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Die selbst gemischten Farben sind auf jede Figur abgestimmt.

KUNSTWERKE IN MINIATUR Für viele sind es Erbstücke, die mit Erinnerungen verbunden sind: Engel und Blumenkinder von Wendt & Kühn. Seit über 100 Jahren werden die kleinen Kunstwerke im Erzgebirge handgefertigt. Als Grete Wendt 1923 ihre Engelmusikanten entwarf, war sie sich sicherlich nicht bewusst, dass sie eine Vorreiterin ihrer Zeit war – als Frau, Designerin und Unternehmerin. 1937 wurde sie auf der Weltausstellung in Paris mit einem Grand Prix und einer Goldmedaille für ihre Engel ausgezeichnet und erlangte internationale Anerkennung. Und noch heute zieren die Engel im Advent unsere Wohnstuben und Weihnachtsbäume.

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In vielen handwerklichen Schritten entstehen die kleinen Figuren. Etwa sechs Wochen dauert es, bis sie sorgfältig verpackt und verschickt werden können.

Familientradition bewahren Seit über 100 Jahren entstehen die kleinen Kunstwerke in aufwendiger Handarbeit im Erzgebirge, in dem Gründungsort von Wendt & Kühn: Grünhainichen. Das alte Fachwerkhaus, in dem die Gründerin Grete Wendt mit ihrem Bruder Johannes und seiner Frau Olly und später auch den Kindern und Enkeln lebte, ist noch heute das Herz des Unternehmens. Aus einem großen Fundus

von technischen Zeichnungen und genauen Notizen über Gestaltungsideen, die Grete und Olly Wendt hinterlassen haben, schöpft das Familienunternehmen noch heute. Ausschließlich nach diesen historischen Vorlagen werden die musizierenden Engel, die zarten Margeritenengel mit Blumenkranz, die farbenfrohen Blumenkinder oder auch Lichterengel und Spieldosen in zahlreichen Schritten handgefertigt.

Umfangreiches Lager: Eine Figur entsteht aus mehreren Holzarten.


Aus verschiedenen Hölzern Mindestens ein Jahr lagert das Holz, bevor es nach einer weiteren Trocknungsphase verarbeitet werden kann. Ein großes Holzlager befindet sich am Ortsrand, aber auch das kleinere Lager hinter dem Gründungshaus ist beachtlich. Welche Holzart im nächsten Schritt verarbeitet wird, hängt davon ab, was daraus entstehen soll. So werden Spieldosen aus Fichtenholz gefertigt, da Fichte eine besonders gute Resonanzeigenschaft für den Klang der Spieldose besitzt. Die Arme von Engeln und Blumenkindern entstehen aus weichem Lindenholz, ihr Körper wiederum aus hartem Ahorn.

Erste Formen entstehen

In der Dreherei wird das Holz geformt, zu Ärmchen, Flügeln oder etwa kleinen Instrumenten. An der Handdrechselbank fertigt Tino Epphardt gerade Lichterengel in Kleinserie (Bild oben).

Nur ein paar Schritte entfernt befindet sich die Dreherei. Hier ist es wohlig warm und es duftet nach Holz. Obwohl zahlreiche Maschinen die Lautstärke so erhöhen, dass man kaum sein eigenes Wort versteht, entsteht hier vieles in Handarbeit. Die Vollautomaten formen vor allem die Teile der Figuren, die in hoher Stückzahl gebraucht werden: unzählige Engelskörper, kleine Ärmchen, gleichmäßig gerundete Köpfe oder Äpfelchen, die so klein sind, dass sie in der Kiste zwischen den Spänen kaum noch zu erkennen sind. Bei manchen winzigen Teilchen kann man nur erahnen, an welcher Stelle sie später an einem Engel oder Blumenkind zu finden sind. In der anderen Seite des Raumes arbeitet Tino Epphardt gerade an einer Handdrechselbank. Mit handwerklichem Geschick und gutem Augenmaß fertigt er einen Lichterengel und andere Figuren, die in Kleinserie hergestellt werden. An weiteren Werkbänken schleifen die gelernten Spielzeugmacher und Drechsler zahlreiche Stücke mit der Hand nach.

