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INTERVIEW

„Die Hoffnung kommt von den Rändern dieser Welt“ Klimawandel, Armut, Ungerechtigkeit ... Was kann man tun angesichts der vielen globalen Probleme? „einfach MENSCH sein“ ist eine filmische Reise zu Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Ein Gespräch mit Regisseur Ernst Zerche.

W

ie entstand die Idee zu „einfach MENSCH sein“? Ernst Zerche: Vor rund zwei Jahren gab es in der Katholischen Kirche Steiermark eine Aufbruchsstimmung mit unserem neuen Bischof. Die Planungen für das Diözesanjubiläum 2018 wurden konkreter. Mir wurde bewusst: Es braucht auch einen Beitrag, der die Weltkirche und unsere globale Verantwortung thematisiert. Persönlich wollte ich mit diesem Film die Menschen hinter den „Hilfsprojekten“ vorstellen, ohne Beweihräucherung der Hilfswerke. Letztlich waren es ja immer konkrete Personen und Begegnungen, die mich und viele andere in ihrem Handeln bewegt und verändert haben. Seit wann arbeitest du an diesem Film? Mit der Förderungszusage durch den Innovationstopf der Diözese konnten wir im September 2016 starten. So ein Projekt kann man unmöglich alleine stemmen. Ohne die Unterstützung einiger „Protagonisten“ in der Diözese wäre es nicht möglich gewesen. Entscheidend war auch, ein Konzept zu entwickeln, um in kurzer Zeit mit relativ kleinem Budget einen guten Film zu machen. Mein Metier ist ja eigentlich die Fotografie, im jungen Kameramann Manuel Prett konnte ich aber einen kongenialen Partner für die Umsetzung dieser Film-Idee gewinnen. Er studiert an der Filmhochschule und war bereit, seine Freizeit für die Reisen zu investieren. Und er brachte die nötige Sensibilität 2

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für die Lebenswelten mit, die wir besuchen wollten. Aus Kostengründen haben wir alles selbst gemacht: Produktion, Recherche, Kamera, Tontechnik, Regie, Redaktion, Schnitt. Was möchtest du mit dem Film vermitteln? Ich wollte einen Film machen, der einen möglichst unmittelbaren Zugang zu den handelnden Personen ermöglicht. Es ist ein leiser, unaufgeregter Film. Ein Film, in dem die Welt nicht durch einen Kommentator erklärt wird. In dem wir Menschen in die Augen sehen, ihnen zuhören. Mich hat der Satz des Philosophen Emmanuel Lévinas sehr bewegt, den mir ein alter Freund mitgegeben hat: „Das Bewusstsein wird durch das Antlitz in Frage gestellt.“ Ich war verblüfft, als ein katholischer Priester in einem Gespräch, das wir gemeinsam mit einem Imam im Senegal aufgezeichnet haben, genau diesen Satz zitiert hat. Gab es auch Schwierigkeiten? 2017 war das intensivste Reisejahr. In relativ kurzen Abständen haben wir in Nepal, Senegal und Brasilien gedreht. Die Reisestrapazen, das schwere Film- und Fotoequipment haben bei mir zu massiven Rückenproblemen und letztlich zu einem Krankenhausaufenthalt mit anschließender Reha geführt. Das hat kurzzeitig den Terminplan durcheinandergebracht und damit die Fertigstellung des Films gefährdet. Mit viel Einsatz und zusätzlicher Unterstützung haben wir das aber wettgemacht. Wenn man weiß,

2017 - Nr. 28 25 Juni – September 2018

welcher finanzielle und zeitliche Aufwand hinter professionellen Produktionen steht, darf man mit dem Erreichten zufrieden sein. Letztlich zählt aber die Geschichte, die erzählt wird und ich hoffe, sie kommt an. Was hat dich am meisten beeindruckt? Die Unterstützung, die wir in den Ländern und Projekten erfahren haben, in denen wir filmen konnten: In Nepal haben uns die ProtagonistInnen in ihrem Haushalt aufgenommen. Im Senegal wurden wir Teil einer multireligiösen Großfamilie und Dorfgemeinschaft, die mit uns selbstverständlich das Fest Koridé, – das Ende des Fastenmonats Ramadan – gefeiert hat. In Brasilen wurden wir stolz als Mitpilgernde aus Österreich bei der Romaria (politische Wallfahrt, Anm.) zum Schutz der Cerrado-Region begrüßt. Eine fußballbegeisterte Schwesterngemeinschaft mit Ursprüngen in Graz-Eggenberg hat uns herzlich aufgenommen. Sie leben in Brasilien aktiv ihre Berufung, den Kindern von armen Familien eine Chance zu geben. Aber ganz besonders berührt hat mich die Reaktion des islamischen Dorfgeistlichen Ousmane Aidara im Dorf Santhiou Béra. Angesichts der gewaltsamen Religionskonflikte hat er unter Tränen die friedensstiftende Aufgabe des Islams und der Religionen überhaupt entfaltet. Dann haben wir die Kameras beiseitegelegt, uns die Hände gereicht und für den Frieden gebetet.

Welthaus Info 28  

Ausgabe 28 - einfach mensch ein -

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