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Eltern – Kinder – Schule Raus aus dem Dilemma!

Wer eine Zukunft hat, ist auch erfolgreich

Eine politisch nicht korrekte Stellungnahme von Viktoria Hammon


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Johann Gottfried Herder Aus der Schulrede vom Juli 1800: "Was tun wir, wenn wir gehen, sprechen, zeichnen, tanzen lernen? Nicht wahr? Wir üben und vollführen ein Werk; wir machens nach, bis wirs können, bis es gelingt, mit unsern Kräften mit unsern Gliedern. So bei sichtbar in die Augen fallenden Künsten; bei unsichtbaren und bei der unsichtbarsten von allen dem Denken findet das Lernen auf keine andre Weise statt. Seine Gedanken kann mir der Lehrer nicht eingeben, eintrichtern; meine Gedanken kann, will, und muss er durch Worte wecken; also daß sie meine, nicht seine Gedanken sind. Worte sind bloß das Instrument, dies muss ich mit eignen Kräften, auf meine Weise brauchen lernen, oder ich habe nicht gelernet." „Herders gesamtes Werk kreist um den Autonomiegedanken. Die Fähigkeit, sich selber "Läufer und Richter und Ziel" zu sein, die "sich selber" regierende "höhere Regel" in sich zu tragen, machen für ihn, wie für Kant die Würde des Menschen aus.“ Max Lorenzen; Marburger Forum

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Inhalt „Viele spüren, dass ein Leben, das nur dem Erfolg, der Konkurrenz, der Ausbeutung dient, in Wirklichkeit ein Leben ist, das die Menschen unglücklich macht.“ Erich Fromm, 1900 – 1980

Vorwort: Alle Kinder können es schaffen, wenn wir den Eltern helfen 1. Kinder sind Brücken in den Himmel 2. Kinder „müssen“ in die Schule 3. Ist der Kindergarten ein Irrtum? 4. Kinder „müssen“ erzogen werden 5. Kinder brauchen Antworten 6. Kinder brauchen Vorbilder 7. Kinder brauchen Freiheit 8. Kinder brauchen Liebe 9. Ein Wort zu guter Letzt Anhang

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„Es müsste uns gelingen, über etwas ganz Einfaches und Nahe liegendes zu reden, etwas, was nicht jeder hat, aber jeder einmal war. Reden wir über Kinder.“ Frank Schirrmacher, FAZ 21.02.05

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Vorwort

Alle Kinder können es schaffen, wenn wir den Eltern helfen „We have lost the art of living; and in the most important science of all, the science of behaviour, we are completely ignoramuses!” D.H. Lawrence (“Wir haben die Kunst des Lebens verloren; und in der bedeutendsten Wissenschaft, der Wissenschaft vom täglichen Leben, sind wir völlige Ignoranten!”)

Die gesellschaftliche Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Aber immer noch wird von in öffentlicher Verantwortung Stehenden versucht, das ganze Ausmaß vor uns zu verheimlichen. Die meisten Menschen ahnen allerdings schon, dass uns auch weiterhin Anpassungen an umwälzende Veränderungen abverlangt werden. Der Ausgang dieser Entwicklung ist ungewiss, denn für die Bewältigung dieser Problemberge verfügen wir noch nicht über die nötige mentale Ausrüstung. Die Großwetterlage „Angst vor der Zukunft“ hat sich mehr oder weniger etabliert. Dass diese Angst zwangsläufig an die nachfolgende Generation in Form von Einstellungen und täglichen Bemerkungen weitergegeben wird, ist so und fordert alle zur Übernahme umfassender Verantwortung heraus. In stressbesetzten Situationen will jeder zunächst sein eigenes Leben und das seiner Lieben retten. Das reicht aber nicht mehr. Es wird immer deutlicher, dass wir als soziale Wesen uns zur gegenseitigen Hilfe zum Überleben brauchen. Leider wird ignorant versucht, diese Wahrheit zu leugnen. Und das, obwohl neurobiologische Erforschungen (Joachim Bauer, Das Prinzip Menschlichkeit) das darwinsche Konkurrenzprinzip längst widerlegt haben. Überleben beinhaltet in der Gegenwart in besonderem Maße, unseren Lebensraum Natur zu retten. Leider wird sie noch immer als etwas Abgespaltenes angesehen, etwas was uns allenfalls von außen beeinflusst oder das Wirtschaftswachstum behindert, wenn wir uns nicht um sie kümmern. Das könnte sich bald als Bumerang erweisen, denn, ob wir wollen oder nicht, sind wir alle ein Stück Natur und damit auch ein Teil von ihr. Es empfiehlt sich daher, mir ihr und nicht auf ihre Kosten zu leben. Die Zeit läuft uns schon davon. Deshalb erlaube ich mir den Kurzschluss, dass wir vor allem unsere eigene Natur, d.h. das Wissen um die natürlichen Zusammenhänge retten müssen. Ich spreche die gesamte Gemeinschaft, in die wir eingebettet und von der wir wechselseitig abhängig sind, an. Niemand kann sich von der Verantwortung des Umdenkens ausnehmen. Wir brauchen auf allen Ebenen ein gutnachbarschaftliches Miteinander, um gesund und leistungsfähig zu bleiben: Von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Kreatur, von Mensch zu Kosmos. Das schließt natürlich ein gutes Aufwachsen unserer Kinder mit ein. Auch ein wacher Blick für die sich ausbreitende Schamlosigkeit, mit der wir uns den Kindern auf peinliche Weise aufdrängen, wird immer wichtiger. Wenn sich die jungen Mädchen allzu freizügig zeigen, gibt es von allen Seiten empörtes Geraune und es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass wir Erwachsenen für das gute Gedeihen verantwortlich sind und bleiben. Spätestens im Alter bekommt jeder die Wirkungen seiner eigenen Aussaat zu spüren. Doch dazwischen liegt eine lange Zeit

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Und müssen wir das wirklich erst abwarten? Während meiner fünfundzwanzigjährigen Arbeit mit Familien konnte ich sehr viele Erfahrungen sammeln und auswerten. Meine Betrachtungen gründen sich auf persönliche Beobachtungen und Erfahrungen in meiner Praxisarbeit als Kinesiologin, Mediatorin und staatl. geprüfter Diätassistentin. Die Auswertungen, gepaart mit den Erfahrungen, die ich als Mutter zweier erwachsener Kinder sammeln konnte, sind in diesem Essay zusammengefasst worden. Meine Klienten, Kinder wie Eltern oder Großeltern, sind mir außerordentlich vertrauensvoll begegnet, wofür ich ihnen sehr danke. Sie haben mir mit den Einblicken in ihr Familiensystem zu differenzierten Beobachtungen und dem Erkennen von ungeahnten Zusammenhängen verholfen. Das alles fließt ein in die Veranschaulichung der Folgen und Konsequenzen des Verhaltens. Ich will ein Verständnis wecken, warum gewisse, erstarrte Strukturen die Bildungsinstitute an den Rand ihrer Leistungskraft gebracht haben. Dieser Essay will Eltern und Familien Mut machen, ihr Familienleben selbstbewusst und selbstvertrauend, als auch unvoreingenommen, zu gestalten. Ihnen gebührt alle erdenkliche Unterstützung, denn die gesunde Entwicklung der Kinder liegt zuallererst in ihren Händen; emotional und mental. Schule und Kindergarten sind nur Hilfsmittel. Niemand kennt die Kinder so gut wie die eigenen Eltern. Eine rein pädagogische oder funktionale Herangehensweise berücksichtigt weder die Eigenheiten eines Kindes, noch die Werte und Lebensziele der Elternhäuser. Im Zeitgeist der zunehmenden Kontrolle wird versucht, Eltern viel aus der Hand zu nehmen. Wobei noch nicht bewiesen wurde, dass öffentliche Institute es auf lange Sicht besser können. Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass sich Eltern das Wohl ihrer Kinder nicht aus der Hand nehmen lassen sollten. Kinder sind darauf angewiesen, sich an den Werten ihrer eigenen Familie zu orientieren. Genau in dieser Geborgenheit entsteht innere Sicherheit und ein stabiles Selbstvertrauen in die eigene Zukunft. Die Liebe der Familie (und mag sie noch so unvollkommen sein), schützt die kleine Seele mehr, als jegliche pädagogische Förderung. (Im Anhang finden Sie wertvolle Buchhinweise, in denen Sie Belege und Hintergründe für meine Aussagen nachlesen können. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Eltern werden bis an die Schmerzgrenze verunsichert, wodurch sie von sich selber abgebracht werden und ausgewiesenen Autoritäten mehr vertrauen, als sich selber. Die Liebe und Selbstsicherheit von Eltern ist durch (sozial) pädagogische Maßnahmen einfach nicht zu ersetzen. Für eine gesunde Entwicklung ist ein erzieherisches Klima eher schädlich, wenn es die Wahrnehmung von Mutter oder Vater ignoriert. Schlimmer ist noch eine generelle Infragestellung der elterlichen Autorität. In einem obrigkeitsstaatlichen Schulsystem wie dem unsrigen, wird Leistung in erster Linie an Standards bewertet anstatt individuell anerkannt und angemessen belohnt zu werden. Gute Noten und die Versetzung sind keine echte Belohnung, sondern die Folge einer geglückten Mischung aus klugem, fachgemäßem Lernen, liebevoller Unterstützung, fachgerechter Förderung und einer gewissen Begabung. Wir haben die Wahl Entweder wird es weiterhin eine Entwicklung geben, die Mittelmaß mit allen negativen Konsequenzen erzeugt oder es wird einen längst überfälligen, mentalen Aufschwung geben, der jeden mit nach oben zieht. Letzteres würde die Leistungsstarken nicht nur zu-

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sätzlich stärken, sondern sie automatisch mit in die soziale Verantwortung nehmen. Eine Spiralbewegung nach oben könnte einsetzen: Belohnte, anerkannte Leistung führt naturgemäß zur Übernahme von Verantwortung, wodurch wiederum der Leistungswillen angefeuert wird. Und zwar auf allen sozialen Stufen. Alle Menschen werden für ein gut funktionierendes Gemeinwesen und eine gesellschaftliche Perspektive gebraucht. Das ist eine Tatsache und ist keine Illusion und wir alle haben für die Umsetzung Sorge zu tragen. Wer sich drückt, schädigt nicht nur sich, sondern auch die Gemeinschaft. Leider sieht die gegenwärtige Entwicklung recht düster aus. Solange Kinder in der Schule lernen, dass sie eigentlich dumm, unwillig oder faul sind, ohne ihnen zu zeigen wie sie wirklich besser werden können, wird keine Verantwortung für den Nachwuchs übernommen. Auch das muss einmal ausgesprochen werden: Wer bei diesen nachweislich überholten Methoden der Leistungsförderung bleibt, obwohl er in verantwortungsvoller Position steht, erfüllt seine Aufgabe nicht. So gesehen können wir überall gemeinschaftsschädigendes verhalten erkennen. Wir brauchen sehr dringend ein universelles Bewusstsein dafür, dass wir gemeinschaftlich in einer tiefen gesellschaftlichen Misere stecken. Wenn es „nur“ eine Bildungsmisere wäre, könnten wir sie leichter bewältigen. In der bisherigen Diskussion fehlt mir die Bereitschaft, das Problem ursächlich anzugehen. Die bisherige, symptomatische Vorgehensweise beseitigt allenfalls die Auswirkungen der Fehlentwicklungen, während die Ursachen bestehen bleiben. Warum ist alles so schwierig? Auf das Leben, das wir in der heutigen Zeit führen, leider immer noch führen, wurden wir weder durch Elternhaus noch durch die Schulen vorbereitet. Wie denn auch? Der Wettlauf des Lebens hat sich derart verändert und beschleunigt, dass uns in immer kürzeren Abständen Neuanpassungen abverlangt werden. Das muss ja bewältigt werden! Die Zunahme an Erscheinungen wie Burn-Out oder Mobbing können gut und gerne in diesem Zusammenhang gesehen werden. Viele Menschen kommen glücklicherweise mit den Wechselfällen des Lebens gut zurecht und fühlen sich durch Schwierigkeiten geradezu herausgefordert. Dennoch ist die Zunahme einer allgemeinen Verunsicherung sicht und fühlbar. Dabei sind diffuse Ängste am wenigsten greifbar. Versetzen Sie sich doch einfach mal einige Augenblicke in die Lage der heutigen Kinder, die zwangläufig in diesem Klima der von Zukunftsangst und Schutzlosigkeit aufwachsen müssen. Wie würden Sie sich dabei fühlen? Und welche Ängste hätten Sie? Vielleicht sogar eine unbestimmte Wut? Die Stressfalle Der menschliche Organismus ist entwicklungsgeschichtlich bedingt an seine chemisch gesteuerten Stressreaktionen ausgeliefert, wenn er Ängste, Demütigungen oder Unzulänglichkeiten schutzlos ausgesetzt ist. Der qualvollste Stressor im Leben eines Menschen ist das Gefühl dumm zu sein oder für dumm gehalten zu werden. Schutzloser kann sich niemand fühlen. Das weiß jedes Schulkind. Und jeder von uns war das einmal. Wer sich aber bedroht fühlt, will nur noch die eigene Haut retten. Das bewusste Denken wird, bedingt durch die automatisch ablaufende Stresschemie, ausgeschaltet, um die Körperkräfte optimal zu mobilisieren. Einen klaren Kopf zu bewahren, ist während solcher Momente nicht möglich. So wurde z.B. nachgewiesen, dass das Blut Depressiver (Depressive haben die Flucht nach innen ergriffen) mit Stresshormonen überflutet ist. (Werner Stingl, Deutsches Ärzteblatt 12/09/2002). Wenn Schulkinder Angst vor Versagen, Bloßstellen oder schlechten Noten haben, weil sie Angst vor Bestrafung fürchten, kämpfen sie in gewisser Weise auch ums Überleben. Zu-

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mindest versteht es der Körper so. Meiner Beobachtung nach wird zu wenig berücksichtigt, dass bereits der Gang an die Tafel bei vielen Kindern so viel inneren Stress auslöst, dass Versagen vorprogrammiert ist. Wenn dann noch das Unverständnis von Lehrern oder Spott der Klassenkameraden hinzukommt, ist das Unglück perfekt. Kinder brauchen Erfolgserlebnisse und Zuversicht, Bestätigung und Annahme, um sich wertvoll und sinnvoll zu fühlen. Wer sich wertvoll und nützlich fühlt, kann auch volle Leistung bringen. Der moralisierende Blick auf eine vermeintliche Spaßgesellschaft, verdirbt dann auch noch den Rest an Zuversicht. Wer sich unsere Systeme einmal genauer anschaut, wird feststellen müssen, dass die so verteufelte Spaßgesellschaft noch nicht einmal im Ansatz begonnen hat. Natürlich wäre es falsch, Zügellosigkeit mit Spaß zu verwechseln. Trotzdem unterliegen wir einer optischen Täuschung, wenn Spaß am Lernen mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt wird. Warum darf der so genannte Ernst des Lebens denn nicht Spaß machen oder humorvoll begleitet werden? Es gibt ohnehin schon zu viele Menschen, die nicht mehr lachen können oder wollen, weil es ihnen vergangen ist. Außerdem hat die Hirnforschung belegt, dass wir über ein dem Organismus innewohnendes, hormonelles Belohnungssystem verfügen (siehe Gertrud Höhler, Michael Koch, Der veruntreute Sündenfall, DVA). Der Neurobiologe Joachim Bauer spricht von einem hormonellen Motivationssystem. Daraus ergibt sich die meine Frage: Wann wird endlich damit begonnen, Kinder durch Bestätigung besser werden zu lassen, anstatt durch Tadel und ungerechter Notengebung? Damit wir uns richtig verstehen. Spaß zu haben ist nicht gleich zu setzen, emotionale Herausforderungen zu scheuen. Wenn wir unseren Kindern zeigen, wie man den Anforderungen und notwendigen Pflichten des Lebens begegnet, brauchten wir auch keine Angst zu haben, denn wer eine Zukunft hat, ist erfolgreich. Mit Forderungen allein ist es nicht getan, denn Kinder lernen in erster Linie durch Nachahmung. Das ist von der Natur so vorgesehen. Stündlich. Minütlich. Oft mehr und eifriger als uns lieb ist. Aber in einer Gesellschaft, in der Jugendlichkeit höher angesiedelt ist als Reife, fehlt auch der erwachsene Umgang mit negativen Emotionen wie Versagensängsten, Wut, Neid und Missgunst. Viele haben sogar Angst vor Erfolg. Den Kindern fehlt es schlicht und einfach an „erwachsenen Erwachsenen“, die sie in das komplexe Leben und seine zum teil verstörenden Emotionen einführen. Wir sind nun einmal für eine gesunde Entwicklung verantwortlich und für ein Klima der Annahme und Liebe. Daran führt kein Weg vorbei. Wie erwähnt, wurden wir von den Umwälzungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts planlos erwischt. Der Mensch hat beinahe die ganze Entwicklungsgeschichte hindurch in umgrenzten und überschaubaren Einheiten gelebt. Er ist es ganz einfach nicht gewohnt, in einer Massengesellschaft von 6 Milliarden Menschen zu leben, wodurch Stressverhalten, Aggressionen oder Resignation deutlich zunehmen. Je bewusster wir uns das machen, adäquater und zukunftsgerecht können wir mit der Gegenwart umgehen. Es führt ebenfalls in die Irre, die industrielle Entwicklung der Logik des schier ungehinderten Wachstums folgen zu lassen. Wir brauchen eindeutig inneres Wachstum, das Wachstum der ganzen Persönlichkeit, um mit dem negativen Stress besser umzugehen. Darin liegt dann auch die Aufgabe von Eltern und Lehrern. Wer sich die Zeit nimmt und sich die Welt mit den Augen der Kinder anschaut, kommt wesentlich schneller ans Ziel. Dann erfahren wir im wahrsten Sinne des Wortes, wie unüberschaubar unsere Lebenszusammenhänge geworden sind. Dann könnten wir auch erkennen, mit welchen Fähigkeiten wir uns in diesem, etwas verharmlosend bezeichnetem, „globalen Dorf“ zu unser aller Wohl auch in Zukunft zurechtfinden können. Mit überholten Vorstellungen von gestern

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bleiben wir Gestrige. Ein personaler und gesellschaftlicher Reifeprozess, also ein Wachstum auf seelischer, geistiger und emotionaler Ebene ist längst überfällig. Zur Fähigkeit, menschliches Überleben langfristig zu sichern, gehört zweifellos das Mitgefühl. Wir sind geneigt, Mitgefühl mit Mitleid zu verwechseln. Jeder hat schon einmal beobachtet, wie sich das Gesicht im Schmerz verzieht, wenn man sich mit dem Leid eines anderen zu sehr identifiziert. Das ist Mitleid, man leidet mit und spürt das Leid eines Anderen förmlich am eigenen Leib. Wer sich aber mit dem Leid eines anderen zu eng verbindet, verliert seine Handlungsoptionen. Mitgefühl dagegen löst Gefühle der Hilfsbereitschaft und das Bedürfnis zu trösten aus. Mitgefühl ist eng mit Liebe, mit Annahme verbunden und verfügt über eine heilende Wirkung. Mitleid und Selbstmitleid liegen allerdings eng beieinander; da hilft nur Wachsamkeit. Wenn wir unseren Kindern ohne weitere Überlegungen Faulheit oder Desinteresse unterstellen, verzichten wir auf Mitgefühl. Fehlt es uns im Umgang mit Kindern an Mitgefühl, bleibt es nicht aus, an ihnen zu ziehen und zu zerren bis sie den gängigen Vorstellungen entsprechen. Wir verzichten also auf die KRAFT DER LIEBE. Das Ergebnis dieser Lieblosigkeit erleben wir täglich. In Verbindung mit unserer Lebenserfahrung, dem größeren Überblick und der Liebe zu den heranwachsenden, neugierigen, interessanten und wissbegierigen Kindern, könnten wir unsere Aufgabe gut machen. Gut machen hieße allerdings auch, wieder gutzumachen, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten versäumt wurde. Der Weg dahin führt über Einsicht, Selbsterkenntnis und Selbsterziehung. Fangen wir an!

