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Gabriele Kรถgl

Auf Fett Sieben Roman Leseprobe

WA LLST EI N V ER LAG


Am Dienstag hatten wir Deutsch. Ich machte immer Bauchübungen, damit ich was Sinnvolles, während mir diese sinnlose Zeit am Arsch vorbei ging. Ich streckte die Beine aus und hob sie an, so lange, bis der Bauch zitterte, das gab einen vollen Sixpack, wenn ich es in der Stunde ein paar Mal. Der Kreidekratzer da vorne laberte uns. Voll sinnlos. Wir mussten ein Minireferat halten, zur These: Angesichts der großen Probleme in der Welt sollte man im Deutschunterricht mehr Sachtexte behandeln als Literatur. Mir war das so was von schnuppe, und drum hatte ich meine Mam gebeten, ob sie mir dabei hilft. Und sie hat als erstes gefragt, ob ich das auch meine, und ich hab gefragt, was meine, und sie hat gesagt, na das, was die These besagt, und ich habe gesagt, klar meine ich es, weil ich nix falsch machen wollte, und dann war es total daneben, weil sie das nicht gemeint, und sie hat gesagt, sie könne mir nur helfen, wenn ich nicht dieser Meinung. Und ich habe gedacht, oke, oke, ich will so schnell wie möglich zu How I Met Your Mother und habe getextet, oke, ich bin nicht dieser Meinung, und das war nicht mal gelogen, weil ich keine Meinung dazu, weil ich nur eine Meinung zu How I Met Your Mother hatte, weil das die geilste Serie, die je gemacht, und ich wollte den Scheiß für Deutsch doch nur schnell fertig kriegen, wenn möglich, sofort, am liebsten soforter, und ganz ohne meine Meinung. So war ich total auf nett und habe meinen interessierten Blick, den hatt ich echt drauf, wenn es um was ging, und meine Mam hat ihre Argumente gesabbert, warum sie das nicht gut findet, und ich hab brav mit, 16


dass Literatur auch die Probleme der Welt behandelt, dass die Probleme am Individuum abgehandelt würden und dadurch besser verständlich wären, und dass es mehr Spaß mache, Literatur zu lesen als Sachtexte. Ich habe quasi alles mitgemeißelt, was meine Mam mir hat, und ich habe mir gedacht, wenn sie das so sagt, würd es schon oke, und auf die letzte Schularbeit hatte ich eine Themenverfehlung, deshalb hätte ich einen Streberstrich auf die Arbeit super gebrauchen. Und dann, als wir das Gemeißel vortragen mussten in der Schule, hatten alle etwas anderes als ich. Alle waren für die These, nur ich nicht. Weil wir für die These sein mussten, und während die anderen geredet, musste ich wild wie eine Übercheckerin alles noch einmal meißeln, damit ich auch für und nicht wie meine Scheißalte gegen diese These schwafeln konnte. Als ich heim, sagte ich ihr, dass wieder einmal alles falsch gewesen sei, was sie mit mir gemacht habe, und sie hat gesagt: Hauptsache, der Konjunktiv stimmt. Ich referierte ihr, dass wir für die These sein mussten, und nicht dagegen, da flippte sie total und schrie mich an: Man kann nicht gegen seine Überzeugung für eine These sein. Eine These ist nichts als eine Behauptung, sie ist durch nichts bewiesen, und so wie es aussieht, will er ein Milgram-Experiment mit euch machen. Was bitte ist ein Milgram-Experiment?, fragte ich und fand ihre Hysterie schon etwas beängstigend. Stell dir vor, schrie sie weiter, das nächste Mal sagt er, ihr müsst zur These: ›Todesstrafe ist angesichts der vielen Straftaten die bessere Lösung‹ Argumente finden. Das endet in NLP. Was zum Teufel ist NLP?, fragte ich weiter. 17


Die Alte schrie nur mehr in Rätseln mit mir herum, und dabei war sie es, die meine Aufgabe nicht gecheckt. Außerdem, brüllte sie weiter, musste ich niemals im Leben in keiner einzigen Erörterung eine Meinung gegen meinen Willen vertreten. Die war total übergeschnappt, ich hatte keine Ahnung, wie ich sie runterholen. Mann, sagte ich, chill down, geh bei grün, hier geht es doch um nichts. Das ist nur eine Redeübung. Hier geht es um eine Lebenshaltung, fauchte sie mich, hier geht es um alles andere als um nichts!

