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Leben im Wachkoma fotografisch eingefangen von Harald Habermann

GLEISSENDES DUNKEL


GLEISSENDES DUNKEL

Leben im Wachkoma fotografisch eingefangen von Harald Habermann


DENK MAL MIT HERZ Klaus Pavel · Landrat des Ostalbkreises

Ein Jahr lang hat Harald Habermann Menschen im Wachkoma, deren Angehörige und die Pflegenden in unserer Wachkoma Aktivpflege in Bopfingen mit seiner Kamera begleitet und die Begegnungen in Bildern eingefangen. Mit der Dokumentation „GLEISSENDES DUNKEL“ wollen wir die bemerkenswerten Einblicke in das Leben der Menschen im Wachkoma festhalten und über die Ausstellung „Denk mal mit Herz“ hinaus für alle Interessierten erlebbar machen. Darf man Menschen im Wachkoma – in ihrem Leid und ihrer fehlenden Möglichkeit, sich einer Situation zu entziehen – ins Zentrum eines öffentlichen Fotoprojekts stellen und sie als Thema einer künstlerischen Auseinandersetzung ins Bild setzen? Diese Frage, die sicher in jedem ein emotionales Abwägen und Einordnen beginnen lässt, hat auch uns sehr beschäftigt. Bei der Idee für das Fotoprojekt hat uns der Wunsch geleitet, die Menschen im Wachkoma, die eher am Rande stehen, wieder mehr in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft zu bringen. In ihren Lebenswelten, ungeschminkt, würdevoll und in ihrem puren Menschsein.

Harald Habermann ist es ganz hervorragend gelungen, den Alltag der Menschen im Wachkoma einzufangen und deren Situation zwischen Wachzustand und Koma festzuhalten. Dabei sind einzigartige, bewegende Aufnahmen entstanden, Momente der Fröhlichkeit und Hoffnung, aber auch solche, die die Schicksalhaftigkeit der Erkrankung für die Menschen und ihre Angehörigen dokumentieren. Es sind ehrliche Bilder voller Menschlichkeit, die „mit Herz gedacht“ und gemacht sind. Ich freue mich, dass alle Beteiligten, Angehörige und das Pflegeteam den Mut hatten zu diesem bemerkenswerten Fotoprojekt. Ein besonderer Dank gilt Pflegedirektor Günter Schneider für die Idee und Initiative, Harald Habermann für die emotionalen Bilder und die Empathie bei seiner Arbeit sowie den Angehörigen unserer Wachkomapatienten für ihr Einverständnis im Namen ihrer Nächsten. Ich wünsche Ihnen nun beim Betrachten der Bilder viele bleibende Eindrücke.

Ihr Der Fotograf, die Wachkomapatienten, deren Angehörige und das Pflegeteam haben sich auf einen sehr herausfordernden Weg begeben, der an der einen oder anderen Stelle sicher auch eine Gradwanderung war.

Klaus Pavel Landrat


VERANTWORTUNG FÜR DAS LEBEN Dr. Gunter Bühler Bürgermeister Bopfingen, Kreisrat

Menschen im Wachkoma führen ganz ohne Zweifel ein ganz besonderes Leben. Und auch das Leben mit den Menschen im Wachkoma, ob als Angehöriger oder als Pflegekraft, ist besonders. Dies wird in ganz ausgezeichneter Weise in der Dokumentation „Gleißendes Dunkel“ deutlich. Eindrucksvoll zeichnen die Bilder des Fotografen Harald Habermann, die er in der Ausstellung „Denk mal mit Herz“ zusammengestellt hat, den Alltag in der Wachkoma AktivPflege Bopfingen und machen diesen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Bedrückend und berührend zugleich. Mitleidend und doch auch voller heiterer Fröhlichkeit. Diese Bilder gehen unter die Haut. Sie öffnen aber auch einen Blick auf das Leben, der einem sonst verborgen bliebe. Die Dokumentation zeigt, welch besondere Einrichtung unmittelbar am Fuße des Ipf in Bopfingen existiert, wo man dem Leben seinen Respekt erweist. Die Wachkoma AktivPflege ist ein Ort der Humanität und der Menschlichkeit im Ostalbkreis. Ich wünsche Ihnen, dass Sie beim Betrachten der Bilder viele dauerhafte Eindrücke erfahren und beginnen mit dem Herzen zu denken. Ihr Dr. Gunter Bühler Bürgermeister


