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Das Jubiläums­-­ magazin von Ludwig Beck

150 Jahre Kaufhaus der Sinne


EDITORIAL

Liebe Leser, liebe Freunde des Hauses!

W

So erzählt unter anderem Oberbürgermeister Christian Ude, welche Rolle Ludwig Beck in seiner politischen Karriere spielte (Seite 39). Der Autor Jan Weiler hat eine Nacht in unserem Kaufhaus verbracht und darüber eine Kurzgeschichte geschrieben (Seite 32). Und in einer großen Fotostrecke stellen wir Ihnen einige Münchner vor, die den Stil der Stadt prägen und leben (Seite 14).

Coverfoto: Stefan Heinrichs, Model: Antonia Trettel (Place Model Management), Kleid: Talbot Runhof, auf Anfrage in der Abendmode-Abteilung erhältlich

AS WÜRDE WOHL LUDWIG BECK SAGEN, wenn er

heute einen Spaziergang durch die Münchner Innenstadt machen würde? Wenn er vom Viktualienmarkt in Richtung Marienplatz ginge, im Slalom zwischen den Besuchern aus aller Welt hindurch, und schließlich am Rathauseck das Haus beträte, an dessen Fassade sein Name in großen, blauen Lettern leuchtet – genau 150 Jahre, nachdem er hier seinen kleinen Laden eröffnet hatte. Ludwig Beck würde wohl staunen und wäre auch ein wenig stolz auf das, was aus seiner Knopf- und Posamentierwerkstätte geworden ist. So, wie auch wir stolz sind, wenn man uns sagt: Münchens Zentrum? Das ist ohne das Kaufhaus der Sinne nicht denkbar. In 150 Jahren ist am Marienplatz eine Menge passiert. Aber bevor wir zurückblicken, möchten wir uns zunächst bedanken. Bei Ihnen! Ohne die Loyalität unserer Kunden und die Tatkraft und Kreativität der Mitarbeiter und Geschäftspartner wäre unser Haus nicht zu einer der traditionsreichsten und beliebtesten Adressen Münchens geworden. Stil in München hat ein Zuhause – bei Ludwig Beck. Und deshalb muss das 150. Jubiläum natürlich strahlen und stimmungsvoll sein. In diesem Magazin wollen wir zeigen, wie sich das Kaufhaus entwickelt hat und wofür Ludwig Beck heute steht: für Vielfalt, Freundlichkeit, Modernität, Einzigartigkeit. Und darüber hinaus ist das Magazin auch eine Liebeserklärung an unseren Standort – die Stadt München.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen. Ihr Christian Greiner und Dieter Münch

Christian Greiner (links) und Dieter Münch,Vorstand LUDWIG BECK am Rathauseck-Textilhaus Feldmeier AG

INHALT

LUDWIG BECK IN BILDERN Seite 4 – ESSAY: DIE STADT MIT CHARME Seite 12 – ECHTE ORIGINALE Seite 14 – JAN WEILERS NACHT IM KAUFHAUS DER SINNE Seite 32 – DIE GESCHICHTE DES HAUSES Seite 35 – DAS BESTE VON LUDWIG BECK Seite 51 – ESSAY: ZENTRUM DER STADT Seite 60 – IMPRESSUM Seite 61 – DIE JUBILÄUMSKAMPAGNE Seite 62 – DIE ZUKUNFT DES STILS Seite 66

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— Zwei Tage verbrachte unser Fotograf bei Ludwig beck. er porträtierte die kleinen Szenen, Geschichten und Kunstwerke, die im kauFhaus die sinne verzaubern

warenwunder Fotos: armin smaiLovic

Inneres und Äusseres

Begehbarer Kleiderschrank: Die Damenmoden-Abteilung von Ludwig Beck erstreckt sich über mehrere Etagen – klassisch-elegante Stücke, Pop-Zitate, Avantgarde-Experimente. Die Mädchen und Münchner Ladys flanieren, kombinieren, probieren an – und wenn sie gefunden haben, wonach sie suchten, prüfen sie noch an Ort und Stelle ihre Wirkung.

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konzentratIon und kopfsache

Der Marienplatz ist das Zentrum der Stadt. Doch hoch oben, im fünften Stock, gibt es einen Ort der Ruhe und Konzentration. Musikfreunde aus aller Welt versinken in Klassik, Jazz und Weltmusik. In diesem Stockwerk sind Hightech-Kopfhörer ein unverzichtbares Accessoire – Extravagantere Kopfbedeckungen gibt es im Erdgeschoss.

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Verschluss und Genuss

Mit Knöpfen fing Ludwig Beck im Jahr 1861 an, und doch ist das Angebot des Handarbeitsladen „Geknöpft & Zugenäht“ mehr als nur Traditionspflege. Das Geschäft soll mit Knöpfen und Garnen eine Heimat sein für Menschen, die das Handwerk und die schönen Dinge schätzen. Die Roben in der Abendmode-Abteilung könnte aber auch der talentierteste Schneider nicht an der heimischen Nähmaschine fertigen. Hier findet man die Stoffe für die glamourösen Momente des Lebens.

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schrIft und duft

Ludwig Beck ist ein Haus mit Geschichte. Auch in der Papeterie wird eine Tradition gepflegt – die des geschriebenen Wortes. Im digitalen Zeitalter sind handgeschriebene Briefe und Notizen vom alltäglichen Kommunikationsmittel zum Luxusgut geworden, mit dem man Stil beweist. Ein schöner Satz überdauert die Zeit. Etwas flüchtiger hingegen sind die Düfte in der Kosmetikabteilung „Hautnah“: Parfüms und Cremes, die die Sinne ansprechen.

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Als Traumbild einer Stadt leuchtete der Odeonsplatz in seiner mattgelben Farbe unserem Autor sofort ein.

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Roxy Munich — unser autor wuchs in einer staDt voller Büros, Brachen und Bausünden auf. Dann kam er nach münchen unD lernte Stil, Design und Nonchalance kennen. EinE liEbESERklÄRung

Von EckhaRt nickEl Illustration: Jean-PhiliPPe Delhomme

u

m ein grosses wort gelassen auszusprechen: münchen

leuchtete – mir ein. Von Anfang an. Das lag wiederum an einem wort, besser gesagt, einem schild, das im novembernebel heim leuchtete und gelbe strahlen in die nachmittagsdämmerung trieb, und auf diesem schild stand „tabacco“. in jener holzgetäfelten traditionsgaststätte am Promenadenplatz unterhielt ich mich gegen ende des 20. Jahrhunderts mit einem redakteur über meinen ersten Artikel für die „süddeutsche Zeitung“. Um Ästhetik sollte es gehen, genauer gesagt, um Buchumschläge und den gestalterischen Unfug, der mit diesen seit einiger Zeit getrieben wurde. Und was das nun genau für den inhalt, der sich hinter den schrillbunten Papierbögen verbarg, zu bedeuten hatte. Der ort für dieses gespräch über Form und sinn hätte nicht besser gewählt sein können: ein freundlicher Kellner erschien wohllivriert und mit perfekten manieren am tisch, um charmant die Bestellung aufzunehmen. Das streichholzbriefchen, das er später zum espresso auf einem Unterteller zündfertig aufgeklappt servierte, war in demselben grünton wie sein Jackett gehalten, und mir wurde zum ersten mal in meinem Leben klar, dass sich der gute stil einer stadt in den Aufenthaltsräumen des gastronomischen Alltags verrät. wie es sich dort verhält, was die Kleiderordnung anbelangt, bei gast und wirt, und der Umgangston, den man miteinander pflegt, daran lässt sich ablesen, was es mit einer Stadt auf sich hat. wie der Umschlag im idealfall die schönste Visitenkarte eines Buches sein kann, so ist die gaststätte ein Aushängeschild der stadt und dafür zuständig, dem gast etwas von Kultur und stil ihrer Bewohner zu erzählen. Und stil ist nichts anderes als Kultur, das muss man sich in Zeiten von allgegenwärtigen style-Blogs immer wieder in erinnerung rufen. Kultur in ihrer am feinsten ausgebildeten Form. Der stil einer stadt zeigt sich zum Beispiel darin, wie sie rein äußerlich

FassaDen, PromenaDen, ProPortionen – in schönen

Städten ist jeder Spaziergang eine Schulungsstunde in Sachen Stil EcKhart NicKEl

Der Schriftsteller lebte schon in Berlin, San Francisco und Kathmandu. Seine Zeit in München aber ist ihm die liebste. Egal, wo er ist, Nickel sehnt sich immer nach der „Märzbierdicktrunkenheit“ (so Thomas Mann) der Stadt an der Isar zurück.

mit ihrer Vergangenheit umgeht. Der odeonsplatz ist mir in seiner mattgelben italianita immer als traumbild einer städtischen Augenweide vorgekommen. Die selbstverständlichkeit, mit der man hier die tradition einfach stehen ließ und fast alles diesem nonchalanten Prinzip unterordnete, beeindruckte mich als gebürtigen Frankfurter sehr. Deswegen ist das sehensprinzip für mich ganz zentral bei der Auswahl meiner wahlheimaten: Fassaden schauen, Promenaden ablaufen und dabei gelungene Proportionen bestaunen. in schönen städten ist jeder spaziergang eine schulungsstunde in sachen gestaltung. Das lernte ich auch, als ich Jahre später nach münchen zog, um für „Architectural Digest“ zu arbeiten. Hier erfuhr ich die neue stadt so, wie man sie bei dem magazin idealiter verstand: als stilbildend. sei es eine Ausstellung von Juergen teller im stadtmuseum oder ein empfang bei nymphenburg, auf dem der industriedesigner Konstantin grcic seine neueste Kooperation mit der Porzellanmanufaktur vorstellte – immer ging es darum, wie sich die neugier des gestalterischen geistes auf dem Parkett der geschichte entwickeln konnte, und was dabei herauskam: Handwerk in wegweisender Form. münchen war gut zu mir, und es ging mir gut. Frühmorgens fuhr ich mit dem Fahrrad ins müller’sche Volksbad, um in dem noch leeren Jugendstilbecken meine Bahnen zu ziehen und dabei der perfekten Überschrift für einen Artikel nachzusinnen. mittags saß ich vor dem „roxy“ auf der Leopoldstraße, um mich für den rest des tages mit einem espresso zu stärken. Und dass meine textilreinigung „Klischee“ hieß, ist mehr als bezeichnend. münchen, das war zwar auch der überkandidelte Barock seiner goldbehängten Baby schimmerlos-existenzen, der viel beschworenen schickeria, aber mir kam das von Anfang an vor wie ein hängengebliebener Film in der endlosschleife. eine Paralleldimension, die zwar existierte, aber dank des unaufgeregten Kleidungsstils der menschen, die, genau wie beim Bauen, keine Berührungsängste mit der tradition hatten, weitgehend unsichtbar blieb, zum glück. mein münchen war geprägt vom einzigen ernstzunehmenden Helmut Lang-Laden der welt (im „Bayerischen Hof“). Der tabakauswahl bei „Pfeifen-Huber“. mode von Ayzit Bostan. Cappuccino in der „tagesbar“. Handschuhen von roeckl. sonntagnachmittag im Deutschen museum. Den durchtanzten nächten in der „registratur“. Prosa von Andreas neumeister. Dem gang mit den Hunden im englischen garten. musik von giorgio moroder. Den Antiquariaten in der Schellingstraße. „Mode und Verzweiflung“. Thomas Manns Bogenhausen. Dem „sZ-magazin“. stefan gabanyi. Den Alpen. Undundund. Die reihenfolge ist beliebig, die Aussage klar. Als tyler Brûlé von der Zeitschrift „monocle“ im Jahr 2010 münchen zur lebenswertesten stadt der welt kürte, zeichnete er nicht nur den angenehmsten Flughafen, den man sich denken kann, aus, er meinte auch: das motorenwerk des stils.

