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Nimmt die Tribschenstadt Luzern charakteristische und funktionale Eigenschaften nach Aldo Rossi auf? Hochschule Luzern, Abteilung Technik & Architektur, Horw Studienarbeit ÂŤDie Architektur der StadtÂť Horw, 09. Januar 2012


Nimmt die Tribschenstadt Luzern charakteristische und funktionale Eigenschaften nach Aldo Rossi auf? Michael Weber Panoramaweg 11 6340 Baar 078 718 30 29 michael.weber@stud.hslu.ch Yannick Bucher Alpenblick 1 6024 Hildisrieden 079 517 91 87 yannick.bucher@stud.hslu.ch Dozenten: Susanne Kothe, Gregor Imhof Horw, 09. Januar 2012 Abteilung: Architektur


Inhaltsverzeichnis Abstract 7 1.0 Einleitung

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2.0 Aldo Rossi

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2.1 Zum Leben und Werk von Aldo Rossi

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2.2 Die Architektur der Stadt von Aldo Rossi

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2.3 Grenze eines Stadtviertels

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2.4 Weiterentwickelte Baukomplexe

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2.5 Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt?

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2.6 Wohnhaus wie auch Wohnviertel als charakterisierendes Werk eine Volkes (Sitten, Geschmack, Bräuche)

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2.7 Faktoren für ein erfolgreiches Wohngebiet

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3.0 Die Tribschenstadt Luzern

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3.1 Kann die Grenze der Tribschenstadt Luzern nach Merkmalen von Aldo Rossi definiert werden?

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3.2 Ist der Typus der Tribschenstadt eine weiterentwickelte Form wie sie in der Stadt Luzern vorkommt?

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3.3 Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt?

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3.4 Wohnhaus als charakterisierendes Werk eines Volkes

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3.5 Faktoren für ein erfolgreiches Wohngebiet

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4.0 Schlusswort

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5.0 Abbildungsverzeichnis

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6.0 Quellenverzeichnis

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6.1 Literaturverzeichis

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6.2 Bild- / Grafikverzeichnis

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7.0 Redlichkeitserklärung

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Abstract In der heutigen Zeit werden weltweit immer mehr Stadtteile in andere Nutzungsarten umstrukturiert. So auch in der Schweiz wie zum Beispiel das Hürlimann-Areal in Zürich, das Schleife-Areal in Winterthur, Neu Oerlikon in Zürich Nord oder auch die Tribschenstadt in Luzern. Dieses erfolgreiche Phänomen wird in der vorliegenden Schreibarbeit anhand von einzelnen Aspekten zu Aldo Rossis Literatur «Die Architektur der Stadt» analysiert. Daraus entstand die folgende Fragestellung: «Nimmt die Tribschenstadt Luzern charakteristische und funktionale Eigenschaften nach Aldo Rossi auf ?». Basierend auf dieser Frage werden Teilbereiche wie die Abgrenzung eines Stadtteils, die Weiterentwicklung eines Bautyps, die Bedeutung eines Stadtzentrums oder inwiefern ein Stadtteil erfolgreich sein kann, geklärt. Nach einer Auseinandersetzung mit der Literatur und der Begehung des Stadtviertels, werden die oben erwähnten Teilbereiche untersucht. Die Erkenntnisse dieser Schreibforschung sind, dass solche neuerrichteten Stadtviertel teilweise den Vorstellungen und/oder Anforderungen Aldo Rossis entsprechen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Stadtteile nach seinen Postulaten funktionieren können, jedoch nicht zwingend müssen.

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1.0 Einleitung Die Studierenden der Hochschule Luzern, Abteilung Technik & Architektur Horw, haben im Modul Studienarbeit ein individuelles Thema ausgewählt, welches ein grosser Bestandteil des Herbstsemesters darstellt. Die Studierenden der vorliegenden Arbeit haben sich in diesem Zusammenhang intensiv mit dem Buch «Die Architektur der Stadt» von Aldo Rossi auseinander gesetzt. Das primäre Ziel der Arbeit ist, eine Fragestellung zu Aldo Rossis Literatur zu definieren, welche den Arbeitsumfang eingrenzt. Die Zielformulierung beantwortet die Frage: «Nimmt die Tribschenstadt Luzern charakteristische und funktionale Eigenschaften nach Aldo Rossi auf ?». Die Resultate der primären Fragestellung sind, dass wir uns in den Bereichen des Areals, der Stadt- sowie Wohnviertel vertiefen um die Tribschenstadt Luzern anhand dieser Erkenntnisse zu analysieren. Präziser formuliert, werden Fragen wie: - Kann die Tribschenstadt Luzern anhand von Merkmalen nach Aldo Rossi eingegrenzt werden? - Ist der zu analysierende Stadtteil eine harmonische Weiterentwicklung der bestehenden Bausubstanz Luzerns? - Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt? - Kann ein Wohngebiet die Charakteristiken einer Bevölkerung widerspiegeln? - Kann die Tribschenstadt erfolgreich werden? Im ersten Teil der Arbeit wird dem Leser Aldo Rossi und sein Buch «Die Architektur der Stadt» vorgestellt sowie Fakten über das Wohngebiet „Tribschenstadt Luzern“ vermittelt. Weiter werden die oben erwähnten Fragestellungen anhand der Literatur erläutert. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Tribschenstadt anhand der Erkenntnisse analysiert. Im Schlusswort werden schliesslich die verschiedenen Fragestellungen beantwortet. Die gesamte wissenschaftliche Arbeit basiert auf der Literatur «Die Architektur der Stadt» von Aldo Rossi.

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1 Skizze der Espresso-Maschiene «La Cupola» welche Aldo Rossi für die Desingfarbik Alessi entwirft 10