DAS INNERE LEUCHTEN Wolfgang Nußbaumer Kulturpublizist

Wachkoma-Station. Was für ein seltsames Wort. Wach und Koma. In der Welt sein – und außer ihr. Teilnahme und Teilnahmslosigkeit. Bewusstsein und Bewusstlosigkeit. Leben und Tod. Untot. Zwischenstation? Endstation? Ein Paradoxon, dieses Wort. Es erschreckt uns, irritiert uns, macht uns ratlos. Weil es uns auf uns selbst zurückwirft. Weil es uns unsere ganz persönliche Seinsfrage stellt. Wozu leben wir? Was ist der Sinn des Lebens? Fragen, denen wir allzu gerne aus dem Weg gehen. In seinem Buch „Der Sinn des Lebens“ erwähnt der Professor für englische Literatur, Terry Eagleton, die Überzeugung des Philosophen Martin Heidegger, der Mensch unterscheide sich von anderen Lebewesen durch die Fähigkeit, sein eigenes Dasein in Frage zu stellen. Aber wer macht das schon gerne. Wo man sich doch ein ganz ordentliches So-Sein erarbeitet – oder zurechtgelegt – hat. Ein Besuch in dieser „Station“ stellt unweigerlich das eigene So-Sein in Frage. Befinden wir uns auf einer nach beiden Richtungen offenen Zwischenstation – oder auf einer Endstation? Bitte alle aussteigen. Doch weil wir nicht in der Straßenbahn sitzen, sagt niemand bitte. Unerbittlich öffnet sich die Tür, final. Wohin? Diese Frage muss jeder Mensch für sich selbst beantworten. Vorbei kommt man daran nicht. Ein Besuch in dieser „Station“ kann uns indes auch helfen. Es gehört allerdings Mut dazu. Lebensmut. Der Fotograf Harald Habermann gibt uns mit seinen Bildern einen Türöffner an die Hand. Sie öffnen unseren Blick, unser Empfinden, unser Herz, unseren Verstand – unsere Bereitschaft vorausgesetzt, uns selbst zu öffnen. Hinter der Eingangspforte ist die Selbstlosigkeit das Maß aller Dinge. In ihr manifestiert sich die agap , das Gebot der Nächstenliebe. Sie ist nicht religiös konnotiert, sondern Voraussetzung, in Würde zu leben – und zu sterben.

Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm stellt dazu in seinem Klassiker „Haben oder Sein“ fest: „Die Bereitschaft zu schenken manifestiert sich in jedem, der wirklich liebt.“ Harald Habermanns Bilder sind tief berührende Dokumente dieser Bereitschaft. Der Fotograf hat mir von seinen Fahrten nach Bopfingen in die Wachkoma-Station erzählt. Und den Fragen, die er sich gestellt hat. Geht das überhaupt? Kann ich mit meinen fotografischen Mitteln den Menschen hier überhaupt auch nur annähernd in ihrem So-Sein gerecht werden? Den Patientinnen und Patienten und denen, die sie so liebevoll pflegen? Der Schlüssel, warum er dieses Wagnis dann doch eingegangen ist, liegt vermutlich gerade in der Erfahrung dieser herzlichen Zuwendung durch die pflegenden Hände. Er hat diese positive Atmosphäre als inneres Leuchten gespürt. Wo Licht ist, steht der Fotograf nicht auf verlorenem Posten. Ein Lichtbildner von der Qualität Habermanns ohnehin nicht. Also hat er sich auf die Spurensuche nach dem Licht gemacht. Nach dem Licht, das von innen strahlt und zugleich das Draußen reflektiert. Keine leichte Aufgabe. Manchmal ist er abends unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren. Kein Licht, nirgendwo. Kein Licht war ihm aufgegangen, keine Idee. Statt Bildern auf dem Chip der Kamera Ratlosigkeit im Kopf. Wer jedoch an diesem Ort aufgibt, sich der Hoffnungslosigkeit hingibt, hat schon verloren. Das Prinzip Hoffnung, das der große Tübinger Philosoph Ernst Bloch beschrieben hat, ist hier die oberste Maxime. Alles andere ist – bitte sehen Sie mir das Pathos nach – alles andere ist Verrat an den Patienten und deren Angehörigen, die Kraft aus der Hoffnung schöpfen. Mit dieser in vielen Stunden in der Wachkoma-Station gewonnenen Erkenntnis ist er am nächsten Tag wieder losgefahren. Auf der Suche nach dem Licht.