Kinder sind Brücken in den Himmel „Efeu und ein zärtlich Gemüt heftet sich an und grünt und blüht. Kann es weder Stamm noch Mauer finden, es muss verdorren, es muss verschwinden.“ Johann Wolfgang von Goethe

In unserer Kultur ist es üblich, Kindern an dem zu messen, was sie „können“ oder „wissen“. Sie dürfen nicht etwa einfach nur „sein“. So sein, wie man als Kind eben ist: neugierig, wissbegierig, eigenwillig, stürmisch, manchmal „ganz Gefühl“, ein anderes Mal „ganz Wille“ oder „ganz eigene Vorstellung“. Aber immer ganz Leben, ganz lebendig, Entdecker und Abenteurer. Kinder sehnen sich nach sich selber. Würden wir sie SEIN lassen und ihnen unsere Anerkennung zollen als die kleinen und größeren wissbegierigen Menschen, die von Herzen gern lernen wollen, würden sie uns täglich mit ihrem angeborenen Potenzial überraschen. Solange aber die Angst davor regiert, sie ihrem inneren Antrieb folgen zu lassen, wird wohl weiterhin Kontrolle mehr vertraut werden. Wir brauchen also grundsätzlich mehr Vertrauen ins Leben. Also auch in die Entwicklung von Kindern.

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Es ist unstrittig, dass Kinder lernen wollen, wie man etwas IST in diesem Leben, in dieser Gesellschaft. Etwas SEIN beinhaltet Können und Wissen, beinhaltet Fähigkeiten und Leistungswille und ist damit zukunftsweisend. Wenn Wissen und Können nicht dazu führen, dass jemand sagen kann, „ICH BIN“, werden wir einer gesunden Entwicklung hinterherlaufen. Aber nicht allein die Unfähigkeit zu Strukturreformen ist der Bremser von Entwicklungen, sondern bereits der Unwille zur Erkenntnis. Ohne Umdenken werden Kinder, und damit der ganze Bildungssektor, bei uns auch künftig kein „Sozialprestige“ haben. Einfach plakativ Bildung zu fordern, bleibt so lange hohl und leer, bis Inhalte folgen. Sonst wird weiter bevormundet und gemaßregelt und Kinder in viel zu enge Kindergärten und Schulen gesteckt. Nach dem Motto: Immer mehr desselben, nur früher und stringenter. Damit will ich die enormen Leistungen derjenigen nicht schmälern, die sich tagtäglich mit herz und Engagement für eine gesunde Entwicklung einsetzen. Bringen wir uns doch nicht um die beste aller Möglichkeiten, uns von unseren Kindern anstecken zu lassen, wieder neugierig, wissbegierig, eigenwillig, stürmisch, manchmal „ganz Gefühl“, ein anderes Mal „ganz Wille“ zu sein. Lassen wir uns doch auch von ihnen anstecken, wieder zu Abenteurern und Entdeckern zu werden. In ihrer Unbedingtheit sind Kinder Brücken in den Himmel. In ihrer Unbedingtheit können sie durchaus UNSERE Vorbilder sein. In ihrer Unbedingtheit können sie unsere Herzen berühren. Ein Kind ist eine sichtbar gewordene Liebe. Novalis 1772-1801

Mir hat es im Laufe der Jahre immer mehr zu denken gegeben, dass sich die meisten Kinder zwar sehr auf den ersten Schultag freuen, aber innerhalb von nur 4 Jahren gelernt haben, Lehrer nicht zu mögen, bestimmte Fächer abzulehnen, nicht gern zu lesen, unaufmerksam zu sein, sich nicht zu konzentrieren, sich zu langweilen. Vielen Kindern wird nicht mal mehr beigebracht, richtig zu schreiben und zu rechnen. Wer versagt da eigentlich? In einer Art von Selbstschutz ziehen sie sich zurück, stören oder machen sich unbeliebt. Wer sich von dieser Art Verhaltensweisen nicht angegriffen fühlt, kommt schneller auf neue Ideen. Dieser oft kläglichen schulischen Entwicklung steht entgegen, dass sich ein Kind innerhalb nur eines Jahres aus inneren Antrieb aus der inaktiven, liegenden Haltung in die Senkrechte entwickelt, sitzen und laufen lernt und aus unartikuliertem Geplapper erste verständliche Worte formt. Unwillen oder Faulheit kann man ihnen weiß Gott nicht unterstellen. Ich behaupte, dass wir bis zum heutigen Tage unsere Kinder - diese kleinen „Lernmaschinen“- nicht richtig erkannt haben. Die Frage kann also nicht so lauten: „Wie erreicht man mehr Bildung durch noch bessere oder früher einsetzende Kultivierung mit Hilfe eines Systems, das zu dieser Misere geführt hat, also ein Teil des Problems ist?“ Sondern muss zu allererst so gestellt werden: „Wie haben wir es geschafft, unseren Kindern die Lust am Lernen und die Übernahme von Verantwortung madig zu machen oder gar auszutreiben? Und wie wollen wir das ändern?“ Mir ist durchaus bekannt, dass die öffentliche Diskussion in eine andere Richtung geht, aber das ändert nichts an der Notwendigkeit anstehender Veränderungen Es gibt eine große Anzahl an verärgerten und verzweifelten Eltern und Lehrern, die nach einem anderen Weg suchen. Die brauchen ebenfalls Beistand und Unterstützung. Wir müssen Viele werden!

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Kinder „müssen“ in die Schule! „Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.“ Khalil Gibran, der Prophet

Ein möglicher Irrtum: Kinder „müssen“ in die Schule. Um es vorwegzunehmen: Natürlich müssen Kinder in die Schule gehen. Zumal in Deutschland mit seinem Schulzwang. Beispielsweise gibt es in Dänemark nur eine Unterrichtspflicht, für die die Eltern eigenverantwortlich zu sorgen haben. Das halte ich persönlich für pädagogisch wertvoller, weil dadurch viel weniger die Verantwortung hin und her geschoben werden kann. „Schule ist eine öffentliche oder private Einrichtung mit der Aufgabe, Kindern und Jugendlichen durch planmäßigen Unterricht Wissen, Erkenntnis, Einsicht und die Fähigkeit begründetem Urteil zu vermitteln. (…) neben dem Erwerb einer Qualifikation durch Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten hat Schule vor allem folgende Funktion: Anpassung an das soziokulturelle System, Auslese über Prüfungen, Zensuren und verschiedene Schularten und Rechtfertigung und Stabilisierung der vorliegenden Gesellschaftsordnung.“ Brockhaus, Neunte neu bearbeitete Auflage

Es ist bei uns üblich, aufgrund des bestehenden Schulzwangs in die Schule zu gehen. Dass dadurch Eltern automatisch zu den Vollstreckern dieses Zwangs gemacht werden, kann Freiheit und Lust am Lernen nicht wirklich fördern. Logischerweise begünstigt ein unfreiheitliches System allemal Unfreiheit. Zumal es versucht, „… durch planmäßigen Unterricht Wissen, Erkenntnis, Einsicht und die Fähigkeit zu begründetem Urteil zu vermitteln“. (Zitat) „… hat Schule vor allem folgende Funktion: Anpassung an das soziokulturelle System, Auslese über Prüfungen, Zensuren und verschiedene Schulformen …“ (Zitat)

Logischerweise kann die gesellschaftliche Notwendigkeit, JEDEN in den Verantwortungsprozess einzubinden, nicht durch einseitige Schaffung von Auslese gewährleistet werden. Wenn eine Gesellschaftsordnung nicht beinhaltet den Nachwuchs, und damit die eigene Zukunft, seinen Begabungen und Lernvoraussetzungen entsprechend zu fördern, betrügt sie sich um wesentliche Ressourcen. Die Kette bricht immer an ihrem schwächsten Glied, das ist bekannt. Es wäre von Vorteil, wenn wir unseren Einsichten und modernen Erkenntnissen folgen würden. Wenn Schule aber vor allem ein Auslesesystem ist, wäre es für viele Kinder besser, nicht in die Schule gehen zu müssen, denn unter unseren Bedingungen verliert die Sehnsucht ihre Flügel. „Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele der Fähigkeit beraubt zu sein, ihr Ausdruck zu Verleihen.“ Michel de Montaigne

Es gibt natürlich auch inhaltliche Kritik an Unterricht und Lehrplänen. Die PISA-Studie hat das belegt. Meine Kritik ist systemisch. Genauer gesagt sogar holografisch, was besagt, dass das Ganze in jedem seiner Teile vorhanden ist. Wenn keine Systemfehler oder Verstöße gegen das Ganzheitsgesetz vorlägen, würden Lehrkräfte zu den allgemein hoch

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geachteten Autoritäten (der „Herr Lehrer!“) zählen. Ihre Aufgabe ist fundamental und sollte das Fundament einer Gesellschaft nachhaltig festigen. Daher fällt natürlich auch die Kritik fundamental aus. Leider zählen sich Lehrer mittlerweile zu den Opfern. In gewisser Weise haben sie sogar Recht, denn sie gehören gegenwärtig zu einer stark kritisierten Gesellschaftsgruppe. Sie gelten mit ihrem verkanntem „Halbtagsjob“ und den mehrwöchigen Ferien, landläufig als zu wenig engagiert. Es wird aber übersehen, dass sie meist in schlecht erhaltenen Schulen und viel zu großen Klassen unterrichten. Es erstaunt mich, dass sie nicht die Lautesten bei der Einforderung eines angemessenen Arbeitsplatzes sind. Auch machen sie das Spiel, dirigiert und überwacht zu werden, um den „planmäßigen Unterricht“ zu gewährleisten, meist widerspruchslos mit. Mit der zu beobachtenden Wehleidigkeit tun sie sich auch keinen Gefallen, weil sie damit selber ihre Autorität im Bewusstsein der Bevölkerung schmälern. Ich habe mich mit vielen Lehrern unterhalten. Es stellte sich immer wieder heraus, dass sie oft auch untereinander nicht gut auf einander zu sprechen sind. Wir wissen alle, wie viel Freude es macht, interessanten und vielfältigen Menschen zu begegnen. Jeder hat seinen einzigartigen und individuellen Fingerabdruck - in jeder Beziehung - nur in der Schule wird das Gegenteil trainiert. Zum Schaden aller. Völlig gegensätzliche und sich nur scheinbar ausschließende Gefühls- und Charakterzustände machen die Menschen zu dem, was sie sind – göttliche Wesen. In einem von Lehrplänen dominierten Schulsystem ist es bei bestem Willen nicht möglich, individuelle Begabungen ausreichend zu fördern oder wenigstens zu beachten. Fatal ist, dass auch die Vielfalt der Lehrkräfte nicht zur Geltung kommen kann. Ein Auslese-System wie das unsrige vernachlässigt auch seine Lehrer. Die Schule erwartet nun einmal, dass Schüler auf eine ganz bestimmte Weise lernen. Wer in dieses Muster passt, hat Glück gehabt, gilt als fleißig oder eben begabt. Wer nicht hineinpasst, wird als störend bis unwillig, als hyperaktiv oder lernbehindert eingestuft. Das ist die traurige Wahrheit. Wie sollen schlussendlich die Kinder und Jugendliche mit ihrer mangelnden Lebenserfahrung eigentlich auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen? Wie können sie denn lernen, berechtigte Kritik zu äußern, wenn man ihnen kein Forum bietet und Lehrer ihre Zukunft und den Familienfrieden in der Hand haben? Da bleibt oft nur der Protest. Wie schon ausgeführt, bedeutet das Gefühl sich dumm zu fühlen, den größten negativen emotionalen Stress für den Organismus. Unter Berücksichtigung dessen, könnte die allgemeine Leistungsfähigkeit ohne Mühe angehoben werden. Negativer emotionaler Stress ist gleichzusetzen mit tiefen Selbstzweifeln und diffusen Ängsten. Das Gefühl dumm zu sein oder für dumm gehalten zu werden, bekommt immer mehr Nahrung und in einem Kreislauf endet, der nachhaltiges Lernen ein ganzes Leben negativ beeinflussen kann. Viele Schüler sind oder bleiben in diesem Kreislauf gefangen, wenn ihnen zu Hause dafür auch noch Liebe und Verständnis entzogen wird. Bei genauerer Betrachtung behandeln wir die Kinder so, als würden wir alle Marmeladengläser, die im Juli eingekocht wurden, mit Kirschmarmelade beschriften, obwohl es in diesem Monat auch noch Erdbeeren, Johannisbeeren oder Aprikosen gegeben hat. Nach dem Motto: Was nicht nach Plan läuft, fällt durch! „Was ihr unter den Händen habt, sind Stücke von unserem Herzen; was ihr verwaltet ist unser köstlichster Besitz, ist der Sonnenschein unseres Hauses, ist die Verkörperung unserer Hoffnungen, ist die Zukunft unsres Volkes.“ Otto Ernst, aus Lasst uns unsern Kindern leben.

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Was für Schüler gilt, gilt auch für Lehrer. Auch sie haben unterschiedliche Wesensarten, Lern- und Lehrstile. In ihrer Aufgabe Wissen zu vermitteln, verbinden sich diese zu ihrem individuellen Lehrstil. Das müsste mehr berücksichtigt werden. Wer ständig kritisiert wird, ohne über Instrumente zu verfügen, davon unbeeindruckt zu bleiben, ist entweder in ständige Verteidigung verstrickt oder resigniert. Nicht nur in dieser Beziehung sitzen Lehrer und Schüler gemeinsam in der Falle. Nur die Lehrer am längeren Hebel. Unser Schulsystem wird mit Steuergeldern finanziert und von oben reguliert und steht damit in einer Gesamtverantwortung und einer gewissen Rechtfertigung, für die es keine Ausreden gibt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bleibt die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke. Ebenso die Anerkennung der Leistung engagierter Lehrer. Von einem System, das Anerkennung verweigert und Fehlern die größte Aufmerksamkeit schenkt, ist derzeit nicht viel zu erwarten. Zu allem Unglück sind viele Schulen zu einem Hort von Gewalt und Resignation geworden. Es ist unendlich traurig zuzuschauen, wie die Verantwortlichen, also die, die am längeren Hebel sitzen, rat- und tatenlos vor dieser Situation stehen. Aus diesem Grund sehe ich es mit sehr gemischten Gefühlen, dass Eltern gesetzlich verpflichtet werden, ihre Kinder dorthin zu schicken und sogar einen Straftatbestand darstellt, wenn sie es nicht tun, hat mehr mit Gewalt als mit Bildung zu tun. Welche langfristigen Folgen mag das wohl für unsere gesellschaftliche Entwicklung haben? Dessen ungeachtet Sehnen sich alle Kinder danach, etwas zu können, in irgendetwas „der Größte“ zu sein. Und sie wollen aus innerem Selbsterhaltungstrieb heraus, dazugehören. Aber sie sehnen sich nicht nach dem Kindergarten - auch nicht primär nach der Schule. Sie sehnen sich danach, mindestens so gut, so geschickt und gescheit zu sein wie ihre Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandte. Kinder sehnen sich nach dem Leben. Nach dem Leben wie sie es erleben bei den Menschen, die sie umgeben. Sie sehnen sich danach, geliebt zu werden von den Menschen, die sie umgeben. Und dafür möchten sie so werden wie diese, soviel wissen wie sie, so sein wie sie. Das fällt ihnen leicht, denn ihre außerordentlich gute Beobachtungsgabe lässt sie alle Feinheiten menschlichen Verhaltens wahrnehmen. Sie ahmen ihre Eltern, Pädagogen und andere Autoritäten nach, weil sie sie als Autoritäten annehmen, die Bescheid wissen. Welche Chancen liegen da vor uns und wie viel Potenzial lassen wir verkümmern?! Diese Anpassungsleistung gewährleistet ihnen Schutz. Erziehungsmaßnahmen sind oft so vergeblich, weil die Forderungen an die Kinder nicht vorgelebt werden. Mit Strafen, Drohungen oder Vorhaltungen soll ihnen dann etwas beigebracht werden, was die Eltern selber nicht tun. Diese Verwirrung führt zu inneren Konflikten, die auf unterschiedliche Weise ausagiert werden. Sie schlussfolgernd unbewusst, dass sie nicht werden dürfen wie ihre Eltern. Schlimmer noch: Sie werden bestraft, wenn sie es tun. Getreu dem Motto: „Tu was ich sage, aber nicht, was ich mache!“ Am Zustand der Kinder ist unmittelbar am Zustand der Erwachsenen abzulesen. Und umgekehrt. Wenn wir es fertig brächten, unser Zusammenleben mit den Augen der Kinder zu sehen, würden wir wieder gute Lösungen finden. Wenn wir uns unserem Nachwuchs gegenüber verantwortlicher fühlten, würden wir auch zu wieder zu Veränderungen fähig werden. Wenn wir aufhörten, Kreativität und Spontaneität durch das Raster planmäßigen Lernens, das mit einem Zensurenspiegel nur Verhältnismäßigkeit fördert, fallen zu lassen, würde sich auch Leistung wieder lohnen. Wenn wir bereit wären, die Gefäng-

