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Montag, 22. August 2011 / Nr. 192 Neue Luzerner Zeitung Neue Urner Zeitung Neue Schwyzer Zeitung Neue Obwaldner Zeitung Neue Nidwaldner Zeitung Neue Zuger Zeitung

Gratulation mit Zündstoff

Ausland

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«Die Stimmung war unglaublich»

sda/red. Mit einem Glückwunschschreiben an Fidel Castro hat sich die deutsche Linkspartei in die Nesseln gesetzt. Sie gratulierte dem kubanischen Revolutionsführer am 13. August anlässlich seines 85. Geburtstages zu einem «kampferfüllten Leben». Linke-Fraktionschef Gregor Gysi würdigte zudem die «grossen Verdienste» Castros. Kuba

HERAUSGEPICKT sei «Beispiel und Orientierungspunkt für viele Völker dieser Welt». Der Menschenrechtsbeauftragte der deutschen Regierung, Markus Löning (FDP), kritisierte das Schreiben scharf. Die CDU-Menschenrechtsexpertin Erika Steinbach sprach von einem «unglaublich peinlichen Brief», der eines klarmache: «Im Deutschen Bundestag sitzen Antidemokraten.»

NACHRICHTEN Assad lehnt Rücktritt ab DAMASKUS sda. Syriens Präsident Baschar el Assad zeigt sich weiter uneinsichtig. Ungeachtet des wachsenden internationalen Drucks lehnte er gestern Abend in einem Interview mit dem Staatsfernsehen einen Rücktritt ab. Er warnte vor einer militärischen Intervention gegen Syrien und drohte, jedes Land, das sich in syrische Angelegenheiten einmische, müsse mit «negativen Folgen» rechnen.

Erneut wurden Autos angezündet

Im Papamobil fährt Benedikt XVI. auf dem Flughafen Madrid zur Abschlussmesse. Hunderttausende jubeln dem Papst zu. Reuters/Sergio Perez

WELTJUGENDTAG Eine stürmische Andacht, spontane Partys und ein unvergesslicher Apéro in der Botschaft: So hat ein junger Zentralschweizer die Tage in Madrid erlebt.

BERLIN sda. In der deutschen

Hauptstadt sind auch in der Nacht auf Sonntag wieder mehrere Autos mutmasslich aus politischen Gründen in Brand gesteckt worden. Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CDU) zeigte sich besorgt und erklärte, die Lage in Berlin sei «sehr ernst». Er plädiere für eine harte Bestrafung der Täter. Die seit Wochen anhaltenden Brandanschläge werden in Berlin zum Wahlkampfthema. CDU und FDP kritisierten die Sicherheitspolitik der roten Berliner Regierung.

Tage der Trauer in Norwegen MASSAKER sda. Gut vier Wochen nach dem Massaker auf der Insel von Utöya hat Norwegen noch einmal vereint innegehalten. Zum Abschluss der dreitägigen Trauerveranstaltungen gedachte das Land gestern bei einer offiziellen Feier der 77 Opfer der Terroranschläge vom 22. Juli. An der Veranstaltung in der mit Kerzenlicht erleuchteten Oslo Spektrum Arena nahmen Mitglieder der nordischen Königshäuser und die Präsidenten von Island und Finnland teil. Auch Überlebende und Vertreter der Rettungskräfte zählten zu den rund 6700 Gästen.

Sichtlich bewegter König König Harald V. sprach sichtlich bewegt in der im Halbdunkel liegenden Halle zu den Menschen. «Als Vater, Grossvater und Ehemann kann ich Ihren Schmerz nur erahnen. Als König dieses Landes fühle ich mit jedem von Ihnen», sagte der Monarch zwischen Mozart-Klängen und norwegischem Rap. Am Freitag und Samstag hatten Angehörige und Überlebende die Attentatsorte in der Osloer Innenstadt und auf der Ferieninsel Utöya besucht. Mindestens 1000 Menschen wurden mit Fähren und Militärbooten auf die Insel gebracht, auf der der Rechtsradikale Anders Behring Breivik am 22. Juli 69 Menschen getötet hatte.