Manchmal, ganz unvermittelt, streckt einem das Glück die Hand entgegen. Der glückliche Zufall. In einer Vollmondnacht will Habermann einen der mit dem apallischen Syndrom – wie das Wachkoma auch genannt wird – darnieder liegenden Menschen nur mit Hilfe des Mondlichtes fotografieren. Doch der Erdtrabant reflektiert nicht genug Sonnenlicht ins Zimmer. Was tun? Dann bringen wir den Mann doch einfach ins Freie, schlägt der begleitende Nachtdienstler ganz pragmatisch vor. Und schiebt das Bett mit dem Mann hinaus in die laue Sommernacht. Und gleich noch ein paar andere dazu. Hinaus in die von Blumen, Kräutern, dem Duft der Bäume gewürzte Luft. Hinaus in die Natur. Jetzt verbünden sich Glück und Können zur Kunst des Fotografen. In diesem Fall ist es der entscheidende Blick. Der den Reflex des Mondlichts auf der Pupille des halb geöffneten Auges wahrnimmt. Diesen Moment, in dem das Auge nicht mehr blicklos wirkt. Ein wenig Licht genügt, um uns diesen Menschen mit dem stark geschädigten Gehirn ganz nahe zu bringen. Wir wissen zwar nach wie vor nicht, ob und was in diesem Kopf vorgeht – aber dieses Leuchten macht ihn ganz lebendig, dieses Licht der Hoffnung, des Lebens. Es schenkt ihm und damit uns den Moment einer schwer zu beschreibenden tief berührenden, kreatürlichen Erhabenheit. Ein wenig erinnert mich diese Aufnahme an die dunklen Porträts der alten holländischen Meister, in denen das Licht eine entscheidende, weil erhellende Rolle spielt. Die Lichtbilder in diesem Buch zeigen ungeschminkte Wahrheiten – das alltägliche Leben auf der Wachkoma-Station. Und weil sie es mit größter Anteilnahme tun, sind sie wahrhaftig. Sie sprechen für sich. Niemand muss auf die Freude und das Leid, die Zuwendung und den Widerstand, auf tiefe Überzeugung und aufkeimende Ratlosigkeit, auf die


fröhlichen Momente und jene der Trauer – und auf die nachdenkliche Gelassenheit der Wenigen extra hinweisen, die ihr Bewusstsein wiedererlangt haben. Das von mir oben beschriebene Bild transportiert die darin zum Ausdruck kommende kreatürliche Erhabenheit weiter, wenn der Lichtfunke auf der Pupille schon längst erloschen ist. Warum soll man diesen Licht-Blick nicht als Zeichen der Dankbarkeit interpretieren für die Zuwendung, die diesen Menschen zuteil wird? Ziemlich sicher ohne Bewusstsein, ohne die Fähigkeit zur Kommunikation, sind sie hilflos – und nur in diesem Sinne ausgeliefert. Wie ein Baby, das auf vertrauensvolle Fürsorge und zärtliche Zuwendung angewiesen ist. Mit dem Unterschied, dass jenes mit seinem Lachen, Weinen und zufriedenen Glucksen etwas von dem zurückgeben kann, was es an Wohltat erfahren hat. Wie das Mobile über dem Wickeltisch, lockt auch über dem Patienten in seinem Bett ein buntes Spielzeugband. Auf seine emotionalen Antworten müssen die Pflegerinnen und Pfleger und die Angehörigen, die ebenfalls auf einigen Bildern erscheinen, verzichten – mit der Hoffnung im Herzen und einem Optimismus, der sich nicht unterkriegen lässt. Umso mehr Anerkennung verdient ihr Handeln. Beispielhaft dafür die gebrochene Poesie der Serie, in der die Pflegerin einer älteren Dame eine Rose reicht. Oder das Bemühen des Klinik-Clowns „LaPique“, die Patienten aufzuheitern. Wie mag es in ihm aussehen? Er weiß doch, dass er gar nicht wahrgenommen wird. Tatsächlich weiß „LaPique“ viel mehr - weil sein Kompagnon die Hoffnung ist. Giovanni Malo, Medizinethiker an der Universität Freiburg, hat dieser Tage im Hinblick auf die zunehmende Ökonomisierung im deutschen Gesundheitswesen mahnend festgestellt:


