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Zwei Geschichten über Sport – geschenkt von Bastian Kresser

„Ich also hänge in der Wand und suche nach der nächsten Möglichkeit, einen Klemmkeil oder einen Friend in eine Felsspalte zu schieben. Der Schweiß läuft mir über das Gesicht und über den Rücken, und ich spüre ganz genau, wie er mir langsam auch noch in die Unterhose rinnt. Und dann, als wäre das nicht genug, fängt mein Bein auch noch an, unkoordiniert zu zittern. Kennst du das? Wie eine Nähmaschine. Bastian und ich nennen es eine Nähmaschine. Seine Freundin sagt, der Vergleich hinkt. Ein Widerspruch in sich, sagt sie. Unkoordiniert und Nähmaschine. Ich finde, er trifft es genau.“ Mein Freund Klaus, unsere Freundin Sonja und ich sitzen auf einem dicken Ast beim alten Emser Bädle und blicken auf den Alten Rhein und die nahe Schweiz am Ufer gegenüber. Wir kennen uns noch von der Schulzeit her. Klaus und ich studierten in Innsbruck und fanden schließlich wieder zurück nach Vorarlberg. Sonja zog vor einigen Jahren nach Wien – ursprünglich ebenfalls, um dort zu studieren. Nach ihrem Studium beschloss sie, in der Hauptstadt zu bleiben. Ein bis zwei Mal im Jahr treibt es sie jedoch wieder ins Ländle. Wenn sie hier ist, treffen wir uns. Oft gehen wir zum Alten Rhein. Klaus steht auf, stellt einen Fuß auf den Ast, auf dem wir sitzen und imitiert die zitternde Bewegung seines Beins. Mit weit geöffneten Augen blickt er Sonja an und zeigt darauf. „Eine Nähmaschine!“, ruft er. Ich muss lächeln. Ich kenne die Geschichte in- und auswendig. Klaus liebt sie. Er hat sie mir vor langer Zeit geschenkt. Sonja kennt sie nicht. Das allein ist für ihn Grund genug, seinen Enthusiasmus in die Geschichte zu legen. Immer noch zittert sein rechtes Bein auf dem Ast. Sonja und ich hüpfen kaum merklich im gleichen Takt auf und ab. „Was ist ein Friend?“, fragt Sonja schließlich. Er stöhnt leise auf. Das ist nicht der Teil, den er erzählen will, denke ich mir. Klaus setzt sein Bein wieder auf den Boden, dreht sich im Stand und lässt sich zwischen Sonja und mich auf den Ast fallen. Der Ast biegt sich

nach unten, und Sonja verliert beinahe das Gleichgewicht. Klaus legt einen Arm um ihre Schultern. Mit den Fingern der anderen Hand fährt er über seinen Bart. „Ein Friend ist so was Ähnliches wie ein Klemmkeil. Weißt du, was ein Klemmkeil ist?“ Sonja blickt ihm ins Gesicht. Sie zieht ihre Augenbrauen hoch. „Ein Metalldings, das man beim Klettern in Felsspalten stecken kann, und an dem man sich dann sichert“, sagt Klaus. „Aha“, sagt Sonja, lächelt mir über Klaus’ Schulter hinweg zu und zuckt leicht mit ihren Schultern. „Und dann?“, fragt sie. „Und dann befestigt man eine Expressschlinge und das Seil daran“, sagt Klaus. „Das meine ich nicht“, sagt sie. „Dein Bein hat gezittert. Und dann?“ Klaus braucht einen Moment, um wieder in seine Geschichte zu finden. Dann steht er auf. Der Ast geht nach oben. Im Stehen wirken Erzählungen besser. Das hat er mir einmal erklärt. Ich finde, er hat Recht. Ganz besonders bei ihm ist es so. „Kennst du die Löwenzähne?“, fragt er Sonja. Wieder blickt sie fragend in meine Richtung. Ich nicke. „Die Felsen über Hohenems. Letzten Sommer waren wir dort. Wir sind von der Reute aus gestartet ...“ „Ja, ja, ja“, unterbricht sie mich. „Ich erinnere mich.“ Und zu Klaus: „Klar kenne ich die Löwenzähne. Du kletterst dort?“ „Manchmal“, sagt Klaus. „Aber wenn, dann ist es was Besonderes. Der Weg dorthin, der Blick über Hohenems und den Alten Rhein, und ganz besonders der riesige allein stehende Fels.“ „Du warst in der Wand, und dein Bein hat gezittert“, sage ich lächelnd. Ich weiß, dass auch das nicht der Teil ist, auf den Klaus hinaus will. „Das kommt vom Respekt vor dem Fels“, sagt er. „Respekt, Angst und Erschöpfung. Früher hatte ich das nicht so oft. Da habe ich einfach meinen Kopf ausgeschaltet. Das gelingt mir heute nicht mehr jedes Mal. Aber auf was ich hinaus will: Ich war in der Wand und

Hohenems  

Bildband über die Stadt Hohenems in Vorarlberg / Österreich. Mit Texten von Michael Köhlmeier, Reinhold Bilgeri, Gabriele Bösch, Hanno Loewy...

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