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WIRTSCHAFT UND WISSENSCHAFT

Die Zukunft deutscher Ingenieurskunst Zur Neuakzentuierung von Studiengängen in einer globalisierten Welt

Ingenieurstudiengänge müssen sich zeitnah auf die permanent wechselnden Anforderungen und Herausforderungen einer globalisierten Welt ausrichten. Die ausschließliche Vermittlung von naturwissenschaftlichen und technischen Grundlagen und entsprechenden Technologien und Methoden reicht heute nicht mehr aus. Vielmehr sollte sich die Gestaltung der technischen Studiengänge den Problemen der Zukunft zuwenden und Absolventen zur ganzheitlichen Problemlösung befähigen.

Deutsche „Ingenieurskunst“ hat im letzten Jahr-

nische Studiengänge

hundert Weltruf erreicht. Erfinder wie Werner

eingeschrieben haben.

von Siemens, Felix Wankel, Gottlieb Daimler,

Diese Quote müsste in

Ferdinand Porsche, Carl Benz und viele andere

den nächsten Jahren

zeugen von der Fähigkeit, hochwertigste tech-

deutlich erhöht werden, um die demografischen

nische Produkte zu entwickeln, herzustellen

Folgen der abnehmenden Bevölkerung zu kom-

und erfolgreich zu vermarkten. Auch heute

pensieren.

noch genießen deutsche Produkte weltweit hohes Ansehen. Dies bestätigen die nach wie

Ursachen des Ingenieurmangels

vor sehr hohen Exportquoten insbesondere der Fahrzeugindustrie und des Maschinenbaus.

Eine weitere Ursache sind die immer noch hohen Abbrecherquoten von bis zu 40 Prozent in den

Trotz des internationalen Ansehens, der faszi-

klassischen Ingenieurstudiengängen Maschinen-

nierenden technischen Produkte deutscher

bau und Elektrotechnik, sodass die eigentlich

Unternehmen und sehr guter Berufsaussichten

ausreichende Anzahl von etwa 100.000 Studien-

haben wir einen Mangel an Ingenieuren. Die

anfängern nicht zu einer entsprechenden Anzahl

Zahl fehlender Ingenieure wird je nach Quelle

Absolventen führt. Eine dritte nicht zu unter-

zwischen 80.000 und 95.000 angegeben.

schätzende Ursache ist das sinkende Ansehen der Ingenieure innerhalb Deutschlands in der

Eine der Ursachen für den Ingenieurmangel ist

Öffentlichkeit, welches sich seit 1966 bis heute

die demografische Entwicklung. Der Anteil der

nahezu halbiert hat.

Studienanfänger an der gleichaltrigen Bevölkerung beträgt in diesem Jahr 39,3 Prozent. Dieser

Demgegenüber wird der Bedarf an Ingenieuren

Rekordwert entspricht 385.500 Studienanfän-

in Zukunft weiter ansteigen. Aufgrund des ho-

gern, von denen sich knapp 30 Prozent in tech-

hen Exportanteils sind Produkte aus Deutschland

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verstärkt dem globalen Markt ausgesetzt. Unter-

Natürlich lassen sich nicht alle Entwicklungen

nehmen sollten daher mit immer neuen Innova-

auslagern. Die Kernkompetenzen eines Unter-

tionen aufwarten, welche in immer kürzerer

nehmens können nur intern durch eigene hoch

Zeit entwickelt und hergestellt werden müssen.

qualifizierte Ingenieure weiterentwickelt werden.