In Schwung kommen

Mit ruhiger Hand malt Sabine Stein den Engeln ein Gesicht – nach den historischen Vorlagen von Grete Wendt.

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An einer Handsäge fixiert eine junge Auszubildende einen kleinen Arm in einem bestimmten Winkel zum Sägeblatt, um ihn zu zerteilen. Es ist filigrane Kleinstarbeit. Später, in der Leimerei, wird der zerschnittene Arm so zusammengesetzt, dass eine Beugung im Ellenbogen entsteht. Die Idee, die Arme nicht mehr „steif“ vom Körper zu strecken, so wie es in der erzgebirgischen Holzkunst bis dahin üblich war, war eine Innovation von Grete Wendt. Ähnlich verhält es sich mit den Beinen, die ebenfalls angeschrägt werden. Die Figuren können dadurch eine Bewegung andeuten, laufen, fliegen und etwas in ihren Händen halten, was sie viel lebhafter und leichter wirken lässt.

Nachdem die gedrechselten Einzelteile von Hand zu einer Figur zusammengesetzt wurden, wird diese nun grundiert und weiß lackiert.

Die Figur entsteht In der Leimerei werden die gedrechselten Einzelteile mit Holzkaltleim zu einem Ganzen zusammengefügt. Es entstehen Teekannen und Schlitten in Miniatur, Blumen erhalten ihre Blütenblätter und auch die Engel nehmen mit ihren Flügeln und Locken, die ihnen später ihr typisches beschwingtes Erscheinungsbild verleihen, langsam Gestalt an. Die Löckchen sind wahrscheinlich das kleinste Teil, das an eine Figur geleimt werden muss. Sie werden zunächst scheibchenweise und hauchdünn von einem Holzreifen geschnitten, den zuvor ein Drechsler gedreht hat. Die Kunst des Reifendrehens wurde einst in Seiffen entwickelt und ist auch heute noch typisch und einmalig für das Erzgebirge. Jede Arbeiterin fügt mit ruhiger Hand die Figur komplett zusammen und schleift sie noch einmal nach. Anschließend wird sie in der Taucherei kopfüber auf einer Nadel steckend zweimal grundiert und einmal in Lackfarbe getaucht. Zehn Tage trocknen die weiß glänzenden Engel und Blumenkinder nun, bevor sie bemalt werden können.


Im Gegenlicht sieht man, wie zart die Blüten des „Mädchens mit Kirschblüte“ sind. die in großen Mengen gebraucht werden, wie die zarte Hautfarbe oder das Flügelgrün der Günhainichener Engel, bekommen sie schon fertig gemischt ins Haus geliefert.

Mischen nach Augenmaß Als Ausgangspunkt nutzen die Meisterinnen fünf Grundfarben: Chromgelb, Ultramarinblau, Blaugrün, Karminrot und Hellrot, die sie mit Weiß und Schwarz tönen. Dabei halten sie sich an die überlieferten Vorgaben und vertrauen auf ihre jahrelange Erfahrung und ihr Augenmaß. Meisterin Kerstin Lorenz hat das Mischen von Farbe von der Pike auf gelernt. „Dabei habe ich ganz viel probiert: Wie gelange ich zu einem bestimmten Ton, was passiert, wenn man dieses oder jenes dazumischt? Es war ein intensiver Lernprozess, der viel Durchhaltevermögen erforderte.“ Die Farbtöne mischen sie in kleinen Behältern an, etwa in Gläsern und Dosen, die sie dann für die jeweilige Figur in einem Karton zusammenstellen. Die

Der Blumenkranz aus Margeriten wurde einst aus Zinn hergestellt. Heute wird er aus PappPrägebordüren gefertigt (Bild oben). Etwa zehn Tage trocknet der weiß glänzende Lack.

