andere landeten und flogen auf einer langen Straße. Sie waren in allen verschiedenen Farben zu sehen – grün, rot, blau, gelb und weiß, sogar in der Farbe des Sonnenaufgangs. Der Mann, dem Herr Shi-shmi das Papier gegeben hatte, führte uns durch eine dieser fliegenden Sänften. Hier gab es hunderte von Sitzen, die unter kleinen Schubladen aufgebaut waren, aus denen manchmal Blumen – aber verkehrt – heraushingen. Sie dufteten nicht, doch es kam frische Luft heraus. Vielleicht fächelten Diener Luft hinein? Am Ende der Sänfte saß ein Mann mit blauem Hut vor vielen kleinen grün und rot leuchtenden Hebeln. Er hatte auch ein schwarzes Rad vor sich, das er konzentriert hin- und herdrehte. Und so langsam beende ich meine Geschichte. Doch ich möchte noch hinzufügen, dass die Menschen, die weiter vorne und bequemer sitzen, sehr viel bessere Sklaven haben müssen als die weiter hinten. Bis bald! Wünsche dir alles Gute, Dein Kao-tai

Schreibakademie WOLKERSDORF

Er hob die eine Hand und bemerkte, dass dieser jetzt wütend zu sein schien, da er wie verrückt mit sich selber schimpfte. „Nein, Jonathan! Du darfst ihm nicht sagen, wie du heißt, er hat doch nicht danach gefragt“, hörte Adrian den Winzling leise flüstern. Dann setzte der Wicht das falscheste Grinsen auf, das der Bub je gesehen hatte, und schrie gedämpft: „Ich heiße gar nicht Jonathan!“ Adrian runzelte die Stirn und dachte, dass der Gnom völlig durch den Wind sei. Darauf erwiderte der Winzling, der offensichtlich auch telepathisch veranlagt war: „Ich hasse Wind und Erdnüsse!“ „Du heißt also Jonathan?“, fragte Adrian etwas verunsichert, „mein Name ist Adrian.“ Plötzlich begann sich der Gnom zu krümmen, setzte eine hässliche Fratze auf und knurrte ärgerlich: „Woher kennst du meinen Namen?“ Erschrocken über den hässlichen Wicht löste der Junge komplett seine Umklammerung. Das Geschöpf nützte diesen Augenblick und ergriff die Flucht.

Flugzeug

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David Stöckl

fast seine Hände aufgemacht und das Männchen fallen gelassen. Doch Adrian beschloss, den traurigen Gnom noch genauer zu begutachten.


Freiheit

Grauer Morgen

Es beginnt schon im Alter von zwei Jahren.

Alles ist trostlos in der Einöde des Nebelvulkans. Mein Volk lebt schon seit tausenden von Jahren hier. Ich habe aber keine Ahnung, warum man gerade hier leben sollte.

Schreibakademie WOLKERSDORF

Das Kind widersetzt sich das erste Mal der Mutter. Diese möchte, dass man einen Brei mit Erbsen oder Ähnliches isst, aber man möchte das nicht. Deshalb sagt man mit einfacher Wortwahl: „Nein! Das mag ich nicht!“

David Stöckl

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Die Hälfte aller Menschen, die in meinem Stamm, den Okohocis, leben, sterben jedes Jahr an Unterkühlung, an Hunger, an den Gsontis oder wenn sie Pech haben, an dem Nebel. Er ist gierig und lässt kein Opfer, das er einmal in seinen eisigen Klauen hält, frei. Zweimal im Jahr wabbert er in unser Tal herunter. Der Vulkan würgt ihn aus seinem tiefsten Innersten herauf. Er ist giftig und verbrennt einen von innen nach außen, es ist ein qualvoller Tod.

