MoMent Winter 2020-2021

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Die soziale Dreigliederung Zeitschrift fĂźr die Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer

Winter 2020/2021 / â‚Ź 4,00


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Ment

Zeitschrift von und für Eltern, FreundInnen, LehrerInnen und SchülerInnen der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer im 29. Jahr, Heft Nr. 201

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Schulzeitung MoMent, warum wir in diesen Zeiten die Soziale Dreigliederung als Thema unserer Schulzeitung gewählt haben? Weil wir das Gefühl haben, sie könnte bei der Bearbeitung aktueller Themen eine Hilfestellung sein.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese drei Begriffe blei-

In diesem Sinne wünschen wir uns, im Jahr 2021 über Diskus-

ben leere, hohle Worte, wenn sie nicht mit Leben erfüllt wer-

sionen in einen Dialog zu kommen, der unserer Gemeinschaft

den, wenn nicht mit der Bereitschaft zu Leidenschaft versucht

würdig ist, und der, anstatt Konfrontationen heraufzube-

wird, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Wir Europäer haben es

schwören, Wege aufzeigt, die wir alle gemeinsam in Freiheit,

uns bequem gemacht, als Erben der mutigen Menschen, die

Gleichheit und Solidarität beschreiten können!

ihr Leben für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit riskiert haben und sind nun hauptsächlich damit beschäftigt, dieses

Nadja Berke

mittlerweile fast nur noch aus materiellen Gütern bestehende

für die MoMentredaktion

Erbe angsterfüllt zu verteidigen und noch weiter anzuhäufen, auf Kosten der Ärmsten. Da wird politisch von der Verteidigung unserer Werte gesprochen und so getan, als wären ideelle Werte gemeint, wo es doch nur um materielle geht. Und trotz der sichtbaren, deutlichen Zeichen dafür, dass wir in den letzten paar hundert Jahren in die falsche Richtung gezogen sind und in den letzten fünfzig Jahren mehr als genug deutlich belegbare Hinweise, Expertisen und Beweise dafür präsentiert

Impressum:

bekamen, sind wir immer noch nicht davon überzeugt worden,

Medieninhaber, Verleger, Herausgeber: Verein zur Förderung der Waldorf-Gemeinschaft (VFWG), Obmann Josef Prüller / DVR NR.: 7864 9742

dass wir kräftiger auf die Bremse steigen müssen, um die Kurve noch kratzen zu können, ohne dass uns der verfahrene Karren um die Ohren fliegt. Ja, ich meine damit auch die Klimakrise. Die „andere“ Klimakrise lässt sich von niemandem so deutlich in Worte fassen wie von Philipp Blom in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2018: „… Das macht es so gefährlich, dass wir in ängstlichen Gesellschaften leben. Ängstliche Menschen denken anders, nehmen die Welt anders wahr als zuversichtliche. Jene, deren Beruf und Strategie es ist, Wählerinnen und Konsumenten zu manipulieren, wissen: Wer die Ängste kontrolliert, kontrolliert auch die Menschen. So verschiebt sich das Meinungsklima fast unversehens weg von Ideen wie Menschenrechten und Freiheit hin

Absender: moment@waldorf-mauer.at 1230 Wien, Endresstraße 100 Verlagspostamt: 1230 Wien Zulassungsnummer: 13Z039641 M MitarbeiterInnen: N. Berke E: schreib@nadjaberke.at / B. Födinger E: moment@waldorf-mauer.at / R. David-Freihsl E: roman.freihsl@gmx.at / U. Dotzler E: umdo@gmx.at / M. Goss E: moment@waldorf-mauer.at / K. Hruza E: karl. hruza@waldorf-mauer.at Kontoverbindung lautend auf: Redaktion Schulzeitung IBAN: AT44 2011 1822 2175 1000 / BIC: GIBAATWWXXX

zu Identität und Sicherheit in einer feindlichen Welt und damit

Druck: Donau-Forum-Druck, 1230 Wien,

von der Diskussion zur Konfrontation…“

aus umweltfreundlicher Druckproduktion

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Der soziale Organismus auf dem Kopf stehend Rudolf Steiner über den Vergleich des sozialen mit dem menschlichen Organismus ausgewählt von Roman David-Freihsl Nehmen Sie die eigentliche Grundkraft, die eigentliche Grundeigenschaft aus der menschlichen Geistigkeit hinweg, nämlich die Freiheit, die individuelle Freiheit, so ist das genau so, wie wenn Sie den Menschen heranwachsen lassen wollten, ohne ihm zu essen zu geben. Die freien, individuellen Menschen, die sich in eine soziale Zwangsstruktur hineinstellen und ihre freie

chen will, unten und steht auf dem Kopf und hat seine Beine

Geistigkeit steril machen, lassen ebenso die soziale Struk-

oben. Seine Nahrung bekommt er aus dem einzelnen individu-

tur absterben, wie ein Mensch absterben muss, dem Sie keine

ellen Menschen. So muss man innerlich das, was sozialer Orga-

Nahrungsmittel geben. Das, was die menschlichen Köpfe in die

nismus ist, verstehen. Analogiespiel macht nichts aus; aber der

Welt hereinbringen, das sind die Nahrungsmittel für den sozia-

Hinblick auf die wahre Wirklichkeit, auf die echte Realität, das

len Organismus.

ist es, worauf es ankommt.

So, dass man sagen kann: Das Produktive aus Nerven- und Sinnessphäre ist die Nahrung für den sozialen Organismus. - Das, was beim Menschen das rhythmische System ist, dem entspricht allerdings im sozialen Organismus alles dasjenige, was

Aus: Rudolf Steiner, „Der Goetheanismus - ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke.

eigentlich dem Staate übertragen werden soll, wie ich schon

Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft“.

gestern sagte: alles, was sich auf Regulierung, auf die äußere

Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach zwischen

Gesetzlichkeit, also staatliche Gesetzmäßigkeit bezieht.

dem 3. Januar und 2. Februar 1919, GA 188

Und was ist nun im Staat das Produktive? Dasjenige, was aus der Naturgrundlage im weiteren Sinne herauskommt, das Wirtschaftsleben. Das ist gewissermaßen der Kopf des Staates. Das Wirtschaftsleben, die Naturgrundlage, alles das, was produziert wird, das ist gewissermaßen der Kopf. Es ist umgekehrt wie beim individuellen Menschen. So, dass wir ebenso gut sagen können: Wie der Mensch produktiv ist durch seine Nerven und Sinne, so ist der soziale Organismus durch seine Naturgrundlage produktiv. Und wie der Mensch seinen Stoffwechsel von der Natur erhält, so erhält der soziale Organismus seine Nahrung aus dem Menschenkopf heraus. Den sozialen Organismus verstehen Sie im Verhältnis zum Menschen nur richtig, wenn Sie den Menschen auf den Kopf stellen. Hier im Menschenkopf ist eigentlich der Grund und Boden des Menschen. Der Mensch wächst von oben nach unten, der staatliche Organismus wächst von unten nach oben. Er hat seinen Kopf, wenn man ihn schon mit dem Menschen verglei-

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Soziale Dreigliederung: Zur Geschichte und Weiterentwicklung eines Eigentlich ist es geradezu verblüffend, dass Rudolf Steiner zu-

und Einrichtungen – nicht zuletzt auch die erste Waldorfschule

nächst versuchte, sein Konzept der sozialen Dreigliederung

für die Arbeiterkinder der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. So

über staatliche Institutionen umzusetzen. So führte er unter

wurde zunächst versucht, die Dreigliederung in anthroposo-

anderem im Jahr 1917 Gespräche mit Arthur Polzer-Hoditz,

phisch inspirierten Einrichtungen zu leben – aber auch hier war

dem ehemaligen Kabinettschef des österreichischen Kaisers

sie trotzdem zunächst kaum ein zentrales Thema.

Karl, der dann auch den Herrscher mit der Idee der Dreigliede-

Wie revolutionär die Idee der Dreigliederung im Grunde ist,

rung bekannt machte. Im Februar 1918 wurde Kaiser Karl gar

zeigte sich schließlich, als im Zuge der 68er Bewegung dieser

eine Denkschrift überreicht, und am selben Tag wurde auch

gesellschaftliche Ansatz eine erstaunliche Renaissance erlebte

der damalige Ministerpräsident Ernst Seidler über diese Initia-

und in mehreren außerparlamentarischen Gruppierungen und

tive informiert. Antwort gab es jedoch keine mehr – die letzten

Gesprächskreisen als mögliche Alternative zum vorherrschen-

Monate des Ersten Weltkrieges und die darauffolgenden poli-

den System diskutiert wurde. Auch Rudi Dutschke stand dem

tischen Umbrüche ließen diesen und weitere Versuche Steiners

Impuls der Dreigliederung durchaus positiv gegenüber – seine

im Sande verlaufen.

Ermordung machte jedoch auch in diesem Umfeld diverse ent-

Das Erstaunliche daran ist, dass Rudolf Steiner selbst darauf

sprechende Bemühungen zunichte.

hingewiesen hatte, dass die Idee der sozialen Dreigliederung

In den 70er Jahren war die Dreigliederung dennoch weiterhin

nicht national, sondern global verstanden werden müsse. Vor

Thema, vor allem in den Diskussionen um einen „Dritten Weg“

allem aber: dass Die Dreigliederung im Grunde das glatte Ge-

zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Staatssozi-

genteil eines politisch verordneten Systems ist. Denn das da-

alismus. Immer wieder wurde die Idee der sozialen Dreigliede-

hinterstehende Motiv ist – wie fast immer bei Steiner – das der

rung in Republikanischen Clubs und in Kulturinitiativen auf-

Freiheit des Individuums und hier: der gesellschaftlichen Be-

gegriffen; es gab auch Verbindungen bis hin zu Vertretern des

reiche. Soziale Dreigliederung steht demnach für die Unabhän-

Prager Frühlings.

gigkeit der drei sozialen Glieder einer Gesellschaft: des Rechts-

Die wohl bekannteste Persönlichkeit, die den Impuls der sozia-

lebens, des Wirtschaftslebens sowie des Geisteslebens.

len Dreigliederung schließlich explizit in ihr Schaffen einbezog,

Dem Rechtsleben sind demnach alle Gesetze, Regeln und Ver-

war wohl Joseph Beuys: Er integrierte den Grundgedanken der

einbarungen in der Gesellschaft zugeordnet. Das Wirtschafts-

Dreigliederung im Rahmen eines erweiterten Kunstbegriffs in

leben beinhaltet wiederum alle Bereiche der Produktion, des

sein Konzept der „Sozialen Plastik“.

Handels und Konsums von Waren und Dienstleistungen. Und

In der Gegenwart angekommen, ist das Konzept der sozia-

das Geistesleben umfasst die Bildung, Wissenschaft, Religi-

len Dreigliederung angesichts der Ausformungen eines unge-

on und Kultur, aber auch generell das Zusammenarbeiten der

bremsten Kapitalismus und des Neoliberalismus aktueller denn

Menschen.

je. Doch erweist sich das Bemühen, sich im täglichen Leben

Diese drei Bereiche des sozialen Organismus sah Rudolf Stei-

und in einzelnen Einrichtungen an dieser alternativen Sozi-

ner überdies mit den Idealen der französischen Revolution

algestalt zu orientieren, als durchaus komplexes Unterfan-

verbunden:

gen. Vor allem deshalb, da es ja keine reinen Institutionen des

die Freiheit im Geistesleben, die Gleichheit im Rechtsleben und die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.

Rechts-, Wirtschafts- oder Geisteslebens gibt und jeweils klar bewusst gemacht werden muss, in welchem der Bereiche man gerade tätig ist. So muss beispielsweise selbst in einem Gericht – also einer

Im Zuge der weiteren Bemühungen Steiners, soziale Dreiglie-

klassischen Einrichtung des Rechtslebens – für eine finanziel-

derung zu verwirklichen, entstanden ganz konkrete Initiativen

le Basis (Wirtschaftsleben) gesorgt werden, und es sind auch

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revolutionären Konzeptes hier viele Menschen gemeinsam tätig (Geistesleben). Und so

einzelnen sozialen Felder einer Einrichtung systematisch zu

gilt es auch an unserer Schule, einer eindeutigen Einrichtung

durchleuchten, analysieren und zu verbessern.

des Geisteslebens, sich jeweils klar vor Augen zu führen: Was in

Auf diese Weise wird die soziale Dreigliederung nun auch in

ihr gehört dem Bereich des Rechtslebens an? Das sind etwa die

immer mehr Institutionen und Initiativen wirksam, wo sie im-

gemeinsamen Vereinbarungen und Regeln wie z. B. die Schul-

mer wieder neu und durchaus auch unterschiedlich aufgegrif-

ordnung oder auch die Medienvereinbarungen. Und was in ihr

fen und umgesetzt wird. Und so kann die Dreigliederung nun

ist dem Wirtschaftsleben zuzuordnen? Davon kann unter an-

doch noch zu dem werden, was Rudolf Steiner als Ideal formu-

derem unsere Beitragsgruppe ein langes Lied singen.

liert hatte: zu einem global wirksamen Prinzip.

Als Orientierungs- und Entwicklungshilfe gibt es hier bereits ausgesprochen hilfreiche Instrumente wie das Qualitätsverfahren „Wege zur Qualität“, mit dem unsere Schule bereits seit

Roman David-Freihsl ist Schülerinnenvater in der 12. Klasse

Jahren arbeitet. Auch dieses Verfahren wurde auf Basis der sozialen Dreigliederung entwickelt und unterstützt dabei, die

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„Einheitsschulen“ Eine „wirkliche Kulturtat“ nannte Rudolf Steiner die Waldorf-

Bildung als Brücke über den sozialen „Abgrund“

schulgründung im Jahr 1919 – und war überzeugt davon,

Im Frühjahr 1919 hatten Steiner und einige Unterstützer sei-

dass seine Visionen eines neuen Gesellschaftsmodells, einer

nes politischen Konzepts einer „Sozialen Dreigliederung“ ihr

„Sozialen Dreigliederung“, erst im vollen Umfang realisiert

öffentliches Engagement deutlich verstärkt, und am 23. April

werden könnten, wenn dem eine Erneuerung des Bildungs-

hatte Steiner erstmals die Einladung der Belegschaft einer

wesens vorangehe – und nicht umgekehrt. Die Erneuerung

Stuttgarter Fabrik angenommen, um seine sozialen und po-

verlange unter anderem eine echte Begegnung der Pädago-

litischen Ideen vor Arbeiterinnen und Arbeitern darzustellen:

ginnen und Pädagogen mit dem Kind und seinen Bedürfnis-

Im sogenannten Tabakauslesesaal der Waldorf-Astoria-Zi-

sen: zunächst Welt durch Nachahmung zu erkunden, spä-

garettenfabrik trafen einander nun zahlreiche Arbeiterinnen

ter Autoritäten zu entdecken und sich daran orientieren zu

und Arbeiter zu einer Betriebsversammlung. Eng gedrängt

können und schließlich die erwachte Liebesfähigkeit auch in

saß man auf Sesseln und auf den Tabaksäcken der Fabrik und

der Hinwendung zur Welt und Menschheit leben zu können.

hörte Steiner zu. Nach seiner Rede äußerten einige Arbei-

Werde dies zur Grundlage eines Curriculums, so könnten

ter den Wunsch nach einem neuen Bildungssystem für ihre

sich daraus die für das neue Gesellschaftsmodell notwendi-

Kinder, und Molt stellte, wie bereits erwähnt, die Anfrage an

gen Fähigkeiten der Freiheit, der Gleichheit und der Brüder-

Steiner, ob er bereit wäre, die pädagogische Leitung einer

lichkeit (Geschwisterlichkeit) entwickeln. Wenn nicht, wür-

Schule für die Arbeiterkinder zu übernehmen.

den, so Steiner, „die sozialen Forderungen immer chaotisch

Doch worüber sprach Steiner damals eigentlich? Nun – er

bleiben“ …

sprach natürlich über seine Idee einer Sozialen Dreiglie-

1)

2)

derung, also über die Bedeutung von „Gleichheit“ für das

In fünf Monaten zur neuen Schule

„Rechtsleben“, von „Brüderlichkeit“ für das „Wirtschaftsleben“

Zu den bemerkenswertesten Aspekten der Entstehungsge-

und „Freiheit“ für das „Geistesleben“. Vor allem aber sprach er

schichte der ersten Waldorfschule gehört paradoxerweise die

über die in seinen Augen so problematische soziale Spaltung

Kürze dieser Geschichte: Am 23. April 1919 äußert der Mitbe-

innerhalb der damaligen Gesellschaft und wie sich diese Spal-

gründer und Geschäftsführer der Waldorf-Astoria-Zigaret-

tung gerade im Bildungsbereich realisierte. Sehr direkt wand-

tenfabrik in Stuttgart, Emil Molt, im Rahmen einer Betriebs-

te sich Steiner dabei an seine Zuhörerschaft:

ratssitzung des Unternehmens die Idee, eine Schule für die

„Sehr verehrte Anwesende, Sie arbeiten heute von morgens an,

Kinder der Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik zu gründen

so weit Ihre Arbeit reicht, in der Fabrik. Sie gehen aus der Fabrik

und bittet den als Gast bei der Sitzung anwesenden Rudolf

heraus und gehen höchstens vorbei an den Bildungsanstalten,

Steiner, die Leitung dieser zukünftigen Schule zu überneh-

die für gewisse Menschen errichtet sind. In diesen Bildungsan-

men. Am 7. September des gleichen Jahres erfolgt die feier-

stalten werden die fabriziert, die bisher die herrschende Klas-

liche Eröffnung der Schule. Insgesamt 256 Schülerinnen und

se waren, die die Regierung geführt haben und so weiter. Ich

Schüler werden daran anschließend in acht Klassen von ins-

frage Sie: Hand aufs Herz, haben Sie eine Ahnung davon, was

gesamt zwölf Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet.

da drinnen getrieben wird? Wissen Sie, was da drinnen vorgeht?

