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2 Thema der Woche

E.V. LDEN ZIALHE (3), SO N E H LSC INA FE CHRIST

K A R R I E R E W E LT, 2 4 . / 2 6 . M Ä R Z 2 012

In Aktion Mit ihrer Umweltgruppe Yesil Cember klärt Gülcan Nitsch über Naturschutz im Alltag auf

Wie aus Engagement Karriere wird Ashoka unterstützt Menschen mit herausragenden sozialen Ideen beim Aufbau ihrer Unternehmen IMPRESSUM Eine Veröffentlichung der Redaktion Sonderthemen für die WELT-Gruppe Redaktionsleitung: Astrid Gmeinski-Walter, Klaus Ries (stv.) Redaktion: Dr. Anke-Sophie Meyer (verantw.), Heike Kowitz, Marie-Thérèse Nercessian, Christina Petrick-Löhr Art Direction: Walter Lendl Gesamtanzeigenleiter: Stephan Madel Anzeigen: Petra Mählmann-Radowitz Kontakt: Tel. 030/58 58 90 Fax 030/58 58 91 Email: karriere@welt.de Spezielle Anzeigen veröffentlichen wir mit einem QR-Code – einem Link ins mobile Internet, der über die Kamera Ihres Mobiltelefons lesbar wird. Auf diesem Weg erhalten Sie weitere Informationen zur ausgeschriebenen Stelle.

MARIE-THÉRÈSE NERCESSIAN

F

elix Oldenburg hat eine Vision: Eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne zur Lösung der Probleme beiträgt. In der sich die Menschen gegenseitig ermutigen und unterstützen und den positiven Wandel anpacken – eine Gesellschaft von Changemakern. „Wichtig ist eine Idee mit Potenzial zu großflächigem Wachstum“, sagt Oldenburg, Geschäftsführer von Ashoka Deutschland und ehemaliger McKinsey-Berater. Eine Idee, die das Zeug hat, die Gesellschaft zu verändern. Jedes Jahr sucht die Organisation Ashoka in 70 Ländern weltweit nach Menschen mit solchen Ideen. 3000 hat sie schon gefunden. Ashoka setzt sich für einen wettbewerbsorientierten und effizienten sozialen Sektor ein. Die Sozialunternehmer sollen nicht nur Gutes tun, sondern spätestens nach drei Jahren auch finanziell auf eigenen Beinen stehen. Dafür müssen sie – häufig zum ersten Mal – ihre Ideen zu Papier bringen, Businesspläne entwerfen oder Personal rekrutieren. „Die meisten

Menschen, die wirklich etwas bewegen, machen ihr soziales Engagement zu ihrer Karriere“, sagt Oldenburg. In Deutschland gibt es bislang 39 Ashoka-Fellows. Acht bis neun kommen jedes Jahr hinzu. „Wir fördern so viele, wie wir finden. Vorschläge sind immer willkommen“, sagt Oldenburg. Die Stipendiaten bekommen drei Jahre lang so viel Geld wie sie benötigen und Unterstützung beim Aufbau eines wirtschaftlichen Unternehmens. So werden aus sozial engagierten Menschen mit herausragenden Ideen Sozialunternehmer – Social Entrepreneurs. Raul Krauthausen (siehe Seite 4) und Gülcan Nitsch sind zwei dieser frischgebackenen Unternehmer. Beide wurden 2010 zu Fellows ernannt. Beide wollten

GANDHI-PRINZIP Wie moderne Manager ethisch und profitabel handeln können zeigt Alan Axelrod in seinem Buch „Gandhi – der CEO“ (FinanzBuch Verlag). Gandhi, so Axelrods These, sei nicht nur eine charismatische Führungsfigur, sondern auch ein hervorragender Manager gewesen. Und äußert pragmatisch und effektiv, wenn es um die Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensumstände ging. .............................................................