Die demografische Entwicklung und der stei-

Aber auch bei der Entwicklung neuester Pro-

gende Bedarf an gut ausgebildeten technischen

dukte, Maschinen und Anlagen gibt es „Routine-

Fachkräften wird die Kluft zwischen benötigten

aufgaben“, die problemlos extern durchgeführt

und vorhandenen Ingenieuren weiter vergrößern.

werden können, oder weniger kritische Komponenten, die komplett von externen Dienstleistern

Da wir als Industrie- und Hochlohnland sehr stark

irgendwo auf der Welt konstruiert werden kön-

von technischen Innovationen und den daraus

nen. Dies gilt insbesondere für die Anpassung

entwickelten Produkten für den Weltmarkt leben,

von Produkten an die lokalen Märkte.

muss das Problem aber gelöst werden. Schaffen wir dies nicht, wird sich das recht schnell und

Kann der Bedarf an Ingenieurleistungen nicht

deutlich (negativ) auf unseren Lebensstandard

durch zusätzliche Ressourcen gedeckt werden,

auswirken. Ob die derzeitigen Aktionen von

gibt es als Alternative nur die Möglichkeit, die

Politik und Wirtschaft zur Erhöhung des Inte-

Produktivität der zur Verfügung stehenden

resses an technischen Disziplinen in Schulen und

Ingenieure zu steigern. CAD-Systeme haben

zur Erhöhung des Frauenanteils in Ingenieur-

das Zeichenbrett abgelöst und unterschiedliche

studiengängen daran viel ändern werden, muss

Simulationssysteme stehen für verschiedene

sich noch herausstellen. Kurzfristig können sie

Anwendungen zur Verfügung. Großes Potenzial

den Ingenieurmangel auf keinen Fall lösen.

steckt allerdings noch in der Automatisierung

Somit gilt es, andere Lösungen zu finden.

von Konstruktionsabläufen, wie der Variantenkonstruktion oder der automatischen Optimie-

70.000 Absolventen pro Semester in nur

rung von Konstruktionen sowie dem Datenaus-

einem indischen Bundesstaat

tausch verschiedener rechnergestützter Systeme. Weiter müssen die Bedienung der Systeme und

Der Autor mit einem selbst entwickelten Roboter.

Die fehlenden 95.000 Ingenieure klingen zu-

die Interaktion mit den digitalen Modellen

nächst fast unüberwindbar. Wenn man aller-

verbessert werden. Die angestrebte virtuelle

dings bedenkt, dass in Tamil Nadu – einem von

Produktentwicklung ermöglicht dann die voll-

28 Bundesstaaten Indiens – pro Semester

ständige Simulation der Systeme und Produkte,

70.000 Absolventen ingenieurwissenschaftlicher

bevor nur ein einziger Span fällt. Der Zeitauf-

Studiengänge die Hochschulen verlassen, scheint

wand und die Kosten für Prototypen reduzieren

es nur ein organisatorisches Problem zu sein,

sich zudem erheblich durch Verfahren des Rapid

diese Ressourcen für die Entwicklung und Her-

Prototyping, bei denen reale Modelle direkt aus

stellung von Produkten deutscher Unternehmen

den CAD-Daten generiert werden.

zu nutzen. Da diese Länder zudem ein überwältigendes Marktpotenzial für die unterschiedlichs-

Neues Ingenieurbild: vom Individualisten

ten Produkte darstellen, sollte die Nutzung der

zum globalen Teamplayer

technischen Fachkräfte dieser Länder ähnlich

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effizient möglich sein und politisch unterstützt

Dementsprechend wird sich das Berufsbild des

werden, wie es bereits bei der Nutzung interna-

Ingenieurs ändern. Er ist nicht mehr (nur) der

tional verteilter Produktionskapazitäten Alltag ist.

Tüftler im Labor, der eine perfekte Maschine im

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Alleingang entwickelt, sondern er wird zum

Neben den Studieninhalten müssen auch die

Koordinator und Manager von internationalen

Studienformen angepasst werden. Projektorien-

Entwicklungsprojekten mit hoher Fachkompetenz

tierte Ansätze, die von Beginn an die Anwen-

und zunehmend organisatorischen Fähigkeiten.

dung des Gelernten ermöglichen, vermitteln

Er muss die Gesamtaufgabe intelligent in Teil-

nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch soziale

aufgaben gliedern, die dann in räumlich (global)

Kompetenzen und organisatorische Fähigkeiten.

