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Zwei Auf ein Gespräch Hans-Hermann und Antje Wegst gehen seit 46 Jahren gemeinsam durchs Leben. Er, wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren, und sie, waschechte Friesin und Spross der traditionsreichen Sylter Bäckerei-Familie Abeling, blicken zurück auf 120 Jahre Familiengeschichte Interview: Sabrina Müller F o t o s : C a rs t e n W e g s t

Erinnerungen werden wach, wenn Hans-Hermann Wegst über seine Kindheit spricht. Seiner Frau Antje war schon früh klar, dass sie irgendwann beruflich in das Familienunternehmen einsteigen würde

Vier Generationen haben das Traditionsunternehmen Wegst zu dem gemacht, was es heute ist. Der 76 Jahre alte Steuerberater und die 68-jährige gelernte Bauzeichnerin sind Teil dieser Erfolgsgeschichte. Nach dem Tod ihres Schwiegervaters Hermann Wegst übernahm Antje Wegst im Jahr 1988 die Regie im Schmuckgeschäft. Bis heute verbindet sie mit sicherem Gespür Traditionelles mit zeitgemäßen Angeboten. Das Ehepaar ist stolz auf seine drei Kinder Dürken Freier (Steuerfachangestellte), Göntje Rosenzweig (Anwältin) und Carsten Wegst, der vor neun Jahren als Geschäftsführer die Leitung des Familienbetriebs übernommen hat. Herr Wegst, Ihre Eltern Hermann und Marie waren das, was man wohl als Vollblut-Unternehmer bezeichnen würde. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit? Hans-Hermann Wegst: Meine Eltern waren von morgens bis abends im Geschäft, aber das Familienleben hat darunter nie gelitten; es war trotzdem immer jemand da für uns Kinder. Wenn ich vor unserem Geschäftshaus stehe, schweifen meine Gedanken häufig Jahrzehnte zurück. Ich schaue dann nach oben zum Turmzimmer, sehe mich als Achtjährigen am Klavier sitzen und höre meinen Vater, wie er mich im Spielen unterweist und dabei meine große Liebe zur Musik weckte, die bis heute ungebrochen ist. Hörte er mich von unten nicht spielen, kam er aus dem Laden heraufgestürzt, um mich zu ermahnen. Seine Kunden ließ er dabei einfach stehen. Und ich erinnere mich an meine Mutter am Heiligen Abend, die mit ihren zwei ungeduldigen Söhnen auf den Vater warten musste, der bei Sturm und Regen noch die letz-

ten bestellten Waren mit dem Rad zu den Kunden brachte. Ohne ihn, das war auch uns Kindern bewusst, konnte die Bescherung unter dem Tannenbaum im Turmzimmer natürlich nicht beginnen. In der Kirche um 23 Uhr schlief er dann oft ein, weil der 24. Dezember der Hauptverkaufstag war und er die Nacht vorher oft gar nicht ins Bett kam. Ich habe oft dabei geholfen, im Lager die Ware auszupacken. Das Füllmaterial in Form von Holzwolle wurde danach im Keller verbrannt. Als 1948 die Währungsreform in Kraft trat und die D-Mark da war, gab es eine wahre Angebotsfülle. Zuvor wurden die Waren – wie in allen anderen Geschäften auch – gehortet und versteckt. Der erste Kunde mit der neuen Währung in der Tasche, ein Beamter, gab bei uns sofort die gesamten 40 Mark aus, die damals jeder Bürger als Erstzahlung erhalten hatte. Da war mein Vater glücklich, denn endlich kam wieder Geld in die Kasse. Wer hatte in unternehmerischen Dingen die Hosen an – Ihr Vater oder Ihre Mutter? Hans-Hermann Wegst: Mein Vater war als Elfenbeinschnitzer ein Künstlertyp, meine Mutter die Geschäftsführerin. Ein Arbeitstag meines Vaters dauerte nicht selten von 6 bis 23 Uhr, wobei ein hohes Maß an Genauigkeit und Sorgfalt den Geschäftsalltag bestimmten. Ich weiß noch ganz genau, wie er jedes Preisschild selbst beschrieb und bemalte, obwohl wir sie auch hätten bedrucken lassen können. Mein Vater kaufte ein, was ihm gefiel, meine Mutter das, was den Kunden gefiel. Dafür engagierte sich mein Vater anderweitig, war unter anderem acht Jahre lang Stadtvertreter und fast 40 Jahre im Kirchenvorstand. Daneben war er ein Freund der Ringreiter: Als Sponsor übernahm er die Gravuren der Pokale, und beim jährlichen Ringreiter-­

Umzug durch die Stadt Westerland schenkte er vor seinem Geschäft Korn aus. 1962 stiftete mein Vater der Westerländer Stadtkirche die Figur „Segnender Christus“, die lange über dem Taufstein hing und heute in der Sakristei zu finden ist. Antje Wegst: Mein Schwiegervater hat seine Elfenbeinschnitzereien auch touristisch verkauft und Mitbringsel Sylt typisch gestaltet, zum Beispiel Kettenanhänger und Brieföffner, die mit einer Möwe verziert waren. Später hat er auch Muschelkästen angeboten und mit seiner schönen Handschrift aufgewertet. Er war außerdem der Erste, der die Form der Insel als Logo genutzt hat. Es war seine Idee, die Silhouette zu vermarkten. Aber die Insel Sylt kann man nicht als Marke schützen lassen. Frau Wegst, wann war Ihnen denn klar, dass Sie in das Familienunternehmen Ihres Mannes einsteigen ­wollen? Antje Wegst: Wir haben 1971 geheiratet. Irgendwann fragte mich mein Mann einmal, ob ich mir vorstellen könnte, im Geschäft zu arbeiten. Ich habe das nie verneint, das Kaufmännische liegt mir im Blut. Aber erst einmal waren andere Dinge an der Reihe. Ich unterstützte meinen Mann in seinem Steuerbüro, die Kinder wurden geboren und Frühstücksgäste waren im eigenen Haus zu betreuen. Bis dahin kümmerten sich meine Schwiegereltern ja auch um alles, wobei ich bereits zu dieser Zeit in der Saison bei ihnen ausgeholfen habe, die Buchführung erledigte und mit meiner Schwiegermutter Messen besuchte. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Anfangszeit? Antje Wegst: Durch Learning by Doing habe ich mir viele Fachkenntnisse selbst erarbeitet. Ich habe mich der Auf-

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