14 Prinzipien leiteten Gandhi in seinem Leben. Auch Manager können von ihnen profitieren: Dabei geht es um Verantwortung, Transparenz, Respekt, Flexibilität, Kompromissbereitschaft, Vorbildfunktion, Entscheidungs- und Handlungsstärke und um das Nutzen guter Ideen.

sie etwas verändern – ohne daran Geld zu verdienen. Und beide erobern von Berlin aus nun ganz Deutschland mit ihren Ideen. In der Praxis heißt das: Reisen, Vorträge halten, Reden. Und immer weiter Lösungen finden, für all das, was noch nicht klappt. Für Gülcan Nitsch war es wieder eine anstrengende Woche mit vielen Diskussionsveranstaltungen und Treffen: „Ich muss unglaublich viel reden“, sagt sie. Für den Milchkaffee und den hausgemachten Biokuchen vor ihr auf dem Tisch ist jetzt keine Zeit. Schon in ihrer Studienzeit hat sie sich beim Berliner Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) engagiert, mit Schülern gearbeitet und überlegt: „Wie kann man andere erreichen und begeistern?“ Für das Thema, für das sie brennt: die Umwelt. Später dann war sie im Landesverband aktiv, hat internationale Veranstaltungen besucht und Migranten beraten. Sie selbst – in Berlin-Kreuzberg geboren und in einem Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste aufgewachsen – hat sich schon als Kind für die Natur interessiert und später in Berlin Biologie studiert. Überrascht war sie dann doch, wie wenig Umweltbewusstsein türkischsprachige Migranten hatten. In Deutschland gab es mittlerweile Mülltrennung, Biotonnen, Energiesparlampen. Man lebte „grün“, kaufte Bio und aß gesund. So wie hier, im Café des LPG-Biomarkts am Kreuzberger Mehringdamm. Doch bei den türkischen Migranten war Um-

weltschutz kein Thema. Umwelt- und Energiespartipps in türkischer Sprache gab es nicht. „Mir ist aufgefallen, dass türkischsprachige Migranten sich im Bereich Umweltschutz kaum auskannten.“ Das wollte sie ändern. 2005 hat sie daher mit ihrer jetzigen Mission begonnen. Den Anfang machte eine bebilderte deutsch-türkische Energiesparbroschüre in leicht verständlicher Sprache. Viele Bilder, wenig Text. „Das wurde sehr gut angenommen.“ Es folgten Vorträge, Seminare und Schulungen. 2006 gründete sie die eigenständige Initiative „Yesil Cember“ (Grüner Kreis) innerhalb des BUND. Das Ziel: Migranten in Deutschland zu Umweltschützern zu machen und so auch deren Integration zu stärken. Wie kann man verantwortungsvoll mit der Umwelt und ihren begrenzten Ressourcen umgehen, schädliches Verhalten vermeiden und Energie sparen? Und so ging es immer weiter. 2007 und 2008 seien es fast 100 Veranstaltungen gewesen. „Die Leute wollten immer mehr und mehr wissen.“ Über Mülltrennung, umweltfreundlichere Putzmittel – und die Natur. Und ihr Wissen weitergeben. Frauen, die es vorher kaum gewagt hatten, vor anderen zu sprechen, wurden zu ehrenamtlichen Energieberaterinnen. „Mit Rollenspielen trainierten die künftigen Multiplikatoren Soft Skills“, erzählt Nitsch. 2007 hat sie angefangen Events wie den türkischen Umwelttag zu organisieren. Seitdem findet der Umwelttag jedes


Thema der Woche 3

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5 Fragen an FELIX OLDENBURG

„Ideen können uns und die Welt verändern“

Visionär mit Biss und

Jahr bundesweit in bis zu zehn Städten statt. „Yesil Cember“ erreichte so bereits tausende von Menschen und half bei der Vernetzung von Umwelt- und Migrantenverbänden. Im Jahr 2008 gewann die Umweltgruppe den Berliner Integrationspreis. „Ich bin Visionärin und keine geborene Geschäftsfrau“, sagt Nitsch. „Am Anfang habe ich kein Konzept gehabt. Ich habe sehr naiv angefangen und bin mit den Erfahrungen gewachsen.“ In München, Köln und anderen deutschen Städten gibt es mittlerweile ebenfalls türkischsprachige Umweltgruppen. „Wir wollen erweitern und vernetzen.“ Und die wichtigsten Multiplikatoren erreichen. Wie die Umweltministerien der Bundesländer. Oder die türkischen Generalkonsulate. Ohne Ashoka wäre das alles kaum gegangen. Inspirierend und motivierend seien die jährlichen Treffen wie die Ashoka-Konferenz in Paris. 2010 war Gülcan Nitsch von Ashoka kontaktiert worden. Das Auswahlverfahren habe sich über Monate hingezogen. „Damals wusste ich nicht, was Sozialunternehmer sind. Für mich war es das Normalste, dass man sich engagiert.“ Dass man gleichzeitig ein Unternehmen haben kann, das war neu für sie. „Ich hatte bis dahin nie ans Finanzielle gedacht und habe oft gezweifelt: ‚Schaffe ich das?’“ Seit diesem Jahr nun nimmt Nitsch ihr Ashoka-Stipendium in Anspruch. Beratung, Coaching und finanzielle Unterstützung erhält sie wie alle Fellows: „Je nachdem, was man braucht.