„Die Frage nach dem Sinnvollen wird ersetzt durch die nach dem Ertragreichen.“ Diese Wachkoma-Station lohnt sich unter ökonomischen Gesichtspunkten natürlich nicht, obwohl ihre Pflegerinnen und Pfleger systembedingt bei weitem nicht angemessen bezahlt werden. Sie ist jedoch unverzichtbar, weil hier der Mensch in seiner Einmaligkeit geachtet wird. Zugleich ist sie ein wichtiges Bekenntnis zu einer humanen Gesellschaft. Ich will jetzt nicht ethische Fragen vertiefend behandeln, wohl aber auf einige moderne Aspekte von Immanuel Kants „kategorischem Imperativ“ hinweisen. Der Philosoph Hans Jonas formuliert in der Nachfolge Immanuel Kants in seinem „Prinzip Verantwortung“, in welchem er den „Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ unternimmt, einen kategorischen Imperativ bezüglich der Verantwortung für zukünftige Generationen: ‚Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz und der Integrität echten menschlichen Lebens auf Erden‘; oder negativ ausgedrückt: ‚Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens‘. Theodor Adorno wiederum hat sich in seiner Lesart des kategorischen Imperativs in seiner Schrift „Negative Dialektik“ auf ein ganz konkretes Ereignis bezogen: ‚Hitler hat dem Menschen im Stande seiner Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: Ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe‘. Humanismus im Zeichen der Aufklärung ist kein Selbstläufer. Das müssen wir jeden Tag erleben, in rechtspopulistischen Bewegungen und autokratischen Regimen. Nicht zuletzt auch in der alltäglichen Nachrichten- und Bilderflut mit ihren grausigen Dokumenten zynischer Menschenverachtung aus den Krisengebieten dieser Welt. Insofern dürfen, ja müssen wir

Habermanns leise Bilder als einen dringenden Appell verstehen, die Würde des Menschen zu achten. Fotografieren sei für ihn wie Meditation, erklärt der Fotograf. Meditation ist, ganz verkürzt, der Versuch, über die Stille, über die Konzentration, über die Ausschaltung des ablenkenden Denkens zu sich selbst zu finden. Damit erklärt sich auch seine Aussage, dass sich in jedem Porträt auch der Porträtierende wiederfindet. Die Wahrheitssuche bedeutet immer auch Suche nach sich selbst. Und manchmal steht man sich Auge in Auge gegenüber. Wie auf jenem lichten Bild, das wie ein Aquarell wirkt. Das Gesicht des Mannes scheint hinter einem Farbschleier verborgen. Umso intensiver wird man seines Blicks gewahr; dieses fragenden, unbestechlich gnadenlosen Augenpaars. Was willst du von mir, fragt dieser Blick. Was erlaubst du dir eigentlich? Fragen, die sich der Fotograf immer wieder gestellt hat. Bis heute. Auch wenn er mit dem Ergebnis seiner fotografischen Wahrheitssuche im Niemandsland des Bewusstseins zufrieden sein darf. Schließen möchte ich mit zwei poetischen Imperativen. Den einen hat Erich Kästner formuliert: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Den anderen der italienische Schriftsteller Cesare Pavese: „Es ist schön zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“ Das Leben als eigentlicher Sinn.


