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KUNSTHAUS GRENCHEN RAFFAELLA CHIARA 26. FEBRUAR BIS 22. APRIL 2012| 1 |


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Werke

[ 1 ] «City Walk» | 2011 | Diaprojektion, 65 Dias, Diaprojektor | Masse variabel

[ 2 ] «Three Tree Forest» | 2011 | 40 Plakate, ‹o.T.›, Offsetdruck auf Papier, teilweise mit Monotypie überdruckt | Druck: Raffaella Chiara, Druckwerkstatt, Lenzburg | je 59.4 x 42 cm [ 3 ] Ausstellungsansicht, v.l.n.r.: «Solo Machine 1–3» | 2011–2012 | Umschlag: Hochdruck, Bleisatz und Farbstift auf Karton, 4 Buchschrauben / Inhalt: 25–30 Sichtmappen, Mischtechnik | 31.5 x 24 cm «Steps» | 2010 | 36 Plakate, ‹o.T.›, Siebdruck auf Papier, auf Wand gekleistert | Druck: Serigraphie Uldry, Bern | je 128 x 89.5 cm «Ohne Titel» | 2011 | Bleistift und Gouache auf Papier | 140 x 100 cm | Privatbesitz «Enter» | 2012 | Bleistift und Farbstift auf Papier | 92 x 75 cm

[ 4 ] «Stein» | 2007 | Bleistift auf Papier | 25 x 27 cm

[ 5 ] «Ohne Titel» | 2011 | Bleistift und Gouache auf Papier | 140 x 100 cm | Privatbesitz

[ 6 ] «Enter» | 2012 | Bleistift und Farbstift auf Papier | 92 x 75 cm

[ 7 ] «Ohne Titel» | 2012 | Farbstift auf Papier | 21 x 14.8 cm

[ 8 ] «Der Kongress» | 2010 | Bleistift und Gouache auf Papier | Diptychon, je 127 x 90 cm | UBS Art Collection [ 9 ] Ausstellungsansicht, v.l.n.r.: «Modul 3» | 2004 | Bleistift und Farbstift auf Papier | 140 x 95 cm «Ohne Titel» | 2012 | Farbstift auf Papier | 21 x 14.8 cm «Das Anfeuerholz» | 2010 | Bleistift und Gouache auf Papier | Diptychon, je 140 x 100 cm | UBS Art Collection [ 10 ] Im Vordergrund: «Landescape» | 2011 | Buch, Umschlag: Hochdruck und Bleisatz auf Karton / Inhalt: Offsetdruck (Seiten aus ‹Time Life›-Büchern), 110 Seiten, geschnitten | 25 x 22.5 cm | Diaprojektion, 58 Dias, Diaprojektor, Masse variabel | Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern [ 11 ] [ 12 ] Doppelseiten aus «Landescape» | 2011 | Buch, Umschlag: Hochdruck und Bleisatz auf Karton / Inhalt: Offsetdruck (Seiten aus ‹Time Life›-Büchern), 110 Seiten, geschnitten | 25 x 22.5 cm | Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern [ 13 ] Doppelseite aus «Sopraelevata – Hommage an Genua» | 2012 | 62 Seiten, Mischtechnik, Fadenbindung | 30.5 x 21 cm (diverse Masse) | Stiftung Kunsthaus Grenchen [ 14 ] Doppelseiten aus «Sunset» | 2012 | 30 Seiten, Mischtechnik, Drahtbindung | 30.5 x 21 cm (diverse Masse) | Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern [ 15 ] Doppelseiten aus «Steiniger Boden» | 2012 | 38 Seiten, Mischtechnik, Fadenbindung | 33 x 36 cm (diverse Masse) [ 16 ] Doppelseiten aus «Color Line» | 2012 | Umschlag, 4 Seiten: Monotypie auf Papier / Inhalt, 20 Seiten: Farbstift auf Papier, Fadenbindung | 25 x 21 cm

[ 17 ] Ausstellungsansicht, v.l.n.r.: «O.T.» | 2012 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) | Stiftung Kunsthaus Grenchen «O.T.» | 2011 | Kaltnadel | 1 Druckvorgang à 1 Platte | Unikat | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) «O.T.» | 2012 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 15.7 x 23.7 cm (Platte) / 28.7 x 46 cm (Blatt) «O.T.» | 2011 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 3 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) «O.T.» | 2012 | Kaltnadel, Aquatinta und Radierung | 3 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) | Privatbesitz «O.T.» | 2012 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 2 | 15.7 x 23.7 cm (Platte) / 29.5 x 37.8 cm (Blatt) | Privatbesitz «O.T.» | 2011 | Kaltnadel | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 3 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) «O.T.» | 2011 | Kaltnadel und Aquatinta | 1 Druckvorgang à 2 Platten | Unikat | 26.5 x 15 cm (Platte) / 37 x 25 cm (Blatt) [ 18 ] «O.T.» | 2012 | Kaltnadel, Aquatinta und Radierung | 3 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 2 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) [ 19 ]

oben links: «O.T.» | 2012 | Kaltnadel, Aquatinta und Radierung | 3 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 2 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) oben rechts: «O.T.» | 2012 | Kaltnadel, Aquatinta und Radierung | 3 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) | Privatbesitz unten links: «O.T.» | 2011 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 3 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt) unten rechts: «O.T.» | 2011 | Kaltnadel | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Auflage 3 | 39.5 x 59 cm (Platte) / 55 x 77 cm (Blatt)

[ 20 ] «O.T.» | 2012 | Kaltnadel und Aquatinta | 1 Druckvorgang à 1 Platte, 1 Druckvorgang à 2 Platten | Unikat | 14.8 x 14.8 cm, 11.8 x 14.8 cm (Platten) / 45.8 x 36.5 cm (Blatt) [ 21 ] «O.T.» | 2012 | Kaltnadel und Aquatinta | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 15.7 x 23.7 cm (Platte) / 28.7 x 46 cm (Blatt) [ 22 ] «O.T.» | 2012 | Kaltnadel | 2 Druckvorgänge à 1 Platte | Unikat | 19.5 x 29.7 cm (Platte) / 30.5 x 40.7 cm (Blatt) [ 17 ] – [ 22 ] Druck: Raffaella Chiara, Druckwerkstatt, Lenzburg | auf Zerkall, Kupferdruckkarton, 250 g /qm

Umschlagbild: «Erre 1» | 2012 | Farbstift auf Papier | 26 x 16 cm | Stiftung Kunsthaus Grenchen

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Erre Eva Inversini

«STELL DIR VOR DAS BILD SIEHT ABER DU SIEHST NICHTS

gefässartige Bewegung – wird mittels geometrisch geformter Farbflächen und leichtem, beschwingtem Graphitstrich umrissen. Die formale und inhaltliche Ambivalenz in den Bildern überträgt sich auf den Betrachter selbst und lässt ihn nie zur Ruhe kommen.