Was war es, was damals anscheinend so viele Menschen so

Nichts wissen Sie! Da zeigt sich unmittelbar anschaulich die

stark motiviert hatte, sich erfolgreich für das Projekt einer

Scheidung der Klassen. Da ist der Abgrund.“ 3)

neuen Schule einzusetzen, sodass dieses tatsächlich in nicht

Gegen den angesprochenen „Abgrund“ trat Steiner im Wei-

einmal fünf Monaten realisiert werden konnte? Wer eine Ant-

teren für ein geistiges Leben ein, das „alle angeht“ (ebd.). Es

wort auf diese Frage sucht, sollte sich wohl damit beschäfti-

war wohl das damit implizit gegebene Versprechen einer die

gen, was sich eigentlich an diesem 23. April und an den Tagen

Trennung von Arbeiterschaft und Bürgertum überwinden-

davor ereignet hatte.

den Bildung, das viele Arbeiterinnen und Arbeiter an diesem

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Gedanken zu einem Ursprungsimpuls unserer Pädagogik

23. April ansprach und begeisterte. Für Steiner folgte die For-

schulische Lernen und Arbeiten als Beitrag zu einem „freien

derung nach einer solchen Überwindung der sozialen Spaltung

Geistesleben“ verstanden werden, das doch möglichst wenig

übrigens auch direkt aus seinem Ansatz einer Sozialen Drei-

durch standardisierte und damit die immer bestehenden indi-

gliederung. Denn wenn individuelle Freiheit die Grundidee des

viduellen Unterschiede (der Ausgangspositionen wie auch der

„Geisteslebens“ darstellt, und wenn die Teilnahme an diesem

Potentiale und Stärken) vernachlässigende Leistungserwar-

ein wesentliches Moment eines gelingenden menschlichen

tungen eingeschränkt werden sollte. Nicht um ein mittels für

Lebens ist, da – so ein Grundgedanke des Konzeptes „Soziale

alle gleicher „Leistungsüberprüfungen“ feststellbares Wissen

Dreigliederung“ – jeder Mensch an jedem der drei Bereiche des

kann es einer solchen „Einheitsschule“ letztlich gehen, sondern

Sozialen (Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben) partizipieren

darum, dass junge Menschen ihre ganz individuellen Interes-

sollte, dann ist unbedingt ein Bildungssystem notwendig, das

sen und Fähigkeiten finden und entwickeln können – und die-

jedem, unabhängig von seiner sozialen, familiären oder ethni-

se sind es, die laut Steiner die Grundlage eines wirklich freien

schen Herkunft, die ihm individuell entsprechenden Bildungs-

Geisteslebens darstellen.

möglichkeiten eröffnet. Tobias Richter & Leonhard Weiss

„Einheitsschulen“ als Träger eines freien Geistesleben

Zentrum für Kultur und Pädagogik

Als „Kinder der Dreigliederungsbewegung“ sind Waldorfschu-

An-Institut der Alanus Hochschule

len daher immer, wie es schon Emil Molt in seiner Eröffnungsansprache am 7. September 1919 formuliert hatte, „Einheitsschulen“ 4), also Schulen, die für alle Kinder offenstehen und R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde.

die daher Kinder weder aufgrund ihrer sozialen Herkunft noch

1)

durch eine Form der „Leistungsselektion“ ausschließen soll-

Methodisch-Didaktisches. Seminar, Dornach 2019, S. 31

ten. Als „Gesamtschulen“ werden Waldorfschulen daher be-

2)

kanntlich auch bezeichnet. Und auch wenn diese für die erste

Dornach, 1960 S. 17

Schulgründung so wesentliche Intention, durch eine gezielte

3)

Integration von Kindern auch aus sozial schwächeren bzw., wie

GA 330. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 1983, S. 62.

wir heute vielleicht sagen würden, „bildungsfernen“ Familien

4)

einen Beitrag zur Überwindung sozialer Spaltungen zu leisten,

pädagogik. Von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart.

bedauerlicherweise im Laufe der inzwischen hundertjährigen

Weinheim/Basel: Beltz Juventa, 2019, S. 63.

R. Steiner: Die Erziehungsfrage als soziale Frage,

Rudolf Steiner: Neugestaltung des sozialen Organismus, Vgl. Volker Frielingsdorf: Geschichte der Waldorf-

Geschichte der Waldorfschulen – teilweise natürlich auch aufgrund rechtlicher und finanzieller Einschränkungen – etwas in den Hintergrund getreten ist bzw. mancherorts vielleicht fast ganz aus den Augen verloren wurde, so bleibt der Anspruch, „Einheitsschule“ zu sein, doch ein „Erbe“ der ersten Schulgründung, an dem jede Waldorfschule immer wieder aufs Neue zu messen ist. Waldorfpädagoginnen und -pädagogen sind daher immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie es am besten gelingen kann, wirklich jeder Schülerin, jedem Schüler die Chance zu geben, eigene, ganz individuelle Lern- und Entwicklungsprozesse zu erleben. Keine leichte Herausforderung, aber eine, die die Waldorfpädagogik trägt. Schließlich kann ja auch das

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Elisabeth Gergely Die Entstehung und Entwicklung der österreichischen Wal-

de sie gleichsam selbst Architektin eines Lebensweges, der an

dorfbewegung ist ohne das Wirken von Frau Dr. Elisabeth

hohen menschlichen Idealen gemessen werden wollte und der

Gergely nicht zu denken. Zur Erinnerung an ihren einhun-

mit einer schier unerschöpflichen Energie für deren Realisie-

dertsten Geburtstag scheint es uns mehr als angebracht, die-

rung ausgestattet schien. Schon die Tatsache, dass sie als eine

sem außergewöhnlichen Menschen einige Zeilen des Geden-

der ersten Frauen in Österreich, genaugenommen als achte,

kens zu widmen.

das Studium der Chemie mit Promotion abschloss, zeugt von ihrer Eigenständigkeit und Willensstärke, die sie sicher auch

Ein all ihrem Denken und Wirken übergeordnetes Leitmotiv

aufbringen musste, als sie sich einem Eurythmie-Studium an

war dasjenige der menschlichen Solidarität. Sie verband dieses

der Wiener Eurythmieschule und zur Auseinandersetzung mit

Motiv vor allem mit dem Gedanken des Dialogs, denn für sie

der Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners entschloss. Die für

schuf erst der Dialog die Voraussetzungen zur Verwirklichung

sie damit auftretende Frage, wodurch Anthroposophie ihren

von Solidarität. Für sie galt: Nur in Kenntnis voneinander und in

Beitrag zur Kulturerneuerung leisten könne, beantwortete sie

gegenseitigem Respekt voreinander lassen sich diejenigen ver-

durch die in allen Belangen tatkräftige Unterstützung der Wie-

bindenden Elemente identifizieren, die ein solidarisches Han-

dergründung der Waldorfschule nach dem Zweiten Weltkrieg

deln erst ermöglichen und dann festigen können. Dies schien

in Wien. Ihrem langjährigen Engagement war es auch zu ver-

der promovierten Chemikerin schon aus ihrer naturwissen-

danken, dass die Waldorfschule Wien-Mauer aktiv an Zeitfra-

schaftlichen Denkweise heraus evident.1) In Folge ortete sie So-

gen teilnahm und so im politischen und gesellschaftlichen Le-

lidarität nicht im Koordinatensystem von unten und oben, son-

ben ankommen und sich verorten konnte. Immer reichte Ger-

dern in der Begegnung auf Augenhöhe. Solidarität war für Eli-

gelys Blick über das Persönliche und Lokale hinaus. Denn für

sabeth Gergely niemals eine einseitige Handlung, sondern das

sie bedeutete die Realisierung von Waldorfpädagogik tatsäch-

Ergebnis von Austausch und beiderseitiger Annäherung, wo es

lich eine Kulturtat, wie dies Rudolf Steiner 1919 mit der ersten

keinen vermeintlich Stärkeren und keinen vermeintlich Schwä-

Waldorfschulgründung intendiert hatte. Was Wunder, dass ihr

cheren mehr gibt. Wesentlich war für sie schließlich der Blick

Einsatz und ihre Weitsicht im Vorstand des Österreichischen

auf das Ganze, das ja nur aus unterschiedlichen Perspektiven

Bundes der Waldorfschulen viele Jahre gebraucht wurden. Sie

als solches erkannt werden kann. Daher war es ihr ein großes

trug aber auch ein stilles Herzensanliegen für die Schule mit

Anliegen, ihre in der Anthroposophie Rudolf Steiners verwur-

sich: neben Wissenschaft und Kunst die Religion als dritte Säu-

zelten Überzeugungen stets von anderen befragen zu lassen

le der Pädagogik Rudolf Steiners an der Maurer Schule zu ver-

und so neue Horizonte zu gewinnen – für alle Seiten. Dass sie

ankern und zu pflegen. Über etliche Jahre war sie daher selbst

darin eine Art Pionierin war, lag schlichtweg daran, dass Wi-

Lehrerin des freien Religionsunterrichts.

derstände, egal woher, ihr ein Auftrag waren. Ihr unermüdlicher Einsatz für eine humanere Gesellschaft, insbesondere auf

Wissenschaft, Kunst und Religion sind in Elisabeth Gergelys

dem Gebiet von Erziehung, Bildung und Wirtschaft, speiste sich

Biografie lebendig geworden und ihre Lebensleistung ein er-

wie selbstverständlich aus dieser sich gegen Ignoranz, Routine

kennbar Ausdruck davon.

und Konvention strebenden Kraft. Vielleicht lässt es sich so sa-

Doch sei ein besonderes Verdienst von Elisabeth Gergely un-

gen: Ihrer kompromisslosen Offenheit war eine genauso offene

ter den vielen noch näher erwähnt: die von ihr initiierten und

Kompromisslosigkeit mitgegeben.

durchgeführten Veranstaltungen im Rahmen der auch von ihr begründeten „Wiener Dialoge“. In ihnen ging es immer um

Diese Stärken lassen sich durchaus aus ihrer besonderen Bio-

Wesentliches, die Themen waren von hoher Aktualität, die

graphie erklären: Aus einem Architektenhaus stammend, wur-

ausgewählten Gesprächspartner von Rang und Namen: vom

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renommierten amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman über den kontrovers diskutierten englischen Biologen Rupert Sheldrake bis hin zu dem mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichneten ägyptischen Unternehmer Ibrahim Abouleish, dessen Projekte sie vielseitig unterstützte. Das letzte von ihr verantwortete Symposium zum Dialog der Weltreligionen schien uns und vielen anderen eine Sternstunde des interreligiösen Dialogs. Der Dialog-Gedanke stand auch Pate bei der Gründung des Zentrums für Kultur und Pädagogik als Institut der LehrerInnenbildung, das sie mit aller Kraft unterstützte. Die Entwicklung eines freien Bildungswesens schien ihr eine unverzichtbare Kulturtat zu sein und Waldorfpädagogik dessen stärkste Botschafterin. Was von Elisabeth Gergely also maßgeblich zu lernen war und ist: Wer sich als Mensch heute recht verstehen will, muss an einer Erneuerung unserer Kultur arbeiten. Von einer Kultur des Konsums zu einer Kultur der Kreativität, von einer der Gleichgültigkeit zu einer der Verantwortung, von einer des kleinen und großen Egoismus zu einer der wahrhaften Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit allem Leben gegenüber. Tobias Richter und Carlo Willmann Zentrum für Kultur und Pädagogik Wien

Dr. Elisabeth Gergely, Grundsteinlegung Neubau Endresstr. 98

Zur Biographie von Dr. Elisabeth Gergely

1)

Irmtraud Moravansky: Die Dirigentin Elisabeth Gergely In: Wiener Dialoge. Der österreichische Weg der Waldorfpädagogik. Elisabeth Gergely/Tobias Richter (2011) Wien: Böhlau, S. 233-243.

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Freiheit, Gleichheit, Solidarität Lesetipp aus der Redaktion: die Beilage der Tageszeitung DIE PRESSE vom 28.11.2020.

Form einer Beilage in der österreichischen Tageszeitung DIE

Da deren Inhalte uns mehr als nur lesenswert erscheinen, gibt

Österreich, denn auch hier war Elisabeth Gergely eine unermüd-

es die Möglichkeit, diese auf unserer Website www.waldorf-

liche Wegbereiterin!

mauer.at unter AKTUELLES nachzulesen!

Lassen Sie sich in diesen Zeiten inspirieren – hier ein Zitat aus

PRESSE am 28.11.2020. Herausgeber dieser Beilage ist SEKEM-

dem Editorial: „Die vorliegende Publikation mag ‚akademisch‘ anmuten. Aber ein solcher Eindruck wäre verfehlt: Der Impuls dazu ist aus der drängenden Einsicht geboren, dass wir ein neues, ein erweitertes Verständnis von Solidarität brauchen, das die Grenzen von Gruppen, Nationen und von Generationen überschreitet. Damit das gelingen kann, ist freilich die Besinnung auf das Wesentliche, auf die Wurzeln unserer Lebenswelt hilfreich und notwendig. Die Herausgeber hoffen, mit diesem Heft einen Impuls für eine ‚neue Solidarität mit der Zukunft‘ zu vermitteln.“ Eckart Voland Krise und Solidarität Eine anthropologische Betrachtung Leonhard Weiss Solidarität braucht Anerkennung Pädagogische Perspektiven Raoul Kneucker Weltmut! Ein Appell Anton Pelinka Europäische Solidarität Die Einflüsse von Neo-Nationalismus und Pandemie Vor 100 Jahren wurde Dr. Elisabeth Gergely geboren, vor 10

Martin Schenk

Jahren verstarb sie in Sekem/Ägypten. In Gedenken an die Do-

Der Normsturz

yenne der österreichischen Waldorfschulbewegung, die viele

Armut, Corona und die Blume der Gerechtigkeit

von uns noch kennenlernen durften, sollte heuer im September – ganz in ihrem Sinne – ein großes Symposium stattfinden, unter dem Motto „Solidarität jetzt – für welche Welt?“. Elisabeth Gergely hatte ja die sog. „Wiener Dialoge“ ins Leben gerufen, die stets hoch aktuelle Themen auf hohem Niveau behandelten. In

Lisa Muhr Gemeinwohl-Ökonomie post Corona Das Ende der strukturellen Verantwortungslosigkeit Helmy Abouleish mit Christine Arlt

diesem Jahr konnte eine solche Veranstaltung aus bekannten

Wirtschaft der Liebe

Gründen nicht abgehalten werden, aber das Organisations-

Das SEKEM-Modell als Vorbild der ganzheitlichen

komitee fand einen Weg der Veröffentlichung der Beiträge in

Entwicklung für die Zukunft

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„Das Kind wird nicht erst ein So hat der jüdische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak vor mehr als fünfzig Jahren seine Sicht auf das Kind zusammengefasst. Kinder als Träger eigener Rechte anzusehen, ist historisch neu und auch heute im Bewusstsein vieler Erwachsener nicht fest verankert. Das hängt mit dem überlieferten Bild vom Kind zusammen. Über Jahrtausende hinweg galten Kinder als noch nicht vollwertige Menschen, den Erwachsenen in jeder Hinsicht unterlegen und daher rechtlich nicht gleichgestellt. Im Verhältnis der Generationen waren die jüngsten und schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zugleich diejenigen mit den geringsten Rechten. Unter dem Eindruck der beiden Weltkriege mit ihrem massenhaften Kinderelend forderten zunächst der Völkerbund 1924 und später dann die daraus hervorgegangenen Vereinten Nationen 1959 alle Staaten auf, den besonderen Schutz von Kindern und die Fürsorge für sie zu gewährleisten. Im Rahmen des Internationalen Jahres des Kindes 1979 wurde der Plan geboren, die bis dahin bestehenden Deklarationen in eine völkerrechtlich verbindliche Form zu bringen. Nach zehnjähriger Beratungszeit wurde schließlich am 20.11.1989 die UN-Kinderrechtskonvention einstimmig verabschiedet. Bis heute haben sich 196 Länder weltweit (teilweise unter Vorbehalten) dazu verpflichtet, die Rechte von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren einzuhalten. Damit ist es der erfolgreichste Völkerrechtsvertrag aller Zeiten. Auch Österreich hat die Kinderrechtskonvention unterzeichnet und auf nationaler Ebene verabschiedet (ratifiziert). Die Konvention erkennt Kinder und Jugendliche grundsätzlich als gleichwertige Menschen mit demselben Anspruch auf Beachtung ihrer Menschenwürde an und definiert sie als eigenständige Träger von Rechten und Pflichten. Die Kinderrechte sollen dazu beitragen, dass sich die Situation für alle Kinder weltweit verbessert. Mittlerweile hat es sich weitgehend durchgesetzt, Kinder von Geburt an als Träger eigener Rechte zu betrachten, die ihre spezifischen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen. Kinder sind Menschen in einer sensiblen Entwicklungsphase, die des besonderen Schutzes, der Förderung und der Beteiligung bedürfen.