WACHKOMA – SPUREN IM LEBEN Günter Schneider Pflegedirektor Ostalb-Klinikum Aalen

Sich verständlich machen, dem Nächsten seine Wünsche mitteilen, ist für viele Menschen mit das Wichtigste im Leben. Was aber, wenn sie denken, hören und fühlen können, aber sich nicht bewegen oder sprechen können – wenn im Wachkoma alles verloren geht? Bei uns leben Menschen mit genau diesen Erfahrungen. Sie wurden mitten aus dem Leben herausgerissen. Die schweren Einschränkungen ihres Körpers nehmen ihnen die Möglichkeit, sich gegenüber ihrer Umwelt mitzuteilen, und doch sind sie bei allen Einschränkungen von unseren Pflegeexperten angenommen. Sie werden begleitet und dies passiert ganz in der Stille. Eine essentielle Erfahrung für die Betroffenen und deren Familien. Es sind nicht die großen Veränderungen, nein Menschsein braucht kein großes Szenario! Menschsein beginnt bei uns in der Stille der Begegnung. Wir sind ein Haus der leisen Töne und ein Haus der Begegnung. Wir nehmen die Betroffenen in ihrem individuellen Menschsein an – mit den persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen aus den zurückliegenden Jahren, den Sorgen, der Hoffnung und den Wünschen, trotz aller Schwäche.

Weit über 100 Betroffene und deren Familien haben wir in der Wachkoma AktivPflege mit diesem erdrutschartigen Schicksal begleitet. Diese Dokumentation gibt Einblicke in das verborgene Leben von Koma-Patienten. Beim Blättern werden Sie Dimensionen hinter den Dingen erfassen – riskieren Sie dabei auch einen besonderen Blick auf die Pflege. Die Fotoaufnahmen wecken Assoziationen, die mithin den Kern der Pflege treffen. Wachkomapflege ist ein „Sein“ mit anderen, und nicht planbar, sondern unverwechselbar und kein Handeln am Objekt. Erfahrungswissen, das durch Technik nicht ersetzt wird. Pflege bei Menschen im Wachkoma gestaltet sich im Modus der Behutsamkeit und des Feinsinns. Sie zeichnet sich aus durch das souveräne Beherrschen der Unbestimmtheit, sie kennt keinen Aktionismus und keine Lethargie. Sie ist dialogisch nicht monologisch. Unsere Pflegearbeit erfolgt reflexiv – sie benötigt Zeit und bewahrt dadurch Identität für die Betroffenen. Der Patient wird als Mensch anerkannt. Die Pflege ist dabei keine Versorgung, sondern ein „Sich kümmern“, ja, sich gemeinsam auf den Weg machen. Unsere Pflegenden kümmern sich bedingungslos und ganz besonders im Wahrnehmen. Die Arbeit ist geprägt von der Beziehungsqualität, der Mensch im Wachkoma ist ein unverwechselbares Wesen. Das Anerkennungsverhältnis zum Patienten steht im Vordergrund. Prozessqualität alleine ist zu kurz gegriffen.

Die Pflegearbeit bei Menschen im Wachkoma kennt keine Produktivitätsregeln. Die Identität der Pflege wird bewahrt. Sie ist nicht messbar nach Schema F. Sie ist geprägt von sozialen Werten, mehr noch, sie verbietet produktive Werte. Die Wachkoma AktivPflege Bopfingen unterliegt nicht der Normenperfektion unserer Gesellschaft. Wir leben Integrität, die da ist, egal, wie es dem Patienten geht. Wir geben in unseren Handlungen dem Patienten seine Persönlichkeit zurück und sind mit ihm vertraut. Der Mensch im Wachkoma ist uns nicht ausgeliefert. Unsere Pflegearbeit geschieht in der Interaktion – ohne Kennzahl und ohne Produktivitätskurve. Wir erspüren und erfassen Atmosphäre. Das assoziierte Gespür der Pflege steht für leibliche Interaktion. Wachkoma AktivPflege ist Arbeit an der Grenze zur Intimität, ohne Checklisten, sondern mit Respekt und Distanz, mit Takt und Haltung.