2.0 Aldo Rossi 2.1 Zum Leben und Werk von Aldo Rossi Der italienische Architekt Aldo Rossi wurde 1931 in Mailand geboren und studierte in der Zeit von 1949-1959 an der Architekturfakultät des Polytechnikums von Mailand. Noch während seiner Studienzeit schrieb er für die italienischen Architekturzeitschriften «Il Contemporaneo» und «Casabella Contiunuità» bei denen er zwischen 1960-1964 das Amt des Chefredakteurs annahm.1 1966 brachte er sein in der Architekturszene hoch angesehenes Buch «L’architettura della città» auf den Markt. In diesem Buch setzte er sich mit der Stadt als einem historischen und kulturellen Artefakt auseinander. Wie es im Untertitel der deutschsprachigen Ausgabe von der «Architektur der Stadt» heisst, versteht Aldo Rossi seine Texte als «Skizze zu einer grundlegenden Theorie des Urbanen».2 Im gleichen Jahr als sein Buch erschien, wurde Aldo Rossi an der Mailänder Architekturfakultät Professor. Dieses Amt behielt er bis 1972, als er Lehrbeauftragter der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich wurde.3 Zu seinen nennenswerten Bauten gehören die Wohnsiedlung Gallaterese in Mailand, das Theater del Mondo in Venedig und das Bonnefanten Museum in Maastricht. 1988 gewinnt Aldo Rossi den bedeutenden Architekturwettbewerb für den Bau des historischen Museums in Berlin, der jedoch nie realisiert wird. In seinen letzten Lebensjahren plante er mehrere Gebäude am Leipziger Platz in Berlin, welche jedoch durch seinen unterwarteten Tod 1997 nie ausgeführt wurden.4 Aldo Rossi war nicht nur ein berühmter Architekt. Er machte sich auch als Designer einen ernstzunehmenden Namen. Seine bekanntesten Designobjekte sind die Espresso-Maschinen «La Conica» und «La Cupola» sowie die Tischleuchte «Prometeo», die er allesamt für die italienische Designfabrik Alessi entwarf.5 Durch seine berühmten Arbeiten und Schriften wird Aldo Rossi zu einem der bedeutendsten Theoretiker der postmodernen Architektur. Sieben Jahre vor seinem Tod wurde er als bisher erster Italiener für sein Lebenswerk mit dem namhaften Pirtzker-Preis ausgezeichnet.6

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2.2 Die Architektur der Stadt von Aldo Rossi Die zentralen Themen des 1973 auf Deutsch übersetzten Buches befassen sich mit dem städtebaulichen Kontext, den verschiedenen Bautypologien und ganz wesentlich mit den Erinnerungen, die in einer Stadt oder einzelnen Bauten ihre Bedeutung verleihen. Wie er in einem Zitat schreibt: «Insofern diese künstliche Heimat gebaute Form ist, wohnen ihr aber auch Werte, insbesondere die Permanenz und das Gedächtnis, inne. Die Stadt lebt in ihrer Geschichte». (Rossi, 1973, S. 23). Im Buch versteht Aldo Rossi die Stadt über ihren geschichtlichen Erinnerungswert hinaus als ein kollektives architektonisches Kunstwerk und will damit die formale und ästhetische Lesart der Stadt verdeutlichen. Er zitiert: «Erst die Feststellung, dass städtebaulich Tatbestände ihrer Natur nach Ähnlichkeit mit Kunstwerken haben, und vor allem der Hinweis auf ihren kollektiven Charakter brachte uns ihrem Verständnis näher». (Rossi, 1973, S. 25). Aldo Rossi verwendet in seiner Argumentation vor allem immer wieder die Beispiele der Denkmäler, die sogenannten permanenten Elemente, welche durch ihre langandauernde Präsenz die Qualität eines Ortes prägen. Diesen Charakter weist er auch anderen Elementen wie zum Beispiel Strassenzügen oder den Grundrissen einer Stadt zu. Diese Elemente sind als Teil der kollektiven Erinnerung zentrale Bestandteile einer Stadt und können durch ihre Präsenz als Koordinationspunkte einer weiteren Stadtentwicklung dienen. Weiter zitiert er: «Dabei müssen wir uns vor Augen halten, dass vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus die Vergangenheit – im Gegensatz zur Zukunft – zum Teil in der Gegenwart zu erfahren ist. Permanenz im Städtebau kann deshalb in diesem Sinne als Vergangenheit, die wir heute erfahren, gedeutet werden.» (Rossi, 1973, S. 56) Wie Aldo Rossi beschreibt, kann sich die Funktion mancher Bauwerke im Laufe der Zeit verändern. Die Bauwerke selbst jedoch können als bedeutungsvoller Bestandteil der Stadt erhalten bleiben und Rossi ergänzt dabei: «Ich möchte deshalb behaupten, dass eine funktionale Deutung städtebaulicher Elemente von der Untersuchung der Formen abhält und die Erkenntnis der wirklichen architektonischen Gesetze verhindert.» (Rossi, 1973, S. 56). Was er im Buch zusätzlich erwähnt, ist die Umschreibung der Funktion einer Stadt. Für Aldo Rossi ist deren Funktion nicht die strikte Trennung der städtischen Funktionen Wohnung, Arbeit, Erholung und Verkehr. Vielmehr lehnt er die naive Konzeption des Funktionalismus 13


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ab, dem zufolge die Funktion die Form und damit eindeutig Städtebau und Architektur bestimmen. Der Funktionalismus versteht die Form als ein Organ, dessen Funktion tatsächlich seine Gestalt und Entwicklung bestimmt. Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Arbeit von Aldo Rossi mit verschiedenen europäischen Arbeiten der Stadtanalyse zusammenhängt und so die neue, und vor allem auch eine historisch erweiterte Betrachtungsweise zum Ziel hatte.

2.3 Grenze eines Stadtviertels Aldo Rossi bezieht sich in seinem Buch auf Tricarts Nomenklatur, indem er sagt, dass der bisher entwickelte Begriff des Areals eng mit jenem des Stadtviertels verbunden ist.7 Dabei scheint ihm aber die Betrachtung des Distrikts besser zu passen. Er geht davon aus, dass die Stadt ein räumliches System ist, das aus mehreren Teilen von besonderen Eigenarten besteht.8 Um den Begriff des Distrikts noch ein wenig präziser zu definieren, bezieht er sich auf die Theorie von Schumacher, der ein weiterer Theoretiker dieses Fachgebiets ist. Schumacher sagt, dass der Distrikt oder das Stadtviertel ein Bestandteil der Stadtgestalt ist, der mit ihrer Natur und ihrem Schicksal eng verbunden ist und teilweise nach ihrem Bild erbaut wurde. Oder auf eine andere Weise gesagt sind die Stadtviertel für die Gesellschaft strukturelle Einheiten, die durch eine bestimmt Stadtlandschaft in einer bestimmten Funktion die soziale Bewohnerschaft charakterisieren und definieren. Nach Aldo Rossi verläuft deshalb die Grenze eines Stadtviertels dort, wo die charakteristischen Merkmale einer Gesellschaftsschicht verändert werden.9 Weiter erklärt Aldo Rossi den Begriff Stadtviertel so, dass die Grenze auf einer Klassen- oder Rassentrennung beruht, die eine bestimmte schichtspezifische wirtschaftliche Funktion charakterisiert. Dabei ist er der Meinung, dass die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Stadtviertel nicht sehr gross ist, sondern dass sie relativ autonom sind und so etwas wie eine eigene Stadt innerhalb einer Gesamtstadt darstellen.10 Im Unterschied zu anderen grossen Theoretikern auf diesem Gebiet sieht Aldo Rossi keine eindeutigen Grenzen zwischen einzelnen Stadtvierteln. Die Theorie wie sie zum Beispiel von Park und Burgess dargestellt wird, kritisiert er. Um ein Beispiel zu nennen, teilen Park und Burgess Chicago in eindeutig zuweisbare Gebiete auf, indem sie zwischen verschiedenen Nationalitäten wie Deutschen, Schweden oder 15