Am Donnerstag war ich bei meinem Oldie. Eigentlich ging ich gern zu ihm. Er hatte eine Dachterrassenwohnung mit einem Marihuanastrauch drauf. Das fanden meine Freunde echt cool, wenn mein Alter einen Joint drehte und mit mir kiffte. Kompostis, die Koks ziehen und Tabletten schieben, das hatten viele zu Hause, aber eine Mumie, so richtig alt wie ein Schilling, mit Pflanzen drauf und Paper drehen, das war so megaout, dass es schon wieder in. Und wenn ich erzählte, dass der Alte immer wieder mal eine mit mir dreht, und wir sitzen da und halten das Ding total auf Profi, mit Daumen und Zeigefinger, er schiebt Jim Morrison in den Player, Come on Baby, light my fire, wir sitzen auf dem Boden der Dachterrasse und scannen die Dächer der City, während der Mond sich wie ein horizontal benachteiligter Mumienprolo über die Kamine schiebt, das hatte schon was. Und wenn ich einen Steeve mitbrachte, und mein Alter baute für uns drei so eine Kanone, da war es schon galaktisch, so einen durchgeknallter Vater. Und ich weiß heute noch nicht genau, wann das kippte. 18


Eigentlich wollt ich nur schnell rein und meine Jeansjacke, die ich seit dem letzten Sommer dort geparkt. Auf ihn hatte ich total keine Lust, hatte ich öfters nicht. Ich wollte mit Berta und den anderen auf eine H & M Orgie und dann auf einen Latte mit Vanille und Zimt ins Starbucks. Ich hatte keinen Bock auf zeitintensives Höflichkeitsgelaber, und für H & M hätt er mir sowieso keine Kohle, weil H & M die Menschen der Dritten Welt ausbeutet, wie er sagte, und er gab mir nur Schotter, wenn ich zu Benetton, aber Benetton war sauteuer, da kriegte ich bei Hasi & Mausi drei dafür. Außerdem war das total peinlich, wenn die anderen H&M und ich Benetton, das war total schwul, ein absolutes no go. Da musst du Flagge zeigen, sagte der Alte, er hob den Arm wie die Vierlagige auf dem Bild mit der Fahne bei der Französischen Revolution und dann sagte er: United Colors of Benetton. Also ich hatte echt keinen Bock auf Revolution und habe die Tür leise aufgesperrt, damit er mich nicht hörte. Er saß sowieso den ganzen Tag an seinem Computer und spielte den Tastenhengst, er machte mit seinen Aktien rum, mit denen er nichts verdiente. Zumindest wenn meine Mam ihn anrief, behauptete er es, wenn er wieder mal nicht überwiesen. Früher war er mal Unternehmensberater, da hatte er echt Kohle, indem er bei den anderen alles rationalisiert. Aber irgendwann hatte er sich wohl selber wegrationalisiert und ab dann beriet er nur mehr sich selber. Er ist total geläutert, sagte er, und handelt nur mit nachhaltigen Aktien. Aber wenn er dabei keine Kohle mehr, fragte ich mich, was wohl aus den Firmen geworden, die er beraten. Ich schlich mich rein, das Wohnzimmer, in dem er 19