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nisse unserer alten Erfahrungen zu verlassen und unsere Grenzen zu erweitern, könnten wir Kinder als großen Schatz an Möglichkeiten ansehen. Was ein Mensch zu leisten vermag, geht über die Schulleistungen weit hinaus. Nehmen wir als Beispiel „Verzicht leisten“. Im alten Wertesystem war das etwas Positives. Es wird beklagt, dass heutige Kinder dazu offenbar nicht mehr bereit sind. Und nicht nur die Kinder. Würden wir beispielsweise anerkennen, dass Kinder einen Verzicht LEISTEN, wenn sie statt zu spielen, in die Schule gehen oder Hausaufgaben machen, würde neben unserer Achtung vor ihnen auch deren Motivation steigen. Wenn Kinder sich in ihrer tiefsten Seele mit ihren unendlichen Bemühungen anerkannt fühlen, wachsen sie über sich hinaus. Wir stehen in der Verpflichtung, auch emotionale Leistung zu belohnen, wenn wir eine wache und lernbegierige Nation sein wollen. Wie unlebendig klingt dagegen das Wort Bildungsnation. Gute Schulleistungen sind ein Teilbereich im Leben eines Kindes, der gerne zur Hauptsache hochgejubelt wird. Es fragt sich nur, warum das nicht ein Leben lang anhält? Wieso breiten sich denn Lustlosigkeit am Arbeitsplatz, bestimmte Krankheiten, Arbeitslosigkeit und vermeidbare Frühpensionierung geradezu epidemisch aus? Zu einem geglückten Leben scheint also noch viel mehr zu gehören, als gute Schulnoten. Genauso wie schlechte Noten keine Vorboten für ein Leben im Schatten sein müssen. Es wird höchste Zeit, auch das anzuerkennen. Und emotionale Intelligenz ist keine Chimäre, sondern ein wesentlicher Baustein einer gesunden Gesellschaft. Auch soziale Kompetenz ist ein Schulfach, nur ungeordnet. „Schule könne nicht alles leisten!“ wird gern als Vorwand benutzt, Eltern zu verunglimpfen. Aber Eltern auch nicht, kann ich da nur erwidern. Denn das System Schule beansprucht sehr viel Zeit von Familien. Sie greift mit den Hausaufgaben in den Nachmittag hinein. Schüler haben mindestens einen 8-9 Stundentag (Hausaufgaben eingerechnet), meist ohne geregelte Mittagspause. Der Anspruch an die Schule, bzw. an das ganze System, kann also gar nicht hoch genug sein, damit sie sich nicht nur ihrer Macht, sondern endlich auch ihrer hohen Verantwortung bewusst wird. Die unmittelbare Wirkung auf ihre Schutzbefohlenen wäre großartig. Doch leider haben Lehrer bei uns genauso wenig Sozialprestige wie Kinder und Schüler. Ein bevorstehender Kollaps lässt sich in der Regel an der zunehmenden Vernachlässigung des Äußeren vorhersagen. Schauen Sie sich den Zustand der meisten Schulen an, bahnt sich da nicht ein Kollaps an? Auch hier gilt die Weisheit: Kinder lernen durch Nachahmung. Wer ihre Vorbilder schwächt, schwächt auch sie. Und schwache Kinder werden wütend, resignieren und machen vieles nur noch halbherzig. Die Tragik besteht darin, dass sie diese Haltung mit ins Erwachsenenleben hinein nehmen. Das Ergebnis ist bekannt. Wir stehen vor einer Zeitenwende Es ist für eine gesunde Entwicklung von Kindern unerlässlich, „werterhaltende“ Werte konsequent vorzuleben und ebenfalls neue, zeitgemäße zu kreieren, die den heutigen Herausforderungen entsprechen. Werte schaffen Verbindlichkeit, die gesunde Beziehungen fördert. Es kann doch nicht so schwer sein, den Kindern vorzuleben, wie viel Spaß es macht, erwachsen zu sein, für sich selber und andere Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Lebensmöglichkeiten auszuschöpfen. Oder etwa doch? Wer wäre denn dann noch daran interessiert, die Schule zu schwänzen oder Hausaufgaben zu verbummeln? Würde

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es vielleicht sogar „uncool“ werden, rüpelhaft, fordernd oder magersüchtig in das Erwachsenenleben zu stolpern? Visionen sind gefragt! Und Geduld. Ja, Kinder „müssen“ in die Schule gehen. Aber vielleicht anders, als wir denken. Und Eltern müssen aufhören, Angst vor einem System zu haben, das alle Macht über das Wohl und Wehe unserer Kinder zu haben scheint. Es braucht Mut, wieder echte fachliche und emotionale Leistung von den Lehrern zu fordern. Auch Lehrer müssten endlich mit der Gewohnheit aufhören, Angst vor den Schülern zu haben. Es ist doch geradezu lächerlich, dass die Verantwortung bei den Schülern gesucht wird, wenn das Lehrpersonal nicht für seine emotionale Fitness sorgt. Jeder, der so intensiv mit Menschen zu tun hat, dass er in deren persönliches Leben eingreift, ist ethisch verpflichtet, sich eigenständig fortzubilden, zumindest aber, sich auch Fragen stellen zu lassen. Sie würden damit im eigenen Interesse gewährleisten, möglichst frühzeitig mögliche Verstrickung mit den anvertrauten Menschen zu erkennen und rechtzeitig gegen an steuern. „Ist`s möglich, dass jeder seine Arbeiten wählt, die für ihn sind, Stunden wählt, die für ihn sind, keinen Unterschied an Klassen und Ordnungen findet und finden will: Wie viel wäre damit ausgerichtet! So hat jeder seine Lieblingsstunden und - arbeiten, so fällt der Rangstreit weg, und das, was bleibt, ist nur Ordnung.“ Johann Gottfried Herder

An Lehrer werden aus gutem Grund hohe moralische Anforderungen gestellt. Sie haben eine Machtposition inne, der niemand entkommen kann. Es ist überfällig, dem Schulsystem als Ganzem abzuverlangen, aus unseren Kindern fachlich und emotional leistungsfähige Menschen zu machen. Ausnahmslos, wenn die gesetzliche Schulpflicht keinen Schaden anrichten soll. Dem steht entgegen, dass dieses System vor einem Kollaps steht. Das vernachlässigte Äußere unserer Schulen, der autoritär gesteuerte Umgang mit Lehrpersonal und Schulkindern „produziert“ kranke Lehrer, Zunahme an Gewalt und Ratlosigkeit und eine Unzahl an Frühpensionierungen. Das geht uns alle an, denn wir alle tragen die Folgen.

Ist der Kindergarten ein Irrtum? “Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie habenihre eigenen Gedanken.“ Khalil Gibran

Kein Irrtum: Kinder wollen lernen und sich entfalten. Die Schule baut auf dem Fundament von Elternhaus und Kindergarten auf. So sicher wie das Fundament gebaut ist, so sicher wird auch das Haus sein, das dereinst darauf entstehen wird. Eigentlich eine Binsenweisheit. Deshalb ist es auch erlaubt, dem Kindergarten wie wir ihn kennen, einige entscheidende Fragen zu stellen.

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„Kindergarten, halb- oder ganztägige Einrichtung zur Betreuung und pädagogischen Förderung der Drei- bis Sechsjährigen. Zu den Hauptaufgaben eines K. gehört es, die Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein, den Gemeinschaftssinn und die Umweltbegegnung sowie allgemeine geistige besonders sprachliche Entwicklung der Kinder zu fördern; schulähnliches Leistungsdenken soll fern gehalten werden.“ Brockhaus, Neunte neubearbeitete Auflage

Ein hoher Anspruch, wie ich finde und es stellt sich mir die Frage, ob er auch gerechtfertigt ist. Ebenso, ob die Beteiligten, also Erzieherinnen, Eltern und Kinder die notwendige Unterstützung, Ausbildung und Vergütung bekommen. Es hat sich zwar viel geändert in den letzten Jahren, aber der Stein des weisen wurde noch nicht gefunden. Vielleicht auch, weil an der falschen Stelle gesucht wird. Auch hier bricht die Kette an ihrem schwächsten Glied. An dieser Stelle zitiere ich Peter Schellenbaum (ehemaliger Studentenpfarrer und Psychoanalytiker nach C.G. Jung): „Viele Erwachsene halten ein Kind immer noch für ein leeres Wesen, >das der Erwachsene mit etwas anzufüllen berufen ist, … als ein Wesen ohne innere Führung, das der Führung durch den Erwachsenen bedarf. Schließlich fühlt sich der Erwachsene als Schöpfer des Kindes und beurteilt Gut und Böse der Handlung des Kindes nach dessen Beziehung zu ihm selbst (M. Montessori, Kinder sind anders)<. Was für ein folgenschwerer, verhängnisvoller Irrtum! Die Empfänglichkeit des Kindes wird verwechselt mit innerer Führungs- und Orientierungslosigkeit. Dabei bezieht sich der existentielle Moment der Empfängnis, dem das Kind näher als der Erwachsene ist, ganz im Gegenteil auf größere Weckbarkeit im Lebenspotential, auf Verfügbarkeit für Entwicklungssignale aus der eigenen Anlage, die nach liebevoller Spiegelung, Bestätigung und Förderung durch den Erwachsenen rufen. Die dargestellte mediale Durchlässigkeit für die Grundstrukturen der Psyche und der Welt zeigen das Kind bereits als mit einer eindeutigen inneren Führung ausgestattet. Das Kind ist sein eigener Führer.“ Peter Schellenbaum, Die Spur des verborgenen Kindes

Für Maria Montessori, der großen italienischen Ärztin und Pädagogin des zwanzigsten Jahrhunderts, bedeutete Erziehung vor allem, ein Kind in der Einmaligkeit seines Wesens von Grund auf ernst zu nehmen und auf seinen Selbstbildungswillen zu vertrauen. Sie hat ihren Grundsatz in folgendem Satz ganz schlicht zusammengefasst: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Maria Montessori

Einer Idealvorstellung entsprechend, sollen kleine Kinder mit anderen kleinen Kindern in Kindergärten zusammen sein, und zwar mindestens die Hälfte des Tages. Dort werden sie dann wie Pflanzen in einem Garten kultiviert und vor dem lebendigen Leben, aber nicht vor Gefahren, geschützt. Man lernt nicht mehr von Vater oder Mutter oder Geschwistern, auch nicht von Nachbarn oder Verwandten, sondern muss im Stuhlkreis sitzen, zum Teil alberne Lieder singen und kindische Spiele lernen. Kindlichkeit ist Trumpf in der heutigen Gesellschaft. Auch hier möchte ich ausdrücklich alle diejenigen herausheben, die diesen Umständen trotzen und sich persönliche für bessere Verhältnisse einsetzen. Oft zum Preis der Selbstaufgabe und das ist nicht in Ordnung. Wir wissen schon, dass Kinder durch Nachahmung lernen, sonst hätten sie weder sprechen noch laufen gelernt. Und sie lernen viel schneller und umfassender, wenn ihre Vorbilder nicht nur aus Gleichaltrigen bestehen, die ja auch noch nicht richtig sprechen oder sich gezielt bewegen können. Dieser ursächliche Mangel ist auch nicht durch frühkindliche Förderprogramme auszugleichen. Es ist ein Bewusstseinsmangel der Gesellschaft, die mit Vorliebe ausgrenzt.

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Kleine Kinder haben eine große Sehnsucht danach, von Älteren zu lernen. Nämlich durch sie zu lernen und sich abzugucken, wie man zu einer Gruppe, zu einer Gesellschaft dazugehört. „…schulähnliches Leistungsdenken soll fern gehalten werden.“ (Zitat).

Aus gutem Grund, denn kleine Kinder müssen erst einmal sehr viele Erfahrungen machen, damit sich das Gefühlsleben entwickeln kann. Deshalb gestatte ich mir die Frage, ob in Kindergärten nicht das lebendige Leben, lange bevor es richtig aufblühen und sich entfalten konnte, hinter gut gemeinten (Kinder)Gartenzäunen eingesperrt wurde? Noch mal: Eine Kette bricht immer an ihrem schwächsten Glied. Auch der Kindergarten, wie er immer noch allgemein üblich ist, gehört dazu. „Die Seele nimmt die Farbe der Gedanken an.“ Anonym

Kinder „müssen“ erzogen werden? „Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.“ Khalil Gibran

Noch ein Irrtum: Kinder „müssen“ erzogen werden: In den verbreiteten Vorstellungen sind Kinder eine Art Wildwuchs, der Kultivierung braucht. Wir sind geprägt und davon überzeugt, ständig eingreifen zu müssen. Diese Auffassung erlebt z.Zt. sogar gerade eine neue Blüte. Besessen von der Überzeugung, dass Kinder Grenzen und Drill brauchen, werden ihnen Vorstellungen aufgenötigt, die sich nicht bewährt haben. Es wird zu wenig berücksichtigt, dass jede Generation letzten Endes ihren eigenen Weg finden muss und will. Das gilt auch für deren Abgrenzung gegenüber den Lebenserfahrungen, einengenden Moralvorstellungen oder eingefleischten Gewohnheiten vorhergehender Generationen. Kinder sind weder unfertig noch unsere Feinde, selbst dann nicht, wenn sie Autoritäten zum Teil massiv in Frage stellen. Im Gegenteil, denn sie könnten uns zum Nach-Denken und Über-Denken alter Muster und falscher Ziele anregen. Sie würden zu einem Jungbrunnen der ganz eigenen Art werden, was niemandem schaden würde. Wenn wir uns auf sie einließen, ohne dem Jugendwahn zu verfallen, könnte von ihnen eine Erfrischung des Geistes ausgehen, die wir alle gebrauchen können. Wenn wir uns auch noch auf uns selber einließen, könnten wir sogar Leitlinien vorgeben, ohne zu bevormunden, denn eine derartige Unterstützung braucht jede nachfolgende Generation. Sie könnte sich als vorbildhaftes Verhalten äußern, wie man sich Einflüssen und Übergriffen gegenüber abgrenzt, wie man Gespräche führt, Hilfsbereitschaft zeigt, und so weiter und so fort. Dafür brauchen sie Eltern und Lehrer, die ihre eigenen Grenzen kennen. Das können nur diejenigen glaubhaft rüber bringen, die sich für die eigenen Interessen und Bedürfnisse einsetzen und dabei auch Gemeinschaft im Auge haben. Ganz ohne Courage geht das nicht. Kindererziehung ist vor allem Selbsterziehung, denn das

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Zusammenleben mit ihnen deckt eigene Defizite schonungslos auf. Kinder und Jugendliche setzen uns einen deutlichen Spiegel vor die Nase. „In jedem Kind ist etwas Ursprüngliches, woran alle abstrakten Prinzipien und Maximen scheitern.“ S. Kierkegaard (Es sei denn, man tut ihnen Gewalt an.)

Jeder, wie auch immer geartete Missbrauch, beruht darauf, dass sich Verantwortliche nicht selber disziplinieren und sich selber keine Grenzen setzen. Dies zu tun, bzw. dazu überhaupt fähig zu sein, ist ein ausschlaggebender Aspekt der sogenannten Kindererziehung.. Speziell im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs, besser, der sexuellen Machtausübung und emotionaler Ausbeutung, muss dieses unbedingt eingefordert werden. Aber auch die Selbstausbeutung durch die Erlaubnis, eigene Grenzen unentwegt durch Überrumpelung oder Ausnutzung überschreiten zu lassen, ist fatal. Es ist bei aller Genauigkeit der Betrachtung, eine systematische Erziehung zur Rücksichtslosigkeit und damit ein Missbrauch seiner selbst. Wer sich umschaut, kann das überall beobachten. Nur wird gern Kindern und Jugendlichen das ganze Dilemma angelastet. Ich komme noch einmal zurück auf die Vielfalt menschlicher Ausdrucksweisen. Zwangsläufig hat auch jede Familie ihre individuellen Vorstellungen und eigenen Stil, mit dem die Familienziele erreicht und das Lebensglück gestaltet werden sollen. Dass das in unterschiedlich ausgeprägter Bewusstheit geschieht, liegt in der menschlichen Natur begründet, ändert aber nichts daran, dass überall nach brauchbaren Werten und Glaubenssätzen gelebt wird. Für das Aufwachsen der Kinder ist das von ungeheurer Bedeutung, denn sie geben ihnen den wichtigen Überbau an Orientierung mit auf den Weg und festigt deren Zugehörigkeit und Verbundenheit mit der Welt. Eigentlich wäre es einfach, Kinder zu erziehen, wenn Eltern und andere Autoritäten im Vertreten ihrer eigenen Interessen und Bedürfnissen ehrlich wären. Darin läge ein großer Ansporn, sich ebenso zu verhalten. Erst die doppeldeutigen Botschaften regen Kinder und Jugendliche an, Autoritäten zu hinterfragen oder einfach nur stumpf herauszufordern. Sie verlangen zu Recht nach Klarheit. Kinder sind in gewisser weise ergeben, was unsere enorme Verantwortung deutlicht, die wir mit der Elternschaft übernommen haben. Und viele Eltern sind durchaus von dem Motiv bewegt, ihre Kinder nicht enttäuschen zu wollen. Was allerdings niemals ganz verhindert werden kann. Wer die Natur des Menschseins akzeptiert, kommt damit auch ganz gut zu Recht. Was spricht dagegen, Kinder erziehen zu wollen? Allein das Wort Erziehung klingt so verräterisch wohlwollend, dass darunter viele seelische Grausamkeiten mystifiziert werden können. Damit will ich beileibe nicht ausdrücken, dass jede seelische Grausamkeit dem Kind bewusst angetan wurde oder wird. Das spielt auch keine Rolle für die schlimme Wirkung in der Seele des abhängigen, vertrauensvollen Kindes. Das Kind ist so unwiderruflich auf Vertrauen angewiesen, dass es das höchste Gut mit ihnen werden sollte. Wenn begonnen wird, das bereits vorhandene Wissen über seelisch - körperlich - geistige Zusammenhänge anzuwenden, dürfte das nicht so schwer fallen. Unsere Kinder brauchen eine universelle Erziehung. Der „Zuchtbetrieb“ ist ausgeufert und an seine Grenze gestoßen. Auch wenn das noch vielfach verleugnet und zunächst der immer früher und kontrollierter einsetzenden kindlichen Bildung das Wort geredet wird. Auch das wird sich in naher Zukunft ändern, denn besseres Wissen lässt sich nur über eine gewisse Zeit ignorieren, das zeigt die menschliche Erfahrung.

