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Reportage

Text Barbara Hofmann Fotos David Bittner

Unter B채ren Der Berner Biologe David Bittner reist immer wieder nach Alaska, um das Leben der Kodiak-B채ren zu erforschen und zu dokumentieren. Mit Geduld und Respekt gewinnt er das Vertrauen der pelzigen Riesen.

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in tiefgrünes Tal mit einem mäandernden Flusslauf in der Mitte. Dann, wie eine Insel im grünen Meer, ein Lager mit einem grossen und einem kleinen Zelt. Um das Camp zieht sich ein fünffädiger Elektrozaun. Er soll neugierige Bären abwehren, die sich über David Bittners Vorräte hermachen oder dem Menschengeruch auf den Grund gehen wollen. «Wenn ich an einem neuen Ort das Camp einrichte», erzählt der Berner Biolog­e, «kommen nachts oft Bären vorbei. Im Schutz der Dunkelheit schleiche­n sie um den Elektrozaun.» Reicht denn ein dünner Zaun gegen 500 Kilo Bär? «In der Regel wittern sie die Gefahr. Aber manchmal berührt ein Bär mit seiner feuchten Nase den feinen Draht – und be­ kommt dann einen schmerzhaften Schlag. Das tut mir in der Seele weh, aber anders geht es nicht.» Eine denkbar gefährliche Konstellation

völlig ausgepumpt. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu, als der Bach sich endlich verengte, das Wasser tiefer wurde und das Schlauchboot frei schwimmen konnte. Erschöpft legte Bittner sich hinein. Zu ausgelaugt, um sich um seine Route zu kümmern, liess er sich einfach treiben. «Ich war einfach fertig, am Ende meiner Kräfte», sagt er rückblickend. Doch plötzlich wurde er knallwach: Das Boot trieb um eine Flussbiegung und Bittner erblickte drei Bärenjunge – und kurz darauf auch die Mutter. Das Boot befand sich genau zwischen dem Muttertier und den Jungen, eine denkbar gefährliche Konstellation. Gerade noch hoffte David Bittne­r, unbemerkt an den Bärenwelpen vorbeitreiben zu können, als sich ein Junge­s umdreht­e, ihn entdeckte und erschrocken schnaubte. Die Bärenmutter jagte sofort in mäch­ tigen Sprüngen auf ihn zu. David Bittner sprang aus dem Boot und versuchte, die erzürnte Bärenmutter zu beruhigen: «Easy mama, easy mama.» Beim Versuch, sich rückwärts zurückzuziehen, die Hände schützend vors Gesicht erhobe­n, rutschte er aus und stürzte rücklings ins Wasser. Die Bäri­n richtet­e sich über ihm auf, brüllte ihn an und ver­ passte ihm mit der Pranke einen Hieb gegen den Fuss und riss ein Loch in Bittners Fischerstiefel. Mit den Armen ver­ suchte Bittne­r, seinen Kopf zu schütze­n. Nur langsam beruhigte sich die Bärenmutte­r und kehrte zu ihren Jungen zurück, die am Ufer ängstlich schnaubten. Gerade als Bittne­r hoffte, es sei vorbei, drehte sich die Mutter um und stürmte erneu­t auf ihn zu. «Ich schloss die Augen, kauerte mich zusammen, die Arme wieder vor dem Gesicht.» Wasser spritzte auf, als die Bärin in den Bach sprang. Kurz vor Bittner stoppte sie und brüllte nochmals ohrenbetäubend. Dann drehte sie sich um und kehrte zu ihren Jungen zu­ rück. Vereint flüchtete die Bärenfamilie schliesslich ins Erlengebüsch.

Die Bärin richtete sich über David Bittner auf, brüllte und verpasste ihm mit der Pranke einen Hieb gegen den Fuss.

Dass sich David Bittner den Bären verschrieben hat, ist erstaunlich, denn ausgerechnet mit einem Bären­angriff begann seine Leidenschaft. Bittne­r, der damals über Lachse forschte, war früh am Morgen von seinem Camp aufgebrochen, um entlang eines Baches zu einem grösseren Fluss zu gelange­n. Das Wasser im Bach war sehr seicht, so dass er sein Schlauchboot, in welchem er die Ausrüstung transportierte, bachabwärts schleifen musste. Stundenlang zerrte er das Boot über Steine und Kies. Irgendwann begann er zu fürchten, dass er sein Ziel nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würde. Im Schlauchboot zu übernachten schien ihm zu risikoreich. Um sich herum sah Bittner zahlreiche Bären, die Buckellachse fischten. David Bittner hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und wenig getrunken und war

Mit dem Kajak findet David Bittner seine Basecamps, in denen er mehrere Monate verbringt. Manchmal kommt Freundin Cécile mit.