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Mensch, es ist schon einer“ Kinderrechte und Schule Der Grundgedanke der Kinderrechtskonvention ist so zu verstehen, dass sie einen ganzheitlichen Ansatz hat. Es geht dem Sinn nach bei allen Bestimmungen darum, adäquat zwischen Selbstbestimmung und Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen abzuwägen. Obwohl grundsätzlich alle Rechte der Konvention gleich viel wert sind, gibt es Leitgedanken, in deren Lichte die einzelnen Bestimmungen der Kinderrechtskonvention zu sehen sind: Existenzsicherung das grundlegende Recht jedes Kindes auf Leben, Überleben und Entwicklung. Nicht-Diskriminierung Diese Rechte gelten für jedes Kind, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler und sozialer Herkunft, Vermögen oder sonstigem Status des Kindes oder seiner Eltern. Wohl des Kindes Das Wohl des Kindes ist bei allen Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen öffentlicher oder privater Einrichtungen vorrangig zu berücksichtigen. Wer auch immer für die Entwicklung des Kindes Verantwortung trägt, ist verpflichtet, das Kind entsprechend seinem Entwicklungsstand bei der Wahrnehmung seiner Rechte zu unterstützen. Beteiligung (Partizipation) Jedes Kind hat das Recht, in allen Angelegenheiten, die es betreffen, unmittelbar oder durch eine/n VertreterIn gehört zu werden. Die Meinung des Kindes muss angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife berücksichtigt werden.

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Lichtspuren der In Zusammenhang mit der Schule spielen – bis auf die Existenz-

Zweiundzwanzig verschiedene Milchpackungen stehen im

sicherung – die Leitgedanken eine große Rolle:

Kühlregal bei Coop in Basel – mit einer Preisspanne von

• SchülerInnen haben das Recht, nicht diskriminiert zu werden.

1,25 bis 2,10 Schweizer Franken. Qualität, Regionalität und

• Grundstein des Lernens von Demokratie in der Klassenge-

Preis gilt es zu vergleichen und optimieren. Für welches

meinschaft ist die kindgerechte Partizipation, also die Mög-

Angebot soll ich mich entscheiden? Billiger Import aus

lichkeit, altersgemäße Formen der Entscheidungsfindung und

konventioneller Landwirtschaft oder hochwertige Deme-

der Mitbestimmung zu finden.

termilch aus der Region? Was entspricht meinen Bedürf-

• Über all dem steht im Sinne der Kinderrechtskonvention immer das Wohl des Kindes, das es zu berücksichtigen gilt.

nissen, meinen finanziellen Möglichkeiten? Welche Milch eignet sich am besten für Cappuccino – wegen des Milchschaumes? Ich wäge ab und entscheide.

Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen in Liebe erziehen

Dieser Optimierungsprozess findet täglich millionen- oder sogar milliardenfach statt. Jeder kennt das. Jeder hat bei den verschiedensten Produkten seine Präferenzen hin-

in Freiheit entlassen (Rudolf Steiner)

sichtlich Qualität, Sozialverträglichkeit, CO2-Bilanz, Design, Preis, usw. Was passiert hier? Wir haben verschiede-

Zitat aus dem Handbuch Wege zur Qualität:

ne Ergebnisse eines Arbeitsprozesses vorliegen und ver-

„Zum Leitbild unserer Schule gehört der Respekt vor dem geisti-

suchen, das für uns Passende zu wählen. Dabei befragen

gen Wesenskern des Kindes, der seine Individualität und Würde

wir ständig unsere individuellen Bedürfnisse und lernen

ausmacht. Gleichzeitig sind menschliche und kulturelle Vielfalt ein

diese dadurch immer besser kennen. Es hat nie eine Zeit

Anliegen, denn unsere Schule ist für alle Kinder und Jugendlichen

gegeben, in der wir so intensiv auf unsere Bedürfnisse hin

zugänglich, ohne Unterschied ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ih-

befragt wurden. Es wäre interessant, einmal die Zeit zu

rer Muttersprache und Religion.“

messen, die wir täglich mit diesem Abgleich verfügbarer

Weiters versteht sich unsere Schule als eine Gemeinschaft von

Waren mit unseren Bedürfnissen zubringen.

SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern, die durch Begegnung und

Das war vor nicht allzu langer Zeit anders. Da gab es den

Dialog den Lebensraum Schule gestalten. Nur durch die Zusam-

Schneider, der Maß nahm und den Rock im Wesentlichen

menarbeit aller Beteiligten in einer vertrauensvollen und wert-

nach traditionellen Mustern fertigte. Wir sind in den Fokus

schätzenden Atmosphäre können Erziehung und Bildung im

gerückt – lernen uns selbst kennen und wissen dadurch

Dienste junger Menschen gelingen.

immer besser, wer wir mit unseren Bedürfnissen sind.

Durch die Erarbeitung eines Kinderschutzkonzeptes an unserer Schule können wir einen Rahmen schaffen, in dem den SchülerInnen nicht nur auf kognitiver Ebene Wissen vermittelt wird, sondern in welchem die Kinder im Unterricht durch demokratische Umgangsweisen zwischen LehrerInnen und SchülerInnen sowie den SchülerInnen untereinander im Alltag der Klassengemeinschaft die Umsetzung der Menschen- und Kinderrechte in der Praxis erfahren und dadurch auch sich selbst aneignen und erlernen können.

Peter Roseggers fanden sich in einem einfachen Haushalt kaum Gegenstände, deren Ursprung für die Besitzer unbekannt war. Alltagsgegenstände wurden selbst oder von lokalen und bekannten Handwerkern angefertigt – mit Materialien, deren natürlicher Ursprung nachvollziehbar war. Der Besenstiel etwa, den der Großvater mit dem Enkel angefertigt hatte und dessen Holz aus dem eigenen Wald kam. Ebenso beim Schneider, der oft für eine Zeit im Haushalt mitlebte und dabei seine Näharbeiten für die

Welmoed Kollewijn, Monika Kossdorff, Laetitia Lernpeiss, Ingeborg Mühlegger

14 _ MoMent Winter 2020/2021

Parallel dazu hat sich noch etwas entwickelt. Zu Zeiten

dort lebenden Menschen verrichtete. In einem Haushalt gab es wahrscheinlich wenige Gegen-


Wertschöpfung Gedanken zur Dreigliederung im aktuellen Wirtschaftsleben stände, die aus der Ferne kamen und deren sozialer und ma-

dieses, sondern auch die Gestaltung des Hofes, die Kultur, die

terieller Ursprung nicht bekannt war. Und selbst die Gegen-

gepflegt wird, den Umgang mit den Tieren. Im Wohnhaus ist

stände aus der Ferne kamen von reisenden Händlern, die man

auch ein kleiner Hofladen, in dem eigene Produkte verkauft

kannte, weil sie immer wieder kamen. Dadurch hatte man

werden. Auch Milch – eine Sorte.

einen Bezug zum Entstehungsprozess der Gegenstände.

Zu unserem Erstaunen werden wir aufgefordert, selbst zu

Sehen Sie sich um: Wie viele Gegenstände in Ihrer aktuellen

sagen, welchen Preis wir bezahlen wollen. Wie wählen wir?

Umgebung können Sie auf ihren Ursprung hin zurückverfol-

Einen minimalen Preis? Eher nicht. Dadurch, dass wir gefragt

gen? Wer hat sie gemacht? Wo wurden sie gemacht? Aus was

werden und die Menschen mit ihrer Arbeit und ihrer Bemü-

für einem Naturmaterial stammen sie? Natur und Menschen

hung sehen, erweitert sich unser Blickfeld. Wir sehen unsere

als Ursprung der Produkte sind in Vergessenheit geraten – wir

eigenen Bedürfnisse und die der ProduzentInnen. Wir wäh-

haben den Bezug verloren und wissen immer weniger, wer

len den Preis nun nicht mehr ausschließlich auf Basis unserer

oder was sie sind.

eigenen Bedürfnisse, sondern im Lichte der Bedürfnisse der

Hinsichtlich unserer materiellen Bedürfnisse lernen wir uns

ProduzentInnen.

selbst in einem nie dagewesenen Ausmaß kennen – und ver-

Was passiert hier? Während wir im Supermarkt kein Gegen-

lieren in ebendieser Hinsicht das Bewusstsein für unsere Um-

über haben und dadurch auch die Bedürfnisse der Produ-

gebung bzw. die Herkunft der Dinge. ICH bin der Brennpunkt.

zierenden nicht wahrnehmen können, sehen wir plötzlich

Ich optimiere für mich. Ich möchte möglichst wenig für die

Menschen mit ihren Bedürfnissen, Motiven und Fähigkeiten

bestmögliche Befriedigung meiner Bedürfnisse bezahlen. Auf

– können uns mehr oder weniger dafür begeistern. Sehen wir

dieser Grundlage funktioniert unsere Wirtschaft, und sie ist

sie nicht – wie im Supermarkt –, tendieren wir dazu, durch

eine wesentliche Annahme der Wirtschaftswissenschaften.

Preisoptimierung den Produzierenden zu wenig zu bezah-

Was hat das mit Dreigliederung zu tun? Zunächst müssen wir

len und Tiere und Natur entlang der Wertschöpfungskette zu

unterscheiden zwischen Dreigliederung, wie sie als politische

missachten.

Kampagne nach dem ersten Weltkrieg von Rudolf Steiner im

Haben wir sie im Bewusstsein, fließen ihre Bedürfnisse in un-

Jahr 1919 angestoßen wurde – zu einer Zeit, als Europa in

sere Preisüberlegungen ein. Der reine Wertschöpfungspro-

einer grundlegenden Neuordnung begriffen war – und den

zess wird ergänzt durch eine soziale Beziehung und Bewusst-

Qualitäten, die dieser Dreigliederungsidee zugrunde liegen. Es

sein für die Produktionsbedingungen. Durch diese Beziehung

hat wenig Sinn, heute über Systemänderungen nachzuden-

werden die Bedürfnisse und Impulse der ProduzentInnen

ken, da keine Instanz der Welt so einfach ein System ändern

sichtbar.

kann, während unzählige Ideen zur Systemänderung disku-

Die Wertschöpfung wird dadurch vollständiger: Wertschöp-

tiert und propagiert werden. Vielmehr kommt es darauf an,

fung, soziale Beziehung und dadurch Bedürfnisse, Motive und

was sich aus unseren Lebensweisen und Handlungen konkret

Fähigkeiten treten gemeinsam in Erscheinung und verändern

entwickelt. Aus diesem Konkreten heraus kann sich Gesell-

damit unsere Preisüberlegungen. Würden die Landwirte ihre

schaft ändern.

Tiere schlagen und sich nicht um das Land und die Gebäude

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Lassen wir die

kümmern, oder würden sie selbst nur auf die Maximierung ih-

zweiundzwanzig verschiedenen Milchangebote im Coop und

res Gewinnes aus sein, hätten wir vermutlich wenig Begeiste-

unser Optimierungsproblem einmal beiseite und besuchen

rung für sie übrig, und der Preis würde sinken. Setzen sie ihre

wir eine Landwirtschaft in der Umgebung. Vielleicht kennen

Fähigkeiten ein, um positiv zu gestalten und gute Qualität

wir die Landwirte, sehen sie bei der Arbeit – sehen die Kühe,

herzustellen, ist zu erwarten, dass wir mehr bezahlen wollen.

die Wiesen, den Stall, die Geräte, die Mitarbeitenden und was

Damit wird deutlich, dass fehlende Wahrnehmbarkeit ent-

alles mit dieser Landwirtschaft verbunden ist. Aber nicht nur

lang der Wertschöpfungskette zwar möglicherweise ver-

1)

MoMent Winter 2020/2021 _ 15


Lichtspuren der Wertschöpfung billigt, aber gleichzeitig zu sozialer und ökologischer Aus-

se an den KonsumentInnen, die wir beliefern. Dadurch stär-

beutung und schlechterer Qualität beiträgt, während

ken wir das gesellschaftliche Beziehungsgefüge und das auch

Transparenz in der Wertschöpfungskette tendenziell zu

in der Wirtschaft sichtbare Geistesleben. Wenn auch politisch

angemesseneren Preisen, aber auch höherer Qualität und

nicht unbedingt forciert, kann durch die Stärkung der Glieder

weniger Ausbeutung beiträgt.

immer mehr Unabhängigkeit derselben entstehen.

Rudolf Steiner nennt als Ort des Rechtslebens – als eine der

Es gibt zahlreiche Unternehmen, die uns bereits die Mög-

drei Instanzen der Dreigliederung – all jenes, wo es um die

lichkeit geben, Menschen und Natur auch im internationalen

Beziehung von Mensch zu Mensch geht. Dieser Bereich, der

Wertschöpfungsprozess kennenzulernen. Verfolgen Sie einige

durch den politischen Staat auf gesellschaftlicher Ebene zu

davon und lassen Sie sich vom Ideenreichtum und der Initia-

organisieren ist, müsste im Wirtschaftsleben neu zur Gel-

tivkraft begeistern. Früchte von Gebana, Bettwäsche von Sto-

tung kommen. Die Erscheinung der sozialen Beziehung in der

ryfabrics, Schokolade von Choba Choba und Kaffee von Teikei

Wertschöpfung führt zur Defragmentierung der Ökonomie.

sind nur einige Beispiele aus der Schweiz – die Liste lässt sich

Der einzelne Mensch mit seinen Impulsen und Fähigkeiten –

lange fortsetzen. Jedes dieser Unternehmen macht die in-

die ganz aus dem Bereich des Geisteslebens (dem dritten Be-

ternationale Wertschöpfungskette sichtbar und erlebbar und

reich der Dreigliederungsidee) kommen – wird sichtbar.

zeichnet Lichtspuren in den Wertschöpfungsprozess.

Letztlich sind es das Interesse und die Begeisterung für die-

Wer möchte sich das entgehen lassen? Oder einfach gesagt:

se Ideen, Impulse und Fähigkeiten der Produzierenden, die

Immer ehrlich und aufmerksam der Freude nach, dann ent-

bei den KonsumentInnen die Zahlungsbereitschaft erhöhen.

wickelt der soziale Organismus aus sich heraus die Kraft, um

Umgekehrt ebenfalls: Zu sehen, für wen man produziert, kann

seine Glieder in der bestmöglichen Weise zu differenzieren

zum Motiv werden, an der Qualitätsverbesserung zu arbeiten.

und entwickeln.

Kennt man die AbnehmerInnen nicht und sieht man nur die eigenen Bedürfnisse als ProduzentIn, ist es naheliegend, zu

Max Ruhri ist ehemaliger Schülervater an unserer Schule,

optimieren und Effizienz zulasten der Qualität zu forcieren.

Mitglied der Geschäftsleitung der Freien Gemeinschaftsbank Basel und ehemaliger Geschäftsführer der FAS-Research

Es geht also nicht nur darum, die drei Glieder des sozialen Or-

Sozialwissenschaftliche Forschungsgesellschaft mbH.

ganismus – Rechtsleben, Wirtschaftsleben und Geistesleben – unabhängig voneinander zu entwickeln. Für eine Wirtschaft ohne Ausbeutung, in der hohe Qualität für Menschen produziert wird, geht es vor allem auch darum, dass die reine Wertschöpfung durch soziale Beziehungen, in denen die Fähigkeiten und Impulse der Menschen sichtbar werden, ergänzt wird. So findet die Beziehung von Mensch zu Mensch und damit die Sichtbarkeit von Fähigkeiten und Gestaltungsimpulsen Einzug in die Wirtschaft.

siehe zur Dreigliederungsbewegung den Band 332b der Ru-

Während die politische Kampagne am Anfang des 20. Jahr-

1)

hunderts durch die politische Situation nach dem ersten

dolf Steiner Gesamtausgabe. Rudolf Steiner: Zu sozialen und

Weltkrieg die Organisation der drei Lebensfelder aus gesamt-

wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart. Rudolf Steiner Verlag,

gesellschaftlicher Sicht im Fokus hatte, können wir das The-

Dornach, 2020

ma aus wirtschaftlicher Sicht heute in unseren tagtäglichen Handlungen am besten gestalten: durch das Interesse an der Herkunft der Produkte, die wir kaufen und durch das Interes-

16 _ MoMent Winter 2020/2021


nicht endformatiert

Das ist: Bewegung und Sport, Bildung, Design, Ernährung, Event, Foto und Video, Gastronomie, Gestaltung, Gesundheit, Handel, Handwerk, Kommunikation, Kultur, Kunst, Musik, MÜbel, Natur und Garten, Sonstiges, Soziales, Technik, Tiere, Urlaub & Freizeit... ...und bald auch dein Angebot auf unserer Vermittlungsplattform: www.waldorf-mauer.network

MoMent Winter 2020/2021 _ 17


Eine Wirtschaft mit Die Corona-Krise als Wirtschaftskrise

Die Wirtschaft ist ein Ganzes geworden

Wir alle erleben die Corona-Krise der letzten Monate auch als

„Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht, ist der

eine heftige Wirtschaftskrise. Ziemlich unvermittelt trifft sie

soziale Organismus“, beschreibt Rudolf Steiner (am 24.7.1922,

viele Menschen hart und sogar existenzbedrohend. Andere

GA 340) den Entwicklungsstand der Wirtschaft vor bald hun-

sind wiederum kaum betroffen. Bei aller Ungerechtigkeit und

dert Jahren. Besinnt man die beschriebenen Phänomene,

Tragik, denen wir als Gesellschaft noch recht unbeholfen be-

spricht sich im Wesen dieses hochgradig arbeitsteiligen und

gegnen, ermöglicht uns diese Krise vielleicht immerhin, klarer

global gewordenen Wirtschaftsorganismus die Forderung nach

zu erkennen, was Wirtschaft im 21. Jahrhundert ihrem Wesen

demjenigen aus, was Rudolf Steiner mit dem „Ideal der Brüder-

nach ist und wie wir sie gestalten können, damit sie harmoni-

lichkeit“ im Blick hatte: Solidarität als Gestaltungsprinzip der

sierend statt verheerend wirkt.

modernen Wirtschaft. Denn eine solche Ausdifferenzierung des Systems erfordert vermehrt Anstrengungen zur Integrati-

Was will Wirtschaft eigentlich?

on der einzelnen Teile, um die Funktion des Ganzen aufrecht-

Kann es in der Wirtschaft um etwas anderes gehen als um die

zuerhalten. Doch bis heute begreifen wir unsere Wirtschaft

Versorgung aller Menschen mit Waren und Dienstleistungen, die

nicht als ein integrales Ganzes, das im Sinne des Gemeinwohls

wir zur Befriedigung unserer leiblichen, seelischen, sozialen und

zusammenwirken muss, sondern handhaben sie in vielerlei

geistigen Bedürfnisse brauchen, die Natur und folgende Gene-

Hinsicht noch im vorindustriellen „Selbstversorger-Modus“: Die

rationen mit eingeschlossen? Diese einfache Beschreibung mag

einzelnen „Player“ werden isoliert betrachtet, als für ihr eige-

vielen einleuchten, doch die gängige Wirtschaftslogik stellt Pro-

nes Fortkommen oder Scheitern verantwortlich, anstatt aus

fitmaximierung und Wachstum, Eigennutz und Investoreninter-

dem Ganzen und für das Ganze zu wirtschaften.

essen, jedenfalls den Nutzen einzelner Gruppen und Personen in den Vordergrund. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Umgang mit Profit als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe

Quantensprung Industrielle Revolution

Ein ausdifferenziertes Wirtschaftssystem bringt es mit sich, dass

In gewisser Weise hinken wir in unserem Denken und in unse-

sich Gewinne nicht gleichmäßig in allen Bereichen niederschla-

rer Handhabung von Wirtschaft unserer Zeit hinterher. Schon

gen. Wir sehen, dass sich Profite vor allem dort manifestieren,

in der Industriellen Revolution haben wir quasi einen „Quan-

wo Massenproduktion möglich ist. Kein bedeutender finanzieller

tensprung“ in der ökonomischen Entwicklung vollzogen, den

Mehrwert entsteht hingegen in Bereichen, wo es etwa um Be-

wir bis heute nicht adäquat verarbeitet haben. Bis vor zwei-

ziehungsarbeit von Mensch zu Mensch geht, obwohl sich in allen

hundert Jahren war die Wirtschaft hauptsächlich geprägt von

Arbeitsbereichen Menschen nach besten Kräften und Fähigkei-

Selbstversorgung und Tauschwirtschaft, in der die einzelnen

ten einbringen und für das Gesamtgefüge unverzichtbar sind.

