Page 24

Die Hohenemser Ringparabel von Michael Köhlmeier

Bald nachdem Hohenems das Stadtrecht erhalten hatte, besuchte mich ein deutscher Kollege, der damals in Los Angeles lebte und Drehbücher schrieb. Ich stieg mit ihm auf den Schlossberg, wo wir gemeinsam die Ruine abschritten und wo ich ihm erklärte, wie von diesem schroffen Schrofen aus ein ganzes Land – tatsächlich soweit das Auge reicht – beherrscht werden konnte; wir wanderten zum Gsohl, von wo wir frühstückend aufs Rheintal blickten; ich führte ihn am Alten Rhein entlang bis Lustenau und gab Heroengeschichten aus meiner Kindheit und Jugend zum Besten, Geschichten von den sagenhaften Nikolussibrüdern, von der sagenhaften Texasbar, vom sagenhaften Walter Batruel, der den Blues nicht nach Hohenems gebracht, sondern ihn hier neu erfunden hat; wir schlichen uns in den Palast, und ich flüsterte ihm zu, was ich über den Bau und dessen Besitzer und seine Ahnen wusste, und schilderte ihm, wie der Herr Graf auch heute noch bei Regenwetter sonntags, ohne nass zu werden, in die Kirche gelangt; ich spazierte mit ihm durch die Straßen unserer Stadt und über die Schillerallee; und selbstverständlich zeigte ich ihm auch das Judenviertel, das damals noch ziemlich viel zu wünschen übrig ließ, deutlich sichtbar mehr als heute. Ich berichtete ihm aus der Historie dieses Viertels, von den Menschen, die hier gelebt hatten, und zeigte ihm die Häuser, die diese Geschichte illustrieren – das ehemalige Armenhaus, die Villa Rosenthal, das Elkanhaus, die ehemalige jüdische Schule, die Heimann-Rosenthal-Villa und die ehemalige Synagoge, in der damals noch die Feuerwehr untergebracht war. „Und wie ging das zwischen Juden und Christen?“ fragte er. „Gut im Großen und Ganzen“, sagte ich. Ich berichtete ihm von dem jüdischen Fabrikanten Rosenthal, der seiner geliebten Gemeinde ein Krankenhaus gestiftet hatte; und, dass manche Christen

ihre Kinder in die jüdische Schule schickten, weil dort das Lernen mehr Früchte trage. „Und wie war das dann bei den Nazis?“ fragte er weiter. „Auf eine Felsplatte am Schlossberg haben sie das Hakenkreuz gemalt“, sagte ich und erzählte ihm, dass man, als ich ein Kind war, das Kreuz an Regentagen noch habe sehen können, hoch oben über der Kirche. Ich führte ihn hinaus zum jüdischen Friedhof und berichtete ihm, dass man die Bäume, die hier wachsen, nach dem Krieg an die Bleistiftfirma Faber Castell verkaufen und dass man auf dem frei gewordenen Areal eine Christbaumzucht errichten habe wollen. „Aber wir haben es dann doch nicht gemacht“, sagte ich. „Aber aus der Synagoge habt ihr ein Feuerwehrhaus gemacht“, sagte er. „Das schon“, sagte ich. „Überall hat man die Synagogen angezündet, und in Hohenems hat man ein Feuerwehrhaus daraus gemacht“, konstatierte er, und wie er es tat, klang es nicht zynisch – obwohl man so eine Äußerung ja gar nicht anders als zynisch gemeint verstehen kann, weil eben die Tatsache selbst zynisch ist – obwohl wahrscheinlich keiner von denen, die nach dem Krieg diese Umwidmung der Synagoge beschlossen hatten, sich eines Zynismus bewusst war; was uns lehrt, dass wir bisweilen so nahe mit der Stirn vor unserer Zeit stehen, dass der Blick in die Zukunft höchstens bis übermorgen reicht. Zu meiner Überraschung war mein Freund am meisten vom Verfall unserer Stadt fasziniert – und diesbezüglich hatte Hohenems damals einiges zu bieten (was nicht heißt, dass wir heute aus dem Schneider wären). Den schönsten, den poetischsten Verfall fand er im Judenviertel. Zunächst sah er in den Häusern nur die Ruinen, die von einer untergegangenen Zeit raunten. Es sei eine höchst weise Entscheidung der Stadtverwal-

Hohenems  

Bildband über die Stadt Hohenems in Vorarlberg / Österreich. Mit Texten von Michael Köhlmeier, Reinhold Bilgeri, Gabriele Bösch, Hanno Loewy...

Advertisement