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Modell

Fotos: sTeFan heinrichs styling: eVelyn sand Mode: ludwig BecK, KauFhaus der sinne

trifft Originale der Stadt. designer, KÜnsTler, unTernehMer. Hier zeigen und verraten sie: Das ist der sTil des sÜdens

das


Milen, Kera und aMÉdÉe Till Künstler („Kill The Tills“)

„Kleidung ist zum Wohlfühlen da, nicht zum Angeben oder Auffallen. Der tollste Anzug der Welt wirkt nicht, wenn man ihn als Kostüm trägt.“ KerA Till Kleid und Cardigan: Max & Co, Blume: Ludwig Beck. Milen unD AMÉDÉe Till Anzüge: Joop!, Hemden: Strellson, Krawatten: René Lezard, Einstecktücher: Strellson, Kappe von Milen: privat

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(unten) sasKia diez Schmuckdesignerin, fotografiert in ihrem Atelier

„Für eine Ausstellung über Heimat habe ich mal an der isar Steine gesammelt und diese schleifen lassen. ich will die Schönheit der Dinge zeigen, die uns umgeben.“ Bluse: Tara Jarmon, Hose: Paul & Joe, Schuhe: privat, Schmuck: Saskia Diez

(links) MaThias „MunK“ Modica Musiker („Gomma“)

„Wir leben in der Stadt der barocken Anarchisten. Große individualisten in allen Belangen des lebens: Helmut Dietl , Oskar Panizza, Jonas imbery, Herbert Achternbusch, ludwig ii. oder der alte Fürst zu Thurn & Taxis.“ Hose: Levi’s, Hemd: Diesel, T-Shirt: Review, Sonnenbrille: Munk für Hyde, Kappe und Schuhe: privat

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innegriT VolKhardT Hotelière, fotografiert im „Bayerischen Hof“

„Stil ist für mich weniger eine Marke als eine Haltung, die sich durch das leben zieht – auch im umgang mit Menschen. es ist die Summe meiner erfahrungen und Vorlieben und deshalb etwas sehr Persönliches, das nie aufgesetzt sein sollte.“ Kostüm und Schmuck: privat

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BarT Van der heide Direktor des Kunstvereins

„Mein erster eindruck von München: eine unglaublich hohe Qualität der Kunstlandschaft, fantastische Sammlungen, Künstlerpartys, Ausstellungen und Privatinitiativen. einfach eine sehr aktive Stadt.“ Anzug und Hemd: Joop!, Krawatte: René Lezard, Brille: privat

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PaTricK Mohr Modedesigner

„München ist ein Ort, der das richtige Maß gefunden hat. Andere Städte auf der Welt überfluten mich förmlich mit ihrer Vielfalt und Geschwindigkeit. erst hier habe ich meinen Stil gefunden – und ein eigenes label gegründet. Clean und reduziert, so sind meine entwürfe, und so ist die Stadt.“ Brille, Schmuck und Hose: privat

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rudi Kull Hotelier und Gastronom (unter anderem „Brenner“, „Cortiina“), fotografiert im „Louis Hotel“

„Die Frage nach der passenden Kleidung ist jeden Tag ein Thema. ich bewege mich in vielen unterschiedlichen räumen und kann mir nie sicher sein: Passt es? ist es zu konservativ? Zu leger? in München ist Mode für mich immer eine spannende Herausforderung.“ Sakko: René Lezard, Hose: Ralph Lauren, Hemd: Joop!, Cardigan: Gran Sasso, Uhr: privat

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(unten) Florian sÜssMayr Maler, fotografiert im Werkstattkino in der Fraunhoferstraße

„natürlich bin ich ein Münchner Maler. ich lebe ja hier. Aber ich sehe mich nicht als Dokumentar der Stadt.“ Hemd und Jeans: privat

(links) BrigiTTe hoBMeier Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen

„Ich finde Mode super! Die wichtigste Unwichtigkeit der Welt. Aber um das Passende zu finden, braucht man Zeit. Die mir oft fehlt. Und, wenn ich ehrlich bin, manchmal auch der Mut.“ Kleid: Peuterey, Schuhe undArmreife: privat

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alBerT osTerMaier Lyriker, fotografiert im „Schumann’s“

PelZ du ziehst mir das fell über die ohren fauchte er sie an die narbe geöffnet der reißverschluss klemmte es ist aus sie schlug ihre zähne in sein schlüsselbein wo ist dein geheimnis es liegt auf der zunge die wolfshaut ein biss im rücken ein riss barthaare in den innenflächen der hand blaugeliebte lippen die abdrücke der heizrippen verstreuten worte und kippen mit gebrochenen filtern wie sie beide in der hitze zittern sein augenlid ihr angstwittern ich kann dich nicht riechen lass mich komm du kannst unter meinen mantel kriechen warum heulst du ohne tränen weil du sie erstickst blieb ihre antwort Kleidung: privat

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sarah BecK Schauspielerin

„ich ziehe mich gern schön an. Auf einen konkreten Stil habe ich mich aber noch nicht festgelegt. ich mag das Spiel mit verschiedenen richtungen.“ Bluse: Patrizia Pepe, Mantel: St. Emile, Blume: Ludwig Beck, Ring: privat

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(unten) ludwig dachs und Karl sTehno Rentner und ehemalige Kraftsportler, fotografiert auf dem Viktualienmarkt

„Wir kommen gerade aus dem „Hofbräuhaus“, wo wir alle zwei Wochen den König ludwigStammtisch haben. unser Stil ist bayerisch: lederhosen mit Messer drin, Gamsbart, lodenjacke. Wie in der alten Zeit. Wir haben auch Hosenträger mit einem aufgestickten Kini-Porträt im Schrank – aber grad heut nicht an.“ Tracht: privat

(links) Lisa-Maree CuLLuM Primaballerina am Bayerischen Staatsballett

„ich liebe klassische Mode – ich habe einen Champagnergeschmack, lebe aber, wie man in meiner Heimat Neuseeland sagt, ‚on a beer budget‘! Ludwig Beck hat mich schon viel Geld gekostet, aber das war es immer wert!“ Kleid: French Connection, Leggings: Patrizia Pepe, Body und Schuhe: privat

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Paul sahner Reporter-Legende bei der Zeitschrift „Bunte“

Schriftsteller wollte ich werden, am liebsten lyriker. Ich war um die elf und fing an zu reimen: ,Wenn ich bei der grünen Spinne/nächtelang um rache sinne/glaube ja nicht, dass ich spinne/denn ich habe nur im Sinne/dass ich bei der grünen Spinne/ nächtelang um rache sinne.‘ Das war völlig gaga, wurde aber dennoch 1973 in den Gedichtband ,unkenspiele‘ aufgenommen. 5 000 exemplare wurden gedruckt, Stückpreis fünf Mark, verkauft wurden gefühlte 37. Aber auch erst, nachdem die lektüre für 95 Pfennig auf dem Grabbeltisch gelandet war. Warum erzähle ich diese Geschichte? nun, weil dreimal das Wort „Sinne“ vorkommt, genauso oft wie „Spinne“. Während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Beck auch „Kaufhaus der Spinne“ heißen könnte. Du trittst rein, bist gefangen wie in einem Spinnengewebe, willst

entrinnen, wirst beraten, keine Chance. Zack auf die rolltreppe, immer das gleiche Bild: Fremde Menschen, beladen mit prallen Tüten, kommen dir von oben entgegen. Stolz wie Spinnen präsentieren sie ihre Beute. ich habe an diesem Tag nichts gefunden, meine Frau Martina eine Handtasche, zwei Kleider und Wäsche, die meine Sinne erregen wird. Spinne ich schon wieder? Kurz bevor ich am 6. März 2011 diese sinnlichen Zeilen gesponnen habe, hatte die goldige Biathletin Magdalena neuner in Chanty-Mansijsk in der Zehn-Kilometer-Verfolgung Silber gewonnen. Gold gab’s für Kaisa Mäkäräinen. So heißt man in Finnland. lena entschuldigte ihren zweiten Platz so: ,Da hätt i net mehr angreifen net köna.‘ Jede Silbe ein Schuss ins Schwarze. und ich? Bin völlig von Sinnen.

Hemd: Jacques Britt, Anzug und Schal: privat

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zehra sPindler Partyveranstalterin („Puerto Giesing“), fotografiert in der alten Kongresshalle

„ich lebe unabhängig von Trends und Strömungen, zeitlos, dezent, jedoch immer mit einem verspielten element oder schrägen Touch, den man erst auf den zweiten Blick erkennt.“ Catsuit: Max Mara, Blazer: René Lezard, Schmuck: privat

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(links) KonsTanTin grcic Industriedesigner

„Mode ist für mich genau wie Design ein evolutionärer Prozess, der sich ringförmig immer weiter verfeinert. An meiner Kleidung schätze ich das uniformartige. Da bin ich recht langweilig.“ Kleidung: privat

(oben) sandra ForsTer Gastronomin („Zappeforster“, „Roecklplatz“, „Charlie“)

„Wie mein persönlicher Stil aussieht, kann ich gar nicht genau sagen. Selbstgemachtes und Gefundenes spielen eine große rolle. Das gilt auch für meine Arbeit. Wenn ich ein neues restaurant eröffne, dann versuche ich, die alte Substanz zu erhalten und so zu ergänzen, dass etwas neues daraus entsteht.“ Top: Max & Co, Kette: privat

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Drei Uhr morgens am Rathauseck. Unser Autor hat eine Begegnung der ungewรถhnlichen Art.

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Die Nacht Der — ExklusivEs einkaufserlebnis: Beck-kunde und Bestsellerautor Jan WEilEr Erfüllt sich EinEn kindhEitstraum und vErBringt EinE nacht im kaufhaus dEr sinnE. Ein Bericht

OffeNeN tÜreN Illustration: JEan-PhiliPPE dElhommE

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ie Leute vom Kaufhaus Ludwig BecK am Rathaus­

eck haben mich gefragt, ob ich eine Nacht bei ihnen verbringen wolle. ganz allein im dunklen warenhaus. Natürlich ruft man sofort: „Jawoll!“ das liegt nicht nur an den wundervollen ideen, die einem dabei einfallen, sondern auch an Beck. wenn man in einem Kaufhaus übernachten will, dann in diesem. ich frage dennoch, ob es dort wohl spuke, und es wird mir beschieden, dass der ort natürlich beseelt sei von seiner tradition. diese begann 1861 damit, dass der Knopfmacher Ludwig Beck seine werkstätte eröffnete, bald zum Königlich Bayerischen Hoflieferanten von Ludwig II. aufstieg und expandierte. Mittlerweile soll der ur­Beck als guter geist des hauses nachts auf streife gehen, manchmal sitze er auch nur im Brotzeitraum der mitarbeiter herum und murmele: „Zefix, der Knopf passt net!“ mir wurde ein kleines Bett gerichtet, damit ich nicht auf dem Boden schlafen muss. es steht im Personal­shopping­Bereich, einer kleinen, schicken Lounge in der fünften etage, die man nicht einsehen kann. wenn jemand ungern beim einkaufen beobachtet werden möchte, kann er sich dorthin zurückziehen und bekommt alles gebracht, was man anziehen, durchblättern, anhören oder aufsprühen kann. diesen service nehmen übrigens durchaus nicht nur scheichs in anspruch, raunt man. in diesem nun meinem Separee befindet sich eine Maschine, in der man vakuumverpackte Kaffeepads per einwurf in einen sinisteren schlitz einem unsicht­ baren schicksal zuführen kann. es gibt zudem einen Kühlschrank, der vor allem Prosecco enthält und die aufforderung, mich hier zu

11 500 QuadratmEtEr sind zu er-

kunden – ich beginne ganz oben. huhu? haallo? ist wirklich niemand da? nEin, niEmand bedienen, wenn ich mag. ich könne ohnehin tun und lassen, was ich wolle, sagt andi, der Nachtportier. er käme garantiert nicht vorbei, es sei denn, ich riefe um hilfe. dafür gibt er mir ein telefon in die hand. er sei unten im erdgeschoss beim mitarbeitereingang. ich warte in meiner Lounge, bis die letzten mitarbeiter das haus verlassen haben. diese müssen andi etagenweise bestätigen, dass sich niemand mehr auf ihrem Stockwerk befindet, damit keiner – und

schon gar kein Kunde – eingeschlossen wird. Bis das Haus mit seinen fünf obergeschossen und dem Basement restlos verlassen ist, wird es fast halb zehn. dann gehen schlagartig die Lichter aus, und die Nacht beginnt. man hat mir an manchen stellen ein Notlicht gelassen, 30 Prozent der üblichen Beleuchtung, denn man möchte nicht schuld daran sein, wenn ich die Rolltreppen hinunterfalle. die sind natürlich abgeschaltet, genau wie die Klimaanlage, genau wie alles, was hier sonst geräusche verursacht. es ist wirklich unheimlich still, bis auf die seltsamen geräusche, die das haus selbst macht. Knack. hä? ist da jemand? irgendwo springt was an und geht wieder aus. etwas pfeift kurz, das haus knurrt wie ein müder alter hund, der sich in seinem Korb zurechtlegt. das haus lebt, riecht aber im gegensatz zu einem alten hund: nach gar nichts. die Luft ist so still und unbewegt wie die Kassen und Kleiderstangen und Rolltreppen des hauses. 11 500 Quadratmeter sind zu erkunden, und ich beginne ganz oben. ist wirklich niemand da? huhu? haallo? Nein, niemand. trotz­ dem schleiche ich, weil ich mich wie ein eindringling fühle. und weil ich niemanden erschrecken will, vor allen dingen nicht mich selbst. Noch nie hatte ich in einem geschäft die gelegenheit, in aller Ruhe so viele Platten zu hören, wie ich will, die cd­Player haben sie mir nämlich freundlicherweise angelassen. also los. ich nehme mir vor, 100 Platten zu testen. es ist ja niemand da, der mich daran hindern könnte. Keiner steht hinter mir und wartet, und Laden­ schluss droht auch nicht. Nicht ohne grund sind sie bei Beck stolz auf ihre fünfte etage und weisen darauf hin, dass hier ein Prozent des jährlichen welthandels mit Klassik­cds abgewickelt wird. man verfügt auch über eine alibimäßige Pop­abteilung, welcher eine riesige für Jazz und eine fast absurd große für weltmusik gegenüber­ stehen. Dort finden Fachleute wie Laien musikalische Feinkost aus der ukraine, aus dem Benin, afghanistan oder mauretanien. Bald jedes Land der erde verfügt über ein eigenes fach. und das führt zu folgender Überlegung: wenn ein akkordeon spielender tourist aus estland hierher kommt, kann er zuerst nachsehen, ob es sein Land bei Beck gibt (natürlich!) und dann eine cd des Bayern hans matheis erwerben, auf welcher zwölf stücke für die steirische harmonika zum vortrag kommen. das ist wohl weltweit einmalig, diese gelegenheit bietet sich einem esten nur hier. in münchen, bei Beck. Nach drei stunden emsigen hin­ und hertragens habe ich einen stapel Platten ausgewählt, die ich anderntags bezahlen will. Zwischen­ durch höre ich außer musik immer mal wieder geräusche. Jedes

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nach EinigEn stundEn Bin

ich locker und laufe gleich

in untErWäschE iN Die anzugaBtEilung ich begebe mich in den Brotzeitraum, wo die mitarbeiter Pause machen und feiern. unter der decke hängt zu diesem Behufe sogar eine discokugel, die aber nicht oft in gebrauch genommen wird, wie mir andi erklärt hat. gelegenheit dazu gäbe es häufiger. Die Abteilungen stehen in einem ständigen sport­ lichen wettbewerb, was die Übererfüllung des Beck’schen Plansolls angeht. im holzgetäfelten Brotzeitraum hängt eine tafel, auf welcher vermerkt ist, welche abteilung in diesem monat als erste das Rennen in dieser disziplin machen könnte. die „abendgarderobe“ liegt vorn. für sie ist jetzt saison, sie kann mit ihren Zahlen glänzen. eher abgeschlagen im umfeld die „Bademode“. aber das macht nichts. es wird auch wieder mai, und dann setzt sie sich mühelos an die spitze. es ist halb zwei, und ich stromere ziellos über die verkaufs­ flächen. Wenn man sämtliche Wege absolviert, kommt man auf einige Kilometer, und ich versuche, überall einmal entlangzuge­ hen. eine gewisse Beklommenheit will dabei nicht weichen. andi hatte es mir prophezeit: „so ganz geheuer ist einem in der Nacht auch nach Jahren nicht.“ das liegt an einem schockierenden effekt: Leuchtet man mit der taschenlampe versehentlich aus einer gewissen entfernung in einen spiegel, bleibt einem sofort das herz stehen. man bekommt unwillkürlich das gefühl, ein anderer leuchte einem entgegen.