Später tut man so, als würde man nicht hören, was die Eltern sagen. Die Eltern meinen: „Tue dies!“ Du aber tust das. Sie sagen: „He.“ Du sagst: „Hu.“

Übrigens, ich heiße Yenok und bin 30 Sonnenwenden alt. Ach ja, ich sollte noch genauer erklären, wer die Gsontis sind. Das sind die Jäger aus unserem Volk, die, nachdem sie wegen ständiger Übergriffe auch auf Menschen aus unserem Stamm ausgestoßen wurden, nun nur noch aggressiver jagen und ihre Opfer sogar essen.

Später im jugendlichen Alter tut man sowieso mal dies und mal das. Nur nicht das, was man dir vorschreibt. Du tust mit deinem Geld, was du willst.

Sie wurden zu Menschenfressern, weil sie nicht sterben, auch wenn der Nebel von ihrer Lebenskraft zehrt. Bei ihnen stirbt nur ein Organ ab, der restliche Körper verändert sich, sodass sie nur mehr Blut trinken und Fleisch essen können. Diese Mutation des Körpers tritt immer wieder bei Menschen aus unserem Volk auf.

Du definierst Freiheit neu, doch immer gekoppelt an Verantwortung.

Meiner Freundin Moja ist es so passiert. Sie ist erst 26 Sonnen­ wenden alt gewesen. Als sie begonnen hat jegliche Speisen außer Fleisch heraufzuwürgen, haben sie ihre Eltern in den Wald gebracht. Es hat Überlegungen gegeben, sie von ihren Leiden zu erlösen, doch ihre Eltern haben dies nicht übers Herz gebracht. So haben sie sie dem Schicksal überlassen. In derselben Nacht bin ich in den Wald geschlichen, um Moja zu suchen. Am nächsten Morgen fand man nur noch einen Kadaver, die Gsontis hatten wieder zugeschlagen. Doch meine abenteuerliche Reise hat erst begonnen.


Mein anderer Tag

Ode an die Obstfliege

Heute Morgen beschloss ich: „Es wird ein besonderer Tag!“

Oh, ihr geschätzten Obstfliegen!

Und seid ihr nun nicht gewarnt genug. Dann seid ihr wirklich nicht sehr klug. Und wenn’s dann kommt zum bitt’ren Ende. Ringe ich entsetzt die Hände. Jetzt verlasst den Ort sehr schnell Sonst bleibe ich nicht mehr lange formell. Und fällt‘s euch jetzt nicht wie Schuppen von den Augen. So badet ihr bald in Seifenlaugen. Zwar seid ihr nur ein kleines Leid. Trotzdem sorgt ihr für meine Übellaunigkeit. So rat ich euch, fliegt weg von uns nun Dann habt ihr mit uns nichts mehr zu tun!

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Heute ließ ich meine Haare strubbelig, anstatt sie zu bürsten. Ich aß Müsli, statt nur Kakao zu trinken. Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Schule und nicht mit dem Bus. Ich war in der Schule ganz ruhig und ließ mich auf keine Diskus­sion ein, da ich wusste, dass ich sowieso gewinnen würde. Ich meldete mich fast nicht, passte dafür umso mehr im Unterricht auf. In der Pause aß ich eine Orange statt einer Wurstsemmel. Ich erledigte die Hausaufgaben gleich nach der Schule, anstatt zuerst fernzusehen. Ich machte Sport, anstatt mit den Freunden herumzuhängen. Ich las ein Buch, statt Computer zu spielen. Ich las fast bis Mitternacht, anstatt um halb zehn schlafen zu gehen.

Verlasst unser Fenster dort. Sonst gibt es ein Massaker vor Ort.

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David Stöckl

Er sollte ganz anders sein als die anderen Wochentage.

Ich legte mich verkehrt ins Bett und schlief mit guten Träumen ein.

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Für immer gefangen

Vielleicht

Lena Suete

LENA SUETE

Hallo, zuerst einmal! Mein Name ist Tysoon. Ich bin der, der neben dem Teich steht. Ja, ganz genau der! Du kennst mich sicher. Jeden Tag kann ich mein Spiegelbild betrachten und die kleinen Kinder, denen es große Freude bereitet, Steine in den Teich zu werfen. Es unterhält mich immer wieder, den Enten beim Watscheln und Paddeln zuzuschauen. Die Menschen, die mich beachten, sehen nur mein Äußeres. Die Rinde, die Blätter, die im Winter abfallen. Niemand kennt mein Inneres! Ich bin alleine, werde alt, bleibe ein Baum – für immer!