Stell dir vor... Wirklichkeit und Fiktion im Werk von Raffaella Chiara

In der Gegenüberstellung früherer Arbeiten wie «Modul 3» (2004) mit neuesten Werken wie «Die Waagschalen» (2010) oder «Der Kongress» (2010) zeigen sich Kontinuität und Wandel in der Entwicklung der künstlerischen Auseinandersetzung (Abb. A: «Modul 3», 2004, Bleistift und Farbstift auf Papier, 140 x 95 cm | Abb. B: «Die Waagschalen», 2010, Bleistift und Gouache auf Papier, Diptychon, je 140 x 100 cm, Privatsammlung Jobst Wagner, Bern). Während die Künstlerin die Linien in früheren Arbeiten wie «Modul 3» (2004) und «Komplexer Plan 2» (2006) kontrolliert, gleichförmig und ohne sichtbares Absetzen geführt hat, erfährt ihr Graphitstrich heute zunehmend eine Befreiung, die sich in einem kräftig ausholenden, stark zeichnenden, schwungvoll und in hohem Tempo ausgeführten Gestus zeigt. 3 Die Komplexität in der Linienführung ist exponentiell angestiegen. Konnte das Auge in früheren Arbeiten jeder Linie Zentimeter für Zentimeter nachfolgen, so gilt es heute, beim Blick auf Raffaella Chiaras Werke die anfängliche, der Dichte und Intensität der Linienfülle entspringende Überwältigung auszuhalten und die Sinneseindrücke nach und nach zu entwirren und für sich neu zu ordnen. Die Flut des Gesehenen weckt den Gedanken, darin eine Analogie zur heutigen medialen Bilderflut zu sehen. Sowohl die einfache Nachverfolgung der klaren Linien als auch die Bewältigung der ‹Strichflut› erfordern für die Erkenntnis in Bezug auf das bildlich Dargestellte jedoch Zeit. Ein Umstand, der letztlich auch zu einem Teil in der Natur der Zeichnung selbst liegt, die im Vergleich mit anderen Medien im ersten Moment oft eher sukzessiv als ganzheitlich erfahren wird. 4 Die unverkennbare Handschrift der Künstlerin, diese unmittelbare, persönliche und authentische bildhafte Äusserung eines Menschen, gräbt sich tief ins Bewusstsein des Gegenübers ein und hinterlässt ein Nachbild – oder wie noch zu zeigen sein wird, ist es bei den Werken Raffaella Chiaras eher eine Nachempfindung, ein Nachhall. Die Anziehungskraft ihrer Werke liegt darin wesentlich begründet.

Raffaella Chiara lässt ungekannte Welten entstehen: Bildwelten, die geprägt sind von Transformationen und Überlagerungen; mit Bildmotiven, die fokussiert und begrenzt erscheinen und dennoch immer wieder auf den ins Unendliche tendierenden Raum verweisen. Der Entwurf surrealer, neuartiger Welten und ihrer Umgebungen ist zentral und stets wird dabei dem Dazwischen und dem Dahinter eine ebenso bedeutungsvolle Rolle zugewiesen wie dem vordergründig Hauptsächlichen. Vielen Werken gemeinsam sind Elemente des konstruktiven, architektonisch Gebauten in Verbindung mit dem Natürlich-Vegetativen. 2 Beinahe allgegenwärtig sind Darstellungen abstrakter Bewegungsspuren und zivilisatorischer Zeugnisse bei gleichzeitiger Abwesenheit von Mensch, Tier oder Maschine, die diese verursacht haben könnten. Das figürlich Menschliche ist im Bild nicht 1:1 erkennbar, jedoch verweisen die Werktitel oft auf die menschliche Existenz: «Das Anfeuerholz» (2010), «Der Kongress» (2010), «Heimat Konstruktion» (2006), «Der Sitzungsraum» (2005) oder «Komplexer Plan 2» (2006) sind Titel, die existenzielle Fragestellungen und menschliche Handlungen implizieren. Eine seltsam fremde, unzugängliche äusserliche Bildwelt vermischt sich mit dem Abbild vermeintlich innerlicher Spannungszustände, die man in der bewegten und sperrigen Strichführung und in kompositorischen Konzeptionen wahrzunehmen gewillt ist und die am eigenen Empfinden ‹andocken›. Im Werk «Die Waagschalen» (2010) zum Beispiel sind (nennen wir es einmal) ‹Meer›, ‹Himmel› und ‹Wolken› stark aufgewühlt und mit kräftigem Strich gezeichnet, was Assoziationen mit dem Zustand der von Krisen geschüttelten Welt (Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrise) oder persönlicher Gemütsbewegungen wie Aggression, Zweifel oder Nervosität wecken kann. Das ausgleichende, stabilisierende Element – die geschwungene, nach unten gewölbte, fast