Was ich noch zu sagen hätte… oder von der Sprengkraft gelebter Hoffnung. Die Aufnahmen aus der Wachkoma AktivPflege Bopfingen zeigen Ihnen den Kern der Menschlichkeit in der Pflege: Sorge, Solidarität, Hoffnung, Leidenschaft und manchmal auch Leid. Nehmen Sie sich Zeit und tauchen Sie ein in die Welt der Menschen im Wachkoma. Lassen Sie die Aufnahmen und Texte auf sich wirken und begeben Sie sich mit uns auf die Reise in die Wirklichkeit der Pflege. Pflege ist ein Sorgeberuf, ein Berührungsberuf, ein Näheberuf – unverwechselbar mit Leidenschaft. Ökonomie und Betriebswirtschaft verbieten sich in allen Pflegesettings. Gerade im ausweglos erscheinenden Leben im Wachkoma ist Pflege ein Gegengewicht. Sie ist dabei die Sprengkraft gelebter Hoffnung. Günter Schneider Pflegedirektor


ICH KOMME GERNE IN DIE WACHKOMA AKTIVPFLEGE, WEIL… ich dort immer auf freundliche, engagierte und sehr entgegenkommende Leute treffe. Ich fühle mich dort mit meiner Musik immer willkommen. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt in diesem Haus, für mich richtig spürbar, ein ganz besonderer Geist herrscht und mich ein Besuch dort jedes Mal wieder „erdet“. Ich bin danach wieder ein anderer Mensch und kann wieder besser einordnen, was Gesundheit wert ist und was wirkliche Probleme im Leben sind. Josef Bühler, Geschäftsführer, AOK – Die Gesundheitskasse Ostwürttemberg ich den Kontakt zu den betroffenen Angehörigen suche, mit ihnen sehr gerne Gespräche führe und meine jahrelange Erfahrung weitergeben möchte, wenn dies gewünscht ist. Außerdem, um Mitbewohner zu besuchen, die keine Angehörigen haben oder weniger besucht werden können. Vor allem gefällt mir auch sehr, was dort alles angeboten wird, z. B. Musiktherapie und die Clowntherapie. Jürgen Haas, Angehöriger unsere Bildungspartnerschaft diesen Namen echt verdient. Schule und Pflege, quirliges Leben und Leben im Stand-by-Modus, lernen und pflegen. Am Anfang war beiden Seiten nicht klar, wie sehr man voneinander profitiert. Jahre später sind wir selbst immer wieder überrascht, was möglich ist, wenn man sich auf eine solch ungewöhnliche Partnerschaft einlässt. Deshalb: Wir kommen gerne in die Wachkoma AktivPflege, weil wir mit den Menschen dort gerne zusammen sind. Stefan Vollmer, Rektor Realschule Bopfingen ich die Zusammenarbeit mit dem Pflegeteam als optimal ansehe und empfinde. Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich K.H. Friedrichson, Facharzt für Allgemeinmedizin es sein könnte, dass mein Sohn etwas mitbekommt. Gösta Worf, Angehöriger

MEINEN ERSTEN KONTAKT MIT MENSCHEN IM WACHKOMA… hatte ich in einer großen Klinik in der Stadt Wien. Diese Begegnung hat mich stark emotionalisiert und angespornt, für den Ostalbkreis ein ähnliches medizinisches Angebot zu errichten. Axel J. F. Janischowski, Vorstandsvorsitzender, Kliniken Ostalb gkAöR hatte ich durch meine Frau, die dort von Anfang an aktiv mit dabei war. Jürgen Haas, Angehöriger hatte ich, beruflich bedingt, schon lange vor der Eröffnung der Wachkoma Akivpflege Bopfingen. Seither begleite und verfolge ich die beeindruckende Entwicklung der Einrichtung. Josef Bühler, Geschäftsführer, AOK – Die Gesundheitskasse Ostwürttemberg hatte ich in der Akivpflege Bopfingen schon vor einigen Jahren. Ich konnte mir nicht vorstellen, was es für mich mal bedeuten kann. Das Leben ist so einmalig in allen Bereichen. In der Hilflosigkeit helfen zu können, ist eine Gnade und ein Geschenk. Das Geschenk nehme ich jedes Mal, wenn ich dort war, mit nach Hause. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt