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Kinder brauchen zuallererst Schutz und Behütung und damit ein Klima der angstfreien Erprobung eigenen Lebensausdrucks. In den vielen Bereichen, sei es in Form von Kleidung, Frisuren oder Habitus, führen uns Jugendliche genau das vor Augen. Wer Vorurteile einmal beiseite lassen kann, könnte eine ganze menge Hilferufe hören - wenn wir denn ein offenes Ohr für die dahinterstehenden und durchaus ernsthaft suchenden Heranwachsenden hätten und sie in ihrem Bedürfnis nach Selbstausdruck ernst zu nähmen. Sobald wir begännen, , uns glaubhaft für sie und ihre Fragen zu interessieren, bekommen wir einfache, in Erstaunen versetzende Antworten: Sie suchen nach Orientierung in einer orientierungslos gewordenen Welt, wohl wissend, dass ein ganzes Leben vor ihnen liegt, das gestaltet werden will. „Die Strafe folgte auf großem Fuß. Zehn Tage lang, zu lang für jedes Gewissen, segnete mein Vater die ausgestreckten, erst vier Jahre alten Handflächen seines Kindes mit scharfem Stöckchen. Sieben Tatzen täglich auf jede Hand: acht hundertvierzig Tatzen und etwas mehr: es machte der Unschuld des Kindes ein Ende.“ Christoph Meckel

Wenn wir hingegen Fernsehen, Videospiele, Computerspiele oder auch das Markenbewusstsein schuldig sprechen, zeugt das für ein Wegsehen von den wahren Ursachen. Es ist eine Art Wegschauen von den tieferen Störungen, die die Erwachsenen zu verantworten haben. Es ist immer viel leichter, die Buhmänner in äußeren Dingen zu suchen. Es gibt keine bessere Möglichkeit das unangenehme Gefühl, etwas Entscheidendes ändern müssen, zu betäuben. Die unbequeme Tatsache, dass für alle gesellschaftlichen Erscheinungen erwachsene Menschen zu verantworten haben, denn nur sie sitzen an Schalthebeln von Macht und Einfluss, muss geschluckt werden. Nicht die Kinder haben sie herbeigeschafft, sondern wir. Nicht Schule, Elternhaus, Kirche, Verlust der Werte oder was sonst noch die Gemeinschaft zusammenhält, hat versagt, sondern wir haben uns kollektiv aus der Verantwortung gezogen. Nichts entsteht ohne unsere direkte oder indirekte Einwirkung. Wer hinschaut, muss handeln, doch das gefährdet Besitzstände. Das kindliche Zwangsdenken, dass es irgendwer schon zu verantworten oder zu richten hat, führt in die Irre. Zeiterscheinungen wie Essstörungen aller Art, egal ob dünn oder dick, Hotel Mama, zunehmende Rücksichtslosig- und Unhöflichkeit, Gewalterscheinungen in vielen Formen, u. v. a. m., haben nicht in erster Linie mit dem allgemeinen Verlust von Werten zu tun, sondern mit einer allgemeinen Flucht aus Verantwortung und Verbindlichkeit. Auch der Jugendkult ist ein Ausdruck der hochgradigen Beschäftigung mit sich selber. Das alles st eine Form der Verweigerung, gesellschaftliche Verantwortung über den Tag hinaus zu übernehmen. Besitzstände werden über das Verfallsdatum hinaus bewahrt. Eine Rückbesinnung ist längst überfällig, wenn wir überhaupt dazu fähig sein wollen, Kindern helfen zu wollen, besser zu werden. Oder überhaupt Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Einmal davon abgesehen, dass es unsere Aufgabe ist, die wir nicht, ohne selber Schaden zu nehmen, vernachlässigen können. Ein gelungenes Familienleben hängt sehr stark davon ab, wie die neuen Erdenbürger integriert werden. In gewisser weise sind sie kleine Außerirdische, die sich an das Erdenleben gewöhnen und seine Gepflogenheiten erst noch kennen lernen müssen. Wie anders würde vorgegangen werden können, wenn die Maxime Integration und nicht die bestmögliche Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt wäre?

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Denn Kindergarten und Schule spalten zunächst einmal. Zum natürlichen Umfeld zählen Familie, Nachbarn, die Straße. Wie wir mit den Rändern unserer Gesellschaft umgehen, zeigt sich auch daran, die älteren Menschen ebenfalls von ihrem natürlichen Umfeld abzuspalten: Ab ins Altenheim! Da werden sie dann auch wieder „bespaßt“, pardon, aktiviert. Doch ohne Perspektive. Stellen Sie sich einmal vor, was das für das Betreuungspersonal bedeutet: Eine Arbeit ohne Perspektive? Es ist mehr als bekannt, dass Arbeit Sinn machen muss. Es ist beängstigend, was unsere aufgeklärte Gesellschaft für normal hält: Das gesellschaftliche Leben beginnt im Kindergarten und endet im Altenheim! Solange das Beste zu wollen, derart unbewusst angegangen wird, können wir nicht das Beste aus der folgenden Generation hervorlocken. Dafür brauchte es ein differenziertes, also ganzheitliches Bewusstsein. Auch alten Menschen steht eine gesellschaftliche Perspektive zu. Und nicht nur ein angenehmes Waten auf den Tod. Noch etwas ist wichtig. Kinder sind von der Liebe ihrer Eltern so abhängig, dass Loyalität und Identifikation bei vielen bis ins Erwachsenenalter hineinreichen. Man wagt es nicht, eine gesunde Distanz zu entwickeln. Der maßregelnde Blick, der Kinder zurück zum Gehorsam führen soll, wirkt leider nachhaltig. Und kehrt sich später um. Natürlich kann man ein Haus nicht durch alle Türen gleichzeitig betreten. Mein Anliegen ist es, vor allem Zusammenhänge aufzuzeigen, die zum Weiterdenken führen. Wie konnte das alles passieren? Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Erziehungsbücher von Dr. Schreber so populär, dass sie in 40 Sprachen übersetzt wurden. Darin wurde von ihm betont, so früh wie möglich (schon ab dem 5. Lebensmonat) mit der Erziehung zu beginnen, um das Kind von „schädlichem Unkraut“ zu befreien. Dazu ein Zitat von Dr. Schreber (1858): „Als die ersten Proben, an denen sich die geistig-erzieherischen Grundsätze bewähren sollen, sind durch grundloses Schreien und Weinen sich kundtuenden Launen zu betrachten.... Hat man sich überzeugt, dass kein richtiges Bedürfnis, kein lästiger oder schmerzhafter Zustand, kein Kranksein vorhanden ist, so kann man sicher sein, dass das Schreien eben nur der Ausdruck einer Laune, einer Grille, das erste Auftauchen des Eigensinns ist. Man darf sich jetzt nicht mehr wie anfangs ausschließlich abwartend dabei verhalten, sondern muss schon in etwas positiverer Weise entgegentreten: durch schnelle Ablenkung der Aufmerksamkeit, ernste Worte, drohende Gebärden, Klopfen ans Bett..., oder wenn alles nichts hilft - durch natürlich entsprechend milde, aber in kleinen Pausen bis zur Beruhigung oder zum Einschlafen des Kindes beharrlich wiederholte körperlich fühlbare Ermahnungen... Eine solche Prozedur ist nur ein – oder höchstens zweimal nötig, und - man ist Herr des Kindes für immer. Von nun an genügt ein Blick, ein Wort, eine einzige drohende Gebärde, um das Kind zu regieren.“

Das ist erst ca. 150 Jahre her. Und es ist nicht angebracht davon auszugehen, diese so genannte schwarze Pädagogik bereits überwunden sei. Die Zeitspanne ist zu kurz, um derart tief verankerte, destruktive Ideale durchgehend ins Bewusstsein zu bringen. Dafür sind mehrere Generationen erforderlich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Eltern ihre Kinder lieben oder wenigstens lieben wollen. Auch die, denen wir unterstellen, es nicht zu tun. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wenn wir jungen Eltern dabei helfen, könnten es noch viel mehr. Meiner Beobachtung und Erfahrung nach, wird sich viel zu viel in das Familienleben eingemischt, anstatt einfach mal nur zu unterstützen oder ihnen etwas abzunehmen. Es reden auch zu viele „Spezialisten“ dazwischen und stören damit ununterbrochen den zerbrechlichen Kennenlernprozeß zwischen Eltern und Kindern. Zunächst gehen Eltern ein Bündnis ein, um in ih-

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rer Mitte die Voraussetzung für ein Aufwachsen für Kinder zu schaffen. Eltern hätten es also mehr als verdient, von allen Seiten Verständnis und Unterstützung zu bekommen. Dazu gehört auch, sie in ihrer individuellen Wahrnehmung, ihren Gefühlen und ihren Zielen zu stärken. Es erscheint mir als eine Form der Nächstenliebe, ihnen im Konfliktfall zur Seite zu stehen, wenn sie angeheizt durch ihre Kinder, in die Turbulenzen ihrer Familienverstrickungen geraten. In vielen Fällen kann ein klärendes Gespräch mit Freunden oder auch eine rechtzeitige fachgerechte Begleitung, ganz leicht aus dem Dilemma heraushelfen. „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“ So Erich Kästner, und das stimmt noch immer. Die Geburt eines Kindes ist mit dem Beginn einer stürmischen Liebesbeziehung vergleichbar. Dieser beispiellose Zustand ist zunächst immer mit großen Hoffnungen an die Zukunft verbunden. Und wie wir aus eigener Erfahrung wissen, ist der Beginn einer Liebe begleitet von der Lust, mit dem anderen Menschen viel Zeit zu verbringen, ständig in seiner Nähe sein zu wollen, ihn so intensiv wie möglich kennenzulernen. In dem, meiner Meinung nach nur von Ignoranten belächeltem Blick durch die rosarote Brille, kann man sich nämlich an den Eigenarten eines geliebten Menschen erfreuen, ohne sich in Frage gestellt zu fühlen. Im Gegenteil, sie werden als Bereicherung empfunden. Es entwickelt sich eine innige Freude zwischen zwei verliebten Menschen, die sich gerade gefunden haben. Jeder, der einmal richtig verliebt war, weiß aus eigener Erfahrung, wie beratungsresistent man in diesem Zustand ist. Niemand kann einem diesen Menschen ausreden. Und das ist auch gut so! „Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer, das entzündet werden will.“ Francois Rabelais, um 1494 – 1553

Die Entwicklung einer Liebesbeziehung mit dem eigenen Kind, das einem ja als unbekanntes Geschöpf in die Wiege fällt, unterscheidet sich überhaupt nicht davon. Deshalb vertrete ich den Standpunkt, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung ihrer Seelen in erster Linie einen harmonischen Bezug zu ihrer Familie brauchen. Sie brauchen vorrangig die Freundschaft und die Liebe ihrer Umgebung. Welch eine Chance für eine Gesellschaft, wenn sie es denn so sehen will!

Kinder brauchen Antworten “Ihr seid der Bogen, von denen eure Kinderals lebende Pfeile ausgeschickt werden.“ Khalil Gibran

Erste Tatsache: Kinder stellen Fragen. Damals wie heute, fragen Kindern ihren Eltern „ein Loch in den Bauch„. Damals wie heute, fragen Schulkinder wann und wo sie im späteren Leben das in der Schule erworbene Wissen anwenden können. Damals wie heute fallen die Antworten eher kläglich aus. Wer erklärt mir die Welt? Wer zeigt mir die Welt? Wer beantwortet meine Fragen?

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Was lässt mich unüberlegte Gedanken haben? Wer zeigt mir, wie man lernt, denkt und fühlt? Wer zeigt mir, wie man aus Fehlern lernt? Wer bewundert meine Neugierde? Wer hat genug Geduld mit mir? Wer freut sich über meine eigenen Versuche? Wer freut sich mit mir? Wer nimmt sich Zeit, mir alles zu zeigen? Wer ist begeistert, weil ich alles können will? Wer tobt mit mir? Wem bin ich wichtig? Was lässt mich Fehler machen? Wer zeigt mir, wie ich mein Wissen anwende? Wer hilft mir, besser zu werden? Warum soll ich eigentlich erwachsen werden? In einem Zwangssystem wie dem unseren, können solche Fragen sehr störend sein. Auch wenn ich mit dieser Bezeichnung auf Widerstand stoßen sollte, bezeichne ich unser Schulsystem dennoch so. Aus dargelegten Gründen und aus der Überzeugung heraus, dass Kinder einen Anspruch auf Schutz zum Zwecke eines gesunden Aufwachsens haben. Was tun wir stattdessen? Wir schützen und verteidigen ein Auslesesystem. Das erfordert natürlich die Einhaltung von Regeln, was natürlich überwacht werden muss. Weil es eben nicht natürlich ist, Kinder in Zwangssysteme zu stecken. Deshalb werden auch mehr Erklärungen abgegeben, anstatt die gestellten Fragen ehrlich zu beantworten. Und uns zum eigenen Fortschritt auch mal hinterfragen zu lassen. Wir haben uns leider, leider abgewöhnt, selber zu denken. Echte Fragen kann nur der stellen, der ein echtes Interesse an etwas hat. Und Kinder sind „echt“ an allem interessiert; das liegt in ihrer Natur. Solange, bis es ihnen abgewöhnt wurde. Fragen bringen Bewegung in das Gehirn (Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn). Sie räumen in den Gedanken auf und suchen nach der besten Antwort. Nicht unbedingt nach der richtigen. Die Fragen Erwachsener haben oft eindringenden Charakter und stellen eher Kontrollfragen dar, die überführen oder blamieren (sollen). Aber überführte und blamierte Kinder fühlen sich dumm, am falschen Platz oder beginnen zu lügen. „Lernen? Wozu denn?“ Solange Schule für Auslese sorgt, zu sorgen hat, müssen die Kontrollfragen in der Überzahl sein. Es ist sehr zu bedauern, dass diese kontrollhafte Kommunikation von Eltern übernommen oder weitergeführt wird. Wiederum kein Wunder, denn wir wurden alle von dem gleichen System Schule „gebildet“. Kinder brauchen Antworten auf ihr Verhalten, ur dann können sie in ihren Versuchen, den richtigen Weg zu finden, bestärkt und sicher fühlen. Wer sie genau beobachten wird feststellen, wie sehr sie bestrebt sind, ihr eigenes Verhalten immer wieder zu korrigieren, um sich bestmöglich anzupassen. Um letztendlich dazu zu gehören. Erst wenn Anerkennung oder Bestätigung ausbleiben und Forderungen nur noch als Postulate aufgestellt werden, scheren sie aus. Kinder und Jugendliche wollen ernst genommen werden.