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ass immeR ich selbst dieser jemand bin, macht

es nicht besser. ich setze mich auf eine stufe und horche wieder und denke über die angst nach, die einen in diesem eigentlich vertrauten Raum umgibt. und dann wird mir langsam klar, was hier unheimlich ist. in der wüste werden wir uns über stille kaum wundern. in obertauern wird uns die anwesenheit von bunten skianoraks nicht verblüffen, in einem wohnzimmer das auftauchen dessen Bewohners nicht unbedingt in schrecken versetzen. und in einem Kaufhaus, noch dazu in einem beliebten Kaufhaus? darin ist jede vorstellung mit menschen verknüpft, die umherlaufen, stehen bleiben, Kleider anprobieren oder in tüten versenken. Kaufhäuser sind alles mögliche, nur eines nicht: menschenleer. das ist tatsächlich unheimlich. man fühlt sich wie der letzte mensch auf der welt. dann probiere ich Jeans an. Zuerst gehe ich noch mit einem großen stapel in die umkleidekabine, aber dann wird mir klar, dass ich mich ebenso gut mitten vor dem Regal ausziehen kann. mach ich dann. es folgt der letzte Plan: im untergeschoss nach einem anzug zu gucken. sie haben dort ganz schöne dinger hängen. inzwischen bin ich locker und laufe gleich in unterwä­ sche in den Keller. dort probiere ich mehrere modelle an, aber es ist zu dunkel für valide Kaufentscheidungen. also renne ich auf der suche nach Lichtquellen im anzug durchs Kaufhaus. da sehe ich, dass etwas Licht am haupteingang hereinfällt. ich gehe mit dem anzug am Leib zur großen glastür am marienplatz und halte den Ärmel umständlich ins Licht. als ich aufschaue, sieht mich eine mittelalte frau von außen an. was macht die denn hier, um viertel vor drei? die Passantin glotzt, ich glotze und versuche ein Lächeln. sie ist vollkommen unaufgeregt, sieht noch einen moment zu mir hinein und geht dann langsam weiter. gegen drei lege ich mich hin. Plötzlich sitzt Ludwig Beck auf meiner Bettkante. er raucht Pfeife. „he“, sage ich, „sie dürfen hier nicht rauchen.“ „das ist mir wurscht“, sagt Beck. und dass der einzelhandel ihm am herzen liege, besonders die Knöpfe und Posamenten. er bläst Rauchkringel durch das separee und fragt, was draußen so los sei. „erdgeschichtlich passiert gerade eine menge“, beginne ich, aber er unterbricht mich. ob die Leute noch hosen und hemden trügen. ob sie noch seife benützten. „sicher“, sage ich. da brummt er zufrieden und klopft die Pfeife auf meinem Notizbuch aus. gegen sechs uhr gehen plötzlich sämtliche Lichter an. die Reinigungskräfte wecken mich und das haus. es wird nun herausgeputzt. so ein Kaufhaus ist auch theater oder wenig­ stens varieté mit einem Bühnenbild, mit darstellern und einem ständig sich wiederholenden Programm. ich bringe andi die taschenlampe zurück und verlasse Ludwig Beck am Rathauseck durch den seiteneingang. Bin doch nicht der letzte mensch auf der welt. JAN WEILER

Der Bestsellerautor wurde 1967 in Düsseldorf geboren – lebt aber schon seit vielen Jahren in Bayern. Als Schriftsteller wurde er mit seinen Büchern „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Mein Leben als Mensch“ bekannt.

Ludwig Beck dankt Boehmler im Tal für das Bett

mal reiße ich mir die Kopfhörer von den ohren und schrecke hoch wie ein alertes erdmännchen. es ist aber nur das haus. Knick, knack, pfeif, ächz. weit nach mitternacht fällt mir ein, dass ich erstens eine neue hose brauche und zweitens im ganzen haus mal nach dem Rechten sehen müsste. mal gucken, was bei agent Provocateur im erdgeschoss los ist. die haben so tolle Puppen da. das tagsüber ironisch­frivole ambiente der abteilung wirkt in der nächtlichen düsternis aber dann regelrecht gefährlich. das gilt besonders für die stummen damen. ich setze mich zwischen sie und warte ab, ob etwas Erotisches geschieht. Passiert aber nix. also schlendere ich durch die Kosmetikabteilung. es stehen hier millionen stifte, cremes, fläschchen und tiegel herum, manche zinnsoldatisch in verkaufsdisplays, viele in den Regalen, auf tischen, unter glas, in vitrinen. ist es möglich, sämtliche düfte hier und jetzt zu vermischen, Beck in einen nächtlich duftenden garten zu verwandeln? ich versuche es und drücke alle tester, die ich finden kann. Dann bekomme ich Appetit, Lust auf einen Kaufhaussnack. also rauf zu „wieners“, zum café. ich stehe vor einem großen glas und denke darüber nach, ob ich ihm einen kleinen guglhupf entnehmen soll. mach doch, ruft es in mir drin. merkt keiner. ein guglhupf mehr oder weniger. und außerdem: wer soll dich erwischen? so gesehen könnte ich natürlich gleich noch zwei anzüge, einen haufen hemden und cds mitgehen lassen. aber dann lasse ich den guglhupf im glas. warum sollte ich etwas stehlen? Nur weil ich es kann? das ist armselig.

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— in 150 Jahren ludWig BecK

Quelle: Ludwig Beck Archiv

ist eine Menge passiert: Menschen, Bilder, Geschichten, Zahlen und Kunden, an die Wir uns gern erinnern LuDWig bEcK (1832 – 1885)

ein Handwerksmeister, spezialisiert auf edle Knöpfe. Er macht gute Arbeit, hat Erfolg, wird Hofposamentier – und legt den Grundstein für ein Kaufhaus, das immer mehr wollte, als nur Produkte zu verkaufen.

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Mit herZ und vorstand

— die führungskräfte von ludWig BecK arbeiten

Foto: Stephanie Füssenich

am Kaufhaus der Zukunft

Die Abteilungsleiter von Ludwig Beck und die beiden Vorstände chriStian grEinEr (zweite Reihe, fünfter von links) und DiEtEr MÜnch (zweite Reihe, fünfter von rechts) im Frühjahr 2011

geschäftsführer und Vorstände — seit 1938 lenKten diese MÄnner die geschicke des hauses. iM Wandel der Zeiten verfolgten sie alle ein PrograMM: Qualität setzt

sich durch. Damit schufen sie ein Kaufhaus, das zu München passt wie kein anderes

Gustl Feldmeier

Gebrüder Feldmeier

Hermann Rückl

Klaus Meier

Max Schmittner

Rainer Unkel

Dieter Münch

Oliver Haller

Christian Greiner

1938 – 1970

1970 – 1982

1970 – 1996

1982 – 1999

1982 – 1996

1997 – 2006

seit 1998

2007 – 2010

seit 2011

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gustl feldMeier

— vier WeggefÄhrten erinnern sich an die tugenden des Mannes, der Beck groß machte

groSSzÜgigKEit

LEbEnSfrEuDE

prÄziSion

KrEatiVitÄt

Axel Rüttinger

Hermann Rückl ( ),

Anna Dillinger

Josef M. Redl

„Maxl, der graue Riesenschnauzer von Gustl Feldmeier, biss ja besonders gern Leute, die zum Chef ins Büro kamen. 1967, ich hatte gerade meine Lehre angefangen, erwischte es mich auch: Ich öffnete die Tür zu Feldmeiers Büro und schon sprang mich der Maxl an und biss mir in die Wade. ,Maxl, du Sauvieh! Geh weg!‘, brüllte der Chef. Dass meine Hose kaputt gebissen war, merkte ich erst später, als ich das Büro wieder verlassen hatte. Ich erzählte es meinem Abteilungsleiter und der schickte mich dann wieder hinauf zu Feldmeier. Diesmal war Maxl zum Glück brav. ,Warum hast du denn nicht gleich was gesagt?‘, fragte mich der Chef – und drückte mir dann tatsächlich 100 Mark in die Hand. Das war für mich damals ein Monatsgehalt!“

„Wenige Tage, bevor der Chef starb, rief er mich hinauf in seine Wohnung im Ludwig Beck-Haus am Marienplatz. ‚Sag amal‘, sagte er, damit fing er immer an, wenn er etwas ganz genau wissen wollte, das war halb Hochdeutsch und halb Dialekt. ‚Gibt es ein Haus in München, in dem so viel gefeiert, aber auch so viel gearbeitet wird wie bei uns?‘ Ich sagte: ‚Du, das kann ich dir nicht sicher sagen, weil ich die anderen Häuser nicht so gut kenne. Aber ich glaube nicht.‘ Er sah mich an und meinte nur: ‚Des wollt’ ich bloß wissen, kannst schon wieder gehen.‘“

„Es war 1960, ich war erst ein paar Wochen im Haus und half gerade am Packtisch, als das Telefon klingelte. Ich hob ab und ein Herr sagte: ‚11.00 Uhr.‘ Ich antwortete ‚Vielen Dank!‘, legte auf und sagte zu meiner Kollegin: ‚Das ist aber nett, dass man hier die Uhrzeit gesagt bekommt.‘ Die Kollegin wurde ganz blass – und da klingelte schon wieder das Telefon. Sie nahm ab und Gustl Feldmeier war dran: ‚Welcher Quadratdotsch’n war da am Telefon? Sie soll gefälligst ihre schafledernen Augendeckel aufmachen!‘ Das war meine erste Begegnung mit dem Chef. Wäre ich vorher informiert worden, hätte ich gewusst, dass er stündlich wissen wollte, wie viel Geld in der Kasse war.“

„In Mannheim kannte Gustl Feldmeier einen Tuchfabrikanten. Als er 1950 mal wieder dort war, erklärte ihm der Fabrikant, dass er noch massenhaft Material in den Farben der Reichskriegsflagge auf Lager hatte. Die Nachfrage war natürlich relativ gering. Feldmeier ließ sich die Bänder zeigen, handelte einen sehr günstigen Preis aus und sagte: ,Ich nehm alles!‘ Jetzt spinnt er völlig, dachte der Fabrikant wahrscheinlich, und willigte ein. Doch er hatte Feldmeier unterschätzt: Zu Hause in München ließ der die Bänder nämlich so trennen, dass daraus einzelne Dekobänder in den Farben Schwarz, Weiß und Rot entstanden. Und die wurden ein Riesenverkaufserfolg! Auch eine Form der Vergangenheitsbewältigung.“

Quelle: Ludwig Beck Archiv

Warenteam

Ehemaliger Geschäftsführer

Ehemalige Abteilungsleiterin

Ehemaliger Projektleiter

guStL fELDMEiEr (1900 – 1970)

war von 1938 bis 1970 Geschäftsführer und persönlich haftender Gesellschafter von Ludwig Beck. Mit seiner zupackenden, geselligen und weltoffenen Art prägte er das Haus wie kein zweiter.

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CAROLINE REIBER F

RAU REIBER , Sie waren Ende der 60er-

Wegen des Pullovers? Genau. Alle wollten wissen, wo ich das Stück gekauft hatte. Und wir haben das den Anrufern auch mitgeteilt. Das war keine Reklame sondern eine Information. Ein paar Tage später rief mich dann Gustl Feldmeier junior an und sagte: ‚Der Häkelpulli ist ausverkauft!‘ Wie liefen denn Fotoaufnahmen in den 60er-Jahren bei Ihnen genau ab? Ach, das war ganz anders als heute. Es gab keine Friseure, Stylisten oder Maskenbildner. Wir mussten alles selbst machen, haben das Make-up selbst aufgetragen und Schuhe und Schmuck mitgebracht. Es war wunderbar. Ich kam immer mit einem großen Koffer zur Arbeit. Die Aufnahmen für Beck habe ich sehr genossen – ob im Studio oder im Englischen Garten. Wir hatten viel Spaß. Was bedeutet Ludwig Beck heute für Sie? Ludwig Beck am Rathauseck gehört zu München wie der Alte Peter. Ich bedaure es sehr, dass in den vergangenen Jahren so viele Traditionsgeschäfte schließen mussten. Zum Glück ist Ludwig Beck noch da, wo man – neben Mode – auch Knöpfe kaufen kann. Schauen sie auch heute noch hin und wieder bei Beck vorbei? Ja, freilich. Ich glaube, es gibt keinen Münchner, der noch nie in seinem Leben bei Ludwig Beck war.