Lachs sei Dank: Die Aufmerksamkeit der Bären gilt eher den fetten Fischen als dem höflichen Zweibeiner.

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Von wild bis mild: David Bittners Fotos und Filme zeigen die ganze Vielfalt des Bärenlebens auf Kodiak Island.

Zwei Rezepte für Lachs-Sushi: fein filetiert an Reis und Sojasosse – und die Fastfood-Variante ohne Beilagen.

Der Angriff belastete David Bittner körperlich und seelisch schwer, er wollte nur noch zurück in die Zivilisation. Aber der Buschpilot würde ihn wie ver­ abredet erst in einigen Wochen abholen – und ein Satellitentelefon oder Funkgerät hatte David Bittner nicht dabei. Wohl oder übel würde er noch eine lange Zeit unter Bären verbringen müssen.

Cécile kommt gerade aus Alaska zurück. David wird die kommenden Monat­e dort alleine verbringen. Was sagt Cécile über den «Bärenmann»? «Was mich immer wieder fasziniert, und was letztlich Davids Nähe zu den Tieren ermöglicht, ist seine unendliche Ruhe und Geduld – auch seine Friedfertigkeit. Er wird einfach nie ärgerlich oder wütend», erzählt sie. Die Bären spüren das und wagen sich sehr nahe an ihn heran. In der Wildnis ernährt sich der Biologe grossteils von dem, was die Natur zu bieten hat. Beeren und Muscheln, vor allem aber frischer Fisch. Lachs­e und Saiblinge gibt es in den Flüssen zuhauf. Mit dem Kajak kann er auch im offenen Meer angeln. Die Gewässer in Alaska sind berühmt für ihre Heilbuttbestände und einzelne Exemplare können sehr gross werden. Ein­ mal zog David Bittner einen 30 Kilo schweren Heilbutt aus dem Wasser – frischer Fisch für über eine Woche. Den Fisch isst Bittner gern als Sushi, den Reis dazu hat er dabei. Das Frühstück besteht meist aus Haferflocken und Erdnussbutter. Diese Lebensmittel ziehen natürlich die Bären mit ihre­n feinen Nasen magnetisch an. «In den Ratgeber-Büchern steht ja oft, dass man seine Vorräte bärensicher in die Bäume hängen soll. Nur leider gibt es rund um mein Camp keine Bäume», lacht David. Um die Gerüche zu minimiere­n, verpackt er sämtliches Essen doppelt in Gefrierbeutel und dies­e wiederum in bärensicheren Containern.

Aus Schock wird Faszination Aber vielleicht gerade weil ihm die Möglichkeit zur schnellen Flucht ge­ nommen war, überwand David Bittner den Schock und begann, über den Vorfall nachzudenken. Ihm wurde klar: Was da passiert war, war die natür­ lichste Sache der Welt. Eine Mutter sah ihre Kinder unter einer grossen und unbekannten Gefahr – und verteidigte sie dagegen. Etwas, das jede

Ein Elektrozaun ums Basecamp sorgt für bärenfreie Nachtruhe.

Menschenmutte­r auch tun würde. David Bittner begriff, wie empfindsam Bären sein müssen, um so zu reagieren – und plötzlich wandelte sich die Angst in Faszination. Diese Faszination hält bis heute an – und David Bittner ist ein «Bärenmann» geworden. Sein Revier sind die abgelegenen Buchten und Täler im Südwesten von Kodia­k und entlang der Katmai-Küste. Gegenden, die ausschliesslich über den See- oder Luftweg zu erreichen sind. Für die jährlichen Exkursionen lässt sich David Bittner mit einem Wasserflugzeug einfliegen und schlägt irgendwo in der Wildnis sein zaunbewehrtes Basislager auf. Bei zwei Reisen hat ihn seine Freundin Cécile begleitet. Kennengelernt habe­n sie sich, als Cécile einen begeisterten Kommentar zu einem von David­s Artikel­n schrieb. Danach dauerte es nicht lange, bis die gemeinsame Liebe zur Natur und den Bären noch ein anderes Gefühl wachsen liess.