MIT DEM HERZEN GEDACHT IN DER BEGEGNUNG MIT WACHKOMAPATIENTEN… zeigt sich mir die Vielfalt des Lebens und des Erlebens. Knut Frank, leitende Pflegefachkraft werde ich immer wieder demütig. Ich empfinde Dankbarkeit für mein eigenes Schicksal, ich nehme die starke Belastung der Angehörigen wahr und habe großen Respekt vor der menschlich fordernden und medizinisch anspruchsvollen Pflege. Stefan Vollmer, Rektor Realschule Bopfingen verspüre ich tiefe Dankbarkeit und größten Respekt für all die Menschen, die für die Patienten da sind. Carl Trinkl, Vorstandsvorsitzender, Kreissparkasse Ostalb wird mir immer bewusst, dass das Leben ganz verschiedene Wege gehen kann. Mal sind es gerade Strecken, da kommt man rasend schnell an. Dann aber gibt es leichte Kurven und im Extremen auch nur noch Serpentinen. Und keiner weiß wie es weitergeht. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt wird Dir als Mitmensch – jenseits von Kriegen und Vergnügungen – unmittelbar vor Augen geführt, wie das kostbare und gleichsam zerbrechliche menschliche Dasein die Einmaligkeit des Lebens atmet. Dr. med. dent. Konrad Scheuermann, Zahnarzt, Bopfingen wurde mir bewusst, wie kostbar, einzigartig und fragil unser Leben ist. Dr. Carola Merk-Rudolph, Konrektorin Realschule Bopfingen, Kreisrätin finde ich in innerer Ruhe zu mir und besinne mich darauf, was es ausmacht, Mensch zu sein. Thomas Schneider, Vorstand, Kliniken Ostalb gkAöR ist mir aufgefallen, dass das Herz am richtigen Fleck wichtiger ist, als die rechte Hand am Gas. Klaus Schips, Motorradfreunde Neuler wird mir immer bewusst, was wirklich wichtig im Leben ist: Dankbarkeit, Gottvertrauen und denjenigen Hilfe zu geben, die von einem solchen Schicksal betroffen sind. Axel J. F. Janischowski, Vorstandsvorsitzender, Kliniken Ostalb gkAöR


DIE WACHKOMA AKTIVPFLEGE IST FÜR DIE STADT BOPFINGEN UND DIE REGION… ein leuchtendes Beispiel für gelebte Hilfsbereitschaft und Verantwortung für die Mitmenschen. Carl Trinkl, Vorstandsvorsitzender, Kreissparkasse Ostalb eine wichtige Einrichtung, allgemein denke ich sie ist eine Bereicherung – auch für den gesamten Ostalbkreis. Jürgen Haas, Angehöriger nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber, sondern eine ganz besondere, überaus wichtige Versorgungseinrichtung für Menschen mit diesem schweren Schicksal und für deren Angehörige. Josef Bühler, Geschäftsführer, AOK – Die Gesundheitskasse Ostwürttemberg eine ganz besondere Einrichtung, für die man immer einen Gedanken und MEHR übrig haben sollte. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt

WACHKOMA BEDEUTET FÜR MICH… dass diese Menschen in diesem besonderen Zustand die gleichen Gefühle haben wie du und ich. Vielleicht reicht die Kraft nicht immer so weit, wie sie möchten, dennoch zeigen sie individuelle Reaktionen. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt einen Menschen zu treffen, der den Kontakt zur Außenwelt verloren hat; beide sind wir auf der Suche, wie wir uns wieder begegnen können. Dr. med. Bernd Eifert, Sprecher des Ärzteteams, Bereichsleiter Intensivmedizin, SRH Fachkrankenhaus Neresheim Leben an der Schwelle zum Jenseits! Hans-Peter Weber, Vorstandssprecher, VR-Bank Ostalb eG Hoffnung, Traurigkeit, Ernüchterung, Realität. Gösta Worf, Angehöriger