verteilten Gruppen bearbeitet werden. Neben

Berufsbegleitende Studienformen und Fernstu-

der Kooperation mit Experten anderer Disziplinen

diengänge eröffnen ebenfalls weitere Perspek-

wird zunehmend in internationalen Projektteams

tiven in der Ingenieuraus- und -weiterbildung.

gearbeitet. Dies erfordert Sprachkompetenz und das Verständnis für andere Kulturen. Der sichere

Wenn wir die internationalen Ressourcen in

Umgang mit rechnergestützten Systemen zur

Form fairer Kooperationen nutzen und unsere

Modellierung und Simulation digitaler Produkt-

technischen Studiengänge so anlegen, dass

modelle und die Weiterentwicklung der ent-

unsere Ingenieure die Herausforderungen der

sprechenden Informationstechnik unterstützen

Zukunft ganzheitlich bewältigen, so werden wir

die schnelle Realisierung.

auch künftig innovative Produkte erfolgreich am Weltmarkt platzieren können und unsere Inge-

Ingenieurstudiengänge müssen den beschriebe-

nieure – auch mit Bachelor- und Master-Ab-

nen Anforderungen Rechnung tragen. Es reicht

schlüssen – weiterhin hohe internationale Aner-

nicht mehr, sich nur auf die Vermittlung von

kennung genießen. Dabei spielt es eine unter-

naturwissenschaftlichen und technischen Grund-

geordnete Rolle, dass sich das Gütesiegel vom

lagen und entsprechender Technologien und

„made in Germany“ über das derzeitig prakti-

Methoden zu beschränken. Ein Ingenieurstudium

zierte „designed and engineered in Germany“

muss vielmehr die Absolventen befähigen, die

bis zum „invented in Germany“ wandelt.

Herausforderungen der Gesellschaft zu bewältigen. Die Gestaltung der technischen Studiengänge sollte sich den Problemen der Zukunft zuwenden und zur ganzheitlichen Problemlösung befähigen. Die einzelnen Technologien

Die älter werdende Gesellschaft erfordert eben-

sind dabei nur Mittel zum Zweck.

falls neue Entwicklungen in der Gesundheitsund Medizintechnik. Mechatronische Systeme,

Zukünftige Anforderungen

bei denen mechanische Konstruktionen geschickt mit elektrischen Antrieben, elektroni-

Fragestellungen der Zukunft sind der Energie-

schen Sensoren und Schaltungen kombiniert

bedarf, welcher möglichst durch regenerative

werden und deren Zusammenspiel durch Soft-

Energien gedeckt werden sollte, kurzfristig aber

ware gesteuert wird, führen dabei verstärkt zu

nur durch Energiesparen gelöst werden kann,

Innovationen. Die Informations- und Kommuni-

und die Umwelttechnik. Aufgrund der Globali-

kationstechnik wird sich weiter auf Maschinen

sierung und des dadurch entstehenden Wett-

und Produkte ausweiten, wodurch die Interaktion

bewerbs spielt in Deutschland weiterhin die

zwischen Mensch und den immer intelligenter

Automatisierungstechnik eine besondere Rolle.

erscheinenden Maschinen und Geräten an

Prof. Dr. Christoph Uhrhan ist seit Januar 2008 Professor für Maschinenbau an der AKAD Hochschule Stuttgart. Nach seinem Studium des Product Engineering an der Fachhochschule Furtwangen und des Maschinenbaus an der Ruhr-Universität Bochum hat Uhrhan an der renommierten ETH Zürich am Institut für Robotik promoviert. Als Dozent wirkte Uhrhan auch in Kolumbien und Malaysia. Der gebürtige Villinger ist Geschäftsführender Gesellschafter eines Ingenieurbüros für Entwicklung, Konstruktion und technische Software. Kontakt: christoph.uhrhan@akad.de

Bedeutung gewinnt. Die zunehmende Anzahl sogenannter interdisziplinärer Studiengänge bestätigt diese Entwicklung.

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