Jahre eines der ersten Fotomodels für Ludwig Beck. Wie kam es dazu? Die Anfrage kam 1968 von Gustl Feldmeier junior, einem der Söhne des damaligen Geschäftsführers. Er hatte mich in einer Fernsehsendung gesehen. Sie arbeiteten damals schon als TVAnsagerin . Ja, und das Modeln lief nebenher. Ich verdiente mir was dazu. Meine Kolleginnen vom Fernsehen haben das alle gemacht. Und da sagten Sie auf der Stelle zu? Aber natürlich. Ich war schon als Kind mit meiner Großmutter in dem Warenhaus einkaufen. Und die Kleidung von Beck habe ich immer gern getragen. Einmal gab es deswegen sogar ein wenig Aufruhr. Ich hatte in einer Sendung im Bayerischen

„Die Kleidung von BECK habe ich immer gern getragen. Einmal gab es deswegen ein bisschen Aufruhr“ Rundfunk einen schicken Häkelpullover an, den ich dort gekauft hatte. Nach meinem Auftritt standen die Telefone in der Sendeleitung nicht mehr still.

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PABLO UND LUDWIG

— ZUM 125-JÄHRIGEN JUBILÄUM

bedachte Beck die Stadt München mit einem ganz besonderen Geschenk

IR WOLLEN DEN MÜNCHNERN etwas ganz Besonderes bieten. Darüber war sich das gute Dutzend Beck-Mitarbeiter einig, das 1986 nach Ideen für das 125-jährige Jubiläum des Kaufhauses suchte. Den rettenden Einfall hatte dann der österreichische Künstler André Heller, den man als Berater verpflichtet hatte. Heller war kurz zuvor bei einem Antiquitätenhändler in Wien

auf einen Theatervorhang gestoßen, den Pablo Picasso 1960 für das Ballett „L’Après-midi d’un faune“ entworfen hatte. Wäre es nicht ein schönes Geschenk für die Stadt, den 50 Quadratmeter großen Vorhang mitten in München auszustellen, dachte man sich. Beck erwarb das textile Meisterwerk und beauftragte den Architekten Hans Hollein damit, einen speziellen Schutzrahmen zu bauen. Dann enthüllte man den Vorhang am 30. April 1986 an der dem Marienplatz zugewandten Fassade des Kaufhauses – pünktlich zum Jubiläum. Fünf Monate lang hatten die Münchner also einen echten Picasso in ihrem urbanen Wohnzimmer hängen. Welche andere Stadt kann das schon von sich behaupten?

Die Bürgermeistermacher — Eigentlich hatte CHRISTIAN UDE schon genug von der Politik. Dann veränderte die Verleihung des Preises DIE LÖWENPFOTE von Ludwig Beck sein Leben – und das der Stadt

Fotos: Ludwig Beck Archiv/BWA

„SEIT MEHR ALS 15 JAHREN bin ich als Oberbürgermeister ein

direkter Nachbar von Ludwig Beck und ich kann sagen: Es ist eine schöne Nachbarschaft. Nicht nur, weil das Kaufhaus häufig Retter in der Not für mich ist, wenn ich mal wieder im letzten Augenblick auf der Suche nach einem passenden Geschenk bin. Nein, Ludwig Beck hat sogar einen Teil dazu beigetragen, dass ich überhaupt ins Rathaus eingezogen bin. Mitte der 80er-Jahre hatte ich, nachdem ich einige politische Rückschläge verkraften musste, die Nase voll von der Politik. Ich dachte mir: Ich habe eine florierende Rechtsanwaltskanzlei, dabei will ich es belassen. 1988 erfuhr ich dann aber, dass ich den von Ludwig Beck

gestifteten Preis ,Die Löwenpfote‘ bekommen sollte, für meine Arbeit im Mieterschutz und den Kampf gegen AltbauSpekulanten und Mieter vertreiber. Ich freute mich damals sehr über den Preis. Zumal man bei Beck die Idee hatte, die Preisverleihung mit einer Mieterversammlung zu verknüpfen. Plötzlich wurden Rufe

„Das Kaufhaus LUDWIG BECK trägt Verantwortung dafür, dass ich Oberbürgermeister bin“ laut: ,Ude soll Bürgermeister werden.‘ Zum 150-jährigen Jubiläum wünsche ich Ludwig Beck, dass sich das Haus an seinem zentralen Standort behaupten kann. Es war ein Schock für mich, als die ,Süddeutsche Zeitung‘ aus der Innenstadt verschwand. Ich wünsche mir, dass Ludwig Beck mir das nicht auch antut – es gibt Traditionen, die man pflegen sollte.“

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1892 – Eine Strassenbahn gibt es in München noch nicht. Der erste Teil des Rathauses steht aber bereits. 1946 – Nach dem Krieg klafft ein Loch in Münchens Mitte. Der Marienplatz ist schon frei von Trümmern. 1951 – Wiederaufbau: Beck prägt das Gesicht der Stadt während der Wirtschaftswunderjahre.

1892

1946

1961 1961 – zum hundertsten Geburtstag erstrahlt das

Kaufhaus in neuem Glanz und beschenkt die Kunden mit Jubiläumsangeboten. 1982 – Eine Aufnahme in cinemascope, aufgenommen kurz nach der Gründung der Ludwig Beck GmbH. 2011 – Verkehrsberuhigte Zone zum Flanieren: das Kaufhaus der Sinne im Hier und Jetzt.

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München Mitte

— Das Kaufhaus der Sinne gehört zur Stadt wie der Viktualienmarkt oder das Rathaus, an dessen Eck der Beck bekanntlich liegt. Impressionen aus drei Jahrhunderten

Fotos: Ludwig Beck Archiv/BWA

2011

1982 41

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David Hamilton — Der britische starfotograf

begann seine Karriere im Kaufhaus der Sinne

Fotos: David Hamilton für Ludwig Beck

Hawaii, Karibik und Paris – für den Modekatalog von Ludwig Beck flog der Fotograf um die ganze Welt

IN ZUFALL FÜHRTE ZUR Zusammenarbeit zwischen Ludwig Beck und David Hamilton. Toni Feldmeier, einer der drei Söhne von Gustl Feldmeier, traf Ende der 60er-Jahre beim Schwimmen im Prinzregentenbad eine Bekannte, die ihm einen jungen Briten vorstellte: David Hamilton. Der Fotograf war damals noch unbekannt. „Aber als er mir dann am Nachmittag ein paar seiner Arbeiten zeigte, buchte ich ihn sofort“, erinnert sich Feldmeier. In den 60er- und 70er-Jahren fotografierte Hamilton – der später zu einem der einflussreichsten Kunst- und Modefotografen der Welt werden sollte – für mehrere Bademoden- und Unterwäschekataloge von Ludwig Beck. Die Models setzte er auf Hawaii, in der Karibik und in Paris in Szene. Den träumerisch-nebligen Weichzeichnereffekt, für den Hamilton berühmt ist, erzeugte er ohne Computersoftware und Spezialeffekte. „Er hauchte einfach auf die Linse“, erinnert sich Feldmeier, der Hamilton häufig bei Shoots begleitete, „oder er schmierte Vaseline drauf.“

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Prozente, tonnen, Kilometer — Wie viele dirndl Wurden 2010 verKauft? Wie viele cds von den drei tenören? Wie hoch ist die Frauenquote, und wie viele Kundenfragen gibt es in der vorweihnachtszeit? ludWig BecK in Zahlen

3 100

76 fragen beantworten die Damen am infostand im Erdgeschoss an einem durchschnittlichen tag im Dezember. Das entspricht etwa einer Kundenanfrage alle 30 Sekunden.

350 Kilometer lang ist die Wanderung, die der Künstler Stefan Winter unternommen hat, um akustische Eindrücke für sein Klangobjekt „Die Wanderung – In Gedanken an Alma Rosé“ zu sammeln. Es ist zum 150-jährigen Jubiläum von Ludwig Beck vom 11. April an im Kaufhaus der Sinne zu sehen und zu hören. „Die Besucher erwartet eine Installation aus Röhren, die das Rolltreppenhaus vom fünften Stock bis ins Erdgeschoss durchzieht“, sagt Winter über sein Werk. „Die Röhren münden in Schalltrichtern, die aussehen wie ein Teil von einem Grammofon. In jedem Stockwerk befindet sich so eine Schall-Schnittstelle und verströmt akustische Signale – Straßenlärm, Atemzüge, Schritte, klirrende Gläser, Gesprächsfetzen, Kinder in Gassen, Rauschen, Stille.“ Winter hat die Töne auf einer zehntägigen Wanderung durch Europa aufgelesen. „Akustische Polaroids“ nennt der Künstler diese Fundstücke und meint: „Ich will die Besucher ermuntern, die Ohren zu öffnen und zu lauschen, als würden sie an einem Fenster vorbeigehen, aus dem Geräusche dringen.“ Vom Einkaufsbummel im Kaufhaus der Sinne nimmt man in der Jubiläumszeit also nicht nur Hemden und bunte Tücher mit, sondern auch Geräusche, Gefühle und Gedanken.

prozent aller beck-Mitarbeiter sind im Verkauf und im Servicebereich tätig. Der rest arbeitet hinter den Kulissen.

Dirndl, genäht aus rund 13 000 Metern Stoff, wurden 2010 bei Beck gekauft. Im Jahr 2005 waren es noch 1 400 Stück. Der Trend geht bei den Käuferinnen ganz klar zum Dritt- und Viertdirndl.

1

55

VoLL bELaDEnE LKWS LiEfErn JEDEn Monat DiE WarE fÜr DaS StaMMhauS aM MariEnpLatz.

tonne pakete bewegt jeder Mitarbeiter in der Warenannahme des Stammhauses am Marienplatz an einem normalen tag in der Vorweihnachtszeit.

prozent aller Klassiktonträger, die in Deutschland verkauft werden, gehen in der Musikabteilung von Ludwig beck über die theke.

20 0 00 cDS Von „carrEraS, DoMingo, paVarotti IN CONCERT“ WurDEn biSLang bEi bEcK VErKauft – DEr hauSintErnE bEStSELLEr.

559 kleine Konzerte und Signierstunden finden durchschnittlich jedes Jahr in der Musikabteilung von Ludwig Beck statt. Der Steinway-Flügel, der dort für einige der Konzerte verwendet wird, wurde von Modezar Karl Lagerfeld entworfen.

MitarbEitEr hat bEcK iM JubiLÄuMSJahr 2011. 85 prozEnt DaVon SinD frauEn.

Sprachen sprechen die Mitarbeiter von Ludwig Beck. Deshalb können sie nicht nur Kunden aus fast allen Ländern Europas beraten, sondern auch aus den USA, China, Russland und dem Nahen Osten.

143 960

Knöpfe wurden im Jahr 2010 in der Ludwig beck-filiale „geknöpft & zugenäht“ verkauft. Würde man alle aneinanderlegen, ergäbe das eine Knopfreihe von etwa 1,5 Kilometern Länge.

verschiedene nationalitäten gibt es in der beck-belegschaft. fast eine uno-Vollversammlung.

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— angefangen hat alles Mit ehrlicheM handWerK – heute ist Ludwig 1861

1901

aM 1. Mai eröffnet der damals 29-jährige Knopfmacher und Posamentenmeister Ludwig Beck auf dem väterlichen Anwesen in der Landschaftsgasse 1 eine Werkstätte und in der Dienergasse 13 einen Laden. Das Team umfasst vier Gesellen, zwei Verkäuferinnen und zwei Lehrlinge.

Katharina bEcK stirbt

1874

uM DiE gESchÄftSrÄuME zu vergrößern, kauft Beck die Gebäude in der Dienergasse 23 und der Burggasse 2 – diese Grundstücke bilden auch heute noch den Kernbereich des Kaufhauses. 1876

groSSE EhrE: Die gold-

und Silberposamenterien, die in den beck-Werkstätten gefertigt werden, begeistern einen ganz besonderen Kunden. König Ludwig ii. lässt die Königsschlösser Linderhof, neuschwanstein und herrenchiemsee mit den Schmuckstücken dekorieren – die echten posamenten aus echtem gold zieren auch den prunkschlitten. König Ludwig ii. verleiht Ludwig beck den titel „Königlich bayerischer Hofposamentier“.

1921

60 JahrE nach der Gründung des Unternehmens arbeiten 61 Menschen bei Ludwig Beck. 1932

nach DEM toD von

Christian Beck führt dessen Witwe Franziska Beck die Firma weiter. 1938

franziSKa bEcK verkauft

„Ludwig Beck Posamentier“ an den 38-jährigen Textilkaufmann Gustl Feldmeier. Seine erste Handlung: Er tauft das Unternehmen, das mittlerweile 138 Angestellte hat, um in Ludwig Beck am Rathauseck. 1945

DaS gESchÄftShauS in der Dienerstraße 23 und Burgstraße 2 wird bei einem Luftangriff in der Nacht des 7. Januar völlig zerstört. 1948

zuSaMMEnSchLuSS: Die Firmen Ludwig Beck am Rathauseck und das Textilhaus Feldmeier und Sohn fusionieren. 1951

iM aLtEr von 53 Jahren

DaS fÜnfStÖcKigE

stirbt Ludwig Beck. Die Geschäfte leitet nun seine Witwe Katharina Beck, unterstützt von den Söhnen Franz-Xaver und Christian Beck. 1892

DiE firMa Ludwig Beck erobert die Welt. Bei der Weltausstellung in Chicago wird das Kunsthandwerk aus Bayern ausgezeichnet.

Folgejahren wird das Haus endgültig zu einer Münchner Institution.

Ludwig Beck am Rathauseck ist heute die erste Adresse für internationale Mode in München. Bekannt wurde die Firma Ende des 19. Jahrhunderts zunächst mit Knöpfen, Posamenten und Kurzwaren. Und weil man Traditionen bei Beck gern pflegt, schenkt man diesen Produkten noch heute besonderes Augenmerk. Die eigene PosamentenWerkstätte wurde zwar 1938 geschlossen, und das Warensortiment verlagerte sich in Richtung Mode. Trotzdem bietet Beck eine Auswahl an Knöpfen und Kurzwaren, die in München ihresgleichen sucht. Im Sommer 2001 wurde die Beck-Filiale „Geknöpft & Zugenäht“ in der Burgstraße 7 eröffnet. Der Laden ist ein Paradies für jeden Menschen, der gern strickt, näht oder sich handwerklich betätigt. Vor allem aber ist „Geknöpft & Zugenäht“ ein Ort, an dem ein Stück Tradition in zeitgemäßer Form fortlebt. Denn wenn sich heute die Münchnerinnen zum StrickTreffen zusammenfinden, das jeden Samstag von 11 bis 16 Uhr in den Verkaufsräumen stattfindet, fühlt sich der Besucher fast zurückversetzt in die kleine Werkstätte des Ludwig Beck: Eine Gruppe von geschickten Menschen sitzt zusammen und produziert kleine Kunstwerke aus Stoff, Garn und Wolle.