Vielleicht ist es draußen dunkel, vielleicht aber auch nicht! Vielleicht ist jetzt der Krieg zu Ende, vielleicht aber auch nicht! Vielleicht gibt es bald fliegende Sofas, vielleicht aber auch nicht! Vielleicht ist das eine Schreibübung, vielleicht aber auch nicht! Vielleicht ist heute Montag, Ja, das weiß ich ganz genau!


Sie hacken oft auf einem herum, regen sich meist grundlos auf. Bitten einen, in der Pause das Fenster zu schließen, auch wenn die Jalousie geschlossen ist, mit der Begründung, dass ein Schüler hinausfallen könnte!

Wörter: begehrenswert, geschlafen, glühende, er, Ohren, Fluss, weil, in, Stimme

Oder – man dürfte nicht auf der Fensterbank sitzen, da man einen Wasserrohrbruch verursachen könnte! ­Vielleicht bricht auch der Lehrertisch (dessen vier Füße am Boden angeschraubt sind) plötzlich unter einem zusammen, wenn man darauf sitzt! Außerdem schaffen es viele nicht, ihre Versprechen zu halten, geschweige denn, sie sich überhaupt bis zur nächsten Stunde zu merken! Das sind Lehrer, nicht alle sind so, aber dennoch viele!

Text: Mein Name ist Serafina, ich bin eine Fee. Ich habe lange, silbern glühende Flügel und gewellte braune Haare, eine zarte Stimme und spitze Ohren wie eine Elfe. Das kommt davon, dass meine Mutter eine Fee und mein Vater ein Elf ist. Seit ich denken kann, wohne ich in einem Dorf, das in der Nähe von Schlumpfhausen liegt. Ja, genau das Schlumpfhausen, das wir alle kennen! ­Jedenfalls ist mein Zuhause gar kein Dorf, es ist ein Königreich, ein Imperium. Okay, ich neige manchmal zu Übertreibungen, das müsst ihr wissen! Unser Dorf wird von unserem Königspaar Pentacast & Clairen regiert. Ich bin glücklich, dass ich hier in unserem wunderschönen Dorf wohne. Damit ihr wisst, wie es hier aussieht: Hier stehen zirka dreißig verschieden bunte Blumen von rot, gelb bis zu lila, in allen Farbschattierungen. Im Zentrum des Königreichs befindet sich eine weiße Knospe. In dieser wohnt das Königspaar. Nahe daran fließt ein goldener Fluss vorbei. Leider sind wir aber auch gefährdet. Gargamel, der Böse unter den Schlümpfen, hat schon einige ­Anschläge auf unser Dorf verübt, doch diese konnten wir durch unsere starke Armee bisher erfolgreich abwehren. Nun aber, ….

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Mixed Pickles:

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Lena Suete

Lehrer


IMPRESSUM HERAUSGEBER: Kultur.Region.Niederösterreich GmbH, 3452 Atzenbrugg, Schlossplatz 1, FN 179146a, LG St. Pölten • PRODUKTION: NÖ KREATIV GmbH, FN 405570 b, Landesgericht St. Pölten • GESCHÄFTSFÜHRER: Mag. Rafael Ecker • REDAKTION: Mag.a Martina Rössler, Katharina Howanietz • GRAFIK: Habesohn, Doucha Werbeagentur GmbH • LEKTORAT: Mag.a Karin Schrammel • FOTO: privat • DRUCK: Henzl Media GmbH © Kultur.Region.Niederösterreich GmbH – Atzenbrugg 2015. Alle Rechte vorbehalten.


Werkschau Text Band 9  

In der Werkschau Text präsentiert die Niederösterreichische Kreativakademie die besten Werke der Niederösterreichischen Schreibakademie. Die...

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