„““Bindung ist die stärkste Kraft im Universum. Wir müssen die Kraft der Bindung nutzen, um den Unreifen etwas beizubringen. Gorden Neufeld, Entwicklungspsychologe

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Auch hier hilft zum besseren Verständnis das Wissen, dass Kinder durch Nachahmung lernen und dazu gehören wollen, weiter. Werden Verhalten durch Anerkennung, Lob oder Zustimmung beantwortet wird, lernen sie sich allmählich selber kennen und einzuschätzen. Indem unerwünschtes Verhalten ignoriert und gleichzeitig erwünschtes eingefordert wird, wird den Betroffenen indirekt und sehr human beigebracht, wie man sich selber korrigiert. Dann wird tatsächlich fürs Leben gelernt. Unter einer Voraussetzung: Eltern müssen unterscheiden lernen, bei wem das Problem in einem Streit oder einem Interessenkonflikt liegt. Gerade bei Schulkindern spielt die Schule als Problemfaktor innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle. Je differenzierter die eigenen Verhaltens- und Reaktionsweisen sind, desto leichter und zufriedenstellender sind Probleme zu lösen. Für alle Beteiligten. Ein bisschen Kommunikationswissen innerhalb einer Familie kann nicht schaden! Ein Beispiel: Ein Elternpaar wünscht, dass das Kind ins Bett geht. Es will aber nicht, weil es schöner ist, noch zu spielen oder mit den Eltern zusammen zu sein. Die Eltern haben sich aber auf den gemeinsamen Feierabend gefreut und möchten ihn genießen. Dann wollen die Eltern etwas vom Kind, also muss das Kind als Verbündeter gewonnen werden. Wenn dieser Situation mit Zwang und Schimpfen begegnet wird, wird meistens das Gegenteil erreicht. Das Kind gerät in eine unangemessene Machtposition, die es lernt für sich zu nutzen. Anders sieht es aus, wenn das Kind ins Bett soll, um am nächsten Morgen fit für die Schule zu sein. Dann läge das Interesse beim Kinde, um nächsten Morgen leichter aufzustehen, wieder gern in die Schule zu gehen. Wenn es verschläft, käme es schließlich noch zu spät, was nie angenehm ist. Hier liegt das Interesse eindeutig beim Kind, was zu einer anderen Argumentation führt. Da aber Eltern gezwungen sind, für den regelmäßigen Schulbesuch zu sorgen, geraten sie einen Interessenskonflikt; sie haben auch im Interesse der Schule für ausreichend Schlaf zu sorgen. Der scheinbar klare Anspruch, das Kind möge jetzt ins Bett gehen, kann unterschiedliche Ebenen haben, die auch unterschiedlich angegangen werden müssen. Sonst schmälern Eltern ihren Einfluss. An diesem Beispiel lässt sich unschwer erkennen, wie viel Zeit und Geduld Eltern abverlangt wird. Sie können diese Aufgabe nur MIT Unterstützung der Gesellschaft leisten. Und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Wir brauchten eine ganz neue würdige Haltung dem Leben gegenüber, denn bei aller Freude über eigene Kinder und eine schöne Familie, erfüllen Eltern eine Aufgabe FÜR die Gesellschaft. Ob nun durch die immensen Kosten durch Sitzenbleiber oder später durch Sozialleistungen aufgebracht werden oder gleich durch ein verändertes Bewusstsein, der Aufwand bleibt der gleiche. Aber letzterer ist erfolgreicher. Unser Obrigkeitsdenken könnte doch nun mal abgelegt werden. „Wer wünschte sich nicht ein glückliches Leben? Aber um zu erkennen, was uns zu unserem Lebensglück verhelfen kann, dazu fehlt uns der richtige Blick. Nichts ist schwerer, als sich des glücklichen Lebensteilhaftig zu machen.“ Seneca, Vom glücklichen Leben

Noch einmal. Konfliktsituationen konstruktiv zu meistern, braucht Geduld und Zeit. Wenn Eltern sich durch häusliche, persönliche oder berufliche Be- oder Überlastung nicht

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mehr in der Lage fühlen, mit differenziertem Verhalten zu antworten, sondern zu der Erwartung übergehen, ihre Kinder müssten genauso funktionieren wie sie selber, entsteht ein „dickes“ Problem. Wenn Eltern zusätzlich mit großem Erwartungsdruck belastet werden, entsteht ein gefährlicher Teufelskreis. Die Folgen bleiben dann nicht mehr auf Familien beschränkt, denn Kinder sind nun mal keine Maschinen, die man per Knopfdruck am Laufen halten kann. Kinder brauchen reife, disziplinierte und überlegte Menschen in ihrer Umgebung. Wir kommen um die Aufgabe nicht herum Kindern vorzumachen, mit Konflikten (inneren und äußeren) umzugehen. Sonst werden sie genauso konfliktscheu und unfähig, Konflikte zu lösen. Meistens sind es ja Interessenskonflikte, die das ganze Leben hindurch immer wieder bewältigt werden wollen. Früher nannte man so etwas Lebensschule. us eigener Erfahrung weiß jeder, dass sich entspannte Eltern viel weniger durch das Fehlverhalten ihrer Kinder bedroht fühlen. Das gilt auch für Lehrkräfte. Eine Bedrohung ist immer eine Stress-Situation, die zu automatisiertem Kampf- oder Fluchtverhalten führt. Das bekräftigt noch einmal meine Forderung, Eltern in ihrer Aufgabe nach Kräften zu unterstützen, anstatt zu kritisieren oder zu bevormunden. Für ihre wertvolle Arbeit müssten sie eigentlich auf Händen getragen werden. Kinder suchen durch auffälliges Verhalten, egal ob ungezogen oder böse oder besonders lieb, nach einer Sicherheit gebenden Antwort. Es ist für sie wichtig zu wissen, auf wessen Seite und wo ihre Eltern eigentlich stehen. Sind sie auf ihrer Seite, verschwindet die Angst. Vertreten Eltern automatisch die Seite von Autoritäten, überträgt sich das auf die Kinder, die dann aufmüpfig oder misstrauisch und später autoritätshörig werden. Leider bedienen sich Eltern und Erziehungspersonal viel zu oft auch unbedacht einer über Jahrhunderte eingeübten, todsicheren Methode, Kinder gefügig zu machen: LIEBESENTZUG. Da dieser so wirksam und einfach anzuwenden ist, wird er aus alter Gewohnheit auch heute noch eingesetzt. Wer weiß nicht, wie weh Liebesentzug tut?! Die große Frage der Kinder lautet: „Steht meine Familie uneingeschränkt zu mir, unabhängig davon, wie ich mich fühle oder verhalte?“

Auf Liebesentzug reagiert jeder, wirklich jeder, außerordentlich empfindlich. Er entzieht die Zugehörigkeit, und zwar sofort und solange, bis man sich gefügt hat. Dies ist eine Manipulationstechnik übelster Art mit verheerenden Folgen. Menschen werden in ihrem Innersten in Frage gestellt, von ihren Zielen und persönlichen Werten abgebracht und von ständiger Verlustangst getrieben. Vor lauter Angst tun sie dann, was man von ihnen will. Angst als Motivation ist letztlich abhängigkeitsfördernd. Wird Liebe durch Angst ersetzt, wird Angst gelehrt und damit entweder die Tendenz zur Unterwerfung oder zum Rebellentum anerzogen. In beiden Fällen bleibt jemand fremdbestimmt. Wird Angst gegen Liebe getauscht, kann Vertrauen in die eigenen Kräfte wachsen, das ein Leben lang anhält. „Es gibt auf der ganzen Welt nur eine einzige Methode, um andere Menschen positiv zu beeinflussen: Mit ihnen über das zu sprechen, was sie haben möchten und ihnen zu zeigen, wie sie es bekommen können.“ Dale Carnegie

Ich stelle jetzt die große Frage in den Raum, die wir Eltern uns selber stellen sollten: Wie können wir unseren Kindern, gerade auch im Konflikt, unsere Liebe spüren lassen? Diese Frage haben sich gewiss nicht nur leibliche Eltern zu stellen. Gesellschaftlich gesehen sind

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wir alle Eltern. Die noch größere Frage wäre also, wie wir allesamt unserem Nachwuchs mehr Anerkennung, Wertschätzung und Liebe zeigen und beibringen könnten. Da sich die Generationen in ihrer Weiterentwicklung fortwährend gegenseitig hemmen oder fördern, sind alle gefragt. Wenn es um persönliche Entwicklung geht, kann kein Ziel zu hoch sein. Nachdem das wirtschaftliche Wachstum an seine Grenzen gestoßen ist, müssen wir notgedrungen unser persönliches und vor allem geistiges Wachstum beschleunigen, um den gegenwärtigen Problemen gewachsen zu sein. Wer aufwacht, muss gehen. Ich empfehle, sich den Menschen anzuschließen, die über den Tellerrand gucken, um damit in dieser Zwitterzeit zwischen hysterischem Kontrollwahn und liebevollem sich Hinwenden zurechtzukommen. Es ist dem Menschsein eigen, auf den vielfältigen Ebenen seines Seins durch persönlich-geistiges Wachstum den Sinn seiner Existenz zu erleben und sich darin immer wieder bestätigt zu fühlen. Er will aus gutem Grund nicht, dass in seine Persönlichkeit eingegriffen wird. Immer wenn jemand etwas erreicht oder geschafft hat, spürt er sich und seine Bedeutung. Das hilft ihm, immer wieder von vorn anzufangen und durchzuhalten. Es führt zu unterschiedlichen Formen des Selbsthasses, wenn wir unsere Möglichkeiten über lange Zeit ungenutzt lassen. Ein erweiterter Geist hilft, sich Chancen und neue Möglichkeiten vorzustellen. Die fest gefügten Glaubenssysteme ließen sich lockern, sobald wir unser Unterbewusstsein entblockieren. Ein Hemisphären-Ausgleich, wie sie die Methoden Angewandten Kinesiologie ermöglicht, fördert nachhaltig die Entwicklung neuer Strategien für zeitgemäße Lösungen und Denkungsart. Wir müssten auch nicht weiterhin, in Gemeinschaft mit Politikern, die Augen zumachen und unverbesserliche Ignoranten bleiben. Wir bekämen eine reelle Chance, in der Wirklichkeit anzukommen. Aber noch leben wir überwiegend vergangenheitsbezogen und suchen fälschlicherweise die Lösungen auch dort. Unsere momentane mentale Krise ist hausgemacht. Und damit alle damit zusammenhängen kleineren oder globalen Krisen. Unser Denken ist auf Probleme, Ängste und Befürchtungen, also auf vergangene Erfahrungen, fixiert. Wir trauen uns kaum noch über den Tellerrand zu blicken aus Angst, über ihn hinaus ins Bodenlose zu fallen. Oder fallen gelassen zu werden. Kinder brauchen aber Antworten, die die Gegenwart erklären und in die Zukunft gerichtet sind. Denn da wollen sie hin und nicht in der Vergangenheit ihrer Eltern festgehalten werden. Welche Fragen müssten wir Erwachsenen uns dann wohl stellen? Die Antwort auf diese Fragen schulden wir unseren Kindern. Wir schulden ihnen ebenfalls eine mutige und furchtlose Hilfestellung und die Überwindung eigener Ängste. „Kind - eine Art Lebensversicherung –die einzige Art der Unsterblichkeit, derer wir sicher sein können.“ Peter Ustinov

Wir wollen doch lebenstaugliche Menschen in die Welt entlassen …

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Kinder brauchen Vorbilder! „Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein; denn so wie ER den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt ER auch den Bogen, der fest ist.“ Khalil Gibran

Zweite Tatsache: Kinder lernen durch Nachahmung. Kinder leben die Emotionen der Eltern. Entweder in direkter Kopie oder sie locken die verleugneten Emotionen durch ihr Verhalten hervor. In unseren Kindern können wir unsere Wahrheiten und Verleugnungen erkennen. Aber auch unsere Hoffnungen, unsere Gefühle, unsere Freude und Zuversicht spiegeln sich in ihnen wider. „Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüsste ich kein anderes Wort als Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.“ Herrmann Hesse

Wenn das Grundgefühl Herrmann Hesses in seiner Kindheit Angst war, so haben seine Eltern auf ihn offenbar mit heftiger Angst reagiert. Wenn wir Angst vor den aggressiven Seiten unserer Kinder haben und sie durch Verbote oder nahezu unmenschliche Forderungen bekämpfen, werden sie ihre Provokation verstärken. Wenn uns Kinder mit ihrem Verhalten nicht erreichen, indem wir ehrlich darauf reagieren und damit auch unsere Gefühle preisgeben, suchen sie sich andere Vorbilder. Trotz der komplexen Lage ist es so einfach. Ich möchte Sie einmal bitten, sich den Konsum von Horrorfilmen, Videospielen und hohen TV-Konsum. einmal als ein seelisches Ventil vorzustellen und Ihre eigene Angst einen Augenblick lang nicht so wichtig zu nehmen. Dann könnten Sie beim Anblick dieser Bilder eventuell Antworten auf die Zerrissenheit im Inneren der Jugendlichen bekommen. Sie könnten ein Gespür entwickeln, welche Nöte zu deren Alltag gehören. Vielleicht könnten Sie dann auch ihre Erleichterung nachspüren, weil es auf einmal Bilder für die eigenen inneren Gefühle der Verlorenheit und Aggressionen gibt. Das Problem der Erwachsenen ist die eigene Angst vor diesen Bildern. Wer keine Angst davor hat, kann genau hinschauen, denn in diesen Bildern, Geschichten und Eingreifmöglichkeiten werden auch gleich Ideen mitgeliefert, wie sie mit den unterdrückten Gefühlen, besonders den aggressiven, umgehen können. Ohnmacht sucht sich immer ein Ventil. Wenn wir das so nicht wollen, müssen wir ihnen etwas anderes, besseres beibringen. Ganz einfach: Wir müssten andere Vorbilder sein. Kinder und Jugendliche brauchen Gesprächspartner, die diese Bilder verstehen und sich vor allem nicht in eigenen Befürchtungen verlieren. Wird nämlich ein Austausch gefördert, anstatt Abgrenzung von dem allzu Schrecklichen, vermehrt das einen positiven Einfluss. Kinder und Jugendliche fühlen sich abgelehnt, wenn wir ihre Interessen ablehnen. Um es noch mal zu verdeutlichen: Die sogenannten Medien können niemals die Ursache für die Entwicklung von Gewalt sein. Sie sind vor allem ein Ausdruck von großer Einsam-

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keit und Verlorenheit. Kinder und Jugendliche werden viel zu viel allein gelassen und viel zu wenig von Lebenserfahrenen angeleitet und begleitet. Wir stehen in ihrer Schuld. Einer der größten Missverständnisse liegt darin, von Kindern und Jugendlichen ein anderes Verhalten zu erwarten, als ihnen vorgelebt wird. Das stiftet Verwirrung, verbreitet Unsicherheit und verhindert eine gesunde Wahrnehmungsfähigkeit. Versetzen Sie sich doch einen kleinen Augenblick einmal in die Lage eines aufgebrachten Neunjährigen, der beleidigt wurde. Sein Ehrgefühl ist verletzt. Und wenn ihm das nicht so an die Nieren ginge, könnte und würde er auch „cool“ reagieren. Aber er fühlt sich entwertet oder bedroht und reagiert körperlich aufgrund der „Stresschemie“. Er wird von innen gedrängt, entweder abzuhauen oder draufzuhauen. Wenn Kindern empfohlen wird, der Situation den Rücken zuzukehren, wird der Stress (gleich Ohnmacht) größer. Wenn wir aber von diesem Steppke, der gerade sein Gesicht verloren hat, verlangen, sein Selbstwertgefühl mit Worten wieder herzustellen, wird ebenfalls die innere Not größer. Das schafft ja noch nicht einmal das Gros der Erwachsenen! Ebenso überfordert es die Kinder, wenn sie einerseits in die Schule gehen (müssen) und ihre Lehrer mögen sollen, und andererseits am Abendbrottisch über Vorgesetzte oder Kunden oder auch über Schule und Lehrer geklagt wird. Verständlich, aber schädlich und von positivem Vorbild keine Spur. Das sind nur wenige Beispiele für die vielen Überforderungen, durch welche aggressives oder resigniertes Verhalten erst richtig gefördert wird. Dass Kinder Erwachsene im Stress in der Regel „uncool“ erleben, lässt sie allmählich vereinsamen. Da werden dann gut gemeinte Coolness-Trainings angeboten. Für die Kinder wohlgemerkt, um ihnen zu helfen. Fragt sich, wer damit anfangen sollte? Die Kinder bestimmt nicht. Denn Kinder brauchen Vorbilder, um besser zu werden und keine Trainings. Nun vertrete ich hier ganz sicher nicht den Standpunkt, dass Schlägereien zu fördern seien. Aber solange noch Kriege als Mittel der Auseinandersetzung legitimiert sind, brauchen ganz andere Leute Coolness-Trainings. Vorbild zu sein, erfordert einerseits, große moralische Ansprüche an sich selber zu stellen und andererseits die Bescheidenheit zu erkennen, dass man den eigenen Ansprüchen nie zur Gänze gerecht wird und seine Forderungen danach ausrichtet. Ein gutes Vorbild zu sein wird immer nur der Versuch bleiben, diesem Anspruch zu genügen. Ein täglich neu zu startender und lohnender Versuch.

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Kinder brauchen Freiheit! „Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.“ Khalil Gibran

Dritte Tatsache: Kinder müssen sich bewegen. Freiheit hat viele Gesichter, ist aber nicht mit Zügellosigkeit oder gewissenloser Ausschreitung zu verwechseln. Ablehnung von Anforderungen oder Verneinung von Autoritäten hat eher etwas mit mangelndem Verantwortungsgefühl zu tun. Nur, wie kommt es zu dieser Verwechslung? Aus der Angst, sich zu verlieren, wenn man sich in ein sicheres und gesichertes Regelsystem eingliedert? Oder ist es die Angst, dass schon bei geringer Lockerung der Zügel aus solch einem Regelsystem, wahllos und unkontrollierbar ausgebrochen wird? Freiheit ist ein großer Begriff, den ich hier in Bezug auf Kinder erschließen möchte. Wir sind sicher einheitlich der Meinung, dass Kinder Bewegungsfreiheit brauchen. Doch was heißt das genau? Reichlich Auslauf? Baumhütten bauen? Die Natur erkunden? Nicht unnötig kontrolliert zu werden? Anspruch auf eigene Zimmer, die nur nach Lust und Laune aufgeräumt zu werden brauchen? „Motion breeds Emotion“. Sinngemäß: Bewegung bildet Gefühle aus. Für die Entwicklung von Gefühlsreichtum brauchen die Kinder freiheitliche Bewegung und Selbsterprobung. Ohne Gefühlsreichtum entwickelt sich das Sprachvolumen nur mangelhaft. Die Sprache ist kein Selbstzweck, sondern ein mächtiges Instrument der Verständigung, der Kommunikation, der Selbstdarstellung und Erzählkunst. Einfacher formuliert, je differenzierter das Gefühlsleben, desto reichhaltiger und lebendiger können sich Sprachschatz und Ausdruckskraft entwickeln. Wird dagegen Sprache als Instrument der Belehrung und Maßregelung benutzt, wird dieser Gefühlsreichtum nicht erschlossen und die Sprachentwicklung verzögert sich. Oder sie findet verkürzt statt, in dem sie Schwarzweiß-Mustern folgt. Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden, sie müssen auch gehen. Jean Paul 1763-1825

Leider gehören Kinder mit dem Schnuller im Mund zum alltäglichen Straßenbild. Wer das einmal bewussten Auges beobachtet, wird feststellen, wie hier Kindern kollektiv der Mund verboten wird. Schließlich gehört die bunte Schnullervielfalt zur Grundausstattung eines Babys und Kleinkindes. Er wird häufig noch nicht einmal herausgenommen, wenn das Kind spricht. „Mit vollem Mund spricht man nicht!“, das war gestern. Gerade heute habe ich gelesen, dass in unserem Städtchen mit Hilfe Lesepaten im Grundschulalter die Sprachlosigkeit überwunden werden soll. Wenn man doch nur ein bisschen weiter denken würde! Immer wieder aufwallende Gefühlsbewegungen gehören zum Alltag aller Menschen. Werden Kindern jedoch daran gehindert, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, verarmt ihre Seele. Sie brauchen es, einmal zuzuhauen oder offen ihre Sorgen und Bedürfnisse auszusprechen, zu weinen oder hinauszuschreien ohne gleich gemaßregelt zu werden. Sie müssen die Erfahrung machen können, dass ihre Gefühle, die schließlich zur Identitätsbildung entscheidend beitragen, enorm wichtig sind. Kinder brauchen die Freiheit, sich unter liebevoller Anleitung auszuprobieren und dabei ihre Gefühle kennen zu lernen.