HANS-PETER HOEREN hans-peter.hoeren@luzernerzeitung.ch

Zuerst kam der Regen. Dann zog ein Sturm auf. Blitze zuckten am Samstagabend über die mehreren hunderttausend jungen Teilnehmer der Gebetsandacht auf dem stillgelegten Flughafen Cuatro Vientos vor den Toren Madrids hinweg. Ein Strommast stürzte wegen des Sturms um, sieben Menschen wurden verletzt. Sogar Papst Benedikt XVI. ging wegen des Unwetters kurzzeitig in Deckung. «Es war fast zum Fürchten, es hätte eine Massenhysterie geben können», sagt Martin Iten (25). Der aus Oberwil im Kanton Zug stammende Iten hat mit einer Gruppe von 400 jungen Schweizerinnen und Schweizern am Weltjugendtag in Madrid teilgenommen. Zu der Gruppe gehörten auch 115 junge Gläubige aus der Zentralschweiz.

Das Unwetter und die trotz des Gewitters besonnene und friedliche Atmosphäre bei der Gebetsandacht am Samstag wird Martin Iten so schnell nicht vergessen.

«Unglaublich gelöste Stimmung» «Die Stimmung war unglaublich freundlich und gelöst», sagt der 25-jährige selbstständige Polygraf. Unter Isomatten und Pullovern suchte die Schweizer Gruppe Schutz. «Die Andacht musste

«Es war fast zum Fürchten. Es hätte eine Massenhysterie geben können.» M A RT I N I T E N , T E I L N E H M E R A M W E LTJ U G E N DTA G A U S Z U G

unterbrochen werden. Alles war nass, aber der Papst ist geblieben», sagt Iten. Papst Benedikt sei zurückhaltender als sein Vorgänger und erreiche die Massen nicht so leicht wie Johannes Paul II. «Aber das, was er sagt und tut, ist sehr berührend und spricht die jungen Menschen an», erklärt Martin Iten. Ganz konkret nach ihren Wurzeln habe der Papst die jungen Leute aus rund 200

Ländern gefragt und ob diese Wurzeln tief genug seien, um den Stürmen des Lebens standzuhalten. «Danke für das Ausharren, wir sind stärker als der Regen», bedankte sich der Papst anschliessend bei den jungen Gläubigen.

Von der Andacht zum Volksfest Im Anschluss an die Gebetsandacht verwandelte sich das stillgelegte Rollfeld in ein einziges grosses Volksfest. «Bis in den Morgen hinein wurde getanzt, musiziert und gesungen», schwärmt Martin Iten. Auf Isomatten haben Hunderttausende auf dem Flughafen übernachtet, um gestern dort mit dem Papst den Abschlussgottesdienst bei der sechstägigen Grossveranstaltung zu feiern. Über eineinhalb Millionen Menschen wohnten der Messe bei. «Es ist erstaunlich, dass bei solch einer Menschenmenge eine derart besinnliche Stimmung aufkommen kann», sagt Iten. Der Weltjugendtag sei ein grosses Glaubensfest, eine Begegnung der Kulturen, bei der in einer lockeren Atmosphäre mit Gleichaltrigen auch über existenzielle Fragen wie «Warum bin ich da?» oder «Was ist der Sinn meines Lebens?» diskutiert werde, erklärt Iten. Viele neue Impulse hätten die Teilnehmer bekommen. «Wir werden viel neues Feuer in die Schweiz tragen.» Auch die konservativen Positionen in

Sachen Zölibat oder Abtreibung, die der Papst erneut bekräftigte, seien kontrovers diskutiert worden. Die Berichte über die Demonstrationen von 2000 Papstgegnern oder über die Kosten von rund 50 Millionen Euro hält Iten für «medial überbewertet». «Der Weltjugendtag finanziert sich zu 100 Prozent selbst aus Teilnehmerbeträgen, Spenden und Sponsoring», sagt Iten. Nebst Gebetsabenden und anderen besinnlichen Elementen sei aber die Unterhaltung nicht zu kurz gekommen. Für Iten war es der 4. Weltjugendtag nach Rom, Köln und Sydney. Südländischer und ausgelassener sei die Stimmung gewesen.