Zeitliches beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung ihrer Werke, sondern zeigt sich auch inhaltlich im partiellen Nicht-Vorhandensein von Zeit anzeigenden Markern. Oder anders gesagt: Zeitliches taucht immer nur fragmentarisch oder indirekt in den Bildern auf. Während in den Arbeiten um 2006 wie «Heimat Konstruktion» (2006) natürliche Lichtquellen und deren Widerschein abgebildet werden, die auf einen Tagesablauf schliessen lassen, bleiben noch frühere und wiederum aktuellere Zeichnungen und Druckgrafiken gänzlich ohne bewusst eingesetzte Darstellungen von Licht – und wo kein Licht ist, ist auch kein Schatten (Abb. C: «Heimat Konstruktion», 2006, Bleistift, Farbstift und Aquarell auf Papier, 95 x 66 cm, Privatbesitz). Diese Tatsache trägt zusammen mit der Absenz des Menschen und der offenen Anlage der Bildkomposition mit der Unbegrenztheit des Raumes zu der befremdenden Anmutung bei, die wir als Betrachter verspüren. Das Abgebildete kann diese Welt, wie wir sie als dingliche Wirklichkeit gerne annehmen, modellhaft repräsentieren, gleichzeitig kann es aber auch eine fiktive Welt zeigen, die Geistiges und Gedankliches bis hin zu Weltentwürfen im Bereich der Science Fiction abbildet. 5 Die Darstellung innerer Zustände fällt mit derjenigen äusserlicher Gegenstände zusammen oder vielleicht nimmt Innerliches gegenständliche Form an – alles unterliegt einer steten Transformation. Weltenräume als Sinnbilder des Lebens und Befragungen unserer Existenz – Spiegel dessen, wie wir unser irdisches Leben täglich erfahren, was uns an unsere Grenzen stossen lässt und womit wir oft genug hadern. Doch Raffaella Chiara entwirft nicht abgeschlossene Gegenwelten oder Utopien, die eine neue gesellschaftliche Ordnung oder Ähnliches versprechen. Die Bilderkosmen der Künstlerin sind nicht zielführend, sondern vielmehr assoziativ konzipiert, sowohl technisch wie inhaltlich. Das Eine entsteht aus dem

STELL DIR VOR DU SCHAUST ES AN UND AUGENBLICKLICH IST ES WEG» 1

Die Ausstellung im Kunsthaus Grenchen trägt den Titel ‹Erre›, italienisch für den Buchstaben ‹R› – ‹R› wie ‹Raffaella›. Wie viele Andere verwendet Raffaella Chiara (*1966 in Langnau i.E., aufgewachsen in Solothurn, lebt und arbeitet in Bern) im täglichen, schnelllebigen Gebrauch der elektronischen Nachrichten statt des vollen Namens der Einfachheit halber nur noch den Anfangsbuchstaben zur Unterschrift – unsere Gesellschaft ist zum klassischen Siegel zurückgekehrt. Auch als Ausstellungstitel wird ‹R› zum bedeutungsvollen Zeichen, ist Signatur, aber auch Programm: Die Ausstellung im Kunsthaus Grenchen präsentiert erstmals in einer umfassenden Werkschau das künstlerische Schaffen Raffaella Chiaras seit 2004 und zeigt die verschiedenen Facetten ihres zeichnerischen, druckgrafischen und installativen Werks.

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Anderen oder besteht neben dem Anderen. Vergänglichkeit und Flüchtiges finden ihre visuelle Entsprechung in der Akkumulation, Transformation und im Summieren von verschiedensten Bildelementen. Raffaella Chiara entwickelt ihre Arbeiten sukzessive, Gedankensprünge inbegriffen, wobei der Gestaltungsprozess an sich – wie noch zu zeigen sein wird – einen wesentlichen und mitbestimmenden Anteil an der Bildgestaltung hat. Und so ist der Betrachter (auf-) gefordert, die Werke nicht als ‹Resultate› zu lesen, sondern sich auf den Prozess des Erkennens und des ‹Erlesens› einzulassen, sich dem Fluss der vorliegenden fremden und der aufkommenden eigenen Gedanken hinzugeben.

...und augenblicklich ist es weg Bildfindung und Bildbetrachtung als Prozess Der Schweizer Künstler Rémy Zaugg (1943–2005) setzte sich unter anderem in seiner Ausstellungstrilogie «Le tableau te constitue et tu constitues le tableau» im Kunstmuseum Luzern (1991), im Le Consortium in Dijon (1992) und in der Wiener Sezession (1993) mit der grundlegenden und interdisziplinär vieldiskutierten Fragestellung nach der Rolle des Betrachters bei der Wahrnehmung von Kunstwerken auseinander, indem er eine Vielzahl von weissen Leinwänden mit kurzen Texten in schwarzen Grossbuchstaben präsentierte (siehe einleitendes Zitat). Zwanzig Jahre später erhält das Verschwinden von Bildern im digital fortgeschrittenen Zeitalter eine neue Dimension: wie einfach es heute doch ist, mit kleinsten Bewegungen lediglich eines Fingers tausende von Bildern und Bildwelten an sich vorüberziehen zu lassen. Das unvermittelte Auftauchen und Verschwinden gewaltiger Sinneseindrücke sowie die Möglichkeit, diese ganz einfach ausschalten zu können, bleibt nicht ohne Wirkung auf den Menschen. Überfluss birgt nicht nur das Potenzial von Reichtum, sondern auch dasjenige der Überforderung. Etwas Mächtiges ist entstanden, das sich leicht missbrauchen lässt, und: ‹Sich-nicht-festlegen-zu-wollen-noch-zu-können› bringt neue Problemstellungen. Paul Zanker beschreibt in seiner Analyse des Umgangs einer Gesellschaft mit Bildern zudem noch ein andere, aktuell zu beobachtende Erscheinung: «Ein zentrales Phänomen unserer gegenwärtigen Situation ist zweifellos die flüchtige Wahrnehmung schneller Bildfolgen im Fernsehen, welche in der Regel nachhaltige Eindrücke eher verhindert als befördert. Beobachtungen der modernen Hirnforschung bestätigen, dass unser Hirn bewegte Bilder nicht besonders gut speichern kann. Es sei denn, sie werden ständig wiederholt, wie etwa die einstürzenden Twin Towers, der Mauerfall, die Mondlandung oder die Tsunami-Katastrophe. Durch vielfaches Wiederholen geht dann allerdings auch schnell die emotionale Wirkung solcher Bilder verloren.» 6 Hinsichtlich dieser Problemfelder im heutigen Umgang mit dem Bild können Raffaella Chiaras Arbeiten auch als Spiegel eines gegenwärtigen Zeitgeistes und als Auseinandersetzung mit den heutigen Anforderungen an unsere Gesellschaft betrachtet werden. Ihre Arbeiten im Detail in Erinnerung rufen zu wollen, fällt nicht leicht. Das Disparate der einzelnen Bildelemente und die fast filmische Bewegung innerhalb der Bilder sowie das ‹Sampling› verschiedener Medien und die prozessorientierte Bildfindung und Bildbetrachtung können als Zeichen der Zeit gelesen werden. Dies gilt in Bezug auf ihr zeichnerisches sowie druckgrafisches Werk als auch bezüglich der neu entstandenen Arbeiten in Buchform. Im Folgenden soll dies noch etwas genauer beleuchtet werden: Die Ausstellung in Grenchen nimmt ihren Anfang mit einer Blattfolge von vierzig Offsetdrucken bereits im Foyer des Kunsthauses. Raffaella Chiara eröffnet damit einen ersten Blick auf ihre intensive Auseinandersetzung mit druckgrafischen Verfahren. Im Jahr 2006 kommt die Künstlerin innerhalb eines Förderprojektes der Druckwerkstatt Olten, das in Kooperation mit dem Förderverein «DruckZeit» und mit Mitteln des Lotteriefonds des Kantons Solothurn durchgeführt wird, erstmals intensiv mit Druckgrafik in Berührung. Die Möglichkeiten druckgrafischer Verfahren beginnt