In der Malerei

Umfangreiche Farbpalette

Während in der Taucherei noch rockige Gitarrenmusik aus den Lautsprechern ertönte, herrscht in der Malerei fast schon angestrengte Stille. Jede Malerin arbeitet an einer bestimmten Figur; das Malmuster hat sie zur Orientierung vor sich stehen. „Manchmal hören wir ein Hörbuch an und wir babbern auch mal miteinander“, sagt Diana Reichel, die gerade einen Flügel mit Goldfarbe verziert. Über 70 Malerinnen erwecken die Figuren von Wendt & Kühn mit Farbe zum Leben und verleihen ihnen ihr typisches, unverkennbares Aussehen. Nur sechs von ihnen malen die Gesichter nach Grete Wendts Vorstellungen. So auch Sabine Stein, die gerade einem Margeritenengel Augen verleiht. Mit einem schnellen, sanften Schwung entsteht erst das linke, dann das rechte Auge. Danach malt sie Nase und Mund. Für das Gesicht wird ausschließlich Ölfarbe verwendet, da diese für einen kurzen Moment noch ausgebessert werden kann.

Grete und Olly Wendt orientierten sich bei der Gestaltung ihrer Entwürfe an der Natur, an Menschen und Dingen aus ihrem Alltag. Ihre Beobachtungen spiegeln sich in den unterschiedlichen Motiven, aber auch in der umfangreichen Farbpalette wider, mit der die Figuren bemalt werden. Besonders farbenreich sind die Blumenkinder in ihren bunten Kleidern. Sie tragen veilchenblaue, kornblumenblaue oder mohnrote Blüten. Die Farben haben eine umfangreiche Palette und sind bei jeder Figur aufeinander abgestimmt, ähnlich wie bei einem Gemälde. Gelb ist nicht gleich Gelb – das der Sonne, des Mondes, der Sterne, von Narzissen und Krokus oder von Strohhüten unterscheidet sich in kleinen Nuancen voneinander. Traditionell verwenden die Malerinnen den auf Harz basierenden Spiritus-Kopallack in über 400 Farbtönen, die von drei Meisterinnen selbst von Hand gemischt werden. Nur die Farbtöne,

In der Leimerei vollbringen die Mitarbeiter Kleinstarbeit: Millimeterkleine Löckchen werden am Kopf angebracht und die zerschnittenen Ärmchen zusammengefügt.

Jede Arbeiterin fügt ihre Figur komplett zusammen und schleift sie, wenn nötig, noch einmal nach. Ein Muster hat sie dabei vor sich stehen (Bild rechts).

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LANGE TRADITION Vor über 100 Jahren, im Jahr 1915, gründeten Margarete, genannt „Grete“ Wendt (1887–1979) und Margarete Kühn (1888–1977) in Grünhainichen ein Unternehmen, das heute in dritter Familiengeneration die Ideen der Gründerinnen in die Welt hinausträgt. Beide Frauen gehörten zu den ersten Absolventinnen der Königlich-Sächsischen Kunstgewerbeschule – eine Besonderheit zu dieser Zeit. Als Margarete Kühn 1920 heiratete, schied sie zwar aus der Firma aus, blieb Grete jedoch ein Leben lang freundschaftlich verbunden. Im selben Jahr kam Olga, genannt „Olly“ Sommer (1896–1991) nach Grünhainichen, um in dem Unternehmen Erfahrung zu sammeln. Sie war ebenfalls Absolventin der Kunstgewerbeschule und verliebte sich in Johannes, den Bruder von Grete. Die in Riga geborene Olly brachte Einflüsse aus ihrer baltischen Heimat in Farb- und Formensprache von Wendt & Kühn und entwickelte sich an der Seite von Grete zu einer begnadeten Gestalterin. Aus ihrer Feder stammen etwa die Margeritenengel, von denen die ersten 1929 entstanden. Claudia Baer erinnert sich noch an ihre Großtante Grete und ihre „Omi“ Olly, mit denen sie zusammen unter einem Dach wohnte: zwei starke Frauen, denen die Verstaatlichung des Betriebs während der DDR-Zeit jedoch sehr zu schaffen machte. „Da wir jedoch durch den Export gute Devisen brachten, gab es glücklicherweise keine gravierenden Änderungen in der Produktion“, sagt Claudia Baer. Ihr Vater habe als angestellter Betriebsleiter das Unternehmen klug und vorausschauend durch die DDR-Zeit geführt und es nach der politischen Wende wieder privatisiert. Seit 2011 leitet nun auch Claudia Baer, geborene Wendt, gemeinsam mit ihrem Bruder Florian das Familienunternehmen im Sinne ihrer Vorfahren.