Botschaft verpflegte Hungrige Leichte Abstriche macht er bei der Organisation. So strandeten die sieben Busse mit den rund 400 Schweizern zu Beginn in einem Vorort Madrids, weil ihnen kurzfristig eine andere Unterkunft zugeteilt worden war. «Diese war noch nicht auf uns vorbereitet, wir bekamen anfangs dort noch nichts zu essen», erzählt Iten. Als die Schweizer Botschaft dann eine kleine Delegation der Gruppe zur offiziellen Begrüssung zum Apéro einladen wollte, sei man deshalb kurzerhand mit allen 400 Teilnehmern zur Botschaft gefahren. «So konnten wir die Leute verpflegen. Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden», freut sich Iten.

Anderthalb Millionen harrten in der Hitze aus MADRID Annähernd anderthalb Millionen Menschen kamen nach Schätzungen der Polizei gestern zur Abschlussmesse des Weltjugendtages auf das Flugplatzgelände am Rand der spanischen Hauptstadt Madrid. Unter ihnen auch das spanische Königspaar mit König Juan Carlos und Königin Sofia. Während der OpenAir-Messe am Sonntagmorgen zeigte sich der Wettergott wieder gnädig, nachdem am Samstagabend ein heftiges Unwetter tobte und für einen Unterbruch der Gebetswache sorgte.

zu lindern. Dennoch mussten rund 2500 Pilger mit Hitzschlägen, wegen Übelkeit oder Flüssigkeitsmangel von Sanitätern behandelt werden. Die Trinkwasservorräte wurden knapp, Tausende blieben in der Nacht auf Sonntag auf dem Flugplatzgelände, um am grossen Schlussgottesdienst mit dem Papst teilzunehmen.

«Versuchung nicht nachgeben»

Hitzschläge noch und noch Die Regengüsse brachten den Hunderttausenden jungen Gläubigen immerhin endlich die Abkühlung, auf die sie den ganzen Tag gehofft hatten. Bei nahezu 40 Grad hatten sie in brütender Hitze und ohne Schatten stundenlang auf dem Flugfeld ausgehalten, um ihren Heiligen Vater zu sehen. Die Feuerwehr bespritzte die Wartenden mit Wasser, um die Bruthitze

Benedikt XVI. bei der gestrigen Messfeier. EPA/Claudio Onorati

Der Papst rief zum Abschluss des Weltjugendtags die Jugendlichen auf, sich in ihrem Glauben nicht beirren zu lassen und ihn «in der Gemeinschaft der Kirche» zu leben. «Wer der Versuchung nachgibt, auf seine eigene Weise Jesus zu folgen oder den Glauben entsprechend der in der Gesellschaft vorherrschenden individualistischen Auffassung zu leben, läuft Gefahr, Jesus Christus niemals zu begegnen oder letztlich einem Zerrbild von ihm zu folgen», erklärte Benedikt XVI. Knapp eine halbe Million junge Menschen aus 193 Ländern hatten sich offiziell zum Weltjugendtag in Madrid

angemeldet. Die meisten jugendlichen Pilger kamen aus europäischen Ländern. Zum Schlussgottesdienst waren auch Tausende spanischer Familien gekommen. Papst Benedikt kündigte zum Schluss der Feier an, dass der nächste Weltjugendtag im Jahr 2013 im brasilianischen Rio de Janeiro stattfinden werde. Zudem gedachte er der Opfer jenes Flugzeugabsturzes, bei dem vor genau drei Jahren auf dem internationalen Flughafen von Madrid 154 Menschen starben. Der sechstägige Weltjugendtag war von mehreren kirchenkritischen Demonstrationen begleitet worden, die von der Polizei zum Teil mit Gewalt aufgelöst wurden. Dabei waren einige Polizisten auch gegen Journalisten und Unbeteiligte vorgegangen. Nachdem die spanischen Medien diese «Exzesse» beklagten, wurde nun eine interne Untersuchung über das Vorgehen der Polizei eingeleitet. RALPH SCHULZE, MADRID nachrichten@luzernerzeitung.ch


Bericht_NLZ  

Bericht der Neuen Luzerner Zeitung

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