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„Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.“ Johann Wolfgang von Goethe

Für die Entwicklung einer selbstsicheren, lernfähigen und verantwortungsvollen Persönlichkeit ist das sogar die Voraussetzung. Wird ihnen die Freiheit von Gefühlsbewegungen abgewöhnt, bahnen sie sich auf archaische und selbstzerstörerische Weise ihren Weg, und zwar ein Leben lang. Wutausbrüche sind beispielsweise der Ausdruck für lange verleugnete Gefühle mit dem Bedürfnis, etwas zu zerstören und innere Spannungen zu lösen. Verletzte Gefühle sind Ausdruck für eine mangelhafte Abgrenzungsfähigkeit gegenüber emotionalen Übergriffen. Mit dieser Opferhaltung entwickelt sich wiederum ein indirektes Betteln um Rücksichtnahme und Schonung. Das schwächt die Charakterbildung über lange Zeit, denn Opfer büßen ihre spontane Handlungsfähigkeit ein. Wie in so vielen Fällen, spielen auch hier Vorbilder eine entscheidende Rolle. Wer keine Angst vor seinen eigenen (negativen) Gefühlen hat, kann diesbezüglich ein guter Lehrmeister sein. Und die allgemeine Angst vor Gefühlen, vor allem vor den negativen, ist riesengroß. Sonst hätten wir weniger wütende oder aggressive Menschen und Depressionen wären nicht das große Rätsel unserer Zeit. Auch Rückenschmerzen, die gelegentlich als Volksseuche bezeichnet werden, hätten nicht diese Macht. Wir verlangen uns auch dann Rückgrat ab, wenn wir eigentlich nicht mehr können. Überforderung hat viele Gesichter. In diesem Zusammenhang ist es gut zu wissen, dass Unterforderung, dieses Gefühl, nicht wichtig genug zu sein, ebenfalls Stress und Wut auslösen. Kinder erstaunen uns immer wieder mit ihrem nimmermüden Bewegungsdrang. Wenn uns das zuviel wird, beginnen wir Grenzen zu setzen. Spielt da etwa Angst vor Kontrollverlust eine Rolle? Aber die Grenzen, die wir Kindern setzen, schützen uns nicht zwangsläufig vor ihrem Übermut oder Entgleisungen. Ja, sie schützen noch nicht einmal uns selber. Erst wenn wir wissen, wie wir uns fühlen, wie uns zu Mute ist, finden wir die richtigen Worte. Erst wenn wir uns die Zeit nehmen, unsere Sorgen und Bedrängnisse wieder zu spüren, können wir sie zum Ausdruck bringen und etwas ändern. Wenn wir Erwachsenen unsere eigenen Grenzen kennen, anstatt uns nur abzugrenzen, können wir den Kindern Achtung und Respekt beibringen. Es sollte uns ein Anliegen sein, ihnen ein gesundes Freiheitsgefühl mit auf den Weg zu geben, anstatt ihnen blinden Gehorsam gegenüber Regeln und Verboten mit auf den Weg zu geben. Bewegungsfreiheit fördert Willensfreiheit! „Es gibt bei uns zwei Arten zu reisen: erster Klasse oder mit Kindern.“ Autor unbekannt

Wer sich von A nach B bewegen will, braucht zuerst eine Entscheidung und dann den Willen, diese Entscheidung umzusetzen. Gutwillige, ohne die Kraft zur Tat gibt es leider zur Genüge. Der Umgang mit dem freien Willen muss allmählich eingeübt werden. Ein ausgeprägter eigener Wille, kein Trotz, lässt tüchtig und zielstrebig werden. Ohne Möglichkeit, den Willen von Eltern oder Lehrern zu hinterfragen, wird lediglich Folgsamkeit geschult. Beides, Zügellosigkeit und Rücksichtslosigkeit, können als Folgeerscheinung eines schwachen Willens angesehen werden. Kinder brauchen also die Freiheit, sich unter Führung und ohne Angst vor Strafe, auszuprobieren. Sie könnten sich selber von den Wirkungen ihres Handelns überzeugen, wenn wir sie ihre Auswirkungen erleben ließen. Das setzt auf der Seite der Verantwortlichen einiges an Fantasie und Experimentierfreude und vor allem ein neues Vertrauen voraus. Und es braucht Zeit, die wir letztendlich nicht haben. Nur können wir uns das auf Dauer leisten?

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Naturvölkern war und ist es eine Selbstverständlichkeit, ihren Nachwuchs in der Obhut der Gemeinschaft Schritt für Schritt mit den dazugehörenden Ritualen in ein verantwortungsvolles Erwachsenenleben einzuführen. Schließlich soll die nächste Generation ebenso für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen und in der Lage sein, Kinder groß zu ziehen. Vor diesem Hintergrund ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die ältere Generation mit ihrer Lebenserfahrung aktiv beteiligt ist. Nur wir scheinen es uns leisten zu können, auf die Erfahrung und Unterstützung älterer Menschen verzichten zu können. Denn was aber machen unsere Oldies? Sie mäkeln noch immer an ihren längst erwachsenen Kindern, die bereits selber Eltern sind, herum und nehmen ihnen damit die Selbstachtung, die sie für die eigene Vorbildfunktion als Eltern brauchen. Oder sie spielen die Hilflosen, betteln um Aufmerksamkeit, obwohl sie eine beachtliche Lebensleistung vorzuweisen haben. Die ganz Cleveren haben sich abgesetzt. Überwintern irgendwo in der Wärme, schreiben Doktorarbeiten oder begnügen sich auf irgendeine andere Weise. In den Hörsälen geben sie sich oft als die Neunmalklugen und stören mit langen Monologen. Gemeinschaftlich gesehen läuft hier eine ganze Menge erheblich schief. Unsere heutigen Probleme des Zusammenlebens und das erfolglose Herumdoktern an Lösungen, weisen auf Schwächen in der Persönlichkeit hin. Wer erwachsen ist, kann Situationen beurteilen und Schlüsse daraus ziehen. Wer erwachsen ist, hat auch den Mut zum Handeln sich u.U. damit unbeliebt zu machen. Niemand kommt umhin, die Verantwortung für sich zu übernehmen und zu einem selbstbestimmten Menschen zu werden, um mit Freiheit überhaupt umgehen zu können. Aber Jugendwahn und Körperkult haben dazu geführt, dass wir die Generationengrenze nicht mehr einhalten. Jung zu bleiben ist Kult und die eigenen Kinder als Freunde zu bezeichnen, modern. Die ältere Generation nicht ernst zu nehmen und sinnlos zu schonen, anstatt sie als Vorbilder in die Verantwortung zu nehmen, ist Zeitgeist. Vermische klare Farben und das Ergebnis wird trüb. Haben wir denn überhaupt noch eine Freiheit zu verteidigen? Oder verteidigen wir lediglich unseren Status und die Pfründe? „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ Benjamin Franklin

Ich bin nicht sicher, ob wir uns das immer ausreichend bewusst machen; wir können nur soviel Freiheit gewähren, wie wir uns selber innerlich frei fühlen. So gesehen gibt es keinen klareren Spiegel als den, den uns unsere Jugend vorhält. Wenn wir Angst vor diesem Spiegelbild haben, entwickeln wir uns zurück und finden uns in einer schrumpfenden Gesellschaft wieder. Kinder allerdings lassen sich nicht so ohne weiteres schrumpfen, sondern sie fangen an zu rebellieren, sich schlecht zu benehmen oder ihre eigenen Gesetze zu machen. Die Raffinierten beginnen das System für sich zu nutzen und werden ebenfalls nicht erwachsen. Erst später folgen Resignation, Wut und Depression. Kinder brauchen Denkfreiheit, ohne die die Entwicklung eines aktiven Willens nicht möglich ist. Mit eingeschränktem Denken lässt sich wunderbar funktionieren, Eigenwille kann stören. Vielleicht ist die Denkfreiheit die gefährlichste Freiheit, denn Gedanken führen ein unsichtbares Leben. Erst an den gesprochenen Worten oder an den Handlungen kann man etwas erkennen oder erahnen. Bei unterentwickeltem Verantwortungsgefühl wird abgestritten oder Schuld auf andere geschoben. Aber die Gedanken, die in Kopf und Herz verborgen sind, kann man überall hin mitnehmen. Kein noch so autoritärer Staat könnte sie verfolgen oder sich ihrer bemächtigen. Die

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Freiheit und Lebendigkeit eines Volkes kann man unweigerlich an der Freiheit des Denkens erkennen. Und die lässt sich an der Entwicklung der Kinder erkennen. „Was hinter der modernen Unruhe sich herausbildet und heranwächst, ist nichts Geringeres als eine organische Krise der Evolution.“ Pierre Teilhard de Chardin

Aber ein Volk mit gesetzlicher Schulpflicht, festen Lehrpläne und beamteten Lehrern, kann dem Bewegungs- und Freiheitsdrang von Kindern weder gerecht werden noch kann es daraus einen Gewinn ziehen. Diese starre System kann nur über die Angst funktionieren: Angst vor Noten, davor zu spät zu kommen, oder sitzen zu bleiben. Und Angst braucht Kontrollmaßnahmen, wodurch Denkfreiheit automatisch eingeschränkt wird. Auch derjenige, der Angst hat, muss kontrollieren, nämlich die Angst. Mit Hilfe von Vermeidungsstrategien wird sie bannen zu können. Ein ziemlicher Teufelskreis. Denkfreiheit führt zu Meinungsfreiheit, deshalb braucht es eine Menge Mut, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Tagtäglich erleben wir, wie unerwünscht das ist. Die gesetzliche Schulpflicht hat Eltern anhängig gemacht von einem System, das auf den Lebensweg ihrer Kinder einen entscheidenden Einfluss nimmt. In einem für viele unübersichtlichen Alltagstrott wird gar nicht mehr bemerkt, wie sehr sie von ihren persönlichen und individuellen Wertvorstellungen weggeführt werden. Lehrer sind in Deutschland durch ihr Beamtentum ebenfalls Gefangene dieses Systems. Man kann es ihnen noch nicht einmal verdenken, dass sie seine Vorteile für sich nutzen. Die Schüler wiederum sind durch ständige Bewertung durch Noten, Maßregelungen oder Kritik so zurechtgestutzt, dass sie das Fliegen gar nicht erst lernen. Sie können entweder mitlaufen oder hinterherhinken. Es ist bezeichnend, was mit vor Kurzem eine erfahrene Grundschullehrerin sagte; sie wünscht sich die Abschaffung von Noten und Hausaufgaben. Meinungsbildung braucht Übungsfelder, eine Binsenweisheit. Warum werden sie Jugendlichen nicht gewährt? Übung braucht Zeit. Als Grundlage dienen Erforschungen, Bewegungsfreiheit und Freiräume für Erkundungen und die Möglichkeit, Fehler zu machen. Ohne Bewegungsfreiheit und sinnliche Erfahrungen gibt es keine emotionale Sicherheit und keine differenzierte Sprache. Wie wir wissen, steckt hinter jedem Gedanken ein Gefühl, sodass Gedankenfreiheit unmittelbar etwas mit Erlebnisfreiheit zu tun hat. Um zu verhindern, dass Willensfreiheit in Willkür oder Rücksichtslosigkeit ausartet, ist eine ausgebildete Sprache vonnöten. Sie ist die Voraussetzung, um eigene Bedürfnisse auszudrücken und gut Zuhören zu können. Auch das muss geübt und trainiert werden. Es ist einfach wichtig, seinen Willen formulieren und die eigenen Absichten begründen zu können. In doppelten Hinsicht: Wir müssen sie vor möglichen Kritikern vertreten oder Verbündete gewinnen. Das erfordert schon eine verbale und geistige Reife. Bei all dem dürfen wir natürlich nicht vergessen, ihnen beizubringen, Mitgefühl und Trauer auszudrücken, wenn wir keine Zombies heranzüchten wollen. Alles das liegt in unserer Verantwortung, dies an die nächste Generation weiterzugeben. Dafür brauchen wir ebenfalls Zeit. Wir sind von Geburt, nein, von unserer Zeugung an, soziale Wesen, die einander brauchen. Wir leben in einem ständigen Wechselspiel miteinander. Rücksichtslosigkeit und mangelnde Achtung zerstören auf lange Sicht eine Gesellschaft. Zunächst im Kleinen. Dann im Großen.

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Kinder brauchen erwachsene Eltern! „… denn so wie ER den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt ER auch den Bogen, der fest ist.“ Khalil Gibran

Noch eine Tatsache: Kinder brauchen erwachsene Eltern. Franz Werfel schlussfolgerte in seinem Roman „Der veruntreute Himmel“, wenn es Durst gibt, muss er ein untrüglicher Beweis dafür sein, dass es irgendwie Wasser gibt. Ich schlussfolgere entsprechend: Wenn es Kinder gibt auf dieser Welt, muss das ein untrüglicher Beweis dafür sein, dass das Leben einen irgendwie gearteten Sinn hat. Kinder sind Leben, sie sind die Fortsetzung des eigenen Lebens. Sie verkörpern Zukunft. Wenn es also Kinder gibt, müssen diese ebenfalls einen irgendwie gearteten Sinn haben. Wenn sich eigenständige, erwachsene Menschen auf die Abhängigkeit einlassen, die ihnen Kinder über Jahre abverlangen, müssen sie einen Sinn darin sehen. Sonst würde sie allein die Vernunft schon davon abhalten. Wenn aber gegenwärtig 30% der Akademikerinnen keine Kinder haben, fallen einem interessante Fragen dazu ein. Und Kinder haben tatsächlich einen Sinn gebenden Stellenwert. Wir kennen ja die Glaubenssätze wie, ohne Kinder ist eine Ehe keine Ehe; Kinder gehören einfach dazu; ohne Kinder stirbt ein Volk aus. Was ja auch stimmt. Das mit der Ehe ohne Kinder müsste allerdings etwas differenzierter betrachtet werden. Darüber hinaus muss es aber noch einen tieferen inneren Sinn geben, der die Mühen und Kosten rechtfertigt. Wir erleben sehr aktuell, in welchem Ausmaß unsere Bevölkerung durch den Mangel an Kindern überaltert. Das ist mehrdeutig zu verstehen. Es ist auch eine Überalterung an Werten, Meinungen und Einschätzungen. Es fehlt das „frische Blut“, das unverbrauchte Leben, es fehlt das Gefühl von Ewigkeit, das Kinder uns vermitteln. Und es fehlen Kreativität und Spontaneität. Doch die Lust auf Kinder hat deutlich abgenommen. Die Mühsal ist oft nicht mehr mit dem komplizierten Alltag und den eigenen Ansprüchen vereinbar. Auch nicht mit dem Druck, der von außen kommt. Kinder stehen irgendwie im Weg. Nur, auf welchem Weg denn? Was verbauen sie uns denn? Kinder helfen mit ihren berechtigten Ansprüchen eben auch, in die Zukunft zu schauen. Ohne Zukunftsmusik ist das Leben eine Ödnis. Sollte es aber tatsächlich so sein, dass Kinder Sinn in unser Leben bringen und es sich manchmal nur noch für sie lohnt, durchzuhalten und sich beim Schopfe zu packen, dann wäre die abnehmende Kinderzahl ein Zeichen für alarmierenden Sinnverlust. Nehmen wir einmal an, das wäre so. Könnte man dann nicht davon ableiten, dass eine materiell ausgerichtete Gesellschaft, in der also materielle Güter auf der Werteskala oben an stehen, ihren Lebenssinn so verlagert hat, dass es nicht mehr nicht lukrativ genug ist, Kinder, bei sich aufwachsen zu lassen? Kinder rechnen sich nicht! Na, wenn das mal nicht eines Tages ganz böse ins Auge geht, wenn sich die kinderlosen Alten auch nicht mehr rechnen, bzw. sich niemand um sie kümmert. Hoffentlich haben sie genug gespart. Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge, Verständnis, Raum und Zeit. Man könnte doch tatsächlich auf die Idee kommen, dass wir uns nicht mehr zutrauen, unseren Kindern das mit auf den Weg zu geben. Wir haben uns so mit Tagesgeschäften, Selbstbezüglichkeiten und Kampf ums Überleben eingedeckt, dass wir keinen Raum mehr um uns herum haben. Es regieren der Terminkalender und die Zwänge. Und alles muss irgendwie unter Kontrolle gebracht werden. Eine materiell ausgerichtete Gesellschaft glaubt an die