Wirtschaftseinheiten (Familienbetriebe, Hofgemeinschaf-

Unsere Schule mag hier als Beispiel für den gesamten sozialen,

ten) am Markt ihre fertigen Produkte tauschten, freilich schon

kulturellen und ökologischen Bereich stehen.

durch Geld und Handel vermittelt. Das fertige Produkt, nicht

Wie aber gehen wir als Gesellschaft mit Gewinnen um, die sich

aber die Arbeitskraft des Menschen trat in den Wirtschafts-

etwa in großen Konzernen in enormem Ausmaß niederschlagen,

kreislauf ein. Erst durch den Einsatz moderner Maschinen

während sich andernorts ein ebenso großes Minus als Gegen-

wurde die Massenproduktion möglich, die mit zunehmender

stück dazu bildet? Was sich quasi naturwüchsig so bizarr gebär-

Spezialisierung und Arbeitsteilung einherging und enorme Ge-

den muss, braucht jetzt einen bewussten menschlichen Gestal-

winnspannen ermöglichte. Fortschreitende Globalisierung und

tungsschritt: den sozialen Ausgleich im Ganzen. Hier müssen wir

Fremdversorgung waren die Folge und prägen heute funda-

als Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass diese Gewinne die De-

mental das Wesen unserer Wirtschaft.

fizite ausgleichen, anstatt ins Private oder in Finanzblasen ab-

18 _ MoMent Winter 2020/2021


menschlichem Antlitz? zufließen – handelt es sich doch um Profit aus dem Ganzen, der

men und Einrichtungen assoziieren, also verbinden sollen. Ein

unserer Mitwelt, unserer Umwelt und unserer Nachwelt dient.

solches Netzwerk hätte dann diesen notwendigen finanziellen Ausgleich untereinander selbstverwaltet zu gestalten, also we-

Arbeit und Einkommen in der Pandemie

der staatlich noch privat.

Unter der Pandemie treten jetzt einige ökonomische Zusam-

Wir stehen jedenfalls heute mehr denn je vor dieser gesamt-

menhänge deutlicher zutage – zwingt uns doch das eine oder

gesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe: Wie nehmen wir

andere Dilemma, in dem wir uns plötzlich wiederfinden, neue

der Wirtschaft ihre schroffe Erscheinung und geben ihr ein

Perspektiven einzunehmen. Allein die Entscheidung, welche

menschliches Antlitz?

Bereiche „offen bleiben dürfen“ und welche „schließen müssen“, hat unseren bisherigen Begriff von „Systemrelevanz“ umge-

Abschließende Betrachtung

stülpt von „too big to fail“ hin zum „not-wendigen Bedarf“ und

Wenn in der Waldorfschule das Martinsfest gefeiert wird, dann

so bisher unterbelichtete Tätigkeitsfelder in den Fokus gerückt.

erleben die Kinder in den beiden Schicksalen von St. Martin

Im Hinblick auf die Arbeit erleben wir derzeit das ganze Spek-

und dem Bettler bildhaft die Qualität des Teilens, der Brüder-

trum vom gänzlichen Arbeitsverbot bis zur totalen Überarbei-

lichkeit. Die Erwachsenen können dieses Bild in seinen vielfäl-

tung, letztere nicht zuletzt durch viel unentgeltliche Tätigkeit

tigen tieferen Schichten ergründen. So können uns Martin und

wie z.B. Homeschooling. Die Einkommenssituation, die an die

Bettler auch ein Sinnbild für die Solidarität in der Wirtschaft

Arbeit gekoppelt ist, gebärdet sich dementsprechend grotesk.

sein: zwei unterschiedliche Menschenschicksale, die sich ver-

Plötzlich wird klar, dass Arbeit und Einkommen entkoppelt wer-

binden und trotz ihrer Eigenständigkeit beide in EINEN Mantel

den müssen, um den Ruin in breiten Teilen der Bevölkerung zu

gehüllt sind. Das ist das Bild der EINS gewordenen Wirtschaft,

verhindern. In gewisser Weise wird jetzt aus der Gemeinschaft

in der jede/r Einzelne seinen bzw. ihren ganz individuellen Bei-

ein Grundeinkommen ausbezahlt, unabhängig vom Arbeitsein-

trag leistet, die persönliche Berufung auslebt und durch die

satz. Hier offenbart sich der „Selbstversorger-Irrtum“, in den

Menschengemeinschaft solidarisch versorgt wird.

wir noch verstrickt sind, wenn wir glauben, durch unsere Arbeit uns selbst zu erhalten. Denn in der heutigen Fremdversorgung

Ines Kanka arbeitet in Projektzusammenhängen zur

arbeiten wir schon längst solidarisch, nämlich stets für andere

Erforschung der „Dreigliederungsidee“ und daraus inspirierten

und werden durch die Arbeit der anderen versorgt. Unnachgie-

Initiativen im Zeitgeschehen und ist Schülermutter in der

big fordert die Krise gerade diesen Fokus von uns: Einsatz dort,

2. und 4. Klasse.

wo er jetzt in der Gemeinschaft gebraucht wird und Vertrauen darauf, aus der Gemeinschaft erhalten zu werden. Auswahl an Initiativen im Sinne der oben beschriebenen Ge-

Schuldenlöcher, Vermögensberge und die Assoziation

staltungsaufgabe: purpose-economy.org | fuereinander.jetzt |

Unsere Gesellschaft zeigt erfreulicherweise in der jetzigen Kri-

creditinitiative.eu | ecogood.org | cusanus-hochschule.de

se den Willen zum Ausgleich von individuellen Härten, und der Staat schnürt Hilfspakete. Nur fragt sich, wie die Schuldenlöcher, die dadurch entstehen, wieder gefüllt werden. Es bilden sich jedenfalls im selben Ausmaß an anderen Stellen im System Vermögensberge – sei es durch nicht ausgegebenes Einkommen oder durch die Unternehmensprofite der Krisengewinner, die es ja in manchen Branchen durchaus gibt. Rudolf Steiner spricht davon, dass sich die einzelnen Unterneh-

MoMent Winter 2020/2021 _ 19


Der Kindergarten – ein soziales Nest Im Herbst durften wir einen schönen und reichhaltigen Elternabend ge-

Bildungsprozesse der Heranwachsenden auswirkt. Räumlich noch

nießen. Wer weiß, wann ein nächster gemeinsamer und „richtiger“ wie-

eingegrenzter argumentiert Ellen Key (an der Wende zum 20.

der stattfinden darf...

Jhdt.): Nur das familiale Haus kann einen paradiesischen Raum kreieren, in dem die Mutter eine ruhige Ordnung für das Kind

Unsere Pädagoginnen haben uns an jenem Abend in Form einer Grup-

bereitstellt.

penarbeit über den Kindergarten als sozialen Raum nachdenken und

Ich bin seit meinem ersten Betreten der Überzeugung, dass

beraten lassen. Das Kollegium beschäftigt sich bereits geraume Zeit

unser Kindergarten all diesen Ansichten mehr als gerecht wird.

mit folgender Fragestellung: Wie wird man den Herausforderungen, die

Die schlichte Raumgestaltung, die Stimmung im ganzen Haus,

Gegenwart und Zukunft stellen, gerecht und wohin muss sich der Kin-

das Wertlegen auf Rhythmus und Ruhe, ins Freie gehen bei je-

dergarten diesbezüglich entwickeln? Hierzu ist es ihnen auch wichtig, im

dem Wetter sowie die liebevolle Hinwendung zum Kind suchen

Zuge der Qualitätssicherung das Leitbild zu überarbeiten.

ihresgleichen und vermitteln Geborgenheit. Und der in unserem

Was ist eigentlich das Ausschlaggebende bei der Wahl des Kindergar-

Kindergarten in besonderer Weise geschaffene soziale Raum

tens? Hilft mir das Leitbild bei der Entscheidung? Bietet ein Waldorfkin-

wird zum Wohnraum – oder noch schöner beschrieben, zum

dergarten den optimalen, gesellschaftlichen Raum für mein Kind und

Wohnzimmer, zum Nest.

seine Entwicklung? Im Zuge einer kleinen Recherche zum Thema „Sozialraum“ (in: Handbuch für pädagogische Anthropologie, 2013) habe ich

Im kommenden Sommer verlasse ich mit meinem zweiten Kind

Ideen aus frühen reformpädagogischen Ansätzen zusammengefasst:

nach neun Jahren den Kindergarten in der Marktgemeindegas-

Die Natur in ihrer räumlichen Anordnung ist eine Lehrmeisterin, sagt

se. So vielem Liebgewonnenen werde ich nachtrauern, allem

Jean-Jacques Rousseau (18. Jhdt.). Die Natur des Menschen und die Natur

voran den Personen vor Ort, die mir eng ans Herz gewachsen

des Ländlichen agieren in ihrer „Unbefangenheit“, und darüber entwickelt

sind. An die stimmungsvollen Feste, den Duft nach frischen

sich der Zögling mit indirekter Anleitung des Erziehers zu einem mündi-

Weckerln oder an die vielen wunderschönen Bastelarbeiten und

gen Bürger. Der ideale Ort kindlicher Bildung ist dann für Friedrich Frö-

Lieder wird die ganze Familie ein Lebtag mit Freude und Dank-

bel (19. Jhdt.) das umzäunte Haus mit einem Garten unter professioneller

barkeit denken.

pädagogischer Anleitung. Die Reformpädagogen sind ebenso überzeugt davon, dass die räumliche Gestaltung sich auf Erziehung, Lern- sowie

20 _ MoMent Winter 2020/2021

Nina Juritsch ist Mutter eines Schülers der 4. Klasse.


Raum für soziale Entwicklung Ein Blick auf die Sozialgestalt des Kindergartens Der allgemein menschliche Geist als Leitgedanke

Mit der zunehmenden Bildungsverwaltung und -evaluation

Wie schaffen wir nun als Waldorfkindergarten den sozialen Raum

wächst von außen der Einfluss des Staates auf den Verwaltungs-

für Kinder, Eltern und PädagogInnen, und was tragen im Beson-

rahmen, und durch die staatliche Förderung der Elternbeiträge

deren die waldorfpädagogischen Grundlagen Rudolf Steiners

ist auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit gegeben.

dazu bei? Die von Eltern immer wieder geäußerte Empfindung, sich mit ihren Kindern im Waldorfkindergarten unmittelbar

Begegnung von Individualität und Gemeinschaft

heimisch zu fühlen, geht mit einem großen Vertrauensvor-

Derzeit gehen wir im Kollegium dem Stand unserer Selbstver-

schuss einher. Was vermittelt dieser Raum, und was öffnet ihn

waltung neu auf den Grund. Ausgehend von einer Neuerarbei-

in so freier Weise im Sozialen? Waldorfpädagogik auf Grundlage

tung des Leitbildes arbeiten wir an der Transparenz unserer

der Anthroposophie macht sich die Entwicklung des allgemein

Strukturen und Prozesse und nehmen dabei auch die reale Teil-

Menschlichen zur Aufgabe. Sie fußt auf einem Menschenbild, das

habe von Eltern und PädagogInnen in den Blick.

einen geistigen Ursprung und dessen physischen, seelischen und

Mit der Klärung unserer Wege zur Qualität (unter Begleitung

geisterkennenden Ausdruck in jedem individuellen Menschen

von Irene Bulasikis) haben wir uns wieder auf den Weg gemacht,

anerkennt. Die unbefangene Auseinandersetzung mit diesem

um aus den durch die Rechenschaft innerhalb des Organismus

Gedanken leitet die Pädagogik, und er kann für den Einzelnen in

gewonnenen Erkenntnissen unserer Aufgabe neu gerecht zu

unterschiedlicher Weise in jeder Begegnung erlebbar werden:

werden. Dies ist auch ein eigenverantwortlicher Ausgleich zu der

Hier bin ich ICH, hier kann ich sein und mich entwickeln, wie es

verwaltungsmäßig laufend nach Vorgaben zu leistenden Daten-

mir entspricht und mit anderen und an den gemeinschaftlich ge-

darstellung, in deren Rahmen wir leben.

stalteten und erfahrenen Prozessen teilhaben.

Fragen wie Warum sind wir hier, was ist die Aufgabe und wohin

Ohne dieses Menschenbild ist das Ideal der Gemeinschaftsbildung

führt sie uns, was unterstützt uns dabei? vermitteln das Ge-

nicht zu begründen und im Sinne des Zusammenwirkens in der

fühl, unterwegs zu sein und fördern das Interesse an dem, was

Selbstverwaltung nicht umzusetzen.

werden will. Sie stellen sich sowohl individuell als auch für die ganze Gemeinschaft, und ein gemeinsames Bewusstsein kann

Gelebte Dreigliederung

daran wachsen.

Aus der von Rudolf Steiner angeregten sozialen Dreigliederung,

Die Kinder spüren gerade JETZT, ob wir den Blick für wirklich

die in ihren Gestaltungsprinzipien an Freiheit, Gleichheit und

Lebenswertes frei haben – auf eine soziale Entwicklung, die alle

Brüderlichkeit anknüpft, ist in der Kindergartenpädagogik die

mitnimmt.

Freiheit in der selbstverantwortlichen Gestaltung der Erziehung

Der soziale Raum ist hier weit über die natürlichen und famili-

angekommen. Der Mut zur stetigen Entwicklung einer kind-

ären Bindungen hinaus ein Begegnungs- und Bewusstseinsort,

gemäßen und altersgerechten Qualität, das Bemühen um eine

in dem in den gemeinsamen Prozessen sowohl das Geistver-

Kultur des Vertrauens und um das anhaltende Gespräch hält

trauen als auch das Weltvertrauen gestärkt werden und für die

dabei den Kindern den Raum zur Entfaltung ihrer Impulse auf

Kinder jene heilsame Stimmung schaffen, an der sie sich see-

allen Ebenen offen.

lisch nachhaltig orientieren können.

Im gesamten Organismus kommen das Gleichheitsprinzip im

Ein Blick auf das „Sozialmanagement“ im Freispiel der Kinder

partnerschaftlichen Zusammenwirken von Eltern, PädagogIn-

lässt uns dabei immer wieder erstaunt innehalten: in völliger Un-

nen und Schulverein sowie das Solidaritätsprinzip im Ausloten

voreingenommenheit und Beweglichkeit wird täglich der Raum

und Teilen der vorhandenen Möglichkeiten des Kindergartens

neu ergriffen, gestaltet und „geregelt“ – unbefangen und mit

nach dem individuellen familiären Bedarf zum Tragen, wobei

Freude am Erreichten, am Aufräumen und erneuten Beginnen.

bei letzterem die jeweils reale Dringlichkeit als Kriterium her-

Klingt eigentlich einfach, oder?

angezogen wird.