Ideen: Raul Krauthausen hat mit seinen „Sozialhelden“ schon einige erfolgreiche Projekte umgesetzt. Das neueste und bekannteste: wheelmap.org

Es gibt da keine festen Sätze.“ Und sie profitiert vom weltweiten Netzwerk der Ashoka-Förderer. Zu ihnen zählen Milliardäre, wie die Quandt-Erbin Susanne Klatten, Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen oder die Warenhaus-Erbin Helga Breuninger. Mit ihrem Vermögen, aber auch mit ihren Kontakten und mit ihren Erfahrungen wollen sie andere unterstützen und etwas bewegen. Gülcan Nitsch ist gerade dabei, ihre eigene gemeinnützige GmbH zu gründen. „Man ist so unabhängiger und kann auch andere Umweltverbände mit einbeziehen.“ Natürlich werde sie noch viel mit dem BUND zusammen arbeiten. „Wir nutzen die Strukturen des Verbandes auch weiterhin.“ Die Initiative soll in jedem Bundesland angesiedelt werden. „Wir wollen professionelle Strukturen schaffen.“ Auch, wenn die Erhaltung der Natur

ihrer Überzeugung nach für jeden selbstverständlich sein sollte. „Ihr habt keine Wahl, ihr müsst was tun, sonst wird es den Menschen bald nicht mehr geben.“ Ohne eine intakte Umwelt gehe es eben nicht. „Wir sitzen alle in einem Boot. Es gehe nicht nur darum, das Gewissen zu beruhigen.“ Und so redet sie weiter, erklärt, wie man Energie spart, umweltfreundlich handelt, seinen Müll recycelt oder am besten ganz vermeidet. Vor allem all das Plastik. Plastiktüten. 400 Jahre dauere es, bis eine Tüte verrottet, dabei werden giftige Gase freigesetzt und die Überreste seien dann überall, selbst am Meeresboden in Istanbul. Möglichst plakative Erläuterungen. Alltagserlebnisse und Orte, mit denen sich die Leute identifizieren. So etwas funktioniert. Wie die Sache mit dem deutschen Altpapierberg: Der würde gleich fünfmal von Berlin nach Istanbul reichen, referiert Nitsch – und das ist dann selbst den Gleichgültigsten doch zu viel. Egal, wo sie geboren sind.

CHANGEMAKER Ein Social Entrepreneur oder Sozialunternehmer ist ein Unternehmer, der sich innovativ und pragmatisch für eine positive, langfristige Veränderung der Gesellschaft engagiert. ...............................................................

Ashoka-Gründer Bill Drayton hat den Ausdruck geprägt. Sozialunternehmer sind demnach Changemaker: sie schaffen die Organisationen, Märkte und Mechanismen zur Überwindung gesellschaftlicher Probleme. Sie denken

systematisch und wollen das zugrundeliegende Erfolgsrezept überall dorthin bringen, wo es gebraucht wird. Und sie inspirieren andere Menschen, sich als soziale Aktivisten, soziale Manager und soziale Geschäftsleute einzubringen. Die Arbeit ist gemeinnützig. Der Profitgedanke steht im Hintergrund. .................................................................