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Volksgruppen wie Juden unterscheiden. Diese Vorgehensweise kritisiert Aldo Rossi, denn für ihn ist die Stadt eine Verflechtung einzelner Stadtteilen die man nicht eindeutig zonieren kann.11 2.4 Weiterentwickelte Baukomplexe Die Wiener Stadtgestalt als weiteres Beispiel resultiert aus der Wohnungsnot um die Jahrhundertwende. Die Innenstadt von Wien entwickelte sich durch verdichtetes Bauen und mehrgeschossige Gebäude. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als die Arbeitersiedlungen entstanden, wendete man das Prinzip an, das Wohnungsproblem zu einem determinierenden Faktor zu machen. Die Stadt Wien sah zu dieser Zeit vor, vor allem typische Baukomplexe zu errichten, deren Erscheinungsbild weitmöglich mit der bestehenden Gestalt harmonisiert.12 Peter Behrens, ein Vorreiter der sachlichen Architektur im 20. Jahrhundert, kritisierte diese Vorgehensweise der Stadt Wien. Er bemerkte, nichts sei so wechselhaft und verschiedenartig wie die Bedürfnisse, Gewohnheiten und Lebensumstände einer Bevölkerungsgruppe, die in einem bestimmten Stadtgebiet wohnt.13 In der weiterführenden Arbeit wird untersucht, ob die Typologie der Tribschenstadt Luzern ein weiterentwickelter Baukomplex der Stadt ist oder ob das neue Stadtviertel auf die Umstände und Bedürfnisse der anwachsenden Generation abgestimmt wurde. 2.5 Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt? Damit die Entstehung und Weiterentwicklung einer Stadt erklärbar wird, müssen genaue und fixierte Elemente hinzukommen, die den Siedlungskern ausmachen. Diese städtebaulichen Phänomene, die den Bestandteil einer Stadt darstellen und permanent an deren Entwicklung teilhaben, bezeichnet man als primäre Elemente.14 Gemäss Aldo Rossi hat die Stadt drei Grundfunktionen: Die Wohnfunktion, die Verkehrsfunktion und die fixed activites-Funktion mit öffentlichen Gebäuden und Geschäftsbauten, Krankenhäusern, Schulen, Universitäten und ähnlichen Dienstleistungsbetrieben, die die städtische Infrastruktur darstellen. Wenn man die primären Elemente einer Stadt oder eine Stadtteils erkennt und die Synthese aus Funktion und Bedeutung darstellt, kann man so das Zentrum einer Stadt oder eines Stadtviertel definieren. Das Zentrum spielt für das Leben einer Stadt oder eines Stadtteils eine wichtige Rolle.15

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2.6 Wohnhaus wie auch Wohnviertel als charakterisierendes Werk eine Volkes (Sitten, Geschmack, Bräuche) Die Wohngebiete sind ein wesentlicher Bestandteil aller Städte und dürfen nicht ohne feste Gestalt betrachtet werden, die ohne weiteres zu verändern ist. So ist die Form der Wohnbauten ein wichtiger Bestandteil der Stadtgestalt, da ein bestimmter Haustyp einen konkreten Ausdruck der Lebensweise einer Bevölkerung darstellt und somit eine Kultur ausdrückt. So zitiert Aldo Rossi Viollet – Le – Duc : «Von allen Werken der Architektur ist das Wohnhaus ohne Zweifel dasjenige, das Sitten, Geschmack und Bräuche eine Volkes am deutlichsten charakterisiert. Die Organisation eines Wohnhauses wird nur sehr langsam verändert und bleibt lange erhalten.» (Rossi, 1973, S. 57)

2.7 Faktoren für ein erfolgreiches Wohngebiet Gründungen neuer Wohngebiete können nur dann erfolgreich sein, wenn sie ausreichend mit passenden öffentlichen Dienstleistungen und Gemeinschaftseinrichtungen versorgt werden, denn nichts ist so wechselhaft und verschiedenartig wie die Bedürfnisse, Gewohnheiten und Lebensumstände einer Bevölkerungsgruppe, die in einen bestimmten Stadtgebiet wohnen.16

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2 Ăœbersichtskarte Luzern 20

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3.0 Die Tribschenstadt Luzern Das Gebiet der heutigen Tribschenstadt ist im Mittelalter allmählich durch Bauernhöfe, Herrensitze, Pächterhäuser und Scheunen bebaut worden. Erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begann der Luzerner Stadtrat das Land im damaligen Tribschenmoos sukzessive zu verkaufen, damit darauf Büros, Gewerbegebäude und Hallen für die städtischen Verkehrsbetriebe errichtet werden konnten.17 In den Achtzigerjahren erklärte der Stadtrat von Luzern die Absicht, das zentrumsnahe Werkhofareal besser zu nutzen. Damit sollte das steigende Verkehrsaufkommen abgebremst und der Bevölkerungsrückgang gestoppt werden. Als man für den Werkhof ausserhalb der Stadt einen geeigneten Platz fand, wurde die Idee mit dem Bebauungskonzept konkreter. 1997 wurden nach einer öffentlichen Ausschreibung fünf Investoren ausgelesen, welche mit der Stadt einen Projektwettbewerb organisierten. Dabei wurden der haushälterische Umgang mit Bauland und die hohe Wohnqualität besonders berücksichtigt.18 In unmittelbarer Nähe zu See und Stadtzentrum wurden 2003 die ersten Wohnungen der Tribschenstadt Luzern bezogen. Die acht neugebauten Komplexe enthielten über 200 Mietwohnungen, ca. 100 Eigentumswohnungen und mehrere hundert Quadratmeter an Gewerbeflächen.19 Die Konzeptidee des Gebäudes, das durch die GMT Architekten entworfen wurde, ist eine Insel, die aus zwei identisch grossen L-Winkeln besteht. Durch diese Gebäudewinkel wird ein grosser Innenhof geschaffen, welcher durch Bäume akzentuiert wird. Die massiven, in Klinkerstein gemauerten und strassenseitigen Fassaden vermitteln eine Privatsphäre, die durch die Erhöhung des Innenhofes noch zusätzlich verstärkt wird. Im Bauvolumen befinden sich in den Längsseiten und im südlichen Querbau Geschosswohungen, während der nördliche Querbau aus Maisonettewohnungen sowie vereinzelt auch aus Ateliers besteht.20

