we love handmade MAG #1

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Julia Darwiche über emanzipiertes Hausfrauenbloggen Auf der Suche nach vorweihnachtlicher Depression oder sonst irgendetwas sarkastisch Verwertbarem, bin ich auf nicht allzu viel gestoßen. Ich bin frei von jeglicher Aggression gegen die Geburt vom Jesuskind. Echt jetzt? Skepsis über die Glückseligkeit. Auf meinem Vanille-Insulin-High kann ich mir selbst nicht mehr trauen. Was ist hier passiert? Vor 16 Jahren hab ich noch „Ich spuck auf deinen Schneemann“ zum Papa gesagt und am heiligen Abend einen Fotz gezogen, weil mein Gulaschsaft nicht fleischfrei war, also ich mochte den Fleischgeschmack schon, aber diese kleinen Rindsfasern nicht. Letzten Monat hab ich kurz vor Rührung weinen müssen, weil die Weihnachtsdeko in der Innenstadt schon hängt. Mädchen reiß dich zsamm, denk ich dann, aber erst nach der alljährlichen, lang ersehnten Premiere von „All I Want For Christmas Is You“.

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Julias Kolumne

Und da haben wir’s. Diese ganze Gefühlsduselei und die fast schon romantischen Gedanken an den Nikolo kamen mit meiner Weiblichkeit. Blut fließt eben mit Emotionen. Hormonbedingt liebe ich Weihnachten. Achtung, es wird schlimmer (Feministinnen der zweiten Welle, bitte wegschaun): meine hormongesteuerte Bulldozerfahrt über die Errungenschaften der Frauen in den letzten 100 Jahren kennt keinen Halt vor nichts. Ich backe Kekse zur Befriedigung meiner Mitbewohner, genauer gesagt der Männer. In meiner weißen Haube will ich so süß aussehen wie Zooey Deschanel, präferiert mit roten Bäckchen zum Kneifen und Knutschen. Schon Ende November bin ich zielstrebig auf der Suche nach Mistelzweigen, ja Mehrzahl, denn es könnte sich eine romantische Szene ergeben, ich muss nur die Chancen erhöhen.