Die nächste Preisverleihung ist am 6. November in München.

www.germany.ashoka.org

Gibt es Besonderheiten in Deutschland? In Deutschland ist das Schubladendenken besonders ausgeprägt. Es gibt eine Schublade für soziales Engagement, also für die Menschen, die etwas bewirken, aber dabei kein Geld verdienen wollen. Und es gibt eine Schublade für Unternehmertum – all jene, die gezielt danach suchen, wie sie Geld verdienen können. Viele unserer Fellows empfinden sich als Menschen, die zwischen den Stühlen sitzen und eben in keine Schublade passen. Es gibt auf der einen Seite ein sehr etabliertes Denken im Sozialbereich, auf der anderen Seite die Gründerförderung, die komplett auf Profit eingestellt ist. Die Herausforderung ist nun, beides zu kombinieren. Ashoka Deutschland hat zehn Mitarbeiter, nicht alle arbeiten voll und nicht alle bekommen Geld. Man wird nur Mitarbeiter, wenn man selber Erfahrung im Sozialbereich hat und auf Augenhöhe mit den Fellows arbeiten kann. Wir nehmen kein Geld von der öffentlichen Hand. Wir sind eine kleine Organisation mit großem Hebel. Für jeden Euro, den wir an Stipendiaten zahlen, mobilisieren wir zehn Euro an zusätzlichem Geld. So können wir sehr schnell sehr viel erreichen.

Wie werden die Stipendiaten ausgewählt und unterstützt? Wichtig ist eine herausragende Idee. Und: wir müssen der Person absolut vertrauen. Der Auswahlprozess dauert bis zu einem Jahr. Die Fellows bekommen drei Jahre lang so viel wie sie brauchen, um sich ganz der Idee zu widmen. Im Schnitt sind das 40.000 Euro jährlich. Danach werden sie für den Rest des Lebens pro bono gefördert, können die Ashoka-Netzwerke und -Dienstleistungen nutzen. Das Stipendium ist Personengebunden. Der Mensch ist der größte Erfolgsfaktor. Und oft genug gründet er gleich mehrere Organisationen. PRIVAT

WELT: Mit welchem Ziel wurde Ashoka gegründet? FELIX OLDENBURG: Ashoka ist das erste und größte Fördernetzwerk sozialer Unternehmer – weltweit und in Deutschland. Die Organisation gibt es seit 30 Jahren, mittlerweile in 70 Ländern und mit 3000 geförderten Sozialunternehmern. Ashoka Deutschland gibt es seit 2003. Wir suchen Menschen, die es schaffen, mit Kreativität und dem nötigen Pragmatismus große neue soziale Ideen nachhaltig zu verwirklichen und unsere Gesellschaft positiv zu verändern. Nicht nur lokal sondern möglichst großflächig. Solche Menschen gibt es überall und es hat sie auch in der Geschichte immer gegeben. Maria Montessori zum Beispiel, die als erste herausgefunden hat, dass auch schon Kinder im Vorschulalter Bildung annehmen. Das war vor über 100 Jahren und heute gibt es überall Montessori-Kindergärten und –Schulen. Ashoka ist die erste Gesellschaft, die es sich zum Ziel gemacht hat, diese Menschen möglichst früh zu finden.

Warum engagieren Sie sich persönlich bei Ashoka? Wer sind die Ashoka-Förderer? Ich möchte, dass sich jeder in Deutschland befähigt fühlt, ein soziales Problem selber zu lösen, statt darauf zu warten, dass sich jemand anderes darum kümmert – der Staat oder die Caritas. Wir können einander ermutigen, uns selbst verantwortlich zu machen. Ideen können uns und die Welt verändern. Potenzial gibt es genug: Die meisten sind getrieben etwas zu hinterlassen. Man muss sich nur die Chance geben, Ideen auch umzusetzen. Unsere Fellows werden unterstützt von einem kleinen Kreis von 40 Unternehmer-Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Familienunternehmen und Privatpersonen. Sie sind Ashoka-Förderer, weil sie von der Idee überzeugt sind und Leuten, die etwas bewegen wollen, die Chance dazu geben wollen. Was muss sich ändern, damit das Sozialunternehmertum wachsen kann? Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt die Statistik: Fünf Jahre nach Ende der Stipendiumsphase machen noch 94 Prozent der Fellows mit ihrer Organisation weiter. Es gibt eine große internationale Bereitschaft, Social Entrepreneure zu unterstützen, immer mehr Strategien und Fördertöpfe. Wir sind gerade dabei, mit der KfW, der größten Förderbank in Deutschland, das erste Investitionsprogramm für Sozialunternehmer zu starten. Die Diskussion wird oft auf Geld vereinfacht, wichtiger aber ist das Talent. Wir müssen ein Ökosystem für gute soziale Ideen schaffen.