sie im vergangenen Sommer 2011 erneut intensiv auszuloten. Das Charakteristische in der Arbeit mit Drucktechniken, insbesondere mit Radierung und Aquatinta – also das Widerständige des Materials (hier Kupfer), die Möglichkeiten der Weiterbearbeitung derselben Druckplatte und das Übereinanderdrucken verschiedener Platten – entspricht dem vielschichtigen Prozess der Bildfindung der Künstlerin, wie sie ihn auch im Medium der Zeichnung bevorzugt anwendet. Ihre unverkennbare zeichnerische Handschrift überträgt sie scheinbar mühelos auf die Kupferplatte. Umgekehrt sind es aber auch die druckgrafischen Verfahren, die den Werkprozess beeinflussen, die die Künstlerin spielerisch zu neuen Möglichkeiten der Bildfindung bewegen und die im Weiteren Inspirationsquelle für Werke ausserhalb der Druckgrafik sind. 7 Raffaella Chiara nutzt die technischen Aspekte des Werkprozesses also bewusst kreativ als Mittel zur Bildfindung und setzt druckgrafische Verfahren nicht zum Zweck der einfachen Reproduktion einer bereits fertig vorliegenden Bildvorlage ein. 8 Dem Prozess der Werkentstehung überträgt sie wie in der Druckgrafik, so auch in der Entstehung ihrer zeichnerischen Arbeiten eine tragende Rolle für die nachfolgende Werkbetrachtung: Angezogen von der faszinierenden und eigentümlichen Sogwirkung der Bilder, sieht sich der Betrachter gezwungen, diese ebenfalls prozessual zu erkunden. Die Multiplikation des einzelnen Striches, die Überlagerungen zahlreicher Motive zu surrealen Welten und die Kombination dieser Motive mit abstrakten Linienführungen will nachvollzogen sein, wobei die Reihenfolge in der Erkundung der Bildmotive nicht zwingend vorgegeben ist. Raffaella Chiara erzählt keine Geschichten mit Anfang und Ende, mit Protagonisten und Drehbuch, und dennoch scheinen filmische Qualitäten auf: Was erkannt wird, entzieht sich der Wahrnehmung sogleich wieder, vergeht im Moment des Erkennens oder tritt zumindest in den Hintergrund, um von anderen Wahrnehmungen und Gedankengängen abgelöst zu werden – die Werke entziehen sich einfacher, linearer Zuordnungen oder gar abschliessender Interpretationen. 9 Die Überlagerung unterschiedlicher Bildmotive als konstituierendes Element von Raffaella Chiaras Bildsprache findet in einer Reihe von eigentlichen ‹Sammelbänden›, die zwischen Künstlerbuch, Heft und Objekt oszillieren, eine weitere Ausprägung. Jedes dieser Buchobjekte, eigentliche Buchprojekte, ist von grosser Individualität: Mal gebunden mit festen, konzeptuell passend gestalteten Buchdeckeln wie die Arbeit «Landescape» (2011), mal eher in Heftform, und in Einzelfällen in der Ausstellung sogar freigegeben zum Durchblättern wie die Arbeiten «Solo Machine 1 – 3» (2011–2012). Die einzelnen Seiten dieser ‹Bücher› bestehen aus einer Vielzahl von Versatzstücken ausgeschnittener Zeichnungen, bemalter Kartonabschnitte und teilweise überarbeiteter Bildvorlagen aus Printmedien. Vorgehensweisen wie das Zurechtschneiden der einzelnen Seiten zu unterschiedlichen Formaten, das Ausschneiden einzelner Partien aus der jeweiligen Seite oder der Einsatz von Heftklammern zur Befestigung der Papierstücke prägen jeweils Vorder- und Rückseite gleichzeitig und setzen sie miteinander in eine wechselseitige Beziehung. Mit jedem Umblättern nimmt das Spiel des Kaschierens und Freilegens erneut seine Fortsetzung und schafft spannungsvolle Überraschungsmomente. Dichte und Komplexität auf kleinem Raum, Kompendien der künstlerischen Strategien Raffaella Chiaras, jedoch ohne systematischen oder gar lehrhaften Anspruch. Und doch in Buchform und damit thematisch gefasst. Im experimentellen Zueinander, Übereinander und Ineinander begibt sich die Künstlerin auf Forschungsreise, jedoch entgegen der klassisch wissenschaftlichen Norm ohne Hypothese, strenger Versuchsanordnung, Auswertung und Schlussfolgerung, sondern lustvoll spielerisch, Zufälliges zulassend oder gar provozierend, ganz dem inneren Antrieb und dem eigenen Wollen gerecht werdend, weder einem äusseren Anspruch noch Zweck oder Ziel verpflichtet. Das Betrachten einzelner Bücher wird in der Ausstellung durch die sequentielle Diaprojektion der einzelnen Buchseiten ermöglicht. Ursprünglich als Hilfsmittel zum ‹berührungsfreien› Durchblättern gedacht, verbinden die

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Par hasard Raffaella Chiaras Bücher und Diaprojektionen