1954

und garnen

im Alter von 63 Jahren. Ihre beiden Söhne übernehmen die Firma.

1885

Von KnÖpfEn

Geschäftshaus in der Dienerstraße und Burgstraße wird feierlich eröffnet. Gustl Feldmeier hat aus dem „Königlich Bayerischen Hofposamentier“ und dem sogenannten „Bandl-Beck“ ein Textilhaus mit vollem Sortiment gemacht. In den

DaS WirtSchaftSWunDEr

ist in vollem gange – und gustl feldmeier trifft eine der wichtigsten Entscheidungen in der geschichte des unternehmens: Er kauft die nachbargrundstücke des Kaufhauses und erwirbt so das heutige Stammhaus am Marienplatz. 1961

zuM 100-JÄhrigEn Firmenjubiläum finden Festakte im Prinzregententheater und im Cuvilliés-Theater statt. 1968 – 1972

DiE oLYMpiSchEn SpiELE

und der damit verbundene Ausbau der S-Bahnen lässt auch das Kaufhaus nicht unberührt: Es kommt zu umfangreichen Baumaßnahmen im Geschäftshaus am Marienplatz. 1970

Ein traurigEr tag:

gustl feldmeier stirbt am 11. Juni. Das unternehmen wird nun von seinen Söhnen gustl junior, peter und toni als gesellschafter der Kommanditgesellschaft sowie von geschäftsführer hermann rückl geführt. 1971

DEr aufSchWung findet

manchmal ganz unten statt: Ludwig Beck eröffnet die Verkaufsräume im Tiefgeschoss des Marienplatzes. Neuer Komfort: Die Kunden können

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Beck eines der innovativsten Kaufhäuser der Welt – eine erfolgsgeschichte die Abteilung für klassische Musik.

1974

1989

toni unD pEtEr fELDMEiEr arbeiten mit

nEuE tÖnE: Das Projekt „Jazz is Beck“ erweitert das Portfolio des Hauses. Die Musikabteilung wird endgültig zur Nummer eins in München.

Hermann Rückl daran, aus dem traditionsreichen Textilhaus ein modernes Warenhaus zu machen, das die neuen Kundenwünsche der 70er-Jahre zu erfüllen vermag. So entsteht das „Textilissima“-Haus.

Die Zeichen DEr zEit: vom Wappen zum Logo

1988

nun direkt von der S-Bahn oder U-Bahn in das Kaufhaus gelangen.

MuSiK iM hauS: Beck eröffnet

1876

1992

LuDWig bEcK aLS pioniEr :

Das Kaufhaus führt für die mittlerweile 840 Voll- und Teilzeitbeschäftigten die individuelle Arbeitszeit ein. Das innovative Arbeitszeitmodell wird zum Vorbild für viele Unternehmen in ganz Deutschland. 1982

nEuE StruKturEn: Die „Ludwig Beck am Rathauseck Textilhaus Feldmeier KG“ wird in die Betriebsgesellschaft „Ludwig Beck am Rathauseck – Textilhaus Feldmeier GmbH“ und eine Besitzgesellschaft aufgeteilt, deren Gesellschafter Peter und Toni Feldmeier sind.

Ludwig beck wird aktiengesellschaft, und das Stammhaus am Marienplatz gibt sich den neuen namen „Kaufhaus der Sinne“. 1950 1998

LuDWig bEcK gEht an die börse. Der Emissions-

preis liegt bei 34,00 Mark. Die aktien sind bei zeichnungsschluss rund zehnfach überzeichnet.

1983

März eröffnet Ludwig beck eine filiale im trump tower an der new Yorker fifth avenue. Knapp zwei Jahre später wird das geschäft am big apple aber schon wieder geschlossen. 1986

groSSEr tuSch: z um 125. Geburtstag der Firma findet unter anderem ein feierlicher Festakt im Gasteig statt. Stargast: der berühmte Jazzpianist Oscar Peterson.

dritte Etage im Kaufhaus der Sinne wird mit der neu gestalteten Fläche für Designer- und Abendmode ein Fixpunkt der Münchner Modeszene. Das Kaufhaus Ludwig Beck wird in diesem Jahr unter anderem mit dem Fassadenpreis der Stadt München ausgezeichnet. Die neue Musikabteilung belegt aufgrund des Angebots und des Services den ersten Platz beim Retail Renovation Award.

2010 1960

2001

nEuE grÜnDErzEit: Die „Ludwig Beck Beteiligungs GmbH“ wird gegründet und hält die Immobilie am Marienplatz. 2007

gLobaLE EXpanSion: im

2009

gLaMour unD gLanz: Die

Ein bESonDErES Jahr : 1978

gründet das Kaufhaus Ludwig beck die Ludwig beck grundbesitz haar gmbh und erwirbt das über 8 000 Quadratmeter große grundstück in haar bei München, auf dem das neue Logistikzentrum steht, von dem aus das Stammhaus beliefert wird.

LuDWig bEcK in nEuEM gLanz: Der Umbau des

1978

Stammhauses gibt dem Unternehmen ein frisches Gesicht. 2008

in DEr fÜnftEn EtagE

eröffnet eine neue, exklusive Musikwelt. Die renaissance des Stammhauses schreitet weiter voran. und der aufwand wird auch großzügig belohnt: Ludwig beck erhält den Echo Klassik-Sonderpreis. Ende Dezember

1986

seit 1992

goLDEnE zEitEn: Die

Designer- und Abendmodeabteilung wird weiter umgebaut und besticht nun durch ein modernes, hochwertiges Raumkonzept. Auch 2010 ist ein Jahr der Auszeichnungen: Für die Musikabteilung gewinnt Ludwig Beck im April den Echo Jazz als Händler des Jahres. Zudem wird Ludwig Beck mit dem Preis „Sterne der Wäsche“ der Zeitschrift „SOUS“ geehrt. Auch die Zahlen und Umsatzkurven stimmen. Die Ergebnisse des Rekordjahres 2009 können sogar noch übertroffen werden. Der Konzern beendet das Jahr mit einem Umsatzplus von 5,3 Prozent und steigert das Ergebnis vor Steuern von 6,4 auf 9,9 Millionen Euro.

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d   as d u — JaZZlegende Klaus doldinger

leiter   der berühmten Musik-

gute MusiK, den   Münchner MarKt

Interview: Fotos: DiE MuSiKabtEiLung von Ludwig beck wurde am 1. oktober

1988 unter der Leitung von Werner Will im haupthaus am Marienplatz eröffnet. Der anspruch lautete schon damals: Wir haben alles. und so erwartete die besucher vom ersten tag an eine auswahl von rund 50 000 tonträgern aus dem bereich

der klassischen Musik. bereits 1989 kam die von Manfred Scheffner geleitete Jazzabteilung hinzu. im Lauf der Jahre wurde das Sortiment zudem um Weltmusik, hörbücher und filmsoundtracks erweitert. innerhalb kurzer zeit entwickelte sich Ludwig beck zum größten Einzelhändler für Klassik und

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a u


d uett

-

t

im gespräch mit thieMo Brüll, dem abteilung von Ludwig Beck, über und die Zukunft des tonträgerhandels

Jazz in Deutschland und in Europa. unter der regie von thiemo brüll, der 2003 die nachfolge von Werner Will und Manfred Scheffner antrat, erfolgte 2008 der umzug der Musikabteilung in den fünften Stock des haupthauses, wo Ludwig beck nun auf 1 000 Quadratmetern eine weltweit einzigartige Jazz- und

Klassikauswahl bietet. in der über 20-jährigen geschichte wurde die Musikabteilung mit zahlreichen preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Echo Klassik und dem Echo Jazz. in der Musikabteilung kam thiemo brüll mit dem Komponisten Klaus Doldinger zu einem musikalischen gipfeltreffen zusammen.

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Herr Doldinger, Hand aufs Herz, haben Sie in der Jazzabteilung von Beck schon in Ihrem eigenen Fach gestöbert? Klaus Doldinger Immer mal wieder, klar. Ich kontrolliere

allerdings nicht, ob alle Platten von mir da sind. Aber ich freue mich, wenn es so ist. Wie oft kommen Sie denn zu Besuch? Klaus Doldinger Ich lebe ja schon seit Ende der 60er-Jahre

nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem oberbayerischen Land. Deshalb bin ich nicht ganz so oft hier, aber bestimmt mindestens zwei- oder dreimal im Jahr.

dem liebe ich tief sortierte Plattenläden. Wir hatten hier lang den Anspruch, dass wir jede einzelne lieferbare CD im Laden haben. Das ist heute nicht mehr so. Seitdem sich das Format Ende der 80-Jahre durchgesetzt hat, gibt es einfach ein zu großes Sortiment. Wir wählen also aus. Aber mit Fingerspitzengefühl. Vieles dürfte nirgendwo sonst mehr im Laden stehen. KLAUS DOLDINGER In meiner Jugend, Anfang der 50er-Jahre in Düsseldorf, gab es ja noch so gut wie keine Schallplatten. Es war unglaublich aufregend, wenn damals der große Bruder meines besten Freundes aus Italien oder der Schweiz die neueste Erroll Garner-Aufnahme mitbrachte oder Oscar Petersons „Where Or When“ in Triobesetzung. Das war eine Sensation. Man traf sich alle vierzehn Tage und hörte gemeinsam mit den Mitgliedern des Hotclub Düsseldorf neue und seltene Platten. Dizzy Gillespies „A Night In Tunisia“ konnten wir alle nachpfeifen. Diese Zeit der Entbehrung hat mich stark geprägt.

Und mit welchem Gefühl betreten Sie den Laden? Klaus Doldinger Ich freue mich vor allem, alte Bekannte unter den Mitarbeitern wiederzusehen. Was ich kaufen will, weiß ich meistens schon vorher. Haben Sie eigentlich viele so prominente Kunden wie Klaus Doldinger, Herr Brüll? Thiemo Brüll Wir sehen doch eine Menge bekannte Gesichter hier. Schon allein natürlich wegen der großen Orchester der Stadt. Dirigenten, Solisten, Orchestermusiker, wenn amerikanische Jazzmusiker in der Stadt sind, kommen sie oft auch zu uns. Zuletzt etwa der amerikanische Keyboarder George Duke. Viele prominente Musiker lassen sich auch immer wieder gern von den gleichen Mitarbeitern beraten. Es heißt, auch der britische Hollywoodstar Christopher Lee sei eine Zeit lang sehr regelmäßig hier gewesen. Thiemo Brüll Allerdings. Ich bin aber gar nicht sicher, wie detailliert man die Geschichte erzählen darf. So detailliert wie möglich bitte! Thiemo Brüll Er kam als Klassik-Kunde. Er ist ja ein ausgebil-

deter Opernsänger und hat, glaube ich, auch als Dirigent gearbeitet. Er ging immer direkt ins Büro durch, unangemeldet selbstverständlich, ließ sich den Mantel abnehmen, bestellte einen Kaffee und gab uns dann einen langen Wunschzettel. Das wiederholte sich über einige Jahre mehrmals pro Jahr. Ist das denn der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Plattenladen: Dass man solchen Klatsch erst Jahre später erfährt? Klaus Doldinger Bestimmt, außerdem sollte das Angebot natürlich genauso groß sein wie hier, und die Mitarbeiter sollten ebenso freundlich beraten! THIEMO BRÜLL Ich bin in einer kleinen Stadt im Westerwald aufgewachsen. Da gab es im Radioladen ein paar Schallplatten. Ich fuhr also nach Köln zum Saturn, dem Stammhaus, die gleichnamige Elektromarktkette existierte damals noch nicht. Dort gab es ein begehbares Lager, und es war im Grunde eine kleine Wissenschaft, dort Musik zu kaufen. Das hat mich geprägt, seit-

Klaus Doldinger Der 1936 geborene Klaus Doldinger ist einer der erfolgreichsten Komponisten und Jazzmusiker Deutschlands. Er spielt Saxofon und komponierte unter anderem die Titelmelodie des „Tatort“, die Filmmusik zu „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“.

Musik hatte da einen Wert, wie man ihn sich heute nur noch sehr schwer vorstellen kann. Nicht nur der Internethandel mit CDs hat das Geschäft der traditionellen Plattenläden schwerer gemacht, auch der Handel mit Musikdateien wächst stetig. Es sieht fast so aus, als könne man Musik bald gar nicht mehr anfassen. KLAUS DOLDINGER Es wird immer Fans geben, die nicht nur Musik hören, sondern auch eine Hülle, ein Booklet oder eine Scheibe in der Hand halten wollen. Ich glaube nicht an den totalen Untergang des Handels mit CDs und Schallplatten. Ich sehe

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die Entwicklung aber auch sehr nüchtern. Meinen ersten Exklusiv-Vertrag habe ich 1962 mit Philips geschlossen. Und damals war der Schallplattenmarkt ein ganz kleiner Markt. In den 70er- und 80er-Jahren explodierte er. Heute flaut das Geschäft eben ein bisschen ab und wird vielleicht nie mehr so groß werden, wie es einmal war. THIEMO BRÜLL Ich glaube auch, dass das Angebot an CDs in den nächsten zehn Jahren deutlich kleiner werden wird. Das, was es geben wird, könnte allerdings etwas teurer und luxuriöser ausgestattet sein. Im Dateienhandel muss man abwarten, bis sich gute Formate durchsetzen. Klassische Musik in extrem komprimierten Formaten wie MP3 herunterzuladen, halte ich für völligen Unsinn. Die Qualität ist einfach noch viel zu schlecht. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Technik und damit auch die Tonqualität der Musikdateien im Netz im Lauf der nächsten Jahre deutlich verbessern wird.

