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Städte im globalen Transformationsprozess

5.1 Einleitung Städte zeigen aufgrund ihrer Funktionen, Aufgaben sowie ihrer vielfältigen Verflechtungen einerseits viele Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten hinsichtlich ihrer Strukturen, Prozesse und Akteure. Andererseits weisen Städte jedoch im internationalen Vergleich eine große Heterogenität und sehr unterschiedliche Entwicklungsdynamiken auf, da sie sich in ihrer Geschichte, ihrer geographischen Lage, ihrer politischen, soziokulturellen, ökonomischen und ökologischen Faktoren sowie aufgrund der unterschiedlichen Stadtgrößenklassen und Funktionstypen stark unterscheiden (Kap. 2.2.1). Anhand der urbanen Entwicklungsmuster von acht exemplarisch ausgewählten Städten bzw. Stadtbezirken werden im Folgenden unterschiedliche Urbanisierungspfade und daraus entstehende Pfadabhängigkeiten vor dem Hintergrund des komplexen Zusammenspiels historischer, kultureller, sozioökonomischer und ökologischer Entstehungszusammenhänge beleuchtet (Kap. 2.2.2). Diese holistische und synergetische Betrachtung von Einzelstädten soll den Blick für die Diversität jeweils tragender Entwicklungs- und Gestaltungswege, spezifischer Spannungsfelder und Konfliktmuster schärfen und zugleich dazu inspirieren, eine in mehrere Richtungen weisende Exploration für urbane Transformationsprozesse zu betreiben und individuelle, an den lokalen Kontext angepasste Lösungsansätze zu entwickeln. Hierzu ist ein tiefgehendes Verständniss für die Komplexität und Verflochtenheit urbaner Werdungsprozesse erforderlich. Zugleich sollen anhand des vom WBGU entwickelten normativen Kompasses und seiner drei Dimensionen Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, Teilhabe und Eigenart (Kap. 3) Hinweise auf spezifische Handlungsdefizite und -lösungen für jeweils spezifische urbane Entwicklungen erarbeitet werden, die in der Summe zu einer großen urbanen Transformation beitragen können. Der WBGU hat folgende Städte bzw. Stadtbezirke für die exemplarische Betrachtung ausgewählt: Mum-

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bai (Indien), Kairo (Ägypten), Kopenhagen (Dänemark), Guangzhou (China), das Ruhrgebiet (Deutschland), Kigali (Ruanda), São Paulo (Brasilien) sowie den Stadtbezirk Novi Beograd (Serbien). Zwei Städtebeispiele aus europäischen Industrieländern verdeutlichen die Herausforderungen des Strukturwandels gewachsener Strukturen: Am Beispiel der Metropolregion Ruhrgebiet werden die komplexen Herausforderungen des durch Deindustrialisierung verursachten Strukturwandels sowie die Potenziale polyzentrischer Strukturen verdeutlicht. Kopenhagen ist für seine Initiativen in Bezug auf Umweltschutz und menschenorientierte Stadtentwicklung bekannt, wobei aber noch Handlungsbedarf besteht, z.  B. bei der Emissionsreduktion und der Chancengleichheit innerhalb der Bevölkerung. Die Städtebeispiele aus Schwellen- und Entwicklungsländern (Ägypten, Brasilien, China, Indien und Ruanda) stehen stellvertretend für Städte mit hoher Urbanisierungsdynamik im Entwicklungskontext, die sich jedoch in unterschiedlichen Phasen befinden und aufgrund unterschiedlicher politischer und sozioökonomischer Systemvoraussetzungen verschiedene Urbanisierungspfade aufweisen: Mumbai hat seit ihrer Gründung deutliche Wachstums- und Expansionsprozesse sowie mehrfache Umbrüche (z.  B. Unabhängigkeit, Liberalisierungspolitik) erfahren. Trotz ihrer vielfältigen Überlastungsprobleme gilt die Stadt als Hoffnungsträgerin für die aufstrebende Mittelschicht und die urbane Armutsbevölkerung. In Kairo entwickelte sich ein Dualismus von informellen bzw. ungeplanten Stadtvierteln und neu geplanten Satellitenstädten in der Wüste, verursacht durch dezentral-informelle und parallele zentralistisch-formelle Stadtentwicklungsprozesse. In Guangzhou sind Politik und Wirtschaft im Zuge eines „Roten Kapitalismus“ (Lin, 1997) zentrale Treiber einer rapiden, gelenkten Urbanisierung. Kigali verfolgt trotz des politischen Erbes als Postkonfliktstadt sowie der überwiegend informell organisierten Stadtentwicklung und -versorgung ambitionierte Ziele, eine Modernisierung durch wirtschaftliches Wachstum auf ökologisch verträgliche Weise zu erreichen. São Paulo durch-

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WBGU Hauptgutachten: Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte  

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