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Claudine Metzger

Projektionen heute das Dokumentarische mit dem Künstlerischen. Die Leuchtkraft der Diaprojektion in Kombination mit dem installativen Setting führt zu neuen, eigenständigen Werken. Die Arbeit «City Walk» (2011) dagegen, die die Eingangssituation der Ausstellung massgeblich prägt, ist von Beginn an als Diaprojektion konzipiert. Im Geiste den ‹Büchern› verwandt, sind auch hier das Überlagern einzelner Schichten und das Verhältnis dieser Schichten zueinander elementare Merkmale. Für einmal lässt die Künstlerin ihr bis anhin bevorzugtes Medium der Zeichnung fast gänzlich weg. Obwohl mit verblüffend einfachen Mitteln gestaltet, ist die Arbeit in ihrer Aussagekraft und ästhetischen Wirkung intensiv, dicht, komplex und präzis – die grundlegenden Spannungsfelder von Architektur und Raum, Malerei und Dreidimensionalität, Illusion und Wirklichkeit sind hier vereint und reflektiert. Ob in der Zeichnung, in der Druckgrafik, im Objekt oder in der Installation: Raffaella Chiaras Interesse am Sammeln, Summieren, spielerischen Kombinieren sowie präzisen Setzen von Bildelementen führt zu Werken in einer Spannung von verdichtet Atmosphärischem und gleichzeitig bestechender Klarheit. 1

Texte des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg (1943–2005), welche Teil seiner Ausstellungstrilogie «Le tableau te constitue et tu constitues le tableau» waren. Zu den Ausstellungen liegt kein Katalog vor, sondern eine Sammlung graphischer Entwürfe von 1986 –1990: ‹Rémy Zaugg. Le tableau te constitue et tu constitues le tableau. projets› (Buch anlässlich der Ausstellungen, Kunstmuseum Luzern, 13.07.–15.09.1991; Le Consortium, Dijon, Mai–Juni 1992; Wiener Secession, Winter 1992/93), hrsg. von Martin Schwander, Luzern, 1991. Vgl. dazu auch Eva S.-Sturm, ‹Im Engpass der Worte. Sprechen über moderne und zeitgenössische Kunst›, Berlin: Reimer, 1996, S. 290–306 sowie ‹Rémy Zaugg. Vom Bild zur Welt›, hrsg. von Eva Schmidt, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 1993. 2 Zum Landschaftsbegriff im Werk von Raffaella Chiara vgl. Christoph Lichtin, ‹Topologien›, in: «Voici un dessin suisse 1990 –2010» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Genf, Musée Rath, 31.3.–15.8.2010 und Aarau, Aargauer Kunsthaus, 29.1.–17.4.2011), hrsg. von Julie Enckell Juillard, Zürich: JRP|Ringier, 2010, S. 162–169. 3 Zum frühen Werk der Künstlerin vgl. Marianne Burki, «Hyper-Drawing» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Langenthal, Kunsthaus Langenthal, 28.4.–3.7.2005), Langenthal: Kunsthaus Langenthal, 2005, S.10–11. 4 Zur Zeitlichkeit im Medium der Zeichnung vgl. Christoph Vögele, ‹Zeitspuren, Gedankengänge. Betrachtungen zu Zeit und Erinnerung in der zeitgenössischen Schweizer Zeichnung›, in: «Voici un dessin suisse 1990 –2010» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Genf, Musée Rath, 31.3.–15.8.2010 und Aarau, Aargauer Kunsthaus, 29.1.–17.4.2011), hrsg. von Julie Enckell Juillard, Zürich: JRP|Ringier, 2010, S. 86 –93. 5 Zur Modellhaftigkeit und der exemplarischen Erfassung von Welt im Werk von Raffaella Chiara vgl. auch Katharina Ammann, ‹Übersicht als Illusion | Vermessungsstrategien in der Kunst›, in: «Vermessen – Strategien zur Erfassung von Raum» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Chur, Bündner Kunstmuseum, 11.4.–7.6.2009), Nürnberg: Verlag für moderne Kunst, 2009, S. 9 –14. 6 Paul Zanker, ‹Das Feste und das Flüchtige – Wie Bilder das Selbstverständnis einer Gesellschaft modellieren›, in: «Iconic Worlds. Neue Bilderwelten und Wissensräume», hrsg. von Christa Maar und Hubert Burda, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2006, S. 179. 7 Eine ausführliche Analyse zum Verhältnis von Zeichnung und Druckgrafik siehe Laurence Schmidlin, ‹Begegnungen zwischen Druckgrafik und Zeichnung. Ein munteres Hin und Her in der zeitgenössischen Kunst›, in: «Voici un dessin suisse 1990–2010» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Genf, Musée Rath, 31.3.–15.8.2010 und Aarau, Aargauer Kunsthaus, 29.1.–17.4.2011), hrsg. von Julie Enckell Juillard, Zürich: JRP|Ringier, 2010, S. 102–111. Sowie Laurence Schmidlin, ‹Les impressions du dessin contemporain. Copie, répétition et métamorphose à l’horizon de l’estampe›, in: «L’Art imprimé en Suisse 2007–2010», hrsg. von Musée des Beaux-Arts Le Locle, Bern: Benteli Verlags AG, 2010, S. 43–51. 8 Einen aufschlussreichen Überblick über das gegenwärtige Schweizerische druckgrafische Schaffen bieten die Ausführungen von Bernadette Walter im Kapitel IV ‹Ab den achtziger Jahren›, in: Eva Korazija, «Schweizerische Künstlergraphik im 20. Jahrhundert», hrsg. von der Graphischen Sammlung der ETH Zürich, Basel: Schwabe Verlag, 2005, S. 156–193. 9 Zu den Aspekten des Erzählerischen im Werk von Raffaella Chiara siehe auch Andreas Fiedler, «Flüchtiger Horizont» (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Solothurn, Kunstmuseum, 11.3.–7.5.2006), hrsg. vom Kunstverein Solothurn, Nürnberg: Verlag für moderne Kunst, 2006, S. 13–15.