3.1 Kann die Grenze der Tribschenstadt Luzern nach Merkmalen von Aldo Rossi definiert werden? Aldo Rossi bezieht sich in dem Kapitel „Areal und Stadtviertel“ auf Schumacher, der besagt, dass das Stadtviertel ein Bestandteil der Stadtgestalt ist, das mit ihrer Natur und ihrem Schicksal eng verbunden ist und teilweise nach ihrem Bild erbaut wurde.21

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Innenhof

Durchbruch

Innenhof

3 Typischer Fussabdruck einer Blockrandbebauung mit Innenhof 4 Typologie eines Baukomplexes der Tribschenstadt mit Innenhof und Fassadendurchbruch 22

Strasse / Weg

Strasse / Weg

Strasse / Weg

Strasse / Weg

Durchbruch

Strasse / Weg

3

4

Strasse / Weg

Strasse / Weg

Strasse / Weg


Wenn man zurückschaut und das Gebiet der heutigen Tribschenstadt analysiert, erkennt man, dass im Mittelalter eine durchmischte Bebauungszone mit Höfen und Herrenhäusern bestand und zuletzt der Werkhof der Stadt Luzern an Ort und Stelle angesiedelt war. Da der Werkhof der Stadt den Industriebauten zugeordnet wird, entspricht der neue Stadtteil nicht der Natur und dem Schicksal, welche durch dieses Gebäude vorgegeben wird. Die jetzt bestehende Bebauung hat nichts mit einer Industriezone gemeinsam. Heute wohnen in diesem Gebiet vorwiegend Familien und daneben gibt es noch wenige stille Gewerberäume wie Ateliers von Architekten, Fotografen oder Grafikern. Wenn man jedoch einen weiteren Schritt zurück geht und auf die ursprüngliche Nutzung des gesamten Gebietes zurückgreift und beachtet, dass zu dieser Zeit vorwiegen Herren- und Pächterhäuser angesiedelt waren, trifft dies mehr auf die Natur und das Schicksal des Tribschen-Gebietes zu. Der frühere Werkhof der Stadt ist jedoch nicht ein Schandfleck für dieses Gebiet. Es kann durchaus behauptet werden, dass der Hof dem Zweck der Bauernhöfe und Scheunen entspricht, die früher auf dem Areal standen. Wurde die Tribschenstadt nach dem Bild der Stadt Luzern erbaut? Um diese Fragestellung zu untersuchen muss definiert werden, wie sich das Bild der Stadt gestaltet. Ist es die Einteilung der Fassadenflächen mit den Fenstern, die von bestehenden Bauten übernommen wird und somit mit der Umgebung harmonisiert? Gibt es typologische Verwandtschaften in mittelbarer und unmittelbarer Nähe? Von Bedeutung für die vorliegende Arbeit ist die Typologie, die sich den umliegenden Gebäuden anpasst und somit Eigenschaften kopiert. Wie fügt sich der Typus der Tribschenstadt in ihre Umgebung ein? Der Typus eines einzelnen Baukomplexes der neu gebauten Tribschenstadt kann so definiert werden, dass sich jeweils zwei gebaute L-Winkel gegenüberstehen und somit einen grosszügigen Innenhof bilden, der zwei gebäudehohe Tore zur Aussenwelt aufweist. Die Betrachtung des Situationsplans über einen grossen Teil der Stadt Luzern zeigt auf, dass in unmittelbarer Umgebung kein derartiger Typus besteht. In der Nähe gibt es vorwiegend grosse Bauten. Nur wenige Gebäude schaffen mit ihrer spezifischen Anordnung Innenhöfe, die der Art der Tribschenstadt ähnlich ist. Ein weiterer dominanter Bautyp in unmittelbarer Nähe ist der Verzettelte, der nicht exakt einer geometrischen Form zugeordnet werden kann. Die mittelbare Umgebung, speziell das heutige Hirschmatt- oder auch Neustadtquartier, zeigt nähere Verwandtschaften mit dem Typus der Tribschenstadt auf. In den Gründerzeiten ist vermehrt der Bautyp der Blockrandbebauung aufgekommen. Dieser hat die Eigenschaften, dass er mit seiner von aussen betrachtet massiver Bauweise Strassenschluchten bildet und durch die Randbebauung des Grundstückes einen grosszügigen Innenhof generiert. Somit könnte der Bautyp der Tribschen23


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5-6 Impressionen der Tribschenstadt in Luzern 24

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stadt eine Weiterentwicklung der Blockrandbebauung sein. Ein weiteres Merkmal, durch das Aldo Rossi einen Stadtteil definiert, ist, dass die Stadtviertel für die Gesellschaft strukturelle Einheiten sind, die durch eine bestimmte Stadtlandschaft in einer spezifischen Funktion die soziale Bewohnerschaft charakterisieren. Einfacher gesagt verläuft die Grenze eines Stadtviertels dort, wo die charakteristischen Merkmale einer Gesellschaftsschicht verändert werden.22 Es stellt sich die Frage, ob die Tribschenstadt das Ausmass eines Stadtviertels einer Grossstadt wie Chicago hat. Natürlich ist das zu analysierende Stadtgebiet weniger gross. Es kann aber behauptet werden, dass man die Tribschenstadt über die charakteristischen Eigenschaften dieser Bevölkerungsgruppe ziemlich genau eingrenzen kann. Man kann dabei aber nicht auf die Methode wie sie Park und Burgess praktizieren zurückgreifen. Diese zonieren eine Stadt nach der Nationalität der Bewohner ein. Es ist eine vage Behauptung, dass man das Zonieren nach Nationalitäten bei einer heutigen Stadt nicht mehr durchführen kann. Die heutigen Städte sind in einer Art durchwoben, dass man nicht mehr exakt zwischen Schwarz und Weiss unterscheiden kann. Ein weiterer Faktor, weshalb das Zonieren in dieser Weise auf die Tribschenstadt angewendet werden kann, ist der, dass das Gebiet nicht die Ausmasse einer Grossstadt wie Chicago oder New York hat. Obwohl Aldo Rossi das Zonieren nach Park und Burgess kritisiert, ist es sinnvoll, das Zonieren auf eine andere Weise anzuwenden. So hat man die Möglichkeit, die Tribschenstadt mehr oder weniger abzugrenzen. Da das bebaute Gebiet in eine Mischzone zwischen Gewerbe und Wohngebiet liegt, können die Faktoren Arbeiten-Wohnen und Teuer-Günstig angewendet werden. Die umliegenden Bauten beinhalten in der Regel grosse Firmen und teilweise Wohnungen im tieferen Preissegment. Bei der Tribschenstadt ist das Verhältnis in etwa gleich, jedoch wird mehr gewohnt als gearbeitet und sie ist in einem gutbürgerlichen Standard gebaut. Durch die aufgezeigten Merkmale, die die Tribschenstadt aufweist, kann eine beinahe klare Grenze um das Gebiet gezogen werden. Einzig auf das im Nord-Westen angesiedelte Gewerbegebäude, welches ein Bestandteil des Bebauungsplans ist, können diese Faktoren nicht angewendet werden. Die vorhandene Typologie und die sozialen Eigenschaften unterscheiden sich vom Wohnbautyp der Tribschenstadt. Das Gewerbegebäude unterscheidet sich vom Wohnbau hinsichtlich der Typologie und der sozialen Eigenschaften, sodass es korrekterweise ausgegrenzt werden muss.