Ursula Dotzler

MoMent Winter 2020/2021 _ 21


Rudolf Steiner Grundtexte und Vorträge zur sozialen Dreigliederung Eine Auswahl: Taschenbuch 606

Taschenbuch 731

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnot-

Nationalökonomischer Kurs

wendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

Nationalökonomischer Seminar

weitere Literatur Karl König:

Walter Kugler:

Mensch unter Menschen werden

Dreigliederung

Über die soziale Dreigliederung

Die Kunst der Zusammenarbeit

Verlag Freies Geistesleben,

Verlag am Goetheanum,

184 Seiten, Euro 24,70

350 Seiten, Euro 20,60

Karl König (* 1902 in Wien; † 1966

Walter Kugler (* 1948 in Landshut) studierte

in Überlingen) war Kinderarzt,

Musik, Erziehungswissenschaften und Poli-

Heilpädagoge und Begründer der internationalen

tologie, promovierte und lehrte an der Universität Köln. Von

Camphill-Bewegung.

2003 bis 2011 war er Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in

Unmittelbar unter dem Eindruck seiner Reise zum „Herzen

Dornach. Seit 2008 ist er Professor of Fine Art an der Brookes

Mitteleuropas“ (Prag) macht Karl König auf die Notwen-

University in Oxford.

digkeiten der sozialen Erneuerung aufmerksam. Das sozi-

Bei Steiners Dreigliederung des sozialen Organismus geht es

ale Bauwerk muss heute im Inneren des Menschen aktiv

nicht um eine utopische Schwärmerei eines Einzelgängers,

entwickelt werden. Nur „aus dem Geiste heraus“ kann eine

sondern um ein genaues Hinsehen auf das, was die Wirklichkeit

dem heutigen Menschen gemäße soziale Gestaltung ent-

fordert. Sein Hauptaugenmerk galt dem sozialen Ganzen, das

stehen. Doch kann König plastisch-bildhaft und in eindring-

aber nur so gut funktioniert wie seine einzelnen Teile.

licher Weise aufzeigen, wie die Ansätze dazu im Menschen

Der Schlüssel dazu ist die Entwicklung nachhaltiger Formen

selbst veranlagt sind und im gewöhnlichen Alltagsleben

der Zusammenarbeit.

durch ein konsequentes Üben wirksam werden können.

Und die brauchen wir dringender denn je.

Peter Selg / Marc Desaules:

Seit 2012 im Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft

Ökonomie der Brüderlichkeit

Schweiz.

Zur Aktualität der sozialen Dreigliederung

Zwei Vorträge über die Zivilisationsbedeutung der sozialen

Verlag des Ita Wegman Instituts,

Dreigliederung - 1917, 1919 und in der Gegenwart.

112 Seiten, Euro 10,30

Die Vorträge wurden 2015 auf der Goetheanum-Tagung „Ökonomie der Brüderlichkeit aus einem wesensgemässen Umgang

Marc Desaules, Physiker und Unternehmer.

mit Einkommen,Haus und Boden“ gehalten.

Seit 1994 im Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft Schweiz Peter Selg, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Professor für medizinische Anthropologie und Ethik an der Alanus-Hochschule und Leiter des Ita Wegman-Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung.

BÜCHERSTUBE der Goetheanistischen Studienstätte

Buch & Spiel 1230 Wien, Speisinger Straße 258 Tel u. Fax: 01/ 889 26 93 email: buecherstube1230@gmx.at Bestellungen werden gerne jederzeit entgegengenommen Zustellung durch Postversand

22 _ MoMent Winter 2020/2021

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9:00 -­ 18:00


Sankt Martin 2020 Ein gemeinsames Fest des Kindergartens und der 2. Klasse von Jessica Melchinger und Natascha Hermann

Licht ins Dunkle tragen: Wie sehr haben wir uns das

Michaeli, Sankt Martin und Sankt Nikolaus gehören zu den Festen, die bild-

gerade in dieser herausfordernden Zeit gewünscht!

haft dazu beitragen, die Kinder auf das Weihnachtsfest vorzubereiten. Da die

Dass wir im Kindergarten dieses Jahr unser Laternen-

Heiligenlegenden Teil des Erzählstoffs des zweiten Schuljahres sind, haben

fest aus bekannten Gründen absagen mussten, hat

wir uns über mehrere Tage hinweg mit der Legende des heiligen Martin be-

uns sehr getroffen! Aber dieses Fest hat ja auch durch

schäftigt, ein Gedicht gelernt, Martinslieder gesungen, Laternen vorbereitet,

Sankt Martin eine andere und nicht minder wichtige

und die Religionsgruppe von Frau Dostal hat ein Spiel einstudiert. Sehr gerne

Symbolkraft: das Teilen!

haben wir uns daran erinnert, als wir vor einem Jahr vom Kindergarten einge-

Umso schöner war es, als in unsere Enttäuschung über

laden worden waren, mit ihnen das Laternenfest zu feiern. Es war damals eine

die Absage unseres Laternenumzugs eine Einladung ins

wunderschöne gemeinsame Feier, als wir in der Dämmerung loszogen durch

Haus flatterte: Die 2. Klasse lud uns zu einem gemein-

den Wald und über die Wiesen, und in der Dunkelheit begleitet vom Schein

samen Sankt-Martins-Fest ein!

des Mondes, der Sterne und der Laternen zurückkehrten.

So durften wir draußen (die „Corona-Verordnungen“

So konnte es heuer nicht mehr sein, nicht nur der äußeren Umstände wegen,

einhaltend) ein wunderschönes Fest erleben mit einem

sondern auch, weil wir als Klasse einen neuen Fokus brauchten und dieses

Gedicht, einem Martinsspiel von den großen SchülerIn-

Jahr die Person des heiligen Martin in den Vordergrund stellen wollten. Als

nen, gemeinsamem Singen, einem Laternenumzug (!)

kleines Dankeschön für das letzte schöne gemeinsame Laternenfest luden

und einem von Zweitklasseltern dankenswerterweise

dieses Mal wir den Kindergarten zu einer kleinen gemeinsamen Martinsfeier

gebackenen Sankt-Martins-Wecken, den jedes Schul-

im Schulhof ein. Die Begeisterung unter den Kindern der zweiten Klasse war

kind mit den Kindergartenkindern teilen durfte!

groß, nicht zuletzt, weil es einige Geschwisterkinder im Kindergarten gibt und

Ein gelungenes Fest, das ganz im Zeichen des Teilens

die Kinder einander gut wahrnehmen, da sie nun wieder im gleichen Gebäude

statt! Vielen Dank!

untergebracht sind. Jessica Melchinger

Natascha Hermann

ist Kindergärtnerin und Schülermutter in der 3. Klasse.

ist Klassenlehrerin der 2. Klasse.


St. Michael und Die Tage werden kürzer, das geliebte Sonnenlicht weniger. In dieser Zeit ist es unsere Aufgabe, das Licht in unserem Inneren zu suchen und die Dunkelheit zu vertreiben. Das Dunkle, das Böse ist es, wofür der Drache in unseren Kulturkreisen steht. Diesen Drachen gilt es zu bezwingen, wie es auch der heilige Michael tat. Michael steht für Mut und Stärke, welche unsere Erstklasskinder beim Michaeli-Fest aufbringen und damit ihr inneres Vertrauen stärken. Die Vorbereitung auf den großen Tag, an dem die Begegnung mit dem Drachen stattfinden soll, ist eine schöne Zeit für die Kinder. Die Schwerter werden geschnitzt, Mutproben bestanden und das Michaels-Lied fleißig gesungen. Dann ist er da, der Freitag, auf den die Kinder schon so lange warten. Die Aufregung ist groß, als wir den Weg zum Maurer Wald beginnen. Die kleinen Füße schreiten entschlossen der bevorstehenden Begegnung mit dem Drachen entgegen. „Da riecht es verbrannt.“ „Der Drache hat die Kürbisse gefressen, die da am Gartenzaun hingen.“ „Ich habe keine Angst.“ „Gibt es denn wirklich Drachen?“ „Nein, das ist doch nur die vierte Klasse.“ Alle Gedanken werden laut gesagt, und es sind viele – und sehr unterschiedliche. Wir sind beim Wald angekommen, und Frau Trierenberg ersucht um Ruhe. Als die Schwerter ausgeteilt werden und sich die Kinder in eine Reihe begeben, wird es für einen Augenblick mucksmäuschenstill. Der große Moment ist gekommen, als die Kleinen losmarschieren und mit kräftigen Stimmen das Michaels-Lied singen. Der Drache kommt langsam aus dem Wald, das Sonnenlicht scheint durch die Bäume, und die Augen der Kinder werden größer. Der Ausdruck in ihren Gesichtern ist ein mutiger, entschlossener, aber auch ein fragender und voller Neugierde. Die Schwerter werden hochgestreckt, und der Drache wird besiegt. Unsere mutigen Erstklässlerinnen und Erstklässler haben es geschafft und ziehen mit fröhlichen und schon auch stolzen Gesichtern in den Wald. Sie essen ihre wohlverdiente Jause und sind sichtlich glücklich und zufrieden. Es war ein wunderschönes Erlebnis, die Kinder bei einer so wichtigen Mutprobe zu begleiten. Sandra Krajco-Riemer ist SchülerInnenmutter in der 1. und 2. Klasse.

24 _ MoMent Winter 2020/2021


die Drachenbegegnung von Sandra Krajco-Riemer und Paul Gruder

Wie wird sie sein, die Drachenbegegnung? Ist es ein echter Drache?

DER DRACHE!!!! Er ist riiiiiiiiiieeeeeeesig! Wir müssen ihn um-

Wie groß ist er? Spuckt er Feuer? Wie wird es sein, wenn wir gegen den

zingeln. Wir machen einen Kreis um ihn! Weitersingen! Hebt

Drachen kämpfen? Ist er dann tot?

die Schwerter! Wir sind die 1. Klasse – wir besiegen dich, du

Viele, viele Gedanken, die sich unsere lieben Kinder der 1. Klasse im

großer Drache! „… so stark wie ein Stier, dann erschlag’ ich im

Vorfeld der Drachenbegegnung gemacht haben. Von Spannung kaum

Walde das Drachengetier…“. Und tatsächlich; seine Bewegun-

zu überbieten. Was für ein Ereignis!

gen werden langsamer. Er geht zu Boden. Der Kopf bewegt sich

Gut vorbereitet muss man sein; im Wald; als kleines Kind mit den

nicht mehr. Sein ganzer Körper bewegt sich nicht mehr. Er liegt

SchulfreundInnen und der Lehrerin. Wie gefährlich es genau sein wird,

am Boden, ganz still, ganz ruhig. Ist er tot? Oder stellt er sich

wissen wir nicht. Aber klar ist trotzdem: Es wird gut ausgehen. An-

nur tot, weil er so viel Angst hat und hofft, dass wir bald von

sonsten würden wir ja nicht mit der Schule dieses Abenteuer bestrei-

ihm ablassen? Wir wissen es nicht genau. Aber eines wissen wir

ten! Also; was können wir tun? Zusammen sind wir am stärksten. Wir

ganz genau: Wir haben ihn besiegt! Den Drachen! Mit all unse-

bleiben immer in der Gruppe! Und wenn er dann kommt, der Drache,

rem Mut, unserer Entschlossenheit und unserer Stärke!

wie bekämpfen wir ihn? Wir werden singen. Gemeinsam! Wir werden

Was für ein Abenteuer. Jetzt haben wir uns eine Jause ver-

dem Drachen mit unseren Liedern begegnen:

dient. Eine Mama hat einen Drachenkuchen gebacken. Der

„Wenn ich groß bin, wenn ich groß bin, so groß wie die Welt, dann werd‘ ich ein Ritter und Held. Wenn ich stark bin, wenn ich stark bin, so stark wie ein Stier, dann erschlag‘ ich im Walde das Drachengetier. Und die Erde und der Mond und die Sterne sind dann mein, und die Sonne soll auch für den Rittersmann sein, und die Sonne wird auch mit der Rittersfrau sein.“ Das wird ihn ganz bestimmt umhauen! Und – nur um unserer Stär-

spuckt Feuer. Aber kein echtes. Jedes Kind bekommt ein Stück. Lecker! Dann entspannen wir uns, wir spielen im Wald. Und wir unterhalten uns; was mit dem Drachen nun ist. Beim Nachhausegehen führt uns der Weg wieder bei der Lichtung vorbei. Wir schauen hin. Er ist nicht mehr da! Lebt er noch? Ganz verschüchtert tief im Wald? Werden ihn Menschen jemals wiedersehen? Niemand hat eine klare Antwort auf diese Fragen… das macht aber nichts. Wir sind die 1. Klasse – und wir haben den Drachen besiegt!

ke nochmals Nachdruck zu verleihen – wir werden Schwerter basteln. Jedes Kind eines! Aus Holz. Mit Symbolen drauf, damit wir sie nicht

Paul Gruder ist Vater einer Schülerin der 1. Klasse.

untereinander verwechseln. Schließlich ist jede Hand doch ein wenig anders und jedes Schwert ein Einzelstück. So ziehen wir los. Wir sind bestens vorbereitet. Respekt, ja, den haben wir. Aber keine Angst! Und der Tag ist gekommen. Ein Freitag. Unser Waldtag. Ein ganz ein besonderer Waldtag. Auf geht´s, den Maurer Berg hinauf. Alle sind da; alle Kinder, unsere Lehrerin Frau Trierenberg, Eltern, die uns begleiten und sogar Herr Trierenberg mit seinem Hund. Es wird viel fotografiert. Alle sind aufgeregt; die Spannung liegt in der Luft! Leise sollen wir sein. Psssssssssssssst! Vielleicht, damit uns der Drache nicht hört und wir ihn überraschen können. Und das Lied, das Lied vom Drachen sollen wir singen! Wir sind groß und stark! Er fürchtet sich bestimmt jetzt schon. Wir gehen weiter. Wir bleiben zusammen. Viele Kinder sind wir. Und da; was ist das hier auf der Lichtung? Es bewegt sich etwas! Etwas Langes, Großes. Was ist das? Ein Maul! Große Augen! Scharfe Zähne!

MoMent Winter 2020/2021 _ 25


Das Apfelfest der zweiten Klasse von Sandra Krajco-Riemer

Im September werden viele Feste gefeiert, wobei das Erntedank-

Blick in die zweite Klasse lohnt sich, um den wunderschönen Baum

fest schon in der Kindergartenzeit eines der schönsten war. Na-

zu bewundern, den die Kinder mit Frau Hermann gemacht haben.

tascha Hermann dachte sich für dieses Jahr ein ganz besonderes

Dafür wurden Apfelhälften als Stempel verwendet und ergaben ei-

Fest aus: das Apfelfest. Es war gleichzeitig der feierliche Abschluss

nen bunten Apfelbaum.

der Schreibepoche.

Zum feierlichen Abschluss wurden alle Apfelmännchen und Ker-

Zur Vorbereitung für das Fest wurden fleißig Blätter und Moos

zen in einen Kreis gestellt, und die Kinder konnten die mitgebrach-

gesammelt, woraus die Kinder ein Apfelmännchen und eine Ap-

ten Köstlichkeiten genießen: Apfelsaft, Apfelkuchen, getrocknete

felkerze machen sollten. Es entstanden die unterschiedlichsten

Apfelspalten.

Männchen und Kerzen, die mit sehr viel Liebe vorbereitet wurden.

Ein wunderschöner, stimmiger Ausklang für ein lustiges Apfelfest.

An diesem Vormittag gab es alles zum Thema Apfel. Es wurden das Gedicht vom „schlafenden Apfel“ liebevoll von den Kindern aufgesagt, Apfellieder gesungen und Laufdiktate gespielt. Ein

26 _ MoMent Winter 2020/2021

Sandra Krajco-Riemer ist SchülerInnenmutter in der 1. und 2. Klasse.


Advent, Advent, ein Lichtlein brennt… von Christina Bauer und Kathi Schaller

Das Jahr 2020 und damit auch der heurige Advent werden uns al-

chen fleißig zu Hause hergestellten kleinen Werkstücke der Fami-

len sicher in Erinnerung bleiben: erstmals kein Adventbasar – das

lien konnten schließlich an die KlassenkameradInnen im Rahmen

Herzstück unserer Jahresveranstaltungen. Das ist dieser Moment,

einer kleinen Kinderstube der 3. Klasse „verkauft“ werden.

in dem sich das Maurer Schlössl in einen verzauberten und nach

Ein ungeplantes, spontanes Highlight war dann noch der Be-

Weihnachten duftenden, wurligen Ort voll Leben von Jung bis Alt

such der Clowns vom Zirkus Candy im Schulhof – die vom ebenso

verwandelt.

spontanen Instrumentalensemble der 3. Klasse und einer ganzen

Unsere Klassenlehrerin und wir Eltern wollten ein klein wenig die-

Menge freudiger „Unterstufler“ mit einem Ständchen empfangen

ses Zaubers trotz allem auch dieses Jahr den Kindern schenken

wurden.

und versuchten, solch zauberhafte Basarmomente in den Advent

Die Clowns bedankten die sich mit viel Humor für die übergebene

und in die Klasse zu bringen. Es gab ein erstes Teelichthalterbas-

Spende, die ihrem Zirkus und dessen Tieren helfen soll, über die

teln mit Silberfolie zu Beginn des Advents, gefolgt vom Lebku-

momentane Notlage zu kommen.

chenverzieren als Nikoloüberraschung für ihre Patenklasse, die 11. Klasse. In Anlehnung an die Zwergenstube wurde als nächstes mit Naturmaterialien schon der Hausbauepoche vorgegriffen, und

Christina Bauer ist Klassenlehrerin der 3. Klasse; Kathi Schaller hat eine Tochter ebendort.

es entstanden Häuschen, Schiffe und Krippen. Eifrig falteten die Kinder dann Fenstersterne, um sie einem nahegelegenen Pflegeheim als Weihnachtsfreude zu überbringen. Die in den letzten Wo-

MoMent Winter 2020/2021 _ 27


Die Hausbauepoche der von Theresa Ziniel

Eigentlich sollte die Hausbauepoche ja schon im Frühling der 3.