Raffaella Chiara beschäftigt sich schon seit langem mit den Themen Landschaft, Architektur und Stadt, Natur und Kultur. In ihren Zeichnungen setzt sie Referenzen an die wissenschaftliche Erfassung der Natur oder an digital erstellte architektonische Pläne bewusst ein und kombiniert sie mit abstrakten Formen, die aus satten, farbigen Flächen oder aus kraftvoll gezogenen und in ihrem Charakter oft variierten Bleistiftlinien bestehen können («Der Kongress», 2010; «Die Waagschalen», 2010; «Das Anfeuerholz», 2010; «o.T.», 2011). Dabei entstehen surreale Modelllandschaften und hybride Raumsituationen, die offensichtlich konstruiert sind: die Entscheidung, welcher Zeichnungsstil an welcher Stelle Verwendung findet, wird sehr bewusst gefällt. In ihren neuen Arbeiten, kleinen Büchern, die sie in Diaprojektionen präsentiert, geht Raffaella Chiara neue Wege. Sie erprobt, – im Gegensatz zu den von kompositorischen Entscheidungen bestimmten Zeichnungen – wie sie sich den Zufall zunutze machen kann. Dazu verwendet sie verschiedene Strategien. Viele der Bücher haben den Charakter von Skizzenheften. Es sind reine Zeichnungshefte wie beispielsweise «Color Line» (2012) oder sie basieren auf als gelungen erachteten Teilen von eigenen, verworfenen Zeichnungen und diversen Papieren aus ihrem Fundus, die nach dem Binden weiterbearbeitet werden («Sunset», 2012; «Steiniger Boden», 2012; «Sopraelevata», 2012). Es ist ein Spiel mit dem Unvorhersehbaren, das hier unterschiedliche Wirkungen entfaltet. Weil die einzelnen Ausschnitte verschieden gross sind und deshalb gewisse kleinere Fragmente die nachfolgenden, grösseren Seiten nur teilweise überdecken, entstehen neue, überraschende Kombinationen von Formen und Farben. Es sind vom Zufall bestimmte Kompositionen, die zu neuen Eingriffen mit dem Blei- oder Farbstift, mit dem Cutter oder mit gefundenem Bildmaterial inspirieren, die wiederum selber unkontrollierbare Folgen haben können, indem beispielsweise die Farbe der Skizze rechts auf der gegenüberliegenden Seite als Abrieb eine neue Zeichnung entstehen lässt (Abb. D: Doppelseite aus «Color Line», 2012, Umschlag, 4 Seiten: Monotypie auf Papier/Inhalt, 20 Seiten: Farbstift auf Papier, Fadenbindung, 25 x 21 cm). In der Arbeit «Landescape» (2011) verwendet Raffaella Chiara Naturbilder, welche sie in einem Sammelband von alten ‹Time Life›-Büchern gefunden hat. Es handelt sich um die jeweils ersten Doppelseiten, die als Aufmacher eine Reihe von randabfallenden Bildern zeigen, welche die Künstlerin zu einem neuen Buch zusammenbindet, – das selber wiederum ein Panoptikum aller möglichen Landschaftstypen der Welt darstellt – und anschliessend mit dem Cutter bearbeitet, indem sie willkürlich einzelne Teile aus den Bildern ausschneidet. Ist die künstlerische Entscheidung beim Ansetzen des Cutters auf der aufgeschlagenen Seite vom abgebildeten Sujet beeinflusst, bestimmt der Zufall, welcher Teil des darunter liegenden Bildes als Folge des Eingriffs nun sichtbar wird (Abb. E: Doppelseiten aus «Landescape», 2001, Buch, Umschlag: Hochdruck und Bleisatz auf Karton /Inhalt: Offsetdruck, Seiten aus ‹Time Life›-Büchern, 110 Seiten, geschnitten, 25 x 22.5 cm, Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern). Dasselbe gilt für die Stelle des Lochs in der Fotografie auf der Rückseite. So erscheinen beispielsweise die stäbchenförmigen Schnitte, welche auf der Vorderseite den kahlen Ästen des Baumes folgen und damit natürliche Formprinzipien sowie Strukturen der Natur hervorheben, auf dem rückseitigen Bild im Himmel über einer amerikanischen Steppe wie Hieroglyphen mit unbekannter Bedeutung. Während im Buch selbst dessen Machart offensichtlich ist, weil die einzelnen Schnitte das dünne Papier räumliche Strukturen bilden lässt, tritt in der Präsentation als Diashow die Materialität in den Hintergrund. Dafür wird die irritierende Wirkung der Bilder gesteigert, welche durch die Zusammenschau unterschiedlicher Fotografien als Folge der Bearbeitung mit dem Cutter entsteht. Denn oft wird erst auf den zweiten Blick klar, an welchen Stellen die Darstellung bearbeitet worden ist. In einigen Bildern ist kaum zu unterscheiden, welche Teile ausgeschnitten sind und welche zur Fotografie gehören. Die kreisrunde, helle

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II

Scheibe des vollen Mondes über den Klippen eines Canyons könnte in ihrer Geometrie genauso Resultat eines künstlerischen Eingriffs mit dem Cutter sein wie die schmalen Ausschnitte, welche sich an den Ästen des Baumes orientieren. Es lassen sich allerdings auch noch verschiedene andere Effekte beobachten: Neben Landschaften, die durchaus real sein könnten – wie zum Beispiel der durch einen Ausschnitt gebildete, hellgrün glänzende See an einem bewaldeten Abhang, oder die mit Gras bewachsene Insel im Wasser eines Fjordes – entstehen auch eher surreale Landschaften. Dort wird die Materie durchlässig und scheint sich in eine unbekannte vierte Dimension zu öffnen. So sind beispielsweise am Himmel zwischen Wolkenschwaden grüne Pflanzen erkennbar, und im Gebüsch einer Ebene mit fantastisch geformten Felsen sowie in der Gischt eines riesigen Wasserfalls manifestieren sich unbekannte Kräfte der Natur als schwer fassbares Flimmern. Andere Bilder lassen Assoziationen an architektonische Zeugnisse längst untergegangener Völker aufkommen, wie etwa die dunklen, horizontalen Streifen im Fels, die wie Terrassen oder Wehrgänge den Berg durchziehen; oder man meint die Geheimnisse der Natur zu erblicken, wenn es in den Tiefen der Gletscherspalten golden funkelt, als ob dort seit Millionen von Jahren ein Schatz läge, der nun langsam vom Eis wieder frei gegeben wird. In einigen Bildern schaffen die Schnitte allerdings keine neue Illusion, sondern werden eher als Defekte wahrgenommen: die geometrischen Ausschnitte in einem ausgetrockneten Flusslauf mit bizarren Felsformationen wirken wie Fehler in einem digitalen Bild, als ob der Bildschirm bei den ausgeschnittenen Stellen die Pixel nicht richtig wiedergeben würde. Diese Bildstörungen verweisen zunächst einmal auf eine wesentliche Eigenschaft von Bildern, nämlich dass sie von Menschen gemacht und nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln sind. Doch man kann noch andere Bedeutungen sehen. Die ausschnitthafte Kombination verschiedener Landschaften macht nicht nur das Bild als Konstruktion deutlich, sondern verunklärt auch das räumliche Kontinuum der Darstellungen. Indem Fotos mit verschiedenen Perspektiven ohne Übergang miteinander kombiniert sind, wird unsere räumliche Wahrnehmung verunsichert. Zudem spielt der Titel «Landescape», der die Worte ‹Land›, ‹Landschaft› und ‹Flucht› enthält, darauf an, dass die auf den Fotos präsentierten wilden Landstriche Sehnsuchtsbilder sind: Die unberührten Landschaften sind Ziel unserer Flucht vor den Zwängen der Zivilisation und gleichzeitig selber ständig in Gefahr, von menschlicher Hand zerstört zu werden. Schliesslich verweben sich die beschriebenen, inhaltlichen Ebenen auf kongeniale Weise mit der Machart von «Landescape» (2011), wo jeder Eingriff mit dem Cutter sowohl destruktiv als auch konstruktiv ist. So involviert uns Raffaella Chiara auf subtile Weise in ein Spiel von Rekonstruktion und Konstruktion von Landschaftsbildern und -räumen und stellt Fragen nach unserem Begriff von Landschaft und unserer Auffassung des Raums, sowie danach, inwiefern diese Vorstellungen medial geprägt sind.

