Page 29

Aus der Oberstufe

ganzes Tonsegment von Vorne beginnen. Auch die Interviewgruppe muss kräftig arbeiten. Sie muss Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Interviewpartnern zeigen, Termine absprechen und gezielt Fragen stellen, die hilfreiche Informationen liefern. Interviewtechniken zu lernen und einzustudieren ist für diesen Part unerlässlich.

Tag filmt, um am Ende Material für zehn Sekunden des Filmes zusammen zu bekommen, das vielleicht sogar dem letzten Schnitt zum Opfer fällt, der wird sicherlich anders denken. Manchmal muss man nur einen Knopf drücken und eine knappe Stunde warten, bis alles im Kasten ist. Manchmal muss man flexibel sein, ständig schwenken, zoomen und verfolgen. Dazu kommen Kleinigkeiten, wie das Erlernen einer ruhigen Kameraführung oder das Erlernen des Schreitens, um die Kamera ruhig und auf einer Höhe zu halten. Kameramann – ein Job zwischen Hektik und tödlicher Langeweile. Ein sehr beliebter Ausdruck war im Projekt das Choreographieren. Wie auch im Profijournalismus ist es manchmal notwendig, so zu tun, als ob. Ich erzählte von einer Situation, in der ein Reporter für eine lokale Zeitung damals in Kamen zu einem Gesellschaftsspiele-Abend kam, die anwesenden Leute anleitete („Du nimmst jetzt mal die Spielfigur, du guckst grimmig, und du, nimm mal die Karten in die Hand.“) sein Foto machte und verschwand. Der anschließende Artikel hatte dann irgendwie etwas mit dem Event zu tun. Einige Schüler zeigten sich moralisch entrüstet, akzeptierten aber dann, dass man manchmal eine authentische Situation vortäuschen kann, wenn es zu umständlich und zeitaufwendig wäre, die echte Situation so zu filmen, wie sie später im Film vorkommen soll. Der Ausdruck „Das choreographieren wir dann“, kam danach aber öfter auf. Während die Kamera unterwegs ist, werden auch die Tonleute tätig, die mit den gegebenen Mitteln die Monologe einsprechen, die später im Video verarbeitet werden. Auch diese müssen mehrfach wiederholt werden, insbesondere wenn das Gesprochene zu lang oder zu kurz ist und mit dem gezeigten Video nicht vereinbar ist. Ein unpassendes Hintergrundgeräusch, ein Versprecher oder eine körperliche Regung an de falschen Stelle, und schon kann ein

Zuletzt ist da dann noch der Schnitt. Mit einem speziellen Programm wird das Filmmaterial mit den Monologen, den Effekten, der Musik und allem, was sonst noch anfällt, zusammengeschnitten, bearbeitet, verworfen und neu aufgelegt werden. Und immer gilt es, den Frust zu verarbeiten, der aufkommt, wenn schon wieder alles nicht passt oder eine entscheidende Einstellung fehlt, so dass das entsprechende Team noch einmal ausrücken muss, um die Lücken zu schließen. Letztlich ist der Film dann aber fertig, und alle frohlocken. Leider noch nicht. Denn jetzt schlägt der bürokratische Moloch zu. Das ist ein riesiges muffiges Ungetüm, das Unmengen an Papier futtert, gerne auf Paragraphen reitet und ganz besonders gut darin ist, mahnend den Finger zu heben. Das Vieh jage ich schon seit einem Jahr. Hoffen

wir das Beste. Im kommenden Schuljahr werde ich noch einmal versuchen, eine Filmgruppe zu gründen, muss aber dann besser darüber informieren, dass diese Tätigkeit neben Kreativität vor allem Durchhaltevermögen, Flexibilität und viel Zeit benötigt. Über diese Tätigkeit können sich Schülerinnen und Schüler immerhin eine wichtige Fähigkeit aneignen, die ihnen dann auch bescheinigt werden kann. Und bei Einstellungsgesprächen macht das durchaus was her – habe ich irgendwo mal gehört. Wolfgang Rupsch

29

Profile for Udo Wortmann

Midri/Triangel Sommer 2014  

Zeitschrift zur Waldorfpädagogik in Hagen

Midri/Triangel Sommer 2014  

Zeitschrift zur Waldorfpädagogik in Hagen

Advertisement