Die Idee, die Terrasse vor der vierten Klasse mit Möbeln und

Klasse stattfinden; zu dieser Zeit befanden wir uns aber alle zu-

Pflanztrögen zu bespielen und sie so zu einer Erweiterung des

hause. Als nach dem Lockdown die Schule wieder aufsperrte, war

Klassenzimmers und zu einem angenehmen und individuellen

alles zu chaotisch und ein Arbeiten mit der ganzen Klasse ja ohne-

Freiraum zu machen, wurde geboren. Die Möbel, Tröge und Schat-

hin nicht möglich, also wurde das Projekt verschoben...

tenspender sollten mit verschiedenen Techniken und Materialien

Wichtig war, dass im Herbst unser Projekt einfach und auch zeit-

hergestellt werden. Die einzelnen Elemente sollten handlich und

lich überschaubar sein sollte und von den Kindern selbst in der

transportierbar sein, um sie auch durch die Baustelle des Neubaus

Unterrichtszeit zu bewerkstelligen war – unter Aufsicht und Anlei-

zu bringen. Die Kinder sollten etwas bauen, das sie selbst jeden

tung der Eltern.

Tag nützen können – für ihre Klassengemeinschaft und direkt vor ihrem Klassenzimmer. Wir haben betoniert, gemauert, mit Holz gearbeitet, Pflanzen gesetzt und ein Fliesenmosaik geklebt. 16 Kinder als freiwillige BauleiterInnen trugen besondere Verantwortung für die Arbeiten: Sie wurden von uns genauer in die Planung eingewiesen. Die Klasse werkte in vier Kleingruppen, um ein konzentriertes Arbeiten möglich zu machen. Außerdem gab es zwei Einkaufsteams, die nach Absprache und Bedarf zum Bauhaus fuhren und Materialien besorgten. Jeder Bautag wurde von zwei bis vier Eltern begleitet. So ging es drei Wochen dahin. Es war eine tolle Erfahrung, gemeinsam mit den Kindern der vierten Klasse bauen zu dürfen! Zu sehen, wie die Kinder anpackten, sich trotz Regen und Kälte (die letzte der drei Arbeitswochen war sehr unfreundlich) auf die Arbeiten stürzten – mit leuchtenden Augen, großem Selbstbewusstsein und Neugierde. Die Mädchen und Buben haben völlig gleich ihre Aufgaben verteilt und übernommen. Es gibt ganz starke HandwerkerInnen und AnpackerInnen unter beiden Geschlechtern genauso wie große Tratschgänse oder BeobachterInnen vom Rande. Hier ist mir in keiner Situation ein Unterschied aufgefallen. Immer wieder wichtig zu betonen, finde ich! Die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt der Eltern unserer Klasse hat wie so oft schon auch auf dieser Baustelle bestens funktioniert; viele helfende Hände haben das Projekt unterstützt und möglich gemacht. Ich sehe das als großes Geschenk an unsere Kinder! DI Theresa Ziniel ist Architektin und Schülerinnenmutter in der 4. Klasse.

28 _ MoMent Winter 2020/2021


4. Klasse im Oktober 2020 und Andrea Kalser

…ja, unsere Hausbauepoche ist nun abgeschlossen. Mir war es ein großes Vergnügen, unseren Kindern mit diesem in-

stab, Proportion, Handwerk, Technik, Baukonstruktion und

zwischen sichtbaren, greifbaren Ergebnis … UNSEREM GEMEINSA-

auch Kunst.

MEN WERK … ein bewusstes Verhältnis zu ihrer gebauten Umwelt zu

Im Nachhinein bin ich sehr erstaunt und begeistert darüber,

vermitteln und ihre natürliche Freude am Bauen und am Erkunden zu

wie sehr unsere Kinder „Feuer und Flamme“ waren und wie toll

unterstützen.

sie diese vielfältigen Anforderungen in so kurzer Zeit und vor

Ich habe in den Kindern findige Entwerfer, neugierige Forscher, Entde-

allem auch im gesetzten Zeitrahmen gemeistert haben.

cker und begeisterte Baumeister gesehen … durch die tägliche Motiva-

Ich finde es sehr schön, dass die Schule mit diesem Projekt den

tion der Kinder auf der Baustelle und den themenbezogenen Unterricht

Kindern gemeinsam mit uns Eltern die Möglichkeit gegeben

von Frau Svoboda wurden Umgebungswahrnehmung, genaues Hinse-

hat, Architektur zu erleben … und vielen Dank an Frau Svobo-

hen, Bezug zur Umwelt und sich selbst, räumliches Denken und Vorstel-

da, die den Raum dafür gehalten hat und sich unermüdlich für

lungsvermögen, Konzentration, Feinmotorik und Harmonieempfinden,

das Wohl unserer Kinder einsetzt.

Mut zur Umsetzung von eigenen Ideen, soziale Kompetenz durch die

Nun bin ich schon sehr gespannt, wie die Klasse das selbst Ge-

Gruppenarbeit an einem gemeinsamen Projekt … gegenseitige Hilfe-

schaffene durch den täglichen Gebrauch „zu ihrem“ machen

stellung und Ergänzen der Fähigkeiten … gezieltes, präzises Einsetzen

wird… ich freue mich, dabei sein zu dürfen.

von Werkzeugen und Material, Wortschatzerweiterung durch neue Begriffe und sicher noch vieles mehr gestärkt, geübt und erweitert. Es gab Schnittstellen zu Mathematik und Geometrie – Zahlen, Maß-

Arch.DI Andrea Kalser ist Architektin und Schülerinnenmutter in der 1. und 4. Klasse.

MoMent Winter 2020/2021 _ 29


HURRA, HURRA, der Kasperl Kasperltheater der 5. Klasse mit Das Kasperltheater der ehemaligen 4. Klasse konnte wegen der Einschränkungen auf Grund der Pandemie erst zum Anfang der 5. Klasse stattfinden. Die Handpuppen waren bereits alle fertig genäht worden und warteten auf ihren Einsatz, als dann im Frühjahr alle Veranstaltungen abgesagt werden mussten. Umso größer war die Freude, dass es Frau Rumetshofer gelang, die Kasperln und Kasperlinen, den Schattenkasperl, die Hexen, Gespenster, Prinzessinnen, den Fischer und den Seppl, den Geist, den Zwerg, die Mädchen und die Feen, die Räuber und die Polizisten, die Maus, den Zauberer und die Erzählerin zum Anfang des neuen Schuljahres doch noch auf die Bühne zu bringen. Weil das Stück ja nun nicht mehr in der 4. Klasse aufgeführt werden konnte, war es eine große Herausforderung, so laut und deutlich zu sprechen, dass die ZuschauerInnen im kleinen Festsaal auch alles verstehen konnten. Die im Stück vorkommenden Zungenbrecher dienten zugleich als Sprechübungen und wurden von der ganzen Klasse freudig geprobt, nicht nur von den Betreffenden „in der Rolle“. Das Sprechen im Chor ermutigt und bestärkt und fokussiert die Aufmerksamkeit auf die Sprache. Ideen zur gegenseitigen Hilfestellung und Verbesserung waren während der Proben bereits entwickelt worden. Nun konnte man manchmal ein eifriges Tun und Tuscheln hinter der Bühne erahnen. Frau Rumetshofer hat mit dem „Gestohlenen Ring“ ein richtiges Kasperlstück erfunden, Wünsche und Ideen der Kinder sowie Hausübungen zu den Handpuppen in die Handlung eingebaut und auch ein damals tatsächliches Thema in der Klasse verarbeitet: es war Geld abhanden gekommen.


war (doch noch) da! Frau Rumetshofer

von Bettina Schwenk

Auf Grund der eingeschränkten Vorschriften für Musikdarbietungen (man durfte nicht gemeinsam Flöte spielen) übernahm Frau Bijkerk die musikalische Begleitung mit ihrer Geige; am Tag darauf, als Frau Bijkerk krank war, sprang Frau Rumetshofer mit der Flöte ein. Wie eindrucksvoll die Kinder das Kasperltheater zum Besten gaben und wie sehr das Publikum vom Spiel gefesselt war, zeigte sich z. B. am Freitag, als außer den Eltern auch der Kindergarten und die 1. Klasse zuschauten: Es wurde im Saal gemeinsam krawuzikapuzt, dass es eine Freude war; und als der „gestohlene Ring“ versehentlich von der Kasperlbühne fiel, sprangen mit einem Satz alle jüngeren ZuschauerInnen erschrocken auf und warteten gebannt darauf, was nun passieren würde… Auszug aus dem Stück (gedichtet von Elinka): „Wenn jemand jammert oder weint, muss man ihn unbedingt umarmen, ins Wasser werfen dann den Armen und hinterher drei Kübel Eis mit Ketchup, Pfeffer und mit Reis. Dann wird er lachen ein paar Stund‘ – aus einem wirklich guten Grund!“ Bettina Schwenk ist Schülermutter in der 5. Klasse.


Eine verschobene Projektwoche Wie aufregend es ist, einer Projektwoche, die jederzeit auch wieder ab-

Zu einigen Projekten schreiben die Schülerinnen und Schüler selbst:

gesagt werden könnte, entgegenzufiebern, hat heuer die 7. Klasse miterlebt. Doch das „Daumen-Drücken“ hat sich gelohnt, und so stiegen

„Am 12. Oktober ist die 7. Klasse ohne mich um 7.45 Uhr zum Schloss

an einem Montagmorgen lauter strahlende und überglückliche Ju-

Wetzlas gefahren. Ich war leider an diesem Morgen krank, aber

gendliche in den Bus mit dem Ziel, eine erlebnisreiche Woche im Schloss

bin dann noch am Abend nachgekommen. Dadurch habe ich je-

Wetzlas (Waldviertel) zu verbringen. Fünf Tage später blickten den

doch den ‚Zwischenstopp‘ bei der Amethystwelt verpasst. Als ich

Eltern abermals strahlende, jedoch um viele gemeinsame Erfahrungen

ankam, haben wir eine Nachtwanderung zu einer Ruine gemacht,

reichere Gesichter entgegen.

wir sind auf den „Bergfried“ raufgegangen und hatten (trotz Dun-

Zutiefst dankbar dürfen wir drei Begleitpersonen (Turnlehrer Manuel

kelheit) eine schöne Aussicht. Am nächsten Tag bekamen wir eine

Saurer, Schülervater Seweryn Habdank-Wojewodzki und ich) auf diese

waldpädagogische Führung, aber mir hat sie nicht so sehr Spaß ge-

Woche zurückblicken, in welcher es den Jugendlichen auf eindrückli-

macht, da es geregnet hat und kalt war. Am Abend saßen wir dann

che Art gelungen ist, ihre Klassengemeinschaft weiter zu stärken und

alle um das Lagerfeuer, und das war sehr schön! An einem weiteren

zu festigen.

Tag haben wir einen Ausflug in die Ausstellung „Sonnenwelt“ gemacht. Dort haben wir über unsere Umwelt und über die Menschen Christine Bolleter ist Klassenlehrerin der 7. Klasse.

von früher und heute gehört. Am letzten Tag besuchten wir eine Schlossführung mit einer Greifvogelschau, welche mir sehr gut gefallen hat. Danach sind wir wieder mit dem Bus nach Hause gefahren. Ich konnte leider nicht alles, was wir gemacht haben, aufzählen. Ich kann nur sagen, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hat und ich meine Freunde ein bisschen besser kennengelernt habe.“

32 _ MoMent Winter 2020/2021


wurde doch noch wahr... Ein Bericht von der 7. Klasse und Christine Bolleter

„Am Mittwoch sind wir zur Glasbläserei gefahren. Als wir ankamen,

„Am Donnerstag sind wir, die 7. Klasse, mit dem Bus vom

wurden wir von den Mitarbeitern begrüßt. Sie erklärten uns, dass sie

Schloss Wetzlas zur Sonnenwelt in Großschönau gefahren.

jeden Monat 6.000 Euro für den Glas-Brennofen ausgeben und dass

Dort teilten wir uns in drei Gruppen auf. Als erstes durften wir

das Glas aus Quarz, Sand, Pottasche und Soda besteht. Danach durf-

uns einen kurzen Film über die Natur anschauen. Danach gin-

ten alle einen Wasserspender blasen. Der Busfahrer kam als erster

gen wir durch zwölf verschiedene (Zeit-)Abschnitte der Aus-

dran. Es war sehr interessant. Ich frage mich jedoch, wie viel die-

stellung, die alle sehr spannend waren. Mir wurde noch einmal

se Menschen produzieren müssen, um zum einen das Geld für den

bewusst, wie wichtig es ist, die Umwelt zu schützen und darauf

Brennofen reinzubekommen und zum anderen noch etwas dazu zu

zu achten, nicht so viel Plastik und umweltschädliche Stoffe zu

verdienen, um auch davon leben zu können.“

verwenden. Ich fand die Ausstellung sehr spannend und habe mich gefreut, dort sein zu dürfen!“

„Der Mittwoch hat mir am besten gefallen, weil wir Glas blasen durften und in der Wasserburg waren. Danach gab es noch eine Moorfüh-

„Wir haben eine ganze Schulwoche auf Schloss Wetzlas ge-

rung. Zuerst ging eine Gruppe in das Moormuseum, und die andere

wohnt. Es war sehr schön dort. Am letzten Tag besuchten wir die

Gruppe hat mit dem Busfahrer Manfred ein wenig Monk am Handy

Rosenburg und bekamen eine Führung durch die Burg. Danach

geschaut. Es war spannend!! Nach einer Stunde Moor-Führung fuhren

sind wir in den Park der Rosenburg gegangen: Dort hat eine

wir mit dem Bus wieder ins Schloss. Da sind wir auch beim Truppen-

Greifvogelshow stattgefunden. Die Greifvögel waren toll. Zu-

übungsplatz vorbeigefahren. Ich habe mit dem Busfahrer sehr viel ge-

erst hatte ich mir die Vorstellung langweilig vorgestellt, als dann

quatscht, er war sehr nett! Wir sind auch bei Döllersheim vorbeigefah-

aber die Vögel ca. 10 cm über meinen Kopf geflogen sind, war

ren, wo ich vor acht Wochen schon war. Ja, dieser Tag war am schöns-

es doch ziemlich cool. Wir durften ein Foto mit einem Uhu und

ten! Der Busfahrer war ausgesprochen nett!“

einem Turmfalken machen. Am Ende mussten wir uns von Herrn Saurer verabschieden, weil er mit dem Auto und wir mit dem Bus nach Hause gefahren sind. Diese Woche ohne Eltern war so cool, dass ich gerne noch eine weitere Woche geblieben wäre.“

MoMent Winter 2020/2021 _ 33


Herausforderungen? 180 Schüler und Schülerinnen der 2. bis 7. Klasse, die in gemischten Gruppen und in Begleitung der Lehrerinnen und Lehrer in einer langen Schlange bis zum Maurer Wald wandern, die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse, die dort warten und für diese Gruppen Mutproben vorbereitet haben. Gemeinsame Jause, gemeinsames Singen, einen Vormittag gemeinsam verbringen – das sind unsere jährlichen Michaeli-Spiele. Für die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse sind es in diesem Schuljahr die letzten. Die, die sie viele Jahre miterleben und nun selber gestalten können. Die, die sie den anderen Klassen schenken dürfen und auf die sie sich auch schon freuen. Im Vorfeld sammeln wir gemeinsam Ideen, worum es bei diesen Spielen geht: Es geht um Mut. Selber zu gestalten, sich zu überwinden, Neues auszuprobieren und zuzulassen, sich selbst und andere neu kennenzulernen, auf sich selbst zu hören, sich und anderen zu vertrauen, Grenzen neu zu stecken, über sich selbst hinauszuwachsen, einander zu helfen.