gesehen werden. Und sobald der Blick auf den unteren Ebenen nicht mehr von einem farbigen Karton aufgefangen wird, sondern auf den neutral weissen Hintergrund trifft, erinnert das Bild an den Blick durch ein beziehungsweise mehrere Fenster ins Nichts oder in die Weite einer Landschaft – denn der von der Lampe des Diaprojektors projizierte horizontale Streifen löst unweigerlich Bilder von unendlich weiten Ebenen aus. In «City Walk» (2011) gelingt es der Künstlerin künstlerische Ansätze, die sie schon in den Zeichnungen verfolgt, nämlich die Verwendung von Farbe sowie die Reduktion auf abstrakte Formen, noch konsequenter umzusetzen, ohne auf der inhaltlichen Ebene ihre Hauptinteressen zu vernachlässigen. Trotz der Abstraktheit dieser für Raffaella Chiara sehr malerischen Arbeit geht es auch in dieser Diaprojektion nicht nur um Form und Farbe, sondern auch um die Themen Raum und Architektur.

Auf ganz andere Art und Weise thematisiert Raffaella Chiara den Raum in der Diaprojektion «City Walk» (Abb. F: «City Walk», 2011, Diaprojektion, 65 Dias, Diaprojektor, Masse variabel). Die Arbeit basiert auf einem Stapel von unterschiedlich eingefärbten hochrechteckigen Kartons, die in der Mitte ein mit dem Cutter ausgeschnittenes mehreckiges Loch aufweisen, das in Form und Grösse variiert. Die farbigen Flächen verbinden sich durch die Stapelung und die Ausschnitte zu einem räumlichen Gebilde mit grosser Tiefenwirkung. Mit jedem Dia, für das jeweils der oberste Karton entfernt wird, bewegt sich der Blick in die Tiefe dieses kulissenhaften Raums, der an kubistische oder expressionistische Raumerfindungen erinnert, wo die Böden, Wände und Decken meist nicht rechtwinklig, sondern schräg sind, und die Raumdarstellung nicht mehr den Gesetzen der Zentralperspektive gehorcht. Die Assoziationen verändern sich mit dem im Laufe der Diaprojektion kleiner werdenden Kartonstapel beziehungsweise mit abnehmender Komplexität des Bildes: Während man am Anfang meint, in eine Strassenschlucht einer Stadt zu schauen, wo der Horizont wegen den eng stehenden Häuserreihen weit in der Ferne nur als schmaler Strich erkennbar ist, werden später Assoziationen an eine Enfilade von Innenräumen wach, die durch den Spalt einer Türe

Der Zufall, mit dessen Wirken sich Raffaella Chiara in ihren Büchern auf mannigfaltige Weise befasst, manifestiert sich in den beiden Arbeiten «City Walk» (2011) und «Landescape» (2011) ganz unterschiedlich: Während er in «City Walk» (2011) die Bilder komponiert und einen Raum konstruiert, zerstört er in «Landescape» (2011) den für uns normalen Anschauungsraum und stellt unseren Begriff des messbaren euklidischen Raumes in Frage.

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RAFFAELLA CHIARA

EINZEL- UND DOPPELAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL)

www.rachiara.ch

1966

geboren in Langnau i.E., aufgewachsen in Solothurn, lebt und arbeitet in Bern

1983 Vorkurs, F+F Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich 1984 –1988

Ausbildung zur Grafikerin

1993

Werkjahrbeitrag des Kantons Solothurn Jurypreis, 9. Kantonale Jahresausstellung der Solothurner Künstlerinnen und Künstler, Olten

2004

Atelierstipendium des Kantons Solothurn, Cité Internationale des Arts, Paris

2006

Atelierstipendium des Kunstvereins Olten, Genua Eidgenössischer Preis für Kunst

2009 Jurypreis, 25. Kantonale Jahresausstellung der Solothurner Künstlerinnen und Künstler, Solothurn

2012

«Erre», Kunsthaus Grenchen

2011

«Transformer Kit», Galerie Bernhard Bischoff & Partner, Bern «Three Tree Forest», Grand Palais, Bern «Parallel Lines», Frosch & Portmann, New York

2010

«Über den Umweg», Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona

2009

«Die Tür ist angelehnt», Galerie Bernhard Bischoff & Partner, Bern

2008

«Golden Cube», Lokal-int, Biel

2007

«Rohe Diamanten», Marks Blond Project, Bern

2006

«Mapping», Galerie Bernhard Bischoff & Partner, Bern

2005

«Schöne Aussichten», in Zusammenarbeit mit Anita Breiter, Kunstpanorama, Luzern

2000

Galerie Kabinett, Bern

1997

Galerie IST, Burgdorf

1996

Galerie Rössli, Balsthal

1995

Freitagsgalerie, Solothurn

1992

Kunstmausoleum, Biel

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL) 2011

«In erster Linie. Zeitgenössische Zeichnungen aus der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn», Kunstmuseum Solothurn