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Funktionen, die zu erfüllen sind und nicht an die Freude, die aus dem Herzen wächst. Könnte man nicht auch schlussfolgern, dass das Leben den Menschen nicht mehr sinnvoll vorkommt? Oder wollen wir einfach kein Wagnis mehr eingehen? Wurde da etwa die unbeschwerte Lebendigkeit zum Fenster hinausgeworfen? Auch die politische Bühne gleicht dieser Tage ja eher einem Ruderwettbewerb ohne Ziellinie. Man versperrt sich gegenseitig den Weg, vertraut nicht auf eigene Kräfte, sondern auf die Macht des Taktierens und Spionierens. Auch hier geht es nur noch ums Überleben und nicht ums Leben. Denn Leben will gestaltet und nicht verwaltet oder nur das Schlimmste verhindert werden. Wodurch mag denn der Sinn verloren gegangen sein? Wenn wir genau hinschauen, werden Mühen und Abhängigkeiten immer noch auf sich genommen: Beruflich und privat. Für die Karriere genauso wie für eine anstrengend durchgeplante Freizeitgestaltung. Planvolle Muskelgestaltung („Bauch, Beine, Po“) und von Chirurgen oder sonst wem aufgedrängte Schönheitsideale haben viele Körper unlebendig gemacht. Die fühlen weniger, als dass sie darstellen. Von dem vergewaltigtem Geist einmal ganz abgesehen. Woran mag es bloß liegen, dass sich diese Verschiebung von der immanenten zur materiellen Sinngebung so hartnäckig hält? Liegt es an dem größeren Reiz und der tieferen Freude, die von materiellen Gütern ausgehen? Wohl kaum: Sonst wären wir einfach glücklicher und zufriedener. Und gesünder. Auch die medizinische und soziale Überbetreuung hat bisher keine gesünderen Menschen hervorgebracht. Sie ist nur unbezahlbar geworden. Haben die Kirchen mit ihrer regulierenden Moral und Jenseitsvertröstung ihre Aufgaben vernachlässigt? Wohl kaum: Diese Kräfte hätten weitergewirkt, wenn sie die Menschen in ihrer inneren Sinnsuche wirklich erreicht hätten. Die Kirchenbürokratie hat eben auch zu viele materielle Güter zu verwalten. Ich zähle auch dogmatisierende Lebensregeln zu den materiellen Gütern, da sie ebenso unbeweglich und tot sind und „verwaltet“ werden müssen. Dann liegt es mit Sicherheit an den Eltern, die lieber ihren eigenen Interessen und Karrierewünschen (um einmal dieses Klischee zu bedienen) nachgehen! Auch das kann nicht sein, denn dann hätten wir jede Menge unabhängige Menschen, denen es an ihrem Arbeitsplatz gut geht. Wenn aber der Statistik glauben kann, sind Burn-Out, Mobbing und Depressionen auf dem Vormarsch. Oder liegt es gar an den Kindern selber, die fordernder, unbescheidender oder desinteressierter geworden sind? Wohl kaum: Denn Kinder passen sich zunächst einmal an und wollen dazu gehören. Für viel naheliegender halte ich den Umstand, dass wir uns auch im Erwachsenenalter nicht von unseren Kindheitsmustern lösen wollen. Wir bleiben den Eltern treu und nicht uns selber. Wer seinen Kindern eine „wertvolle“ Orientierung bieten will, muss zu Gunsten einer gesunden Entwicklung bereit zu gesunden Veränderungen sein. Sonst bleibt alles beim Alten. Kinder sind Zukunft und keine Kopie unserer Vergangenheit. Und zu Recht wehren sie sich dagegen. Wer zielgerichtet und zukunftsbezogen ist, strebt automatisch an, sich selber zu versorgen. Versorgungsdenken ist rückbezüglich. Wenn wir Kindern beibringen

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wollen, für sich selber zu sorgen und sich auch für die Gemeinschaft verantwortlich zu fühlen, muss der Hebel hier angesetzt werden - am eigenen Erwachsensein. Leider sind heutzutage viele Partnerschaften von einem kindlichen Allmachtsbewusstsein und Kontrollbedürfnis geprägt. Wenn man nach mehrfachem Auftrumpfen nicht bekommt was man will, geht man wieder. Wenn private Forderungen ins Leere laufen, werden sie umgelenkt und ins „soziale Netz“ verschoben, doch die Energie bleibt die gleiche. Andere sollen für die eigenen Bedürfnisse aufkommen. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von unverschuldeten Notlagen. Was wir auf der politischen Bühne erleben, geht in die gleiche Richtung. Politiker beeinflussen nach Gutdünken unser Leben, wollen aber von uns finanziell versorgt werden, um ohne einschneidende Einengung weitermachen zu können. „Hotel Mama“ lässt in jeder Hinsicht grüßen! Wer von Grund auf versorgt werden will, kann andere nicht versorgen, kann auch keine vorsorgenden, d.h. die Zukunft mit einbeziehenden Gesetzen, verabschieden. Es lohnt sich, darüber einmal länger nachzudenken oder zu diskutieren. Es ist ja nicht gänzlich falsch, andere zu versorgen und sich auch versorgen zu lassen. Erst die Vernachlässigung des Ausgleichs von Geben und Nehmen, erzeugt die Schieflage. Aber wir sind verwöhnt worden. Sämtliche Großinstitutionen haben uns Verantwortung abgenommen, sodass wir es an vielen Ecken und kanten mit einer lähmenden Autoritätshörigkeit zu tun haben. Wie können wir dann noch in der Lage sein, Kindern echten Leistungswillen und Achtung, sowohl vor sich selber als auch vor ihren Mitmenschen, bebringen? Das hat die jugendkultige Gesellschaft selber nicht vorzuweisen. Bestenfalls verfügen erwachsene Menschen über soviel Selbststeuerung, dass sie den Alltäglichkeiten, den Hochs und Tiefs des Alltags aus eigener Kraft gewachsen sind. Zu ihrer Verantwortung erwachte Menschen folgen ihren Einsichten, ihren persönlichen und gemeinschaftlichen Werten und stehen zu den Entscheidungen, die sie getroffen haben. Selbst wenn sie sich beruflich ducken müssen, bleibt ihnen immer noch die Freiheit, sich den größeren Zusammenhang bewusst zu machen, ohne sich gleich zu verbiegen. Oder krank zu werden. Erwachsene sind zu einem übergeordneten, gesellschaftlichen und überschauenden Verantwortungsbewusstsein „erwacht“. Oder liegt die fundamentale Verschiebung der Werte hin zum vorrangigen Erwerb materieller Güter daran, dass sie funktional sind und keine eigenen Ansprüche erheben? Das Gegenteil ist der Fall. Materielle Errungenschaften fordern uns finanziell und auch zeitlich ununterbrochen heraus. Wir müssen sie warten, erhalten, versichern, vermehren oder bewachen. Dafür gehen wir arbeiten und lassen uns auch noch von einem schlechten Betriebsklima die Laune verderben oder ungehaltenen Chefs demütigen. Die Angst, den individuellen, materiellen Apparat nicht mehr aufrechterhalten zu können ist eben größer, als die Angst vor Verlust der Selbstachtung. All das geht mit Kindern nicht. Kinder fordern uns mit ihrer Lebendigkeit oft bis an unsere Grenzen, und darüber hinaus, heraus. Sie erheben einen schonungslosen Anspruch an unsere Ehrlichkeit und legen ihre Finger zielgerichtet in die Wunden. Sie decken damit unwillkürlich unsere inneren und äußeren Verstrickungen auf. Wenn wir Kinder haben, können wir einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher. Das weiß jeder, der selber Kinder oder mit ihnen zu tun hat. Ist eine Familie gegründet, ist man plötzlich einer zunehmenden Einflussnahme von außen ausgesetzt. Zu allererst gibt es plötzlich zwei Familien, die mitreden wollen. Man könnte die eine oder andere, die einem nicht in den Kram passt, natürlich ausgrenzen. Es wäre auch möglich, sich zu unterwerfen, um seine Ruhe zu haben. Mit beiden Verhal-

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tensweisen wird aber nur re-agiert und beide sind eine Form von Selbstbetrug. Kinder wollen ihre Eltern in Aktion sehen, wodurch sie es nicht mehr jedem Recht machen können. Jede Handlung hat ihre Konsequenzen. Auch Standpunkte müssen immer wieder einer Überprüfung unterzogen und neu ausgelotet werden. Es gibt nichts Feststehendes. Echte Lebendigkeit strebt naturgemäß an, im Fluss zu sein. Deshalb gehören Auseinandersetzungen auch zum Alltagsgeschäft; es ist lediglich die Frage, wie sie geführt werden. Es sind die konstruktiven, heilsamen Auseinandersetzungen, die zu Reife und Selbstbewusstsein führen und die wir unseren Kindern beizubringen haben. Und das erfordert Zeit und Geduld. Wer später die Bereitschaft entwickelt, sich von seinen erwachsenen Kindern aus eigenen Denkgewohnheiten reißen zu lassen, bleibt im Fluss. Das entspricht einem Sechser im Lotto. Wenn wir nicht weiter „auf Pump“ leben wollen, haben wir eigentlich keine andere Wahl, als uns zu wandeln. So wie wir Geschöpfe des Lebens sind, sind wir auch verpflichtet, dieses Leben immer wieder aufs Neue auszuschöpfen. Das Leben ist kein Selbstzweck. Am allerbesten wäre es für uns, uns von den kleinen „Neu-Schöpfungen“, die wir in unserem Haus und auf der Straße herumlaufen sehen, tagtäglich auf eine vergnügte und lustige Weise an unsere Verantwortung erinnern zu lassen. Nämlich dafür, ihnen das Leben von all seinen Seiten zu zeigen. Dann könnten uns auch die Heranwachsenden mit ihren neugierigen, unkoordinierten und noch ungeübten Versuchen der Selbstdarstellung, an unsere eigenen Ungereimtheiten erinnern. Warum lassen wir uns nicht von ihnen anstecken, um auch mal wieder Grenzen zu sprengen? Welche Angst hält uns fest? Ich bin davon überzeugt, dass es wieder richtig Sinn machen kann, Kinder zu haben, wenn wir zu unserer Neugierde zurückgekehrt sind. Wenn wir wieder neugierig auf Kinder geworden sind. Einfach so. Nur weil sie so ein Bündel an Lebensmöglichkeiten sind und uns zu erwachsenen Menschen machen. Kinderreichtum könnte für eine Gesellschaft darin bestehen, sich der unbedingten Liebe und Zuneigung von Kindern hinzugeben und aus Dankbarkeit für soviel Lebensfreude für sie so gut zu sorgen, wie man vermag. Kinder sind unsere Zukunft und da wollen wir doch alle hin, oder? Kinder sind Brücken in den Himmel.

Kinder brauchen Liebe! „Könnte Kinderreichtum für eine Gesellschaft nicht darin bestehen, sich der unbedingten Liebe und Zuneigung von Kindern hinzugeben und aus Dankbarkeit für soviel Lebensfreude für sie so gut zu sorgen, wie sie vermag?“ Viktoria Hammon

Eine unwiderrufliche Tatsache: Kinder brauchen Liebe. Ja, Kinder brauchen Liebe. Und vor allem verschenken sie sie. Jeder ist schon einmal in den Genuss von spontaner Liebesäußerung eines kleinen Kindes gekommen oder war von seinem Lachen entzückt oder von dem offenen Glanz seiner Augen überwältigt. Warum eigentlich?

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Kinder gehen mit offenen Augen durch die Welt, sind neugierig, wollen alles anfassen und wissen. Kinder stellen Fragen ohne Unterlass, weil sie diese Welt lieben und sich hier zurechtfinden wollen. In ihrer Unvoreingenommenheit berühren sie die tiefsten Stellen unserer Verwundbarkeit, rütteln an unseren Lebenslügen, entlarven unsere Verstrickungen und Illusionen. Obwohl sie uns auf diese Weise richtig nach vorn bringen könnten, machen sie sich ausgerechnet damit unbeliebt. Kinder brauchen unsere Liebe. Wenn es bedingungslose Liebe überhaupt gibt, dann gälte sie unseren Kindern. Anscheinend aber haben wir eine ganze Menge zu verteidigen, sonst würden wir nicht in vielen Fällen so tun als seien sie unsere Feinde. Wir schimpfen, schlagen und sperren ein. Zu unserem Glück verzeihen Kinder unendlich viel, wenn wir sie spüren lassen, dass die Grundstimmung in Ordnung ist: „Es kommt auf ein paar tausend Erziehungsfehler mehr oder weniger gar nicht an!“ (Kurt und Karin Kloeters, Kindererziehung durch Selbsterziehung). Kinder sind beneidenswert glücklich dran, denn sie vertrauen in erster Linie auf ihre eigene Liebe zu den Eltern. Erst wenn Eltern aufhören ehrlich zu sein, werden Kinder herausfordernd (früher hieß das „ungezogen“, heute nennt man es „aggressiv“ oder „hyperaktiv“). Sie verhalten sich unangepasst, wenn sie das Gefühl haben, die Orientierung zu verlieren. In ihrer totalen Abhängigkeit sind sie auf permanente Selbstvergewisserung angewiesen. Abhängigkeit, die nicht verantwortungsbewusst begleitet wird, macht willfährig. Im Namen der Liebe wurden leider immer wieder Gräueltaten begangen. Auch Eltern hören nicht auf zu beteuern, bei allzu strengen Maßnahmen im Namen der Liebe zu handeln. Wie auch Kinder im Namen der Liebe versuchen so perfekt wie möglich die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Was weder gelingen kann noch notwendig ist. Eltern und Kinder sind aufeinander angewiesen, was zur Folge haben kann, dass sich beide Seiten in Schuldgefühlen und Feindseligkeiten verstricken. Die Versuche, über Folgsamkeit oder aggressive Forderungen Sicherheit ins eigene Leben zu bringen, scheitern meistens auf lange Sicht. „Die Umstände werden sich nach deinen Zielen richten“ M. Gandhi

Nur eine bewusste Entscheidung kann uns aus diesem Kreislauf von Widerstand und Feindseligkeit gegen unsere Lebensimpulse befreien. Vielleicht helfen diese Fragen zur Selbstreflexion weiter: Was wäre, wenn sich Eltern dafür entschieden, sich von den Erwartungen anderer zu befreien? Was wäre, wenn sich Eltern von dem Perfektionsdruck, dem sie ausgesetzt sind, befreiten? Könnten Eltern dann aufhören, Liebe als Belohnung oder Bestrafung zu benutzen? Könnte dann die unheilige Allianz von (vermeintlicher) Liebe und Schuldgefühlen ihre Wirksamkeit verlieren? Könnte uns das von tief sitzender Angst vor Verlust befreien? Kinder brauchen Liebe Aber was heißt das? Wenn Liebe Herzen höher schlagen lässt, sich uns für einen anderen Menschen öffnen und mit ihm ein Vertrauensverhältnis aufbauen lässt, wenn Liebe eine Brücke baut zu allem, was uns fremd erscheint und wenn Liebe unser Mitgefühl weckt,

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dann ist es das, was unsere Kinder brauchen. Wenn wir uns überwinden könnten, unseren Kindern das zu geben, unabhängig davon, ob es die eigenen oder fremde sind, würden wir ihnen auf eine erwachsene Weise begegnen. Die Voraussetzung dafür ist einfach, es ist das Bedürfnis, mit seinem Leben ins Reine zu kommen. Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder. Dante Alighieri 1265-1321

Liebe braucht Ehrlichkeit. Kindern Liebe und Ehrlichkeit zu schenken bedeutet, in die Lage zu kommen, sich nach und nach vom Perfektionismus zu verabschieden. Und zwar von unserer Vorstellung von perfekten Eltern, die perfekte Kinder groß machen, von einer perfekten Gesellschaft. Die Mär von einer heilen Familie ist reinste Augenwischerei und übt fatalen Druck aus. Wer will das beurteilen, denn jede Familie hat ihre eigenen, subjektiven Interessen und Ziele, die sie verfolgen und erreichen will. Und jede Familie hat ihr individuelles Drama, das gehütet wird, oder von dem sie sich befreien möchte. Familien unterscheiden sich dagegen in der Art und Weise mit Konflikten, Leid oder Bedrohungen umzugehen. Sie unterscheiden sich darin, wie ehrlich sie mit sich selber und ihren Kindern umgehen. Auch das können wir wieder von den Naturvölkern lernen: Auf dem Weg durchs Leben werden die sich einander ablösenden Lebensabschnitte kulturell begleitet. Niemand wird allein gelassen, es stehen stets Stammesmitglieder mit ihren Erfahrungen zur Verfügung. In Ritualen wird Abschied genommen von dem, was nicht mehr gültig ist, mit der gleichzeitigen Einführung in die nächste Entwicklungsphase, sodass jeder einen spezifischen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann. Wir haben das Gefühl dafür verloren, wie schutzlos im Grunde genommen Heranwachsende im Übergang sind. Unsere Kinder brauchen uns dringend. Sie brauchen unseren Lebensmut, unsere Weitsicht und loslassende Fürsorge, gerade weil sie in totaler Abhängigkeit zu uns kommen. Es ist unsere nicht zu delegierende Verantwortung, unsere Kinder Schritt für Schritt aus dieser Abhängigkeit heraus in die Welt der Verantwortung einzuführen. Ja, führen. Nicht prügeln, drohen, einsperren. Wenn uns das auch weiterhin so wenig gelingt, erschaffen wir uns dauerhaft große Probleme. Immer früher und andauernder wird nach Drogen (Zigaretten, Alkohol, Sex, Arbeit, Fitness, vielen bunten Pillen) gegriffen. Abhängigkeit macht nicht nur willfährig, sondern auch ungemein wütend. Wenn die Zunahme an Aggression und Zerstörung in diesen Zusammenhang gebracht würde, könnten endlich auch Lösungen gefunden werden. Die Reife einer Gesellschaft ist am Umgang mit den Kindern abzulesen Kindern unsere Liebe zu schenken, hieße ebenfalls, ihnen beizubringen mit Niederlagen umzugehen. Um eine Niederlage einstecken zu können, müssen wir vorher schon eine ganze Menge Trost erfahren haben. Spätestens in der Niederlage selber brauchen wir Trost. Und zwar Trost, der von Gefühlen getragen wird, die aus dem Herzen kommen. „Es bedarf keines Hinweises, dass die Gesellschaft den Kindern die vollkommenste weiseste Fürsorge angedeihen lassen müsste – denn sie sind es doch, von denen wir mehr Energie und größere Möglichkeiten für die Menschheit von morgen erhoffen.“ Maria Montessori

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Kindern unsere Liebe zu schenken drückt sich darin aus, sie an die Hand zu nehmen und uns von ihnen durch ihren Alltag führen zu lassen. Dann können wir sicher sein, dass sie auch uns bereitwillig folgen. Kinder lieben ihre Eltern und ihr eigenes Leben aufrichtig. Es liegt an dieser durchstrukturierten gegenseitigen Abhängigkeit, dass Eltern und Lehrer in einem permanenten Interessenkonflikt gefangen sind. Sehr oft verbünden sich Eltern mit den Lehrern aus Angst, ihrem Kind sonst zu schaden. Es liegt auf der Hand, wie allein gelassen sich das Kind damit fühlt. Aber auch Lehrer fühlen sich missverstanden.