34 _ MoMent Winter 2020/2021


Die 8. Klasse nimmt sie an! von Marion Giannelos

Und dann kommen die Maßnahmen und wir haben zwei Möglichkeiten: 1) Die Michaeli-Spiele müssen in diesem Schuljahr ausfallen. 2) Wir sehen es als Herausforderung. Die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse nehmen diese Herausforderung an. Mit unglaublichem Eifer, vielen Ideen und ungebrochener Motivation werden die Spiele den Maßnahmen angepasst, für alle Schülerinnen und Schüler der 1. bis zur 7. Klasse unterschiedlich abgestimmt und so trotzdem möglich gemacht. All das, worum es in den Michaeli-Spielen geht, wird von den Schülerinnen und Schülern der 8. Klasse gelebt. Sie gestalten gemeinsam einen ganz neuen Vormittag, sie helfen und unterstützen einander, sie stellen Großartiges auf die Beine, sie überwinden so manche Grenze und wachsen über sich selbst hinaus. Vielen Dank, meine liebe 8. Klasse, dass ihr uns allen einen so fröhlichen, abwechslungsreichen und wunderbaren Vormittag geschenkt habt und vielen Dank, dass ihr die Herausforderung angenommen und uns gezeigt habt, was Mut bedeuten, wie Mut gelebt werden kann. Marion Giannelos ist Klassenlehrerin der 8. Klasse

MoMent Winter 2020/2021 _ 35


CORONA Was sonst? Corona-Virus hier, Sars CoV2 da, Covid-19 dort. Überall nur mehr

man denken soll, was man glauben soll. Soll man sich dem jugend-

ein Thema, dieser Virus, wie auch immer man ihn nennen möchte.

lichen Trotz hingeben und gegen die Regeln verstoßen, oder soll

Vor noch ungefähr zwei Wochen hatte ich eine Phase, in der, hätte

man einen kühlen Kopf bewahren, die Dinge hinterfragen und sich

mich da jemand gefragt, ob ich einen Artikel zum Thema Coro-

seine eigene Meinung bilden? Oder soll man den einfachsten Weg

na schreiben möchte, ich ihn vermutlich in die Wüste geschickt

gehen und alles glauben und alles tun, was einem gesagt wird,

hätte. Ich hatte es sowas von satt, über dieses Thema zu reden,

ohne zu überlegen, ob es richtig oder falsch ist?

geschweige denn darüber zu schreiben. Ich konnte es nicht mehr

Jetzt darf ein Teil der jungen Menschen wieder in die Schule,

hören, ich wollte es nicht mehr hören.

und alle dürfen wieder shoppen – aber die OberstufenschülerIn-

Jetzt sehe ich das anders. Jetzt bin ich der Meinung, dass es ext-

nen sitzen immer noch zu Hause. Die Wirtschaft ist wichtig – aber

rem wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzten, dass es extrem

wichtiger als unser Wohl? Ich möchte damit keine Hasskampagne

wichtig ist, dass sich meine Generation damit auseinandersetzt.

starten; ich versuche nur, Einblick in die Gefühlswelt eines jungen

Gerne wird hier nämlich so getan, als würde uns das alles nicht

Menschen zu geben.

betreffen. Aber es geht hier auch um unsere Zukunft, um unsere

Und dann… hört man doch tatsächlich Sätze wie „Ich will wieder

Gesundheit und unsere Bedürfnisse. Wir sind jung, aber alt genug,

in die Schule“ oder „Ich vermisse die Schule“… oder überhaupt

um uns damit auseinanderzusetzten, alt genug, um zu beginnen,

„Schule ist schon echt cool“. Ich meine, schon allein daran kann

die Dinge zu hinterfragen, um uns eine eigene Meinung zu bilden

man irgendwie erkennen, dass hier etwas nicht stimmt, oder?

und nicht immer einfach alles hinzunehmen nach dem Motto: Wird

Tageweise, ja manchmal sogar stundenweise, schlägt die Stim-

schon stimmen, wenn die das sagen. Allerdings ist dieses Hinter-

mung um von „Das Leben ist super, man muss nur all die Vorteile

fragen in Zeiten wie diesen nicht unbedingt gefragt. Die Politik

sehen, es wird schon wieder vorbeigehen, alles halb so wild“ zu

setzt sich in Szene und spielt gegenseitiges Schuldzuweisen – ver-

„Alles ist sinnlos mit maßloser Überforderung und purer Ver-

mittelt wird ein Denken von Richtig oder Falsch. Dadurch wächst in

zweiflung“. Es reicht dann meistens, mit jemandem, den man

der Bevölkerung die Verunsicherung, und es kommt zu teils ext-

gern hat, zu reden, eine vertraute Stimme zu hören oder mal

remen Standpunkten in allen Richtungen, was zu einer massiven

kurz rauszugehen und durchzuatmen, um sich wieder zu beru-

Spaltung führt – quer durch Familien und Freundeskreise. So kann

higen. Aber manchmal reicht das nicht aus, und ich frage mich,

es passieren, dass man auf Grund geäußerter Zweifel an einer der

was ein junger Mensch, der keine Eltern oder keine guten Freun-

Maßnahmen mit Glück nur kurz und klein gestaucht wird, mit weniger Glück aber im rechten Eck landet, ohne dass man muh oder mäh sagen kann. Ich glaube, dass sich viele Erwachsene nicht vorstellen können, wie es uns jungen Menschen mit dieser Situation geht. Vorher hat man uns immer gesagt, wir sollen uns starkmachen für unsere Meinung, unsere Rechte, wir sollen die Dinge hinterfragen, denn wir sind die Zukunft… Und was ist jetzt – wir haben eine Krise,

Das Reich der Azteken im Weltmuseum Wien Ausflug der Spanisch-Gruppe der 11. Klasse

und plötzlich gelten all diese Ideale nicht mehr? Wenn wir unsere Freunde treffen wollen, sind wir Todesengel, die Menschen nach

Ich habe mich sehr über das echte Interesse der SchülerInnen

dem Leben trachten. Wenn wir sagen, wir wollen in die Schule,

und deren intelligente Fragen gefreut. Es war eine sehr span-

lässt man uns nicht, und es scheint da oben kaum jemanden zu in-

nende „Zeitreise in Zeiten von Corona“. Hat uns allen gut getan,

teressieren, wie es uns damit geht.

denke ich.

Man fühlt sich verunsichert, man weiß nicht, was man tun soll, was

36 _ MoMent Winter 2020/2021

Ulrike Borovnyak


von Anna Pagitz und Sina Leser

de hat, bei denen er sich anlehnen kann, wo er sagen kann, wie es

Hier sind wir wieder. Im zweiten Lockdown der Covid-Pande-

ihm geht… was so ein junger Mensch dann macht?

mie, die unser größtenteils strukturiertes Leben aus der Bahn

Dieser Virus fordert uns alle heraus, jeden von uns persönlich, als

wirft. Der erste Lockdown mit Homeschooling kam mir per-

einzelne Person, aber auch uns alle als Gruppe, als Gemeinschaft. Es

sönlich wie Ferien mit ein bisschen Hausaufgaben vor. Da es

gibt diesen Virus nun mal, und es gibt Maßnahmen, und auch wenn

für LehrerInnen wie SchülerInnen eine komplett neue Situati-

man die Maßnahmen teilweise nicht für gerechtfertigt hält, ist es

on war, funktionierte auch nicht alles auf Anhieb.

wichtig, achtsam miteinander umzugehen, Rücksicht zu nehmen,

Im ersten Lockdown konnte ich länger schlafen, da Zoom-

aufeinander zu schauen und auch mal einen Schritt zurück zu ma-

Stunden erst am Nachmittag stattfanden. Allgemein war es

chen. Denn eines steht außer Frage: Es gibt Menschen mit erhöhtem

für mich einfacher, mir den Stoff einzuteilen, da es nicht so

Risiko; sie können schwer erkranken, vielleicht sogar daran sterben,

viel davon gab. Jetzt – im 2.Lockdown – gibt es in fast je-

und diese Menschen müssen wir schützen; diesen Respekt und die-

dem Fach jeden Tag ein Zoom-Meeting. Der Stoff ist mehr

ses Gefühl für das Wohl der anderen müssen wir einfach haben.

geworden, und es fühlt sich definitiv nicht mehr wie Ferien

Es sind schwere Zeiten, aber ich glaube, dass es jetzt besonders

an. Die Freude am „Schulfrei haben“ ist vorbei, und ich ver-

wichtig ist, trotz verschiedener Meinungen und Befindlichkeiten To-

misse langsam meine Freundinnen und Freunde in der Schu-

leranz walten zu lassen und an einem Strang zu ziehen, um unsere

le. Ich sehe die anderen nur, wenn wir in einem Zoom-Mee-

Gesellschaft vor einer Spaltung zu bewahren. Zusammenhalt schafft

ting die Kamera einschalten oder wir wegen Hausaufgaben

Sicherheit und Vertrauen und hilft, die Zuversicht nicht zu verlieren.

facetimen.

Und eines steht fest: Es werden wieder andere, bessere Zeiten

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal sagen würde, dass ich die

kommen! Bis dahin müssen wir füreinander da sein.

Schule vermisse, aber im Moment wünsche ich mir sehr, mei-

IT’S GONNA BE OKAY!

ne Freunde bald wieder zu sehen, und dass wir unseren ge-

Oder frei nach unserem Bundespräsidenten: „Wir kriegen das hin!“

wohnten Alltag bald wieder bekommen.

Anna Pagitz ist Schülerin der 11. Klasse.

Sina Leser ist Schülerin der 11. Klasse.

MoMent Winter 2020/2021 _ 37


Not scholae, sed vitae discimus so sollte es doch sein, oder?! Wie schön, wenn aus der Beschäftigung mit Journalismus, dem Studium der österreichischen Print-

Singabend der 25. & 26. 09. 2020

medienlandschaft und dem Kennenlernen der unterschiedlichen Textformate und ihren Möglichkeiten ein Leserbrief eines Schülers tatsächlich abgedruckt wird! Chapeau! Ursula Kaufmann

Der Sonne liebes Licht erhelle mir den Tag, Was das wohl bedeuten mag? Morgenspruch, Zeugnisspruch, bevor die Epoche beginnt, Damit der Tag gelingt. Sonnenblume von der Zwölften, Werd’ ich auch einmal so groß sein? Singen und Theaterspielen Von der Ersten bis zur Zwölften, das ist fein. Kleine Kinder, grün bekittelt, Mit Kupferstäben in der Hand – Was immer er vermittelt, Er passt super zu dem grünen Gewand. Refrain: Ich schaue in die Welt, Erlebe Wund-er-wachsen werden, Fühle, begreife, Staune und zweifle Und tanze mein Leben, Ohne wirklich zu versteh’n. Wir tanzen Breakdance im Eurythmieunterricht, Von manchen hier nicht gerne geseh’n, Doch bei der Schulfeier wird’s mit Livemusik Und sicher nicht mit Spotify gescheh’n. Unser Rudi hat nichts über Instagram geschrieben, Darum können es die Anthros auch nicht lieben: Zu viel Medien bedrohen die Fantasie. Kapier’s, du Depp, Ich schreib’s dir auf WhatsApp.


12. Klasse

Doch uns’re Schule macht auch Fortschritte: Trau mich mit Sidecut in die Schule schon. Es wird sogar geduldet Eine Powerpoint-Präsentation Ref. Sie ist ’ne Göttin, er ist ein Engel, Die Klassenlehrer in den ersten Jahr’n. Doch in der Achten wissen wir: Es gibt keine Götter, Und das müssen sie dann leider erfahr’n. Im Garten und bei Waldtagen Lernen wir viel von der Natur. In Gartenbau haben wir schnell begriffen, Dass sich Pflanzen super eignen zum… Essen. Ref. Ihr sagt, wir lernen nichts, aber das stimmt doch nicht. Habt ihr schon mal uns’ren Lehrplan geseh’n? Wir lernen Kupfertreiben, Korbflechten und Plastizieren, Tischlern, Spinnen, Weben bitteschön. Gestresste Lehrer, erschöpfte Eltern, Das Chaos blüht wie jedes Jahr. Gebrannte Mandeln, Kerzen ziehen, Kränze binden – Das duftet nach Basar.

Ref. Zwölf Strophen Waldorf, da gäb’s noch viel: Formenzeichnen und Flötenspiel, Jahresarbeit, Klassenreise, Wachsmalblöckchen, Rat und Kreise, Forstpraktikum, Hauptunterricht, einen Direktor gibt es nicht, Olympiade, PKE, Puppenspiel… Ich hör jetzt auf, sonst wird’s zu viel. Ich schaue in die Welt, Erlebe Wund-er-wachsen werden, Fühle, begreife, Staune und zweifle Und tanze mein Leben Und beginne zu versteh’n… Ich schaue in die Welt, Erlebe Wund-er-wachsen werden, Fühle, begreife, Staune und zweifle Und tanze mein Leben… Ich schaue in die Welt. Livia Machowetz-Müllner

Wir werden behütet vor’m Internet und Medien, Vor rechten Winkeln, der grausamen Welt, Denn die mag sicher keine Waldorfschulen, Sonst hätten wir doch sicher mehr Geld.

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Ein gewaltiger Singabend – und Wettersturz von Roman David-Freihsl Es war eine der wenigen Veranstaltungen in diesem Herbst – jedenfalls und mit Gewissheit aber die einzige große Veranstaltung, die trotzdem über die Bühne unserer Schule gehen konnte. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – trotz der geltenden Corona-Bestimmungen, trotz der höchst unwirtlichen Wetterprognose. Einmal war er schon abgesagt worden: Zum Ausklang der 11. Klasse, an dem traditionellerweise fast alle SchülerInnen einen Solo-Auftritt vorbereiten und darbringen, war in diesem Frühjahr 2020 – inmitten des Lockdown – gar nichts möglich. Doch auch im Herbst sah es zunächst schlecht aus: ein Gesangsabend im Festsaal? Angesichts der Pandemie-Bestimmungen einfach undenkbar. Doch der Wille war da: Diesmal muss es gelingen! Die SchülerInnen und LehrerInnen legten sich ins Zeug und demonstrierten dabei vor allem auch, was es heißt, in der Schule für das Leben zu lernen. Denn neben dem Erlebnis, alleine vor einer großen Gemeinschaft zu singen und dabei über sich selbst hinauszuwachsen, erwarben sie bei den Vorbereitungen eine ganze Reihe an Fähigkeiten: Wie führe ich eine große Open-Air-Veranstaltung durch? Welche Auflagen (wie Personenregistrierung, fixe Sitzplatz-Zuordnung) gibt es – und wie können sie umgesetzt werden? Das Ergebnis war ein in jeder Hinsicht gewaltiger Abend – bis hin zum gewaltigen Wettersturz, während dem unter den vorsorglich aufgestellten Zelten und aufgespannten Planen das Programm durchgezogen werden konnte. Der Singabend ist immer ein ganz besonderes und berührendes Ereignis. Aber wer bei diesem Ereignis dabei war, wird es ganz gewiss nicht so schnell vergessen!


Aus der Arbeit am Zentrum für Das Zentrum für Kultur und Pädagogik ist bekannt als Aus-

Reihe verdient das Buch „Individualität und Anerkennung. Bil-

bildungsinstitut für Waldorfpädagogik wie auch als Anbieter

dungsphilosophische Perspektiven der Waldorfpädagogik. Eine

von waldorfpädagogisch orientierten Fort- und Weiterbildun-

Grundlegung“ von Leonhard Weiss. Mit dieser Arbeit, die Ergeb-

gen. Wohl weniger bekannt ist, dass das Zentrum auch ein For-

nis von Forschungen im Rahmen der damit erfolgreich abge-

schungsinstitut zu Themen und Fragen der Waldorfpädagogik

schlossenen Junior-Professur ist, schafft Leonhard Weiss eine

im Kontext allgemeiner Pädagogik und Erziehungswissenschaft

bildungsphilosophische Verortung der Waldorfpädagogik als eine

darstellt und infolge auch als Publikationsort fungiert.

Pädagogik der Zukunft.

Dies steht zunächst damit im Zusammenhang, dass das Zentrum

Denn das in meiner Lesart bedeutende Anliegen dieser Arbeit ist

seine Ausbildung seit 2007 in Kooperation mit der Donau-Uni-

getrieben von der Frage nach einer Schule und einer Erziehung,

versität als Masterstudium anbietet und seit 2009 ein An-Institut

die den jungen Menschen so auf seine Aufgaben in der Welt

der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei

vorbereiten kann, dass er aus sich heraus und doch in Gemein-

Bonn ist. Schon rein formal ist damit die Erwartung verbunden,

schaft mit anderen Menschen ein individuell sinnreiches wie auch

die Studiengänge auch durch eigene wissenschaftliche For-

gesellschaftlich und sozial fruchtbares Leben zu gestalten ver-

schungsarbeit zu ergänzen.

mag. Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen eines solchen

Über diesen äußeren Rahmen hinaus ist dem Zentrum aus sei-

gleichermaßen von Freiheit und Verantwortung bestimmten

nem Selbstverständnis heraus wissenschaftliche Forschung auch

Lebensentwurfes ist für den Autor die menschliche Erfahrung

ein Kernanliegen, das schließlich einen guten Teil seiner Arbeit

von gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung auch und

und damit auch seiner Identität ausmacht. So ist das Forschungs-

gerade in den Bildungsprozessen, die Heranwachsende durch-

kolloquium Wiener Dialoge vom Zentrum initiiert und seit vielen

laufen und durch die sie wesentlich geprägt werden. Gerade in

Jahren als regelmäßige Forschungseinrichtung dort angesiedelt

einer zunehmend durch Pluralität und Globalität wie auch durch

und etabliert. Das Kolloquium dient dem kontinuierlichen Aus-

Widersprüche und immer weniger auflösbar scheinende Polari-

tausch unter WissenschaftlerInnen und Lehrenden an verschie-

sierungen sowie einer ungemein verstärkten Digitalisierung und

denen universitären und anderen Bildungseinrichtungen wie

Virtualisierung sich entwickelnden Welt stellt eine offene und

auch an Schulen. Aufgabe des Kolloquiums ist es, relevante, aber

wertschätzende, am Menschen selbst orientierte Bildung eine

noch wenig erforschte oder besprochene Bereiche der Waldorf-

ernste Aufgabe in Gegenwart und Zukunft dar.

schulpädagogik ins Bewusstsein zu heben und kritisch zu unter-

Genau daraufhin unterzieht Leonhard Weiss die Waldorfpädago-

suchen. Schwerpunkte dieser Forschungstätigkeiten waren in

gik in Konzept und Praxis einer scharfsinnigen Durchsicht. Me-

den letzten Jahren wichtigen Themenfeldern gewidmet wie etwa

thodisch dient ihm dabei das in der gegenwärtigen Philosophie

der Bedeutung von Leistung oder dem Verständnis von Entwick-

gewichtige Instrumentarium einer „Theorie der Anerkennung“,

lung in der Waldorfpädagogik.

wie sie etwa der amerikanische Politikwissenschaftler Charles

Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Forschungstätigkeiten

Taylor oder wohl mehr noch der deutsche Sozialphilosoph Axel

finden denn auch ihren Ausdruck in den Publikationen des Zent-

Honneth (durchaus in Anlehnung an Hegel und Fichte, wie Weiss

rums. Diese erfolgen in der vom Zentrum verantworteten Reihe

dazustellen versteht) formuliert haben. Diese Durchsicht ergibt

„Waldorfpädagogik. Positionen_Praxis_Perspektiven“. Noch im

schließlich den evident gemachten Nachweis für das, worauf es

Jänner wird der neueste Band der Reihe zum Thema Entwick-

dem Autor deutlich ankommt: Waldorfpädagogik als eine Päd-

lungsverständnis der Waldorfpädagogik, „Sein und Werden“, er-

agogik der Anerkennung zu verstehen, in deren Mittelpunkt die

schienen, an dem sich 19 Autoren beteiligt und die Thematik aus

persönliche, beziehungsorientierte und wertschätzende Begeg-

vielseitigen und vielschichtigen Perspektiven aufschlussreich

nung aller am Bildungsprozess Beteiligten steht. Dies belegt der

behandelt haben.