Gruscha und Balu sind persönliche Bekannte David Bittner ist in Alaska oft über Monate hinweg allein. Wie hält man diese Einsamkeit aus? «Einsam bin ich nie – ich habe schliesslich die Bären um mich herum», sagt er, «ausserdem ist die Tierbeobachtung allein am intensivsten.» Das oft wochen- und monatelange Ausharren sieht Bittner als Voraus­ setzung für seine Begegnungen, Foto- und Filmaufnahmen. «Ich muss eine gewisse Zeit in derselben Gegend verbringen. Anfangs bleibe ich stets gut sichtbar im offenen Gelände. Gerade bei der ersten Begegnung darf man die Bären nicht ängstigen. Mit viel Geduld und bärengerechtem Verhalten gewöhnen sich die Tiere dann an meine Präsenz und kommen näher.» Grundsätzlich nähert sich David Bittner den Bären nicht, sondern lässt die Tiere auf sich zukommen. «Die Bären sollen selbst entscheiden, wie nahe sie mir kommen wollen. Bei fünf Metern reicht es mir dann aber auch und ich gebe dem Tier zu verstehen, dass es mein Territorium verletzt. Da reicht ein ‹Hey!› meist aus.» Im Lauf der Zeit lernt David die Bären bei den täglichen Begegnungen sozusage­n persönlich kennen. «Jeder Bär hat seinen Charakter und sein­e Gewohnheiten. Wenn ich denselben Bären immer wieder antreffe und einig­e Erlebnisse mit ihm hatte, gebe ich ihm einen Namen: Rosie, Bala, Bruno, Berta, Lili, Balu, Gaja, Struppi, Carla, Gruscha – das sind alles

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gute Bekannte. Besonders ans Herz gewachsen sind mir zwei Bärinnen – eventuel­l Schwestern –, die zusammenleben und unzertrennlich sind.» «Bärenmann» David Bittner scheint die richtige Mischung aus Respekt und Vertrauen gefunden zu haben. Einen Notfallsender hat er jetzt immer da­ bei, aber noch nie gebraucht. Vielleicht überwiegt inzwischen sogar das Vertrauen. So beschreibt der Biologe Christian Kropf, der David auf einer Reise begleitete, wie sie beinahe über einen schlafenden Bären stolper­ ten: «Der lag da und schlief. Wir waren so in eine Diskussion vertieft, dass wir ihn nicht bemerkten». Die Sache ging gut aus. Auf der anderen Seite schildert Christian Kropf auch den geschärften Sinn Bittners für die Bären: «Er sieht Bären schon weit voraus oder in einem völlig undurchdringlichen Dickicht. Er spürt sie förmlich, auch wenn er sie nicht sieht – fast so, als wäre er selber einer.»

4-Seasons Info

Mehr von David Bittner David Bittner berichtet über seine Bärenreise­n in Büchern und Filmen, zudem stehen eine Ausstellung und eine Vortragstournee an. Auch beim Transa Winterfestival ist er zu Gast.

Ausstellung «David & Kodia­k»: ab 24. November 2009 im Natur­historischen Museum Bern mit Fotos, Filmdokumenten, Ausrüs­tung und Reiseberichte­n. Dazu gibt‘s jede Menge Begleitveranstaltungen: Abendführungen mit David Bittner und weiteren Bären-Experten, Vor­ träge, Aktionen für Kinder und Schulklassen und vieles mehr. Infos: www.nmbe.unibe.ch. Buchvernissage: Ebenfalls am 24. November 2009 (im Rahmen der Ausstellungseröffnung) stellt David Bittner das neue

Buch «Der Bär – zwischen Wildnis und Kulturlandschaft» vor. Vortragstournee: Im Januar 2010 startet eine sechs­wöchige Vortragstour und Multivisionsshow durch die Deutschschweiz (Infos und Termine unter www.explora.ch). Tipp: Am 6. Februar 2010 zeigt David seine Show unter freiem Himmel – beim Transa Winterfestival (siehe S. 22). Online: News, Termine und Hintergrundinfos gibt es stets aktuel­l auf David Bittners Websit­e: www.kodiak.ch.


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