Ein Wort zu guter Letzt „Nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist vollständig.“ Albert Schweitzer

Wer Kindern und Jugendlichen nicht schaden will, kommt an den Eltern nicht vorbei. Erzieher und Lehrer können für Eltern wunderbare Ratgeber und Begleiter sein, wenn sie sich als Unterstützer und nicht als Lehrmeister verstehen. Dass Eltern ihre persönlichen und familiären Interessen vertreten, liegt in der Natur der Sache. Deshalb plädiere ich noch einmal für eine uneingeschränkte Stärkung der Eltern durch Respekt vor ihrem Urteil, ihren Entscheidungen und Wahrnehmungen. Sie sind für ein Kind nun einmal die höchste Autorität. Wenn diese in Frage gestellt werden, fühlt sich auch das Kind in Frage gestellt. Für eine verlässliche, leistungsstarke und mitfühlende Gesellschaft brauchen wir verlässliche, leistungsstarke und mitfühlende Eltern. Alle Kinder können es schaffen, wenn wir die Eltern stärken. Wollen wir Selbstverantwortung und Hilfsbereitschaft in unserer Gesellschaft zur Entwicklung bringen, brauche wir ein instinktives Gespür Kindlichkeit und Kindheit, Jugendlichkeit und Reife auseinander zu halten. Wir brauchen auch den Leistungsstaat, der Leistung belohnt und nicht sozial Schwache zu Helden erklärt. Wir brauchen die Leistungsschule, die eine ganzheitliche Leistung anerkennt und nicht durch Konkurrenzdruck für eigentlich unzulässige Auslese sorgt. Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt. A. Einstein

Bildung lässt sich nicht auf Schule, Schulformen oder Noten reduzieren, sondern Bildung ist letzten Endes eine gewisse Haltung dem Leben und seinen Verantwortlichkeiten gegenüber. Wissen allein macht nicht gebildet, genauso wenig wie gutes Benehmen. Echte Bildung ist angewandtes Wissen, anderenfalls erfüllt sie ihren Zweck nicht. Würde Bildung zwangsläufig zu „gebildetem Verhalten“ führen, wäre es nicht zu der erschreckenden Tatsache gekommen, dass der Missbrauch von Kindern in allen Gesellschaftsschichten zu finden ist. Dabei denke ich nicht nur an den besonders verwerflichen sexuellen Missbrauch, der in extremer Weise aufzeigt, wie wenig wir uns dafür verantwortlich fühlen, unsere von uns abhängenden Kinder zu beschützen. Sondern ich denke auch an den emotionalen oder mentalen Missbrauch. Auch dieser ist ebenso erschreckend verbreitet. So ist die Körperstrafe, auch der stets verharmloste Klaps auf den Po oder der Schlag auf

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kleine Hände, ein widriger Missbrauch von Überlegenheit und Macht. Allen die dieses Lied noch nicht kennen empfehle ich den folgen Link. http://www.youtube.com/watch?v=fcdkwdfz0GA

Jeder, der Verantwortung für andere und ganz besonders für Kinder trägt, sollte sich folgendes bewusst machen: Alle Formen von Missbrauch führen zu emotionaler Abhängigkeit und stellen Abhängigkeiten her. Aber Abhängige werden entweder süchtig oder gewalttätig gegen andere oder sich selbst. Die einen streben an, ihr Leben mit Suchtmitteln erträglicher zu machen, die anderen holen zum „Befreiungsschlag“ aus. Wer kann sich da noch allen Ernstes über die Zunahme von Sucht und Gewalt in unserer Gesellschaft wundern? Wer kann da noch mit gutem Gewissen ratlos reagieren? Offenbar nur diejenigen, die Angst vor Einsicht und ihren Konsequenzen haben. Wenn wir beginnen, unseren Kindern zu zeigen und vorzumachen, wie man ein verantwortungsvolles und erwachsenes Leben führt, sind wir auf dem richtigen Weg. Wer nur bei Kindern und Jugendlichen beginnt, hat schon verloren. Wir brauchen also ein Bewusstsein dafür, dass Bildung eine nationale Verantwortung darstellt. Von einer gebildeten Gesellschaft kann erwartet werden, dass sie nicht nur Schüler versucht konkurrenzfähig zu machen, sondern auch eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber der nachfolgenden Generation einnimmt. Und das geht alle an: Junge Erwachsene, Ledige, Paare, Familien, Bildungs- und Ausbildungsstätten und die wachsende Anzahl der Älteren. Die Schulen, Lehrer und Schüler die wir haben, haben wir selber zu verantworten. Solange die allgemeine Haltung gegenüber der Schule von Schülern, Eltern sowie der Öffentlichkeit dadurch geprägt ist, sie entweder anzufeinden oder lächerlich zu machen oder sich besonders strebsam anzupassen, kann etwas an dem ganzen System nicht stimmen. Die Schulzeit ist nur eine Überganszeit im Leben eines Menschen, in einem Schülerleben nimmt sie allerdings eine herausragende Position ein. Sie müsste daher mit größter Sorgfalt gestaltet werden. Vor allem dann, wenn sie zur gesetzlichen Schulpflicht degradiert wird. Es kann doch nicht sein, dass selbst erfolgreiche Leute noch im fortgeschrittenen Alter in ihren Träumen von der Angst vor Abiturarbeiten eingeholt werden! Wenn aber Eltern immer noch Angst vor der Schule haben und diese Angst auf ihre Kinder durch diverse Maßnahmen wie starre Forderungen, zuvorkommende Nachgiebigkeit, Strafen oder Stubenarrest übertragen, scheint die Schulzeit doch eher lebensbestimmend zu wirken. „Weder Schule noch Sozialisierung, sondern die Reifwerdung ist der Schlüsselfaktor, um ein Kind fit für die Gesellschaft zu machen.“ Gordon Neufeld, Entwicklungspsychologe

Ich bin fest davon überzeugt, dass es Eltern, Schüler und Lehrer leichter miteinander hätten, wenn sie eine freiwillige Allianz eingehen könnten. Lernfreude, gute Umgangsformen und gegenseitigen Respekt können nicht erzwungen, sondern müssen vorgelebt werden. Wenn aber Wissensvermittlung nicht zu einem „gebildeten Leben“ führt, ist es nutzlos. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind viel zu komplex, als dass wir uns diesen Selbstzweck noch leisten könnten. Es ist an der Zeit, nachhaltig umzudenken. Bildung muss dienen. Wenn es uns gelänge, Bildung von ihrem Selbstzweck zu befreien hin zu einem Zweck, würde sie eine ungeheure Motivations- und Schubkraft entwickeln.

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Die Bildungskrise ist eine Krise der Werte. So wie jede Generation ihre eigene Musik, ihre eigenen Filme, ihr eigenes Credo hat, so entwickelt auch jede Generation ihre eigenen Werte, von denen sie sich Halt und Orientierung verspricht. Darin besteht die eigentliche Aufgabe der Gesellschaft und deren Verantwortlichen: Ihren Nachwuchs darin zu bilden, mutig zu sein und einen eigenen individuellen Weg zu finden und ihn auch verteidigen zu können. Dann würden wir den Kindern helfen nicht nur volljährig, sondern auch erwachsen zu werden.

Liebe Leserinnen und lieber Leser, "Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance“ Viktor Hugo

ich möchte mich nun von Ihnen verabschieden. Was Sie auf diesen Seiten gelesen haben, wird Sie unterschiedlich und mehr oder weniger angesprochen haben. Das ist normal. Wenn ich Sie aber anregen konnte, weiter zu denken oder zu neuen Einsichten zu gelangen, dann hat sich die Arbeit gelohnt. Wenn Sie wiederum ein verändertes Denken in die Welt tragen, hat es sich vor allem für unsere Kinder und Jugendlichen gelohnt. Selbst dann, wenn wir noch viel Geduld brauchen. Meine Bitte wiederum an Sie: Vergessen Sie Ihr inneres Kind nicht und lassen Sie es wieder so quicklebendig werden, wie in alten Zeiten. Dafür gibt es keine Altersgrenze. Ihre Viktoria Hammon

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Anhang

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Wenn Sie weiter lesen wollen … •

Montessori, Maria, Grundlagen meiner Pädagogik, Quelle & Meyer Verlag (1968)

http://www.bildunginfreiheit.de/fileadmin/material/Schulgesetz_von_1938.pdf

http://www.bildunginfreiheit.de/fileadmin/material/Schulgesetz_von_1938.pdf

Gibran, Khalil, Der Prophet von Walter Verlag AG, Olten (1973)

Miller, Alice, Am Anfang war Erziehung, Suhrkamp Taschenbuch (1983)

Ward, Milton, Nutze den Schmerz, VAK (1991)

Goldschmidt, Annemarie, Alles klar mit der Kinesiologie, VAK (1997)

Hannaford, Carla, Bewegung, das Tor zum Lernen von VAK (1997)

http://www.familie-ist-zukunft.de/seite/wp-content/uploads/2010/06/jaeckel_Dieheimliche-Entmachtung-der-Eltern.pdf

Schellenbaum, Peter, Die Spur des verborgenen Kindes, dtv (1998)

Doc Childre, Howard Martin, Die Herzintelligenz Methode, VAK (2000)

Carnegie, Dale, Sorge dich, nicht – lebe, Scherz Verlag (2000)

Hüther, Gerald, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn,

Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (2002)

Willi, Jürg, Psychologie der Liebe, Klett-Cotta (2002)

Servan-Schreiber, David, Die neue Medizin der Emotionen,

Verlag Kunstmann (2004)

Schellenbaum, Peter, Ja aus Liebe, Kösel (2004)

Bauer, Joachim, Warum ich fühle, was du fühlst, Heyne (2006)

Neuenfeld, Gordon, Gabor Maté, Unsere Kinder brauchen uns! Genius Verlag (2006)

http://www.familie-ist-zukunft.de/seite/wp-content/uploads/2007/07/Elternhausoder-Vater-Staat-Erfurt.pdf

„Kinder - die lebenden Botschaften, die wir einer Zeit übermitteln, an der wir selbst nicht mehr teilhaben werden.“ Neil Postman

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Biografischer Nachklang „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.“ Erich Fried

Ob ich mich als Künstlerin sehe, ist fraglich. Im Sinne des Beuys’schen Kunstverständnisses, dass jeder Mensch ein Künstler sein, schon eher. Als Lebenskünstlerin fühle ich mich aber allemal. Durch Not und viel Notdürftigkeit hindurchgehend, habe ich das Leben, mein Leben, gesucht. Zunächst habe ich nur Fragmente in mir oder außerhalb meiner Selbst gefunden. Durch sie wurde ich angeregt, nach der zu Grunde liegenden Blaupause zu suchen und zu forschen. Bis heute ein immerwährender Prozess, einer Ausdehnung gleich, die Anfang und Ende stets von Neuem entdeckt und verbindet. Aus biografischer Kränkung heraus, machte ich mich auf den Weg, mein ganz persönliches Lebenskunstwerk, zu erschaffen. Ich wollte Ordnung bringen in meine übervoll zugerümpelten Innenräume und mich gleichzeitig um mich selbst erweitern. Die in Mode gekommene Emanzipationsbewegung hat mich nur am Rande interessiert, eine Frau war ich sowieso. Die Thesen der Frauenbewegung waren mir zu doktrinär; ich suchte Befreiung und keine Bevormundung. Statt Selbstverwirklichung strebte ich Selbstbestimmung an. Ich wollte erwachsen werden und eigenständig leben. Was fand ich auf diesem Weg? Von Selbstbestimmung war ich erstmal ziemlich weit entfernt. Unzählige innere Abhängigkeiten säumten meinen Weg; ich war geradezu geplagt von Angst davor, ich selber zu sein. Das war der zündende Auslöser dafür, mich für das Leben selber zu interessieren, für seine Möglichkeiten und das dem, was Menschen letztlich davon abhält, ein selbstbestimmt gestaltetes Leben zu führen. Die Vielfalt von Leben und zerbrochenen Träumen begann mich zu faszinieren. Ebenfalls, warum wir Menschen unseren Träumen oft nur hinterher laufen, anstatt sie zu verwirklichen. Und natürlich interessierten mich die Menschen, die mit all ihrer Kraft versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen, ganz gleich wie schwer das Schicksal war. Ich wurde auch neugierig auf die Menschen, die im Dickicht ihrer Lebenslügen ein lebbares Leben hinzukriegen gewillt sind.. Mich eingeschlossen. Auf diesem Weg fand ich viele Meister und Meisterinnen. Die meisten in den alltäglichen Begegnungen, in denen ich oft auch an meine persönlichen Grenzen gebracht wurde. Sie haben mir geholfen, mich Stück für Stück aus Kleinherzigkeit und Selbstbetrug heraus zu bewegen. Zunehmend entwickelte ich die Fähigkeit, hinter die Schleier, hinter die üblichen Verstrickungen, hinter die Ängste zu gu-

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cken und in Fragmenten etwas Ganzes zu erkennen. Mit fortschreitender Lebenserfahrung wurde daraus mein jetziger Beruf. Meine neu gewonnenen Freiräume, durch das Flüggewerden meiner beiden Kinder stärkten mir den Rücken. So wie ich mitten aus dem Leben heraus meinem zweiten Beruf begegnet bin (sollte ich besser dritten Beruf sagen und die aktive Familienzeit mit einschließen?), bin ich in einem höchst lebendigen Moment meines Lebens zur Lyrikerin geworden. Die PoesieGeschichten wurden seitdem zum Ausdruck meiner Seele. Sie gestalteten sich immer mehr zu einer Betrachtungsform des Lebens und seiner Zusammenhänge. So sehr ich auch zu ausschweifendem Erzählen neige, so genieße ich es beim Schreiben, große Dinge in wenige Worte zu fassen. Drum herum reden mochte ich schon als Kind nicht, womit ich mir nicht nur Freunde gemacht habe. In meinem Beruf der Beraterin ist diese Neigung allerdings zu meinem Erfolgsrezept geworden. Spontanes Erkennen von Zusammenhängen und gewandt in der Fähigkeit grundlegende Bedürfnisse schnell zu erkennen, gelingt es mir, Ratsuchen schnell und effektiv, originäre Perspektiven zu eröffnen, Im komplexen Dschungel unserer heutigen Lebenswirklichkeit, ist oft umgehende Hilfe vonnöten. So haben sich jetzt in meinem Leben mehrere, unentwegt ineinander greifende Kreise geschlossen. Im Vertrauen in ihr kreatives Zusammenspiel eröffnen sich mir sogar immer wieder neue Perspektiven. Über scheinbar ehern verankerte Glaubensvorstellungen und politische Korrektheit hinaus. Für ein Leben ohne Grenzen, trotz all seiner Begrenztheit. Mit den allerbesten Grüßen Viktoria Hammon

Viktoria Hammon ist Autorin und führt eine Praxis für Kinesiologie & Mediation in KaarstBüttgen. Ihr Schwerpunkt liegt in der Beratung von Familien in beruflichen, persönlichen und gesundheitlichen Krisen. Privat ist sie mit Vorliebe Mutter und Großmutter. Ihr Lebensmotto lautet: Die Liebe zum Leben ist das Maß aller Dinge. Weitere Informationen unter: info@poesie-und-leben.de www.poesie-und-leben.de

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Weitere Titel von Viktoria Hammon LebensErwartungen Ein kleines, poetisches Lesebuch 2. überarbeitete, grafisch illustrierte Auflage ISBN 978-3-940629-08-1, 80 Seiten 16,90 € Leseprobe unter: http://www.libreka.de/9783940629081 Auch dieses kleine, poetische Lesebuch von Viktoria Hammon ist wieder ein Kaleidoskop, also ein „Schönbildseher“. Bestimmte LebensErwartungen hat jeder, es kommt nur darauf an, sie in ein schönes Licht zu setzen. Auch die Brüche im Leben lassen schöne Bilder erkennen, wenn man einmal den Blickwinkel ändert. Beim Lesen wird sich niemand mehr mit seinen inneren Machtkämpfen oder seiner Einsamkeit allein fühlen.

Tausche Angst gegen Liebe, Ein Essay für mehr Mut, sich der Liebe, dem Glück und anderen Menschen zuzuwenden Book ISBN 978-3-940629-09-8, 60 Seiten 17,90 € E-Book ISBN 978.3.940629-07-4, 60 Seiten 14,90 € Leseprobe unter: http://www.libreka.de/9783940629074 Was gibt uns Menschen soviel Kraft, auch Krisenzeiten gut zu überstehen? Was lässt auch in dunkelsten Stunden die Hoffnung nicht erlöschen? Was hält uns immer wieder am Leben? In Notzeiten wurde der Menschheit regelmäßig bewusst, wie überlebenswichtig Zusammengehörigkeit und zwischenmenschlichen Nähe ist. Die tiefe Sehnsucht danach, einander zu vertrauen und Geborgenheit zu schenken und zu erfahren, ist tief in uns verankert. Viktoria Hammon zeigt leichtgängige Wege auf, wie jeder seine Angst in Liebe verwandeln kann. Für mehr inneren Frieden.

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek. Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Kontakt und weitere Informationen info@poesie-und-leben.de www.poesie-und-leben.de – www.viktoriahammon.de

ISBN 978-3-940629-06-7 Copyright 2011 VHammonVerlag Büttgen Alle Rechte vorbehalten – Vervielfältigungen jeglicher Art sind nicht gestattet Entwurf und Gestaltung Viktoria Hammon Printed in Germany

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Eltern – Kinder – Schule Raus aus dem Dilemma  
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