Malerin holt sich dann den passenden Karton für ihre Figur, etwa für das „Mädchen mit Kirschblüte“.

Reparieren alter Lieblinge Auf den richtigen (Farb-)Ton kommt es auch in der Restaurierungswerkstatt an. Hier stapeln sich in den Regalen kleine Kartons mit alten Schätzen. Mancher Engel hat seine Laterne samt Arm verloren, bei einem anderen platzt die Farbe am Kleid ab. Claudia Hähner und ihre Kolleginnen haben die Obhut über diese Schätze, die sie liebevoll und sorgsam wieder restaurieren. „Schließlich hat jede dieser Figuren schon einen Besitzer, der oft emotional mit ihr verbunden ist“, sagt sie. Zunächst einmal müssen sie herausfinden, aus welcher Zeit die Figur stammt. Dabei helfen historische Fotos, Zeichnungen und Kataloge. „Oftmals erkennt man das Alter im Gesicht, denn bis 1968 wurden Augen und Mund noch in Blauschwarz gemalt. Danach erst wechselte man zu Braun“, weiß die erfahrene Restauratorin.

Auf Spurensuche Von Zeit zu Zeit landen auch besondere und seltene Stücke auf dem Tisch von Claudia Hähner. Auftragsarbeiten etwa, die Wendt & Kühn einst auf

Claudia Baer

KONTAKT

Wendt & Kühn, Chemnitzer Straße 40, 09579 Grünhainichen, www.wendt-kuehn.de, Tel.: 03 72 94/8 62 86 (Mo – Fr, 8 –16 Uhr), „Wendt & Kühn-Welt“ (manufaktureigener Laden) täglich geöffnet 10 –17 Uhr, Führungen durch die Wendt & Kühn-Welt immer montags 11 Uhr und freitags 14 Uhr, außer an Feiertagen. Voranmeldung erforderlich.

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Nachfrage für andere Firmen gefertigt hat, wie Weihnachtsgeschenke für Mitarbeiter. Solche Stücke gab es nie im Handel zu kaufen und sie sind deshalb auch in den Katalogen nicht verzeichnet. Eine besondere Herausforderung sind zudem die Farben, die im Laufe der Jahrzehnte verblasst sind. Ferner war die Farbpalette in den frühen Jahren noch eine andere als heute. Also werden auch hier, so wie in der Malerei, die Farben in kleinen Gläsern extra gemischt, abgestimmt auf die jeweilige Figur. „Denn wir wollen genau den Ton treffen, den die Farbe mit den Jahren angenommen hat“, sagt Claudia Hähner.

Letzte Schritte Nachdem die Bemalung getrocknet ist – dies dauert bei den kleinen Engeln und Blumenkindern etwa drei Wochen –, werden die Figuren komplettiert. Das Blumenkind erhält seinen Blütenstängel oder der Margeritenengel den Stern, den er trägt. Danach werden sie von den Handwerkerinnen erneut begutachtet und nur, wenn sie keine Makel haben, mit einer Bodenmarke von Wendt & Kühn versehen, die sie als Originale kennzeichnet. ■   Text: Julia Hofmann Fotos: Dominik Wolf

UNSER ENGEL MIT STERN In Zusammenarbeit mit Wendt & Kühn entstand der Landlust „Margeritenengel mit goldenem Stern“. Er wird in Handarbeit nach den historischen Vorlagen von Olly Wendt aus dem Jahr 1929 gefertigt. Die typisch zartblauen Flügel, der Margeritenkranz im Haar und das fröhliche Lächeln machen ihn zu einem schönen Begleiter im Advent. Mit seinem goldenen Stern ist er exklusiv im Landlust-Shop unter shop.landlust.de, per Bestellkarte auf S. 171 oder telefonisch unter 0 25 01/80 13 18 unter der Art.-Nr. 11518 erhältlich. Er misst ca. 2 x 4,5 cm und kostet 24,50 €.

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Landlust-Reportage Juni 2019  

Landlust-Reportage Juni 2019  

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