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7 Gr端n: Eindeutig zuweisbare Grenze Rot: Mehrdeutig zuweisbare Grenze 26

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Hirschmatt- / Neustadtquartier

7 8 8 R端ckbezogen Typologie auf die Blaockrandbebauung wie sie im Hirschmatt-/Neustadtquartier vorkommt 28


3.2 Ist der Typus der Tribschenstadt eine weiterentwickelte Form wie sie in der Stadt Luzern vorkommt? Wie Aldo Rossi in seinem Buch erwähnt, war die Stadt Wien um die Wende des 19. Jahrhunderts bemüht, einen Bautyp zu entwickeln der annähernd den bestehenden gleicht und somit das Stadtbild harmonisieren sollte. Der Vorreiter der sachlichen Architektur Peter Behrens kritisierte diese Vorgehensweise der Wiener. Er beurteilt die Sachlage in dieser Weise, indem er feststellt, dass nichts wechselhafter und verschiedenartiger sei als die Gewohnheiten einer Bevölkerungsgruppe und einer Generation.23

Tribschenstadt

Die Frage, ob die Typologie der Tribschenstadt eine Weiterentwicklung eines Grundtyps der Stadt Luzern ist, wird grundsätzlich im Kapitel «Kann die Grenze der Tribschenstadt Luzern nach Merkmalen von Aldo Rossi definiert werden?» geklärt. Dies bezieht sich jedoch nur auf die Volumetrie wie sie sich in ihrer Art in das Stadtgefüge einbindet. Nachstehend soll noch untersucht werden, ob die Weiterentwicklung der Bauform auf die Generation angepasst und somit nach der Auffassung von Peter Behrens geplant ist. Des Weiteren soll geklärt werden, wann es eine harmonische Weiterentwicklung der Architektur ist und der Aspekt der Integration eines neuen Wohnviertels inmitten eines bestehenden Stadtteils behandelt werden. Wann ist ein Ding harmonisch und wann ist es disharmonisch? Der deutsche Duden definiert Harmonie als ein ausgewogenes Verhältnis oder Einklang.24 Auf die Architektur bezogen ist es ein schwieriges Unterfangen, zu definieren was Harmonie zwischen den einzelnen Bautypen heißt. Ein Versuch, Harmonie auf die Architektur zu beziehen lautet wie folgt: «Ein harmonisch weiterentwickelter Baukomplex ist einer, der sich Generation für Generation den Umständen anpasst und nicht zu sehr von den historischen Grundbautypen abweicht.» Zurückkommend auf die Grundform des Tribschenstadt-Typus handelt es sich um eine Ableitung der Blockrandbebauung wie man sie aus den Gründerzeiten kennt. Der einzige Punkt, in dem sich die zwei Grundtypen unterscheiden, ist der, dass die Blockrandbebauung eine geschlossen Hülle vorweist und der einzelne Baukomplex der Tribschenstadt eine offene Hülle hat, indem er fassadenhohe Durchbrüche zum Innenhof aufweist. Näher betrachtet gibt es sicherlich mehr Unterschiede als nur die Fassadenhülle. Wichtige Unterschiede sind in erster Linie noch die Auflösung des massiven Mauerwerks durch die Fenster zum Innenhof hin. Dadurch werden die zum Hof gerichteten Räume genügend mit Tageslicht versorgt. Eine gewichtige Gemeinsamkeit, die die beiden Grundtypen aufweisen ist die, dass beide eine 29


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geschlossene und massive Fassadenhülle zur Öffentlichkeit haben und somit ein privates Leben im Gebäude gewährleisten. Durch die sanften Eingriffe in den Grundtypus der Blockrandbebauung kann behauptet werden, dass die Typologie und das ganze Zusammenwirken der Tribschenstadt eine harmonisch weiterentwickelte Form der Blockrandbebauung sind. Anders als es Peter Behrens bei der Weiterentwicklung der Stadt Wien kritisiert, ist man aus Sicht der Analyse auf die Bedürfnisse der heutigen Generation eingegangen. Man generiert durch die zwei grossen Durchbrüche in der Fassadenhülle einen offenen Innenhof, der es ermöglicht, lichtdurchflutete Räume zu erhalten und gleichzeitig das Privatleben zu schützen. Die Tribschenstadt ist durch einen Bebauungsplan der Stadt Luzern ins Leben gerufen worden. Dieser beinhaltet eine komplett neue Wohnund Gewerbesiedlung inmitten eines bestehenden Stadtteils auf einer Fläche von 53’000 m2. Es stellt sich die Frage, ob sich das neue Quartier in das bestehende Gefüge integrieren kann oder ob es wie ein Fremdkörper wirkt. Aus Sicht dieser Analyse wirkt die neue Siedlung tatsächlich als ein Fremdkörper im bestehenden Stadtteil. Durch ihre spezielle Anordnung und der Tatsache, dass es mehrheitlich eine Wohnsiedlung ist und diese sich in der Regel stark von grossen Bürogebäuden unterscheiden, ist es schwierig, einen solch enormen Eingriff in ein bestehendes Gewerbequartier vorzunehmen. Zur unmittelbaren Umgebung besteht nicht eine grosse Annäherung. Jedoch kann man behaupten, dass in mittelbarer Nähe zum Hirschmatt- oder auch dem Neustadtquartier eine Verbindung besteht.