Kaufen Sie manchmal Musik im Netz, Herr Doldinger? KLAUS DOLDINGER Selten. Wenn ich mich für einen Künstler

interessiere, höre ich mir online die Anfänge seiner Musik an. Als Informationsmedium ist das Netz für mich unersetzlich. Sind die Münchner Musikfans anspruchsvolle Kunden? THIEMO BRÜLL Ich glaube, dass sich die Münchner Jazz-Szene

nicht unbedingt wesentlich von der in Frankfurt oder Hamburg unterscheidet. Es gibt fast in jeder größeren deutschen Stadt bekannte Clubs und eine lebendige Szene. In der Klassik ist die Münchner Gemeinde allerdings sicher etwas sehr Besonderes. Musik ist hier im öffentlichen Leben so präsent wie nirgendwo sonst. München ist die Klassikhauptstadt Deutschlands. KLAUS DOLDINGER Es gibt einige geschichtsträchtige Musikorte in der Stadt, die mich vor Ehrfurcht erschaudern lassen, und die immer noch da sind. Ich bin immer wieder sehr ergriffen, wenn ich etwa auf der Bühne des Prinzregententheaters stehe. Schlägt sich diese Fachkenntnis auch in Ihrem Angebot nieder? THIEMO BRÜLL Unsere Kunden haben ein großes Wissen. Mehr noch als der Jazz ist die Klassik ja eine vergleichende Wissenschaft. Jede Beethoven-Symphonie hat bei uns ein eigenes Fach, weil es so viele Einspielungen gibt. Hat Sie schon einmal eine Kundenfrage ins Schwitzen gebracht? THIEMO BRÜLL Wenn ich anfange zu schwitzen, habe ich zum

Glück immer einen Kollegen in der Nähe, der weiterhelfen kann. Wir haben zum Beispiel Spezialisten für Oper im Team, für Alte Musik, im Jazz haben wir einen Avantgarde-Experten, der für unser Sortiment auch schon mal CDs besorgt, von denen nur 100 Stück gepresst wurden.

Thiemo Brüll Der im Rheinland aufgewachsene Brüll leitet seit acht Jahren die Musikabteilung von Ludwig Beck mit ihren 30 Mitarbeitern. Der 52-Jährige begeistert sich gleichermaßen für Klassik, Jazz und Weltmusik.

Das würde Ihr Geschäft allerdings tief greifend verändern. THIEMO BRÜLL Ja, wir denken auch schon über eine Download-

Plattform nach. Aber die Datenqualität müsste eben wirklich gut sein. Mal sehen, wohin die Reise gehen wird. Es könnte gut sein, dass es in zehn Jahren für eine Tonträgerabteilung unserer derzeitigen Größe überhaupt nicht mehr genug lieferbare CDs gibt. Ich bin aber davon überzeugt, dass es für herausragende Editionen immer eine Zukunft geben wird. Sogar Vinylplatten werden ja wieder mehr gekauft. Es entstehen immer neue Nischen und Bedürfnisse in unserem Bereich, auf die man sich spezialisieren kann.

Was hören die Münchner derzeit am liebsten? THIEMO BRÜLL Im Jazz haben sie auf jeden Fall keine Berührungsängste mit populäreren Ansätzen. Norah Jones und andere Stars des Smooth-Jazz werden viel gekauft, auch das neue Album von Till Brönner kam sehr gut an. KLAUS DOLDINGER Ich finde ja, dass das unterhaltende Element, das der Jazz seit seinen Anfängen hat, unbedingt gepflegt werden darf. Ich habe immer gern Ornette Coleman gehört, aber eben auch den bei den Avantgardisten nicht allzu hoch geschätzten Les McCann. Niemand sollte sich scheuen, zu verständlich zu komponieren. Ich glaube sogar, dass es viel schwerer ist, eine schöne Melodie zu komponieren als etwas nölend Abstraktes. München war zum Glück immer großherzig genug, um nicht nur meine experimentelleren Sachen zu lieben, sondern auch die Musik, die ich für den „Tatort“ oder „Das Boot“ geschrieben habe. Jubiläums-Klanginstallation

Zum 150-Jährigen wird im April 2011 auf Vermittlung Thiemo Brülls eine Klanginstallation des Münchner Künstlers Stefan Winter die Kunden durch das Kaufhaus führen. Die Installation beginnt im Erdgeschoss und führt die Rolltreppen hinauf bis in die Musikabteilung.

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G’SCHICHTEN VOM RATHAUSECK

Ein König benötigt Erste Hilfe. IM KELLER DES KAUFHAUSES IST EIN VERSTECKT. Und die Mitarbeiter von Ludwig Beck wissen auch auf die seltsamsten Fragen EINE ANTWORT

Schwergewichtige

KÖNIGSBESUCHE

und

DENKWÜRDIGE

Kaiservisiten

DER BESUCH DES KÖNIGS DES PAZIFIKS

Als im Jahr 1981 der König von Tonga, Taufa’ahau Tupou IV., nach München kam, stand ein Besuch bei Beck auf der Tagesordnung. Die Shopping-Visite verlief aber anders als erwartet. Auf dem Weg zum Kaufhaus

trat der Monarch aus dem Südpazifik in einen Nagel. BeckMitarbeiter leisteten schnell Erste Hilfe. Der 170-Kilo-Mann – damals bekannt als dickster König der Welt – nahm in einem Ohrensessel Platz und wurde mit einem Pflaster sowie einem Paar Filzpantoffeln ausgestattet. Er fühlte sich so wohl, dass er viele Stunden blieb. DER JOB VON KAISER FRANZ

Als gebürtiger Münchner war natürlich auch „Kaiser“ Franz Beckenbauer hin und wieder Gast bei Ludwig Beck. Einmal, 1972, in einer für ihn ungewohnten Rolle: Denn Beckenbauer war es schon damals bei Preisverleihungen gewohnt, die Pokale überreicht zu bekommen.

Beck drehte den Spieß um und engagierte ihn, um den Sieger eines Malwettbewerbs zu ehren. Eine neue Erfahrung für den Kaiser – ein einmaliges Erlebnis für die Kinder. DER RESPEKT VON HERZOG MAX

Gustl Feldmeier, der ehemalige Geschäftsführer, hatte häufig Künstler, Politiker und manchmal auch den Adel zu Gast. Eines Tages war Herzog Max von Bayern zu Besuch. Es war ein netter Abend, nur Maxl, Feldmeiers Hund, nervte sein Herrchen. Plötzlich brüllte Feldmeier: „Max, jetzt kommst her!“ Daraufhin antwortete der erschrockene Herzog Max: „Jawoll, Herr Feldmeier, ich komme sofort!“

BECKBERUFE

aus der Vergangenheit POSAMENTIERE Quasten, Spitzen, Borten: Die Verzierungen für Polstermöbel und Uniformen heißen Posamenten. Die Handwerker, die sie herstellen: Posamentiere.

REPASSIERER Es gab eine Zeit, da waren Nylonstrümpfe ein Luxusgut und Laufmaschen eine Tragödie. Die Retter in der Not: Repassierer, die die Laufmaschen verschwinden ließen.

CHRISTKINDL-SPRECHER In den 70er-Jahren konnten Kinder bei Beck das Christkindl anrufen. Der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung war begeisterter Laienschauspieler.

Die lustigsten

KUNDENWÜNSCHE

aus 150 Jahren

EIN GUT GEHÜTETER SCHATZ hatte nach mehr als

100 Jahren wieder einen großen Auftritt

IN DER MUSIKABTEILUNG

AM INFOSTAND

KUNDE: „Sagen Sie, wo ha-

KUNDE : Sind Sie hier für

ben Sie denn das Weihnachtskrematorium von Händel?“ (Gemeint war das Weihnachtsoratorium von Georg Friedrich Händel)

Informationen zuständig?“ BECK-MITARBEITER: „Ja.“ KUNDE: „Wann fährt denn die nächste S2?“

VIELE DER POSAMENTEN, die vom Königlich Bayerischen Hofposamentier Ludwig Beck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hergestellt wurden, werden heute in Museen und den Königsschlössern von Ludwig II. ausgestellt. Glanzstück der Sammlung: ein Paar Epauletten, die Ende des 19. Jahrhunderts für König Maximilian II. von Bayern angefertigt worden waren. Über 100 Jahre lang hatten die UniformSchulterstücke – für die Ludwig Beck bei der Weltausstellung 1892 in Chicago einen Preis gewann – gut gehütet in einer kleinen Truhe gelegen. Als die Stadt München beschloss, zum 200-jährigen Jubiläum des Oktoberfests im Jahr 2010 ein „Wiesn-Prinzenpaar“, welches das historische Hochzeitspaar Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen darstellen sollte, mit Gewändern der damaligen Zeit auszustatten, holte man bei Beck den kleinen Schatz natürlich gern aus der Truhe.

KUNDE: „Hallo, wo haben KUNDE „Haben Sie was von dem taubstummen Boxer, der auch singt?“ (Gemeint war der blinde Tenor Andrea Bocelli, der den Boxer Henry Maske mit dem Song „Time To Say Goodbye“ zum Ring begleitet hatte)

Sie Fusch oder wie man das ausspricht?“ BECK-MITARBEITER: „Wie heißt das?“ KUNDE: „Fusch oder Fosch.“

BECK-MITARBEITER: „Wie schreibt man das denn?“

KUNDE: „V-O-G-U-E.“

KUNDE: „Grüß Gott, ich bin

KUNDE: „Do you speak

auf der Suche nach dieser Carina Banana.“ (Gemeint war die Carmina Burana von Carl Orff)

BECK-MITARBEITER: „Yes.“ KUNDE: „Also, ich hätte

English?“

gerne …“

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BEST OF BECK 2011

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pflege de luxe

— das kosmetikparadies „Hautnah“ bietet zum Jubiläum limitierte beauty-artikel und aussergewÖhnliche produktneuheiten, die es exklusiv oder erstmalig bei ludwig Beck zu kaufen gibt

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Aveda „Best-of-Tasche“ mit vier Best-of-Produkten, limitierte Jubiläumsedition, 72 € – 2. Acqua di Parma, Travel sprays „Le Nobili“, je 105 € – 3. L’Occitane, eau de Parfum „Pivoine Flora“, 47,50 € – 4. Origins, „Present Perfect“set, 49,50 € – 5. Benefit, Make-up-Sets „Sunday Funday“ und „Sceene Queen“, je 37 € – 6. Laura Mercier „Hydrating Foundation Primer“, limitierte Jubiläumsedition, 54 € – 7. M.A.C., Make-up-Kollektion „Quite Cute“: Mineralize Blush je 25,50 €, Lipstick je 18 €, Plushglass 19,50 € – 8. Bobbi Brown „Metallic Long-wear eye kit“, 45 €; Priori „cellular Recovery Serum“, 95 €; Kiehl’s „Ultra Facial Moisturizer“, limitierte Jubiläumsedition, 40 € 1.

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exklusives vergnÜgen — Ob Mode, Musik oder Lebensart: ludwig Beck steht für stil und eleganz. Das beweisen unsere ausgewählten JubiläumseDitionen, die sie nur im kaufhaus der sinne finden

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1. LUDWIG BECK, „100 Years of Jazz“, 12 CDs, 39,90 € – 2. Freudenhaus, sonnenbrille mit Jubiläumsgravur, 150 €, limitierte Edition; Leuchtturm, „München“-Notizbuch, 14,95 €; Porsche Design, iPhone-Hülle, 99 € – 3. codello, seidentuch, 89,95 € – 4. Thomas sabo, charm aus sterlingsilber, 59 €, limitierte edition – 5. Abro, xL-Beuteltasche aus Pythonleder, 649 € – 6. sinéquanone, cocktailkleid, 99,95 €, exklusiv-style für Ludwig Beck – 7. Talbot Runhof, seidenkleid, 998 €, exklusiv-style für Ludwig Beck – 8. Strenesse Blue, strassverziertes T-Shirt, 69 €

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— DIE MODE-EXPERTEN VON LUDWIG BECK haben ihre Lieblingsteile ausgewählt. Für DRUNTER UND DRÜBER, für das Büro, die SONNENTERRASSE oder das OKTOBERFEST

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1. Wolford, „Individual“-Strumpfhose, 28 x – 2. Beck, Munich V-Pullover, erhältlich in 16 Farben, 45,95 x – 3. Princesse Tam Tam, „Lovely“-Wäscheset, Push-up-BH, 54,95 x, Slip, 32,95 x ; Hanro, Trägerhemd, 32,90 x – 4. Bogner, Tasche aus Kalbleder, 499 x; Mabel, Gürtel, 79,95 x – 5. Cambio, „Norah Straight“-Jeans, 99,90 x – 6. Akris Punto, Blazer, 499 x, Akris Punto, Rock, 199 x – 7. Fräulein Trentini, Dirndl, 799 x – 8. Patrizia Pepe, Kleid, 219 x

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1. Strellson, Anzug, 299 € – 2. Bogner, Fire+ice „Osteno“, Badeshort, 49,95 € – 3. seidensticker, slim-Fit-Hemd mit

elasthan, 69,95 €; sonja kampy, seidenkrawatte, 35,95 € – 4. Heimatwerk, Lederhose aus Hirschleder, 379 € – 5. drykorn, T-shirt, 29,95 €; Hugo Boss, Boxer shorts, 3er-set, 39,95 € – 6. Falke, „Tiago“-strümpfe, 10 € pro Paar – 7. Polo Ralph Lauren, Polo-shirt, 79 € – 8. Nudie Jeans, „Thin Finn“-Bluejeans, 99,95 €