Interview: Marie-T. Nercessian


4 Thema der Woche

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„Wir Menschen brauchen immer Hilfe“ Wegbereiter: Raul Krauthausen und seine Sozialhelden wollen auf ungewöhnliche Art Gutes tun MARIE-THÉRÈSE NERCESSIAN

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SOZIALHELDEN E.V.

or ein paar Tagen hat er noch einen Vortrag in Paris gehalten. Über zu hoch gehängte Briefkästen, versteckte Zugänge („Eingang um die Ecke“) und unerreichbare Geldautomaten („wir müssen Wildfremden unsere Pin verraten“). Jetzt sitzt er in einem Kreuzberger Café. „Für Rollstuhlfahrer“, sagt Krauthausen, „ist das eine brutale Welt da draußen.“ Ob Café, Museum oder Behörde: Schon ein paar Stufen, ein kaputter Fahrstuhl oder zu enge Türen reichen, um die 1,6 Millionen Rollifahrer in Deutschland auszugrenzen. Aus der Gemeinschaft derer, die überall hinkönnen ohne Hilfe zu benötigen: der Fußgänger. Vorausgesetzt die sind nicht zu alt oder zu jung. Denn auch ältere

Sozialhelden Raul Krauthausen inmitten seines Teams

Menschen mit Gehhilfen oder Eltern mit Kinderwagen sind in ihrer Mobilität eingeschränkt. „Wir Menschen brauchen immer Hilfe, ob als Kind oder als Greis“, sagt Krauthausen. Wenn man so denkt, dann betrifft das Thema auf einmal alle. „Fast jeder Zehnte in Deutschland ist in seiner Mobilität eingeschränkt. Doch im Alltag sieht man diese Menschen kaum.“ Das wollen Krauthausen und seine „Sozialhelden“ mit dem Projekt wheelmap.org ändern. Die Idee entstand so, wie die besten Ideen eben entstehen: aus der Praxis heraus. Krauthausens Studienfreund Holger Dieterich hatte es satt, sich in immer demselben – rollstuhlgerechten – Café mit ihm treffen zu müssen. Ein interaktiver Stadtplan war die Lösung. Eine Karte, in der man sieht, welche Locations rollstuhlgerecht sind – und in der man auch selbst Orte mit einem einfachen Ampelsystem markieren kann. Nicht nur Cafés, auch Bibliotheken, Theater und andere „öffentliche“ Räume. Der Berliner Reichstag zum Beispiel: „grün“. Der Fernsehturm dagegen ist „rot“. „Berlin ist ein

eher schwieriger Fall. Kreuzberg sowieso“, sagt Krauthausen, der trotzdem gerade hergezogen ist. Er ist keiner von denen, die einfach alles hinnehmen. Und so werden all die gleichgültigen Betreiber schon mal öffentlich abgewatscht, soll heißen mit Negativeinträgen auf der Website oder in seinem Blog bedacht. „Wheelmap.org“ ist im Herbst 2010 an den Start gegangen und seitdem rasant gewachsen (siehe Kasten). Das für die Bezahlung professioneller Programmierer benötigte Startkapital kam mit dem Gewinn des Deutschen Engagement-Preises 2009. Beileibe nicht der erste Preis, den die Sozialhelden erhielten: 2008 gab es den Startsocial-Preis der Bundesregierung. 2011 den Innovationspreis Berlin Brandenburg. Schon die erste Projektidee „Pfandtastisch helfen“ bekam 2005 den 1. Preis beim Neon/smart-Ideenwettbewerb „Was fehlt in der Welt.“ „Bei der Umsetzung haben wir eine Menge gelernt“, sagt Krauthausen. „Es ist wichtig, Dinge zu machen und nicht nur zu konzipieren. Powerpoints erstellen kann jeder.“ Das Spezielle an den Sozialhelden sei gerade das Unerwartete: auf ungewöhnliche Art Gutes zu tun. „Wenn man flexibel bleibt, ist man nah am Nutzer. Wir be-