3.3 Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt? Im Folgenden soll untersucht werden, ob das Stadtviertel Tribschenstadt ein markantes Zentrum hat. Das Konzept des Entwurfs der Tribschenstadt basiert auf einer Insel. Die sogenannten Inseln sind aus je zwei Gebäudewinkeln zusammengesetzt. Diese umfassen die entfernten Ecken eines Innenhofes, in den Zwischenräumen öffnen sich grosszügige Freiflächen mit Bäumen. Dieser urbane Quartierkomplex spiegelt sowohl die Erlebnisdichte des Zentrums als auch die Nähe des Sees wider. Wie oben beschrieben generieren die zwölf Gebäude, die im Grundriss ein L abbilden, viele grosszügige Innenhöfe. Diese Innenhöfe bilden das Zentrum des jeweiligen Gebäudekomplexes. Sie werden mit Rampen erschlossen und bilden somit Freiräume in einer höheren Ebene 31


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9 Blick durch den Innenhof 10 Grossz체gie Privatsph채re im Innenhof 32

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zwischen den Gebäudekomplexen. Mit diesen Innenhöfen werden halböffentliche Zonen geschaffen, die für die Nichtbewohner der Siedlung eine erste - wenn auch nur psychologische Schwelle darstellen. Die Architekten hatten das Ziel, nicht einfach Block an Block zu stellen, sondern räumliche Strukturen zu schaffen, die zueinander in unterschiedlicher Qualität stehen, sich ergänzen und den städtischen Charakter unterstreichen. Dem erlebbaren von Aussen-nach-Innen-Gehen will man Ausdruck verschaffen.25 (Siehe Abb. 9-10, S.32) Zu den öffentlichen Bereichen gehören die Strassen, Wege und Baumhöfe zwischen den Gebäudewinkeln, die zu den Innenhöhen führen, so wird das oben erwähnte Thema wieder mit einbezogen. Letztlich sind es die Wohnungen selbst mit ihren grosszügigen Balkonen und Loggias, die in ihrer individuellen Gestaltung – mit Bepflanzungen und Möblierung – das Private markieren. Und doch sind andere Menschen in Sichtweite. So sind die verschiedenen Sphären öffentlich – privat und halbprivat, die Aldo Rossi oft verwendet, stark in der Tribschenstadt erkennbar. Aldo Rossi beschreibt immer wieder, dass diese Sphären oft ineinander verschmelzen, was auch auf die Tribschenstadt zutrifft. Alle Zonen der Tribschenstadt sind stark ineinander verwoben – die grosse Dichte ist ein zentrales Thema der Architekten, aber mit den unterschiedlichen Fluchten der Komplexe wirkt das Ganze nicht erdrückend. Wenn man die Tribschenstadt gemäss Aldo Rossi nach den drei Grundfunktionen analysiert so stellt man fest, dass die Innenhöfe nur die sekundären Zentren sind. Innerhalb der Gebäudekomplexe bilden sie jedoch die primären Zentren. Fasst man die ganze Tribschenstadt zusammen und sucht nach dem primären Zentrum so kommt man zum folgenden Schluss.26 Wird das Zentrum nach den Grundfunktionen von Aldo Rossi definiert, befindet es sich im nordwestlichen Teil der Tribschenstadt. In diesem Teil kommen die drei Grundfunktionen von Aldo Rossi nämlich zusammen. Sei es das Restaurant an der Ecke der Häuserzeile, die Grossbäckerei Bachmann an der gegenüberliegenden Seite, das grosse CSS-Versicherungsgebäude, das mit dem Restaurant den Eingang der Tribschenstadt definiert oder der grosse Kreisel, die all diese Elemente verbinden. Alle diese Elemente oder Infrastrukturen lassen erkennen, das dass Zentrum der Tribschenstadt eine Synthese der verschiedenen Funktionen und Bedeutungen ist. (Siehe Abb. 11-12, S.35)

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11 Ortsans채ssiges Restaurant 12 CSS-Versicherungsgeb채ude 34


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Wird das Ganze einmal zusammengefasst wird erkennbar, dass die Tribschenstadt von Zentren lebt und dies wichtig für diesen Stadtteil ist. Seien es die kleinen Innenhöfe zwischen den Gebäudewinkeln, die das Öffentliche mit dem Privaten vernetzen oder das Zentrum im nordwestlichen Teil, das eine Schwelle zwischen Tribschenstadt und dem folgenden Stadtteil darstellt. Was nach Aldo Rossi auch noch zu einem Zentrum und zur Stadtentwicklung gehört ist ein primäres Element. Demzufolge gehören zum Siedlungskern städtebauliche Phänomene von hervorragender Bedeutung, wie zum Beispiel ein historisches Gebäude, was einen wichtigen Bestandteil einer Stadt darstellt. Diese primären Elemente dienen dazu, den Urbanisierungsprozess einer Stadt oder eines Stadtteils zu beschleunigen und dabei die räumliche Gestalt zur charakterisieren. Ein solches primäres Element fehlt der Tribschenstadt und deshalb wirkt ihr Charakter etwas künstlich.27

3.4 Wohnhaus als charakterisierendes Werk eines Volkes Gemäss Aldo Rossi sind Wohngebiete ein wesentlicher Bestandteil einer Stadt. Er beschreibt auch, dass ein Wohnviertel nicht als fester Körper zu betrachten ist, sondern dass Wohnviertel und Wohnbauten als ein wichtiger Bestandteil der Stadtgestalt anzusehen sind. Die Haustypen drücken die Lebensweise einer Bevölkerung konkret aus. Da sie sich sehr langsam wandeln entsteht eine gewisse Kultur in diesem Wohnviertel. Aldo Rossi beschreibt dies folgendermassen: «Von allen Werken der Architektur ist das Wohnhaus ohne Zweifel dasjenige, das Sitten, Geschmack und Bräuche am deutlichsten charakterisiert. Seine Organisation und Aufteilung verändern sich nur sehr allmählich».28 Infolgedessen stellt jedes Wohngebiet ein städtebauliches Phänomen dar, das eng mit der sichtbaren Gestalt dieser Stadt und mit der Lebensweise ihrer Bewohner, und das heisst mit der Stadtstruktur, zusammenhängt. Kann nun die Tribschenstadt charakterisiert werden und kann sie den Ausdruck der Bewohner zum Erscheinen bringen? Die Tribschenstadt kann durch folgende Elemente charakterisiert werden: Durch ihre gemauerten Fassaden mit den verglasten Loggien grenzt sich die Tribschenstadt klar von den gegenüberliegenden Gebäuden ab. Ein weiteres wichtiges Element sind auch die Strassen, denn sie grenzen die Tribschenstadt von der umliegenden Stadtgestalt klar ab. 37


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13 Loggias gegen Innenhof gerichtet 38