Autor ebenso in der Auseinandersetzung mit den philosophi-

Besondere Aufmerksamkeit in der Publikationstätigkeit dieser

schen wie sozialtheoretischen Grundideen Rudolf Steiners, wie er

42 _ MoMent Winter 2020/2021


Kultur und Pädagogik von Carlo Willmann

es auch konkret an zahlreichen didaktischen, organisa-

Individualität und Anerkennung

torischen und sozialen Aspekten der Waldorfpädagogik

Bildungsphilosophische Perspektiven

festmachen kann: von der entwicklungspsychologisch

der Waldorfpädagogik

orientierten Aufgabe altersadäquater Erziehung über

Leonhard Weiss

exemplarisch ausgewählte Bildungsinhalte bis hin zu

Wien: LIT-Verlag, 2020

ethischen Kategorien des Erziehungsverständnisses und den damit ausgeprägten Sozialformen an Waldorfschulen. Damit ist auch eine überzeugende Verbindung von

Resonanz und Lebensqualität

theoretischer Grundlegung und konkreter Bildungspra-

Weltbeziehungen in Zeiten der Digitalisierung

xis an Waldorfschulen gelungen, so dass man dem Buch

Pädagogische Perspektiven

nicht nur viele, sondern auch engagierte Leser wünscht.

Edwin Hübner, Leonhard Weiss (Hg)

Zuletzt sei noch erwähnt, dass das Zentrum die Leitung

Verlag Barbara Budrich

des International Network for Academic Steiner Teacher Education (INASTE) innehat, das ja auch aus einer Initiative des Zentrums hervorgegangen ist. Im Rahmen von

Sein und Werden

INASTE hat das Zentrum auch mehrere internationale

Beiträge zum Entwicklungsverständnis der

wissenschaftliche Kongresse ausgerichtet. Der nächste

Waldorfpädagogik

Kongress zum Thema „Realizing Humanity“ wird vom 17.

Leonhard Weiss, Carlo Willmann (Hg)

bis 19. November 2021 an der Diplomatischen Akademie

Wien: LIT-Verlag, 2020

in Wien stattfinden. Über 40 Vortragende aus über 15 Ländern sind bereits angemeldet. Auch diese Kongresse müssen als ein prägnanter Teil der Forschungstätigkeiten des Zentrums gesehen werden. Seien Sie herzlich dazu eingeladen! Prof. Dr. Carlo Willmann

Das Buch „Individualität und Anerkennung“ wird über unser Schulbüro

Lehrgangsleitung und Dozent am Zentrum für

(office@waldorf-mauer.at) zu einem Sonderpreis von € 25,- (regulärer Preis

Kultur und Pädagogik Wien.

€ 34,90) verkauft. Siehe auch die Information dazu auf der Website des wal-

Professor für Religionspädagogik und Ethik.

dorf-mauer.network. Die Einnahmen kommen zur Gänze der Schule zugute.

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Zeit für neue Perspektiven. www.waldorflehrerwerden.at Studienstart im Oktober 2021


Ich bin Begleitlehrerin von Julia Röhsler Seit einigen Jahren beobachte ich an unserer Schule, dass gerade in den unteren Schulstufen die Klassengröße zu einem Thema wird. Soziale Herausforderungen und Umstände bieten den KlassenlehrerInnen große Aufgaben, manchmal bis zur Überforderung. Neben der Mentorenschaft, die zur Unterstützung der Lehrerin bzw. des Lehrers dient, konnte ich mir gut vorstellen, dass es in Klassen hilfreich wäre, wenn jemand weiterer da sein könnte, der auf soziale Prozesse schaut und unterstützend mithelfen kann. So ähnlich lautete eine Passage in meiner Bewerbung an unsere Schule vergangenes Frühjahr. Durch meine Aufgabe im Konfliktbearbeitungskreis stellte ich immer wieder fest: Da würde es jetzt gut-

Es geschieht so unglaublich viel Schönes in den Klassen und unse-

tun, wenn es eine Unterstützung gäbe.

rer Schule. Ich erlebe sehr engagierte und motivierte PädagogInnen.

Natürlich konnten das nur vage Vermutungen sein, denn jede Situ-

Das alles war mir eigentlich klar; trotzdem überrollt mich immer

ation ist ganz unterschiedlich, und auch jede/r LehrerIn empfindet

wieder eine unendliche Dankbarkeit. Blind bin ich nicht – ich sehe

die Begebenheiten in den jeweiligen Klassen anders.

auch, wo überall noch Handlungsbedarf ist, aber das muss man halt

Was ich nach den ersten vier Monaten als Begleitlehrerin an unserer

angehen…

Schule mit großer Sicherheit sagen kann, ist: Wenn meine Unter-

Ich bin bisher in fast allen Klassen von der 1. bis zur 7. gewesen.

stützung angefragt wird, geht es nicht um pädagogische Defizite

Auch wenn es für mich anfangs eine große Umstellung war, nun mit

oder ein Nichtkönnen der/des Lehrenden, sondern immer um einen

meinen Kindern gemeinsam in die Schule zu gehen, kann ich mit

Weitblick und um eine Reflexion, die jede/r für sich machen kann.

Sicherheit sagen: Meine Aufgabe in der Schule ist die Schönste, die

Um es konkreter werden zu lassen: Zu Beginn war mein Aufgaben-

man sich wünschen kann.

gebiet noch sehr offen – denn wer konnte schon erahnen, was es

Vielen bin ich bekannt als ehemalige Schülerin dieser Schule oder

brauchen könnte, vor allem in einer Pädagogik, die Begleitlehrerin-

vielleicht als Mutter von Valentin aus der 6. Klasse und Magdale-

nen und -lehrer nicht so sehr vorgesehen hat?!

na aus der 4. Klasse. Das stimmt natürlich; trotzdem gibt es eine

Als Begleitlehrerin bin ich Teil des Förderkreises. Ich bin sehr dank-

Vergangenheit, die es mir ermöglicht, all diese Aufgaben in unseren

bar, all meine Beobachtungen wöchentlich dort besprechen zu kön-

Klassen zu begleiten. Deshalb zum Abschluss ein paar Eckdaten zu

nen. Mein Weg in die Klassen läuft über die Klassen- und Fachlehre-

meiner Biographie:

rInnen. Wenn es gewünscht ist, kontaktieren mich diese.

Ich war zwölf Jahre Schülerin hier in unserer Waldorfschule. Eine Ex-

Wenn ich eine Klasse begleite, sehe ich sehr viel. Oft bekomme ich

ternistenmatura war damals noch in der Steiner-Schule in Pötzleins-

Inhalte wie etwa Geschichten, die erzählt werden oder Ähnliches gar

dorf möglich. Ich probierte zuerst einmal ein Lehramtsstudium – da

nicht mit, weil ich die Möglichkeit habe, mit meiner Aufmerksam-

bemerkte ich schnell, dass mir das zu theoretisch war und starte-

keit ganz bei den Kindern zu sein. Toll ist es dann, wenn ich am Ende

te auf der pädagogischen Akademie ein Studium zur integrativen

einer Epoche diese Beobachtungen mit den LehrerInnen teilen kann.

Volkschullehrerin. Nach vier Jahren als Heimlehrerin für den „Fonds

Im Gespräch und im Austausch entsteht sehr viel Schönes. Und

Soziales Wien“ absolvierte ich die Ausbildung zur Lebens- und Sozi-

manchmal ist es ein einzelnes Kind, dem es besonders gut tut, wenn

alberaterin. Bis zur Geburt meines Sohnes arbeitete ich an verschie-

ich im Unterricht neben ihm sitze und assistieren kann – das gibt Si-

denen Projekten, immer mit einem Bezug zur Pädagogik und Bera-

cherheit… Anderen tut es gut, in kleinen Gruppen in einem Extra‑

tung, mit KlientInnen in einem Verein gegen Kindesmissbrauch wie

Raum die Schreibschrift zu üben, das 1x1 zu wiederholen oder ähn-

auch mit Kindern in der Prävention. Nach meinem Sohn kam meine

liches. Aber auch praktische Unterstützung wie zum Beispiel das

Tochter zur Welt. Anfang 2017 eröffnete ich meine Praxis für Le-

Begleiten des wöchentlichen Wasserfarbenmalens inklusive Vorbe-

bens- und Sozialberatung und Supervision.

reitung gehören zu meinen Aufgaben.

In der Schule konnte ich meinen Traum – die Kombination aus Pä-

Manchen Klassen reicht es, wenn eine zweite Person anwesend ist;

dagogik und Beratung – verwirklichen. Es ist ein Zusammenspiel,

in anderen Klassen wachse ich mit der Gemeinschaft zusammen und

das ich sehr gerne mag und das ich bei uns in der Schule gut nutzen

bin ein Teil davon. So unterschiedlich die Klassen und ihre LehrerIn-

kann. Ich freue mich auf viele Zusammentreffen in vielen unter-

nen sind, so unterschiedlich sind meine Aufgaben in diesen Klassen.

schiedlichen Klassen.

44 _ MoMent Winter 2020/2021


Natascha Kennedy Die Klassenlehrerin der 6. Klasse stellt sich vor. Es ist für mich spannend, mich hier in der Zeitschrift MoMent vorzustellen, denn beim Nachspüren, wie ich das am besten tun könnte und wie ich eigentlich überhaupt nun hier gelandet bin, kamen mir Momente meines bisherigen Lebens wie auch aus der Zukunft entgegen.

erfahrungen geformt. Der Moment, in dem ich tief in mir ahne: Mein

Einige stark wirkende Momente sind aus meiner Kindheit in Bosnien

Lebensprojekt des Schaffens einer Heimat geht jetzt auf. Ich bin

und haben mit meinem unbeschwerten, freien Spielen zu tun: in der

Mutter. Ich bin Ehefrau. Ich habe eine eigene Familie. Zu Hause sind

Obhut der Wärme meiner Großeltern – meiner kochenden Großmut-

wir da, wo wir zusammen sind. Mein Mann und ich wollen alles gut

ter, der ich helfen durfte und meines Großvaters, der eine emotionale

machen, vor allem wollen wir eine Heimat für die drei wundervollen,

und menschliche Säule meines kindlichen Lebens war.

kleinen Menschen sein, die den Weg zu uns fanden. Wir wollen Liebe

Dann Momente, in denen ich mich nach einer unfreiwilligen Nacht-

leben. An erster Stelle durch Lernen.

und-Nebel-Aktion – von einem Moment auf den anderen – in ei-

Und dann sind da Momente neuer Lernwelten, neuer Galaxien des

ner unbekannten, harten und kalten Umgebung, in einer fremden

Menschseins und des Spiels mit dem Mensch-Sein, die sich Waldorf-

Gemeinschaft in den Tiroler Bergen zurechtfinden muss: eine neue

pädagogik nennen. Neu sind sie nicht wirklich. Es sind wieder die-

Sprache für alles finden muss, was in meiner Heimat und im Hause

se Momente mit meinen Großeltern, nur auf einer neuen Ebene. Ich

meiner Familie als Samen vorher in mir angelegt wurde, ein anderes

darf Kind sein, Kind bleiben. Schülerin bleiben, während meine Kinder

Miteinander erlernen muss.

auch Schülerinnen sind. Wie schön diese Verbindung ist.

Viele Momente des Reisens, der Suche, des Probierens, in Schulen

Lehrerin werde ich eher nicht, sag’ ich mir, immer wieder, darf aber

in der neuen „Heimat“ wie auch dann wieder zurück in meiner alten

immer wieder auch in einer Schule schnuppern und sogar mich aus-

Heimat, danach in Firmen und unterschiedlichsten Arbeitssituationen

probieren… und da ist dann dieser Moment, in dieser Schule, in dem

sind dann wie eine Steinbrücke hin zu einem neuen Ufer und wieder

mich die 5te – jetzt 6te – Klasse zur Lehrerin macht. Ich frage mich,

einer neuen Heimat, die ich in Wien finde.

warum ich, was kann ich und wie und wohin führt das die mir anver-

Der Moment, in dem klar fühlbar wird, mein Mann und ich sind jetzt

trauten jungen Menschen und wohin mich? Und während ich beginne,

eine Familie, und dann noch eine unendliche Perlenkette an Momen-

reihen sich Momente aneinander, des Suchens und der Heimat des

ten, in denen unsere kleine Familie größer und größer wird, in Zahlen

Miteinanders und des Spiels, egal wo es hingeht, aber da, wo wir

ausgedrückt, aber noch mehr in immer neue Liebes- und Lebens-

gerade sind. Und ich spüre Wärme.

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MoMent Winter 2020/2021 _ 45



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Nach dem virusgeplagten Jahr 2020 blicken wir optimistisch auf das kommende Jahr 2021 und wollen es gesund und beschwingt beginnen. Ein gut funktionierendes Immunsystem hilft uns dabei. Neben ausgewogener Ernährung und Bewegung im Freien können dabei auch Nahrungsergänzungsmittel eine sinnvolle Unterstützung sein. In der Metatron Apotheke beraten wir Sie gerne persönlich. Hier einige allgemeine Tipps und Empfehlungen aus unserem Sortiment.

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der Abwehrkomplex aus der Gemmotherapie von Herbalgem beinhaltet Schwarze Johannisbeere, Heckenrose und Edeltanne. Diese Mischung kommt bei entzündlichen Erkrankungen, viralen Erkältungen, sowie bei Hals-, Nasen-, und Rachen- Schmerzen zum Einsatz. Der Komplex mit der Kraft aus den Knospen gibt ihrem Immunsystem einen neuen Energieschub.

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eine Mischung aus Houttuynia, Süßholz und Kelpalgen ist die Antwort von Viteras auf eine virale Belastung. Houtuynia eine Pflanze aus der TCM wird wegen ihrer immunstimulierenden und antiviralen Wirkung verwendet. Süßholzwurzel wirkt entzündungshemmend und antiviral. Die Tropfen können vorbeugend und im Falle einer Erkrankung angewendet werden.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch und wünschen Ihnen ein glückliches und gesundes Jahr 2021! Besuchen Sie unseren Webshop www.metatron-apo.at und nutzen Sie unseren Versandservice.

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Termine der Schule:

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KUNST-CAMP 2020 Im Sommer 2020 fand im Schulgarten unserer Schule das erste Kunst

dabei sehr viel gelacht und gescherzt. Zwischendurch genossen

Camp für 9- bis 12-Jährige statt. Das Initiatorenpaar – Kuros Zahe-

wir Spaziergänge in der Nachbarschaft (um uns eine Tüte Eis zu

di und Sandra Löffelmann – blickt im nachfolgenden Text auf diese

holen) und hatten Zeit, im Garten zu entspannen und Kräuter

spannende Zeit zurück.

oder Obst zu naschen.

Es war eine Freude, diesen Sommer das KUNST CAMP im Schul-

Derzeit sind wir auf der Suche nach einem Atelier von ungefähr

garten der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer zu veranstalten. Wir

100 m2, in dem wir an unseren kreativen Projekten arbeiten und

hatten eine wundervolle, gemischte Gruppe von vier Buben und

unsere Kurse, Workshops, Camps und Events abhalten können –

sechs Mädchen im Alter von neun bis zwölf Jahren. Wir waren sehr

bitte lasst uns wissen, wenn Ihr Hinweise / Tipps habt.

von der Motivation, der Qualität der Kunstwerke und der Kreati-

Wir freuen uns darauf, im kommenden Sommer (Juli) weitere

vität eines jeden Kindes beeindruckt. Obwohl wir zu Beginn zwei

KUNST CAMPS abzuhalten. Da werden wir dann sicher eine Wo-

kalte, regnerische Tage hatten (von insgesamt fünf Tagen!), ge-

che den „fortgeschrittenen“ SchülerInnen widmen, die unser Camp

nossen wir alle eine tolle Zeit und wollten oft nicht nach Hause!

bereits besucht haben oder ältere / erfahrene KünstlerInnen sind.

Unsere Schwerpunkte waren: Herstellung von Tinte, Kohle und

Weitere Informationen findet Ihr unter https://kunstcamps.weebly.

Pinseln und Kreation von Werken mit diesen Kunstmaterialien,

com/. Wenn Ihr einen Platz für den Sommer 2021 reservieren

„altered books“. Damit wurde alten Büchern ein neues Leben ein-

möchtet, schreibt bitte eine E-Mail an s.loeffelmann@gmail.com.

gehaucht. Naturbasierte Kunstwerke aus Erde, Zweigen, Blättern,

Wir würden uns freuen, zahlreich von Euch zu hören!

usw., Keramik- und Filz-Projekte und Rucksäcke aus Shibori und

Kuros & Sandra

Indigo haben wir gestaltet. Es wurde auch in zwei Sprachen unterrichtet; somit wurden während des Camps auch Englischkenntnis-

Kuros Zahedi unterrichtet Englisch und Werken an unserer Schule.

se vertieft!

Seine Frau Sandra Löffelmann arbeitet als freischaffende Künstlerin

Den Tag starteten wir mit Improvisationsspielen, und es wurde

vor allem mit Textilien und natürlicher Farbe.