2010

«Impression – Ausstellung für Druckgrafik», Kunsthaus Grenchen

2009

«Weihnachtsausstellung», Kunsthalle Bern «Vermessen – Strategien zur Erfassung von Raum», Bündner Kunstmuseum Chur

2008

Galerie im Gluri Suter Huus, Wettingen «Impression – Ausstellung für Druckgrafik», Kunsthaus Grenchen

2007

«Weihnachtsausstellung», Kunsthalle Bern «Landscapes Reloaded», Galerie Bernhard Bischoff & Partner, Bern

2006

«Flüchtiger Horizont», Kunstmuseum Solothurn «Vom Schweifen der Linien. Zeitgenössische Zeichnungspositionen», Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon «Aeschlimann Corti Stipendium», Bernische Kunstgesellschaft, Kunsthaus Langenthal «Swiss Art Awards», Bundesamt für Kultur BAK, Basel

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2005

«Aeschlimann Corti Stipendium», Bernische Kunstgesellschaft, Kunstmuseum Bern «Hyper-Drawing», Kunsthaus Langenthal «Swiss Art Awards», Bundesamt für Kultur BAK, Basel

Die Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung «Erre» im Kunsthaus Grenchen, 26. Februar bis 22. April 2012.

2004

«Aeschlimann Corti Stipendium», Bernische Kunstgesellschaft, Centre PasquArt, Biel

2003

«Der Mondopunkt», Künstlerhaus Bethanien, Berlin «Aeschlimann Corti Stipendium», Bernische Kunstgesellschaft, Kunstmuseum Thun

2001

«Projekt 42», Konsumbäckerei, Solothurn

Künstlerische Leitung Kunsthaus Grenchen Eva Inversini Administrative Leitung Kunsthaus Grenchen Daniela von Büren Konzeption der Ausstellung Raffaella Chiara und Eva Inversini Ausstellungstechnik Marco Eberle und Jürg Ottiger

2000

«Jahresportrait 2000», Kabinett, Kunstmuseum Solothurn

1993

«Werkbeiträge des Kantons Solothurn 1993», Kunsthaus Grenchen

1992/93 Projekt Galerie Barak, Bern Konsumbäckerei, Solothurn seit 1990 Regelmässige Beteiligung an den Kantonalen Jahresausstellungen der Solothurner Künstlerinnen und Künstler

WERKE IN SAMMLUNGEN (AUSWAHL) Stiftung Kunsthaus Grenchen | Kanton Solothurn | Kunstmuseum Solothurn | Baloise Bank SoBa AG | Stadt Bern | Kanton Bern | Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern | Credit Suisse | BEKB/BCBE | DC Bank | UBS Art Collection | Sammlung Peter und Elisabeth Bosshard

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL)

Herausgeber Stiftung Kunsthaus Grenchen Konzeption der Publikation Chris Rölli, Chantal Brülhart, c&h konzepte werbeagentur ag, Solothurn, Raffaella Chiara und Eva Inversini Texte Claudine Metzger, Kunsthistorikerin, Zürich und Eva Inversini Lektorat Kathrin Hegnauer, Baden und Eva Inversini Lithografie Chantal Brülhart, c&h konzepte werbeagentur ag, Solothurn Ausstellungsaufnahmen Dominique Uldry, Bern Reproduktionen der Werke Dominique Uldry, Bern; Andri Stadler, Luzern; Oliver Lang, Lenzburg; Raffaella Chiara, Bern Druck und Gesamtherstellung Albrecht Druck und Satz, Obergerlafingen Auflage 600 Ex. 2012 2012 2012 2012

© der Texte: Autorinnen © der Werke: Künstlerin © der Fotografien: Künstlerin, Fotografen © Stiftung Kunsthaus Grenchen Bahnhofstrasse 53, Postfach 603, CH-2540 Grenchen T +41 (0)32 652 50 22, F +41 (0)32 652 50 03 info@kunsthausgrenchen.ch, www.kunsthausgrenchen.ch

ISBN 978-3-033-03411-2 ‹Vermessen – Strategien zur Erfassung von Raum› (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, kuratiert von Katharina Ammann, Bündner Kunstmuseum Chur, 11.4.–7.6.2009), hrsg. vom Bündner Kunstmuseum Chur, Nürnberg: Verlag für Moderne Kunst, 2009. ‹Flüchtiger Horizont. Martin Blum, Raffaella Chiara, Yves Netzhammer, Bernd Schurer, Anselm Stalder, Gregor Zivic› (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, kuratiert von Andreas Fiedler, Kunstmuseum Solothurn, 11.3. –7.5.2006), hrsg. vom Kunstverein Solothurn, Nürnberg: Verlag für moderne Kunst, 2006. ‹Hyper-Drawing. Raffaella Chiara, Franziska Furter, Paul Harper, Dominique Lämmli› (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, kuratiert von Marianne Burki, Kunsthaus Langenthal, 28.4.–3.7.2005), hrsg. vom Kunsthaus Langenthal, Langenthal: Kunsthaus, 2005.

Raffaella Chiara und die Stiftung Kunsthaus Grenchen danken folgenden Personen und Institutionen: Heinrich Breiter, Solothurn | Urs Jost, Druckwerkstatt, Lenzburg | Felicity Lunn, Zürich/Biel sowie den Leihgeberinnen und Leihgebern der Ausstellung: Galerie Bernhard Bischoff & Partner, Bern | Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung, Bern | UBS Art Collection | Jobst Wagner, Bern sowie den privaten Leihgeberinnen und Leihgebern, die nicht genannt werden möchten. Für die finanzielle Unterstützung der Ausstellung und/oder des Katalogs gilt unser Dank:

‹Der Mondopunkt. Gastausstellung der Konsumbäckerei Solothurn im Künstlerhaus Bethanien, Berlin›, hrsg. von Christoph Lichtin, Konsumbäckerei Solothurn, Zürich: Edition Fink, 2003.

Freunde des Kunsthauses Grenchen

c&h konzepte | werbeagentur ag

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Erre 26. Februar bis 22. April 2012

ISBN 978-3-033-03411-2

Kunsthaus Grenchen - Raffaella Chiara  

Exhibition catalogue for swiss visual artist Raffaella Chiara

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