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DIe GOLDene mItte

— schOn Immer war der marktplatz das Zentrum Der staDt. In Der mODerne erfÜLLen KaufhÄuser DIese funKtIOn. Erst recht im 21. Jahrhundert

e

Von tOBIas mOOrsteDt Illustration: aLeXIs ZurfLÜh

in hERR MiTTLEREn ALTERS , der, wie er

später erklären wird, aus dem Städtchen Alexandria im uS-Bundesstaat Virginia stammt, nähert sich einem Kiosk auf dem Marienplatz und nimmt eine Postkarte aus dem feingliedrigen Metallständer. Die Karte zeigt die innenstadt aus der Luftperspektive. Der Besucher aus Amerika muss sich vorkommen, als beobachte er sich selbst mit Satellitensinnen. Das Postkartenmotiv zeigt den Kiosk, das neugotische felsmassiv des Rathauses, den Viktualienmarkt und die roten Dächer der Kaufhäuser und Geschäfte. „ich war an allen diesen Orten“, sagt der Mann, und fährt mit dem finger über das foto – Museen und Königsschlösser, Marktplätze und Kaufhäuser. Die Sehenswürdigkeiten. Man hat eine Stadt nicht wirklich gesehen, wenn man sich nicht in ihren Gassen verfahren oder ein paar Geldscheine auf den Märkten und in Kaufhäusern gelassen hat. Eine new York-Reise ist nicht vollständig

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ohne einen Besuch im „Bloomingdales“, in hongkong lockt der nachtmarkt mit Garküchen und Singvögeln im Sonderangebot. in München, raten Reiseführer, müsse man den Viktualienmarkt erlebt haben und die traditionsreichen Kaufhäuser der Stadt. Die Warenhäuser sind mehr als Gebrauchsoberflächen und Konsumräume. nicht nur, weil die häuser und Märkte durch unzählige Kaufhandlungen und Auslieferungen mit der Stadt verwoben sind, sondern auch, wie der renommierte Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ schreibt, „weil sie foren bieten, auf denen wir einander begegnen können“. Das Kaufhaus als verdichteter Raum, in dem nicht nur Waren verschoben, sondern auch informationen ausgetauscht werden, Menschen und Meinungen aufeinanderprallen. Wolfgang Christ sagt: „Das ist das Privileg der City.“ Das gefällt auch dem Besucher aus Virginia. „Wir haben nur highways und Einkaufszentren auf der grünen Wiese“, erzählt er von zu hause, „und wenn man

TR AuM unD R AuM

Ludwig Beck gehört zu den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt wie der Viktualienmarkt, das Rathaus oder die Museen.

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jemanden auf der Straße trifft, dann ist man mit hoher Wahrscheinlichkeit in einen Autounfall verwickelt.“ Kaufhäuser wie harrods in London, die Galeries Lafayette in Paris oder Ludwig Beck in München stehen im Zentrum und bilden den Kern der Stadt. und doch hatte man unlängst den Eindruck, dass diese häuser ein ähnliches Schicksal erwartet wie die Königsresidenzen und Kathedralen, dass sie eben zu Monumenten einer untergegangenen Epoche werden. Zeitungen verfassten Essays, die sich lasen wie Todesanzeigen, indem sie über „die Dinosaurier des handels“ schrieben. Der untergang fällt aus: Die Kaufhauskonzerne Macy’s und Saks haben den Aktienkurs seit 2009 verdreifacht. Auch Ludwig Beck meldet Rekordgewinne. Die großen Kaufhäuser des 19. und 20. Jahrhunderts orientierten sich an den Stilmitteln der Schlösser und Kirchen – mit Säulen, Giebeln, Glasfronten und ganz viel Licht. Bereits Aristide Boucicaut, der im Jahr 1838 in Paris das erste moderne Kaufhaus, das „Au Bon Marché“, eröffnete, bestand auf hohen Decken und weißen Wänden. Émile Zola schrieb in seinem Roman „Das Paradies der Damen“ über den ersten Kontakt eines jungen Mädchens mit dem Konsumzeitalter: „Das Warenhaus erschien unfassbar groß, zeigte sich ihr im Licht vergoldet, ähnlich einer Stadt mit ihren Prachtbauten, ihren Palästen, ihren Straßen, wo sich

Das Kaufhaus ist ein Ort, an dem waren unD InfOrmatIOnen

getauscht werden – und ein Treffpunkt für menschen

jemals zurechtzufinden ihr unmöglich vorkam.“ Und der Berliner Publizist und flaneur Alfred Kerr beschrieb die new Yorker Kaufhäuser im Jahr 1922 als „wahres Schlaraffenland“, das neue Paradies, das Land ohne Mangel. „Kathedrale des Konsums“ nannte man die institutionen bald. Der moderne Konsument aber verhält sich anders als ein Gläubiger oder untertan, er folgt nicht den heiligen Geschäftsgeboten und schreitet auch nicht ehrfürchtig durch die Verkaufsräume, sondern sucht nach dem besten Angebot und einem individuellen Look. Das Kaufhaus, das eine Masse von Waren an eine Masse von Kunden verkaufen will, bekam in der zweiten hälfte des 20. Jahrhunderts ein Problem, da es vielleicht alle Waren unter ein Dach kriegte, aber nicht alle Milieus und Subkulturen – es war ein ganz ähnlicher Prozess, der Volksparteien und Massenmedien angriff. um nicht wirklich das Schicksal der Dinosaurier zu erleiden, musste sich der Organismus Kaufhaus den veränderten naturgesetzen und Lebensbedingungen der Marktnische anpassen, musste schneller, schlauer und auch schöner werden. „Kunden haben heute genaue informationen über

Preise und Standorte von Produkten“, schreiben die Zukunftsforscher vom Büro MDK in einer Studie zum Thema, es reiche nicht aus, die Ware verfügbar zu machen. Die Kaufhäuser müssten auf Atmosphäre und „emphatisches, sensibles Personal“ setzen. Verkäuferinnen, die echten Rat geben. Einkäufer, die keine Standards bestellen, sondern schnell auf Trends reagieren, und Dinge finden, die zusammenpassen. Kaufhausmanager werden zu Kuratoren einer Lebenswelt.

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iE KAufhÄuSER DES 21. JAhRhunDERTS

sehen nicht mehr aus wie Paläste oder Kirchen, sondern orientieren sich an den fantasieräumen der Gegenwart, den futuristischen Museen, coolen Lofts und edlen Designhotels. Wenn man ins Kaufhaus gehe, bemerkte der Politiker und spätere Außenminister Gustav Stresemann schon im Jahr 1900, „so heißt das nicht, dass man etwas besonders notwendig braucht, sondern man spricht wie von einem Ausflug, den man etwa in einen schönen Orte der umgebung macht“. Die erfolgreichen Kaufhäuser der Gegenwart verstehen sich nicht als Warenumschlagplatz, sondern als Erlebniswelt. im frühjahr 2011 sieht die Kosmetikabteilung „hautnah“ von Ludwig Beck aus wie der BackstageBereich einer Modenschau. Da stehen Klappstühle und Scheinwerfer, es gibt große flachbildschirme und einen Catering-Bereich. Schöne frauen sitzen auf den Stühlen und werden von Make-up-Künstlern noch ein wenig schöner gemacht – für den endlosen Laufsteg der Stadt. Das attraktivste Angebot der Kaufhäuser aber sind wohl gar nicht die Produkte, sondern: die anderen Menschen. Der Konsument des 21. Jahrhunderst kann zwar mit Kreditkartennummer und Wi-fi-Passwort in jedem Shop der Welt einkaufen, sitzt jedoch meist allein vor dem Bildschirm. Die Schwerelosigkeit und Einsamkeit der virtuellen Existenz macht es wieder attraktiv, sich aufs fahrrad zu setzen und das hemd in der innenstadt zu kaufen – think global, act local. im Kaufhaus kann man für sich sein, wird aber auch angesprochen, angerempelt und überrascht. Das, was lange als großer nachteil der Kaufhäuser galt, dass sie an einen realen Ort gebunden sind und den Verkehr von physischen Gütern und Personen regeln müssen, wird zur Lebensversicherung für die Zukunft. Die Mischung aus Anonymität und sozialem Kontakt, freiheit und Eingebundenheit – das war schon immer das unwiderstehliche Versprechen der Stadt.

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Tobias MoorsTedT

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Der Autor wurde 1977 in München geboren. Er arbeitet als Journalist unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und den Bayerischen Rundfunk. Seine Bücher erscheinen bei Suhrkamp und im Rowohlt Verlag.

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jubilÄums Kampagne

Starker auftritt

— die Münchner Jeanette hain, nina ruge, Michael Mendl und SiMon VerhoeVen Sind eS gewohnt, vor der Kamera zu stehen. Sie Sind die geSichter der JubiläuMSkaMpagne Von ludwig beck. ihr honorar spendeten sie für einen guten Zweck. Vier dialoge über haltung, heiMat – und guten Stil

Fotos:

Michael Mendl

Der Schauspieler war lange Zeit am Theater, bevor er zum Film ging. Seitdem steht er für so renommierte Regisseure wie Dominik Graf, Dieter Wedel und Joseph Vilsmaier vor der Kamera. Michael Mendl spendete sein Honorar der Organisation Gegen NOMA e.V.

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ludwig becK

Michael Mendl

Kampagne

— „im Stil eines Menschen zeigt sich sein charakter“

Kampagne: Feuer AG

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err Mendl, Sie leben seit zwei Jahren in Berlin. An welche Zeit in München denken Sie besonders gern zurück? mendl meine aufregendsten jahre waren sicher die, in denen ich am Residenztheater oder an den Kammerspielen engagiert war. 1981 kam ich für eine Tschechow-inszenierung von Thomas langhoff das erste mal nach münchen. ludwig becK Und wurden von Publikum und Kritik gefeiert. mendl das war ein absolutes Highlight in meiner Karriere. eine ehre, dass langhoff mich als gastschauspieler in diese inszenierung aufnahm. er galt damals als einer der wichtigsten Regisseure des deutschsprachigen Theaters. 1987 ging ich dann ans Residenztheater. auch das war eine kompakte, intensive Zeit, die mein leben lange bestimmte. ludwig becK Ihren Durchbruch beim Film hatten Sie 1992 mit Sönke Wortmanns „Kleine Haie“. mendl ich hatte glück, dass diese Karrieren so ineinander übergingen. mittlerweile habe ich in über 120 Filmproduktionen mitgewirkt, die mir ermöglicht haben, eine ungeheure bandbreite an Rollen zu zeigen. nichts wäre für mich langweiliger, als immer wieder den gleichen Typ mensch zu spielen. ich meine, ein Typ ist man ja sowieso. aber wer im schauspielerischen akt die Vielfältigkeit von menschen darstellen will, kann das nur, wenn er selbst vielfältig ist. ludwig becK Lassen sich denn jüngere Kollegen heute zu schnell auf bestimmte Typen festlegen? mendl Das passiert im Film wahrscheinlich zwangsläufig. das geschäft ist unglaublich schnelllebig geworden. man fokussiert sich auf Themen und Typen, die gerade angesagt sind und an der Kasse funktionieren. das kann aber auch die entwicklung der persönlichkeit hemmen und dazu führen, dass diese schauspieler in ihrer arbeit ganz stehen bleiben. die Kollegen meiner generation versuchten, jeden Tag aufs neue etwas vom leben einzuatmen, um sich einen Fundus zu schaffen, aus dem heraus man geschichten erzählen kann. ludwig becK Sind Sie eigentlich ein Mann der alten Schule? mendl ich hoffe doch. ludwig becK Haben Männer der alten Schule grundsätzlich mehr Stil? mendl das meine ich nicht. guter stil ist in jeder generation zu finden. Er ist kein Zustand, sondern eine konsequente art und weise zu leben und sich auszudrücken. im stil eines menschen zeigt sich sein charakter. wer ihn haben will, sollte Haltung bewahren und seine Werte klar definieren. wir müssen wach und neugierig bleiben. als schauspieler sage ich: da habe ich was kapiert, da habe ich was gesehen. das brauche ich, das verwerte ich, das ordne ich ein. aber ich weiß: stil ist ein charakterzug, den man nicht spielen kann.

Jeanette hain

— „Stil heißt, bei sich zu hause zu sein“

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rau Hain, haben Sie manchmal Heimweh nach München? Hain ja. das merke ich, wenn ich in berlin anfange, bayerisch zu sprechen. dann packt mich die sehnsucht nach meinen wurzeln. münchen ist für mich jedes mal eine Zeitreise. es gibt so viele plätze, mit denen ich erinnerungen aus meiner jugend verbinde. Zum glück kann ich aber auch in berlin eine bayerische Tradition ausleben: abends in der Kneipe trinke ich grundsätzlich weißbier. ludwig becK Inwiefern hat die Stadt Sie geprägt? Hain münchen hat mir geborgenheit und eine art urvertrauen gegeben. die menschen dort habe ich als frei und großzügig erlebt. wenn du nachts im englischen garten nackt herumrennen würdest, dann würden dir die menschen eher einen mantel anbieten, als dass du um dein leben bangen müsstest. ludwig becK Sie wurden auch in München entdeckt. Hain ja. ich studierte gerade Regie an der Filmhochschule, als mich die Regisseurin sherry Hormann für die Titelrolle in „die cellistin“ besetzte, der 1996 in die Kinos kam. dass die Regisseurin mich damals von der straße weg als Hauptdarstellerin engagierte, ist heute völlig unvorstellbar.