Aldo Rossi hat in seinem Buch beschrieben Kevin Lynch in einer Analyse seines Forschungsmaterials schreibt, viele der Befragten würden darauf hinwiesen, dass Boston, dessen Strassenmuster selbst für die Einwohner, die sich gut in der Stadt auskennen, verwirrend ist, diesen Fehler durch die Anzahl und die Anschaulichkeit seiner verschiedenen Bereiche ausgleicht. Einer der befragten Personen drückte das so aus: «Jeder Teil von Boston unterscheidet sich vom andern. Man kann genau feststellen, in welcher Gegend man sich befindet».29 Dies ist auch in der Tribschenstadt zu erkennen. Durch seine markanten Gebäude und deren Innenhöfe erkennt man sofort, dass man sich in der Tribschenstadt befindet. Je weiter man in die Tribschenstadt hineingeht, desto privater wird sie. Bereits im Kapitel „Was bedeutet das Zentrum für eine Stadt“ wurde beschrieben, dass man irgendwann, wenn man in diese Innenhöfe hineingeht eine gewisse Schwelle übertritt und in eine private Zone eindringt. Genau dieses Erlebbare, das von Aussen-nach-Innen-Gehen, ist das interessante an dieser Überbauung. So kann möglicherweise auch die Frage, ob es markante Anzeichen dafür gibt, was für eine Bevölkerung die Tribschenstadt bewohnt, beantwortet werden. Wenn man in diese Innenhöfe eintritt erkennt man die Loggias und Balkone der verschiedenen Wohnungen. In der Tribschenstadt sind diese Teil des Wohnkonzepts. Sie gehören zur Wohnung und bilden den Übergang zwischen Innen und Aussen. Diese Loggias und Balkone sind das zentrale Element in den Innenhöfen und der Tribschenstadt. Sie prägen den Charakter der Stadt und der Bewohner da jede Loggia oder jeder Balkon durch die Bewohner selbst gestaltet wurde und sich dadurch eine Bandbreite von persönlichen Aspekten in der Tribschenstadt ergibt. Sie zeigen die Sitten und Bräuche der Bewohner von diesem Stadtteil und charakterisieren somit den gesamten Stadtteil. So wird auch das gewisse Künstliche und Diffuse an der Tribschenstadt ein bisschen abgeschwächt. (Siehe Abb. 13, S.38) Diese Tatsache erklärt auch, was für eine Bevölkerung in der Tribschenstadt lebt. Durch die farbenfrohen Loggien und Balkone sowie die Freiräume in den Innenhöfen und die Büros und Ateliers im Erdgeschosse kann man erkennen, dass eine enorme Bandbreite von Persönlichkeiten in diesem Stadtteil lebt und arbeitet. Sei es vom alleinstehenden Banker bis zur siebenköpfigen Grossfamilie sowie von der Schweizerfamilie bis zur Südafrikanischen Familie. Ein moderner durchmischter Stadtteil.

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3.5 Faktoren für ein erfolgreiches Wohngebiet Aldo Rossi sieht die Gründung von neuen Wohngebieten nur dann als erfolgreich an, wenn sie ausreichend mit öffentlichen Dienstleistungen und Gemeinschaftseinrichtungen versorgt werden. Nur sie ermöglichen eine intakte Wohn- und Lebensqualität. Weiter gehört auch die Anbindung an den Verkehr und die öffentlichen Verkehrsmittel zur Wohn- und Lebensqualität. Ohne dieses Element kann ein Wohngebiet schlecht oder gar nicht überleben.30 Nach Aldo Rossi kann ein Stadtteil oder Wohngebiet auch ohne die Dienstleistungen oder Gemeinschaftsfunktionen fruchtbar sein. Rossi zufolge kann ein Stadtteil je nach Verteilung der Dienstleistungen in der Gesamtstadt erfolgreich sein, indem der Stadtteil von Dienstleitungen und Gemeinschaftseinrichtungen der umliegenden Wohngebiete profitiert. Die Tribschenstadt in Luzern hat diverse Dienstleistungsangebote, nur stellt sich die Frage ob die Neustadt von diesen Dienstleistungen profitiert oder ob diese gar nicht wahrgenommen werden. (Siehe Abb. 14, S.42) In der Tribschenstadt gibt es viele Ateliers, in denen sich Architekturbüros, Beratungsbüros und Künstler eingemietet haben. Laut einem Bericht der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern erwarten diese Büros Querverbindungen untereinander und dass dadurch ein kreativer Prozess angestossen wird. Somit könnte sich ein kreativer Stadtteil entwickeln. Die Bewohner der Tribschenstadt profitieren kaum von diesem kreativen Prozess. Trotzdem genügen die naheliegenden Dienstleistungen, die nicht direkt zur Tribschenstadt gehören, wie zum Beispiel die Bäckerei Bachmann, um die Erwartungen bezüglich Lebensqualität zu befriedigen. Im Bereich der Gemeinschaftseinrichtungen kann die Tribschenstadt gut mithalten. Zu diesen gehören das quartiereigene Restaurant sowie die Kinderkrippe Zipfelmütze. Zudem ist die Tibschenstadt wenige Gehminuten von Hauptbahnhof Luzern entfernt, wo genügend andere Einrichtungen die Gemeinschaftsfunktionen übernehmen. Die Tribschenstadt ist ein positives Beispiel wie Gewerbe, Wohnen und öffentliche Dienstleistungen in einen Stadtteil integriert werden können, ohne dass sie sich gegenseitig stören oder konkurrenzieren.

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14 Umliegende Dienstleistungsund Gesellschaftswerke 42