greifen uns als Initiatoren, wollen andere mit ins Boot nehmen und zu einem fairen und hilfsbereiten Miteinander anregen.“ Mit kreativen Aktionen auf soziale Probleme aufmerksam zu machen, ist das Ziel. Sozialhelden – das sind „Helden, die soziale Sachen machen“, sagt Krauthausen. „Den Namen nehmen wir aber nicht ganz so ernst. Es gibt keine Helden, also kann jeder einer sein.“ Gegründet wurde die Aktionsgruppe 2004 von Raul Krauthausen und seinem Cousin Jan Mörsch in Berlin. „Zu der Zeit suchte ich gerade einen neuen Zivi. Ich wollte Plakate kleben, aber ein Freund kam auf die Idee: „Lass uns das wie ein Casting machen, Deutschland sucht den Superzivi.“ Das lief dann über Radio Fritz, erzählt Krauthausen. „Irgendwann hatte ich eine Auswahl von 150 Bewerbern und der Gewinner ist tatsächlich mein Zivi geworden. Solche Aktionen wollten wir öfter machen: Dinge kombinieren, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Das war die Geburtsstunde der Sozialhelden.“ 2006 gründete sich der Verein mit zunächst sieben Mitgliedern. Eine 400-Euro-Stelle wurde geschaffen, mittlerweile arbeiten in dem Büro am Ostbahnhof fünf Leute. „Geplant war das alles nicht“, sagt Krauthausen, der nach dem Abitur Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin studiert hat

(„damals zählte die Werbung noch zur Kunst“). Auch hier ließ er es keineswegs ruhig angehen: Noch vor dem Studium gründete er seine erste Internetfirma. Während des Studiums arbeitete er für Online-Agenturen im Bereich Projektmanagement, war Programm-Manager beim RBB („ich wollte immer beim Radio arbeiten“), entwickelte dort Social-Media- und OnlineStrategien und koordinierte die Werbung im Internet. Nebenbei studierte er noch „Design-Thinking“ am Hasso-Plattner-Institut der Uni Potsdam. Bei der Verleihung des Deutschen Engagement-Preises kam

PROJEKTE wheelmap.org ist im Herbst 2010 an den Start gegangen. Heute verzeichnet die interaktive Online-Karte bereits weltweit mehr als 200.000 rollstuhlgerechte Orte und ist in zwölf Sprachen verfügbar. Plus Klingonisch. Finanziert wird die werbefreie Seite durch Sponsoren, Förder- und Preisgelder sowie Spenden. Sogar eine zugehörige App fürs Smartphone gibt es inzwischen. .............................................................

„Pfandtastisch helfen“ war das erste Projekt der Sozialhelden. Die Pfandbon-Spendeboxen zugunsten der Berliner Tafel stehen inzwischen in über 100 Kaiser’s-Filialen.

Ashoka – oder vielmehr „zwei Herren im Anzug“ – auf ihn zu. Komisch kam ihm das erst vor. „Ich hatte vorher noch nie etwas von Social Business gehört“. „Und dann waren wir plötzlich Social Entrepreneure.“ Das Wort, sagt Krauthausen, möge er nicht. „Wir hatten ja trotzdem immer noch kaum Ahnung, Geld und Zeit. Wir nennen uns ‚dotank’– wir machen! Das unterscheidet uns von den ganzen Beratern.“ Immer noch gelte das Motto: „Wir planen nie weiter als zwei Wochen.“ Nun ist der 31-Jährige also preisgekrönter Sozialentrepreneur und Protagonist des Google-Chrome-Werbespots. „Wegbereiter“ steht am Ende des Spots hinter seinem Namen. Und natürlich hat Krauthausen auch für die Zukunft schon jede Menge Ideen und Pläne: Es gebe oft auch ganz unkomplizierte Lösungen, um einen Ort rollstuhlgerecht zu gestalten: „Bei einem Eingang mit zwei Stufen würde bereits eine kostengünstige Klapprampe Abhilfe schaffen.“ Und schon wäre dieser öffentliche Ort wirklich offen für alle – auch für Menschen mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen.


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