auch arbeitete, lag sowieso auf der anderen Seite, ich wollte nur schnell in mein Zimmer, und als ich die Tür total leise auf, stand er in meinem Zimmer, vor meinem Spiegel und hatte meine Klamotten an. Ich blieb stehen und konnte nur mehr glotzen. Und er sah mich, und endlich hörte er auf, mit seinem fetten Arsch zu wackeln, der in meinem Ritzenflitzer steckte. Er starrte mich an. Er hatte aufgepitchte Lippen und einen Lidstrich unter der Guckausrüstung und ich dachte, scheiße, dein Vater ist eine Transe, und du hast es all die Jahre nicht bemerkt. Das musste ich echt verdauen. Mir fiel im Augenblick gar nichts zu dem Typen ein, ich dachte nur, diesen Tanga kannst du vergessen, und den Push-up auch. Ich meine, ich zieh doch nichts mehr an, wo der Alte sein Alimentekabel drin gehabt und seine ausgeleierten Titten. Und wahrscheinlich kann ich gar nichts mehr anziehen von dem Zeug, das ich bei ihm gelassen, weil er vielleicht überall seine Eier oder seinen Schwanz daran gerieben. Wenn er sich wenigstens seine eigenen Dessous, aber dazu war er zu gierig, der dachte sich wohl, wenn er ab und zu ein paar Alimente rüberschiebt, kann er sich ab und zu auch was von dem Zeug seiner Kleinen. Ich meine, was tut man mit so einem Oldie? Das kann man nicht einmal jemandem erzählen, so peinlich, wie das ist. Und wenn ich es der Alten sage, knallt die sowieso durch und zeigt ihn an, und dann muss ich vielleicht noch als Zeugin gegen ihn vor Gericht, damit ich nicht mehr zu ihm darf, nein danke, keinen Bock auf so was. Hatten wir schon. Die Bude von meinem Alten war schöner als die von meiner Mam. Sie hatte eine total versiffte Altbauwoh20


nung, komplett zugemüllt mit Büchern und Zeitungen. Ich meine, ich musste auch nicht unbedingt die große Ordnung, aber wenn man nicht einmal mehr sein eigenes Chaos findet, dann wird es eng. Wenigstens die Küche könnte sie außen vor, aber nein, ich hab auch schon mal ein Buch im Kühlschrank. Und habe mir gedacht, jetzt ist es so weit, jetzt frisst deine Alte schon die Bücher und gekühlt schmecken sie ihr am besten. Ich hatte es raus und wollt ihr zeigen, wie unerträglich es ist, mit einer bücherfressenden Mutter. Ich habe die Blätter herausgerissen und rein in den Salat damit und dann hab ich gesagt: Tag Mam. Ich hab für uns was zu Essen gemacht. Und hab ihr den Büchersalat hin. Und sie ist total ausgezuckt und hat gelabert, dass dieses Buch eine kostbare Erstausgabe, die sie frisch geleimt, und damit kein Staub beim Trocknen, hat sie es in den Kühlschrank. Und ich habe mir gedacht, dann hast du jetzt wenigstens einen kostbaren Büchersalat. Naja, der Kühlschrank ist vielleicht wirklich der einzige Ort, wo man sich keine Staublunge in der Wohnung meiner Mutter. Andererseits, wenn man ein bisschen gläubig wäre, Staub bist du und Staub wirst du, wie auf dem Begräbnis meiner Großmutter, dann hätten wir einen ziemlichen Lurchfriedhof zu Hause, aber Staub sei ja auch wichtig, hat meine Mutter gesagt, wenn sie grad nicht ein Buch leimte und ich mich aufregte, wie es aussieht bei ihr. Zum Beispiel könnte das Wasser nicht gefrieren ohne ein Körnchen Staub, sagte sie, oder es würde nicht regnen ohne Staub da oben. Bei ihr war alles so voll mit Büchern, dass man den Staub nicht einmal wegsaugen konnte. Und darum war nicht nur alles voll mit Büchern, es lag auch überall der Staub herum. Eigentlich müsste es in ihrer Wohnung dauerreg21


nen. Man müsste einen Bücherstaubsauger erfinden, mit dem saugt man drüber und alle Bücher sind weg. Das wär echt eine krasse Erfindung. Eine Zeitlang hatt ich an meine Freundinnen und ihre Supporter Bücher verteilt. Immer, wenn ich hingegangen, habe ich ein paar mitgebracht, bis zum Abwinken, weil sie nicht mehr wussten, wohin damit. Meine Mam hatte es nicht einmal gecheckt, dass etwas fehlte, wahrscheinlich hat ihr auch nichts gefehlt. Aber das mit meiner Unterwäsche, Mann, das hätt ich echt niemandem. Ich wusste ja schon damals, dass er sich auch Pornos, manchmal ging ich an seinen PC und schaute nach, welche Seiten und die waren ganz schön der Hammer, BDSM und so grindiges Zeug, und ich wusste, das ging meiner Mutter schon immer auf die Nerven, die wollte nix mit fix.

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Leseprobe Auf Fett Sieben  

Die 52-jährige Gabriele Kögl erfindet einer 16-jährigen eine Kunstsprache. Auf den ersten Blick befremdlich, bei näherem Hinsehen hochamüsan...

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