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jubilÄums Kampagne

VeRHoeVen es geht mit richtigem schwung weiter. wir

JeaneTTe hain

Die Schauspielerin wuchs in München auf, wo sie auch die Filmhochschule besuchte. Als Schauspielerin sieht man sie sowohl auf der Bühne als auch im Kino und Fernsehen. So spielte sie etwa in „Die Gräfin“, „Gier“ und „Poll“ mit. Jeanette Hain spendete ihr Honorar dem Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern e.V.

ludwig becK „Die Cellistin“ wurde aber ein großer Erfolg. Hain und es war mir schnell klar, dass ich in der schau-

spielerei gefunden hatte, wonach ich suchte. ludwig becK Es geht Ihnen um Selbstfindung?

Hain Um Selbstfindung und Entwicklung des eigenen Stils. ludwig becK Was verbinden Sie mit Stil? Hain guter stil heißt für mich, bei sich zu Hause zu sein. er

muss authentisch wirken. als mädchen bin ich in sachen mode gern gegen den strom geschwommen. meine mutter verbrachte damals ganze Tage mit mir bei ludwig beck. in diesem universum an ideen wurde ich meistens fündig. ludwig becK Stöbern Sie immer noch gern nach Kleidung? Hain wenn ich in münchen bin, gehe ich zu beck. es gibt für mich kein Kaufhaus, das so persönlich, individuell und eigenwillig ist: die musikabteilung, das wunderschöne strumpfhaus, die tolle Kosmetiketage. das Haus verändert sich und geht mit der Zeit, aber immer auf einfühlsame weise.

fangen genau da an, wo wir im ersten Teil aufgehört haben und wirbeln die Figuren ganz schön durcheinander. die Karten werden für jeden mann neu gemischt. ich denke, die Zuschauer werden spaß haben mit den Typen. ludwig becK Welcher dieser Figuren sind Sie am nächsten? VeRHoeVen christian ulmen, der die Rolle von günter spielt, hat beim drehen zu mir gesagt: „das bist alles du.“ er hat sicherlich recht. die eifersuchtsanfälle, der Fußballwahn, die angst vor der schlabberhose, die eine Frau ab einem gewissen Zeitpunkt in der beziehung auspackt – das alles steckt auch in mir oder hat mit meinen erfahrungen zu tun. ludwig becK Was verbinden Sie mit Ludwig Beck? VeRHoeVen als 12-jähriger bin ich nach der schule mit dem bus immer zum marienplatz gefahren, um dort mit meinen Kumpels noch ein bisschen abzuhängen. am Fischbrunnen oder bei ludwig beck. wir sind dann oft in die musikabteilung gegangen, haben cds gehört und uns in dem bistro ein sandwich gekauft. beck ist für mich münchen – volksnah und total unprätentiös.

SiMon VerhoeVen

Der Sohn Senta Bergers und Michael Verhoevens kam früh in Kontakt mit der Filmwelt. Er ist als Schauspieler und auch als Regisseur erfolgreich: „Männerherzen“ (2009) und „Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe“ (2011). Simon Verhoeven spendete sein Honorar der Ambulanten Sozialpädagogik Charlottenburg e.V.

SiMon VerhoeVen

— „Stil ist die art und weise, wie du das chaos der welt in deine form bringst“

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err Verhoeven, wie definieren Sie Stil? VeRHoeVen jeder, der sich und seinen eigenen stil entfalten kann, sollte das als geschenk sehen. meine mutter hat immer gesagt: du musst deinem leben eine Form geben. es geht darum, dass du morgens aufstehst und darum, wie du den Tag beginnst. stil ist die art und weise, wie du das chaos der welt in deine Form bringst. ludwig becK Haben Sie als Regisseur Ihren Stil gefunden? VeRHoeVen grundsätzlich versuche ich, dynamisch, fließend und stimmig zu erzählen. Ich will Filme drehen, die mit Hollywood mithalten können. ich möchte mit kleinen alltäglichen geschichten visuell großes Kino machen und eine welt schaffen, in die der Zuschauer hineingesogen wird. stil ist für einen Regisseur das Kriterium, ob er erfolg hat. ludwig becK Sind Sie unabhängig von der Meinung anderer? VeRHoeVen Definitiv nicht. Ich will schon ein breites Publikum intelligent unterhalten. letztlich kann ich aber nur das machen, was mir selbst gefällt und was mich interessiert. manchmal ist das ein publikumsnaher Film wie „männerherzen“, manchmal vielleicht eher ein arthaus-projekt. ludwig becK Im Herbst 2011 startet die Fortsetzung des Films „Männerherzen“. Was erwartet die Zuschauer?

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ludwig becK

nina ruge

— „Stil ist eine Stimme, die aus dem herzen spricht“

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rau Ruge, wovon handelt heute die große Münchner Gesellschaftskomödie? Ruge auf jeden Fall von interessanten schönheitsoperationen. auch von affären und liebschaften. ludwig becK Sie sind in München geboren und aufgewachsen. Ruge Hört man, oder? (lacht) meine eltern waren beide berliner und haben viel wert auf erziehung und sprache gelegt. Zum essen gehörten bei uns servietten mit serviettenringen. Wenn meine Schwester und ich anfingen, Bayerisch zu sprechen, flogen die schon mal durchs Zimmer. dabei mochten wir den dialekt, weil er so warm ist. ludwig becK Haben Sie eine Münchner Seele? Ruge ja, total. als ich im alter von neun jahren nach braunschweig zog, habe ich gelitten wie ein Hund. das klingt jetzt kitschig, aber dort gab es diesen blauen Himmel nicht und die weißen wölkchen. ich vermisste die klaren Rollen, auch in der schule. in münchen wusste ich sozusagen, wo oben und unten war. während mir in niedersachsen alles so larifari vorkam. da stand man nicht auf, wenn der lehrer mit einem sprach. und es wurde morgens auch nicht die bayerische nationalhymne gesungen. die wärme und dieses bayerisch Verwurzelte – das zu verlassen, ist mir schwer gefallen.

„wenn ich an den klaSSiSchen Münchner denke, kommt mir sofort bernd eichinger in den Sinn: er ließ sich von konVentionen nicht terrorisieren“ ludwig becK Erst 1997 kehrten Sie nach München zurück.

ludwig becK Anderswo gelten Münchner gern als Angeber?

Ruge die stadt hatte sich natürlich verändert. ich musste sie wieder völlig neu entdecken. unter anderem auch ludwig beck. da war für mich die Kosmetikabteilung ein wunderland, weil so viele ausgefallene internationale marken im sortiment waren, und es eine sehr gute beratung gab. mir gefällt auch, dass die waren auf den Tresen offen präsentiert werden. ganz anders als in einigen luxuskaufhäusern, in denen man sich kaum traut, die sachen anzufassen. ludwig becK Andere Frage: Tragen Sie auf der Wiesn Dirndl? Ruge Klar. Ich fände es stillos, im Business-Outfit aufzukreuzen. ludwig becK Hat Stil etwas mit Traditionsbewusstsein zu tun? Ruge Zumindest wird er nicht gesteuert von magazinen. es ist toll, wenn man ein gespür für mode hat, aber man muss versuchen, den richtigen Filter einzusetzen. stil ist eine dialektik zwischen mir und den schwingungen, die um mich herum sind. er ist eine stimme, die aus dem Herzen spricht. ludwig becK Wie sieht der typische Münchner Stil aus? Ruge man genießt es, sich ein wenig Zeit zu lassen. die stilistischen wellen schlagen in münchen nicht so hoch. die bekenntnis zu einem lässigen, aber edlen schick, das ist ein bisschen common sense. leider aber auch die goldknöpfe an den blazern und sakkos. und die einstecktücher.

Ruge sie zeigen selbstbewusster, wenn sie was haben. das

stimmt schon. weil es eben einfach auch viele gibt, die wohlhabend sind. natürlich existieren hier soziale unterschiede, aber sicher nicht so krass wie in berlin beispielsweise. wenn ich an den klassischen münchner denke, kommt mir gleich bernd eichinger in den sinn. er hat für mich den typischen münchner bohemien verkörpert, der ausdrückte: ich lasse mich von Konventionen nicht terrorisieren. ich mache meine eigenen dinger und sprenge dafür, wenn es mir passt, auch jeden Rahmen. ein mann mit großartigem stil. ludwig becK Könnten Sie einen Mann lieben, dem Mode vollkommen egal ist? Ruge sie meinen, der sich schlecht anzieht? damit hätte ich ein problem. da müsste die liebe schon sehr groß sein. nina rUGe

Die in München geborene Nina Ruge arbeitete zuerst als Lehrerin, bevor sie im Fernsehen Sendungen wie das „heute journal“ und „leute heute“ moderierte. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie heute wieder in München. Nina Ruge spendete ihr Honorar den „Netzwerkfrauen“ der LAG Selbsthilfe Bayern.

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scienceFAshion — Als lUdwig beck gegründet

wurde, trugen die meisten Menschen noch Uniform. wie wird sich stil in den kommenden 150 Jahren verändern? Die aktuelle Mode-Vorhersage Von Illustration:

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eisende, die im Jahr 2011 ein Flugzeug von münchen

nach Los angeles besteigen, haben das Gefühl, dass die hightech-maschine sie nicht über den Ozean transportiert, sondern zurückbringt in die Vergangenheit. in der Businessklasse sitzen männer mit schmalen Krawatten und hüten, die Frauen tragen Bleistiftröcke und knallroten Lippenstift. nur die iPads und smartphones, die die Passagiere mit routinierten Fingerstrichen bedienen, beweisen, dass man sich doch nicht in den 50er-Jahren befindet, sondern im Luftraum des 21. Jahrhunderts. ausgelöst wurde der aktuelle retro-Trend von der Fernsehserie „mad men“, welche die irrungen und Wirrungen einer Gruppe von Werbern im new York der frühen 60er-Jahre zum Thema hat. einer Zeit, in der männer noch hüte besaßen und sie auch zuweilen höflich lüfteten, und Frauen Strapse, Korsage und Handschuhe trugen. schon seltsam: hätte man 1950 schulkinder darum gebeten, zu zeichnen, wie sie sich die Kleidung der menschen im Jahr 2011 vorstellen, dann hätten sie vermutlich hautenge Gummianzüge gemalt und silberne Capes. heute, zehn Jahre nach der angekündigten

stil-apokalypse in „2001 – a space Odyssee“ tragen wir immer noch keine Astronautenkleidung, und vom modischen Einfluss der außerirdischen ist auch nichts zu spüren. stattdessen laufen die 30- und 40-Jährigen herum wie ihre Großeltern (nur eben mit iPads und smartphones in der Tasche). die Gegenwart träumt immer von der Zukunft und sucht gleichzeitig in der Vergangenheit nach passenden Zeichen, schnitten und Posen. die evolution der mode und des stils ist deshalb keine lineare entwicklung. nein, da sind Zeitsprünge, rückblenden und Wurmlöcher. Und nur so ist es möglich, dass die menschen des 21. Jahrhunderts plötzlich den stil der frühen 60er-Jahre importieren; eigentlich ja einer prüden Ära, in der der einzelne wenig stilistische Freiheiten hatte. in der Gegenwart, in der man ohne Probleme im T-shirt zum meeting kommen kann, ist der anzug aber kein Zeichen des Konformismus mehr, sondern ein akt der rebellion. so ändern sich die Zeichen und die Zeiten. Es ist deshalb unmöglich, den Modefilm, diese Abfolge aus Bildern, Farben und Gesten, vorzuspulen und darüber zu spekulieren, wie guter stil in 150 Jahren aussehen wird. aber eines ist sicher: mit raumschifftauglichen stretchanzügen und solarzellen-Couture wird es wenig zu tun haben. Guter stil, heißt es, ist zeitlos, und das merkt man daran, dass die Looks von audrey hepburn auch im 21. Jahrhundert auf den Laufstegen und Bürgersteigen immer wieder neu interpretiert werden. der moment, in dem Bianca Jagger vor nun auch schon wieder 30 Jahren auf einem weißen Pferd in einen new Yorker Club einritt, ist uns weniger wegen ihres perfekten Körpers oder des schulterfreien Kleides in erinnerung geblieben, sondern wegen ihrer ausstrahlung, dieser mischung aus mut, ich-stärke und der sensibilität für den augenblick. stil eben. im 19. Jahrhundert war Kleidung weitgehend gleichbedeutend mit Uniform. im 21. Jahrhundert gibt es weniger Konventionen und regeln. das macht das spiel des stils schwieriger – und unglaublich spannend. Im Internet finden sich mehr Kleidungsstücke und informationen, als reale magazine und modeschauen abbilden können. man kann alles sehen und auch alles gleich bestellen. der stil des 21. Jahrhunderts ist durch eine ungeheure Geschwindigkeit gekennzeichnet – und durch Freiheit. Wir haben einen riesigen handlungsspielraum, nehmen zweimal „alt“ und machen daraus etwas neues. Wir mischen teuer, günstig und umsonst. Wir kombinieren die Pelzmäntel der Oma mit Jeans und Turnschuhen, und investieren 1 000 euro in eine Lederjacke, die früher von Punks getragen wurde, heute aber einlass in den begehbaren Kleiderschrank der high society gefunden hat. stil lebt mit uns und in uns und ist schwerer vorauszusagen als das Wetter in Zeiten des Klimawandels. Und eigentlich will man ja auch gar nicht wissen, wie der Modefilm weitergeht, denn es sind ja die Spannung und die ewige suche nach dem richtigen Look für den moment, die den Gang zum Kleiderschrank oder in die Läden so reizvoll machen. den stil der Zukunft gibt es nicht. Wir entdecken ihn immer wieder neu. Jeden Tag und jede minute und auch in der kommenden saison. WÄIS KIANI

Die Autorin wurde in Hessen geboren, ist aber „im Herzen eine Ur-Bayerin“. Als Modekritikerin arbeitet sie für deutsche und internationale Magazine. Zuletzt erschien von ihr als Buch „Nichts anzuziehen! – Geschichten aus dem Kleiderschrank“.

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www.ludwigbeck.de

Das Jubiläums- magazin von Ludwig Beck  
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