DIE WACHKOMA AKTIVPFLEGE IST FÜR MICH WICHTIG, WEIL… dort Menschen wie „Du und ich“ in schwerer Not liebe- und hinwendungsvolle Hilfe durch andere Menschen erfahren. Thomas Schneider, Vorstand, Kliniken Ostalb gkAöR auch Schicksalsschläge zum Leben gehören. Für uns als Schule ist es eine zentrale Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorzubereiten. Dazu gehört auch der Umgang mit Menschen in besonderen Situationen. Jeder Schüler in Klasse 9 wird deshalb mit diesem Thema konfrontiert. Dabei ist wichtig, dass jeder und jede für sich selbst entscheidet, wie nah er dieses Thema an sich heranlässt. Das reicht von der relativ theoretischen Auseinandersetzung im Unterricht, wenn Herr Frank aus der schicksalhaften Realität berichtet, bis hin zur PorträtZeichnung am Bett der Patienten. Beim gemeinsamen Sommerfest feiern wir dann mit den Pflegekräften, den Patienten und den Angehörigen und nach jedem Fest sind wieder ein paar Berührungsängste mehr abgebaut. Stefan Vollmer, Rektor Realschule Bopfingen hier mit sehr viel Herz, Hand und Verstand tagtäglich ein hochspezialisiertes Pflege- und Aktivierungskonzept umgesetzt wird, das den betroffenen Menschen in ihrem Schicksal ein Zuhause und ihren Angehörigen wieder neue Hoffnung gibt. Dr. Carola Merk-Rudolph, Konrektorin Realschule Bopfingen, Kreisrätin dort hilflosen Menschen Wärme und Zuneigung zuteil wird! Hans-Peter Weber, Vorstandssprecher, VR-Bank Ostalb eG ich dort für unsere schwer hirngeschädigten Patienten bei den Mitarbeitern das notwendige Engagement, die Kompetenz und das Verständnis finde, um den Patienten und ihren Angehörigen Hoffnung auf weitere Erholung in einem neuen, sicheren Zuhause zu geben. Dr. med. Bernd Eifert, Sprecher des Ärzteteams, Bereichsleiter Intensivmedizin, SRH Fachkrankenhaus Neresheim mein Sohn dort wohnt. Gösta Worf, Angehöriger sie Menschen zusammenbringt, verbindet und uns alle Demut lehrt. Knut Frank, leitende Pflegefachkraft ich bei diesen Menschen das Gefühl habe, das, was ich dort mache, ist in diesen Minuten genau das Richtige. Irmgard Eisele, Musiktherapie im Ehrenamt dort in optimaler Weise Patientinnen und Patienten ihren Bedürfnissen entsprechend individuell gepflegt, betreut und behandelt werden. Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich K.H. Friedrichson, Facharzt für Allgemeinmedizin sie Arbeitsplätze schafft und Patienten, unter anderem aus der Region, die Möglichkeit haben aufgenommen zu werden. Jürgen Haas, Angehöriger


DANKSAGUNG Unser herzlicher Dank gilt den Sponsoren für die freundliche Unterstützung.

Motorradfreunde Neuler

Veeh-Harfen-Ensemble Viel-Saitig Lauchheim Jonathan Pfaff Strickkreis Begegnungsstätte Bürgerspital Aalen

Stadt Bopfingen

Strickkreis Wachkoma Bopfingen Strickkreis Lichtstube Elchingen

REALSCHULE BOPFINGEN

Katholischer Frauenbund Westhausen Ochsendörfer Weihnachtsdörfle

VAF GmbH, Bopfingen

Lions Club Aalen Lions Club Ostalb Ipf

Schwäbische Kleinkunst nach Eggenroter Hausfrauen

Fotografie: Harald Habermann www.photographie-habermann.de


IMPRESSUM

Herausgeber: Kliniken Ostalb gkAöR, Wachkoma AktivPflege Bopfingen Pflegedirektion, 2017 Jahnstraße 24 73441 Bopfingen

© Copyright

Kliniken Ostalb und die Autoren 2017 Gestaltung: Wolfgang Dick www.disegno.biz Auflage: 750 Exemplare


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