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4.0 Schlusswort Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit war, sich mit der Literatur von Aldo Rossi zu befassen und die erlernten Feststellungen anhand eines bestehenden Stadtteils anzuwenden. Genau genommen basiert diese Arbeit auf den Kapiteln Areal und Stadt- sowie Wohnviertel zu den Teilaspekten wie die Abgrenzung eines Stadtteils, die Weiterentwicklung eines Bautyps, die Bedeutung eines Stadtzentrums oder ob ein Stadtteil erfolgreich sein kann. Die Erkenntnisse und Erfahrungen zu der vorliegenden Arbeit bestätigen nur zum Teil die Anforderungen, die Aldo Rossi an eine Stadt stellt. Diese These unterstützen folgende Punkte, die nach der Analyse festgestellt wurden. Der Aspekt wie ein Stadtteil eingegrenzt werden kann, stimmt nur teilweise mit den Definitionen von Aldo Rossi überein. Der Bereich mit den Wohnungsbauten im südlichen Teil des untersuchten Gebietes wird klar von den unmittelbaren Stadtteilen durch ihre Typologie und die Dichte an Wohnungen abgegrenzt. Einzig der nördlich angesiedelte Gewerbebereich kann nicht klar von der Umgebung getrennt werden. Die Grundformen der Gebäude unterscheiden sich nicht stark von den umliegenden und die Tatsache, dass ein neuer Bürobereich in ein bestehendes Gewerbegebiet gebaut wurde, unterstützt diese Aussage. Die Fragestellung ob der Typus der Tribschenstadt eine Weiterentwicklung eines historischen ist, kann mit ja beantwortet werden. Denn in der Grundform, ein Rechteck mit einem Ausschnitt, unterscheiden sich die beiden Typen nicht. Einzig die fassadenhohen Ausbrüche zum Innenhof unterscheiden sich von der Blockrandbebauung. Die Erkenntnis, dass mit der Entwicklung der Tribschenstadt-Typologie auf die Bedürfnisse der heutigen Generation eingegangen wurde, bekräftigt diese Beantwortung. Zur Fragestellung ob die Tribschenstadt ein markantes Zentrum aufweist und was es für diesen Stadtteil bedeutet, kann daraus folgender Schluss gezogen werden. In der Arbeit wurde beschrieben, dass die Tribschenstadt in primäre und sekundäre Zentren gegliedert ist. Diese Zentren sind für die Qualität des Stadtteils und die Lebensqualität der Menschen, die in der Tribschenstadt leben und arbeiten von grosser Bedeutung. Diese Zentren verbinden die Schwelle zwischen Anonymität und Öffentlichkeit und machen den Erfolg und Charakter dieser Überbauung aus. Aldo Rossi sieht zusätzlich den Erfolg eines Stadtteils nur dann, wenn dieser mit Dienstleistungen und Gemeinschaftsfunktionen versorgt werden kann. Das Problem der Tribschenstadt ist, dass sie nur einseitige Dienstleistungen anbietet. Da sie aber im Zentrum von Luzern liegt und so die naheliegenden Dienstleistungen schnell zu erreichen sind kann dieses Thema überbrückt werden. 45


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5.0 Abbildungsverzeichnis 1. Skizze der Espresso-Maschiene «La Cupola» welche Aldo Rossi für die Desingfarbik Alessi entwirft 2. Übersichtskarte Luzern 3. Typischer Fussabdruck einer Blockrandbebauung mit Innenhof 4. Typologie eines Baukomplexes der Tribschenstadt mit Innenhof und Fassadendurchbruch 5. Impressionen der Tribschenstadt in Luzern 6. Impressionen der Tribschenstadt in Luzern 7. Grün: Eindeutig zuweisbare Grenze, Rot: Mehrdeutig zuweisbare Grenze 8. Rückbezogen Typologie auf die Blaockrandbebauung wie sie im Hirschmatt-/Neustadtquartier vorkommt 9. Blick durch den Innenhof 10. Grosszügie Privatsphäre im Innenhof 11. Ortsansässiges Restaurant 12. CSS-Versicherungsgebäude 13. Loggias gegen Innenhof gerichtet 14. Umliegende Dienstleistungs- und Gesellschaftswerke

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6.0 Quellenverzeichnis 6.1 Literaturverzeichis 1. Ketter Kunst.(2003). Verfügbar unter http://www.kettererkunst.de/bio/aldo-rossi-1931.shtml (21.11.2011) 2. Wehrli, D. (2008). Die Architektur der Stadt. Verfügbar unter www.dominikwehrli.ch/static/2507.D.html (15.11.2011) 3. Ketter Kunst.(2003). Verfügbar unter http://www.kettererkunst.de/bio/aldo-rossi-1931.shtml (21.11.2011 4. Ketter Kunst.(2003). Verfügbar unter http://www.kettererkunst.de/bio/aldo-rossi-1931.shtml (21.11.2011 5. Aldo Rossi. ( ). Verfügbar unter http://www.kettererkunst.de/bio/aldo-rossi-1931.shtml (21.11.2011) 6. Wehrli, D. (2008). Die Architektur der Stadt. Verfügbar unter www.dominikwehrli.ch/static/2507.D.html (15.11.2011). 7. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50. 8. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50. 9. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50. 10. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50. 11. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50 12. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.58. 13. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.58. 14. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.73. 15. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.73. 16. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.58. 17. Tribschenstadt Luzern. (2004). Verfügbar unter http://www.tribschenstadt.ch/infos_geschichte.html (16.11.2011) 18. Schnieper, W. (2006). Ein historischer Glücksfall für die ABL. Allgemeine Baugenossenschaft Luzern, 10/2006, S. 23-24.

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19. Tribschenstadt Luzern. (2004). Verfügbar unter http://www.tribschenstadt.ch/infos_geschichte.html (16.11.2011) 20. GMT Architekten AG Luzern. (2006). Baufeld 1. Projektblatt Tribschenstadt Luzern, S. 2. 21. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50 22. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.50 23. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.58. 24. Duden (2000). Die deutsche Rechtschreibung. (S. 452). Mannheim, Leipzig, Berlin, Wien, Zürich: Dudenverlag. 25. Rast, E. (2006). Nicht einfach Block an Block stellen. Allgemeine Baugenossenschaft Luzern ,10/2006, S. 8-9. 26. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.73 27. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.72-74. 28. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.57. 29. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.57. 30. Rossi, A. (1973). Die Architektur der Stadt. Düsseldorf: Bertelsmann Fachverlag, S.55.

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6.2 Bild- / Grafikverzeichnis 1. Aldo Rossi. (1987). Verfügbar unter www.die-neue-sammlung.de (16.11.2011) 2. www.geoportal.lu.ch, berarbeitet durch Michael Weber, Luzern/ Baar, Jan. 2012 3. Grafik erstellt durch Yannick Bucher, Luzern, Dez. 2011 4. Grafik erstellt durch Yannick Bucher, Luzern, Dez. 2011 5. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 6. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 7. Höing Voney Architekten AG, Luzern (2003), bearbeitet durch Yannick Bucher, Luzern, Nov. 2011 8. Höing Voney Architekten AG, Luzern (2003), bearbeitet durch Yannick Bucher, Luzern, Nov. 2011 9. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 10. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 11. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 12. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 13. Fotografiert und bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/Baar, Nov. 2011 14. www.maps.google.ch, bearbeitet durch Michael Weber, Luzern/ Baar, Nov. 2011

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7.0 Redlichkeitserklärung Die Verfasserinnen und Verfasser bestätigen mit ihrer Unterschrift, dass die vorliegende Arbeit selbstständig, ohne fremde Hilfe und ohne Benutzung anderer als die angegebenen Hilfsmittel angefertigt wurde. Die aus fremden Quellen (einschliesslich elektronischer Quellen) direkt oder indirekt übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit ist in gleicher oder ähnlicher Form noch nicht vorgelegt worden.

Micheal Weber Horw, 09. Januar 2012 _________________________________

Yannick Bucher Horw, 09. Januar 2012 _________________________________

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Die Architektur der Stadt